Nr. 369
Zweites
154. Jahrgang
Erscheint tLgNch mü Vu-nahme de- VormtagS.
Die Lietzener KamilienblStter- werden dem ^Anzeige, viermal wöchentlich betgelegt Der «heskllchr Landwirt" erscheint monatlich einmal.
Dienstag 15. November 1904
Rotationsdruck und Verlag der Brüh lechem UnwerfttätSdruckerei. ÖL Lange. Dietzen.
Redaktion. Expedition u. Druckerei: Schulst?. K, Tel. Nr. 6L Lelegr^Adr. < Anzeiger Dietz«»
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
»Mik»»I 1.1 IUMI ,„„
Bekanntmachung.
Betr.: Feldbereinigung in der Gemarkung Berstadt.
In der Zeit vom 16. bis einschließlich 29. November l. J8. liegen auf dem Nathause zu Berstadt die Arbeiten des II. Abschnittes obiger Feldbereinigung, nämlich:
83 Blatt Bonitirungskarten,
3 Bände Besitzstandsverzeichnisse,
3 Bände Gütergeschosse,
1 Band Zusammenstellung der Gütergeschoffe, sowie das Protokollbuch
zur Einsicht der Beteiligten offen.
Tagfahrt zur Entgegennahme von Einwendungrn hiergegen und co. Wahl eines Schiedsrichters nebst Stellvertreters findet daselbst statt:
Mittwoch den 30. November 1904, vormittags 9—10 Uhr,
§ozu ich die Beteiligten nut dem Anfügen einlade, daß die Nichterscheinenden mit Einwendungen ausgeschlossen sind. Die Einwendungen sind schriftlich abzufassen und zu begründen.
Büdingen, den 12. November 1904.
Ter Grt.,stherzogliche zeloberemig.mgskommMr: Schnittsvahn, Regieriingsassessor.
A_"_____■■■'. ____!—. .. in
Rebel unö das JuKuNkts-A-Liv.
Endlich hat Herr Bebel sein Steckenpferd, die „Frau der Zukunft", wieder einmal bestiegen uitb die Wege gezeigt, wie an der zarten Hand der „Frau der Zukunft" allein der „Zukunftsstaat" seinen geistigen und moralischen Inhalt sich erwerben und das gegenwärtige irdische Jammertal in das Himmelreich auf Erden verwandeln kann. Herr Bebel ist ja aus seinem Buche über dieses Thema bekannt genug und wenn ihm, dem Illusionisten, das „ewig Weibliche" als die Treppe zur allein seligmachendien Sozialdemokratie erscheint, so lvird kein Mensch, der einen Sinn fcit für die geistige und leibliche Wohlfahrt seiner Mitmenschen, ihm darob grollen. Leute, die den alten August näher kennen, wissen, daß ihm trotz mancher seiner blutrünstigen Reden ein weiches Herz im Busen schlügt unb daß er kein Blut sehen kann, also wobl, wenn einmal „Sein Volt" auf die Barrikaden steigt, einer der Ersten sein wird für die Krankenträger. Auch Robespierre vergoß manche Träne über die Grausamkeiten seiner Kameraden und, wenn er auch Tanton und Marat geistig weit überragte, so siel er doch, hauptsächlich weil er, der Weiberfreund, es nicht verwand, die Amazonen der großen Revolution für den unedlen Stoff des Petroleum zu begeistern.
lieber seinen weiblichen Zukunftstraum sprach Bebel nach langer Zeit wieder einmal in Tempelhof bei Berlin und zwar über das sozialdemokratische „Originalweib". T-er unverdächtigen Quelle des „Vorwärts" entnehmen wir eine Schilderung des großen Tages nicht in Dithyramben sozialdemokratischer Selbst- Ökeit, sondern in bürgerlicher Philister-Einfalt des gesunden .enverstandes, der den Trupven des roten Zukunftsbanners gänzlich abhanden gekommen ist und n un n ach den Prophezeiungen Bebels in blendender Schönheit und Reinheit im Zukunftsweibe wieder auferstehen soll.
