Nr. 221
Zweites Blatt.
154. Jahrgang
Dienstag 20. September 1904
Grieb eint lögltd) mit Aufnahme de- Sonntag-.
Die ..tikfientr Lamillenblatter" werden dem „Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der »helllicht Landwirt- erldjetm moaaUlch einmal.
Gießener Anzeiger
Rotationsdruck und Verlag ba Brühllche» UntoerfitäisbructereL ÖL Lange. Dietzen.
Redaktion, Expedition u. Druckerei: Schulstr.
Del. Nr 5L Lelegr^Adr.; Anzeiger Vietze»
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt sür den Kreis Gießen.
Kelöert AiismaiL.
Der nun verstorbene Fürst Herbert Bismarck lebte in der Politik jeincy Vaters. Die Bejahigung, n-elche üjin für den dipto- niüuin^n ‘aixiiiU nicht loerben tonnte, in Vervm-
duug nut der pi-etätuollen ^oa-Lu)tuitg, die er vor dem poliufa>eii Programm fciiccS Katers hatte, acs denen Erden er srch berrachtere, hudeu iunxilcn den Emdruck bervorgerujen, als ob der Bei* flvioene in llcberichäßung der eigenen poluftcheu Einsicht Kennt- nüie unO Können der politischen Nachfotg-cr seines Vaters etwas gytLinöiu/abig bewettel hatte. \&e> ist im becui^Lag, dem er feit LtiU3 flngnijocie und in dem er der deutschen RcütZspartei nahestand, wiüderl-olt vorgetommen, datz er bve Politik der leitenden Staats- männtC tonigveren zu müssen glaubte. DaS war in aujsallender Weise noch im Aöärz 19U1 der Fall, nxo er die Auflassung des Reichskanzlers, baß es fiä) in Ehina um eine Lebens!rage hanbelte, einer sä-atsen Kritik unterzog. Die Aus einander seimig zwischen ihm und Bülorv aus diesem Anlaß waren das Muster einer äußerlich zwar diplomatisch höflichen, aber in ihrem Wesen scharf ironisierenden perioutichen Abreunmng, bei der der Reichskanzler unter dem Lachen der Linken des Hauses über „die wohlwollende Art und Weise" dankend quittierte, mit der Fürst Bismarck seine Politik ttlliftert habe. Seit dieser Zeit ist Fürst Bismarck im Reichstag nicht mehr besonders hervorgetreten. Wie sehr Fürst Bismarck auch in der deutschen Englandpolitik ein Gegner des Grafen Büloio war, hat sich beim Burenkrieg gezeigt. Seine Sympathie gehörte dem Burenvolk, und als seinerzeit die Burendeputation, bestehend aus den Herren Botha, Delarey und Tew-et, auf Betreiben des Grafen Bülow vom Kaiser nicht empfangen wurde, da hat Fürst Bismarck in ostentativer Weise in den Wandelgängen des Reichstages die Buren ausgezeichnet und sich in einer Gruppe, deren Mittelpunkt er mit den Burenvertretern bildete, photographieren lassen.
Es gab eine Zeit, wo man glauben konnte, daß des Eisernen Kanzlers begabtester Sohn den Kulminationspunkt seiner diplo- matrsäzien Karriere noch nicht erreicht habe; diese Erwartung zerfiel mit dem Zerwürfnis, das zwischen seinem Vater und Kaiser Wilhelm II. eintrat. Sein persönliches Verhältnis zu dem regierenden Kaiser nwr zeitweise sehr gespannt — wir erinnern daran, daß Fürst Herbert Bismark yon einer Hochzeitsfeier, zu der er eingeladen war, mit Rückstart dur den Kaiser semdleibcn mußte — und mag sich zwischen ihm und dem Kaiser im Laufe der Zeit auch wieder eine bessere Beziehung, wie sie sich in der Auszeicl)- nung des Fürsten bei Gelegenheit der Enthüllung des Bismarckdenkmals vor dem Iieichstagsgebäude bekundete, angebahnt haben: der alte Ritz ist nid# mehr gehellt worden. Aus der glühenden Verehrung, welche Fürst Herbert Bismarck für seinen Vater und dessen Politik hatte, erklärt sich fein politisches Verhalten und mag auch das Wort Pes Grafen Bülow richtig sein, daß nur Fanatiker und Toren behaupten könnten, es habe der alte Kanzler keine Fehler begangen, die Pietät des Fürsten Herbert vor (einem Vater zwingt dem Feruststehenden Achtung ab, und diese Pietät *Srft an der Bahre des Da Hingeschiedenen.
