Ausgabe 
17.11.1904 Erstes Blatt
 
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hm« auswärtiger Jtonfuln ein und ersuchte sie, die DchlfsS- Lgenten zu benachrichtigen, bau während der Durchfahrt der baltischen Flotte- alle nordwärts gehen­den Schiffe an gehalten werden müssen, um den Kriegsschiffe" freie Durchfahrt 51t gestatten. Während der F-ahri der Flotte darf nichts in den Kanal, geworfen werden, jede Kundgebung muß unterbleiben.

Dakar, 16. Nov, 6 Uhr abends. Das russische Ge­schwader ist von hier abgefahren.

Russische Ruhestörungen.

Petersburg, 16. Nov. Ueber Ruhestörungen, die nm 13. Nov. in W ar s di au stattfanden, werden jetzt folgende Einzelheiten bekannt: Eine Volksmenge demonstrierte mit einer roten Fahne unter Absingung revolutionärer wieder. Auf die Aufforderung an die Menge, auseinanderzugchen, wurden Schüsse abciegeben, wodurch ein S ch 11 tzman n getötet und ein Polizeioffizier und zwei Schutzleute ver- umndet wurden. Da die Ruhestörung einen größeren Um­fang annahm und das Schießen fortgesetzt andauerte, wurde Militär requiriert, das zwei Salve:? abgab, wodurch sechs Personen getötet und 21 verwundet wurden. _ Am Abend war die Ordnung wieder hergestellt. Die Ruhestörer wurden zum Teil verhaftet, zum Teil nach Feststellung ihrer Persönlichkeit wieder freigelasscn.

Friede?

Es ist in letzter Zeit oft davon geredet worden, daß Ame­rika zu Gunsten eines Friedens zwischen Japan und Rußland interveni er en solle. Diesen immer wieder austauchcnden Ge­rüchten ist von russischer Seite schon wiederholt jedwede, auch nur entfernte Begründung abgesprochen worden. Jetzt ist in Washington der japanische Prinz Fushimi ein- aetroffen, und sofort weist der russische Botschafter ausdrücklich oen Gedanken an eine Neigung Rußlands zur Einstellung der Feindseligkeiten zurück. Graf Cassini erklärt, Rußland werde den Krieg bis zum äußersten fortsetzen, daS heißt, bis cs den Sieg errungen habe. Er hält es für seine Pflicht, zu wiederholen, daß Rußland unter keinen Umständen die militärischen Operationen cinstellen werde. Alle Gerüchte über Friedens-Anerbietungen und Vermittelungen der Mächte sind seines Erachtens in Umlauf gesetzt worden, um das Publikum zu überzeugen, daß das Ende deS Krieges bevorstehe; man hofft, auf diesem Wege die japanische Anleihe verlockender erscheinen zu lassen. Rußland gestattet eben­sowenig eine Einmischung, wie England im Transvaalkriege und Amerika im spanischen Kriege. Rußland, dessen jährliche Ein­nahme eine Milliarde Dollars übersteige, könnte sicherlich in Bezug auf den Verlauf des Krieges durch Ausgaben für den Krieg nicht beeinflußt werden, lieber Rußlands Größe und die Solidität der russischen Finanzen zu sprechen, sei überflüssig.

Während Fushimis Anwesenheit in Amerika verzichtet Cassini zogar auf seine Eigenschaft als Doyen des diplomatischen Korps. Fushimi bleibt noch 'vier Tage in Washington. Er stattete am 15. nachmittags dem Präsidenten Roose -eit einen Besuch ab und übermittelte demselben die Glückwünsche des Mikado zu seiner Wiederwahl. Präsident Roosevelt antwortete dem Prinzen, das amerikanische Volk teile die Gefühle des japani­schen Volkes, dem es volles Gedeihen wünsche. Roosevelt er- widette bald darauf den Besuch des Prinzen. Am Mcnd war Prinz Fushimi zum Tiner im Weißen .naufc eingeladen: an demselben nahmen ferner teil die Mitglieder oer japanischen Ge­sandtschaft, die Botschafter Deutschlands, Englands. Frankreichs, Oesterreich-Ungarns, Italiens und Mexikos, die Mitglieder des Kabinetts, General 6baffer und Admiral Evans.