Tie Genossin T hi e l, Gattin des Genossen Thiel, soviel wir wissen, Gaitwirtin in Nixdorf, hatte die Versammlung einberufen und eröffnete die Sitzung, in der August Bebel von den angeblich zahlreich versammelten Männlein und Weiblein mit stürmischen Hochrufen — laut glaubhafter Versicherung des „Vorwärts" — empfangen wurde, worauf dann sofort „weihevolle" Ruhe eintrat. Außerdem trug die Rede Bebels die Signatur: „Die Frau in Staat und Gesellschaft", und der „Vorwärts" schickt seinem sentimentalen Bericht eine Beschreibung voraus, wie von seilen des Landrats und seiner Gendarmen alle Vorkehrungen getroffen worden seien, um die „Ruhe und Ordnung" aufrecht zu erhalten und Herrn Bebel zu verhindern, den Zukunftsstaat fdjon in Tempelhof zu begründen. An sich war diese „weihevolle" Versammlung, wie es bei sozialdemokratischen Veranstaltungen dieser Art üblich ist, durchaus von den Genossinnen mit ihren ehelichen Genossen besucht, sowie denn stets überall, wo es die sog. „Frauenbewegung" der Sozialdemokratie zu schieben gilt, für das Weibliche gefechtsbereiten ledigen Genossen, an sich ein Beweis, daß, Iim die sozialdemokratische Frauenwelt für sozialdemolratische Agitation einzufangen und zu verwenden, die männliche Bevormundung unerläßlich ist In der Tat ist die Frau des Sozialdemokraten, der man die Gleichberechtigung mit dem Mann im Zukunftsstaate voripicgelt, in der „Erziehung" für dieses hohe Ziel viel mehr Sklavin der Partei, als je eine Frau im bürgerlichen Leben dies.werden kann. Das weibliche Sklaventum in der Sozialdemokratie ist es deshalb gerade, das die Bande der gesellschaftlichen Ordnung sprengen hilft und deren ideale von sich wirft.
Charakteristisch im Vortrage Bebels, wie er vom „Vorwärts" im Auszuge mitgeteilt wird, sind nur wenige Punkte, und diese haben auch für weitere Kreise ein bestimmtes Interesse. Zunächst, um sich M seinem Auditorium weiblichen Charakters vorteilhaft einzuführen, brauchte Herr Bebel einen Trick, in dem ec die unwürdige Stellung der Frau in der Gegenwart auf den „Egoismus der Männer" schrieb, natürlich nur 'der bürgerlichen, denn im Zukunftsstaat gibt es ja keinen Egoismus, da herrscht allein das Ideal, wie sich's der Herrgott im Paradiese vor dem Sündenfall gedacht hatte. Ta die „kulturelle Entwicklung der Menschheit nur in der Sozialdemokratie seine Verkörperung" finde, könne natürlich auch n ur durch die Sozialdemokratie die Frau als tätiger, gleichberechtigter Faktor im politischen wie im Erwerbsleben durch diese zu der ihr gebührenden menschenwürdigen Stellung gelangen. Für diese Behauptung spreche der Erfolg des sozialdemokratischen Frauenkongresses in Bremen, welcher geistig bedeutend höher stand in s.imn Verhandlungen, als diejenigen des Bremer Männer-Parteitages!
