Ausgabe 
19.5.1904 Zweites Blatt
 
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Nr. 116

Zweites Blatt.

154. Jahrgang

Donnerstag 19. Mai 1904

Erscheint tSgllch mit Ausnahme des Sonntags.

DieSiebener FamiNenblStter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der »Hessische Landwirt- erscheint monatlich einmal.

Gießener Anzeiger

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitätsdruckerei. R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition «.Druckerei: Schulstr.7.

Tel. Nr. 61. Telegr.-Adr.: Anzeiger Dießen.

General-Anzeiger, Amt;- und Anzeigeblatt ffit den Kreis Siehe».

Nie heutige Nummer umfaßt 8 Seiten.

Zur hessischen Wahlreform.

Durch die DienStags-Versammlung der oberhessischen Abgeordneten in Darmstadt ist, wie wir schon gestern er­wähnten, da an eine Zweidrittelmehrheit kaum mehr zu denken ist, das Schicksal der Wahlrechts-Vorlage so gut wie besiegelt, und zwar sehr zur Freude deS Frhrn. v. Heyl, der, obwohl bekanntlich nominell Nationalliberaler, doch von vornherein ein geschworener Feind der Wahlrechtsreform war, welchen Standpunkt auch gerade in letzter Zeit wieder mit besonderer Schärfe dieWormser Ztg." verficht. In der Tat sind es neben den ausgesprochenen Bauernbündlern, die ja eo ipso einer Vermehrung der städtischen Abgeordneten feindlich gegen­überstehen, gerade dieNationalliberalen" Heyl'scher Observanz, die gegen die reformfreundliche Vereinigung der freisinnigen, sozialdemokratischen und Zentrumspartei das Schicksal der Vorlage entscheiden werden. Zwar wird es innerhalb der nationalliberalen Partei ohne schwere Kämpfe nicht abgehen, und ein Teil von ihr, vor allem die städtischen Abgeordneten, wird für die Vorlage stimmen, aber er wird diese nicht retten und nicht verhindern können, daß infolge der reformfeindlichett Haltung derer um Heyl das Nichtzustandekommen des Gesetzes dernationalliberalen" Agrarier-Partei in die Schuhe geschoben wird. r»DaS Richtigste wäre es, die Herren v. Heyl und Genossen entschlössen sich, nach dem Vorgänge des Herrn Menck in Preußen, sich fortan nicht mehr nationalliberal zu nennen, sondern, wie es ihnen zu­kommt, agrarische Reichsparteiler.

Den Herren Bauernbündlern vom Schlage des Herrn Hirschel und Konsorten liest übrigens just heute ein Leser derWormser Ztg.", der sich nicht zu deren speziellen Partei­freunden rechnet, recht kräftig die Leviten wegen ihrer un­ausgesetzten Verdrehungen in Bezug auf die Vertretung von Stadt und Land in der Zweiten Kammer. Der Artikel­schreiber richtet sich zwar direkt gegen die Freisinnigen, trifft aber schärfer als diese die Bauernbündler. Er schreibt u. a. folgendes:

In unserer zweiten Kammer besteht bekannllich ein äußerst starker Gegensatz zwischen den städtischen und den länd­lichen Interessen, der vor allem darin wurzelt, daß die Städte des Landes zurzeit eine völlig unzureichende Vertret­ung in der gesetzgebenden Körperschaft haben. Heute repräsen­tieren die fünf größten Städte über die Hälfte der gesamten Steuerkraft des Landes, d. h. sie haben von den 12y* Millionen direkter Einkommens- und VermögenK- steuer mehr als 6 Millionen zur Bestreitung der Staatsbedürfnisse auszubringen. Dagegen besitzen sie von den 50 Mandaten im Landtag nur 7, sage sie ben Sitze, die drei kleinen Städte Bingen, Friedberg und Alsfeld haben meist nur ländliche Interessen zu vertreten. . . .

