Ausgabe 
16.2.1904 Erstes Blatt
 
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protestierten gegen die Maßnahme der Regierung, welche die revolutionäre Propaganda einschränken sollen und riefen unzählige Male in den Saal hinein:Hoch die Repu­blik!" Die Majorität entgegnete mit Schmährufen und Drohungen. Der Präsident zerschlug 5 Glocken, ehe die Ruhe wieder eintrat. Die Regierung droht jetzt, diejenigen Repiiblikaner, welche revolutionäre Rufe aus­stoßen, aus der Kammer zu entfernen. Die Republikaner erklären, sie würden nicht nachgeben, da die Regierung die Verfassung übertrete.

Lettin je, 15. Febr. Unter dem Verdacht der Ver­schwörung gegen den Für st en Ferdinand wurden neuerdings 60 angesehene Montenegriner verhaftet und hierher eskortiert. Dazu gehört auch der kürzlich vom König von Serbien empfangene Lakitsch.

Petersburg, 15. Febr. Die russische Staats­bankemittiert unter völliger Deckung 50Millionen Rubel Kreditbillets. Als Grund wird Mangel an handlichen Geldzeichen angegeben.

Newvork, 15. Febr. Senator Hanna ist heute abend gestorben. Hanna war der einflußreichste Führer der Republikaner.

Aus Stadt und Kand.

Gießen, den 16. Februar 1904.

** Fastnacht. Heute springen und gaukeln die Karne- d als geister, denn es ist der letzte der Torkeltage, wie man in einigen deutschen Gegenden bezeichnenderweise fagt.' Viel­leicht wäre es sprachlich richtiger, von einer Fase- oder Faselnacht zu reden, und das würde auch einen ganz guten Sinn abgeben. Run, wie dem auch sein möge, jedenfalls geht dieser vergnügte Tag auf ein altgermanisches Früh­jahrsfeuerfest zurück und ist erst unter kirchlichem Einflüsse zur Fastnacht geworden, d. h. zum letzten Tage frohen und freien Lebensgenusses vor dem dann folgenden vierzigtägigen Fasten. Kein Wunder, daß Fastnacht gerade in katholischen Gegenden eine große und überaus volkstümliche Rolle spielt. Der feiste oder fette Dienstag, die Narrenkirchweih oder das Narrenfest mit den Fastnachts-Kceppeln, ist so recht ein Tag urwüchsigen, oft recht derben deutschen Humors geworden. Das schon im 15. Jahrhundert geübte Nürnberger Schön- bartlaufen, eine von der Fleischerzunft unter häufiger Be­teiligung der Patrizier veranstaltete groteske Mummerei, ferner der Schäfflertanz der Münchener Böttcher und andere Zunftbelustigungen gehören hierher. Sogar die Klostergeist­lichkeit mochte sich! nicht ganz dem Volksbrauche entziehen. Sie legte früher gern einmal am Fastenäbend die Kutte beiseite und amüsierte sich innerhalb der Klostermauern mit allerlei Spiel und Verkleidung. Die oft von einem ge­radezu grausigen Humor durchzogenen Fastnachtsschwänke des Mittelalters und der Reformationszeit, wo Hölle, Tod und Teufel vorkommen mußten, und wo es dann ohne die bru­talsten Prügelszenen nicht abging, wären heutzutage wenig nach unserem Geschmack. Damals nahm niemand daran An­stoß, und kein Geringerer als Hans Sachs war auch ein eifriger Schwänkeersinner in dieser Art. Einer der eigen­tümlichsten Fastnachtsbräuche es gibt deren eine Legion ist das Fastnachtsbegraben. Am Fastelabend wird eine aufgeputzte Strohpuppe ins Wasser geworfen oder im Schnee vergraben, oder der Strohmann wird erst verbrannt, und oann kommt die Asche in ein Erdloch oder endlich ein wirk­licher Mensch wird als Fastnachtsnarr mit Stroh über­schüttet und darauf statt seiner ein Glas mit Branntwein in die Erde gesteckt alles Gebräuche, die lebhaft an das Tod- und Winteraustreiben erinnern und übrigens an dem Kirmesbegraben ein Gegenstück haben. Fastnacht! Es Hingt wie die fröhlich-leichtsinnige Aufforderung des alten Horaz: Nütze den Tag und traue möglichst wenig dem folgenden! Und die Heinen Vergnügungssprühteufelchen, sie locken und winken, rumoren und kichern, flüstern und nicken in ge­schlossenen Räumen bei uns zwar nur, aber trotz alledem ihr luftig Spiel unermüdlich treibend! Und so wollen auch wir uns heute den Fastnachtsfreuden dahingeben, heute nur, denn schon morgen bricht er an.......der graue

