Ausgabe 
18.6.1904 Drittes Blatt
 
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Nr. 141

Viertes Blatt

Samstag 18. Juni 1804

Gießener Anzeiger

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

General-Anzeiger, 2Imts= und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

e

DieGießener Zamilienblätter" werden dem »Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der «hessisch» Landwirt*' erscheint monatlich einmal.

154. Jahrgang

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu Unioersitätsdruckeret. R. Lange. Gießen.

Redaktion, ExpedUton u. Druckerei : Schulstr.7.

Tel. Nr. 5L Telegr.-Adr. i Anzeiger Gteßeu.

Valitische Tagesschau.

Servisgesetz und Wohnungsgeldznschuß.

Der Reichstag, der nun in die Ferien gegangen ist, hat die Servisvorlage in 3. Lesung angenommen. Alle Parteien des Reichstags stimmten der Vorlage zu, sind aber auch darüber so ziemlich einig, daß mit der jetzt be­schlossenen Aenderung herzlich wenig gebessert wird. Beglückwünschen können sich nur die, allerdings bisher recht schlecht gestellten Offiziere, um so we­niger die Städte, welche in der Novelle nicht in eine höhere Klasse aufrücken. Die 200 Petitionen derselben wandern einfach in den Papierkorb. Es bleibt dabei, daß dieselben Ortsklassen für Servis, wie für Wohnungsgeld maßgebend sind. Infolgedessen werden die Offiziere in Garnisonen, die nach der Novelle in eine höhere Klasse aufrücken, doppelt gesegnet: es erhöht sich für sie nicht b-loß der Wohnungsgeldzuschuß, sondern auch der Servis.

Iw Reichstag herrschte Uebereinstimmung darüber, daß die Grundlage des ganzen Servisgesetzes, die Verbind­ung von Personalservis und Wo h-nu n g s g e ld - zuschuß verfehlt sei; aber statt nun ganze Arbeit zu wachen, hat sich die Regierung nur dazu verstanden, eine Revision des Servistarifs und der Klasseneinteilung der Orte in ztm - Jahren in Aussicht zu stellen.

Der Reichsschatzsekretär Frhr. v. Stengel begründete die ablehnende Haltung der Regierung gegenüber weit­gehenden Forderungen mit der Rücksicht auf die un­günstige Finanzlage, d. h. die Rücksicht hält die Regierung nicht ab, für Bahnprojekte in Afrika Millionen iiber Millionen zu bewilligen.

Wenn Personalservis und Wohnungsgeldzüschuß grund­sätzlich voneinander getrennt werden, verringern sich die Kosten ganz bedeutend. Die einseitige Bevorzugung der Offiziere und Militärbeamten verhiridcrt eine bessere Klasseneinteilung der Orte überhaupt. Wenn der Personal­servis fortfällt, verringern sich entsprechend die Kosten, und die finanziellen Bedenken der Regierung müssen erheb­lich schwinden.

Was nützt es den Beamten, wenn die Notwendigkeit einer Reform des Wohnungsgeldzuschusses allerseits an­erkannt wird, auch von der Regierung, wenn aber die Ge­legenheit immer wieder versäumt wird, mit einer Reform ernfrnch vorzugehen! Die ietzige Servisvorlage wurde an­genommen, aber für die Beamten wird damit herzlich wenig gewonnen, und was noch schlimmer ist, es besteht auch wenig Aussicht, daß in zwei Jahren mehr durchgesetzt werden wird. Wir befürchten sehr, daß dann dasselbe Schauspiel sich abspielcn wird: eine Reihe von Orten wird dann wieder nur in ein höhere Servksklasse versetzt, eine Menge von Petitionen wieder als Material überwiefen werden, aber eine grundsätzliche Reform wird ai7ch dann auskleiben, obwohl jetzt einstimmig eine Resolution zur Annahme kommt, durch welche bie verbündeten Regierungen ersucht werden, baldmöglichst, jedenfalls mit der nächsten Revision des Servistarifs, einen besonderen Gesetzentwurf über die Bewilligung von Wohnungsgeldznschüssen dem Reichstag vorzulegen. Die Reform des Wohnungsgeldzu­schusses ist ein dringendes Bedürfnis, dem gerecht zu wer­den die unabweisliche Pflicht des Staates ist.

*

Eine Anwendung des Erbbaurechts für die Wohnungsreform.

