Ausgabe 
16.4.1904 Erstes Blatt
 
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Kerichtssaal.

th. Gießen, 1b. April. In ähnlicher Lage, wie der Weise Richter in Lessings Natan, der ergründen sollte, welcher von den drei Ringen der echte sei, befand sich gestern das Schöffen­gericht in einer Verhandlung, die sich gegen einen kaum 18- jäbrigen Burschen aus Reiskirchen richtete, der des D i e b st a h l s beschuldigt war. Auf dem Gerichtslisch lagen zum Beweise der Schuld oder Unschuld 8 Fingerringe, 1 goldener und 2 silberne, die letzteren mit goldener Platte, in welcher M. S. eingraviert war. Die Beweisaufnahme ergab folgendes Bild der Sachlage. Am ersten Weihnachtsfeiertaae war der Angeklagte mit mehreren Alters- Senoffen in der Küche emes Hauses, er hat dort Brot gegessen und ltilch getrunken und soll in dem Raum auffällig hin- und her­gegangen sein. Zwei oder drei Tage nachher vermißte ein Mädchen im Hause ihr Portemonnaie, dessen Inhalt aus 10 Pfennig und einem goldenen Ring bestanden haben soll, dessen Platte mit H. 8. gezeichnet war. Ter Verdacht des Diebstahls fiel auf den An­geklagten, welcher am zweiten Weihnachtstage in der Spinnstube, wo auch getanzt worden ist, renommierend euien Ring am Finger gezeigt hat, den er in Gießen gekauft haben wollte. Mertwürdiger- weise fand später das Mädchen ihr Portemonnaie wieder und zwar nicht in der Küche an jenem Orte, wo sie es hingelegt hatte, son- dern auf dem Hofe dicht unter dem Küchenfenster. Ter Angeklagte erklärte vor dem Gericht, er sei qn dem fraglichen Diebstahl un­schuldig. Jener Ring, den er am zweiten Weihnachtsseierlage ge­tragen habe, habe feiner Schwester gehört, es sei auch kein gol­dener, sondern.ein silberner Reif mit einer Goldplatte gewesen, aut welcher der Name seiner Schwester M. 8. eingraviert war. Ein Zeuge bestätigte unter Eid, daß er tatsächlich einen solchen Ring, wie der Angeklagte angieot, an den Weihnachtstagen an dessen Finger gesehen hat; er bekundet-, daß er die Hand des Burschen gehalten hat, um dessen Ring zu betrachten, und daß er genau wisse, daß der Reif weiß, also silbern und nicht golden gewesen sei. Dem gegenüber behaupten mehrere Mädchen, welche in der Spinn- stube waren, sie hätten, zwar ans einiger Entfernung, einen gol­denen Ring, dessen Platte H. 8. gezeichnet war, am zweite,: Feier­tage am Finger des Angeklagten gesehen. Die Bestohlene erklärte als Zeugin, daß in dem Portemonnaie, als sie es wiederfand, zwar ein Ring enthalten war, welcher aber nicht identisch gewesen sei mit ihrem Eigentum: sie erkannte auch den goldenen Ring, welcher zu den Akten gegeben ist, nicht als den ihrigen an. Tie beiden anderen auf bem Gerichtstifche ausliegenden silbernen Ringe ge­hören der Schwester des Angeklagten, haben beide goldene, mit M. Lgravierte Platten. In der Verhandlung wurde noch fest- gestellt, daß man bem jungen Menschen, der zwar des Diebstahls verdächtig ist, doch Schlechtes nicht nachsagen kann. Der Ainls- anroalt beantragte, wegen des Diebstahls auf eine Woche Gefängnis zu erkennen. Ter Gerichtshof fällte aber einen Freispruch mit der Begründung, daß die ganze Sachlage recht dunkel sei und zu wenig aufgeklärt erscheine, um trotz der vorliegenden Verdachts­momente den noch unbestraften jungen Menschen mit Gefängnis bestrafen zu können.

