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18/05/1904 Drittes Blatt
 
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Mittwoch I«.AKftt iwh

Nr. 115

Drittes Blatt

Gießener Anzeiger

Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntags.

154. Jahrgang

DieGießener KamilienblStter" werden dem ^Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.

Rotationsdruck und Verlag der Brühlfchae Untversitätsdruckerei. R. Lange, Gießen.

Redaktion, Exp^Uion ».Druckerei: Schulstr.

Tel. Nr. 51. Telegr.-Adr. r Anzeiger Gießen.

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Vslitische Tagesschau.

Zum Servißtarif wird geschrieben:

Die Verabschiedung des Gesetzentwurfes betreffend den Servistarif und die Klaffeneinteilung der Orte vom 11. Januar 1904, welcher am 22. Januar im Reichstage zur ersten Be­ratung stand und darauf her Budgetkommiffion zur Prüfung überwiesen wurde, ist bis jetzt noch nicht erfolgt. Bedenkt man, daß diese Prüfung sich nicht nur auf die in eine höhere Klaffe vorgeschlagenen 205 Orte erstreckt, sondern auch noch weiter über 100 Petitionen vorliegen, worin für gleich viele Orte die Versetzung in eine höhere Klaffe beantragt wird, so ist es erklärlich, daß diese Angelegenheit nicht in einem Tage erledigt werden kann. Daß den Tausenden Beamten und Unierbeamten, welche gehofft hatten, am 1. April in den Genuß des höheren Wohnungsgeldzuschusses zu gelangen, eine herbe Enttäuschung bereitet worden, ist ja recht bedauer­lich, ist aber großenteils den Dauerrednern im Reichstage aufs Konto zu schreiben, die auch die Nichterledigung des Haushaltsetats zum 1. 9(prit verschuldet haben. Die Frei­sinnige Ztg., jetzige Freie deutsche Presse, setzt nun Zweifel darin, ob der Gesetzentwurf in diesem Jahre überhaupt noch zur Verabschiedung gelangen werde und meint, es würde so kommen wie 1902, wo die Beamten mit dem Versprechen getröstet wurden, daß in zwei Jahren eine Revision der Klasseneinteilung erfolge. Auch dieKöln. Volksztg." glaubt nicht, daß eine grundsätzliche Reform des Wohnungsgeld- zuschusses und Servistarifes bald erfolgen werde, spricht aber doch die Ueberzeugung aus, daß die Beratung des Servis­gesetzes jedenfalls im Herbste erfolgen wird und .dann rück­wirkende Kraft hat, d. h., daß den Beamten in den Orten, welche in eine höhere Klasse versetzt werden, der höhere Wohnungsgeldzuschuß nachgezahlt werden muß.

A.rs Ktaöt und Land.

Gießen, den 18. Mai 1904.

* Radfahrer, insbesondere Motorradfahrer machen wir auf die in der heutigen Nummer dieses Blattes enthaltene Bekanntmachung des Großh. PolizeiamtS besonders aufmerksam.

** Von dergescheite Fraa" in Herchenhain wird so mancher schöne Witz erzählt. Vielleicht ist folgender wenig bekannt: Da des öfteren in den Hühnerhof derge­scheiten Fraa" ein Habicht kam, um Hühner zu rauben, so hatte auf die Bitten der Frau der Förster ein Pfahleisen ge- stellt, um denHabch" zu fangen. Das Eisen war noch nicht lange gestellt, als es einen Mordsspektakel gab. Die Frau eilte zur Türe heraus, konnte aber nur zusehen, wie

der Habicht, dem das Eisen beide Füße abgeschlagen hatte, eilends das Weite suchte. Doch triumphierend rief sie dem Vogel mit hocherhobener Rechten nach:Ach, fläi (fliege) dou nur, dou bommer Habch, beim Setze wird sich'S weise (zeigen).-

"Aus der Schule. Bei einer Schulprüfung kam folgender schöne Scherz vor: Der Herr Schulinspektor griff selbst in die Prüfung, die sehr gut ging, ein und stellte die Fragen; es wurde gerade Geographie behandelt. Kaum hatte er einige Fragen, die schon stockend beantwortet wurden, gestellt, als er beim Weiterfragen die verblüffende Antwort erhielt:Eich sein net Portugal, eich sein Spanje (Spanier)."

