Ausgabe 
20.9.1904 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

nxHTotnmm. Dann erstattete bet Vorsitzende den Jahres­bericht. der im allgemeinen günstig abschließt. Im Vor­anschlag für 1905 wurden die Einnahmen und Ausgaben mit 5360 Mk. festgesetzt. Hierauf hielt Prof. D. DrewS - Gießen einen längeren, hochinteressanten Vortrag über Die Reform des Strafrechts^. Er behandelte in seiner Einleiümg die sittlichen Grundsätze, aus denen die Strafrechtspflege hofiert. Die meisten Staaten hätten im letzten Jahrzehnt ihre StrafrechtSbestimmungen revidiert, und auch Deutschland sei jetzt im Begriff, daS zu tun. ES handle sich bei der Beurteilung der leitenden Grundsätze um zwei verschiedeneWeltanschauungen oder Rechtsschulen; die alteSchule, die gerechte Vergeltungt verlangt und die Abschreckungktheorie aufstellt und die neue Schule, die in den Mittelpunkt ihres Strafrechts den Sträfling selber stellt, und durch die Bestrafung erzieherisch auf ihn einwirken, sowie die Gesellschaft schützen will. Redner beleuchtete beideTheorien in eingehenderWeise und wandte sich besonders gegen die Anschauungen LombrosoS, an welche sich die nette Schule anlehne. Nach seiner Theorie sollen be­kanntlich alle Verbrecher einen ausgeprägten Typus atavistischer Art bilden, eine Anschauung indeffen, die heute nicht mehr aufrecht za erhalten sei. Es stimmten alle medizinischen Autoritäten da­rin überein, daß es nicht angehe, die Verbrecher einfach als getstig anormal zu betrachten. Geborene Verbrecher gebe nicht, die Mehrzahl derselben werden durch die ganzen äußeren Verhältniffe geistig und körperlich reduziert. Von der neuen Schule werde auch die Soziologie mit herangezogen, sie suche den Zusammenhang zwischen äußerer und innerer Not darzutun und betone zuerst den Schutz deS sozialen Organismus. Der Redner wandte sich dann noch eingehend zur Frage der Stattstik, welche die neue Schule als eine starke Waffe gegen die alte benutze. Aus einer der Versamm­lung vorgelegten gedruckten Statistik ergibt sich, daß die Zahl der Verbrechen fortgesetzt zunimmt. Die innere Miffion sei berufen, hier einzugreisen und eine auf den Grundsätzen der göttlichen Ordnung beruhende Verbindung resp. Aus­gleichung der Gegensätze zwischen den Ange­hörigen der verschiedenen Gesellschaftsklassen herbeizuführen. Zum Schluß machte der Redner noch eine Reihe praktischer Vorschläge, wobei er u. a. die Forderung erhob, daß zu den Strafvollzugsbeamten nur die besten Kräfte herangezogen werden sollten, Männer, die auch mit den Bestrebungen der inneren Miffion vertraut seien. Der höchst instruktive Vortrag wurde mit dem lebhaftesten Beifall ausgezeichnet. Es entspann sich nun noch über ver­schiedene, in dem Vortrag angeregte Fragen eine längere Diskussion, an welcher sich Pfarrer Weber-München-Glad- bach, Pfarrer Wittman n-Darmstadt, Justizrat Dr. LuciuS- Mainz und Pfarrer Schlosser-Gießen beteiligten. Mit Gesang und Gebet schloß dann die Versammlung, der im Kaisersaal noch ein gemeinsames Essen folgte.

Aus Stadt und Land.

Gießen, 20. September.

** Hessisch-Thüringische Staatslotterie. Bei der heute begonnenen Ziehung der 6. Klasse wurden folgende Gewitme gezogen: 40 000 Mk. auf Nr. 11528 (nach Mainz), 30 000 Mk. auf Nr. 74270 (nach Gotha), 10 000 Mk. auf Nr. 66510, Gewinne von je 5000 Mk. auf Nr. 12839 34242 61790 65507 94100, Gewinne von je 2000 Mk. auf 377 4074 6810 10572 10805 12793 14362 21780 21966 26868 38708 49835 50485 51964 52373 60596 62329 67947 84841 86582 90998. (Ohne Gewähr.)

* Aus dem Militärwochenblatt. Kreuter, Hauptmann und Komp.-Chef im 2. Groß. Hess. Jnf.-Regt. Nr. 116, zum überzähligen Major befördert und diesem Regi- ment aggregiert; v. Kutzleben, Leutn. im Jnf.-Regiment Nr. 116, scheidet au§ dem Heere am 30. September d. IS. aus und wird mit dem 1. Oktober d. I. im 2. Seebataillon an gestellt.

