Ausgabe 
18.10.1904 Zweites Blatt
 
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Nr* 245 Zweites Blatt. 154. Jahrgang

Dienstag 18. Oktober 1904

Erscheint ISgllch mit Ausnahme des Sonntags.

DieGietzener LamiHenblStter" werden dem ^Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der Wyesfifche Landwirt' erscheint monatlich einmal.

JL/Jk A AA a j*. aa Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen

iIW I IXäz JPm MW a UniversttLtSdruckeret. R. Lange, Gießen.

«, W & \A_ W |1SL, JL. ß U fei p IM wz JjL Redaktion, ExpedUion u. Druckerei: Schulstr.V.

W |j$ " Tel. Nr. BL Telegr.-Adr.k Anzeiger Gießen.

General-Anzeiger, Amis- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Kaiser Kriedrich.

Gießen, 18. Oktober 1904.

Heute, am 73. Geburtstage des viel zu früh heirw- tzegcmgenen deutschen Kaisers Friedrich, 16 Jahre nach seinem Tode, wird in der deutschen Reichshauptstadt ein Reiterstandbild des Kaisers enthüllt und ein seinen Namen tragendes Museum feierlich ein geweiht, von dem aus eine Mietalltasel in leuchtender Schrift die Kunde bringt, daß es ein Werk der Erinnerung sei, dem Kaiser Friedrich ge­stiftet von fernem Sohne, dem Kaiser Wilhelm II. Ein Wahrzeichen kindlicher Pietät, der Liebe, die da nimmer aushört.

Wir freuen uns dieser Tat der Dankbarkeit. W^n durchzuckt nicht ein Schinerz tiefer Wehmut, wenn der Name des unglücklichen Sohnes und Nachfolgers Wilhelms des Glücklichen genannt wird. Das Kaiser Friedrich-Museum wird besser als das ihm heute von seinem Sohne gewid­mete Denkmal, das in der großen Zahl der von Wilhelm II. errichteten Statuen und Statuetten verschwinden muß, besser als die im Reiche nicht selten errichteten Kaiser/ Friedrich-Denkmäler fernen Geschlechtern von einem dulden­den Helden auf Deutschlands Kaiserthron vermelden, von dem deutschen Thronfolger, dem das Schicksal auferlegt hatte, in Kümmernis, Entsagung und vieler stiller Pein wartend, wartend und immer wieder wartend lange Jahre in bester Kraft hinzubringen, um schließlich, als der hohe Beruf, dem er bestimmt w-r und dem er mit neuen, guten Gedanken und des höchsten Beifalls würdigen .Absichten sich widmen wollte, ein neuer Mann für eine neue Zeit, als dieser Fürstenberuf ihm endlich gegönnt war, in kurzer Frist ins Grab zu sinken.

Je mehr im Lichte der Geschichte die Begebnisse und die Zeiterscheinungen sich klaren, je durchsichtiger zu tage liegt, was zu des alten Wilhelm, zu Friedrichs und zu Bismarcks Lebzeiten von der Parteien Haß und Gunst verdunkelt war, umsomehr lernt man die geschichtliche Bedeutung des Kai­sers Friedrich werten. Umsomehr wird man gewahr, daß sein Dahingehen zugleich die Abenddämmerung bedeutete für tausend Hoffnungen aus eine liberale Weltanschauung auf dem Throne, den er neunundneunzig Tage als ein todsiecher Manu eingenommen hat. Mehr und mehr be­richtigt sich, besonders in der Größe des Zeitraums, der uns von seinem Tode trennt, das Urteil Über seinen Anteil an der Wiederherstellung des deutschen Kaisertums im Gegensätze zu der Ueberschätzung, die den Verdiensten anderer zu teil wird. DieBerl. Ztg." erinnert heute an die Forschungen und .Veröffentlichungen des Histo­rikers .Otrokar Lorenz über denKronprinzen", Bismarck und die Kaisersrage, aus denen unUoerdentig hervorgeht, daß der Kronprinz in der Fürsten- und Staatsmännerver­sammlung, die sich zu Versailles um den alten Preußen- könig scharte, der hauptsächliche Träger des Gedankens der Aufrichtung der Kaij'erwürde, der voll durchgreifenden Einigung und Einheit der Deutschen war.