8. Ruttershausen, 17.Mai. Der hiesige Friedhof hat in diesem Frühjahre eine bedeutende Verschönerung da­durch erfahren, daß auf Veranlaffung der Gemeindebehörde neue, breite, mit weißem Sand überworfene Wege angelegt wurden. Diese Maßnahme wird von der gesamten Gemeinde um so dankbarer anerkannt, als die einzelnen Gräber von den Angehörigen eine überaus aufmerksame und liebevolle Pflege während des ganzen Jahres erfahren. Man sieht hier nicht, wie auf manchem anderen Friedhöfe einer Dorfgemeinde, teuere Grabdenkmäler stehen und darunter reichlich Unkraut- maffen.

)( Grünberg, 17. Mai. In seiner gestrigen Sitzung beschloß der hiesige Gemeinderat u. a. ein Gesuch an die Großh. Regierung zu richten um Errichtung der für die Provinz Oberhessen in Aussicht genommenen neuen Acker­bauschule in unserer Stadt. Wie verlautet, hat sich bis jetzt nur Hungen gemeldet. Zu dem Punkte der Tagesord­nung, die Geländestellung für die GrünbergL ich er Bahn war eine von einer größeren Anzahl Grünberger Bürger unterzeichnete Eingabe eingelaufen, worin der Ge­meinderat gebeten wurde, die Beschlußfassung über die für die Gemeinde so wichtige Angelegenheit vorerst noch auszu­setzen, bis mehr Klarheit über die Höhe der durch den Bahn­bau der Stadt erwachsenden Kosten vorhanden fei. Dieser Bitte, der sich ein diesbezüglicher Antrag aus der Mitte des Gemeinderats anschloß, wurde stattgegeben. Die hiesige Handwerker schule hat für das Schuljahr 1904/05 einen Zuwachs von 34 Schülern, sodaß die Gesamtzahl jetzt 90 beträgt.

) ( Laubach, 17. Mai. Einen glücklichen Treffer hatte der Landwirt Heinrich Johanni, von hier, welcher bei der in Alzey mit der landwirtschaftlichen Ausstellung ver­bundenen Verlosung auf Nr. 3962 ein Reitpferd mit Sattel und Zaum gewonnen. Der Wert stellt sich auf etwa 1300 Mk.

-j- Bad Salzhausen, 17. Mai. Ein am Sonntag von den Gießener CorpS nebst alten Herrn abgehaltener

Kommers, zu dem die Teilnehmer eine Musikkapelle eigens mitgebracht, verlief, begünstigt von der herrlichen Witterung, aufs Schönste. Die Zahl der Teilnehmer war eine ganz stattliche.

(!) Ober-Schmitten, 17. Mm. Dem Beigeordneten M. hier gingen die Pferde, darunter ein neugekauftes, durch. Der Besitzer selbst, welcher sie zu halten versuchte, kam zu Fall, und das eine Pferd stürzte auf ihn und verletzte ihn innerlich und äußerlich schwer. Er wurde als­bald zur Klinik nach Gießen verbracht.

g. Wenings, 17. Mai. Gestern abend gegen 10 Uhr brach im hiesigen Pachthof (Pachter Hahn) ein größeres Schadenfeuer aus, wodurch der größte Teil der Oeko- uomiegebäude eingeäschert wurde. Das Vieh tonnte ge­rettet werden.

§ Kaul st os, 16. Mai. Heute fand in der Heraetschen Wirtschaft die Ver pa ch tun g unserer Feld-und Wald­jagd auf weitere sechs Jahre in zwei Abteilungen statt. Das Stück rechts der Kreisstraße Sichenhausen-Burkhards erhielt der seitherige Pächter Dr. Droh m-Gießen für den Preis von 320 Mk. (seither 117 Mk.), den Teil links der genannten Straße Holzhändler Jakob Reiser und Kons.- Franks-urt a. M. für 156 Mk. (seither 81 Mk.). Der be­deutende Mehrerlös ist wohl den in Aussicht stehenden besseren Verkehrsverhältnissen des oberen Vogelsberges zu- Sufdjreiben, da auch andere Jagden schon eine Steigerung tm Preise erfahren haben.

g. Haingründau (Kreis Büdingen), 16. Mai. In letzter Zeit wird unser Ort von umherziehenden Zigeuner­banden stark belästigt. So traf vor einigen Tagen eine Gendarmerienachtpalrouille in der Nähe unseres Ortes eine größere Bande, die der Aufforderung, den Lagerplatz zu verlassen, teilte Folge leistete und, als die Gendarmen sich näherten, einen großen Hund aus sie hetzten. Die Gen­darmen gaben darauf einige Schreckschüsse ab, worauf die ganze Bande fluchtartig über die nahe Grenze eilte. Am verflossenen Sonntag wurde unser Ort wieder von einer sehr großen Zigeunerbande überschwemmt, sodaß die Bürger­meisterei telegraphisch die Büdinger Gendarmerie herbei- ries. Bis diese jedoch auf am, hatte sich die Gesellschaft aus und davon gemacht. Bon den Behörden sind Maß­regeln zur Unterdrückung dieses Unwesens getroffen.

