154« Jahrg
Freitag, 15 April 1904
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Gießener Anzeiger
Myttat «glich mtt DuSnahme M «annlags
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Helden mit heiler Haut entkommene Wilnaer Gouverneur chl (hört! hört!) gehört zu der verächtlichsten Gattung der Schergen im russischen Reich. (Sehr richtig! bei den Soz.) Diesmal war das heldenhafte Opfer des Lebens umsonst gebracht. DaS liebe Publikum half natürlich mit. den Rächer der mit Füßen getretenen Menschenwürde in die Krallen der Polizei zu bringen, auS der er wohl nicht wieder herauskommen wird. , Aber die einstweilig glücklich gerettete Kanaille wird sich hoffentlich den Fall als Warnung und Mahnung merken, daß in Rußland die Zeit der Herrschaft von ihresgleichen vorbei fft." — So also sehen die Herren aus, für welche sich der Herr Abg. Bebel so angelegentlich
h-g. Bebel (Soz.): Unter dem Fürsten Bismarck war die aus- t BittiPolitik ein noli me tangere. Diese Praxis hat der Reichs- i dtz jctz verlassen. Das zeigt doch, daß der Reichstag mit der auS- i nnrftcm Politik nicht zufrieden ist. Der Abg. Graf Revcntlow s itr gestern einen Ton crx, der Wohl nur bei seinen Freunden An- i vL--: f.->nö, mit solcher Kannegießeret ist es nicht getan. Ich glaube i rc, Oiafe das englisch-frarizöfische Bündnis uns direkt schaden kann, ■ Ccq bitöeutet es vielleicht eine Schwächung des Dreibundes. Es i )i gleichgültig, welche Stellung in der Welt bei künftigen Kon- f jfcttp »DaS mächtige England einnimmt, und von diesem Gcsichts- k :rnh au5 bedeutet das Bündnis am Ende eine bleibende Isolierung
Parlamentarische Perlianslunqen.
Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet.
Deutscher Reichstag.
66. Sitzung vom 14. April.
t Uhr. Das Haus ist mäßig besetzt.
Am Bundesratstisch: Gras v o n B ü l o w , Frhr. vonHam- antif ein, Dr. Niebcrdrng, Frhr. v. Richthofen u. a.
Emgeaangen ist eine Interpellation Auer i mti.r.. (Soz.), welche Maßnahmen der Reichskanzler zu ergreifen i @ttrh angesichts der Außerbetriebsetzung von Kohlengruben.
Die zweite Beratung des Etats des Reichskanzlers i ito ft-rtgesetzt beim Titel »Gehalt des Reichskanzlers".
Äerzu ,st cingegangen em Antrag Dr. Müller-Meiningen f rfnm 63p.J, Die Reichsverfassung möge dahin ergänzt werden, daß ; r, ll: ereinftimmung der Reichstags- und Bundesratsbeschlüsie in t tsin rund derselben Legislaturperiode erfolgen
iiz Praxis unserer Behörden Rußland gegenüber kann wahr- ! ,ch!f dazu beitragen, das Ansehen des Reiches zu heben, und lote 21 hl men sich unsere Universitätsbebörden ? In die Papiere der AusiÄfijMenen russischen Studenten wiro jetzt die Bemerkung hinein- gesLM-csni: „pp. war bis zu seiner Ausweisung Student". Das bebrtea ■ eine Brandmarkung schlimmster Art. Wenn sich ein t ;frtiltor-:b:er so etwas seinen Arbeitern gegenüber erlauben würde, so euere gegen ihn eingeschritten werden wegen Verrufscrllärung. SDZaäwiatlje, welche traurige und erbärmliche Rolle unsere Univer- sitär^ÜÄeden spielen. Auch die „Allg. deuffche Universitäts-Ztg.", dcre:ni^c:.rusgebcr, Geheimrat Küster, auf deutsch-nationalem Boden jstelÄssta den Mut gefunden, sich genau so zu äußern. Auf sämtlichem butschen Universitäten wird jetzt gegen die Ausländer eine PraM liuigcführt, die uns in den Augen der gesamten Kulturwelt der :8,::ctätung preisgibt. (Unruhe rechts.) Und wie stand es denn mit r tüschesloff? (Redner gibt nunmehr eine ausführliche Darstell ürheis Falles.) Unsere Behörden sind in so empörender Weise gegeLnÄiffcheSloff vorgegangen und haben soviel Unglück dadurch übc,2:i! a;anze Familie gebracht, daß vor einigen Tagen Frau von - Lidycyfoff zu mir sagte: »Das ist ja gerade wie bei uns tn NußHih (Hört, hört!) Ich glaubte, Deutschland wäre ein zivilisiert« -tctiat." (Hört, hört!) In der Tat, wir werden mit jedem Tagest ^isi sicher.