Reue japanische Dlobilifierungen.

London, 16. Nov. Berichte aus Tokio behaupten, daß die Militärverwaltung demnächst eine Million Mann mobili­sieren wird.

Japan und Frankreich.

Tokio, 16. Nov. Die bedeutendsten japanischen Blätter kommentieren lebhaft das Entgegenkommen Frank­reichs, welches der Baltischen Flotte das Kohlcneinneh- men in französischen Häfen in^ hervorragenderweise gestattet hat. Sie kommen zu der Ansicht, daß eine solche Vergünstigung einem Durchzug feindlicher Truppen burfr neutrales Land gleichkomme.

Japanische Spionage.

Kopenhagen, 16. Nov. Die hiesige Polizei recherchiert eifrigst nach einem geheimnisvollen japanischen Agenten, welcher in der Samstag nacht von Holbaeck nach Nykjobing auf See - l a_n d reifte und dort spurlos verschwunden ist. Man vermutet, daß . er Spionage getrieben und von einem englischen Schiffe erwartet und ausgenommen worden sei.

London, 15. Nov. DiePcrll-Mall-Gazette" meldet aus Moskau vom 14. Nov.: Dort traf die Nachricht ein, daß es zwischen Russen und Afghanen in Kuschk zu Zusammenstößen gekommen sei. Tie Afghanen hätten ein Pulvermagazin in dieLuft gesprengt, wobei mehrere Soldaten getötet worden seien.

Votitische Tagesschau.

Gießen, 17. Nov. 1904.

** Vortrag einer Missionarin. Auf den heute /bend im Matthäussal, Kirchstraße 9, stattfindenden Vortrag der Missionarin, Fräulein Antonie Steiner über ihre Arbeit unter den indischen Frauen sei hiermit nochmals aufmerksam gemacht.

** Dem botanischen Garten sind von mehreren Gönnern Mittel zur Anschaffung von Palmen für das neue Gewächshaus überwiesen. Der Garten ist dadurch um ebenso schöne als wertvolle Schätze bereichert worden. Während das Winterhaus bis dahin mit seinen Mittelmeer- und australischen Pflanzen einen etwas ein­tönigen Eindruck machte, fühlt man sich jetzt in die Stimm­ung versetzt, die subtropische und tropische Vegetation Hervorrufen. In unseren Zeitungen wird uns stets getreu­lich berichtet, wenn Enrnegie oder Rockefeller große Summen an Universitäten geschenkt haben. Es darf daher wohl dankbar hervorgehoben werden, daß, wenn auch in kleinerem Maßstabe, ähnliches bei uns nicht nur geschehen kann, son­dern auch geschieht. Und auch mit kleineren Mitteln läßt sich etwas ansehnliches und nutzbringendes erreichen. Tas Winterhaus ist zu den bekannten Besuchsstunden des bota­nischen Gartens geöffnet, den Studierenden natürlich täglich zugänglich. Zur richtigen Beurteilung der Anlage sei daraus hingewiesen, daß es sich nicht um einenWinter­garten" handelt, sondern um ein Unterkunftshaus für Pflanzen, die nur im Sommer ins Freie gestellt werden können. Immerhin ist Raum und Aufstellung so, daß auch ein ästhetischer Genuß geboten wird und dieser ist durch die Schenkungen gan zbesonders erhöht.

** Das amtliche Wahlresultat wird im Inse­ratenteil heute bekannt gemacht. Daraus ist zu ersehen, daß die Stimmenzaht, die auf den Fabrikanten Herrn Eichenauer fiel, 1187 (nicht 1109) beträgt.

** Stadttheater. Die gestrigeTraumulus"- Borstellung hat wiederum in vielen Kreisen großes Interesse gefunden. Namentlich das Gastspiel des Herrn Bauer-Frankfurt erntete reichsten Beifall.

4- Klein-Linden, 16. Nov. Gestern abend begann unter Leitung deS Lehrers Kling-Gießen ein Anfänger- kursuS für Gabelsberger Stenographie; an dem Kursus nehmen elf junge Leute teil. Dem Stenographenverein traten wiederum mehrere Leute bei.

