Ausgabe 
16.11.1904 Zweites Blatt
 
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Nr. 270 Zweites Blatt.

154. Jahrgang

Mittwoch 10. November 1904

Erscheint tSglich mit Ausnahme deS TonntagS.

DieGießener LamiUenbiätter" werden dem »Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der »Hejstlchr Landwirt" erscheint monatlich einmal.

GWner AKzetzer

Rotationsdruck und Verlag d« Brühl'schm Universttätsdruckerei. R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition ».Druckerei: Schulstr.7.

Tel. Nr. 5L Telegr^Adr.r An-eiger Gießen.

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Are Kanalvorlage-.

Nach langen, schweren Nöten ist, wie wir schon gestern meldeten, endlich derMittellandkanal" in erster Lesung von der preuß. Kanalkommission angenommen worden mit 18 gegen 10 Stimmen. Allerdings ein arg verstüm­melter Mittellandkanal. Das Stück HannoverMagdeburg fehlt. Ursprünglich sollte es ein Rhein-Elbe-Kanal werden, und nun wird es nur ein Rhein-Leine-Kanal, bo. packt mit dem staatlichen Schleppmonopol.

Wie ein Mann stimmten Nationalliberale und Freisinnige dafür, woraus mit Sicherheit zu schließen ist, daß in ihren Augen der Kanal auch in der jetzt be­schlossenen Gestalt noch seinen Wert haben muß. Die preußi­schen Liberalen hatten freilich auf den Rat derMagd. Ztg." hören und gegen das Zugeständnis des staatlichen Schlepp- monopols die Verlängerung des Kanals bis zur Elbe fordern können. Sie werden sich vielleicht aber gesagt haben, daß das Scheitern der ganzen Vorlage die mög­liche Folge sein werde. Sie ziehen mit Recht den Sper­ling in der Hand der Taube auf dem Dache vor. Ohne Zweifel darf man mit ihnen hoffen, das Stück Hannover- Magdeburg werde schon noch einmal nachgeliefert werden. Sie wollen es aber nicht wieder aus die Alternative alles oder nichts ankommen lassen.

Ausfallen könnte das Verhalten der Konservativen in der Kommission. Nach ihrer Presse zu urteilen, waren sie durch das staatliche Schleppmonopol für den Rhein- Leine-Kanal gewonnen. Aber nur die Mgg. Frhr. von Marenholz und Graf Wartensleben und von den Frei­konservativen der Organisator der Kanalobstruktion Frhr. v. Zedlitz haben dafür gestimmt. Im Plenum dürfte, wie wir schon gestern mitteilten, das Verhältnis etwas anders werden. Alan nimmt an, daß ein nicht unbeträchtlicher Teil der Rechten für den Kanal stimmen werde. Vielleicht hielt ein Teil der konservativen Kommissionsmitglieder noch mit der Zustimmung zurück, weil sie sahen, daß die Mehrheit für den Kanal doch gesichert sei. Nicht recht verständlich ist es uns, warum die Konservativen, bis aus die eben genannten beiden Abgeordneten, auch gegen den Antrag Am Zehnhoff aus Einstellung von sechs Millionen Mark zur Verbesserung der Landestulturverhättnisse stimm­ten. Sie werden doch^, wenn der Kanal zu stände kommt, diesen Betrag der Landwirtschaft nicht vorenthalten wollen.

Die Zentrumsmitglieder haben sämtlich für den Kanal gestimmt, gleich den Nationalliberalen und Frei­sinnigen. Ob auch im Plenum das ganze Zentrum dafür stimmen wird, läßt sich noch nicht sagen. Man kann aber kaum mehr zweifeln, daß derMittellandkanal" in der nunmehr beschlossenen Gestalt vom Abgeordneten­hause bewilligt wird.

Tie Anträge, auch die Kanalisierung der Mosel, Saar und Lahn wenigstens im Prinzip zu beschließen und dies in der Vorlage auszusprechen, haben dagegen keinen An­klang gefunden; sie wurden gegen vier bezw. sechs Stim­men a b g e l e h n t. Tie Minister meinten, bie Projekte seien technisch, wircschastlich und finanziell noch unreif (?), wollten sich auch nicht der Gefahr aussetzen, daß das Kanalschiss noch mit weiteren Kompensationen belastet werde. Sie haben aber sich nicht grundsätzlich ablehnend verhalten, und daraus darf inan wohl auch bei uns zu Lande den freilich recht schwächlichen homerischen Trost schöpfen, daß einst (!) die Zeit kommen wird, da auch unsere Lahn kanalisiert werden wird. Im Plenum des preuß. Abgeordnetenhauses ist freilich auf eine günstigere Stimmung für das Lahn­projekt nicht zu hoffen.