Der „ReichSanreigxr" schreibt zum Tode des Fürsten Herbert Bismarck:
Was der Staatssekretär und Staatsminister Graf Bismarck an der Selle deS ersten Reichskanzlers als dessen vertrauter Berater für unsere auswärtige Politik geleistet hat, das wissen bis jetzt nur locniyie ein geweihte Mitarbeiter. Sein Verdienst wird voll erst gewirrdigt werden Eonnen, wenn dereinst die ur* kundlickLN ZeugiEe der diplomatischen Geschichte jener Jahre i>eni HiswviEer vorliegen. Mll berechtigter Genugtuung durfte der Sohn sich sagen, daß er, wie kaum ein anderer, dem Go dankensluge des Genius zu folgen und die Ausgestaltung seiner grvsteu Eittwürfe zu fördern verstand. .Ganz ging der Sohn im Vater, der Jünger im Meister auf, und der Rücktrllt des großen Kanzlers war nach des Grafen Herbert eigener WahL auch der Absck/luß feiner eigenen ministeriellen Wirksamkeit. Fürst Herbert Bismarck nahm nach des großen Kanzlers Rücktritt seine Stellung im öffentlichen Leben mit Folgerichtigkeit und Würde. Tie Lebensaufgabe, die ihm blieb, dünkte ihm groß unb Jcßön genug, dankbar für den Patrioten und tröstlich für den ts-opn, Pie Ausgabe, eine heilige Flamme zu hüten, immer wieder auf die nationalen Ideale und auf den Schatz der staatsmännischen Meishell seines großen Vaters hinzuweiseu. Tie Liebe und
23cnnnibcrung, die jeder deutsch gesinnte Deutsche dem Andenken des nationalen Helden rm Herzen bewahrt, potenzierte sich im Herzen des Sohnes. Zwei tresflick-e Söhne sino dem unfterblidxn Vater schnell nacheinander in vorzeitigem Tode gefolgt, und allen treuen Deutschen, die heute an der Bahre von Frudrichs- ruh trauern, vereinigen siw in den wärmsten Segenswünsck-en für die unmündiigen Enkel des ersten Fürsten Bismarck. Wenn ein Patriot, der fick als Träger einer großen nationalen lieber- lieferung fühlte ,aus unserer Mllte scheidet, so ist ein solcher Verlust für die Ueberlebeirden eine -reue Mahnung, das unsterbliche VerbAnst des unerrse blichen Mannes, dessen Namen jener trug und dessen Schild cr allzeit u Ehren hockchiett, niemals zu vergessen.
Die „Norddeutsch^ schreibt:
Mll Herbert Bismarck ist abermals einer der Staatsmänner aus bem Leben geschieden, dir dem großen ersten Kanzler des Reiches nahestanden. AnfgewaMen in der Schule seines ruhmreichen Vaters, nürfte Fürst Herbert mit ernstem Fleiße und umfassender Gesd)äftskennmis an der Spitze des Ausivartigen Amtes unb biente als Sohn wie als Beamter den Intentionen des flrdßtin bi’uffdxn Staatsmannes in hingehender Pflick-ttreue. Nach dem H tusche wen des unvergeßlichen crfien Für wen Bismarck betrackstete Fürst Herbert es als ferne Aufgabe, das Andenken des Vaters pietätvoll zu hüten und, wenn es die Tagcs- erbrtcrungcn ihm zu erfordern fdienen, dessen Ansck)auungen zu vertreten. Ein ttagtsck-ev Schicksal fügte es, daß wenige Jahre nach dem Ableben Otto von Bismarcks ihm im reifesten Mannesalter beide Sohne in den Tod folgten. Die Hoffnungen der trauernden Familie ruhen nun auf den Enkeln des Mannes, der den 9iamcn Bismarck mit unauslöschlichen Schriftzeichen in die Gesclstchte Preußens, Deutschlands und Europas eingrub.