In Württemberg, in dem Städtchen Geislingen an der Steige hat der Leiter der Württembergischen Metallwarenfabrik, Kommerzienrat Hagele, den Versuch gemacht, das in den §§ 1012 bis 1018 des Bürgerlichen Gesetzbuchs vorgesehene Erb­baurecht für die Wohnungsreformbestr bungen nutzbar zu machen. Nach § 1012 kannein Grundstück in der' Weise belastet werden, daß demienigen, zu dessen Gunsten die' Belastung erfolgt, das veräußerliche und vererbliche Reckt zusteht, auf oder unter der Oberfläche des Grundstücks ein Bauwerk zu haben". Nach der Ansicht Hägeles ist eine Einschränkung der Bodenspekulation und eine gedeihliche Entwicklung der Wohnungsrcform durch eine weitgehende Anwendung dieses Erbbaurechts sicher zu erwarten. Er hat deshalb nach langen Verhandlungen einen Erbbauverein gegründet und diesem ein Grundstück geschenkt, auf dem zunächst drei Häuser mit je zwei Wohnungen und Gärten errichtet werden sollen" Diese sollen an Arbeiter derart vergeben werden, daß sie mit der Zeit in den Eigenbesitz ihrer Wohnungen gelangen. Da

aber mit Ablauf des Erbbauvertrags die Gebäude in das freie Eigentum des Grundeigentümers zurückfallen, wurde, um die Arbeiter nicht eines Tages wieder wohnungslos zu machen, das Erbbaurecht aus unbeschränkte Zeit verliehen. Um aber anderer­seits unübersehbaren zukünftigen Verhältnissen Rechnung zu tragen, wurde dem Erbbauverein ein Vorkaufsrecht auf die Gebäude eingeräumt. Auch die Bestimmungen über die Auslösung des Vereins, die hvpothekarische Beleihung der mit Erbbaurecht be­lasteten Grundstücke und andere zum Teil recht schwierige Rechts­fragen iourden unter weitgehender Mitwirkung des Ministeriums des Innern geregelt. Versuche dieser Art dürften in Deutschland noch selten sein. Es ist sehr zu wünschen, daß man die weitere Entwicklung und die Erfahrungen dieses Geislinger Erbbauvereins mit Aufmerksamkeit verfolgt und beim Gelingen dieses Versuchs auch int übrigen Deutschland Versuche zur Nutzbarmachung des § 1012 für die Wohnungsreform anstellt.

Vermischter.

* Untertürkheim, 16. Juni. Ein vom Meister ent­lassener Schuhmachergehilfe schlich sich heute nacht in das Haus des Meisters ein und brachte einem schlafenden Gesellen zahlreiche Wunden in Kopf und Brust bei. Der Verletzte ist heute morgen gestorben.

* Biberach, 17. Juni. Die 12 Jahre alte Viktoria Prestle wurde in der vergangenen Nacht an der Mauer des hiesigen Friedhofes von ihrer Mutter mit eingeschlagenem Schädel aufgefunden. Als der Tot verdächtig wurde der Sohn des Toten­gräbers und dessen Bruder verhaftet.