** Gießener Konzertverein. Mr sind heute in der Lage, unfern Lesern nntzuteilen, daß der Verein sich der Mitwirkung hervorragender Kräfte bei seinen Konzerten versichert hat. Da angenommen werden darf, daß die bisher verreist gewesenen Kreise nunmehr zurückgekehrt sind, sei auch von dieser Stelle aus darauf hingewiesen, daß die Anmeldungen zur Mitgliedschaft der Mitgliederbeitrag betragt 6 M? und wird auf entnommene Abonnements an gerechnet jetzt tunlichst bald bei Herrn Ehallier er­folgen möchten; dort sind auch! die gewünschten Abonne­ments anzugeben; die Mitgliedsbeiträge werden zu Anfana Oktober erhoben werden. Das erste Orchesterkonzert wird nur Werke von Haydn, Mozart und Beethoven bringen und zwar unter Mitwirkung eines Sangers. Für das zweite Orchefterkonzert unter Mitwirkung der ausgezeichneten Vio- ftnistin Frl. Helene Ferchland aus Berlin ist moderne Musik in Aussicht genommen. N. a. R .Wagner, Vorspiel von Parsival; R. Strauß, Tod und Verklärung, Violinkonzert von

I von Lalo. AN Oratorien gelangt vor Mitte I Dezember F. Atendelssohn-Bartholdys Paulus in |tleri in dankenswerter Weise zur Verfügung gestellten Stadtkirche unter Mitwirkung eines vorttefflichen Solisteneusemblcs: Frau Professor Frevtag-Besser (Baß), Emil PinkS (Tenor), Tilly Hinkbn-C. (Sopran), und Frl. Schjweicker (Alt) zur Aufführung und später Fr. Liszts Heilige Elisabeth. In bcn Kamnrermusikabeuden der Drau tum unschön Kammer- inusikvereinigung wird wie seither die Mitwirkung von Ge­sangssolisten statthabcn. Au den Solisten abend en wird am 4. Dezember Frau Therese Earrenno (Klavier) und am 8. Januar 1905 Herr Franz Ondricek (Violine) unter Mit­wirkung eines Sängers bezw. eineI Klavierspielers spielen; es darf sich der Verein dazu gratulieren, daß es ii)m gelungen ist, solche Künstler allerersten Ranges zu ge­winnen. Für den dritten Solistenabcud steht das Engage­ment eines Sängers (Dr. Wüllner vielleicht) oder einer hervorragenden Sängerin noch aus. Wir wünschen dem Verein gutes Gelingen zu den Unternehmungen, dieses Winters.

** Obstversteigerung. Bei der heute morgen statt- gehabien Obstversteigerung an der Krcisstraße Großen-Linden- lllein-Linden-Gießen waren die Preise hoch, obwohl es, wie überall, auch hier viel Obst giebt. Man sieht eben, daß einem großen Angebot auch eine große Nachfrage gegenübersteht. Zahlreiche Kaufliebhabec hatten sich eingefunden, darunter auch mehrere Händler. Die Obstbäume an genannter Straße haben nur erstklassiges Tafelobst.

Lich, 19. Sept. Gestern bereiste das von den in* teressierten Gemeinden der projektierten Bahnlinie Lich-Grünberg ernannte Finanzkomitee die Orte Nieder- Bessingen, Ober-Bessingen, Münster, Ettingshausen und Queck- born. Zweck der Reise war, die Entschließung der Gemeinden darüber herbeizusühren, welche Beträge an Obligationen die einzelnen Gemeinden zu übernehmen beabsichtigen. Das ge­samt zu übernehmende Obligationskapital, welches zum Bahn­bau in Frage kommt, beträgt 490000 Mk. Es haben sich bereit erklärt: Nieder-Bessingen 50000 Mk., Ober-Bessingen 60000 Mk., Münster 60 000 Mk., Ettingshausen 75 000 Mk. und Queckborn 75 000 Mk. hiervon zu übernehmen. Es verbleiben für Lich imb Grünberg zusammen 170000 Mk., worüber die Entschließungen noch auSstehen. Mit der lieber- nähme dieses Restbetrages erscheint die Erbauung der Bahn gesichert. ES wäre zu wünschen, wenn beide Städte sich zur Uebernahme deS BettageS bereit erklätten, damit den be­teiligten Gemeinden die Wohltat einer Bahnverbindung nicht länger vorenthalten bliebe. (H. L. P.)

g. Mittelgründau, 19. Sept. Im Krankenhause zu Gelnhausen wurde vor einigen Tagen ein Handwerksbursche mit einer Schußwunde in der Brust aufgenommen. Er giebt an, in dem Walde zwischen hier und Gelnhausen von einem unsichtbaren Schützen angeschossen worden zu fein. Man hat Verdacht aus die Wilderer, die schon längere Zeit die umliegenden Wälder unsicher machen.