Aschermittwoch. Der Vormittag hat uns schon ein be­wegteres Straßenbild als sonst gezeigt. Studenten in den schmucken Farben ihrer Verbindungen zögen zu Fuß und zu Wagen in zwei. Zügen, jedesmal mit Musik voran, durch die Straßen der Stadt. Im Seltersweg wurde es besonders lebhaft, es kostete dort auch, durch Apfelsinenwerfen, einige Fensterscheiben. Andere UeberraschMgcn sollen, soviel wir hören, im Laufe des Nachmittags noch folgen.

** Kindcsleiche. Im Anschluß an die gestern ge­brachte Notiz betr. Auffindung einer Kindesleiche hat das Polizeiamt nachstehendes Ausschreiben erlaffen:Am 13. l. Mts. wurde hier hinter den Gärten am Rodberg in einem Graben die Leiche eines neugeborenen Kindes männlichen Geschlechts aufgefunden, die etwa 14 Tage daselbst gelegen haben mag. Höchst wahrscheinlich hat das Kind noch nach der Geburt gelebt. Die Leiche war in braunes Packpapier eingeschlagen und dabeiliegend fanden sich eine rot und weiß getupfte, schon geflickte Flanell-Nachtjacke mit einem Porzellan­knopf und einem weißen Perlmutterknopf, sowie zwei Lappen von einem Frauenhemd aus weißem Baumwollstoff. In der Nähe der Leiche fand sich außerdem ein Frauenrock von schwarzem Küperstoff, der zu einem Unterrock um­gearbeitet und mit schwarzem Band eingefaßt ist. In letzterem dürfte die Leiche beim Transport eingewickelt gewesen sein Wir ersuchen um Anstellung geeigneter Nachforschungen und Mitteilung aller Anhaltspunkte, die etwa zur Feststellung der Kindesmutter führen könnten."

* Höhere und Erweiterte Mädchenschule. Die Anmeldungen neu eintretender Schülerinnen sollen, wie im heutigen Anzeigenteil bekannt gemacht wird, künftig vor Ab­lauf des alten Schuljahres erfolgen. Die diesjährigen An­meldungen haben bis spätestens 20. März zu erfolgen.

* Die Lahn beginnt wieder in ihre Ufer zurückzutreten. Die letzte Ueberschwemmung des Lahntals erinnert an eine Episode aus dem Jahre 1876. Gegen Frühjahr dieses Jahres war auch das Lahntal überflutet und das Wasser, welches eine seltene Höhe erreichte, führte viel Eis mit. Nun standen damals an der Lahn bei Klein-Linden die Gebäude der Fernie'schen Braunsteinwäsche, welche von dem Steiger Gilbert bewohnt wurden. An jenem denkwürdigen Tage stießen die Eisschollen mit solcher Gewalt gegen da§ Wohn­gebäude, daß dieses in seinen Grundfesten erbebte und die Bewohner in Lebensgefahr schwebten. Schon am Abend gab Gilbert Notsignale und Notschüsse ab. Am nächsten Morgen wurde die Familie mittels zweier Nachen aus ihrer gefähr­lichen Situation befreit Jetzt sind sämtliche Gebäude nachdem die Wäsche einging abgerissen. Wir bemerken noch, daß unmütelbor hinter dem Gerichtsgebäude der Fuß­

weg nach dem Philosophenwalde z. Zt. nicht passierbar ist Dort haben die Waffermaffen einen großen Teich gebildet, der auch den Fußpfad zum Teil einnimmt.