Die erste amtliche Anregung zur Neubegründung des Kaisertums war aus Baden von der dortigen Regierung gekommen; der Kronprinz Friedrich Wilhelm ipar es diese Darstellung in seinem durch Gesfcken veröffentlichten Kriegstagebuch ist durch weitere Forschungen und Mit­teilungen vollauf bestätigt worden, der Kronprinz war es, der einer Welt von Schwierigkeiten und Hindernissen gegenüber aus seinen nationalen und liberalen Ideen fest beharrte und wenigstens die nationalen durchsetzte. Wil­helms I. preußischer Partsiularismus aber, sein Erlangen, Kaiser von Deutschland" zu werden, wenn er doch durch­aus den Kaisertitel annehmen müßte, sein zähes Festhalten an der ihm unbecsuemen und unsympathischen Kaisermacht, während sein mit Herz und Hand der Neugestaltung der Dinge ergebener Sohn sich in Tatlosigkeit schier verzehren mußte, spricht für die verkannte Größe des früh verstorbenen ersten deutschen Kaisersohnes.

Es wäre ein Gluck für das deutsche Vaterland gewesen, wenn ein Fürst von so ausgeprägter 'liberaler Denkweise wie Kaiser Friedrich lürrger an der Spitze der 'Reichsregierung gestanden hätte. Mehr noch als diese echt liberale Ge­sinnung Kaiser Friedrichs in politischer Hinsicht hat sein volksfreundliches Wirken auf den verschiedensten Gebieten sozialer Betätigung ihm die Herzen gewonnen. Ter her­vorragende Feldherr der Schlachten war ein großer ^ar^

Aer Mng.

Kriminal-Roman von O. Elster.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Wer ist denn das?" wandte sich Neugebaur an den Wirt.

Ja, wer das wüßte", entgegnete dieser lachend. r,Frau Marie Brandt nennt sie sich, 's ist 'ne merkwürdige Geswichte mck ihr. Ter Ayrtsgerichtsrat hat sie hierher gebracht, krank und elend hatte er sie am Wege gesunden. Niemand wollte sie auf- nehmen, da brachte er sie im Armcnhause unter und bezahlte sür sie. Tie alte Knoche, die Totengräbersche, sorgte für sie. Seitdem steht sie sich gut,. denn der Amtsgerichtsrat tomint jeden Sommer und lebt mehrere Monate bei den Frauen. Das ist nun wohl drei Jahre her. Einige munkeln, dre Frau Brandt lei die (Geliebte des AmtSgerichtsrats und er der Vater des Kindes, das im Armenhause geboren wurde. Aber ich bitte e-ic der Amtsgerichtsrat ist sechzig Jahr alt und die Frau kam Lls Bettlerin hier an. Ich glaube, sie stammt aus Galizren oder Ungarn, sie spricht wenigstens Polnisch. Wir hätten sie hier auch nicht geduldet, w-enn der Amtsgerichtsrat nicht für sie ge­zahlt und alles in Ordnung gebracht hätte. Uebrrgens ist sie m fleißige, sand, re Frau, arbeitet in der Fabrik und nimmt dort schon die Stellung einer Außeherin ein. Umgang hat sie sidoch mit niemandem im Torfe."

Eine merkwürdige Geschichte, Heer, Wirt!"

Za gewiß. Aber da i)ic §rau niemandem zur Last fallt, so kümmert müii sich auch nicht um ihre Angelegenheiten. Ich höre uum Gemeindevorsteher, daß der Amtsgerichtsrat sogar eine &ununc Geld |nv sie und da» Kind deponiert hat, damit sie nicht 'mal bqr Gemeinde zur fallen."