. Darmstadt, 20. Sept. (Dra htbericht). Der Kaufmann G. W. Weidig, ein geboren er Gießener, der hier früher ein Delikatessengeschäft besaß, seit einem halben Jahre sich aber ins Vrivatleben zurückgezogen hatte, ist in dieser Nacht infolge einer GaSausströmung gestorben.

Groß-Gerau, 20. Sept. Auf dem gestrigen Jahr­märkte warf ein mit lebenden Tieren herumziehender Mann, der durch Kinder geneckt worden war, einen großen Stein in die Kinderschar hinein und verletzte einen sechs­jährigen Knaben lebensgefährlich.

Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. Ein großes Feuer wütete in Messen - ha usen zwischen Dietzenbach und Oberroden. Drei Scheunen und ein Stallgebäude sielen den Flammen zum Opfer. Der Baron von Lengerke, der seinen Schwiegervater erschossen hat, wurde in daS Untersuchungsgefängnis zu Mainz ab­geliefert. Die ihm zugesugten Verletzungen scheinen demnach nicht ernster Natur zu fein. Hundert Küfer sind in Mainz in den AuSstand getreten.

vermischte».

* Unfälle. Am 18. Sept. Ereignete sich auf der Station Foersbach bei Bamberg ein schwerer Unfall. Eine in geseg­neten Umständen befindliche Frau, die sich in Begleitung ihres Mannes und ihrer drei Kinder befand, wollte auf einem bereits in Bewegung gesetzten, narb Köln abgehenden Personenzug steigen, kam dabei zu Fall und geriet so unglücklich unter die Näder des Zuges, daß der K o p f vollständig zermalmt wurde. Indem Augenblick, als die Frau starb, gab sie einem Kinde das Leben, das nach dem Kölner Bürgerhospital gebracht wurde und sich wohlauf befinbet Ein von Arad abgegangener Personenzug entgleistebeiNemet Szase und stürzte einen 14 Meter hohen Bahndamm hinab. .Zwei Bahnbeamte wurden schwer und 9 Passagiere leicht ver­letzt.. In Daber in Pommern fielen von einem Bagage­wagen des Infanterieregiments Nr. 54, als er eine sehr enge und abschüssige Sttaße passierte, einige Gepäckstücke zwischen die Pferde. Diese wurden dadurch scheu und rasten mit dem Gefährt mitten

in eine Kuhheerde hinein. Ter £)irt, ein alter Mann, wurde überfahren und tödlich verletzt. Mehrere Tiere wurden übel zngerichtrt. Auf Station Neckargemünd ent­gleiste ein Güterzug. Die Lokomotive und 20 Waggons ivnrden zertrümmert. -Der Materialschaden ist groß. Tie Geliebte eines Teckmikers verletzte in München mit einem Revolver ans Unvorsichtigkeit einen Freund ihres Geliebten schwer .und erschoß sich dann selbst ans Furcht vor Strafe.

ilriu'ftü Meldungen.

Homburg, 20. Sept. Der Reichskanzler mit Ge­mahlin unb Schwiegermutter, sowie der deutsche Botschafter in London, Graf Wolf-Metternich, welcher gestern zum Be­suche des Reichskanzlers eingetroffen ist, und die Herren der, Umgebung des Kanzlers trafen gestern nachmittag kurz nach 4 Uhr mit der elektrischen Bahn auf der Saalburg ein und besichtigten unter Führung des Geheimrats Jacobi ein­gehend die AuSgrabringen. Um 6 Uhr verließ der Reichs­kanzler mit Gemahlin, sowie Graf Metternich die Saalburg, um zu Fuß über den König-Wilhetms-Weg zurückzukehren.

Paris, 20. Sept. Mattachich hat beschlossen, gegen den Hofrat Dr. niet). Pierson wegen der Erklärungen, die dieser in einem Berliner Blatt abgegeben hat, bei den Berliner Gerichten die Beleidigungsklage anzustrengen. Pierson hatte erstens gesagt, Mattachich habe die Prinzessin aus pekuniären Gründen entfühtt und ferner, die Prinzessin wäre jetzt in einem schlimmeren Gefängnis als in Lindenhof. In beiden Bemerkungen sieht Mattachich verleumderische Be­leidigungen.

Genf, 20. Sept. Der italienische Konsul wurde bei einer Automobilfahrt im Kanton Waadt von zwei Italienern angegriffen und mißhandelt. Sein Zustand ist bedenklich.

