Aus Stadt und Land.
Gießen, den 18. April 1904.
** Prinz Eitel Friedrich reiste mit dem Schnellzuge 7 Uhr 67 Min., von Ploen kommend, heute früh hier durch und nahm im Salonwagen das vorher telegraphisch bestellte Frühstück ein.
•* Versetzung. Der Lehrer Kissel in Niederwöllstadt wurde an die hiesige Realschule versetzt.
•* Die ersten Frühlingsgewitter. Der abnormen hochsommerlichen Hitze der letzten Tage folgten gestern am Nachmittag und am Abend die ersten Frühlingsgewitter, begleitet von Regen und heftigem Sturm. Das Thermometer hatte alltäglich in der Sonne über 25c, im Schatten 18—20° gezeigt. Nachts sank die Temperatur nur um wenige Grad. Der Frühling kam außerordentlich plötzlich und innerhalb einiger Tage erwachte die Natur. Kirschen, Pfirsiche, Zier- sttäucher, Stachel- und Johannisbeeren blühen, Aepfel und Birnen treiben Blätter, der Wald beginnt sich zu belauben und Schwalben lassen sich sehen. Nach dem überaus reichen Blütenschmuck zu schließen steht ein gutes Obstjahr bevor. Der Hafer ist vielfach schon aufgegangen, und die .Winterfrucht bereits handhoch gewachsen. Klee und Futterkräuter zeigen einen guten Stand. Der gestrige Sonntag lockte durch sein herrliches Frühlingswetter Hunderte von Spaziergängern hinaus in Wald und Feld. Im Bergwerkswald, im Schiffenbergerwald, und auf den Landstraßen sah man Scharen von Ausflüglern, war eS doch der erste Sonntag, an dem man im Walde das langersehnte junge Grün der Buchen und Birken pflücken konnte. Veilchen, Schlüffel- blumen und Anemonen wurden eifrig gesammelt, und der Ruf des Kuckucks belauscht. Das heutige Regenwetter bei lauer Lust fördert daß Wachstum noch mehr als der Sonnenschein der letzten Tage. — Auch aus Mainz erhalten wir Meldung voneinem 1*/, Stunden währenden erfrischenden Sonntagabend-Gewitter.
** Zur Erinnerung an den Kongreß für ex- per i m e n t e l l e P s y ch o l o g i e ist in der Rickerschen Universitätsbuchhandlung eine kleine Brochüre erschienen, die das Programm, ein Verzeichnis der Kongreßteilnehmer, die bis zum 13. d. M. an- Semeldet waren, einen Führer durch die Stadt, Ausflüge in die Umgebung u. a. enthält.
)( Klein-Linden, 17. April. Unser Turnverein hielt gestern abend in der „Deutschen Eiche" eine Generalversammlung ab. Es wurde beschloßen, am Himmelfahrttag einen Turngang nach der Saalburg, Usingen und Homburg zu unternehmen. Ferner wurde eine Reisekaffe gegründet, um tm nächsten Jahr einen Ausflug nach dem Niederwald auszuführen.
-i- Lich, 17. April. DaS Bahnkomitee der Nebenbahnstrecke Lich — Grünberg will am nächsten Sonntag tm , „Gasthaus zum Löwen" eine Versammlung abhalten. Das Projekt soll nochmals eingehend erörtert und über den Beginn der Arbeiten verhandelt werden. Noch im Sommer gedenkt man mit den Arbetten anfangen zu können, sodaß die Eröffnung schon im Herbst 1905 erwartet wird. Nennenswerte Geländeschwierigketten bietet die Sttecke nicht; sie geht von Lich bis Münster längs der Wetter, von dort über Ettingshausen neben dem EscherSbach, um zwischen Grünberg und Göbelnrod in die oberhesstsche Strecke Gießen-Fulda einzumünden.
