Nr. 297
Sechstes Blatt.
154
Erscheint tkglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die „Gießener §amiiienb!ötter" werden dem ^Anzeiger Dtermal wöchentlich beigelegt. Der «.yeWche Landwirt*' erscheint monatlich einmal.
Samstag 17. Dezember 1904
Rotationsdruck und Lerlag der Brühl'lchen Univerütätödruckeret. R. Lange. Gießen.
Redaktion, Expedition u. Druckerei: 6cf)ufftr. V.
Tel. Rr. 6L Telegr.-Adr. i Anzeiger Gießen,
Eeneral-Anzeigrr, Amts- und Anzeigeblstt für den Kreis Gießen.
Bodenreform.
Man schreibt u n s:
Die Wahl des Tr. Ebel als erklärten Bodenrcsormers in die Gießener SL a d t v e r o r d n e t e n v er s a ni m- lung hat zur Folge gehabt, daß man an den Stammtischen der Stadt und in den Eisenbahnzügen der Umgegend vielfach über Bodenreform diskutieren hört. Dabei treten oft seltsam verworrene Vorstellungen über das Wesen und tue Ziele der neuen Resornchewegung zu tage. Man sieht, daß tue Aufklärungsarbeit der hiefigen Bodenreforrner noch sehr geringfügig geblieben und über die ersten Anfänge nicht hinaus ist.
Tas Mißtrauen, das der ruhige Bürger naturgemäß allem neuen gegenüber empfindet, macht sich auch uiLc Bezug au, die Bodenreform bemerkbar. Vielfach in der Weise, daß man den neuen, ungewohnten Namen nur für eine Maske halt, hinter der sich oie Bestrebungen politischer Parteien verbergen. Solcher Irrtum läßt sich nur aus Unkenntnis der Tatsachen erklären, kaum noch entschuldigen. Zur Widerlegung genügt ein Blick in die Liste der Vorstauds- mitglieder, die der Bund der Bodenreformer kürzlich auf seiner Tärmstadter Tagung gewählt hat. Da find ziemlich alle Parteien von den konservativen bis zu den Demo- traten vertreten. Von Reichstagsabgeordneten findet man im Bundesvorstand Ken E h r i st l i ch s o z i a l e n Dr. Burkhardt, mehrere Rcformparteiler und den Zen- t r u m sa b g. Dr. Jäger, von den preußischen Landtagsabgeordneten den Nation al liberalen Fabrikanten Franken-Bochum. Daneben stehen von Nichtparlamentariern Männer aus so verschiedeneu Lagern wie der Liceutiat Weber in M.-Gladbach- Vorsitzenoer des Verbandes evangel. Arbeitervereine, und andererseits Prosesjor Quiddfe in München, der Erzdemokrat. Uni) wie fast alle Parteien, so sind auch ziemlich alle Stünde und Berufs- fchichteu im Vorstand vertreten. Wir jinden der Reihe nach als Stand der Vorstandsmitglieder aujgeführt: Gc- memderat, Oberbaurat, Arbeitersetretär, Rechtsanwalt, 2ld- mirat z. T., Neichstagsabgeordneter, Geschäftsführer des deutschen Handlungsgehiistnverbanbcs, Arzt, Referendar, Fabrikant, Maschinenbauer, Professor, Direktor eines Tech- nitums, ehem. Landeshauptmann von Teutsch-Südwest- afrita p'nd so fort in bunter Folge.
Diese Feststellungen rnogen g^tiügen, um die Tatsache,
daß der Bund deutscher Bodenreformer über den Parteien steht, als unbestreitbar zu erweisen. Es muß eine gute und große Sache sein, die so oiel angesehene Männer aller Parteien zu gemeinsamer Arbeit zusammenführen konnte. Nicht mit der Absicht, eine neue Partei neben den bestehenden zu bilden, vielmehr die neue, fruchtbare Wahrheit der Bodenreform in alle Parteien hineinzutragen.
Soviel von dem Verhältnis der Bodenreform zu den politischen Parteien. Was nun das bodenreformerische Programm selbst betrifft, so begegnen wir auch mit Bezug darauf einem häufigen Mißverständnis. Tie Bodeu- resormer wollen die Eigentümer des Grund und Bodens enteignen, so hört man zuweilen sagen. Auch dieser Vorwurf beruht auf mangelnder Kenntnis; er erledigt sich durch Hinweis aus § 1 der Statuten, der die Ziele des Bunoes dahin formuliert:
„Daß der Grund und Beden unter ein Recht gestellt werde, das seinen Gebrauch als Werk- und Wohnstätte befördert, das jeden Mißbrauch mit ihm aus schließt und das die Wertsteigerung, die er ohne die Arheit des Einzelnen erhält, möglichst dem Volkstänzen nutzbar macht."