h C iSraf Bülow sein Amt antrat und wir einen Angriff gegen ihn iflbtktn, da rief er uns zu: Was wollen Sie denn? Warten Sie^M.abl Wir haben den Herrn Grafen Bülow allerdings
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Abtritt msolgedesien Jen- Diese Aussage Lauem, daß Nächst^!: - ' h ergaben, daß nchz- le. Tas versetzte bit; >e unglückliche Kchnk ungen umsonst geäi'.girc niederbrannten unu. Dann ttsien sie ty, Lchweis eines Pserdck c em Tode nahe war.
0. «lb'ctchtl Enffpricht dies den Interessen, ja auch nur der Ehre D Xnn" ,)jciü)§ 1
iill wir uns neulich über die Auslieferung der russischen SiLd.'urn beschwerten, hat Graf Bülow aus dem Aktrnschrank oes A Inicäiitiger. Amtes bewiesen, daß er nur die Politik des Fürsten NiiidiarlV hierin befolge. Dieser Beweis ist ihm glänzend ge- lu tiir:ir. Gleichzeitig aber hat er damit unsere Politik durch die V leo^ityg jener Stellen so schwer kompromnttert, wie noch nie ei mlPö.:stik kompromittiert woroen fft. (Sehr wahr! bei den Soz.) I n len 'Fällen Leo Deutsch und Mendelssohn konnte auch nicht der S ri-diet" eines Verdachts eines gemeinen Verbrechens nachgewiesen toiBClen. Und trotzdem die Auslieferung, aus einfacher Liebe- Di aciiit gegen Rußland! (Abg. von Riepcnhausen oetritt den
S:ocl.) Gerade so geht es jetzt. Und dazu noch in häßlichster WWie hat man nicht über die Namen Mandelstamm und S iL'irrc cb gehöhnt! Was wußte man denn von diesen Männern? V, ba Liloerfarb weiß ich selbst nicht, viel, aber gerade das wenige ist; it^nenb, Silbcrfarv ist als Terrorist, als Anarchist ver- schiworden, er denkt nicht daran, es zu sein, er ist nicht ein- mi nÜLoiüalist, er ist Zionfft. (Heiterkeit.) Was Herrn Mandel- sta mr biürifst, so ist das ein Mann, vor dem wir die höchste Achtung m unr.i>fi'rt solllen. Herr Mandelstamm hat in den russischen Oft» seeMriLizen studiert, fft dort gegen die Russifizierungspolitik für ba Lkuffchtnm eingetreten. (Zuruf des Abg. Böckler: »Leider!") Vc siuKren f«nn man freilich nicht Gerechtigkeit gegen einen Juden be:ii-:en. Ihnen wäre eS am Ende lieber, er tritt gegen das Delvbriiim auf. Dann bat Herr Mandelstamm gedient und ist -u Muntwoffizler befördert worden, später wurde er bann Sozialist, er: Inn, tote das in Rußland sellistverständlich ist, bald mtt den BeüMem in Konflikt, geriet m Untersuchungshaft, was das in RiMnd bedeutet, ersehen Sie am besten daraus, daß von den 14! ed.'nsgenossen Mandelstamms 4 wahnsinnig wurden und Scelhrrrb verübten. (Hört! hört!) Mandelstamm hat in hero- fföbi« Krise alle Mißhandlungen ertragen. Vor solchen Leuten müÄjst tmr die größte Hochachtung empftnden, vor Leuten, die für >r^i Überzeugung mit ihrer Person und ihrem Leben eintreten; lel'ili;-: Zustimmung und Beifall bei den Soz.) und der ist ein :rb Blücher Wicht in meinen Äugen, der gegen solche Männer es na xg ci^en Stem zu erheben. (Große Unruhe rechts, lebhafte 3ir.rcpnt2ng bei den Soz.)