Kandel und Verkehr. Volkswirtschaft.

Berliner Börse vom 15. April 1904.

(Mitaeteilt von der Bank für Haiidel und Industrie, Gießen.) Prioat-Diskont 28/< Prozent.

Anfangs- u. Schlußkprse.

Oest. Kredit.... 201.25 202.12

Deutsche Bank . . . 215.90 215.75

Darmstädter Bank . . 134.50 134.50

Bochumer Guß . . . 190.50 189.87

Harpener Bergbau . . 195.75 195.62

Tendenz: Lautlos.

R. B. Darmstadt, 15. April. Die Frage des neu gegründeten Kohle n-Kontors und die damit ui Verbindung stehende aber­malige bedeutende Steigerung der Kohlen preise be­schäftigte in eingehendster Weise die Generalversammlung des hiesi­gen Handelsvereiiis. Kommerzienrat Jakobi legte dar, daß das Kohlen-Kontor eine Schöpfung des Kohlensyndikats sei. Alan müsse zugeben, daß das letztere ferne enorme Macht bisher nicht miß­braucht habe, denn es stehe z. B. fest, daß seit bem Bestehen bes Syndikats die Arbeitslöhne wesentlich mehr gestiegen feien, als die Kohlenpreise. An dem zetzt bestimmten Aufschlag von 80 Pfg. pro Tonne hätten die Schifssreder mehr Anteil als die Syudikats- angehörigen. Es komme hier allerdings wesentlich in Betracht, daß das Kohlensyndikat nicht Alleinherrscher sei, es habe nament­lich in den Kohlengruben des preußischen Staates im Saarreoier eme scharfe Konkurrenz; auch die schlesische und die englische Kohle stehe ihm gegenüber. Die Stilllegung einer Anzahl Zechen durch das Syndikat sei sehr zu beklagen, zunächst müsse man jetzt ab- warlen, wie sich das am 1. April gebildete Kohlen-Kontor ent- wickeln werde. Wenn es sich in mäßigen Grenzen halte, so werde man daran denken müssen, einen allgemeinen Zusammenschluß der Kohlenhändler ins Ange zu fassen, um auf diese Welse im Interesse der Konsumenten ein entsprechendes Gegengewicht zu schaffen. In der sich hieran anknüpfenden Debatte wurde namentlich be­klagt, daß noch immer keine Preisnotierung vom Syndikat erfolgt fei. Die Schiffskohlen würden zweifellos durch die Preise der Reder teurer werden, das Kontor dürfte aber voraussichtlich die Preise für die einzelnen Städte festsetzen. Von der Fassung einer Protestresolution wurde Abstand genommen, bis eine nähere Ueber- stcht über die Tätigkeit des Kohlen-Kontors möglich sei.

Bom Stahlwerkverbaud. Wie die »Köln. Ztg/ hört, ist der Anschluß der Marthahütte in Kattowitz an den Stahlwerk­oerband zustande gekommen. Mit dem Gußstahlwerk Döhlen sei eine Vereinbarung erzielt, wonach dessen Anschluß anzunehmen sei. Hinsichtlich der Westfälischen Stahlwerke gedenkt man die Ent­scheidung desPhönix" abzuwarten, welchem Wahl gelassen ist zwischen Beitritt mit 516 000 Tonnen oder einem heftigen Jnter-ssen- kampf. Werde der .Phönix" hierdurch zum Beitritt nicht ge­zwungen, so werde der Verband sich auflösen. Ein Drittes gebe es nicht.

Märkte.