Nach den Kommisjionsbeschlüsien sollen die Kosten für den Kanal Rhein-Hannover einschließlich der Kanalisierung der Lippe 245 750 000 Mk. betragen, das sind 48 250 000 Mt. mehr, als die Regierungsvorlage vorsah (197 500 000)., Für den Rhein-Herne-Kanal nebst Kanalisierung der Lippe werden gerechnet 119100 000, für Ergänzungsbauten am Dortmund-Eins-Kanal 6 150 000, für den Kanal Bevergern- Hannover mit drei Seitenkanälen 120 500 000.

Tie zweite Lesung in der Kommission ist bis nach Wiederaufnahme der Plenarsitzungen verschoben worden. Es wird eben bei iiUeit Parteien das Bedürfnis bestehen, daß vor Eintritt in die zweite Lesung die Kommissions­mitglieder mit ihren Fraktionen Fühlung nehmen. Hätte Wan geahnt, daß die erste Lesung so bald beendet sein werde, so hätte das Plenum sich mit einer achttägigen nwrwui in i i-i hhiiih in......

per Aing.

Kriminal-Roman von O. Elster.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Adalbert!!!"

Ja, ja, ein Verbrecher! Was hilft alles Leugnen und Vcr- tuschen? Anna, erinnerst Tu Tich noch, als wir zusammen auf dem Nennen in Harzburg waren? Es sind drei Jahre her . .."

Ja ... ich entsinne mich."

Als sie das Zimmer verlassen hatte, trat der Justizrat an bas Lager des Kranken und sagte:Nun, was haben Sie zu erzählen?"

Finster blickt Kaminski vor sich hin.

Was wollen Sie wissen?" fragte er mit einem scheuen Seiten­blick auf Ferdinand.

Wie Sie zu dieser Brieftasche, die dem ermordeten Frauz Groller gehörte, und diesem Wechsel gekommen sind."

Ten Wechsel habe ich eingelöst. .

Tas ist nicht wahr. Ter Wechsel wäre sonst mit einer Quittung versehen, llnd baim, Verehrtester, waren Ihre Ver­hältnisse nicht derartig, daß Sie einen Wechsel über 3000 Mark schlankweg einlösen konnten. Also heraus mit der Sprache!"

Herr von Kaminski", nahm Ferdinand das Wort, indem er näher an das Bett trat,beurteilen Sie mich nicht falsch. Ich bin nur hierhergekommen, weil Sie den Wunsch äußerten, mich zu sprechen. Mir liegt an diesem Wechsel und der Brieftasck>c nicht bao Geringste. Fürchten Sie nicht, daß Ihnen daraus irgend welche Unannehmlichkeiten entstehen. Ich weiß, daß mein Bruder Gelder gegen hohe Zinsen auslieh . . . ich erfuhr es erst nach seinem Lode uiib habe diese Handlungsweise ineincs Bruders sehr bellagt. Ich 'habe mit jenen Geschäften nichts zu

'Nein", rief der Justizrat lebhaft,er verbrannte sogar

statt vierzehntägigen Pause begnügen können. Die zweite Lesung in der Kommission wird nun wohl auch nicht allzu viel Zeit mehr in Anspruch nehmen. Daß sich das Plenum noch vor Weihnachten mit der Vorlage zu beschäftigen haben werde, ist wohl ausgeschlossen. Selbst wenn die Kommission in wenig Tagen fertig würde, müßte doch die Abfassung des Berichtes, die dem Abg. Am Zehnhoff zu- fällt, seine Verlesung und sein Druck zu lange Zeit bean­spruchen, als daß vor Weihnachten cur die zweite Beratung im Plenum zu denken wäre.

Nach der Zustimmung des Abgeordnetenhauses wäre immer noch eine Ablehnung desMittellandkanals" im Herren Hause möglich, und wenn die erste Abstimmung der Konservativen in der Kommission maßgebend wäre, müßte man sogar mit Sicherheit darauf rechnen. Indes ist wahrscheinlich, daß der Kanal jetztdurch" ist. Alle Welt wird eine gewisse Erleichterung fühlen, wenn diese leidige Angelegenheit nun, wenn auch apf ihre Art, aus der Welt geschafft ist. Welchen Verdruß hat sie nicht allen Beteiligten schon bereitet. Regierung und Konservative in Preußen werden kein Verlangen haben, daß es wegen des Kanals zu einem neuen Konflikt zwischen ihnen kommt. Tie liberalen Kanalfreunde werden wünschen, daß ihre Angst und Sorge ein Ende habe. Nur die Lahn-, Mosel- und Saar-Interessenten sind auf ihrem Kanalschiff­lein ganz kläglich gescheitert. Ihre Felle sind ihnen aber noch nicht fortgeschwommen. Sie bauen fest darauf, daß ihnen eine nicht allzu serue Zukunft auch ihre berechtigten Wünsche erfüllen wird.