Belgrad, 20. Sept. Im Manövergelände bei Banica stürzte der Gouverneur des serbischen Kronprinzen, der französische Oberst Le Raseur mit dem Pferde beim Uebersetzen eines Hindernisses und verletzte sich schwer.

New-Port, 20. Sept. Ein Eisenbahn-Unglück ereignete sich auf der Lang Island-Eisenbahn. Infolge fehlerhaften Funktionierens der elekttischen Weiche stießen zwei Züge zusammen, wobei 2 Personen getötet unb zwanzig verwundet wurden.

Vom Kriege.

Petersburg, 20. Sept. Wie neuerdings' verbautet, foTT der russische Marineminister Avellane de­missioniert haben. Der Grund ist auf die abermalige, Verzögerung der Abfahrt der ruffiscben Ostseeflotte zurück-' zuführen. Die Nachricht eines englischen Blattes, wonach augenblicklich. eine große Schlacht bei Mukdeu int Gange sei, wirrd amtlich dementiert.

London, 20. Sept. Erne soeben nach England zurück­gekehrte hochgestellte europäische Persönlichkett, welche längere Zeit in Tokio ansässig War und in der Lage ist, fceni Geist der japanischen Bevöl^rung Ku kennen, erklärt, daß. die innere Lage Japans besorgniserregend und nicht ohne Gefahr sei. Die japanische Regierung Habei bei dem Pekinger Hof dabin zu wirken gesucht, daß chi-! nesische Truppen sofort nezch der Räumung der Mandschu­rei durch die Russen diese besetzen. Das sei jedoch bontfi Pekinger Hose ab gelehnt Warden unb die chinesische Regier­ung habe sogar z.um Zeichen ihrer NeutraUtät einen TeiL der Truppen des Generals Ma zurückgezogen.

M u kden, 20. Sept. Tas japanische Heer rückt, langsam in breiter Front gegen Mukden .vor, den linken Flügel an den Liao, den rechten an das Gebirge etwa auf die Kohlengruben von Tnschun 40 Kilometer östlich von Mukden gelehnt. Einem Gerüc-t, daß auch westlich vom Liao Be­wegungen der Russen und Japaner stattfinden, schenkt man keinen Glauben, weil dies eine Verletzung .der chi:«ssschen Neutralität! wäre. In Mukden verhält sich die Bevölkerung ruhig. DaS> Selbstbewichtsein der Truppen ist zurückgekehrt. .Handel und Mandel sind reck-t lebhaft. Tie Beamten sollen indeß nicht! immer ganz gefügig sein und sogar geheimen Weisungen ber: Japaner gehorchen. Die Filiale der Russischen Bank in Mukdenj ist wieder eröffnet. Die Verluste der Japaner bei Lian-k j ang werden auf 30OQO Mann geschätzt.

Telephonischer Kursbericht.

SVjO/o ReichRanleiho

F Hnktfirt ai . 102.10

8V-i «io. ... 89.70 SV,0/: Konvois .... 101.85 3°/n .....89.80

R/^O/n Hensen .... 100.05 37, % Ob'rhessen . . . 98.70 4% Oester Goldrente . . 101.75 41 \ % Oesterr. Sllberrentej 100 80 4 96 Ungar. Goldrente . . 100.00 4oi Italien. Rente , . . 104.10 4' ,96 Porto»ieaer , . . 62.80

Portugiesen.....62.00

196 0. Türken ..... Türkenlose......132.40

4°/0 Griech. Monopol.-Anl. 48.10

4* % äunsere Argwitiner.

20. September.

8°/o Mexikaner . . . . 28 60 4,/g% Chinesen .... 90.20 Electric. Soluokert , . . 118.30 Nordd, Lloyd , . . . 106 75

Kreditftktien . . . «- . 206 90 Diskonto-Kommandit . . 191.70 Darmstadter Bank . < . 143.50

Dresdener Bank .... 155.60

Berliner Handelsges. . . 161 40

Oesterr. Staatsbabn . , . 13910

Lombarden.....18.40

Gotthardbahn ..... 189.25

Laurahfltte...... 249.50

Roohum....... 208.00

Harpener......216.20

Tendenz: fest.

im 60. Lebensjahre. Um stille Teilnahme bitten

Darmstadt, den 19. September 1904.

Die Beerdigung findet Mittwoch den 21. d. Mts., nachmittags 3^ Uhr, in Darmstadt vom Sterbehause, Moserstrasse 5, ans statt.

Die trauernden Hinterbliebenen.

7468

Statt jeder besonderen Anzeige.

Heute nacht entschlief sanft infolge einer Herzlähmang unser lieber Gatte, Vater, Bruder, Schwager und Onkel