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Kenry Morton Stanley.

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der alten Griechen und Römer die Menschheit vergeblich sich ab*

gemüht hatte. c ~ .,

Daß dies möglich war und dem kühnen amerckanischen Zett- uugs-Berichterstatter ein derartiger Riesenerfolg beschieden sein

Stanley müßte, wenn man eine Persönlichkeit und deren Leist­ungen bloß nach dem Enderfolge beurteilt, als der größte Afrika­forscher aller Zeiten und Länder bezeichnet werden. Wer aber die Beweggründe, die zu seinen Großtaten anspornten, wer die Mittel, durch welche diese Taten vollbracht wurden, und wer schließlich die Vorarbeiten jener zahlreichen anderen Afrikaforscher prüft, als deren glücklichen und erfolgreichen Abschluß die be­deutendste aller Leistungen Stanleys, nämlich seine Entschleierung des Kongorätsels sich darftellt, wird dem meistgefeiertcn Forsch­ungsreisenden des 19. Jahrhunderts einen solchen Ruhmestitel jedenfalls nicht uneingeschränkt zugestehen. .Trotz des Humani- täts-Mäntelchens, mit welchem in der Erinnerung an den großen Menschenfreund Livingstone sowohl der feder- und reklamegewandte Journalist selbst, als auch seine amerikanisch-englischen Hinter­männer die Gestatt Stanleys zu verbrämen gesucht haben, kann man in ihm nichts anderes als eine echte und rechte Conquist^ doren-Natur erblicken, deren unbeugsame Zähigkeit und Tatkraft in gleichem Grade an die Eroberer Mexikos und Perus erinnert, wie ihre rücksichtslose Selbstsucht und Aufopferung anderer Men­schenleben. Aber auch mit diesen Einschränkungen wird Stanley, der im Armenhause sein Leben beginnend, dem dunkeln Erdteil das letzte große Geheimnis entwand und Schöpfungen, wie die­jenige des gewaltigen Kongostaates anbahnte, m gleichem Grade wie Cortez und Pizarro als eine der interessantesten Erschein­ungen seiner Zeit gelten müssm.

Obwohl in England, nämlich als Sohn eines Farmers Row- lcmd 1841 im gebirgigen Wales geboren, galt Stanley, der sich erst 1890, also nach Abschluß seiner Forschungstattgkeit, endgittig in England niederließ, aus der Höhe seines Ruhmes durchweg als Amerikaner. Denn nach einer elenden Kindheit war der früh Verwaiste schon 1854 als Schiffsjunge nach New Orleans gelangt und dort von einem Yankee-Kaufmann Namens Stanley an Kindesstatt angenommen worden. Während des Bürgerkrieges trat der abenteuerlustige Bursche zünächst m das Feldheer der Süd- und später in der Marine der Nordstaaten, nm mit 24 Jahren, als Gordon Benett, der Verleger der Zeitung Nowyork Herald, seine Begabung erkannt hatte, völlig zur Prepe über* zugehen. Während der nächsten Jahre finden wir Stanley als Berichterstatter beim englisch-abesstmschen Feldzuge, bei der Er­öffnung des Suez-Kanals, dann in Persien, Indien usw. Die erste Forscher-Unternehmung aus afrikanischem Boden war die 1871 bis 1872 mit 200 schwarzen Lastträgern ausgeführte Auf­suchung des damals für verschollen geltenden Livingstone, die den Newyork Herald 200 000 Mark kostete. Die rührend lenti- mentale Schilderung, wie Stanley am Tanganjikasee mit dem greisen Livingstone zusammentras, wurde erfolgreich zum Ruhm des gefeierten Veteranen wie zur Reklame für den damals! 30jährigen Forscher ausgcnutzt. Nach abermaliger Berichterstatter- Tätigkeit unter anderm während der Aschanti-Expedition der von Wolseley geführten Engländer begann dann im November 1874 von dem jetzt unter deutscher Flagge stehenden oftasrikanischen Küstenort Bagamoyo aus jene glänzende Forschungsreise, die un­bedingt als die erfolgreichste der letzten Jahrhunderte gelten muß. Als Stanley drei Jahre später, am 8. August 1877 m Boma au der Kongo-Mündung die Westküste Afrikas erreichte, das größte geographische Rätsel, das es seit der Entdeckung Erforschung Amerikas und Australiens auf unserer Erde zu in Rätsel, an dem seit den Zeiten