5 Klein-Linden, 16. Nov. Unter geringer Wahl­beteiligung fand heute die Gemeinderatswahl statt, wo­bei die ausscheidenden Gemeinderatsmitglieder, Bauunternehmer Bernhardt, Landwirt Kaspar Jung VII und Landwirt Joh. Gg. Schmidt I. mit großer Majorität wiedergewählt wurden. Werkführer Neuschling erhielt 60 und Landwirt W. Germer II 56 Stimmen. Die Wahlbewegung ist nun­mehr beendet und verlief außer der Bürgermeisterwahl sehr ruhig. Während gegen den seitherigen Bürgermeister zwei Gegenkandidaten ausgestellt worden waren, wurde der lang­jährige Beigeordnete Jung einstimmig wtedergewählt.

j. Laub ach, 16. Nov. Der hiesige Zweigverein deS evangeliehen Bundes hielt am verflossenen Dienstag eine schön verlaufene Philipp feier unter dankbar aufge- nommener Mitwirkung des Kirchengesangvcreins und unter dem Vorsitz des Gräfl. Kammerrats Bröckelmann ab. Ein wirkungsvolles Lebensbild deS großen Landgrafen gab Pfarrer Becker von Nieder-Ohmen, der auch zum Schlüsse kräftige Mahnungen an die Versammlung richtete, im Geiste Philipps als Evangelische zusammenzustehen. Auf die mit großem Beifall aufgenommene Rede brachte der Vorsitzende auf unseren jetzigen Landesherrn ein Hoch aus. Es sprach dann noch der tschechische Pfarrer Zilka aus Melkin bei Prag. Er erzählte von der begeisterten Hußfeier und von dem Verlangen nach dem Evangelium unter den Tschechen, was eine rein religiöse Bewegung sei.

+ Nieder-Gemünden, 16. Nov. Der hiesige Land- briesträger B. erhängte sich auf einem Botengänge in dem Walde zwischen Otterbach und Nieder-Gemünden. Der noch rüstige, beliebte Mann lebte in geordneten Verhältnissen und ist sicher ein Opfer des Alkohols geworden.

2 Boben hausen bei Ortenberg, 16. Nov. Heute vor­mittag fällte der Zimmermeister Johs. Ahlbrand von hier eine Fichte, die beim Umfallen auf ihn fiel, so daß er auf der Stelle tot blieb.

sd. Darmstadt, 17. Nov. (Eigener Drahtbericht.) Prinz Heinrich von Preußen wird heute abend nach Kiel reisen und voraussichtlich Samstag wieder hierher zurück- kehren.

König i. Odenw., 16. Nov. Die Königin-Mutter von Holland, welche bei dem Erbprinzen und der Erb- prinzessin von Erbach - Schönberg zu Besuch war, ist heute vormittag 9 Uhr 30 Min. nach Schloß Loo abgereift.

d. Mainz, 17. Nov. Am 15. Juni 1903 wurde die neue staatliche Entbindungsanstalt in der Hafenstraße ihrer Bestimmung übergeben. Wie bebeutenb die Frequenz in diesem Hause ist, geht au§ der Tatsache hervor, daß gestern in der Anstalt daS 500. Kind zur Welt kam.

Bingen, 16. Nov. Bei der heute erfolgten Wahl zur Handelskammer wurden Kommerzienrat Coblenz (seitheriger Präsident der Handelskammer), Bankier Julius Landau und Holzhändler Ferdinand Seligmann wieder­gewählt.

Frankfurt a. M., 16. Nov. Vor einigen Tagen wurde durch die Behörden Untersuchung wegen des TodeS des Ehepaares Wolfrum, Ostendstraße 7, ein­geleitet. Mann und Frau starben innerhalb weniger Tage. Sie hatten in der letzten Zeit so gut wie keinen Verkehr mit anderen Leuten, ihre Haushaltung wurde von einer Putzfrau namens Zeuger versorgt, die auch die alten Leute pflegte. In die Wohnung zog vor kurzer Zeit der Metzgergeselle Scheurich, der mit der Zeuger ein Verhältnis hatte. Der Verdacht der Behörden wurde dadurch geweckt, daß in dem Nachlaß sich fast gar kein bares Geld vorfaud, obgleich erst vor wenigen Tagen die Mouatspensiou ausgezahlt wurde, unb daß Scheurich einen Betrag von 600 Mk. auf der Spar­kaffe erhoben hat. ES soll sich nun herausgestellt haben, daß Wolfram, der einige Tage nach feiner Frau starb, jene beiden zu Erben eingesetzt hat. Die Putzfrau mürbe verha stet. Gegen ihren Liebhaber, her flüchtig ist, rouebe Haftbefehl erlassen.

Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. In Assen he im bei Friedberg brannte am 15. d. Mts. eine Scheune nieder. DaS Feuer griff auf die Hosraite des Arbeiters Kauch über und die Stallung brannte ab. Zum Schuliuspektor der Stadt WormS wurde Oberlehrer Schmeel in Darm stadt ernannt. Er tritt Ende dieses Jahres seinen Posten an.

Beschäftigung im Tabakgewerbc.

Im dritten Quartal des laufenden Jahres war der Be­schäftigungsgrad im Tabakgewerbe int allgemeinen wesentlich besser als im Vorjahre. Die Besserung geht nicht nur daraus hervor, daß die Zahl der Beschäftigten wieder gestiegen ist, sie läßt sich auch an der Bewegung der Tabakversorgung erkennen. In den ersten drei Quartalen des laufenden Jahres betrug die Einfuhr von Tabak abzüglich der Ausfuhr 472 269 Doppelzentner und hat damit eine Steigerung gegenüber dem Vorjahre erfahren, wie sie kein früheres Jahr seit 1900 im Vergleich zum unmittelbar vorhergegangenen Jahre auszuweisen hat. Das Jahr 1902 zeigte sogar eine Abnahme gegen 1901, die Zunahme von 1902 auf 1903 betrug nur 9400, dagegen die Steigerung in diesem Jahre über 23 000 Doppelzentner. Ganz besonders günstig war die Zufuhr von ausländischem.Tabak im zweiten Quartale des laufenden Jahres, was deutlich darauf hinweist, daß die Fabriken wieder mehr Material verarbeiten konnten. Im Vergleich mit den Vor­jahren betrug die Einfuhr von Tabak (abzüglich der Ausfuhr) in Doppelzentner:

I. Quartal n.

in.

Wenn trotz ber über starke Konkurrenz und ungünstige Gestaltung der Ausfuhr ge­klagt toird,. so werden auch diese Klagen durch die Ziffern der Handelsstatistik bestätigt. Der steigende Import von Zigaretten illustriert deutlich die wachsende Beliebtheit der Zigarette beim rauchenden Publikum. Fehlt doch nicht viel daran, daß die Zi­garetteneinfuhr sich in wenigen Jahren verdoppelt hat. Die Mehreinfuhr betrug nämlich in Doppelzentnern während der ersten drei Quartale:

1902

1903

1904

147 979

151 089

161 665

142 380

142 791

152 008

149 861

154 819

158 696

Besserung der

Beschäftigung

noch v

1900 1901 1902 1903 1904

2330 2558 2911 3279 4133

Im Vergleich zu 1903 sind etwa rund 90 Millionen Stück, im Vergleich zu 1900 etwa 200 Millionen Stück Zigaretten mehr eingeführt worden. Dazu kommt, daß auch die Zigaretten­fabrikation in Deutschland selbst seit 1897 sich sehr vergrößert hat, in welchem Jahre die Erzeugung auf ca. 1100 Millionen Stuck geschätzt wurde. Tritt so die Ausdehnung des Zigaretten­rauchens einer Erweiterung des Zigarrenabsatzes im In lande ent­gegen, so wirkt auch die Gestaltung des Exports keineswegs Itimuliercnb auf die Beschäftigung ein. Zwar nimmt die Aus- fufyr im laufenden Jahre wieder etwas zu, aber sie ist immer noch geringer in den Jahren 1900 und 1901. Es betrug nämlich

wilyrend Der ersten Drei Quartale DcrExportvonJtgarreO in Doppelzentnern:

1900 1901 1902 1903 1904

3540 3284 2925 2724 3055

In Abnahme begriffen ist die Ausfuhr namentlich nach Großbritannien, nach Südafrika und Austtali'u. Umgekehrt steigt die Einfuhr, die fast durchweg in teuren Sorten besteht. Für die Gestaltung des Geschäfts während der nächsten Monate von großer Bedeutung ist die Höhe des diesjährigeir Weihnachts- mnsatzes, von der es abhängt, ob und wie lange der gegenwärtig relativ befriehiaenbe Besd-^sünuna^rad andauern wird.