Hier wird also eine Verstaatlichung des Grund und Bodens so wenig gefordert wie seinerzeit von Henry George, dem großen Apostel der Bodenreform. Die Frage, ob Gemeinbesitz oder Privatbesitz mit Bezug auf den Grund und Boden das volkswirtscha,uich wertvollere ist, diese ^rag^, die auf lange Jahrzehnte hinaus doch eine rein theoretische bleiben muß, läßt der Bund deutscher Bodeuresormer un- berührt; jedes seiner Mitglieder kann zu diesem Problem als Politiker oder Nationalökonom Stellung nehnten, für oder wider. — Wer, wie der Schreiber dieser Zeilen, der Meinung ist, daß für ein stetiges Gedeihen unseres Volkes ein wachsendes Maß von Freiheit und Selbstbestimmung Grundbedingung ist, der muß als Politiker, mie heute tue Tinge stehen, entschieden gegen eine Verstaatlichung bezw. Verstadtlichung des Bodens sein. (Sinern so reaktionären Parlament tote dem preußischen Landtag noch das Ver- füguugsrecbt über den Grund uni) Boden des preußischen Staates überliefern oder so mancher rückschrittlichen Gemeindevertretung außerhalb Hessens tun Boden ihrer Stadt, da»s hieße frevelt! an Freiheit und Zukunft unseres Volks. Aber wie gesagt, diese Erwägung ift eine rein politische; ein Konservativer, der an Autorität und nicht an Freiheit glaubt, ein Sozialdemokrat, der den sozialistischen Zutun,ls- staat für nahe bevorstehend hält, sie beide können in der
! Frage der Verstaatlichung anderer Meinung wie wir und i bocl; gute Bodeuresormer sein. Erfolg und Größe der! deutschen Bodenresormbewegung beruht in ihrer bewußten Beschränkung aus den einen Gedanken, zu dessen Verwirklichung sie die Staatsbürger aller Parteien zusammenführen will und zum Teil schon zusanimengeführt hat, den einen Gedanken, daß der unverdienteWertzuwachs des Grund u8iS Bodens in möglichst hohem und steigendem Maße der Gesamtheit zukommen soll, die durch ihre Arbeit diesen fortdauernden Wertzuwachs hervorbringt.
Wie wichtig dieser eine Gedanke ist, das mögen Zahlen veranschaulichen. Der Wert des deutschen Bodens steigt jährlich mindestens um e i n e Mi l l ia r d e. Das Tempo wird menschlichem Ermessen nach in Zukunst nicht langsamer werden, eher noch rascher. So ergibt sich bis zum Jahre 1980 ein mit großer Sicherheit zu erwartendes Mehr von 2 5 Millivrd »- n. Und das ist im Grunde das Bodenreformproblem, das die lebende Generation zu lösen hat: was soll mit diesem Plus von 26 Milliarden geschehen? Sie dürfen nicht ruhig und unverkürzt den Eigentümern des Grund unb Vodcns zufallen, ein ungeheurer Tribut, den die schaffende Arbeit nach wie vor dem Bodenbesitz entrichtet. An dieser Riejensumme, mit der verglichen die französische Kriegsentschädigung klein erscheint, sollen sich Staat und Gemeinde, soll sich die Volks - gesarntheit den gebührenden großen Anteil , i ch e r n. Daiili könnten die Steuern, die heute drückend, aus der Arbeit und dem Hunger der Massen liegen, entsprechend herabgesetzt werden, und doch würden erhöhte Mittel vorhanden [ein für alle Aufwendungen, die Kultur, und Vollswohlfahrt erfordern, während heute im Staat und den Gemeinden soviel Gutes ungeschehen bleiben muß, um der leidigen Finanznot willen.
So kann man die Booenrejorm im wesentlichen als ein Finanzproblem von höchster Bedeutung betrachten. Sie ist noch viel mehr; aber alle ihre Beziehungen zur Wohnungsfrage und damcr zur sozialen Frage überhaupt wollen wir für diesmal beiseite lassen. Wir sprechen heute nicht zu den Volksjreunden, zu denen, welchen Wissen oder Wandern oder eigenes Weh die Herzen weit gemacht hat für die Not der Massen; wir wenden uns vielmehr an die ruhigen, seßhaften Bürger, die Steuerzahler. Und wenn sie künftighin an den Stammtischen unserer Stadt obetf
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