* Die Kaiserin und die Frauen frage. Bei der Audienz, welche die Kaiserin einer Abordnung des Frauen-Kon- gresses gewährt hatte, wurde Frau Marianne Hainisch aus Wien durch eine längere Ansprache ausgezeichnet. Wir geben int An­schluß hieran nach derN. Fr. Pr." den Inhalt des Gesprächs wieder: Frau Marianne Hainisch wurde von der Kaiserin ge­fragt:Was interessiert Sie von den Frauenfragen am meisten?" Tie Unterrichtsfragen", antwortete Frau Hainisch,mit denen ich mich seit 34 Jahren beschäftige."Da hoben Sie die Sache am rechten Ende angepackt", bemerkte hierzu die Kaiserin, mit der Bildung der Frau muß angefangen werden." Frau Hainisch lobte die östreichische Volksschule und sagte:Wir ver­missen nur Fortbildungs- und Hansholttingsschulen für Mädchen. Unsere Mädchen müssen fast ausschließlich für den Erwerb unter­richtet werden. Ja, wenn alle Frauen sich verheiraten könnten" hier rief die Kaiserin dazwischen:Aber glücklich!"Dann wäre ein Teil der Frauenfrage erledigt."Oho", sagte darauf die Kaiserin,ich denke daß man auch zum Heiraten sehr ge­bildet sein müsse. Denn um den Mann glücklich zu machen und unsere Kinder richtig erziehen zu können, braucht man sehr feiet- Bildung."Wer sorgt denn", fragte die Kaiserin weiter, in Oesterreich für Ihre Haushaltungs- und Fortbildungs­schulen, wenn nicht der Staat?"Das Bürgertum", antwortete Frau Hainisch,die höheren Kreist beschäftigen sich mehr auf dem Gebiete der Wohlfahrtspflege." Tie Kaiserin (erstaunt): Nicht mit den Schulen?" Frau Hainisch:Man kann aller­dings von Nonnen nicht verlangen, daß sie sich für Kinder und Familienangelegenheiten interessieren." Die Kaiserin reichte Frau Hainisch die Hand und sagte zu ihr:Ich wünsche Ihnen, daß Sie Ihre Erzherzoginnen für Ihre Schulen gewinnen." Mit Fräulein Clifsord aus England sprach die Kaiserin über eng­lische Bildungs- und Universitätsverhältnisse.Ich möchte gern einmal", sagte die Kaiserin,mir ein englisches Kollege ansehcn. Wenn ick Gelegenheit haben werde, werde ich es gewiß tun."

* Ein falscher Student. In der Berliner Universität fiel seit einigen Tagen ein junger Mann ans, mit dem esnicht ganz richtig zu sein schien". Er ging nach der neuesten Mode gekleidet und hatte so viele vernarbte Schmisse, als ob er min­destens einige zwanzigmal auf der Mensur gestanden hätte. Als er gestern zu rempeln anfing, um einige Kontrahagen zu bekom­men, stellte es sich heraus, daß man es mit einem Geisteskranken zu tun hatte. Der junge Mann war nicht Student, sondern ein Schlosserlehrling Rickord Müller, der bei seiner Mutter im Norden der Stadt wohnte. Er hatte die Lehre ausgegeben und war nickt mehr zum Arbeiten zu bewegen. Wenn ihn seine Mutter dazu anhalten wollte, lief sie jedesmal Gefahr, von ihm mißhandelt zu werden. Sie ließ ihn daher gewähren. Müller schneiderte sich nun aus den Kleidern seines verstorbenen Vaters tadellos fitzende Anzüge selbst. Einen hohen Stehkragen mochte er ans einem Stück Blech, das er mit weißer Oelfarbe strich. Um sich einen fremdländischen Anstrich zu geben, färbte er sich sein blondes Haar mit Ruß und Lack pechschwarz. Tann nahm er ein Messer und brachte sich nach und nach eine Menge Schmisse bei. Nach Feststellung feiner Persönlichkeit wurde der Kranke in eine Anstalt gebracht, in der er sich schon einmal befunden hatte.

* Die Montblanc-Dahn. Neuerdings verlauten nähere Mitteilungen über eine Bahn auf den Montblanc, für die im

Auftrage einer Gesellschaft von französischen Kapitalisten der In­genieur Vallot nach dem Muster der Jungftaubahn einen Plan ^gearbeitet hat. Die Bahn hätte im ganzen einen Höhenunter­schied von 3750 Meter zu überwinden und würde 17 601 Meter lang werden. Von diesen 17 Kilometer kämen allein 10 000 auf Tunnels. Als Ausgangspunkt wird die Ortschaft Les Houckes im Charnounirtal genannt, als erste Haltestelle das Gipfelrnassiv des Gros Bechard (2565 Meter), bekannt durch seine prächtige Aussicht auf das Charnounirtal. Die zweite Station soll sich unter dem Gipfel der Aiguillc du Gouter (3864 Meter) befinden, also schon inmitten der Welt des ewigen Schnees imb Eises. Unter der Eisdecke soll dann die Bahn zum Rocker des Bofses fortgcfüfyrt werden, wo sich unweit des Refuge Vallot und des Observatoire du Montblanc die dritte Station befinden soll. Hier tritt die Bohn durch einen Tunnel in den Nordabhang be« Montblancmassivs, um über dem Mur de la Cote bei den Petits Rochcrs Rouges in einer Höhe von 4560 Meter zu enden. Die Fahrt soll lediglich die Kleinigkeit von zwei Stunden in An­spruch nehmen, gegenüber den drei Tagen, die der Bergsteiger zu Fuß braucht, allerdings eine beträchtliche Verkürzung.