* Berlin, 15. Nov. Der bei dem Landgericht II. zuge* lajsene Rechtsanwalt Dr. Alfred Heimann I. hat sich gestern nachmittag durch einen Revolverjchuß in den Kopf ge­tötet. Der Grund zu dem Selbstmord besteht in verfehlten Grundstücksspekulationen, wodurch Heimann in finanzielle Bedräng­nis geraten war.

* Für den Weißen Saal des Berliner königl. Schlosses werden gegenwärtig zwei Inschriften aus Bronzebn'chstaben hergestellt. Die eine lautet:Domine, fac nie scire viam, per quam ambiilem. (Herr, laß mich den Weg wissen, auf dem ich wandeln soll.) Es ist ein Wort des Großen Kurfürsten und steht am Postament seines Denk­mals hi der Sieges-Allee. Die zweite Inschrift ist:Pro gloria et patria. (Für den Ruhm und das Vaterland.)

* Ein Stock f ür den Kaiser. Außerordentliche Anzieh­ungskraft übt in St. Louis ein Stock aus, der jetzt im Schau­fenster eines Juweliers ausgestellt ist. Diesen Stock wollen die St. Louiser Möbelfabrikanten durch beit Reichskommissar Geheim­rat Lewald dem Deutschen Kaiser als Zeichen der Erinnerung an die Weltansstellnng überreichen lassen. Er wurde ans Holz geschnitzt, welches von dem ersten Baume herstammt, der bei den Nivellierungsarbeiten auf dem Weltausstellungsgelande, also im Forest-Park, gefällt wurde. Zur Vollendung des Meister­stückes der Holzschnitzerkunft bedurfte Herr Buehner zweier Mo­nate. Der Stock zeigt am Griff die Figur des heiligen Ludwig in erhabener Schnitzerei. Ain Stocke selbst befinden sich die Bild­nisse Friedrichs des Olroßen, George Washingtons und des Aus­stellungspräsidenten Francis. Ter Goldreif unterhalb des Griffs enthält in englischer Sprache die Widmung:Sr. M. dem Deutschen Kaiser Wilhelm II. dargebracht von der St. Louiser Handelskammer, St. Louis, V. St. v. A., 1904." Eine andere Inschrift gibt Auskunft über den Ursprung des Holzes, aus dem der Stock geschnipt ist.

* Pastor Kräusler, der aus Celle geflohene Seelsorger, scheint leider das Ansehen, das ihm sein Amt; verlieh, and) dazu mißbraucht zu haben, minderbe­mittelte Leute zur Her gäbe ihrer geringen1 Ers parnisse zu veranlass en. So beredete er, wie man sich erzählt, die Frau eines in dürftigen Verhältnissen^ lebenden Bürgers, 600 Mk., die sie als Notgroschen zurück­gelegt hatte, ihm auszuhändigcn, und sie sah von bem? mühsam Ersparten keinen Pfennig wieder. Die Vermutung, daß der jetzt plötzlick) geisteskrank gewordene Pastor Haase ebenfalls zu den Gläubigern Kreuslers gehöre, bestätigt fiel) nicht. Auch eine Bürgschaft für feinen Amtsbruder hatte Pastor Haase nicht übernommen.

* Eine verhängnisvolle Pilgerfahrt nach Palästina. Im August ds. Js. brachen von Karlsruhe aus unter Leitung von Professor Müller-Stuttgart mehrere Hundert süddeutsche Pilger nach dem heiligen Lande auf. Viele von ihnen kehrten nach Wochen krank in ihre Heimat zurück, mancher mußte die Fahrt mit seinem Leben bezahlen. So außer dem Pfarrer Klingele in Bruchsal, (vergl. unser heutiges 2. Blatt) noch 6 Pilger. Von 90 Pilgern, die sich an einem ErsrischungStrunk am Berg Tabor labten, ist die Hälfte typhusverdächtig erkrankt.