Im übrigen fällt es auf, daß die Nachrufe der führenden konservativen Zeitungen zum Tode deS Fürsten einigermaßen der Wärme entbehren. Sv begnügt sich die „Ären z- Leitung" mit der Anerkennung, daß Herbert Bismarck als Staatsmann ganz in den Ideen seines Vaters ausgehend, eine außerordentliche Gesck)ästsgewaiibchevt und Arbeitskraft gezeigt habe, lieber die parlamentarische Tätigkett dcS Fürsten wtrd nichts bemerkt. .Allerdings stand er den Reichsparteilern, in deren Reihen fern Platz im Reichstag sich befand, politisch im ganzen näher als den Konservativen. Aber als Agrarier war er wieder burcl-aus den Konservativen zuzurechnen. Tie bündlerifche „TageSzt g." schreibt — nicht ohne eine gewisse Spitze gegen die gegenwärtige Regierung —: „Dill demselben warmen Herzen, weläres der Vater während seines ganzen ruhmreichen Lebens bekundet hat, trat auch Herbert Bisuiara für die Landivirtschast ein, deren Notstand er aus eigener Erfahrung kennen gelernt hatte."
Alle Pariser Blätter widmen dem Fürsten achtungsvolle Nachrufe, die sämtlich in der Bemerkung ausklingen, daß die Ereignisse und bre rühmliche Treue gegen seinen großen Vater ihn Derpinbert haben, alles zu zeigen, wozu er Mter günfügen Um- ftändcn fähig gewesen wo«.
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Beim Empfange der deutsck-en Mttglieder des PressekongreffeS in der deutsclZm Botschaft zu Wien erzählte der Bolfckiafter Graf Wedel, vor einigen Wochen sei Fürst Herbert Bismarck bei ihm eingetreten; der Botschafter fei entsetzt gewesen über das AuL^eheu deS Fürsten, der gänzlich abgcmagert gewesen fei und, wie er erzählte, in toeiiigni Togen 26 Pfund an Gewicht verloren habe. ,Ter Fürst habe ihm gesagt, daß er nad) einem Tiner an Austernvergiftung erkrankt sei und neunzehn Stunden lang fortdauernd vomiert habe. Er halte sich für eilten verlorenen Mann.
Fürst BiSmarckS Tod war sanft unb ruhig. Sck)vn seit F-reitag pbcnb hatte er da» Bewußtsein verloren. Inmitten seiner Familie, die schon feit Tagen im Schloß versammelt war, gab er seinen Geist auf. Der Fürst Hai bis an sein Enbe nie gewußt, wie schlimm eS um ihn stand. Er fühlte sich im Gegenteil bis vor nicht langer Zell verhältnismäßig wohl. Der Fürst wird in einer unterirdischen Gruft beigesetzt werden, nicht an bei Seite seiner Eltern.
Hamburg, 19. Sept. Ein trauriges Schicksal hat den früheren .Privatsekretär deS alten Fürsten Bis
marck, Dr. Chrysander, betroffen. Er befindet sich im Jrrenhause in Fricdrichsberg bei Hamburg und gehört dort zu den nach der britten Klaffe Verpflegten, d. h zu d« Mittellosen.
Soziaidkwoklatischer FarieUag.
(Nachdruck verboten.)
S. il H. Br euren, 19. Sepd.
(1. Verhandlungstag.)
