Ausgabe 
19.10.1904 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt.

154. Jahrgang

Mittwoch IS. Oktober 1904

GicheimAWger

** General-Anzeiger

Amis- und Anzeigeblatt für den Kreis Gietzen

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Verantwortlich Hht den poftt und allgem. Teil P. Wtttko: für .Stadt und £anb" und Gerichtksaal": August Goetz; für den An­zeigenteil: HanS Beck.

Nr. »46

rlOelnl täglich außer SormtagK

Dem Gießener Anzeiger werden im Weciziel mit dem Keffifchen Landwirt die Gießener Kamilien- hlälter vrennal m der Woche beigelegt.

Rotationsdruck il Ver­lag der Brühl 'fchen Anwerf.-Buch-u. Stein- dructeret. St Lang«.

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Schulstratze 7.

Übrefie für Depeschen: Unzetger Gtetzeu,

FernsprechanlchlnßNr 51.

Ile yeutige Yummer umfaßt 10 Selten.

Ile Kaiser Aricdrich-Ieier in Wertin.

Berlin. 18. Oft.

Sri Gegenwart des Kaise rPaares und zahlreicher Fürstlichkeiten wurde heute vorwittag das Nation al- denkwal für Kaiser Friedrich enthüllt. Gleich­zeitig wurde das Kaiser Friedrich-Museum ein» geweiht. In der Nähe des Festplatzes standen die Char­gierten der Berliner Hochschulen mit ihren Fahnen und Bannern. Der Kronprinz und die Fürstlich­keiten, die Damen wegen des Ablebens des Königs von Sachsen in tiefer Trauer, nahmen unter der offenen Bor­halle des Museums Aufstellung, gegenüber dem Denk­mal unter dem Baldachin die Großherzogin von Baden zunächst den für die Majestäten hergerichteten Plätzen. Der greise Großherzog von Baden hat seines Be­findens wegen nicht erscheinen können. Vor dem Museum versammelten sich ferner der Reichskanzler, die Vündes- ratsbevollmächtigten, die Botschafter und Gesandten, die fremdherrlichen Offiziere, die Minister, die Präsidenten des Reichstages und des Landtages, die Generäle, die Admi­räle, Abgeordnete, die Direktionen des Museums und der Kunstakademie, Vertreter Berlins und der Nachbarorte, sowie die Rektoren der Hochschulen. Vor dem Denkmal standen Llbordnungen der 'Armee und der Marine. Im Halbkreise um das Denkmal standen Standarten und Fahnen. Vor dem Denkmale hatte die evangelische und die katholische Geistlichkeit und die Banbeamten Aufstellung genommen. Zur Seite stand die Leibkompagnie des ersten Garderegiments als Ehrenwache, bei der Prinz Eitel Fried- rich eingetreten war. Gegen 11 Uhr trafen der Kaiser und die Kaiserin ein mit der Prinzessin Viktoria Luise. 'Der, Reichskanzler empfing die Majestäten und geleitete sie zu ihren Plätzen. Generalsuperintendent Faber sprach das Weihegebet, worauf der Kaiser den Befehl zu der Enthüllung erteilte. Die Hülle fiel, die Ehrenwache präsentierte, die Fahnen senkten sich, der Kaiser salutierte, ebenso alle An­wesenden Gleichzeitig läuteten alle Kirchenglocken und vom Lustgarten her donnerten 10.1 Kanonenschüsse. Die Musik intonierte die Nationalhymne. Geheimerat Mießner und ein badischer Kammerherr schritten, Kränze tragend, zum Denkmal, der Kaiser folgte, die Großherzogin von Baden führend. Dann kamen die Kaiserin mtb die anderen Fürst­lichkeiten. Deputationen legten üun Kranz aus Kranz nieder.

Tie Majestäten und die Fürstlichkeiten schritten dann, empfangen vom Kultusminister, den Herren der Museums­verwaltung und Oberhofbaurat Ihne, in das Innere des Museums hinein. In der Basilika hatte bereits eine große Versammlung geladener Gäste Aufstellung genommen. Gesang empfing die Majestäten, die unter den Thron­himmel traten. Der Kultusminister Dr. Studt hielt hierauf eine Rede.

Die Rede des Kultusministers.