Nach den neuesten amtlichen Publikationen beträgt die Ge­samtzahl der Einwohner Hessens 1119 893 Köpfe. Im Falle einer gleichmäßigen Verteilung der Wahlkreise würde somit bei 150 Kammermitgliedern auf je 22 398 Seelen, bei 60 Mandaten auf je 18 665 Seelen ein Abgeordneter kommen. Zurzeit hat aber Worms mit 42 000 Einwohnern nur einen, Mainz mit 86 000 Einwohnern zwei Abgeordnete, ebenso Darmstadt mit 76 000. Genau dasselbe Recht, wie Worms mit 42 000 oder Mainz mit zweimal 43 000 Einwohnern besitzen aber auch die Städte Alsfeld mit 4300, Friedberg mit 6800 und Bingen mit 9600 Seelen, sodaß also tatsächlich die Stimme eines Alsfelder Wählers zehnmal soviel Gewicht besitzt, als die eines Wormser ober Mainzer Wählers; Friedberg wählt mit etwa einem Siebentel, Bingen mit einem Fünftel der Einwohner seinen Abgeordneten. Wäre es da nicht das allergeringste Maß von Ent­gegenkommen gewesen, wenn man der bescheidenen An­forderung von je einem weiteren Abgeordneten für die großen Städte glatt zugestimmt hätte?

Im weiteren polemisiert der Artikelschreiber gegen den von der Mehrheit der oberhessischen Abgeordneten bereits zu Falle gebrachten Antrag des Dr. Gutfleisch und plaidiert für die Vermehrung der Zahl der Abgeordneten der stärker be­wohnten Provinzen Rheinhessen und Starkenburg.

Volitische Tagesschau.

Der Frauenkongreß in Berlin.

Aus Berlin, 18. Mai, wird uns geschrieben:

Das .Programm für den Internationalen Frauenkon- .greß, der vom 13. bis 18. Juni in Berlin stattfindet, wird soeben veröffentlicht. Eine internationale Frauenstimmrechtskonferenz in den Tagen des 3. und 4. Juni geht voraus; sie soll einen Weltbund für Frauen st immrecht ins Leben rufen. Ein kräftiger Auftakt zum Frauenkongreß! Was dieser letztere sich alles vorgenommen hat, in den Bereich seiner Erörterung zu ziehen in Abteilungen, das übertrifft an Ausdehnung und Vielseitigkeit jegliches dagewesene Programm eines Männerkongresses. Hoffentlich ist auch darin das schwächere" Geschlecht demstarken"" Merlegen, daß die Vorsätze zur Ausführung gelangen und niclft schließlich dem Erholungsbedürfnis der Kongreßbesucher zum Opfer ge­bracht werden. Die ungewöhnlich zahlreichen Aufgaben, die bereits jetzt der Frau im öffentlichen Leben zusallen, können eine gründliche Behandlung wohl beanspruchen. Da handelt es sich z. B. um die Frau in der Armen- und Waisenpflege, in kommunalen Aemtern, in Handel und Industrie, in der Landwirtschaft, in der Gefangenenfürsorge, der Alkohol-Be­kämpfung, nicht zu vergessen der Tätigkeit der Frau in Volks-, Fortbildungs- und höheren Schulen. Es kommen ferner die wissenschaftlichen und künst- l er i f ch e n Neigungen der Frau in Betracht, Bestrebungen, denen noch immer manches Hindernis sich entgegenstellt, und endlich wird die rechtliche Stellung der Frau, die ja durch das Bürgerliche- Gesetzbuch eine größere Bedeutung and Anerkennung erlangt hat, obschon auch auf diesem Gebiete manches zu tun übrig bleibt, zu Vergleichen mit dem Auslande Anlaß geben. Alle diese Fragen haben in dem Programm des Internationalen Frauenkongresses Auf­

nahme gefunden. Die geplanten großen öffentlichen Ver­sammlungen befassen sich mit Themen von allgemeinem Interesse: Frauenlöhne usw. Auch das Frauenstimm­recht ist der Diskussion einer öffentlichen Versammlung Vorbehalten. Die meiste Anziehungskraft dürfte die aus den 16. Juni angesetzte Versammlung ausüb^n mit der Tagesordnung:Das Verhältnis der Frauen­bewegung zu den politischen und konfessio­nellen Parteien. Da wirb wohl scharfe Musterung gehalten werden über das Maß von Unterstützung, das unsere Parteien der Frauenbewegung gewähren!