Die 4 5. ordentliehe Generalversammlung der Gew erbe bank, e. G. m. u. H., fand am Montag abend im Restaurant Feidel statt. Der Vorsitzende des Auf- ichtsratS, Stadto. Petri, gedachte nach Eröffnung der Versammlung mit warmen Worten des im vergangenen Jahre verstorbenen Direktors Heinrich Wagner, dessen Andenken die Versammlung durch Erheben von den Sitzen ehrt. Der Vor- itzende erwähnt dann, daß auch im abgelaufenen Jahre der Geschäftsgang der Bank ein in jeder Hinsicht befriedigender gewesen fei; dies sei vor allem der regen Tätigkeit der Vor­standsmitglieder zu danken; er statte deshalb den Vorstands­mitgliedern im Namen des Aufsichtsrats den verdienten Dank ab. Unvermutete Revisionen der Bank und ihrer Bestände an Effekten, Wertpapieren und Bargeld hätten die beste Ord­nung in der Geschäftsführung ergeben. Regere Teilnahme der Genossenschafter an dem vorjährigen Verbandstag der hessischen Kreditvereine wäre deshalb erwünscht gewesen, weil dieser wertvolle Anregungen in Bezug auf das Genoffen- chaftswesen geboten habe. Direktor Loos erstattet hierauf den Geschäftsbericht. Nach Hinweis auf einzelne Punkte des den Mitgliedern zugegangenen gedruckten Berichts verbreitete ich der Redner ausführlich über den Geschäftskreis der Gewerbebank, die Gewährung von Vorschüffen gegen Personal- bürgschaft, die Beleihung von Wertpapieren, den Ankauf von Wechseln und Schecks auch auf das Ausland, den Scheck- Verkehr, die Geldüberweisungen nach dem Ausland, den Conto-Corrent-Verkehr, den kommissivnsweisen An- und Ver­kauf von Wertpapieren, die Annahme von Spareinlagen. Diese Ausführungen waren geeignet, über vieles Aufschluß zu geben, was den Mitgliedern bisher unbekannt war, sie zeigten aber auch, wie sich der Geschäftskreis der Bank in den letzten Jahren erweitert, wie die Bank bestrebt ist, den ge­schäftlichen Jntereffen der Mitglieder zu dienen. Der Vor­sitzende nahm Veranlaffung, dem Direktor für diese lehrreichen Darlegungen zu danken. Jahresrechnung und Bilanz wurden genehmigt und dem Vorstände und Aufsichtsrat Entlastung erteilt Zu dem Vorschlag des Aufsichtsrates, dem Gewerbe­verein zum VaufondS einer Gewerbeschule 1000 Mk. zu über­weisen, beantragt Stadtv. Sch mall Ueberwcisung der gleichen Summe an den Kaufmännischen Verein zur Dotierung seiner Fachschule, und Bauunternehmer Winn Erhöhung des vor- geschlagenen Betrages für den Gewerbeoerein auf 2000 Mk. Die Versammlung beschloß nach kurzer Debatte und nachdem Stadtv. Schmall die beantragte Zuwendung auf den Betrag ermäßigt, um den die Sparkaffe ihre Zuwendung ermäßigt, dem Gewerbeoerein, wie vom Aufsichtsrat vorgeschlagen, 1000 Mk., dem Kaufmännischen Verein 400 Mk. für die Zwecke der Fachschule zu überweisen und dafür die Zuweisung zum Reservefonds II um 400 Mk. zu kürzen. Die Herren Petri (für den Gewerbeverein) und Eichenauer (für den Kaufmännischen Verein) nahmen Veranlassung, der Versamm­lung für die bewilligten Zuweisungen zu danken. Die Wahl der satzungsgemäß ausscheidenden Mitglieder des Auf­sichtsrats ergab die Wiederwahl der Herren Ernst Balser, Karl Aug. Faber, Louis Fuhr, Dr. Gutfleisch und G. E. Möhl.