-k- Mainz, 17. April. Zu dem aus Anlaß der Einweihung und Eröffnung der neuen Rheinbrücke hier am 1. Mai erfolgenden Besuch deS Kaisers sind große Vorbereitungen im Gange. Insbesondere dürste die dem Monarchen auf dem Rheine dargebrachte Huldigung eine seltene Sehenswürdigkeit gewähren. Sämtliche Rhedersirmen von Duisburg bis Mannheim haben Einladungen erhalten, sich an der längs der hiesigen Stadt stattfindenden Schiff- auffahrt zu beteiligen und der größere Teil derselben hat bereits die Zusage der Beteiligung gegeben, so daß sich eine stattliche Flotttlle von Dampfern und Schleppern hier zusammenfinden dürste. Der Hauptteil des Festaktes wird sich auf dem Rhein zwischen der neuen Rheinüberbrückung und der Straßenbrücke nach Kastel abspielen. Die Huldigungen vom Lande aus werden von den beiderseitigen Ufern dargebracht. Wie hier, nehmen auf dem jenseitigen Ufer die Schulkinder und Vereine von Kastel mit Fahnen und Abzeichen Aufstellung. Voraussichtlich wird das Kaiserschiff, vermutlich die „Elsa" der Köln—Düsseldorfer Gesellschaft, von der neuen Brücke sttomaufwärtS bis zur alten Rheinbrücke fahren und sodann längs dem rechten Rheinufer durch 4en rechtsrheinischen Sttomarm zwischen dem Kasteler Ufer und der PeterSaue wieder zur neuen Brücke zurückkehren. Ob der Kaiser von hier mit dem Dampfer direkt nach Biebrich fährt, ist noch unbestimmt. (Mit dieser Rheinfloltenparade will man wohl dem Kaiser die Idee der Erhebung einer SchiffahrtSabgabe ad absurdum führen. D. Red.) Den Herren „Genossen" hat man natürlich für diesen Tag die Stadthalle zur Abhaltung der Maifeier am Abend
verweigert. — Die vor einigen Tagen durch einen Lawinensturz zerstörte, tm Fuscher Tale am Fuße der hohen Dogge gelegene „Schwarzberghütte" der Sektton Mainz deS Deutsch-Oesterreichischen AlpenvereinS soll alsbald wieder aufgebaut werden. Morgen begibt sich eine Kommiffion dorthin, um eine andere, mehr geschützte Stelle für eine neue Hütte aufzusuchen. Die verschüttete Hütte wurde vor wenigen Jahren mit bedeutendem Kostenaufwand gebaut.
Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. Der Gesangverein HermanuS in Gleiberg feiert am 19. und 20. Juni im Garten der Wirtschaft zum „Schwarzen Walfisch" sein 25 jähriges Sttftungsfest, wozu jetzt schon eine Anzahl befreundeter Vereine ihr Erscheinen zugesagt hat. — In Fleschenbach hat sich jüngst eine bluttge Mefferaffäre zugettagen. Die Untersuchung führte zur Verhaftung deS jugendlichen Mefferhelden, der einem anderen lebensgefährliche Stiche beibrachte. Land- gerichtsrat Wehner leitete die Untersuchung.
Nniversttäts-Aachrichten.
— Der Geh. Medizinalrat ordentliche Professor für Augenheilkunde und Direktor der Augenklinik an der Universität Göttingen, Dr. Arthur von Hippel, feiert am 19. April das 25 jährige Jubiläum als ordentlicher Unioersitätsprofeffor. Geboren zu Domäne Fischhausen in Ostpreußen, studierte er in Königsberg, Würzburg und Berlin. In Königsberg habilitierte er sich 1868 und wurde 1874 Extraordinarius. Als Nachfolger von H. Sattler wurde er 1879 zum ordentlichen Professor in Gießen ernannt. 1890 erfolgte seine Berufung nach Königsberg. 1892 folgte er einem Rufe nach Halle und wurde auf seinen Antrag 1901 nach Göttingen verseht.
Kunst und Wissenschaft.
Siena, 17. April. Die Ausstellung alter Kunft- werke wird heute morgen durch den König, in dessen Begleitung sich der Unterrichtsminister befand, eröffnet.