Dr. Spahn einkommender Mann"?

Unser Berliner parlamentarischer Mitarbeiter schreibt ünterm 18. Mai:

An dem Gerücht, der preußische Justizminister Schön- st e d t werde aus demAmte scheiden, ist nichts neues, oenn Herrn Schönshedt wurde schon mehrfach Sehnsucht nach dem Privatleben nachgesagt. Festgestellt sei deshalb lediglich, daß der Minister, obwohl er oie Schwelle des biblischen Alters überschritten hat, körperlich und geistig sich vollkommen frisch fühlt. Interessant ist ab^er, daß man in politischen Kreisen bereits eine bestimmte Persönlich­keit als für die zukünftige Leitung des preußischen Justiz­ministeriums in Betracht kommend im Auge hat. Es ist kein Anderer als der Zentrumsfübrer Dr. Spahn, zur­zeit Reichsgerichtsrat in Leipzig, oem dergestalt eine Be­lohnung für die der Regierung geleisteten wertvollen poli­tischen Dienstesignalisiert" wird. W^nn Herr Möller preußischer Handelsminister geworden ist, warum sollte Herrn Spahn das Justizportefeuille versagt bleiben? Auch wir glauben nicht, daß derReichsgerichtsrat"" die letzte Staffel im Berufsleben Dr. Spahns darstellt, sind aber der Meinung, daß die Regierung für die nächste Reichs­tagssession mit den Handelsverträgen und der Militär- vorlage den vielgewandten Herrn Spahn noch an der Spitze der Zentrumsfiaktion sehen möchte. Dann erst dürfte Herr Spahn für dieExeellenz" reif sein.

Eine notleidende Seestadt.

Man schreibt uns aus Berlin, 18. Mai:

Die Möglichkeit, über den russischen Handels­vertrag Authentisches zu erfahren, bietet sich bei der am 27. Mai in Anwesenheit des Kaisers erfolgenden Ein- wei hung des neuen Handelshafens in Danzig, von dem ein Aufschwung in der wirtschaftlichen Entwicklung erhofft wird. Dieser ist Mer wesentlich bedingt durch ver­tragsmäßig geordnete Handelsbeziehungen zu Rußland, denn das große russische Hinterland kommt für den Handel Danzigs mehr in Betracht, Ms der schmMe deutsche Land­strich die Weichsel aufwärts. Es ist nicht ausgeschlossen, oaß der Kaiser bei der Einweihungsfeier Veranlassung nimmt, die Danziger in ihren Hoffnungen durch eine zu­versichtliche Mußerung über den russischen Handelsvertrag ru bestärken. Der Seehafen Westpreußens erfieut sich bei den dortigen Agrariern freilich derselben Unbeliebtheit, wie der Handelsvertrag mit Rußland, weil Danzig in der Hauptsache Holz, Zucker und Getreide aus Rußland expor­tiert. Es ist auch anzunehmen, daß durch Eröffnung eines neuen Handelshafens in Danzig die Möglichkeit der Jn- dustrialisierunb des Ostens den Agrariern nähergerückt er­scheint, der sie aufs äußerste widerstreben, weil sie von ifyr eine Verschärfung der Leutenot befürchten.

Der Irankfurter Raubmord vor dem Schwurgericht.

hl

Frankfurt, 18. Mai.

Die Beiweisaufnahme bringt heute, wie wir derFrkf. Ztg." entnehmen, zunächst noch die Feststellung einer Unwahrheit des Groß. Er hatte behauptet, Stafforst habe ihm in der Nähe des Friedhofs Mk. 300 gegeben und Arbeiter in der Nähe hätten das gesehen. Vors.: Wollen Sie denn das aufrecht erhalten? Groß: Es war so. Er bat mir natürlich das Geld nicht offen gegeben. Aber es sind Leute gewesen, die haben im Feld ge­arbeitet u'üd haben gesehen, daß Stafforst auch Mutig am Ueber- zieher war.