rm. Von der Jagd. Mit dem 15. d. Mts. hat die Schonzeit für den Dachs begonnen. Sie dauert bis zum 15. Mai. Mit dem Ablaufe dieses Monats beginnt dann auch die Schonzeit für Rehböcke (bis 1. Mai) und für Enten (bis 1. Juli). Die Enten beginnen jetzt bald zu legen. Ferner werfen in diesem Monat (Hornung) die starken Hirsche das Geweih ab, während dies bei den schwächeren Hirschen meistens erst im März, oft auch noch später, geschieht. Bei der milden Witterung sind die Hasen eifrig mit Erfüllung ihrer .familiären" Pflichten beschäftigt, so das es bald die ersten Junghasen geben wird, allein bei der großen Nässe dürften sie kaum aufkommen.

"Die verhexte Geis. Eine äußerst spaffige Ge­schichte, so wird uns aus unserem Leserkreise berichtet, passierte vor einiger Zeit einem biederen Bäuerlein Oberheffens. Es war von seiner Ehehälfte ausgesandt worden, um in dem etwa zwei Stunden entfernten Dorfe 36. eine schöne Geis zu handeln", er sollte sie auch gleich mitbringen. Der Handel wickelte sich glatt ab und vergnügt in dem Bewußtsein, die Befehle derAlten" genau befolgt zu haben zog das Bäuerleindurch Gebirg und Tal, samt der GeiS am Sahl (Seil)". Allein, mit des Geschickes Mächten ist kein ewiger Bund zu flechten. Während daß tapfere Bäuerlein im Weg­wirtshaus zur kurzen Rast einkehrte,spannte ihm" der immer zu Spässen angelegte Wirt die Geisaus" und band statt ihrer einen gleichfarbigen Geisbock an die Stelle.Ohne von dunkler Ahnung erfüllt zu fein", brachte das Bäuerlein mit zufrieden strahlendem Gesichte feiner Alten den Bock in den Stall, aber da kam er schön an. So viel Grobheiten wie dieses mal hatte er sein Leben lang noch nicht von seiner besseren Hälfte zu hören bekommen. Das Ende vom Liede war, daß er nach schlaflos verbrachter Nacht dank der unerschöflichen Stimmbegabtheit seiner Frau mit seinem Böcklein zurück nach 36. wandern mußte. Um fein Gemüt etwas zu erheitern, kehrte er wieder im WegwirtshauS ein. Er mußte sich ja auch für den Akt der Rückgabe noch etwas Mut antrinken. Natürlich rourbe während dieser Beschäftigung auch der Bock wieder in die Geis verwandelt und völlig arg­los zog das Bäuerlein mit ihr nach 36. Als er aber nun dort daS von seiner Frau gut einstudierte Donnerwetter los- lassen wollte, hätte ihn bald der Schlag gerührt, als man ihm sehr kurzer Hand nachwies, daß der fragliche Bock eine Geis fei. Nun war es mit den Kenntnissen des gutgläubigen Bäuerleins am Ende. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, zerrte der ganz aus dem Häuschen geratene Bauer seine Geis mit sich fort und stürmte eilenden Fußes, sich auch keine Sefunbc aufhaltenb, nach Hause. Es war ihm nicht mehr recht geheuer mit dieser Geis, denn diese Metamorphose über­flieg feinen Horizont sehr gewaltig. Er traute indeffen feinen Ohren kaum, als er aus dem Munde seiner Frau wegen der schönen Geis höchstes Lob vernahm. Er hatte alles andere, nur das nicht, erwartet. Die Geis erschien ihm so rätselhaft, daß er sogar noch am anderen Morgen ganz vorsichtig nach- sah, ob fi? nicht doch wieder zum Bock geworden sei. Erst allmählich glaubte er an dieBeständigkeit" dieserver­hexten" Geis. Vielleicht hat ihm inzwischen der spassige Hexenmeister" erzählt:Wie es gemacht wird".