?)m hm, soiilnchar höchst sonderbar. Wer hatte das i->.,n'fe rn allen Herrn errvartel? Spielt hier ganz im Geheimen ucu Rrmaii! sJin, warte, Alterchen, dir wolleii lvir säwn aus lme Spur kommen." ,

Dieses Selbstgespräch hielt Herr Neugebaur. Nachdem der

Der Kaiser und dieM o d e t n en". AuS Berlin wird der ..Franks. Ztg." von einem Maler geschrieben,- Man

Wirt ihn verlassen hatte, erhob er sich, zündete eine neue Zigarre an und schlenderte die Tvrfgasse herunter.

Es war ein herrlicher milder Svmmeraüend. Tie Sonne war schon hinter der gewaltigen Masse der Schrneekoppe versunken und leichte Tämmerung erfüllte das Tal. Bon den Wiesen stieg ein feiner Nebeldust empor, während der Wald sich schon in die Schatten der Nacht hüllte. Von den Bcrghalden klangen die Juchzer der Hüte-Jungen, welche die Kühe heimwärts trieben und mischten sich mit dem Geläut der Abendglvcken.

Neugebaur schlug einen Wiesenpsad ein, der nach dem Häus­chen am Waldesrand zu führen schien. In der Tat führte der Pfad kaum zwanzig Schritte an dem Hause vorüber, sodaß Neu­gebaur den Garten übersehen und einen Blick in die geöffnete Haustür werfen konnte.

Ein Bild des behaglichsten ländlichen Friedens bot sich ihm dar. Ter kleine Garten war sehr sauber gehalten. Tie Rabatten welche den Weg bis zur Haustür begrenzten, mit allerhand ein­fachen Bäumen bepflanzt, Nelken, Levkoyen, Rittersporn und der­gleichen mehr. Rechts und links dieser Rabatten standen Kar­toffeln, Kohl, Erbsen und andere Gemüse.

Tas Häuschen, ein Blockhaus, wie es hier im Gebirge Sitte, war sauber weiß getüncht, die kleinen Fenster frisch gestrichen und mit weißen Gardinen versehen, das weit überhängende Schin­deldach war zum Teil neu gedeckt; Wein und wilde Rosen klet­terten an ihm empor.

Alles machte einen netten, freundlichen, sauberen Eindruck, auch das kleine Stallgebäude, aus dessen geöffneter Tür daö behagliche Brummen einer Kuh hervordrang, während eine Ziege meckernd von dem Gras naschte, das hier in üppiger Fülle wuchs, und einige Hühner sich eben anschickten, die Stiege zu il/tem Stall hinaufzuflattern.

Auch der Zaun, metdjer das kleine Gehöft umschloß, war frisch mit weißer Farbe gestrichen.

(Fortsetzung folgt.)

nochmals an den Wasserstellen, 45 Kilometer östlich von Otjimangombe, im Abzüge zu treffen und völlig nach Norden, Nord osten und Osten zu versprengen. Die Artillerie brachte dem Feinde Verluste bei. Dies­seits sind keine Ve rluste. 3 50 Stück Großvieh sind erbeutet. Deimling ist mit der zweiten Kompagnie des Feldregiments 1, dem zweiten Bataillon des Feldregi­ments 2 (zwei Kompagnien), der fünften und der halbe» ersten Batterie über Windhuk nach Süden nach dem tzaupb- quartier ausgebrochen und marschiert heute über Keboro (am schwarzen Nossob, 70 Kilometer südlich von .Efmkiw) nach Windhuk.

Die Hallesche Allg. Ztg. erfährt, daß zwischen jbent Kolonialamt und dem Generalstabe volles Einverstänvnis über die Höhe der demnächst nach der Kolonie zu ent­sendenden Truppen-Tran Sporte herrscht. Das Matt teilt weiter mit, daß der Umfang dieser jBerstärkungen wesentlich unter den bisher in der Presse aufgetauchten Vermutungen (es war von der Entsendung einer Divi­sion die Rede) Zurückbleiben wird. Schließlich be­sagt die Information noch, daß an eine Zurückberuf- ung Leutweins nus der Kolonie für die nächste Zeit keinesfalls gedacht wird.