kinbelftamm kam hierauf nach Sibirien. Der Offizier, der fen 'tu- h.upp zu transportieren batte, war ein erbärmlicher Schurke, bern p feinem Vergnügen Arrestanten niederschoß. Mandelstamm ’.jat b i jctoagt, sich dieser Bestie entgegenzustellen und dem ein Ende zu urien. Wer so handelt, ist ein Held! (Lebhafte Zustimmung beit 1: Soz.) 1903 kam bann Mandelstamm nach Deutschland, uma ja seinen Studien obzuliegen. Was dann toeiter geschah, ist lilternt.
staat geschehen sollten.
Die Frage der Handelsverträge ist sehr auSgicbig erörtert worden. Wir haben auch wieder das Wort von der Not und dem Elend der Landwirtschaft gehört. Tas Lied kennen wir schon. 1895 bei Beratung des Antrags Kanitz sagte Herr v. Kardorss, wenn wir den Antrag Kanitz nicht bekommen, ist die Landwirtschaft in 2 Jahren bankerott. Nun sind schon seit der Zeit beinahe 10 Jahre vergangen und der deuffchen Landwirtschaft geht es besser als es ihr jemals ergangen ist. (Lebhafter Widerspruch rechs.) In der ganzen traurigen Wirtschaftspolitik der Regierung ist das der einzige vernünftige Gedanke, daß sie die Handelsverträge noch nicht gekündigt hat. Tie Verantwortung dafür würde auch keiner von der Rechten übernehmen wollen. Die Vorgänge in Südwestafrika besprechen wir am besten beim Kolonialetat. Es scheint jetzt, daß man oiese Vorgänge ausschlachten will zum besten von großen Aufwendungen für Kolonie uiid Kolonialbauten. Sie werden aber sehen wie weit Sie mit der Finanzlage des Reiches kommen, denn auf die müssen Sie doch Rücksicht nehmen. Auf alle Fälle aber müssen die Opfer für diese Aujwendungen von den Klassen gebracht werden, die für Kolonialpolitik begeistern, und nicht von den Arbeitern.
Jetzt wird wieder scharf gemacht gegen die Sozialdemokratie. Ja, was denken Sie Wohl, was wäre, wenn es keine Sozialdemokraten gäbe. Dann würden die Gegensätze innerhalb der bürgerlichen Parteien, die jetzt mühsam verkleistert werden, kraß und klaffend hervortreten. Schon jetzt kostet es ja die größte Mühe, zum Frieden zu mahnen. Frieden, Frieden, Frieden! so tönt es beruhigend im Zentrum, bei den National-Liberalen, bei den Konservativen. Der Schrecken vor der Sozialdemokratie ist es, der alles notdürftig zusammenhält. Das Zentrum dankt jetzt Gott dafür, daß es eine Sozialdemokratie gibt, sonst wären wir ja nach den neuesten Vorgängen, wenn sich alles so ausleben dürfte, wieder mitten tm schönsten Kulturkampf. Man höre nur, wie Herr Tr. Sattler sich jetzt gcberdet! Herr Dr. Sattler daklamiert, durch die Aufhebung des § 2 des Jesnitengesetzes seien die Gefühle des Volkes verletzt! Welches Volkes? Eines Teils des national-liberalen Volkes? Das Volk, das hinter dem Zentrum steht, hat sich gefreut I Und das Volk, das hinter uns steht, hat nichts dagegen! Wir sind sogar dafür, daß ganze Arbeit gemacht und das ganze Jesuitengesetz aufgehoben wird! Wirklich nicht ans Liebe zu den Jesuiten! Sondern aus Haß gegen jede Art von Ausnahmegesetzgebung I Das Leiborgan des Herrn Dr. Sattler, der „Hannoversche Courier", hat geschrieben: »Der Beschluß des Bundesrats auf Aufhebung des § 2 hat uns um die letzte Möglichkeit gebracht, von den Negierungen irgend etwas für die geistige Freiheit zu erwarten!" usw. ufto. Phrasen, nichts als Phrasen! Für