Gießen, 16.April. Marktbericht. Auf heutigem Wochenmarkt kosteten: Butter pr. Pfd. 1.001.10 Mk^ Hühnereier 1 St. 67 Vfg., 2 Stck. 0000 Pfg., Gänseeier 0000 Psg., Enteneier 70 Pfg., Käse pr. Stck. 68 Pf., Käsematte 2 Stck. 56 Pfg. Erbsen pr.Liter 21 Pfg., Linsenpr. Liter 32 Pfg., Taubenpr.Paar0,80l,00Mk., Hühner pr.St. 1,801,40 Mt., Hähne pr. Stück 0,801,70 Mt., Enten pr. Stück 1,702,20 Mk., Gänse vr. Pfd. 0070 Pfg., Ochsenfleisch pr. Pfund 6878 Pfg., Kuh- und Rindfleisch pr. Pfund 6268 Pfg., Schweine­fleisch pr. Pfund 6072 Pfg., Schweinefleisch, gesalzen, pr. Pfund 76 Pfg., Kalbfleisch pr. Pjd. 6274 Pfg., Hammelfleisch pr. Pfund 5074 Pfg. Kartoffeln pr. 100 Kgr. 6,007,00 All., Weißkraut per Stück 912 Pfg., per Zentner 0.000.00 Mk., Zwiebeln pr. Zentner 7,0010,00 Mk., Milch per Liter 18 Pfg., Aepsel per Zentner 20 bis 25 Mk., in Körben 0000 Pfg. Nüsse 100 St. 35-40 Pfg. Marktzen 71 Uhr.

Meteorologische Beobiichrungen

der Station Gießen.

April 1904.

Barometer auf 0° reduziert

Temperatur der Luft

Absolute Feuchtigkeit

Relative Feuchtigkeit

Windrichtung

Windstärke

Wetter

15.

2

739,3

+ 23,0

8,8

42

SSE.

1

Sonnenschein

16.

9"

738,7

+ 17,7

10,8

71

WNW.

1

Heller Himmel

16.

740,8

+ 11,3

8,6

87

NW.

2

Sonnenschein

Höchs

e Tem

peratnr

am

4.IE

>. Apri

+ 24,0 - 0.

DUebrigfte

4.-15.

+ 13,3 UC.

Gießener landwirtschaftlicher Wetterdienst

Voraussichtliche Witterung in Oberhessen für Sonntag, den 17. April 1904. Schwachwirrdtg, zeitweise wolkig und stellenweise Gewitter» bei sehr milder Nacht tagsüber Temperatur wenig verändert.

Näheres durch die Gießener Wetterkarte.

Krieskasten der Redaktion.

(Anonyme Anfragen bleiben unberücksichtigt.)

S. u. L. Nach §4 des Telegraphen gejetzes (Ver­lag von Emil Roth in Gießen, Preis 20 Pfg.) ersetzt die Tele- grapheiiverwaltung den an den Baumpflanzungen verursachten Schaden und die Kosten der auf ihr Verlangen vorgenommenen Aiisästungen. Auch alles Weitere ersehen Sie aus dem genannten Gesetze.

Neueste Meldinigen.

Originaldrahtmcldnngen des Gießener Anzeigers.

Berlin, 16. April. In den Ringkämpfen im Zirkus Busch gelangte der Entscheidungskampf zwischen dem Deutschen Heinrich Eberle und dem Spanier Pey- rouse zum Austrag. 20 Minuten währte der Kambs bis es Eberle gelang, seinen sich tapfer haltenden Gegner aus die Schulter zu legen. Eberle wurde ein Lorbcerkranz mit Schleife in den Badenser Farben überreicht.

Frankenthal, 16. April. Nach einer Privatmeld- ung desFr. Tagebl." trifft der Wörmann-Dampfer mit dem erkrankten Ober st en Dürr, dem Leiter des südwe st afrikanisch en Expeditions-Korps, an Bord bereits am 28. April in Deutschland ein. Dürr ist also schon aus demHeimwege, ohne daß offiziös dar­über etwas bekannt gegeben wäre.