Die erste Sitzung des sozialdemokratischen Parteitages nahm heute vormittag ihren Anfang. Der Vorsitzende Abg. Dietz- Stuttgart eröffnete die Tagung mit dem Bemerken, daß kurz vor Beginn der Sitzung den Delegierten ein! verschlossenes gelbes Kuvert mit der gedruckten Ausschrift „An die Delegierten des Parteitages" überreicht worden^ sei und zwar sei dies ohne Benachrichtigung des Vorstandes geschehen. Dieses Vorgehen fei u n z u l ä s s i g und er rüge es aufs schärfste. Es dürften überhaupt keine Schriftstücke im Saale verteilt werden ohne Genehmigung des Präsidiums, lieber den Inhalt des geheimnisvollen Kuverrs machte der Redner keine näheren Angaben. Es handelt sich dann zunächst um die Unterstütz-, ungsfrage für die zum Parteitage eingelaufenen 117 Anträge. Die meisten dieser Anträge fanbeni die notwendige Unterstützung, darunter der folgende' von den Genossen in Elbing, Potsdam unb Spandau ein gebrachte: „Die Partei möge unter den Proletariern, die zur Armee einberufen werden, vor dem Ein-^ tritt in dieselbe in geeigneter Weise Propaganda für die Ideen des Sozialismus machen. Insbesondere sind die: künftigen Soldaten durch Broschüren über ihre Pflicht gegenüber dem sogenannten „inneren Feinde" aufzuklären. In diesen Broschüren ist den Soldaten auch Rat zu erteilen, wie sie sich angesichts der zahlreichen Soldatenmißhandlungen zu verhalten haben." Hierauf erstattete Reichstagsabg. Pfannkuch den Geschäftsbericht. Einleitend bemerkte er: Unter den eingelaufenen; Anträgen befinden sich auch eine ganze Reihe solcher^ die den lebhaften Wunsch zum Ausdruck brachten, daß die Verhandlungen des Bremer Parteitages nicht wieder von Zwischenfällen unterbrochen werden möchten, wie sie den vorjährigen Dresdener Tag in unliebsamer Weise gestört hätten. (Bravo!) Er wolle sich nicht darüber auslassen, wer das Karnickel gewesen sei, das aber müsse er sagen: Das eine ist die gute Folge der Dresdener Auseinandersetzungen gewesen, daß das Parteigewissen der Parteigenossen außerordentlich geweckt und geschärft wo^ den ift. Diesem Umstande sind auch die zahlreichen Anträge auf eine straffere zentralistischer Organisation dev Partei zu verdanken. Der Redner erörtert dann das Verhältnis der Partei zu den Gewerkschaften, bas audjj im letzten Jahre manchmal recht getrübt gewesen fet Er warne davor, daß die vorhandenen Gegensätze not$ weiterhin verschärft würden. Die Gewerkschaften solltenj sich auch nicht immer so sehr dagegen versteifen, daß man sie als sozialdemokratische Organisation Mi spreche. Trotz aller wachsender DcrwaltungSgcfchäfte habe der Vorstand keüreswegs die großen agitatorischen Ausgaben vernachlässigt. Er wende nach wie vor allen aktuellen Frage« ständig feine größte 'Auftnerksamkeit zu, um zu gebotener Zeit dazu Stellung zu nehmen und sie dem Votum der Partei zu unterbreiten; zu dem Modus der Verkündung: praktisch wertloser Protestresolutionen könne er sich allerdings nicht verstehen. Gewiß sei noch viel agitatorische Arbeit zu leisten, insbesondere in ben bet Sozialdemokratie noch nicht erschlossenen Gegenden. Die Anstellung: besoldeter Partei-Sekretäre insbesondere in den rm-
Der einfame Weg.