konnte, ist bloß verständlich, wenn man die Vorgeschichte des Unter­nehmens und den damaligen Stand der Asrikasorschung in Be­tracht zieht. Findige Geschichtsschreiber haben mit mehr Fleiß als Erfolg nach Vorgängern des Columbus geforscht, die den großen Genuesen zu seinem Wagnis angespornt haben könnten. Anders bei Stanley, dem mittels einer letzten gewaltigen Krafl- leistung als reife Frucht auch alles das in den Schoß fiel, was durch jahrzehntelanges Wirken einige Dutzend opferwilliger For­scher, namentlich deutsche und englische angebahnt hatten. Wer eine Afrika-Karte anschaut, die älter als 1877 ist, findet in der Mitte des dunklen Erdteils mit der Bezeichnungunerforscht" einen großen weißen Fleck, der im Westen bis ganz dicht, im Osten dagegen, wo schon der Tanganjika und andere große Binnenge­wässer bekannt waren, etwas weniger weit an die Küste heran­reicht. Das uralte Problem der Nilquellen beherrschte seit Jahr­tausenden die Phantasie aller Geographen, während doch kein Mensch die Bedeutung des bloß hart an der Mündung bekannten Kongos als des wasserreichsten und des zweitlängsten aftikanischen Stromes geahnt hatte. Daß die feuchtigkeitstriefenden Gebiete des tropischen Jnnerafrikas sich nicht bloß nach dem Nil hin entwässern könnten, sondern auch Abflüsse zur Westküste haben müßten, war ja allerdings klar. Es ist eine merkwürdige und auf­fallende Erscheinung, daß man die Flußmündungen Westafrikas niemals ernstlich auf ihre Wasserführung untersucht und beispiels­weise jene ganz unbedeutenden Gewässer, die in das allerdings äußerlich gewaltige Eftuar von Kamerun einmünden, ebenso wie Ogowe, Quanza ober Kunene höher eingeschätzt hat, als die in Wahrheit um das viel Hundertfache mehr Wasser führende, aber bei oberflächlichem Anblick minder stattlich ausschauende Kongo- Mündung. So kam es, daß man den UeUe, den schon damals im Oberlauf bekannten größten nördlichen Zufluß des Kongos, sich unter dem Namen Liba nach Kamerun hin sortsetzen ließ und auch sonst Phantasiegebiwe schuf, die erst Stanleys Tat mit einem Schlage zerstört hat.

Völlig unerforschtes Gebiet, über das auch Livingstone und Cameron nach keiner Richtung hin Dorgebrungen waren, betrat Stanley erst, nachdem er sich am 5. November 1876 mit 210 Bewaffneten unb 18 Kanus zu Niangwc auf jenem nach Norben ftrömenben Lnalaba-Flnß eingefchifft hatte, betreffs bessen Stanley selbst damals noch nicht ahnte, zu welchem (Stromgebiet er gehöre und in welches Meer er sich ergieße. Die mit grausigen, nicht durchweg glaubhaften Bildern und mit allen Mitteln der Reklame ausgeschmückte Schilderung dieser neunmonatlicheu, ebenso gefahr­vollen, wie abeuteuerUcheu Flußfahrt, wie sie Stanley in seinem zweibändigen WerkeDurch den dunklen Erdteil" niedergelegt hat, gehört jedenfalls zum Spannendsten und Packendsten, was jemals in ähnlicher Art geschrieben worden ist. Von neueren Reiseschilderungen hat bloß Nansens Beschreibung seines Vordrin­gens in der Richtung zum Nordpol einen gleichen bnchhändleri- schen Erfolg gehabt. Zweifellos ist, daß die Beschaffung der Lebensmittel in dem von halbwilden Regerstämmen bewohnten Lande außerordentlich schwierig war, daß die lleberwindung der Wasserfälle auf dem Landwege nur mittels unerhörter Strapazen möglich war, und daß Stanley nach dem Verlust der meisten schwarzen und auch seines letzten weißen Gefährten halb verhungert bei den an der Meeresküste ansässigen Portugiesen eingetroffen ist. Betreffs der in Bild und Wort geschilderten beständigen Kämpfe gegen Tausende und Abertausende von Eingeborenen soll jedoch Stanley, wenn man den Beamten, die später am Kongo unter ihm dienten, glauben darf, stark übertrieben haben. Am Kongo selbst haben schwarze Teilnehmer an Stanleys großer Fahrt in dieser Hinsicht nichts anderes zu berichten gewußt, als daß wohl niemals ab unb zu habe geschossen werben müssen.