* Tantalus' Vergehen und Strafe. (Bruchstückei aus einem derTägl. Rdfch." vorgelegten Schüleraufsatz.)Es^ begab sich aber zu der Zeit, als Zeus einen Sohn bekam, den cx»-tantalu§ nannte. Als er nun größer geworden war und ein, Halbgott der Griechen, setzte ihn Vater Zeus auf die Erde zunr! Regieren und übergab ihm den Berg Sypilus in klein Asien zur Verwaltung. Tantalus verstand es, sich bet den Göttern sehr beliebt zu machen, und hatte bald jederzeit freien Zutritt zu ihren Mahlzeiten. Einst wurde Tantalus sogar bei Zeus zum Tiner eingeladen, wo sich die Götter mancherlei erzählten,, und er ihre Redensarten mit anhörte. Auch durfte er sich mit' ihnen an ihren schönen Speisen satt essen. . . . Doch ihre freund- lichen Anerbieten mißbrauchte er, und er versündigte sich gegen, die Götter. Er plauderte göttliche Geheimnisse aus und nahm

sich von Nektar und Ambrosia wie nämlich das Fleisch bet;

Götter und der Wein genannt wurde so viel er schleppen:

konnte und gab dann seinen irdischen Zeitgenossen einen Kost-

happen davon. Fürwitzig wollte er sogar herausbekommen, wie weit es mit der Allwissenheit der Götter her sei. Deshalb lud er Götter und Göttinnen zur Gesellschaft auf der Erde ein. Als Braten ließ er seinen geschlachteten Sohn Pelops auf den Tisch kommen, da er die Götter gern prüfen wollte, ob, wenn' er ihnen Menschenfleisch vorsetzte, sie dasselbe herausschmecken würden. Nur Ceres, die leichtsinnige Ackergöttin, unversehens^ die eine Schulter, während die anderen den W i tz r a u s h a 11 en. Wütend nahmen sie die Fleisckteile, ließen die Knochen sammeln, und schmissen sie in einen Kessel. Parze Klotho aber spann, Pelops seinen Lebensfaden wieder an und ließ ihn aus biefen; Knochen frisch und munter auferstehen. Für das verzehrte, Schulterblatt wurde ein kunstvolles elfenbeinernes künstlich ein­gesetzt....." (Es folgt nun eine Schilderung der Tantalus^

quälen, und dann schließt sich folgende Nutzanwendung an): Diese dreifache Strafe war Tantalus sehr dienlich zur Besser-i ung: er mochte sie zwar nicht leiden, aber, da er es mußte,, konnte er sie doch nicht vermeiden. Auch heutzutage spricht^ man noch vonTantalusqualen erdulden", wie das zugeht, lehrt, das schone Beispiel: Bindet man einen Leckerbissen an einen Faden, läßt diesen durchs offene Fenster, unter dem ein zu-^ fällig Bekannter steht, der den Bissen mit Begier erhaschen nnll, so zieht man ihn empor und endet den Scherz, indem man' triumphierend ruft:Aber Du bist ja der reine Tantalus"^ Darum sagte das alte Sprichwort:Quäle nie ein Tier zunr- Scherz, denn es fühlt wie Du den Schmerz."

* Sie hat die Hosen an! Eine Hochzeit, die den Tagen der Frauenbewegung Ehre macht, wird demnächst in Vincland (Newyersey) stattfinden. Die 80jährige Miß Fowler, aus dieser Stadt wird einem Mann von 46 Jahren, der, ans Minnesota stammt, die Hand zum Bunde fürs Leben reichen.; Aber nicht allein der Altersunterschied des Paares erregt Staunen, sondern noch vielmehr die Taffache, daß die Braut erklärt bat, sie wolle nur inBloomers", in den Pumphosen, die seiner­zeit Mrs. Bloomer einführte, vor den Altar treten. Miß Fowler gehört nämlich zu den ersten Reformatorinnen der weiblichen Kleidung und trägt seit über 50 Jahrenbloomers". Die Vor­geschichte dieser Hochzeit ist trotz dieses Kleidungsstückes nicht ganz frei von jeder Romantik. Vierzig Jahre lang hat Mist Fowler Vorttäge gehalten und ihre eigene Farm bewirtschaftet, wobei sie nie die Hilfe eines Mannes geduldet hat. In der! letzten Zeit jedoch zwang sie ihr hohes Alter, sich nach einem' Oberauffcher umzusehen. Darauf hatte George Edward aus LeK Moiles, Minnesota, nur gewartet. Auf ihre Annonce schrieb er und bewarb sich um die Stelle. Als ihm die Antwort gefiel, schrieb er wieder und deutete an, daß er in Wirklichkeit eine Frau suche.- Miß Fowler war über seine Kühnheit erstaunt und wies darauf hin, daß sie einen Helfer, nicht einen Gatten, haben wollte. Aber Fowler erneute nur seinen Antrag, beide korrespondierten miteinander, und schließlich bekannte Miß Fowler/