Der in pem Hamburger Hafen eingetroffene Post- darnpserGertrud Woermann" brachte einige in Rekon­valeszenz befindliche verwundete und erkrankte Krieger aus Deutfch-Südwestafrika mit.

Das Gouvernement in Kamerun berichtet, daß nach einer Meldung des Hauptmanns Langseld aus Jola per Hauptmann Thierry am 16. September bei Mubi durch einen Pseilschuß getötet worden ist; politisch sei alles ruhig. Langfeld bleibt vorläufig in Garucr

Haupttnann Gaston Thierry gehörte dem Grenadier- Regiment König Friedrich Wilhelm II. (1. Schlesisches) Nr. 10 an und war vor seiner Verwendung in Kamerun bereits eine Reihe von Jahren in Togo als Stationsleiter tätig. In Kamerun war er zuletzt Resident im Bezirk Garua.

schall im Kampfe gegen Elend und Dunkelheit. Die von Viktor Böhmert, dem Herausgeber der Sozialkorrespondenz, liebevoll gesammelten Zeugnisse der Bodelschwingh, Bunsen, Schrader, Gneist, Eberin, Schepeler-Lette u. a. ergeben ein glänzendes Bild schlichter und gediegener Friedensarbeit desKronprinzen". Er hatte ein freiheitliches, von inniger Menschenliebe erfülltes Sozialprogramm, er liebte nicht bloß mit frommer Phrase jein Volk, er strebte die Wohl­fahrt aller Volksschichten an; insbesondere wirkte er eifrig mit an den Bestrebungen für Volkserziehung und Gesund­heitspflege, am Genossenschaftswesen, an der Arbeit für die Wohnungsreform, an der Fürsorge für Wanderer und Arbeitslose. Seine Vorurteilslosigkeit, seine edelsinnige Duldsamkeit in religiöser Beziehung und hinsichtlich der Volksstämme wird nicht vergessen werden. Wenn aber sein neues Berliner Reiterstandbild den wehrhaften Fürsten^ den Soldaten, den Bewohnern und Besuchern der Reichs- Hauptstadt vor die Augen führt, das Museum wird an das Mäcenatentum erinnern, das Kaiser Friedrich in be­scheidener, liebenswürdiger, von aller Vordringlichkeit, aller lleberhebung freier Weise und fern von allem romantischen Ueberschwang geübt hat, an die Förderung alles Schönen und Guten durch ihn und seine hochsinnige Gemahlin.

Am 18. Oktober 1831, dem Jahrestag der Schlacht bei Leipzig, war Kaiser Friedrich geboren, am 18. Juni 1888, dem Jahrestag der Schlacht von Waterloo, hat man ihn in der Friedenskirche im Park von Sanssouci beigesetzt. Sein Lebensanfang und sein Ende fielen zusammen mit .Ge­denktagen von höchster geschichtlicher Bedeutung für Deutschland. Die Denkmäler Standbild und Kunst- palast, die ihm heute, am 18. Oktober 1904, in Berlin geweiht werden, sollen steinerne Zeugetr seines geschichtlichen Ruhmes sein in Jahrzehnten und Jahrhunderten!