Arthur Schnitzlers neues Schauspiel „Der einsame Weg" (Vuchverlag von S. Nfchier in Berlin) ist am Samstag im Schauspielhause zu Frankfurt a. M. zum ersten Male aufgeführt worden. Der Inhalt des Stückes ist folgender: Nach einem bewegten Leben voll Ruhm und Genuß fiihlt der alternde Maler Julian Fichtner sich leer und' unbefriedigt, und es zieht ihn Felix, seinem Sohne, den ihm die Frau seines Jugendfreundes, des inzwischen zum Professor und Akademie- Direktor avancierten vortrefflichen Wegrath, einst geboren hatte. Wegrath ist eine zarte, feine, gründ gütige, aber energielose und fchüchterue Natur, uno als er damals! den glänzenderen, hirweißenden Fichbnxr mit Gabriele, seiner Braut, bekannt machte, fingen die beiden jungen, Seelen bald Feuer. Wohl wollten sie gemeinsam fliehen, aber Füchttrer, der feine Zukunft durch einen allzu frühen Lund vernichtet glaubte, floh allein. Wegrath heiratete Gabriele und zog Felix, den er für seinen Sohn hielt, mit gleich liebevoller Sorgfalt aus wie feine Tochter Johanna, die ihm feine Frau später gebar. 24 Jahre schwieg Gabriele, und erst kurz, vor ihrem Tode macht sie ihrem Sohu, der inMschen ein lebensftischer Offizier geworden ist, einige Andeutungen. Fichtner, der dem Hause Wegrath nicht völlig fremd geworden ist, gibt sich ihm als Vater zu erkennen, in fbfer Hoffnung, kindliche Liebe für sein nahendes Alter zu erwerben. Felix hat sich wohl immer zu dem ungewöhnlichen Wesen F-ichtners hingezogen gefühlt; doch als ihm die Wahrhett bekannt wird, denkt er zuerst an den, der ihn in väterlicher Fürsorge bisher geleitet hat: an Wegrath. Und das tragische Geschick seiner Schwester Johanna weist vollends ihm den Weg, den er zu gehen hat. Johanna hat die Hand eines um sie verbinden Arztes unbeachtet gelassen, und ihre trau* re rische Liebe einem alternden Schriftsteller geschenkt. Stephan v. Sala hat auch ein wechsselvolles Leben hinter sich Aber nicht wie Fichtner führte es ihn auf manche ' bw j e, nicht j sondern zur Reife. Er kennt
die Welt unb die Menschen und (cijlleßt, etwas in unserer modernen, seelenlüuoeudeu Dichtung ganz Neues und Originelles, nicht von sich auf andere, sondern von aiu deren auf sich. Er ist ünl Grunde besser, edler, als er
selbst glaubt. So egoistische ja sogar cynisch er meist andere und darum auch sich beurteilt, so verinnerlicht ist er in seinem zarten uno tiefen Kem. Dieser seltsame gründliche Menschenkenner glaubt durchaus ein krasser Egoist zu sein und tut gewöhnlich ans einem merkwürdigen inneren Drange heraus das Gegenteil von dem, was ihm sein Herz gebietet So bildet er sich jetzt ein, größere Freude als an der kaum erworbenen Zuneigung Johannas, an einer gefährlichen, aber hohen künstlerischen Genuß versprechenden Expedition nach Bak- trien zu gewinnen, zu der er auch Felix als mllitärischen Begletter anwirbt Doch Sala weiß nicht, daß feine eigenen Tage gezählt sind. Wohl aber weiß es der junge Arzt und durch iljn Felix und Johanna. Als Sala nun seiner Geliebten den Vorschlag macht,, mit ihm und Felix zu gehen, aber unter der ausdrücklichen Beteuerung, daß dieser Vorschlag nur um feiner selbst willen und ja nicht aus Liebe zu ihr geschieht, afls er bann, belauscht von Johanna, Fichtner gegenüber dessen und wie er meint, auch seine eitle uni) eigennützige Seele völlig entkleidet, da geht sie in den Teich im Parke ihres Geliebten. Sala aber richtet sich selbst. Felix will den schwer getroffenen Wegratl nicht verlassen und und auf die Expeditton verzichsten. Doch Wegrath nimmt das Opfer nicht an, er will nicht die Zukunft des jungen, tatenlustigen Ossiziers in ihrer Entwicklung hemmen, während der wirlliche Vater den Sohn für sich zurückzuhalten wünscht Da bekennt sich Felix ganz zu Wegrach, und Julimi Fichttrer geht feinen „einsamen Weg".