*

Aus Berlin wird uns geschrieben:

Frhr. v. Zedlitz, der Führer der Freikonservativen, gwt, gerührt von dem weiten Entgegenkommen der Regierung, insbe­sondere dem Verzicht auf den eigentlichen Mittellandkanal, der Verständigung feinen Segen. hat nur noch den einen Wunsch, um die Befriedigung vollständig zu machen, daß die Konservativen bei der Abstimmung im Plenum mindestens soviel Stimmen für die Vorlage stellen, wie Zentrum und Nationalliberale. Davon erhofft Frhr. v. Zedlitz, wie er in einem Zeitungsartikel aus­führt, die Herstellung des alten, für beide Teile gleich erwünschten und naturgemäßen vollen Vertrauensverhältnisses zwischen der Krone und den konservativen Parteien. Frhr. v. Zedlitz gefällt sich in weisen Ratschlägen an die Parteien und die Negierung. So und nicht anders kann es richtig gemacht werden. Wenn nun wirklich eine größere Anzahl von Konservativen demnächst für den Rhein-Leine-Kanal stimmt, dann ist Frhr. v. Zedlitz wieder einmal, wie beim Schulprogramm, der große Mittler ge­wesen, die kraftvolle Persönlichkeit, die zum Heil des Vater­landes das einigende Band um Regierung und staatserhaltende Parteien schlingt. Aber ob es einen so starken Eindruck an maß­gebender Stelle machen würde, wenn die Konservativen etwa hun­dert Stimmen in die Wagfcpale werfen für den Nhein-Leine-Kanal? Wir möchten es bezweifeln. Ja, gehörte noch Selbstüberwindung zu diesemhochherzigen Schritt". Tas ist aber nicht der Fall. Denn kein größerer Unterschied läßt sich denken als zwischen den Kanalplänen von 1899 und denen von 1904. Tamals zog die Regierung mit tausend Masten aus still, auf gerettetem Boden kehrt sie zurück. Tie Benennung eineseminenten Kulturwerkes", an dem die Regierung unerschütterlich festzuhalten verhpß, bezog sich auf den geplanten durchgehenden großen Kanal von West nach Ost. Was jetzt übrig geblieben ist, undwofür eine Viertelmilliarde erfordert wird, gewährt eigentlich niemandem eine rechte Freude. Tie I n d u st r i e hat infolge des staatlichen Schleppmonopols und der Befürchtung hoher Gebühren ein sehr verminder­tes Interesse an dem Kanal, ein Teil der Landwirte will von den Wasserstraßen absolut nichts wissen,, die Regierung endlich hat sich mit Versprechungen nach allen Seiten engagieren müssen, mit Zugeständnissen, die von Anfang an nicht beabsichtigt waren. Ta wird sich die R e g i e r u n g doch vielleicht die Frage vortegen, ob dieser Erfolg nicht gar zu teuer erkauft ist. Und wie steht es mit der Einführung von S ch i f f a h r t s - ab gab en, dem sehnsüchcigen Verlangen aller Agrarier? Tie Kommission hat über diesen wichtigen Punkt streng vertrauliche Beratung gepflogen. Heute abend aber lüftet dieKreuzztg." den Schleier durch folgenden sehr zu beachtenden Satz:Auch in der Frage der S ch i f f a h r t s a b g a b e n hat die Regier­ung den bisherigen Kanalgegnern ein unverkenn­bares Entgegenkommen gezeig t." Tas ist wohl kaum anders aufzufassen, als daß die preußische Negierung sich bereit erklärt hat, für die Einführung von Schiffahrtsabgaben auf deutschen Strömen einen Antrag im Bundesrat einzubringen. Tie Einführ­ung von Schiffahrtsabgaben würde natürlich vollends die Freude am Kanal vergällen. Ter Industrie würde mit einer Hand gegeben, mit der anderen genommen werden. Und bei

alledem soll die Regierung den konservativen Parteien gar noch dankbar sein, daß sie nicht wieder einen Strich durch die bescheiden ermäßigte Rechnung gemacht haben? Schade, daß Miquel dies Schauspiel nicht mehr erlebt. Soviel hätte er vor fünf Jahren auch durchsetzen können.