Eiuschallcn möchten mir, daß an dem Frauenkongreß in Bremen auch ein gut Teil Männer unter Parteiaussicht teil- nahmcn, wie an dem Parteimanner-Kongreß auch Fräulein Baader und F r a u K l a ra Zetkin den weiblichen, sozialdemokratischen Geist gebührend zur Geltung brachten und es von diesen besonders betont wurde, daß die bürgerliche Frauenbewegung auf ihren nationalen wie internationalen Kongressen sich, für den Fortschritt der Emanzipation der Frau als völlig unfähig erwiesen habe und deshalb von ihnen garnichts zu hoffen sei. Herr Bebel urteilte in Tempelhof nicht gar so schroff, denn er gab zu, daß die bürgerliche Frauenrechtlerer immerhin einiges geleistet habe, natürlich aber auch hier alles wictschaftliche und politische Heil nur von dem Proletariat zu erwarten wäre. Bekräftigt wurden die Ausführungen Bebels seitens der gemischten Versammlung durch lauten Beifall, sowie einigen Gesangsvorträgen eines proletarischen Gesangvereins, und — sagt der „Vorwärts" — „langsam und friedlich zerstreute sich der Menschenstrom". Also die sozialdemokratische Frau voran! Herrn Bebels Vertrauen auf die männlichen Genossen ist erschüttert, er steckt sich, nicht zum ersten Male, hinter den kampfbereiten Unterroü, wie seinerzeit die braven Kommunarden in Paris hinter die Petroleusen. Ob es ihm und seinen Rittern sozstldemolratischer Minne gelingen wird, die deutschen Arbeiterfrauen für die Petroleumtanne zu erziehen, wo die männlichen Barrikaden wanken, das liegt im Schoße des Zukunftsstaates. Es ist wirklich kaum möglich, ernst zu bleiben bei solcher Art der Agitation, welche keinen anderen Zweck hat, als das Proletarier-Weib ihrer wahrhaften, edlen Pflicht zu entfremden und, lote die Agitatorin Frau Maria Holma in einer Rixdorfer Versammlung von Frauen sagte, zu gleichberechtigtem „kameradschaftlichem Verkehr" mit den Männern zu verhelfen, d. h. zu Genossen einer sinnlosen, Geist 'und Körper zerstörenden Revolutions-Idee.
Sie preußische Kanulvoctage angenommen.
Die Lahnkanalifation obgelehnt.
Berlin, 14. Novemver.
Die Ka n a lkom Mission beriet heute die Petitionen. Im Anschluß an solche für die Mosel-, Saar- und Lahnkanalisation beantragen Roschlmg, Frhr. v. Zedlitz und Eahcnsly, dem Gesetze eine Bestimmung einzufügen, nach welcher die Mosel von der Lothringer Grenze bis Eoblenz und die Saar von Brebach bis Konz für 6OO-Tonnenschlffe, ferner die Lahn von der preußisch - hessisch en Grenze dis zu ihrer Mündung für 3O0-Tonnenschiffe kanalisiert werden sollen, insofern bis zum 1. September 1905 die Nheinprovinz und der Regierungsbezirk Wiesbaden die Garantie für die Verzinsung und Amortisation, sowie für die Unterhaltungs- und Betriebskosten nach der für den Rhein-Hernekanal maßgebenden Grundsätzen zu übernehmen. Ter Berlchtetstaiter drückt fein Bedenken gegen die Einfügung des Antrages in das Gesetz, aus und hält es für billig, Luxemburg und Lothringen zu den Kosten heranzuziehen. Sodann folgten die Abstimmungen. Die Kanalisierung der Lippe wurde mit 18:10 Summen beschlossen, die des Dortmund-Rhemtanals mit 22 gegen 6, die des Kanals von Bevergern bis zur Weser mit 19 gegen 9 und die des Kanals von Minden bis Hannover mit 16 gegen 10 Stimmen Die Minorität setzt sich aus den Konservativen und den Frei- konservativen abzüglich zweier Konservativer und eines Frei- konservativen zusammen. Der Antrag Wallbrecht (Ztr.) betr. die Ausdehnung des Kanalbaues nach Hildesheim und der Peine wurde abgelehnt. Der Antrag Am Zehnhosf wurde wegen einer vierten Variante hinsichtlich der Mündung des Dortmund-Rheinkanals in den Rhein sowie die Zusetzung