Wer bie Geschichte ber Erforschung Afrikas nicht ganz genau

kennt, wirb es auffallend finden, warum der Erdteil auf dem von Stanley eingeschlagenen verhättnismäßig kurzen Wege noch nie­mals vorher durchquert worden war, während doch bei anderen Durchquerungen, wie z. B. derjenigen Nachtigals, weit größere Wegstrecken unter den schwierigsten Verhältnissen zurückgelegt wor­den waren. Das System der älteren Afrikaforscher bestand darin, zwar mit Trägern, aber ohne eigene bewaffnete Macht, dagegen im Einvernehmen mit den mehr oder minder barbarischen Herrschern solcher Negerstaaten wie Bornu, Baghirmi, Wadai usw. sich vor­wärts zu bewegen. Stanley dagegen ahmte das Beispiel der arabi­schen Sklavenjäger nach, die ja auch mit einer bewaffneten Truppe in die zentralafrikanischen Gebiete einzudringen pflegten, wo es keine größeren Negerreiche, sondern bloß halbwilde Volksstämme gibt. ,

Als Stanley nach seiner Auffehen erregenden grotzen Fahrt mit dem König der Belgier in Verbindung trat und in dessen Auf­trage von 1879 bis 1884 die Anfänge des Unternehmens schuf, das sich später zum heutigen Kongo-Staat ausreifen sollte, ent­sprach das Verwaltungs-Talent des großen Forschungsreisenden den auf ihn gesetzten Erwartungen durchaus nicht. Entdeckungen wie diejenige des Leopold-Sees wurden wohl noch gemacht, jedoch hinsichtlich der Anlage der Stationen und anderer Dinge die größten Fehler begangen. Dazu kam, daß der selbstsüchtige Mann, dessen Temperament wohl auch durch die erduldeten Strapazen reiz­bar geworden sein mochte, sich bei seinen Untergebenen nicht be­liebt zu machen verstand. Noch ein letztes Mal ist dann Stanley, unb zwar mit größtem Geldaufwanb, größerer Truppe unb größe­rer Machtsülle als auf irgenb einer feiner früheren Reisen, zu einer abermaligen Durchquerung Afrikas, biesrnal von West nach Ost, ausgezogen. Es galt, mit ben Geldmitteln englischer Privatleute angeblich den seit dem Mahdi-Aufstand von der zivilisierten Wett abgeschnittenen Emin Pascha zu retten, in Wahrheit aber, dessen Provinz für England zu erwerben. Im März 1887 brach Stanley an der Spitze von 700 Sudanern und Sansibarern vom Kongo auf und am 6. Dezember 1889 traf er mit Emin Pascha zu Baga­moyo an der Ostküfte ein. Trotz des äußeren Erfolges hat nichts so sehr wie diese Reise dazu beigetragen, den Stern des rücksichts­losen Mannes zum Verbleichen zu bringen. Denn Emin war ihm bloß widerwillig gefolgt, und während nach ber großen Kongo- Fahrt fein überlebender Europäer vorhanden war. Der Stanley hätte anklagen können, fehlte es diesmal keineswegs an einwandfreien Zeugen, die über die von Stanley angewandten Mittel unb bie Selbstsucht seines Charakters allerhanb unerfreuliche Enthüllungen machten. Dagegen finb bie in geographischer unb sonstiger wissen­schaftlicher Hinsicht gegen Stanleys Angaben erhobenen Zweifel durch bie genauere Nachprüfung seiner Nachfolger nicht bestätigt, fonbem als grunblos erkannt worden. Mag immerhin der in Stanleys erster Karte gezeichnete Kongo-Bogen etwas allzu ge­krümmt ausgefallen sein, so ist das in Anbetracht der Schwierig­keit, mit der sich alle Beobachtungen vollzogen, ebenso entschuldbar wie leicht zu erflären.

Nachdem sich Stanley London zum Ruhesitz erkoren hatte, trat er noch mit 50 Jahren in den Ehestand und ließ sich auch ins englisckze Unterhaus wählen, ohne aber dort eine irgendwie hervor­ragende Rolle spielen zu können. Die Zeitungen, in denen Stan­leys Name während der zwölf Jahre von 1877 bis 1889 fast täglich genannt zu werden pflegte, haben seitdem keinen Anlaß mehr gehabt, sich mit ihm zu beschäftigen. Wie bei allen anderen Afrikaforschern zeigte sich auch bei Stanley erst während des mit der Verehelichung beginnenden ruhigen Lebens, daß Fieber unb ansgestandene Strapazen den Körper des mittelgroßen und zähen, aber keineswegs besonders muskulösen Mannes für Gelenkrheuma­tismus und andere Leiden vorbereitet hatten. (K. Z.)