Märkte.
ko. Frankfurt a. M., 18. April. (Ottg.-Telear. deS „Gießen. Anz/0 AmtlicheNotierungen der heutigen Fruchtmarktpreise: Weizen Mk. 17.75—18.00, Kurhessischer Mk. 18.00—00.00, La Plata Mk. 17.75—18.50, Kansas Mk. 17.75—18.50, Roggen (hiesiger) Mark 18.75—14.00, Gerste (Wetterauer) Mk. 14.50—15.00, Frankenfelder Mk. 00,00—00,00, HaferMk. 13.50—14.50, Mais Mk. 12.50—00.00, Weizenmehl 0 Mk. 26.75—27.25, 2. Qualität Mk. 24.75
bis Mk. 25.25, 3. Qualität Mk. 22.75—28.25, Roggenmehl 0 Mk. 22.50—28.00,1. Qualität Mk. 20.00—20.60, Weizenkleie Mk. 8.75 bis Mk. 9.00, Roggenkleie Mk. 10.00—10.25, MaiSkeime Mk. 10.00 bis Mk. 10.26, Franken, Pfälzer, Ried Mk. 00.00—000.0. Alles per 100 Kg. ab hier.
ko. Fraukfnrt a. M.» 18. April. (Telegr. Orig.-Bertcht des „Gieß. Anz."). Amtliche Notierungen der heuttgen Vtehmarkt- preise. Zum Verkaufe standen: 486 Ochsen, 214 auS Oestreich, 58 Bullen, 4 auS Oestreich, 768 Kühe, Fersen, Stiere und Rinder, auS 1 Oestteich, 265 Kälber, 216 Schafe und Hämmel, 1407 Schweine, 0 Ziegen, 0 Ziegen-, 0 Schaflämmer. Bezahlt wurde für 100 Pfund Schlachtgewicht: Ochsen 1. Qualität 70—72 Mk., 2. Qual. 64—67 Mk., 8. Qual. 59—62 Mk.; Bullen 1. Qual. 59 bis 62 Mk., 2. Qual. 56—57 M.; Kühe 1. Qual. 61—63 Mk., 2. Qual. 68—60 Mk., 3. Qual. 45—47 Mk, 4. Qual. 42—44 Mk., 6. Qual. 00-00 Mk. Kälber: 1. Qual. 85—88Pfg., Lebendgewicht 51—53 Pf., 2. Qual. 77—81 Pfg., Lebendgewicht 46—48 Pfg., 3. Qual. 00—00 Pfg., Schlachtgewicht 00—00 Pfg., Schafe: 1. Qual. 68—70 2. Qual. 58—62 Pfg., 3, Qual. 00—00 Pfg.; Schweine 1. Qual. 53—00 Pfg., Lebendgew. 42 Pfg„ 2. Qual. 51—52 Pfg., Lebendgewicht 48—00 Pfg., 8. Qual. 44—46 Pfg., Lebendgewicht 00—00 Pfg. — Geschäft: bet Hornvieh schleppend, Ueberstand bedeutend; Geschäft bei Kleinvieh gut, kein Ueberstand.
Meteorologische Beobachtungen
der Station Gießen.
Apttl 1904.
1
Barometer aus 0° reduziert
Temperatur 1
der Luft
Absolute
Feuchttgkett 1
Relativ« Feuchttgkett
Windrichtung
Windstärke I
Wetter
17.
2M
745,6
+18,7
9,3
58
NW.
1
Bew. Himmel
17.
9,b
745,6
+ 14,0
10,8
92
SW.
1
Regen
18.
7"
746,3
+ 11,3
9,0
91
NW.
2
■
Höchste Temperatnr am 16.-17. April == + 18,9 ° C.
Niedrigste , ", 16.-17. „ = + 10,2<>C.
Gießener landwirtschaftlicher Wetterdienst
BorauSfichtNche Witterung in Oberhessen für Dienstag, den 19. April 1904. Windig, kühler, meist trüb, Regeufälle.
Näheres durch bte Gießener Wetterkarte.
Krieskasten der Redaktion.
(«nouhrne Anfragen bleiben nuberüikstchttgt.l
S. in L. Durch das Versehen eines Setzers ist die Bttel- kastennoth in der SamStagnummer fehlerhaft geworden. ES muß richtig heißen: „Nach $ 4 des Telegraphen wege gesetzes" re.
Letzte Meldungen vom Kriege.
Port Arthur, 17. April. Mehrere Augenzeugen ve- stättgen, daß am 12. April ein ja panischer Kreuzer vor Port Arthur dadurch verloren ging, daß er auf einen eigenen schwimmenden Torpedo stteß. — Statthalter Alexejew begab sich heute an Bord des „Sebashopol" und
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hißte seine Flagge als Kommandant des Gesche- .