DaS Denkmal rufe das Bild des über alles geliebten Herrschers und Helden von neuem lebendig vor die Seele, hell leuchtend, rare er sich in den Tagen frischer Kraft dem Volke darstellte. Dem Denkmal gegenüber erhebe sich ein in Kaiser Friedrichs' Geist geplanter und ausgeführter Bau. Ter preußische Staat konnte erst spät an die Aufgabe herantreten, die Kunstsammlungen weiteren Kreisen des Volkes zugänglich zu machen. Der Redner geht alsdann auf die Geschichte der Entstehung des Museums ein, sowie auf die Anteilnahme Kaiser Friedrichs an dem Ge­danken, die bei uns vereinigten Kunstwerke der christlichen Epoche in einem Bau zusammen zu- schließen. Diese Gedanken des Kaisers und der Kaiserin Fried­lich hatte der jetzige Kaiser dem neuen Bau zugrunde gelegt.

Mit vollem Verständnis habe der Künstler des gegenwärtigen Baues' üe auf das glücklichste in dem Werke ausgeprägt und der Leiter der hier ausgestellten Sammlungen sie zur Durchführung gebracht. Tie gleiche hohe Auffassung der öffentlichen Kunst- lammlungen habe zahlreiche Kunstfreunde zu opferwilliger Mit­wirkung an der Bereicherung des Museums begeistert und den Verein ins Leben gerufen, dem mich der Kaiser beigetreten Jet. Tie glückliche Entfaltung der Sammlungen verdanke man neben der rastlosen Tätigkeit auch hochherzigen Schenkungen, die in reicher Fülle dem Museum zuteil geworden seien. Ter Kaiser habe dieses schöne Zusammenwirken anerkannt. Ein Wort der Erinnerung u nd des' Tankes bitte er hinzufügen zu dürfen. So gedenke man heute in Ehrfurcht und Treue der kunstsinnigen Kaiserin Friedrich, die die ersten Stadien des Baues mit Interesse verfolgte und aus deren Besitz zwei hervorragende Kunsbvcrke dem Museum als schönes Denkmal zugefallen seien. Ter Re'dner schloß : Dieses Haus möge geweiht sein für alle Zeiten zu einer Pflegestätte wahrer Kunst und echter Wissenschaft in dem hohen Sinne ,in detn Ew. Majestät es gestiftet haben. T-mtn allein ,aber dann auch im edelsten und sclwnsten Sinne wird es ein Denkmal des unvergeßlichen Herrschers sein, dessen Namen zu tragen ihm vergönnt ist.

Tie daraus folgende

Rede des Kaisers

hatte folgenden Wortlaut:

Ich spreche Ihnen, Herr Minister meinen herzlichen Tank aus für die schönen und eindrucksvollen Worte, mit denen Sie soeben meiner Vorfahren, insonderheit meiner geliebten Eltern und ihrer segensreichen Fürsorge für die Museen gedacht h"ben. Ter heutige Geburtstag meines in Gott ruhenden Herrn Vaters, weiland S. M. des Kaisers und Königs Fnedrich, hat uns vereint, zwei seinem Gedächtnis gewidmete Tenlmäler der Ocffent- lichkeit zu übergeben. Tas treffliche Reiterstandbild, vom Deutschen Reiche in dankbarer Verehrung errichtet, und von genialer Künstlerhand geschaffen, wird die Siegsrieds'gestalt und die ge­winnenden Züge des Verewigten noch späteren Gescküechtern vor Augen fügten und dieser stolz-e Bau mit seinen reichen Samm­lungen wird Zeugnis ablegen von dem Wirken und Schaffen des edlen Herrschers, der in dem Herzen des deutschen Volkes als hehre Lichtgestalt immerdar fortleben wird. Er, der hochgemute Recke, der seines königlichen Vaters Schlachten schlug, um dem Reiche den Weg zu bereiten, der mit glühender Begeisterung ort dem Wiederaufbau des Reiches teilnahm, ließ es, als des Krieges Stürme schwiegen, seine besondere Sorge sein, die Künste des Friedens zu mehren und zu förbcrn. Das hat sich namentlich auch in seinem Verhältnis' zu den Berliner Museen bewahrt. Im Jahre 1871 als Protektor an die Spitze getreten, hat er im Verein mit seiner kunstsinnigen Gemahlin, meiner erlauchten Frau Mutter, bis in die Tage des Leides, ja des Todes, schützend, sorgend und leitend über diesen Anstalten gewacht. Wenn der Kreis ^der Museen sich in ungeahnter Weise erweitert hat, neue große Sammlungen hinzugetrcten, die alten neugestaltet und durch eine Fülle neuer Schätze bereichert worden sind, sodaß sie neben den älteren, von Hause aus reichen Sammlungen des Auslandes mit Ehren genannt werden können, wem anders' ist es zu danken, als der nimmer müden Fürsorge dieses erlauchten Herrsch erpaares, das um Großes wie um Kleines besorgt und alle Schwierigkeiten Überwindend, dem inneren wie dem äußeren Ausbau siegreich die Wege bahnte! Darum war c# eine Pflicht ehrfurchtsvollen Dankes, diesen Bau und die in ihm vereinigten Sammlungen für alle Zeiten mit dem Namen des Kaisers Friedrich zu ver­knüpfen. Mir aberist es ein köstliches Vermächtnis, die erhabenen und edlen Absichten, die dem kunst­sinnigen Schaffen des geliebten Herrschers wie allem se inem Tun zugrunde lagen, an meinem Teile weiter zu führen und zuverwirklichen. Wenn wir heutzutage unsere Kunst von entgegengesetzten Richtungen zerklüftet sehen, die sich befehden und von denen die eine über die andere sich hinwegzusetzen bemüht ist, wenn es sich dabei zum Teil nach meiner Ueberzeugung ich habe das schon öfters hervorgehoben um Irrungen handelt, die vom wahren Schönheitsideal weitab führen, so sollten sich unsere Künstler mit um so mehr Ernst ins Bewußtsein rufen, welch' hehre Güter in ihre Hand gelegt sind. Aber nicht jene Gegensätze sind', von denen ich heute reden will. Angesichts des Friedensfürsten, dem die heutige Feier gilt, liegt mir viel mehr daran, dasjenige zu betonen, was geeignet erscheint,