Ueber die augendlickliche Lage in Südwestafrika hat sich Generalmajor v. Francois, zurzeit Gouverneur der Festung Thorn, in einer Unterredung mit einem Be­richterstatter derThorner Ztg." wie folgt geäußert:Die Räuberbände der Marengos sitzt im Osten zwischen Riet- jontein und den Karrasbergen und hat selbstverständlicher­weise Zulauf aus allen Kottentottenstämmen bekommen. Damit ist aber gar nicht gesagt, daß die Kapitäne mit dem Zulauf einverstanden waren. Wenn jetzt Mtboi eine Kriegserklärung gesandt hat, so ist damit noch nicht gesagt/ daß außer Witboi auch andere Stämme mit ihren Kapitänen sich an dem allgemeinen Aufstand beteiligt haben. Das ist noch nicht ganz sicher. Die Lage im allgemeinen ist ziemlich bedenklich, es handelt sich für uns Parums an diesem Besiedlungsteil unbedingt sestzuhalten. DaM sind Besatzungstruppen nötig. Es handelt sich um ein Ein­schreiten gegen die aufständisch gewordenen Stämme, und da muß erst festgeshellt werden, welche Stämme sich gegen uns gewendet haben. Ist es Witboi allein, so wird die Truppenzahl eine beschränktere sein, wenn noch andere hinzukommen, dann muß eben mehr hingeschickt werden. Einzelne Farmen sind sehr gefährdet; sebr gefährdet sind auch das Gestüt in Nauas, Pferde und Zugtiere von der einen Kompagnie, die in Gobabis ift worauf es die Boirdel- zwarts absehen werden. Die in Gobabis befindliche Kom­pagnie wird zuerst Major von Lengerke (früher im Jnf.-Regt. 176, Thorn) zur Verfügung gestellt werden. Major von Lengerle ist der älteste Offizier und hat als solcher alle Maßnahmen zu treffen. Um nach Keetmanns- hoop zu kommen, braucht Leutwein etwa 10 bis 14 Tage.

Ich denke, Major Lengerke wird angriffsweise gegen die Witbois und alles, was aufständisch ist, vorgehen. Das

Feftsetzen auf einem Platz hat hier keinen Zweck."

Major v. Lengerke meldet heute über Kapstadt: Seit dem

5. Oktober befindet sich der Witboistamm in Auf­ruhr. Am selben Tage haben starke Hottentotten«- b an den unter Morenga die Kompagnie Wehle bei Hurueis, westlich Karasbergen, angegriffen, sind aber mit Verlust zurück geworfen. Ich stehe mit 150 Mann und vier Geschützen in Warmbad und Sandfontein; in Keet- mannshoop befinden sich 130 Mann und zwei Geschütze; die Verbindung mit dem Norden ist unterbrochen.

General v. Throth a meldet vom 16. Oktober: Deim­ling gelang es, mit der 3. und 6. Kompagnie und der halben siebenten Batterie unter Major Meister bei weiterer Verfolgung eüw mäßig starke Abteilung von Hereros

erzählt sich jetzt hier in einzelnen Künstlerckreisen einen neuen Ausspruch, den Kaiser Wilhelm über die moderne Malerei getan haberi soll; da et für gut verbürgt gilt, und überdies auch sehr charakteristisch lliugt, wird er allgemein geglaubt sogar mit einer gewissen Genugtuung, und gern geglaubt, wenigstens von den Vlodernen. Es war bei Gelegenheit eines Gesprächs über die Photographie in natürlichen Farben. Mit den Versuchen in diesem neuen Verfahren befaßt sich in Berlin Tr. Miethe, der seine Ausirahmen einmal auch dem Kaiser vorigen durste. Ueber die darin auffallendeir tranöparenteir Zwischen- färben, das Blau und Violett, entttntfeltc sich nun eine Dis­kussion, und Tr. Miethe machte in deren Verlauf darauf auf­merksam, daß dies dieselben Farben seien, die schon vor den Erfahrungen mit der photographischen Platte speziell die Maler derSezession vermöge einer schärferen Sehart, getoissermatzen intuitiv, gefunden hätten. Tamuf soll der Kaiser bemerkt haben:Sollten die Kerls am Ende doch recht haben?"