** Bienenzüchterverein für Gießen und Umgegend. Am Sonntag nachmittag sand hier im Restau­rant Bauer die erste diesjährige Versammlung des Bienen­züchtervereins für Gießen und Umgegend statt. Die Ver­sammlung war trotz der schlechten Witterung gut besucht. Ter Verein zählt in diesem Jahre 135 Mitglieder. Nachdem mancherlei . Vereinsgeschäfte ihre Erledigung gesunden hatten, wurde Herrn Echternacht-Lützellinden das Wort er­teilt zu seinem Vortrag:Frühjahrsarbeiten am Bienen- stande". In sehr geschickter Weise entledigte sich der Refe­rent seiner Aufgabe, die Anregung zu einer recht lebhaften Diskussion gab. Von Herrn Kumpf Gießen angeregt, wurde noch über die Beschaffenheit des Rähmchens debattiert und hierauf durch den Vorsitzenden die Versammlung mit dem Wunsche, daß unseren Immen bald ein sonniger, warmer Tag beschert sein möge, geschlossen. Die nächste Versamm­lung ist voraussichtlich am 17. April.

* * In ber gestrigen Ziehung ber 5. Klaffe ber Hess. Thür. Staatslotterie fiel ber Gewinn von Mk. 25 000 auf Nr. 1179 in bie Kollektur des Joseph Stern hier.

§ Klein-Linben, 15. Febr. Die beabsichtigte Er­bauung einer Kleinkinberfchule ist jetzt ihrer Ver­wirklichung näher gerückt, nachdem durch Gemeinberatsbeschluß ein Bauplatz kostenlos zur Verfügung gestellt wurde. Es soll noch im Laufe dieses Jahres mit dem Bau begonnen werden.

sd. Darmstadt, 15. Febr. Die Feier des 70. Ge­burtstages beging gestern in würdiger Weise der Vor­steher des Steuer-Kommiffariats Darmstadt I, der auch in weiteren Kreisen beliebte und bekannte Geh. Finanzrat L. Kritzler. Die Zahl der persönlich erschienenen Gratulanten, unter denen auch die Spitzen der staatlichen und städtischen Behörden vertreten waren, war groß. Insbesondere erfreut war der Jubilar auch über die große Anhänglichkeit, die man ihm in seinem alten, vor länger als 14 Jahren verlassenen Wirkungskreise Gießen bewahrt hatte. Die letzte Amts­tätigkeit des Herrn K. vor feiner im Jahre 1890 hierher erfolgten Berufung war in Gießen. Sein Schwiegersohn ist der dortige Polizeiamtmann Hechler.

Mainz, 15. Febr. Tie regnerische und stürmische Witterung, die schon seit acht Tagen ununterbrochen herrsch t, hat das diesmalige Karnevals treiben ziemlich be­deutend beeinflußt und insbesondere bei dem heutigen Ro sen m o n t a g s zu g" nach mancher Richtung hin störend gewirkt. Hauptsächlich war der Fremdenbesuch durch das schlechte Wetter bedeutend geringer, als in den früheren Jahren, was sich in den großen Gasthöfen am meisten bemerkbar machte, wenngleich aus der näheren Umgebung der Besuch immer noch beträchtlich war. Auch die allge­meine Stimmung litt unter der fortwährend drohenden Regengefahr. Ter Zug selbst umfaßte 68 Nummern, wor­unter 18 bis 20 Wagengrup^en waren. Tie meisten der Zuggruppen verrieten viel Witz und .Humor, und charakteri­sierten sehr gelungenden Fremdenverkehr am Rhein einst und jetzt." Von den einzelnen Gruppen seien erwähnt: Was Mainz die projektierten Eingemeindungen bringt: Landleute mit Kartoffeln, Zwiebeln, Gänse, Schweine usw. Tie Hebung des Fremdenverkehrs wurde durch eine große Mausefalle dargestellt, in welcher Engländer und Englän­derinnen und sonstige Fremde gefangen, welche von einer Kellnerschar mittels Schläuchen ausgesaugt werden. Eine wirkungsvolle Gruppe war das Loreley-Denkmal: Vornher das Hochweise Denkmals-Komitee, dem das Loreley-Denkmal in schauderhafter Gestaltung und mit einem mächtigen Kamme folgte. Nicht minder b^eichnend war eine große MetzgergruvPe, durch welche die Wormser Metzger dargestellt wurden, wie sie aus Fasselhäuten die feinen Wurstsorten bereiten. Erwähnenswert ist noch die Gruppe, wie die Schloßkaserne hier von den Soldaten geräumt und sich der Umzug nach der neuen Kaserne betätigt. Tie verschiedenen Garden, die zu Fuß und zu Pferd den Zug begleiteten, hielten sich trotz des unfreundlichen Wetters sehr wacker; ebenso das Komitee derNarrhalla", welches in einem großen Prunkwagen an dem Zug teilnahm.