Unsere Zeit ist noch immer so arm an Persönlichkeiten, die ihre Kunst auf eine Weltanschauung abzustimmen suchen, daß wir jede Dichtung von solcher Nachdenklichkeit, von so vertiefter Seelenkunde, voll so feiner und zarter Gedanken wie Schnitzlers „Einsamer Weg" mit herzlichster Freude, mit reicher Anerkennung unb lebhaftester Aufmunterung begrüßen sollten. Wie ist hier Schnitzler feit feiner entzückenden, aber doch im Grunde nur mit wienerischer Weichheit anmutig unb lieblich tändelnden „Liebelei" bergan gestiegen! Wie ücrnnnflloS unb wie unzart war bannn bie Kühle des Frankfurter Premieren« publilumö! Wir stehen hier vor einer bcc zartftihlenbsten unb tiefsinnigsten mobernen Dichtungen, das Großstadt«
Publikum aber steht wieder, wie einst StrindbergS ergreifen bet „Ostern"-Dichtung, kühl bis ans Herz hinan gegenüber, nur well in dem Stucke der dramatische Nerv beS Dichters völlig versagte, weil er keine aufregende Handlung bot, weil er nichts unS gibt als ein trübes Lebensbild, eine Reihe pfadloser und entsagungsvoller Menschen, weil der Dichter nicht packende, zündende Tagesphrafen wählte, sondern nur gedankliche Edelsteine schliff von Irren unb Sichnichtversteheu, vor» lautem Leben unb stillem Sterben.
Diese wundervolle Elegie, die uns die Menschen eigentlich nicht leibhaftig in Fleisch und Blut vor Augen führt, sondern sie uns in einem kostbaren Kleinod von trüb gewordenem Spiegel zeigt, findet in Frankfurt in der Hauptsache eine meisterliche Darstellung. Alle Mitschaffeuden überragt um ein Bedeutendes Bolz, der geistreiche Darsteller des Sala, der mit bewundernswertem Femsinn dem Dichter in die Abgründe der Seele dieses skeptischen Schöngeistes nachtauchte und sie bester erkannte, als dies Herr v. Sala zugeben würde. Frl. Polner hatte die Johanna nicht ganz so tief erfaßt, in ihrer Art der Darstellung lag sogar etwas Naives, Kleinmadchenhaftes, was der tragisch resignierenden, an liebeUcrem Leben hinsiechendcn Jungsrauengestalt recht fern liegt. Ader sie traf doch sonst zumeist den rechten, müden, verfchmachtenden Ton für bie atcmfchwache, abgepeinigte, früh dahin welkende Mädchenblüte, der wir unser ganze« Mitgefühl entgegentragen. Herr Bauer stellt den lieben alten braven Wdgrath, den Mann mit der unproduktiven, phantalle- losen, aber weichen unb empfinbungsvollen Künstlerscele, mit den gewinnendsten HerzenScigenfchaftcn bar; cr hätte inbeß, wenn an seiner Stelle Herr Tiegclmann gestanden hätte, aus dem genialen Fichtner einen warmblütigen,allerBerzeihung würdigen fympaihi- schen Herrenmenschen geschaffen, während Herr K i r ch auö ihm einen unleidlichen Gecken unb hohlen Theatraliker machte. Herr Fricke als Felix fanb eine Reihe tiefer und inniger Herzenstöne, ebenso Frl. Lange und Frl. Boch, von denen die erste den Humor, die zweite bie Tragik mit Anstand und Würde vertrat. Auch Herr Pfeil gab m feiner kleineren Rolle als stets hilfsbereiter, aber leider stets ebenso erfolg.