Dresdener Hoftheater. Graf Seebach als Inten­dant machte einer Anzahl Architekten, Journalisten usto. aum ersten Male die Honneurs imneuen Hoftheater". Nrn ist der Bau ja nicht; es ist daö alte schlichte schlechte Neustädter Mbertthaeter, das man der Not gehorchend, nicht beut eigenen Triebe gänzlich umgebaut hat. Eigentlich sind nur die Umfassungsmauern stehen geblieben, und wenn mnn hört, daß sämtliche Logen entfernt, die Korridore mächtig verbreitert und sechs neue, zwei Meter breite Seilen treppen, jede apart zu ihren bestimmtenRatige" führt, so ergibt sich, daß man es faß mit einem Neubau zu tun hat. Oberbaurat T-unger und Hcsivaurat Fröhlich Habeic ihre Scrche sehr gut gemacht. Tas reorganisierte Haus faßt nur 1250 Sitzplätze, aber alle sind bequem, die Aus­gänge reichlich genug, und die Hellen Farben im Hause nur weiß und lichtes Gold, die Möbel hellblau mivfen äußerst vornehm. g beu die Firma Rost geliefert,

vordere Vorhang n

i <, wenig

Mustern, die zur Ärchilelllir passen.

Aer erste deutsche Moynuugskongreß.

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Frankfurt, 17. Okt.

Ter erste deutsche Wohnungskongreß wurde heute unter Teil­nahme von etwa 900 2elegierten durch den Vorsitzenden, Prinzen Schönaich- Carolath, eröffnet. Vertreter sandten das Reichs­amt d^s Innern, das Reichsschatzamt, sowie viele Bundesregier­ungen und Stadtvertretungen. Zahlreiche Abgeordnete aller Par­teien sind anwesend.

Professor Tr. Pohle- Frankfurt sprach über die tatsächliche Entwickelung der Wohnungsverhältuisse Deutsch­lands in den letzten Zahrzehuteu.

Ende der 1880er Jahre und Anfang der 1890er Jahre sei ein wirtschaftlicher Wendepunkt eingetreten. Infolge der lebhafteren industriellen Entwickelung und der relativ zurück- gegangenen Landwirtschaft drängten die Volks- massen immer mehr in die Städte. Dadurch habe sich die städtische Bevölkerung in den letzten Jahrzehnten verdoppell, zum Teil sogar verdreifacht. In allen Städten habe die Be­völkerung um die Hälfte zugenommen. Tiefer Umstand habe naturgemäß auf die Wohnungsverhältnifse Übel eingewirkt. Die immer größer werdende Nachstage nach Wohnungen habe ein Steigen der Mietpreise und schließlich einen bis zur Wohnungs­not sich steigernden Wohnungsmangel herbeigeführt. Ter Zuzug der Landbevölkerung nach den Städten werde so lange andauern, so lange die Industrie im Auf st eigen begriffen sei und immer mehr Arbeitskräfte verlange. Ein eigent­licher Wohnungsmangel sei überhaupt nicht mehr vorhanden. Es sei falsch, die Wertsteigerung der Grundstückpreise als' eine un­gesunde Erscheinung zu bezeichnen. (Berbandsdirektor Hartwig ruft: Hört!. Hört!) Es sei nicht außer Acht zu lassen, daß die Baumaterialien und auch die Arbeitslöhne wesentlich gestiegen seien. Tie Löhne der Maurer in Berlin seien von 21/n bis 6 Mk. in wenigen Jahren gestiegen. (Hartwig ruft: Acht Mark!) Außerdem dürfe nicht außer Acht gelassen werden, daß die ge­samte Bauart, die Wohnungseinrichtungen usw. besser, schöner und gesünder geivorden seien. Und dieser Vorzug sei doch auch den sogenannten Mietskafernen zu gute gekommen. (Widerspruch.) Tie Erhöhung der Einkommen sei wichtiger, als die Verbilligung d e r M i e t s p r e i s e. Es sei zu wünschen, daß die Verbesserung der Wohnungseinrichtungen und die Stei­gerung der Einkommen immer weitere Fortschritte mache. Es liege jedenfalls kein Anlaß vor, zu verz-weifeln, wenn auch die große Wohnungsreform nicht zur endgilligen Lösung führen sollte. (Lebhafter Beifall.)