die getrennten Richtungen wieder einander vöhev zu bringen. Es ist das S tudiu m d er M eister :r Ver­gangenheit, welches nach meiner festen Ueberzeugung vor allem dazu befähigt, tiefer in die Probleme der Kunst ein­zuführen. So wenig es dem Genie versagt sein kann, aus un­bekannten und verborgene?! Tiefen zu schöpfen, so wenig kann es richtig sein, ivenn Jung ere Künstler sich hort alter Tradition und Schule lossagen zu können meinen. Der unerschütterliche Ernst, das heilige Streben, mit dem die älteren Meister um das Ideal der Kunst gerungen laben, bietet auch den Künstlern unserer Tage ein u n e r r e i d) t e i Vorbild und sollte namentlich in der jüngeren Generation Selbstkritik? Bescheidenheit und Achtung- vor den Leistungen anderer fördern. Nur so wird ein gegenseitiges Verständnis ungebahnt und dem wahren Fortschritte der Kunst gedient werden.

Daß die Sammlungen dieses Museums hierzu und zu einer einheitlichen Weiterentwickelung der Kun st auf nationaler Grundlage beitragen möchten, ist mein heißer Wunsch und entspricht deß bin ich gewiß in besonderem Maße den hohen! Zielen Kaiser Friedrichs, dessen Streben allezeit auf Pflege de- historischen Sinnes und Förderung der idealen Auffassung der grünst gerichtet war. Herrlich bat der hohe Herr diese Ziele in einer Ansprache bei der fünszigiährigen Jubelfeier der Museen tat Jahre 1880 selbst bezeichnet, indem er die unveraeßlichen Worte sprach:Mr wissen, wie in den Tagen unseres größten nationalen Unglücks, als alles zu wanken schi-n, der Gedanke an die idealen Ziele des Menschen sich schöpferisch stark und lebendig erwieS. Dankbar dürfen toir heute genießen, was die grundlegende Arbeit jener trüben Zeit geschaffen. Aber wir werden dieses' Genüsse- nur froh werden, wenn wir auch der Verpflichtungen eingeben1! sind, die er uns auferlegt." Es gilt heute vielleicht mehr denn je an unseren idealen Gütern feftzu halten, bte Erkenntnis ihres Wertes imt> ihrer rettenden Macht urtferent Volke mehr unb mehr zu erschließen. Diese Anstalt soll nicht- anderes sein, als eine Sammlung des Schönen aller Zeiten zum Nutzen und Frommen der ganzen Nation. Und so möge der Segen Kaiser Friedrichs auch ferner über diesem Hause und über unserer Kunst walten!"