von 4 Millionen für Grunderwerb mit 35 gegen 3 Stimmen angenommen. Der so gestaltete § 11a der Vorlage betr. den Dortmund-Nheinkanal mit dem Antrag Am Zehnhoff und der Lippekanalisierung wurde mit 19 gegen 9 Stimmen angenommen. Die ErgänzungSbauten am Dortmund-Ems-Kanal (§ 1, 1b) wurde einstimmig angenommen. Die Strecke Bevergern— Hamwver wurde mit 18 gegen 10 Stimmen angenommen, ebenso der Antrag Am Zehnhoff bezüglich der 6 Millionen zur Verbesserung der Landeskultur und der hiernach gestaltete § 1. Zu § 2 wurden die Anträge Herold, betreffend den Ausbau der Lippe ein Jahr nach Inbetriebsetzung deS Dort- mund-Ems-Kanals, mit 18 gegen 10 Stimmen angenommen. Hinsichtlich Bremens wurde der Antrag v. Armin, welcher den Ausbau des Kanals Bevergern—Minden von der Kanalisierung der Weser durch Bremen abhängig macht, abgelehnt. Dagegen wurde der Antrag Frhr. v. Zedlitz und Herold, der die Herstellung des Wehres b und die Tragung eines Drittels der Kosten zu den Talsperren durch Bremen fordert, mit erheblicher Majorität angenommen. Der Antrag Am Zehnhoff, betreffend die Enteignung in Entfernung von je einem Kilometer, wurde einstimmig angenommen, ebenso die Anträge Herold und des Frhrn. v. Zedlitz, betreffend die Sicherung der Anlieger, bezw. deren Entschädigung. Der gesamte § 2 fand Annahme mit 18 gegen 10 Stimmen. Der Antrag Am Zehnhoff, betreffend den Wasserslraßenbeirat, wurde mit allen gegen zwei Stimmen angenommen. Die Anträge Röchling, Frhr. v. Zedlitz und Eahensly, betreffend die Mosel-, Saar- und Lahn-Kanalisierung, wurden ab gelehnt. Für die Mosel und Saar stimmten vier, für bie Lahn sechs Mitglieder. Ferner wurde von der Redaktionskommission beschloßen, es dem Vorsitzenden zu überlassen, nach dem Einvernehmen mit der Redaktionskommission eine zweite Lesung anzusetzen. Bei den Abstimmungen stimmten das Zentrum, die Nationalliberalen und Freisinnigen geschloffen.
-StSSSSS*----- — ! 1 LJ— SSEBSSSSÜSSSSSSSSSSA
Politische Tagesschau.
Eine neue soziale Lokalbehörde in Hessen-Nassau.
Bei Gelegenheit der Bereifung des Bezirks der Landes-Ver* sicherungs-Anidalt Hessen-Nassau durch Kornmissare des Reichs- auits des Innern und des Reichs-Versicherungsamts zur Feststellung der Ursachen für die unvermutete Steigerung der Invalidenrenten, wurde es von den Kommissionen als erwünscht bezeichnet, wenn in gleicher Weise, wie solches die Landes-Versicherungsanstalt Schlesien bereits getan hat, auch im Bezirke einer westlichen Versicherungsanstalt ein Versuch mit einer R e n t e n st e l l e gemacht werde. Es fei nicht unmöglich, daß man später auf den Plan der obligatorischen Rentenstellen von feiten der Reichsbehörden znrückgreifen werde und infolgedessen sei es von hohem Interesse, wenn nach dieser Richtung hin ausreichende Erfahrungen vorlägen. Ter Vorstand der rwndes-Ver- sicherungs-Änimlt Hessen-Raisau hat dieser Anregung folget für die Kreise Ober- und Unterwestertvald und Westerburg eine Rentenstelle mit dem Sitze in Montabaur errichtet.
♦
Getreidebau oder Viehzucht in Südafrika?