London, 16. April. Wie aus Tokio telegraphiert wird, schätzt man nach zuverlässigen Berichten aus der Mandschurei die dort befindliche Truppenmacht der Russen auf 200 000 Mann. Eine starke Besatzung befindet sich in Jvngwangchana. Die Hauptmacht konzentrier sich jedoch am Liaoyang südwestlich von Mukden. Am Ufer des Jalu ständen nur 10 000 Russen, die nicht hinreichen, um den Vormarsch der Japaner ernstlich aufzuhalten. Nach einer Meldung der St. James-E'azette ist der Brand im Kai­ser-Palast auf Brandstiftung zurückzuführen. Die Täter sind wahrscheinlich K o r e a ne r, die I a p an s Ein­fluß aus Korea beanstanden.

Bekanntmachung.

Der bisherige Schutzmann Wilhelm Gemmecker ist zum Pfaudmeister der Stadt Gießen (Vollziehungsbeamten) ernannt, verpflichtet und heute in feinen Dienst eingewiefen worden.

Gießen, den 14. April 1904. 8563

Großherzogucye Bürgermeisterei Gießen.

Mecum.

MtanzvomAechnungsjatjrl903 des tatoirWIidieii Koisuni-VerciiiS ArbMcich eingetr. Genosiensch. mit ambeschr. Haftpflicht.

Aktiva. j!L $

Kasienbestand 272 72

Ausstände 1138 54

Inventar 4126 27

Mobilienwert 48 27

Passiva. Jt £

Kreditoren 2203

Stammanteil 550

Betriebsrücklage 680 98

Reservefond 924 30

Reingewinn 1227 52

5585 80

5585 80

Die Zahl der Mitglieder betrug Ende 1902 110

Während 1903 gingen zu ... 6

116 , 1903 ab . . 7

Daher Stand der Mitglieder Ende 1903 109

3666 Der Borstand:

I. Briegel. F. Stumps. H. Wehrum.

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Für die uns anläßlich unserer silbernen chzeits- B «feier m so überaus großem Maße erwieset en Auf­merksamkeiten sagen wir Allen unfern he.zlichsten » ß Dank.

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Parts, 16. April. Nach einer Petersburger Meldung verließ Großfürst Cyrill wenige . vor der Explosion auf demPetropatolo^ 7 das Schiff, um per Boot im Auftrage des Mmiral?^'- ross den Land-Batterien Befehle zu überbringen Boot war kaum 20 Meter von dem Panzer emier». die Explosion erfolgte. Von den Trümmern geNnki^ kippte das Boot um. Es dauerte 40 Minuten ° Land gebracht wurde.

Rom, 16. April. Ein Leitartikel derTribuna" einen Vergleich zwischen der Mittelmeersabrt u fer Wilhelms und der Romreise des Präfih^ Loubet und führt aus, daß die Tripel-Allianz nur ?' einen devensiven Zweck habe. Dann schreibt sie «v Wilhelm werde der erste sein, der sich über die anknüpfung der sranko-italienifchen Herzlichkeit freue ja auch den guten Beziehungen zwischen Franlreick'.,^ Deutschland zu statten käme. Die Freundsa-asi Italien und Frankreich habe nicht nur das Gute den T r bund und Zweibund ein an d er zu nähern i dern auch den Erfolg, die Verpflichtungen Deutschlands'^ Rußlands gegenüber ihren Verbündeten beständig leichtern. Aus diesem Grunde herrsche heute keinerlei Mi' stimmung zwischen den Kaisersesten von Sizilien unk 2' Festen in Florenz.

Petersburg, 16. April. Mit Rücksicht auf die Wendigkeit, die Finanzmittel des Staate^ moal'f' zur D e cku n g d e r Kr i e g s ko ste n zu verwenden iS ein Befehl desKarsers die zeitweilige Eins i r Q n. ung der Tätigkeit der Adels- und Bauei agrarbank vor.

Moskau, 16. April. Der hiesige Universität P ro s e s s o r I w a n o w, der sich bei den freisinnigen denken sehr unbeliebt gemacht hat, fand eine V inbei- seinem Bett. Außerdem erhielt er Drohbr. won die revolutionäre Partei ihm mit dem Tode droht

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