Sttllen Ozeans.
Petersburg, 17. April. Amtlichen Berichte . r die der Generalstab erhalten hat, ist heute ruhig. Es traten Feine befonbZn'
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59.80
130 Jo
Neueste Weldunqen.
Originaldrahtmeldungen des Gießener Anreio-..
Köln, 18. April. Bei dem Flieger-Renn / welchem Etlegard, Willi Arendt, Humber und van den a' teilnahmen, verunglückte Arendt und Huber - dem sie ineinander gerieten. Arendt erlitt einen Ctbls's^ beinbruch, Huber trug leichtere Verstauchungen unh schürfungen davon. Ellegaard siegte in allen drei Überleben, Huber wurde zweiter mit vier Punkten ! Dritter mit sechs Punkten.
London, 18. April. Me der „Morninq Poss" Pretoria vom 17. April gemeldet wird, sollen 70 St länder sich heimlich von Johannesburg nach dem onL‘' bura-Distrikt beaeben haben, wo verabrttrungsqemä geblich ausgedehnte Waffen- und Munitio^ Vorräte auf sie warten. Die Untersuchung ergab sie beabsichtigten, sich durch Plünderung der in Außenbezirken liegenden Banken und Geschäftsbäuser^ den Besitz von Geldmitteln zu sehen und dann fämtrX Farmen im Norden Transvaals aufzusuchen, um bort zu einem Aufstand anzuwerben.
London, 18. April. „Morning Leader" meldet c--- Tientsin, von gut informierter Seite werde berichte die Japaner bei einem Versuch, in der Nähe bon'for Arthur Truppen zu landen, zurückgeschlagen n>orv seien und großeVe rluste erlitten hätten Tie Tloror blätter verzeichnen Gerüchte über angebliche Landun«- der Japaner bei Port Arthur, ohne jedoch den Meldung großen Glauben beizumessen.
Barcelona, 18. ApriL Gestern abend explodier^ auf der Plazza des Dores eine Bombe, richtete mde« keinerlei Schaden an, wenn sie auch große Bestürzung bmr rief. — Der König besuchte das katalonische Institut
Rom, 18. April. Die Skand al-Affäre Nasi neuerdings alle Blätter. Der „Messagero" erfährt y stimmt, Nasi kam dieser Tage zu dem Abg. BottiS, V- früheren Handelsminister, dem er mitteilte, er beabsW, Selbstmord zu begehen. Vortis, gelang es den vorsichttgen Selbstmord-Kandidaten von seinen Plänen abzubringen mit dem Hinweis darauf, daß baburt die Affäre ja doch nicht gelöst werde. Mittlerweile schick Nasi alle Schuld auf seinen durch gebrannten MinettW Lombards. Im übrigen scheut er sich nicht, selbst aus tr toten Zanardelli Schmutz zu werfen.
Wien, 18. April. Der „N. Fr. Pr." wttd aus Lalm-1 telegraphiert: Ein Detachement türkischer Trupre- stteß mit einer bulgarischen Jnsurstentenbantt bei dem Dorfe Lipa in der Depandance Tukveck jufamm Der Kampf dauerte mehrere Stunden. Vier Instar-- wurden erschossen, die übriaen entflohen tm iurfd der Nacht. Dre Verfolgung wurde fortgesetzt De genten ließen auf dem Kampfplatz: 6 bulgattschr Mlirär« mäntel, eine bulgarische Uniform, eine Bombe, cw eW» irischen Apparat mit Drahtrolle und Dynanit
L. Newyork, 18. Apttl. Ein Dynamitaite^a: g:gen eine mit Andächttgen gefüllte Kirlbe Mrj in lackburn (Indiana) verübt, in der die tttfrängtr einer „Die Abendlich ter" genannten neuen reli^to Gottesdienst abhiellen. Bei der Explosion tmnben 23 sonen verletzt. Die Polizei ist der Mit Attentäter Anhänger anderer Sekten sind, von bm reiche Mitglieder zu den „Abendlichtern" übergener. je „Abendlichtett^ lehren die buchstäblichste Auslegung ta Bibel, die einfachste Lebensweise und den K'nux gröbsten Speisen. ____
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Dienstag den 19. Apttl, abends 7 Uhr: »Die Afrtkanem.
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