Frankfurt, 15. Febr. Die in einem Hause der Rofengaffe wohnende Ehefrau beS Weißbinbers Möller wollte am Samstag auf bem Stanbesamte ben Tob ihres vier Jahre alten Söhnchens anzeigen. Nachbarn erklärte sie, bas Kind sei verhungert. Sie hätte ihm keine Nahr­ung geben können, weil ihr Mann stark dem Trünke ergeben unb sich nicht um bie Familie kümmere. Vom Armenamte fei sie abgewiesen worben, weil ber Mann arbeitsfähig fei. Auf Grund dieser Aeußerung war der Standesbeamte nicht in der Lage, die Anzeige entgegenzunehmen, bevor nicht die Staatsanwaltschaft ben Tatbestanb festgestellt hat. Die Frau würbe an bie Polizei verwiesen. Zu ber Angelegenheit melbet bieKl. Pr." folgenbe Einzelheiten: Der 38 Jahre alle Weißbinber Möller bewohnt mit seiner 36jährigen Frau und drei Kinbern ein Zimmer in Aftermiete bei bem ver­witweten Schneidermeister Hellmann, Rosengasse 11. Die Kinder sind ein Mädchen von sechs Jahren, bas infolge ber schlechten Ernährung noch nicht laufen kann, und zwei Knaben von acht unb vier Jahren. DaS Mobiliar beS ZimmerS, in bem diese fünf Personen Tag unb Nacht zubrachten, besteht, abgesehen von einem schlechten alten Bett, auS einigen Kisten unb Kästen unb ein paar zerbrochenen Stühlen. Wäsche unb Kleider sind außer denen, bie die Leute auf dem Leibe tragen, uicht vorhanden. Die Nahrung besteht lediglich in Kaffee- brühe und trockenem Brot; ein anderes Ernährungs­mittel kennen die Kinder nicht. Der Vater wird als Trinker bezeichnet, ber nichts arbeitet unb sich Tag unb Nacht in ben Kneipen unb Straßen ber Altstabt herumtreibt. Wenn bie Frau durch ihrer Hände Arbeit ein paar Pfennige erworben, soll sie der Mann mißhandeln, bis sie daS Geld herausgibt, das er dann schleunigst in Schnaps umsetzt. Da bie Frau dem Schneidermeister Heilmann bie Wirtschaft ver­sieht, setzte bieser ben Mietpreis von zwölf Mark pro Monat auf bie Hälfte herab. Aber aiich biete sechs Mark konnte sie nicht bezahlen. Vom Armenamt erhielt bie Familie wöchentlich zwei Brote unb eine Mark. Die Kinber finb infolge ungenügenber Ernährung fortwährenb krank. 9((§ bie Mutter am Samstag nach bem kleinen vierjährigen Knaben sah, schrie er nach Brot unb weinte. Die Mutter hob ihn auf, da ließ er seine dürren Händen kraftlos hängen, fern Kopf fiel zurück der Knabe war tot. Er war an Tuber­kulose erkrankt, ist nun aber buchstäblich verhungert.

Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. In Klein-Linden feierten am Samstag der Gesangverein Harmonie fein diesjähriges Winterfest, wobei die Gießener Feuerwehrkapelle musizierte, und der Gesangverein Eintracht fein, 39. Stiftungsfest.