Zu dieser, aua) für unser Schuogebiet Südwestafrika wichtigen Frage schreibt ein Londoner Korrespondent:
Oberst Owen Thomas, ein angesehener englischer Landwirt, der zwei Jahre in den verschiebenen Teilen Südafrikas zu- brachte, um die dortigen landwirtschaftlichen Verhältnisse zu ftubieren, hat seine Beobachtung in einem Buche zusammengefaßt, in dem er die Aussichten erörtert, die sich der Landwirtschaft und der Viehzucht in Südafrika bieten. Sein Urteil hinsichtlich des Getreidebaues lautet k ei neswegs günstig. Ter süd- afrikanische Farmer, so erklärt Oberst Thomas, ist gehindert durch ungebührlich hohe Bodenprcise, armen und schnell erschöpften Boden, große Temperaturschwankungen unzuverlässige und ungeschulte Aroeitslräfte, durch kostspieligen Transport, Dürre, Heuschrecken und Viehkrankheiten. Unter solchen Umständen ist es nicht möglich, den Ackerbau in großem Maß stabe erfolgreich zu betreiben;, er wird sich vielmehr nur als Hilfsgewerbe bezahlt machen. Daran, daß Südafrika jemals aus dem Getreide einen Stapelartikel machen könne, ist g a r n i ch t z u d e n k e n, da b~r Weizen in Argentinien und Kanada weit billiger erzeugt lvird , cus in Südafrlla. Selbst loenn Südafrika int stände wäre, die 2-,2 Mill. Lstrl. Cerealien, die cs gegenwärtig importiert, daheim zu produzieren, so wäre es nach Ansicht unseres Gewährsmannes immer noch ein Fehler, dies zu tun, da der Boom Süd-
11 hihihi H |—||||| | ——MUM
cper gling.
Kriminal-Roman von O. Elster.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
„Damals ging's uns noch leidlich. Ich hatte auf dem Rennen gute Geschäfte gemacht. Dennoch drohte mir das Verderben, ich sollte einen Wechsel bezahlen ... ich konnte es nicht. . . der, Gläubiger war unerbittlich . . . und wenn der Wechsel zur Cm- klage kam, war mir das Zuchthaus gewiß."
„O mein Gott!" L f
,/pa, Anna, ich hatte eine Unterschrift unter dem Wechiel iic unglückliche Fraü schlug die Hände vor das Gesicht. Aber Kaminski fuhr mit einer gewissen Selbsiverachtung und selbstquälerischer Schadenfreude fort: „Ich war ein elender Kerl .... ein Feigling . . . ich wollte nichv ins Zuchtbaus . . . erinnerst Tn Dich noch, daß ich Dich allein nach Berlin zurück- sahren ließ? Ich hatte noch ein Geschäft abzuwickeln, bei dem ich niemanden gebrauchen konnte. Ich wollte den falschen Wechsel wieder haben, toste es, was cs wolle. . . und es kostete mich meine Seligkeit..."
Keuchend hielt er inne. Eine unheimliche Stille trat ent. Da klopfte cs an die Zimmertnr. Anna fnyr empor. Als fte die Tür öffnete, standen der Justizrat und Ferdinand Groller vor ihr. „ ~
15. Kapitel.
„Guten Tag, Frau von Kami.iski", sagte der J^ustizrat freundlich , Ich sehe, Sie haben wieder geweint, ^ie sollten sich " h habe, wie ich es Ihnen versprach, elt, und ich denke, er wird meinen
s wäre eine Wohltat für meinen armen Mann."
wirklich nicht aufregen. Z mit Ihrem Vater verhano Gründen zugängliclf fein."
„Ach, Herr Juftizro- da
„Sie denken nur an Ihren Mann, vbgleict) er's eigentlich nicht verdient. Doch das ist nicht meine -Lache. Ich möchte Ihnen helfen, Ihrem Manne ist nicht mehr zu helfen."
„Ach Gott —"
„Mit wem sprichst Tu ba, Anna?" rief der Kranke von seinem Bette her mit heiserer Stimme. „Ist es der Justizrat?<'
„Jawohl, Herr von Kaminski", entgegnete dieser, in das Zimmer tretend. „Ich bin es und da bringe ich Ihnen den Herrn Groller."
Der Kranke zuckte zusammen. Tann sah er Ferdinand mit finsterem Blick an und sagte: „Was will Der Herr?"