Nun wird der Schutzmann Heusohn vorgerufen, der darüber eingehende Untersuchungen angestelll und eine ganze Anzahl von Personen befragt hat. Er konnte aber nicht das Geringste darüber feststellen. Auch dafür, daß Groß das Geld in den Main geworfen hat, wie er behauptet, fanden sich keinerlei Anhaltspuntte.

Untersuchungsrichter, Landrichter Dr. Cäsar, tritt dar­auf an den Zeugentisch. Vors.: Wollen Sie sich zunächst über den E i n d r u ck äußern, den die A n g e k l a g t e n auf Sie gemacht haben? Zeuge: Stafforst war sichtlich bemüht, in jeder Be­ziehung die Wahrhett zu sagen. Als ich ihn zuerst vernahm, wußte ich nur aus den Zeitungen, was Stafforst gestanden haben sollte. Als ich dann die Akten über das Hamburger Geständnis las, war es mir höchst interessant, daß der Inhalt fast wörtlich über- einstimmte mit dem, was er vor mir ausgesaat hatte. Nur eine einzige Verschiedenheit ergab sich, die ohne Bedeutung war. Staf­forst hat seine Aussagen fließend gemacht und oft fünf Minuten gesprochen, ohne daß ich ihn unterbrach. Solange ich Unter­suchungsrichter bin, ist mir noch keine Untersuchung so leicht geworden. Sein Geständnis war begleitet von Zeichen offenbarer Reue. Er sagt, er habe eine, gewisse Angst vor Groß gehabt, der ihm schon in Leipzig mit Erschießen gedroht habe. Vors.: Ist Ihnen nicht ausgefallen, daß er mit einem Menschen, der ihn mit Erschießen bedrohte, ttotzdem immer noch weiter verkehrte? Zeuge: Er sagte, er sei immer wieder von Groß bestürmt und zur Tat überredet worden. Deshalb ist ja auch der Plan geändert worden. Er sagte: Ich bin bereit zur Tat, wenn ich auch unter einem gewissen Druck stand, well ich den Groß als gefährlichen Menschen kannte, der mir schon fiüher mll Erschießen gedroht hatte, und den ich in gewisser Beziehung fürchtete. Vors.: Haben Sie ihn gefragt, ob er mit Ueberlegung gehandelt hat? Zeuge: Ja, und er hat diese Frage direkt bejaht. Er sagte, er habe mit voller Ueberlegung gehandelt. Er habe den Plan so ausgeführt, wie sie ihn besprochen haben. Er sei auch vollständig nüchtern getoefen, denn er habe nur zwei Kognaks eine Stunde vor der Tat getrunken., Er hoffte freilich, daß etwas dazwischen kommen könnte. Vors.: Das widerspricht sich doch. Zeuge: Ich lann nur seine Worte anführen. Ich habe ihn ausdrücklich gefragt: Warum sind Sie immer wieder zu Groß hingegangen? Vors.: Darauf weiß er auch hier nichts zu erwidern.

Der Verteidiger Dr. Heß weist darauf hin, daß in der Vor-

»nng wiederholt von derAngst vor den Drohungen des ; aber der Zeuge erwidert, daß Stafforst auch

Untersuchung wiederh Groß" die Rede ist; _ ...

gesagt habe, das Geld habe ihn gelockt, und anderersells habe ihn die Not, die Angst vor der Landstraße getrieben.