Hieraus sprach Generaldirektor Schöne den Denk der Mnsenmsverwaltnng ans und schloß mit einem Hoch auf den Kaiser. Der Chor sangHeil Dir im Siegerkranz!" Hier­auf traten Herolde in altdeutscher Tracht vor. Der Kaiser, die Kaiserin und die Großherzogin von Baden eröffneten! den Rundgang durch die Säle; Die übrigen folgten. Nach 1 Uhr verließen die Majestäten und die Großherzogin das Museum und begaben sich nach dem Königlichen Schlosse zurück.

Nach Mitteilungen unseres Berliner Korresponbenteni hat der Kaiser diese Rede mit überall klar vernehmlicher Stimme? gesprochen. Am Schluß der Rede, in der er besonders die Sätze über das Schönheitsideal der Kunst hervorhob, war keinerlei Ermüdung des Organs zu beobachten.

Ueber die vom Kaiser erneut dargelegte Auffassung, welchen Weg die Kunst zu gehen hat, wird ihm wieder -lebhafter Widerspruch nicht erspart bleiben können. Es muß aber auffallen, daß der Kaiser mit größerer Milde, als bei einer früheren Gelegenheit in der Rede an die Bildhauer der Siegesallee die Bestrebungen der neuen Kunst erwähnte und den Wunsch betonte, die getrennten Richt­ungen wieder einander näher zu bringen. Dann toerbent eben die Alten den Jüngen nachgeben müssen, die nicht in platter Anlehnung an überlieferte Formen das Heil der Kunst erblicken, sondern in der Entdeckung neuer Gefühls­werte, , in neuen Formen und Farbenharmonien Meidendes zu -leisten si ch mühen und kommenden Geschlechtern neue Vorbilder schaffen. Stillstand ist Rückschritt, tatsächlicher Rückschritt aber bedeutet auch in der Kunst Niedergang. Das Studium der Mten wird von den Neuen keineswegs ver­nachlässigt, sondern im Gegenteil vertieft, und durch die Hinzufügung neuer, wenn auch nicht immer glücklicher, so doch origineller und darum achtenswerter Etedanken werden;

Gießener Stadtttzealer.

Nebeneinander.

Schauspiel in 3 Akten von Georg Hirschfeld. (Buchoerlag: S. Fischer in Berlin).

Was die neueren Dramatiker von Hebbel über Ibsen und Hauptmann bis zu Shaw, dem angetsächßschen Spötter, im Innersten bewegte, wollte auch Georg Hirschfeld in seinem SchauspielNebeneinander" barstellen, er wollte einen Lebens­ausschnitt geben, der Menschen im Verhältnis zu einander zeigt. Die Meinung, daß wir unerkannt zu sterben pflegen, ist der Ausgang dieser Psychologie. Man mag an HelinerL Puppenheim mit seiner Nora denken und an die Worte, die in der Säulenhalle des Maeterlinckschen Pisaners Colonna von blassen, bebenden Frauenlippen dringen: wir glaubten uns zu lieben und haben nebeneinander, fern von einander gelebt. Sie sind es auch, die hier am Ende herausklingen aus eines armen sterbenden Mannes ergreisenbem Sehusuchts- rufevoll Weh und Klage" nach seiner Gattin.

Ein Alltagsbild: Die Che Franz HetlwigS und seiner ßchönen Frau Marianne scheint überaus glücklich. Er leitet die glänzend gedeihende Filiale einer Solinger Eisenfirma von Weltruf. Morgens ist er der erste auf dem Posten, außer- lvrdentlieh tüchtig im Geschäft, tagsüber unermüdlich und abends ein liebenswürdiger galanter und sehr unterhaltender Gatte uinb Gesellschafter. Dabei im Grunde ein gutmütiger und zu nvannigfachsten Opfern bereiter Mensch, der sich nie vergeblich Pir eine Wohltätigkeitssoche ansprechen läßt, den Armen Jo nern wie im Geheimen wie in der Oeffeutlichkeit gibt und auch E inen Verwandten, die etwas herabgekommen, doch nicht ohne Ansprüche ans Lebe,- sind, von dem ihm zur Verfügung Gehenden Ueberflusse reichlich zukommen läßt. Er hatte eine Liebesheirat geniacht und zwar eine solche, deren Vernünftig­