Feuilleton.

Au ck Einer. Eine Reisebekanntschaft von Friedrich Theodor Vischer. Volksausgabe in einem Bande. Geheftet 4 Mark. Stuttgart, Deutsche Verlags-Anstalt. Ein Viertel­jahrhundert ist verflossen, seitdem dies humorvoll geistesgewalttge Wert des berühmten schwäbischen Aesthetikers zum erstenmal er­schien. Vischers Schöpfung ist fünfundzwanzig Jahre hindurch jung geblieben, und der darin niedergelegte Reichtum an Geist und Gemüt hat immer mehr Verständnis und Würdigung ge­funden. Dabei ist das Buch, das den in seiner Tragik gefaßten Kampf eines Idealisten mit demObjekt", den Heinen Zu­fallstücken des Daseins, im Lickte des Humors schildert, durch­aus keine gewöhnliche Unterhaltungslektüre. Es wendet sich an tiefer angelegte Naturen und will mit Verständnis gelesen werden. Man Darf die Gestalt des Helden A. E., dieses Kämpfers gegen Heuchelei und Philistertum, von polternder Rau­heit und selbstloser Güte als eine der originellsten Schöpfungen unseres neueren Schrifttums bezeichnen. Das ganze Buch aber gehört mit seiner köstlichen Pfahlbannovelle. seinen feinsinnigen Betrachtungen über Kunst und Volkstum und seiner glühenden patriotischen Begeisterung zu den wertvollsten und erfreulichsten Erscheinungen der . deutschen Literatur.

Friedri ch Spielhag en, Romane Neue Folge. Wohlfeile Lieferungsausgabe in 50 Heften zu je 35 Psg. Alle vierzehn Tage eine Lieferung (Verlag von L. Staackmann in Leipzigs Die Lieferungen 38 bis 43 enthalten die NovellenSelbstgerecht" undMesmerismus", 'beides Werke, die Spielhagens Eigenart in der fein durchgeführ­ten Beobachtung der Charaktere nicht verleugnen. Wie in allen feinen Werk n, weht auch durck die beiden Novellen Waldesduft und Meeresrauschen seines geliebten Ostseestrandes.Selbst­gerecht" wird überdies niemand ohne tiefere innere Bewegung lesen. Tas Schicksal dieses Oberförsters, eines prächtigen Men­schen, der gezwungen ist, einen Menschen zu töten, und sich nicht dem orbentlid en Richter überliefert, sondern sich schlleß- lick selbst richtet, ist in allen Phasen ganz ausgezeichnet ge­schildert.

Eine ganze Reihe vortrefflicher Namen ist in den beiden letzten Nummern des Magazins für Lite­ratur mit beachtenswerten Aufsätzen vertreten. Pe.er Hille, der geniale Sonderling, würdigt Kants Bedeutung in dem ori­ginellen Essay:Solche Stirnen müssen wiederkommen", Paul Scheerbart, der Dichter des WeltenranmS, findet sich mit einer prächtigen Novelle ein, Johannes Schlaf äußert sich über Scheerbarts Kunst, Knut Hamsun, der Norweger, rückt Tolstoi an den Leib, aparte Abhandlungen über Verlaine, über freie Licke und Ehe von Dorothea Goebcler und ein wag­halsiger Aufsatz des bekannten ElsässerStürmers" Neus Schickele schließen sich dem an. Ferner untersucht der Soziologe Dr. Robert Michels das Wesen des Patriotismus, Paul Leppin die Wirkungen des Kolportageromanes, und der Lyriker Alfons Paquet wird dem Problem des bewußten Willens in der Welt­geschichte, das Strindberg zuerst aufrollte, auf glänzende Weise und mit klugem Anstand gerecht. Des weiteren ist noch die lustige und seltsame Plauderei über Richard Schankal von Jacques Hegner zu erwähnen, eine dramatische Skizze von Anton Tsche­chow und der vorzügliche Gedichtkranz, der die verschiedenartigen Beiträge stimmungsvoll umwindet.