„Sie scheinen vergessen zu haben, mein Bester", antwortete der Justizrat, „daß Sie Herrn Groller eine Gescksichte erzählen wollten."
„Dummes Zeug! Ich habe nichts zu erzählen. . ."
„Warten Sie einmal, Freundchen", sagte der Justizrat leise. „Gehört diese Brieftasan: Ihnen? — Ja — sie ist wenigstens bei Ihnen gefunden. Nun haben Sie mir versprochen, diesem Herrn, der der Bruder und Erbe des verstorbenen Herrn Franz Groller ist, zu erzählen, wie Sie zu dieser Brieftasche gekommen sind. Wollen Sie nun Ihr Versprechen einlösen oder soll ich die Brieftosche dem Gericht übergeben?"
T«r tftanfe streckte die Hand aus.
„Schicken Sie die Frau fort", flüsterte er.
„Frau von Kaminski", luanbte sich der Justizrat an die abseits stehende Anna, „wollen Sie die Güte haben, uns eine W^ile allein zu lassen? Wir haben mit ihm geschäftlich zu reden . . . aber seien Sie unbesorgt, ich führe nichts Böses int Schilde. Ich bitte Sie, gehen Sie. . ."
„Ja, geh!" rief der Lbrauke.
Mit gebeugtem Haupt entfernte sich die arme Frau, bie auch jetzt noch nicht die Mraft gewonnen hatte, sieh dem Willen ihres Mannes zu widersetzen.
(Fortsetzung folgt.)
— Aus Hannover wird uns gesa-rieben. Zn Ä,nwesen- heit des Exleutnants B i l s e fand hier im Residenztheater die Erstaufjuhrung seines Dramas „Fallobst" ftatt, eines jammervollen Machwerks, dessen Autorschaft keinem normalen Ter- tiaiur zuzutrauen wäre. Rachdem das Publikum ieme Neugierde befriedigt hatte, den „Helden und Märtyrer" Bilse in seiner Garv ouph:, iiognomie lebhaft zu bewundern, war es doch so vernünftig, das gemeine Jöert auszülachen. A. B.
— Der neue „Sudermann". Hermann Sudermann hat vor kurzem die erste ^Niederschrift eines neuen Schau- fp i el s vollendet, das in der Gegenwart spielt und einen ethischen Stoff behandelt. Tas Schauspiel wird seine erste Aufführung im Berliner.Lessing-Theater linbcn, es ist aber noch ungewiß, ob in dieser ober erjt in der nächsten Spielzeit.
— Im Insel-Verlag zu Leipzig beginnt demnächst eine Grotzherzog Wilhelm Ernst-Ausgabe Deut- s d) er Klassiker zu erscheinen, herausgeg. im Auftrage von Alfred Walter Heymel in Bremen, unter Beirat von Bernhard Suphau^ in Weimar für den Text und Oberleitung, von Harry Gras Keßler und Emerh Walker für bie Ausstattung. Jeder Band wird ca. 700 Seiten stark und ist einzeln käuflich. Zunächst erscheinen: Goethes sämtliche. Werke vollltändig in 8 bis 10 Bänden. Romane und Novellen ^vollstäitdig in 2 Banden) 1. Band. Herausgeg. von Hans GerlM'd Gräf. Preis für den Band in Leinen geb. 4 Mk. — Schillers sämtliche Werke vollständig in ca. 1 Bänden. Trauten ^vollständig in 2 Bänden). Herausgeg. von Max Hecker. Preis für den Band in Leinen geb. 4 Mark. — Im Januar: Schopenhauers sämtliche Werte. Herausgeg. von Eduard Grisebach. Vollständig in drei Toppcibänden zu 90 Bogen Umfang. Preis für den Doppelband in Leinen geb. 5.50 Mi. Zunächst erscheint: Die Welt als Wilke und Vorstellung. Vorgesehen sind außerdem vorläufig: Ausgaben von Brentano, E > d) > n b o r f f, Körner, Lessing, Herder in Auswahl. W i e la n d in Auswahl, Winkel ma nn in Auswahl, Mörile und anderen.