VonGroß sagt der Untersuchungsrichter: Groß hat einen ungemein großen Einfluß auf Stafforst gehabt. Das bat sich schon in Leipzig gezeigt. Als ich mir von Stafforst sein Vorleben erzählen ließ, wie er auf die Landstraße, auf die Walze gekommen sei, sagte er zum Schluß: So bin ich dem Groß in die Hände gefallen! Der Groß war sich seines Einflusses auf Stafforst auch bewußt. Nicht umsonst verlangte er nach der kurzen Gegenüberstellung: Könnte ich nicht den Stafforst sehen, damll man sich aussprechen könnte? In der Untersuchung trat Groß zuerst mit unerhörter Sicherhell auf. Als ihm Direktor Zieger sagte, er habe ihn zusammen mit einem Manne gesehen, erwiderte er in geradezu dreister Weise, das müsse ein Irrtum sein. Er verlangte, daß sein Bild in den Zeitungen veröffentlicht würde, dann werde sich der Irrtum aufklären. Als mir mllgeteill wurde, er habe am Montag morgen Salmiak gekauft, sagte er zu­nächst: Ja, den habe ich im Auftrage meiner Braut gekauft, well sie ihn zum Ausbürsten ihrer Kleider haben wollte. Vors.: Gestern sagte er. Sie hätten von Fleckenseife gesprochen. Zeuge: Der Ausdruck Fleckenseife ist mir gänzlich fremd. Am Nachmittag änderte Groß seine erste Angabe wieder ab. Nach der Festnahme des Stafforst schwand die Sicherhell des Groß. Er muß im Lauf der Untersuchung erfahren haben, daß man seinem Mitschuldigen auf der Spur war. Kommissar Busjäger hatte chn nach dem Mann gefragt, mit dem er im Caf6 Bostel verkehrt habe. Ferner war er stärker gefesselt und ins Polizeigefängnis übergeführt

worden. Als nun Stafforst verhaftet war, legte ich dem Groß die Frage vor: Haben Sie mir noch etwas mitzuteilen? Darauf sagte er:Ich weiß, wer der Täter ist, er heißt Stafforst. Wo er jetzt ist, weiß ich nicht." Er gab dann zu, Augenzeuge der Tat gewesen zu fein, versuchte sich aber im Lauf der weiteren Unter­suchung immer mehr um die Sache herumzudrücken. Er sagte, er fei mllgegangen aus Angst vor Stafforst, der habe ihn mit Erschießen bedroht. Ms ich fragte: Wie denn? antwortete er: Er hat gesagt: Du bist wert, daß ich Dich auch erschieße. Vors.: Wie war denn die Gegenüberstellung? Zeuge: Die Gegenüberstellung hat nur einen ganz kurzen Augenblick gedauert. Ich hatte vorher das Geständnis des Stafforst entgegengenommen und mußte befürchten, daß er unter dem Eindruck des Groß seine Aussage ändern würde. Ich durfte es also zu einer Aussprache nicht kommen lassen. Es kam nur darauf an, den Schlag gegen Groß zu führen. Es war deshalb verabredet, daß ich hinausgehen und mit Stafforst wieder hereinkommen wollte. Mit Stafforst war ausgemacht, daß er die Worte sprechen sollte:Bruno, gefteh's! Wir sind's gewesen." Ob Groß diese Worte verstanden hat, weiß ich nicht. Denn er sprach sie gleichzeitig, während ich sagte:Groß, hier steht Ihr Mittäter"''. Als Groß kein be­sonderes Zeichen der Erregung zu erkennen gab, ließ ich den Staf­forst sofort wieder abführen. Im wetteren Verlauf der Ver­nehmungen hat dann Groß das Geständnis, das er unter dem ersten Eindruck abgelegt hatte, immer mehr abgeschwächt.

Das Zeugenverhör ist um 11 Uhr beendet. Nun kommen die Sachverständigen zum Wort, und zunächst häll der Gerichtsarzt Dr. Roth seinen Vorirag. Der Tod erffolgte nicht sofort durch die Schädelverletzungen, sein Eintritt wurde be­schleunigt durch den starken Blutverlust und die starke Umschnür­ung des Halses. Diese erfolgte aber erst nach der Schädelzer- trümmerung. Vors.: Der Groß erzählt, dem Stafforst sei Gehirnmasse in den Mund gespritzt und er habe gerufen: Schmeckt das bitter! , Dr. Roth: Das Gehirn ist aus dem Schädel gar nicht ausgetreten. Auch, daß Stafforst, wie Groß be­hauptet, mit einem Klavierstuhl auf Lichten stfin eingeschlagen hat, bezeichnet der Sachverständige als unwahrscheinlich.