Napoleon I. kurz vor seinem Tode. Nachdem Journal des Tr. F. Antommarchi. Uebertragcn von Oskar Mar­schall von Bieberstein. 2 Bände, 26 Bgu. Oktav. Preis brosch. 7.20 Mk. Leipzig, H. Schmidt u. C. Günther. Antommarchi, ein junger korsischer Arzt, wurde von Kardinal Fesch in Rom, dem Onkel des Kaisers, zur Pflege Napoleons nach St. Helena geschickt. Namentlich in der ersten Zeit seines Aufenthaltes schien der Verbannte großes Vertrauen in den hochgebildeten Florentiner Arzt zu setzen, denn die Aeußernngen, welche Na- poleon, Ereignisse seines Lebens betreffend, ihm gegenüber machte, tragen ein durchaus vertrauliches Gepräge. Die Mit­teilung von historischen Dokumenten aus der Zeit der italienischen Kriege und des Krieges in Aegypten, geben dem Journal An- tommarchis einen unbestreitbaren Wert. Tie Beziehungen änder­ten fick späterhin allerdings, als Antommarchi, wenn er am Krankenbett verlangt wurde, sich in Jamestown amüsierte. Ein unbestreitbares Verdienst hat sich Antommarchi durch Herstell­ung der Totenmasken Napoleons erworben.

Der Verein Kosmos, Gesellschaft der Nattrrfreunde, gab ein Buch von Dr. Th. Zell, unter dem Titel:Ist das Tier unvernünftig? Neue Einblicke in die Tier- sc c le" heraus. Preis Mk. 2.. Stuttgart, Franckh'sche Ver­lagshandlung. In den vorliegenden Abhandlungen sucht er das Verständnis für die uns merkwürdig oder unvernünftig er­scheinenden Handlungen der Tiere auf folgendem Wege.zu er­klären. Es gibt zweierlei zu bedenken: 1. Wie hat das Tier früher gelebt? 2. Ist seine Sinnesorganisation nicht anders wie die unserige? Denn, wie er immer wieder betont und ausführ­lich begrünbet, hat ein Geschöpf entweder gute Augen (Augen­tiere : Katze, Löwe, Tiger, Affe, Vögel ufw.) ober eine gute Aase (Nasentiere: Hund, Rind, Pferd, Bär ufw.), niemals aber betbe Sinne zugleich vorzüglich.

Weydes Neues deutsches Rechtschreibwör­terbuch. Mit Recktschreibregeln, kurzen Wort- und Sacherklär- ungen, Verdeutschungen der Fremdwörter und sprachlichen Winken aller Art. Auf Grund der neuen gemeindeutschen Rechtschreibung nach der Einhettsschreibung des Buchdrucker-Duden bearbeitet Zweite, verbesserte Auflage. Mit etwa 50 000 Stichwörtern. Preis' in Leinwand gebunden 1.50 Mk. Verlag von G. Freytag in Leipzig. Tie neue Rechtschreibung brachte sehr viele Doppcl- schreibungen. Dieser Ucbelftanb veranlaßte die deutschen Buch­drucker zur Herausgabe eines Wörterbuches mit einheitlichen Schreibungen; alle Buchdrucker mit ihrem mächtigen Einflüsse gehen jetzt nach dieser Einheitsschreibung vor. Die zweite Aus­lage von Weydes Rechtschreibwörterbuch schließt sich ihr an; sie süßt wieder streng auf den kleinen amtlichen Wörterbüchern aller, deutschen Staaten; wo diese auseinandergehen (z. B. Furage, Jo­seph), bann bei ben Toppelschreibungen und in bau amtlich nicht geregelten Teile des deutschen Wortschatzes folgt es meistens dem.Buchdrucker-Wörterbuch"; in der Vereinheitlichung über­trifft es dieses noch, indem es dort, wo sich bas Buchdrucker­wörterbuch für eine Schreibung nicht entscheidet, z. B. bei Hilfe Hülfe, auf Grund der Mehrzahl der vorliegenden Stimmen nur eine Schreibung bringt.