Komische Tagesschau.

Ter gebackpfeifte Herr Andrö geht doch!

Des französischen Ministerpräsidenten Eombes dring« liches Bemühen, den Kriegsminister Andrö zum Rücktritt! zu bewegen, hat doch Erfolg gehabt. Herr Andrö scheint'A zwar nicht gern getan zu haben, aber die Art der Nötigung, die ihm zuteil wurde, ging denn doch über seine durch die Backpfeife arg geschwächten Kräfte. Der Untersuchungs­richter beauftragte nämlich einen Arzt mit der Prüfung des Gesundheitszustandes des Kriegsministers. Man gab zwar höflicherweise an, diese Prüfung sei nötig zur Feststellung der gegen Shveton zu verhängenden Strafe. Mer Herr Eombes wollte dadurch in erster Linie der Welt kund unix zu wissen tun, daß ihm der gebackpfeifte Kollege ein Dorn! im Auge sei, um dessentwillen zu stolpern ihm nicht paßt. Und so hat denn Herr Andrö sich nolens volens dazu be­quemen müssen, gestern, am 15. November dem Präsidenten Loubet seinen Rücktritt in folgendem Schreiben mitzu­teilen :

Verehrter Herr Präsident! Die l«tzten parlamentarischen Zwr- fchenfälle zeigen, daß die Feinde her Republik mehr als je ent­schlossen sind, Sturm zu laufen gegen die Regierung, die ihnen mit ebenso viel Energie wie Erfolg die Spitze geboten hat. Es scheint mir, daß der Anteil, den ich bei dieser Aufgabe hatte, der ich mehr als fünf Jahre unablässiger Arbeit gewidmet habe, mich zum ganz besonderen Ziel der Streiche dieser Feinde gemacht hat. Man wird mir die Gerechtigkeit erweisen, daß eine solche Aussicht nicht dazu angetan wäre, mich zu ent­mutigen. Indessen habe ich zu viel inneren Stolz und bin zu stolz auf mein Werk und habe zu vielLiebe zum Vater!ande und zur Republik, als daß ich auch nur eine Minute lang die Hypothese annehmen könnte, daß ich die Ursache zur Uneinigkeit in der republikanischen Mehrheit sein könnte. Andererseits hat die Einigkeit dieser Majorität das Kabinett Waldeck-Rousseau und das K a b in e t t C o m b es vor Gefah­ren gerettet, die sie zu bestehen hatten, und dank dieser Einigkeit wird die republikanische Partei ihre Aufgabe vollenden, der, meine Kraft zu widmen, mein Glück gewesen ist.

Gestatten Sie mir in dem Augenblick, indem ich von Ihnen Abschied nehme, an Sie meinen Tunk für alle Bekannten und Unbekannten zu richten, die von überall in Frankreich her mir bei den letzten Prüfungen so rührend waren, ihre Sympathie zu bekunden. Mögen Sie wissen, daß ich in den Ruhestand mit hin­übernehme die unerschütterliche absolute Hingabe und Treue zu Frankreich, zur Armee und Republik, und daß ich auf diese drei all mein Sinnen vereinige.

Hoch erhovenen Hauptes scheinbar verläßt also der General das Ministerium.

Als Ministerpräsident Eombes das Demissions- schreiben Andres erhielt, ging er ins Kriegsministeviumi und hatte dort eine lange Besprechung mit Andrö. Sodann begab sich Eombes zur Sitzung des Ministerrates und teilte diesem den Entschluß Andrös mit. Der Ministerrat drückte sein Bedauern über diesen Entschluß ans und beschloßt das Portefeuille des Krieges dem sozialistisch-radikalen De­putierten B e r t e a u x, der seit dem Jahre 1879 Makler an der Pariser Börse ist, anzubieten. Berteaux nahm das Portefeuille an. Berteaux war im Jahre 1902 Bericht­erstatter für das Kriegsbudget und er war auch für dieses Jahr dazu in Aussicht genommen.

General Andrö wird also durch den radikalen Mg. B e r- teaux ersetzt werden. Dies bedeutet jedoch nach der Niederlage Andres eine wesentliche Stärkung des Kabinetts Eombes. Berteaux ist mit verschiedenen radikalen Führern eng befreundet.

lieber den Eindruck, welchen die Demission AndröK in Kammerkreisen hervorgerufen hat, wird berichtet: Die Radikalen sind von der Demission Andrös befriedigt, da sie annehmen, daß das Ministerium hierdurch eine Stärkung erfahren werde, umsomehr als der neue Kriegsminister Berteaux dem Kabinett vielleicht einige Stimmen der dissentierenden Radikalen zurückge- winncn wird. Die Oppositionellen sprachen ihre Genugtuung darüber aus, daß sie durch die jüngste Inter­pellations-Debatte den Rücktritt Andrös erzwungen haben. Sie äußern ferner hie Ansicht, daß die Stellung des

nach dem Tode seines Bruders alle vorgefundenen Wechsel und Schuldscheine!"