*Lebt Ihre Schwiegermutter immer noch?^ Dieser Tage starb in Berlin Laudgerichtsrat Tr. Bär. Er war vor mehreren Jahren als Hilfsrichter an das Kammergericht be­rufen. Damals war Präsident des Kammergerichts v. Trenck- manu. Dieser stand im Rufe, antisemitische Neigungen zu hegen. Trotzdem empfahl er in außerordentlich warmer Weise den Verstorbenen, der Jude war, zur Ernennung zum Ka m- mergerichtsrat. Bär wurde darauf in das Justizministerium gebeten. Tort wurde ihm nahegelegt, seine jüdische Religion in eine christliche umzuwecbscln. Bei dieser Unterhaltung äußerte Bär, daß er seine Beförderung nicht einem Gesinnnngs- wechfel verdanken wollte. Solange seine Schwiegermutter lebe, lei zum mindesten an eine Taufe nicht zu denken. Bär wurde 11 i d) t befördert v. Trenckmann gab nochmals unter abermaliger Hervorhebung, wie bringend not unseren Gerichten tüchtige Juristen tun und unter Schilderung der glänzenden Be­gabung und der hervorragenden Gewissenhaftigkeit Bärs eine Eingabe um Ernennung Bärs zum Kammergerichtsrat ein. Ti'ese Eingabe wurde nicht im Kammergericht mit der Randnote: Was werden unsere Antisemiten dazu sagen?" versehew, Mer- mals wurde Bär in das Justizministerium gebeten. Tie Be­grüßung durch den Personalienrat erfolgte mit der Frage:Lebt Ihre Schwiegermutter immer noch?" Bär bejahte die vertrau­liche Nachfrage. Er blieb Jude und wurde nicht befördert.

* Ein Bubenstreich gegen einen Kardinal. Ein Vorfall, der bei den Augenzeugen laute Empörung hervorrief, hat sich, wie aus Nom gemeldet wird, gestern unweit des Pan­theons abgespielt. Als der Kardinal, dessen Name vorläufig nicht genannt wird, vorüberfuhr, sprang ein junger Mann auf bas Trittbrett der Kutsche und spie dem überraschten Kirchensürsten ins Gesicht. Der Attentäter wurde sofort verhaftet,, mußte aber gleich dapauf freigelassen werden, weil der Kardinal erklärte, feine Klage anstrengen, sondern dem jungen Mann verzeihen zu wollen.

* E in Bombardement mit S e ktslasch en. Ein Strafantrag wegen Körperverletzung ist gegen den Freiherrn Egon v. Romberg bei der zuständigen Staatsanwaltschaft gestellt worden. Er begegnete in Gesellschaft des Frei Herrn v. Nüx- ieben, von Haus Budenberg kommend, auf der Landstraße einem Automobil und bombardierte dessen Insassen mit leeren Sekt­flaschen, die er in seinem Wagen bei sich führte. Zwei der Automobilisten wurden am Kopfe verletzt und brachten den un­erhörten Vorfall bei der Polizei in Lünen (Westfalen) zur An­zeige, die die Sache der Staatsanwaltschaft zur weiteren Ver­anlassung überwies. ....

* 6ine Fülle unfreiwilligen Humors bringen dieNachrichten für Lauchstädt und Umgegend" die über einen Radfahrerunfall folgendes berichten:Gestern abend gegen neun Uhr fuhren zwei Radfahrer in der NaheFrei im Felde" so gegeneinander, daß der eine im Salamanter' durch die Lust flog und schwer verletzt die Erde berührte, während der andere Radfahrer mit einigen besseren Hautab­schürfungen davonkam. Ein Glück ist es, daß ein Todesfall vermieden wurde. Wir wünschen im Interesse der gediegenen radfahrenden Welt, daß ein derartiger Zusammenstoß nicht mehr stattfindet.All Heil!" Dieser fromme Wunsch wird leider nicht in Erfüllung gehen, selbst in dergediegenen" radfahrenden Welt lassen sich weder dieSalamanter" (salto mortale) ^noch diebesseren" Hautabschürfungen ganz ver­meiden. Selbst das löbliche Bestreben, daßein Todesfall vermieden" wird, ist nicht immer vom Glück begünstigt.

Kandel und N^rkeljr.

/cm SK.C ichsban k. Arn 1. Dezember wird in Ochsenfurt (Mcnn) eine von der Rcichsbaukstetle in Würzburg und am 12.