keit man einsah. Die schöne Frau paßte scheinbar zu dem Manne. Er war aus gut bürgerlichen Verhältnissen hervor­gegangen. und sie fand sich mit Geschmack in die glänzenden Verhältnisse, zu denen sie im Laufe der Jahre emporstiegen. Sie machten ein Haus aus und es war nicht dieetwas überladene Einrichtung" deS reichen Salons der Frau Marianne, nicht die auserlesene Tafel, die anzogen; man kam gern zu diesen lebensfrohen und kurzweiligen Leuten, und wenn sich die reife, immer noch bestechende Schönheit Frau Mariannes grüßend ihren Gästen neigte, verstand man den Mann, der sie gern zuvorkommend mit Geschenken über­häufte und überzeugt war, daß seine liebe Frau ihm nach des Tages Last und Mühen mit ihrem geradezu kindlichen sonnigen Frohsinn sein Heim verklärte, dessen trauten Frieden nichts von der Geschäftswelt draußen störte. Und als der Sohn ganz aus der Art schlug, mit Künstlerplänen und Weltverbesserungsgedanken zum Aerger des welterfahrenen Vaters sich trug, nach manchem harten Wort durch sein freies Verhältnis mit einer Geigerin die Sache bis zum Bruche trieb und dann auf und davon ging, war cs die weiße, wohlgepflegte Hand der tief bekümmerten Mutter, die des Vaters Stirn glättete.

Das ist die Vorgeschichte des Hirschfeldschen DramaS, und wie aus den verhaltenen Worten und dem Charakter der beiden Menschen fein zu lesen ist, möchte man sie bei­nahe der Hauptgcschichte des Dramas vorziehen. Hirschfeld zeigt und zwei trübe Märztage, an denen das Trugglück der beiden klirrend bricht. Er geht aber weit in seinen Forderungen und sagt: DieS glänzende gleißende Leben lügt und trügt nicht nur die armen Menschen, es macht die schwachen und haltlosen auch zu Lügnern und Betrügern. Die Frau gibt dem Manne und seinem Hause Zier und Schmuck, Zeitvertreib und Vergnügen. Hier liegen die verwandten Züge mit der noch nicht zum Leben erwachten Frau

Nora Helmer und auch mit der Gattin desTraumuluß", die uns am ersten TheatervereinSabend vorgestellt werden soll; denn dieses LuxuSwesen hat trotz aller Ehrbarkeit doch mehr Fähigkeiten zur Kokotte als zur Gattin und Mutter. Er schmückt sich mit seiner Frau, sie ist nur Rast auf seinem Wege, nie Gefährtin". Mit Witzen und erzwungener Aufgeräumtheit schasst er ihr Zerstreuung und Ergötzlichkeit um jeden Preis und duldet ihre Ver­schwendung. Dabei wirtschaftet er aber nicht gut, die Aus­gaben sind ihm seit Jahren über den Kopf gewachsen, er verlor den Ueberblick und jetzt steht die gerichtliche Seite bevor, dennalles ist Schwindel, elender Dunst". BjürnsonS Falissement" kommt uns in den Sinn.

So führt Hirschfeld die Menschen, die nebeneinander leben, auseinander. Gerade am Tage der silbernen Hochzeit, da in Gesellschaft und Familie, das ist eine unangenehme Sorte von Blutegeln am Hellwig'schen Geldbeutel, die beiden ge­feiert werden, erscheint sein Ches zur Revision der Bücher- jedes preisende Wort des Festgedichtes dünkt dem unglück­lichen Manne ein Urteilsspruch, und ausß tiefste erschüttert sinkt er in seines Sohnes Arme. ?ll§ ihm kein Ausweg mehr möglich scheint, greift er zum Gift.

Ein Fehler deS Stückes ist, daß die Charaktere sich nicht entwickeln, der zweite, daß der Dichter sofort seine Karten aufdeckt. Wie Halbe, der ziim Balladenhasten Neigende, in seinemStrom" imb in seinemHails Roseiihagen", führt Hirschfeld eine Großmutter aus die Bühne. Er zeichnet sie ein zärtlicher Enkel, int Gegensatz zu Halbe, alsseines Mütterchen von überraschender GcfühlSkraft", aber leider läßt er schon in der ersten Szene diese alte Dame von ihrem Sohne sagen:Ich finde, er hat etwas Abwesendes be­kommen." Sehr bald sagt sie:Mir ist, als hättet ihr nebeneinander gelebt bisher, nicht miteindnber, füreinander und das ist doch der Sinn des Lebens." Die Wirkung auf