Als der Gerichtsarzt sein Gutachten beendet hat, sagt Groß: Ich will über die Sache mit dem Schlagen hier noch gründlicher sprechen. Der Stafforst soll erst einmal erzählen, wie der Mord zugegangen ist. Vors.: Das hat er ja erzählt. In gewaltigem Redefluß sucht nun Groß die Darstellung des Staf­forst zu entkräften:Er sagt, während ich den Mann erschlagen hätte, wäre er nach der Tür gegangen"", so beginnt er, und sucht die Unwahrscheinlichkeit verschiedener Einzelhetten darzutun. Vors.: Ich kann nicht begreifen, wie Sie auf solche Neben­punkte kommen. Die vielen anderen Verdachtsgründe, die außer dem Geständnis des Stafforst vorliegen, sind die Hauptsache. Aber Groß läßt sich nicht beruhigen.Guck mir ins Gesicht!" ruft er dem vor ihm sitzenden Stafforst zu, und gehorsam dreht sich dieser um.Wer hat den Mann erschlagen? Jetzt rede die Wahrheit!" Stafforst: Ich habe die Wahrheit gesagt. Groß: Hier stehe ich gerade wie Du. Wir haben es zusammen gemacht. Aber die Wahrhett soll an den Tag kommen. Stafforst: Ich habe die Wahrheit gesagt. Groß: Ist Dir nicht das Blut in den Mund gespritzt? (Jetzt spricht er nämlich plötzlich von Blut, da die Gehirnmasse nach dem Gutachten des Gerichtsarztes nicht mehr ins Feld geführt werden kann.) Stafforst: Nein. Groß: War nicht Dein Ueberzieher voller Blut? Stafforst: Das werden die Sachverständigen sagen.

In dieser Weise geht der Redekampf noch einige Zeit weiter, bis ihm der Staatsanwalt ein Ende macht durch die Bemerkung: Groß hat also jetzt selbst erllärt: Wir haben es zusammen getan. Vors.: i Das hat ja auch Stafforst gesagt, sie hätten es zusammen getan. Stafforst (mit tränenerstickter Stimme): Ja, wir haben es zusammen getan. Aber ich hätte es nicht getan, wenn er mich nicht Nitt dem Revolver bedroht hätte. Groß: Er spricht immer davon, ich habe ihn dazu gezwungen. Er will unter einem gewissen Drucke von mir gestanden haben. (Genau dieselben Worte hatte kurz vorher ber Untersuchungsrichter gebraucht.)

Der Vorsitzende macht schließlich diesen Zwiegesprächen ein Ende und geht zur Vernehmung des zweiten Sachverständigen, Dr. Fromm, über, der mit Dr. Roth zusammen die Untersuch­ung der Leiche vorgenommen hat. Seine Ausführungen stimmen mtt denen von Dr. Roth überein.

Von besonderer Wichtigkeit ist das nun folgende Gutachten des Gerichtschemikers Dr. Popp. Wir heben daraus folgendes hervor: Groß hatte drei Anzüge, einen dunklen, den er bei ber Verhandlung an hat, und zwei blaugraue, die sich sehr ähnlich sehen. Nur ist der eine neuer, ber andere bereits abgetragen. Der neuere Anzug, ben Groß bei bem Morbtag getragen haben will, zeigte keinerlei Blutspuren. Dagegen fanben sich zahlreiche Blutflecke an dem älteren Anzug. Der Anzug ist mit Flecken­wasser gereinigt unb bie Blutflecken sinb nur zu sehen, wenn man ben Rock burch ein sog. Lichtfalter betrachtet. Besonders viel Blut sand sich am linken Aermel, außerdem an Hosen, namentlich an ben Knien unb in ber Nähe ber Stiefel. Die Ausrede des Groß, das Blut rühre vom Nasenbluten her, ist ebenso hinfällig, wie bie Behauptung, es stamme von seinem früheren Gewerbe als Metzger.

An den Kleidern des Stafforst fand sich Blut nur in zwei kleinen Flecken am Ueberzieher.

Der Ueberzieher des Groß war zunächst nicht näher unter­sucht worden. Dr. Popp hat ihn aber gestern noch genau unter­sucht unb trotz ber sorgfältigen Reinigung durch Groß festgestelll, daß sich an beiden Aermeln größere Blutflecke befinden.

Die Stiefel hat sich Groß nach der Angabe be-> Stafforst an dem Handtuch des Lichtenstein abgewischt, und diese Angabe wird durch ben Sachverstänbigen bestätigt. Denn er legt bie blutigen