Still, ich bitte Sie, Herr Justizrat! Also sprechen Sie offen, Herr von Kaminski, mich leitet nur der Wunsch, Näheres über den Tod meines Bruders zu erfahren sehen Sie, ich zerreiße den Wechsel. . ." Damit nahm er den Wechsel und zerriß ihn.Und nun sprechen Sie, wenn Sie etwas über den Tod meines Bruders wissen . . . vielleicht gar, wer der Mörder war. .

Ta schlug der Kranke aufschluchzend die Hände vor das Gesicht. Tie Ellenbogen auf die emporgezogenen Knie stützend, das Gesicht in die Hände vergraben, blieb er eine Weile schweigend

trat der Justizrat auf ihn zu, legte mit festem Griff die Hand auf seine Schulter und sagte mit tiefer Stimme:

Kaminski, gestehen Sie Sie selbst waren der Mörder!"

Ta fuhr der Kranke jäh empor und streckte die hageren Arme aus:

Ich bin kein Mörder!" schrie er.Es war ein ehrlicher Kampf, in dem ich ihn tötete . . . einer von uns mußte sterben ... er oder ich . . ,

Tann fiel er auf das Lager zuruck und vergrub sein Gesicht in die Kien. _

Erschüttert stand Ferdinand da. Welch Trama entrollte sich seinem Blick? O wie recht hatte der Amtsgerichtsrat, als er ihn warnte, trügerische Anzeichen für Beweise zu nehmen!

Der Justizrat berührte den Daliegenden leicht an der Schulter. Fassen Sie sich ermannen Sie sich", sagte er ernst, doch nicht unfreundlich.Erzählen Sie uns, wie alles sich zuge­tragen erleichtern Sie Ihr Gewissen, ehe Sie vor Gottes Richterstuhl treten. Denken Sie daran, daß Ihre Aussage eine Unschuldige von schwerem Verdachte befreit, daß Ihre Aus­sage dnn Bruder des Getöteten sein Lebensglück, seine Lebens­freude wiedergeben kann. Wollen Sie mir anüvorten, wenn ich Sie frage?" c _ ,

Fragen Sie", flüsterte der Kranke.

Nicht lvahr, Sie hatten diesen Wechsel yenn Franz Groller ausgestellt? Ter Wechsel befand sich in seinen Händen?"

Ja" ...

und Sie wußten nicht, wie Sie ihn einlösen sollten?"

Nein, ich wußte es nicht."

Ter Gläubiger ließ sich auf keine Prolongation ein, er drohte mit einer Klage".....

Ja ja" . . .

Weshalb fürchteten Sie diese Klage so sehr? Sie waren doch schon öfter verklagt worden und ein Offenbarungseid wäre Ihnen lvohl nicht schwer getoordcn."

Ich... ich fürchtete mich vor der Strafe... vor dem Zuchthause. . . Ter Wechsel war gefälscht." . . .

Hm ich dachte es mir. Herr von Breitenbach, der Renn- stallbefitzer und Majoratsherr, würde Ihnen kaum seine Unter­schrift gegeben haben. Also Sie mußten den Wechsel unter allen Umstünden wieder 511 erlangen suchen und deshalb griffen Sie zum Revolver." . . .

(Fortsetzung folgt.)

T i e Morgenröt e", eine Komödie von Josef« derer, abgedruckt in denSüdd. Monatsh.", wurde im Ber­liner Neuen Theater mit lebhaftem Beifall ausgenommen, in den sich jedoch auch Widerspruch ncischtc. Tas Stück spielt in München im Jadre 1848 und ironisiert die revolutionäre Be­wegung und die Parteiungen in der Studentenschast, die das Auf­treten der Lola M 0 u t e z hervorrief. Manck>e e$enc ist glück­lich geführt. Tie Persiflage des Psstlistertums ist stellenweise nicht ohne Reiz. Durch endlose Wiederholung derselben Motive aber und durch seine Unfähigkeit, die Handlung herauszuheben und zu gestalten, verliert Rüderer sich in Trivialitäten, die auf die Tauer schwer erträglich siud. Vorzüglich war die Ausführung des Neuen Theaters.