wahre geistige Freiheit sind Sie ja doch nicht zu haben! Treten Sie ein für Trennung der Schule von der Kirche, für Hebung der Volksaufklärung? Der ganze Kampf um den § 2 war ja nur ein Windmühlenkampf! Sie (zu den National-Liberalen) wollten sich dadurch nur ein Air geben. Sic bleiben aber auf diesem Gebiet, wie auf allen anderen, Halbmenschen, auS lauter Halbheiten zusammengesetzt! (Heiterkeit.) Und wie können Sie es dem Reichskanzler zum Vorwurf machen, daß er Rücksicht nimmt auf die stärkste Partei beS Hauses? Ohne diese kann er doch nicht regierenl Er muß und soll es tun! Das ist konstitutionell! Hoffentlich wird er nun auch konsequent bleiben und den übrigen vom Hause angenommenen Anträgen Folge geben, z. B. auch dem auf Einführung von Diäten, und allen übrigen. Und wenn Graf Bülow noch das Glück haben sollte, im Amte zu fein, wenn wir die stärffte Partei im Reichstage geworden sind, dann wird er hoffentlich auch allen unseren Wünschen nachkommen. (Große Heiterkeit. Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.)
Reichskanzler Graf Bülow: Bevor ich auf die gestrige Debatte zurückkomme, muß ich mich gegen die Ausführungen wenden, die wir soeben gehört Haven.
Der Abg. Bebel hat mit einem großen Aufwand von Pathos und mit einem nicht geringeren Aufwand von Kraftworten sich über einige Ausweisungen verbreitet, die hier vor einiger Zeit statt- gesunden haben. Er hat dabei sogar von einer Art Zurückmauserung gesprochen, die bei mir stattgefunden hätte. Er hat gemeint, ich hätte mir im Auslande einen freieren Blick erworben, den ich aber in heimischen Verhältnissen wieder verloren hätte. Darauf erwidere ich ihm, daß, wenn ich im Auslande etwas gelernt habe, es das war, daß man als Kosmopolit, daß man als internattonaler Kosmopolit wohl ein ganz hervorragender Agitator sein kann, aber ein praktischer Staatsmann ist man nicht. (Beifall rechts.) Im übrigen kann ich dem Herrn Wg. Bebel nur raten, feine Studien über Mauserung lieber in seiner eigenen Partei vorzu- riehmen, und wenn er bei diesen Studien etwas an dcn Tag legt bon der Toleranz und Duldung, die er so schön gepredigt hat, so habe ich nichts dagegen. (Heiterkeit.)
M. H., die Spezialfälle, welche der Abg. Bebel zur Sprache gebracht hat, werden von zuständiger Sette widerlegt werden. Ich möchte aber zweierlei hervorheben. Herr Bebel hat gesagt, die russischen Revolutionäre wären eigentlich ganz harmlose Menschen, sie wollten nut mtt gesetzlichen Mitteln vorgehen, sie dächten nicht daran, irgend etwas Anarchistisches zu unternehmen. Da möchte ich ihm doch einen Arttkel vorlesen aus einer solchen russischen revolutionären Broschüre. Ich bemerke dabei ausdrücklich, ich lese diese Artikel vor nach der Uebersetzung der „Leipziger Volkszeitung" (Hettcrkeit), die vielleicht von allen sozialdemokrattschen Blättern dasjenige ist, daS Herrn Bebel am nächsten steht. Denn ich erinnere mich, als im vergangenen Sommer allerlei Gegenscche hervortraten, da flüchtete sich Herr Bebel vom „Vorwärts" zur »Leipziger Volkszeitung". (Heiterkett.l Also gegen die wird er wohl nichts einzutoendcn haben. In dieser russischen nihilistischen Broschüre heißt es also: „Ob Nikolaus II. in einer MietSkutsche vom Kasanschen oder Schemcnowschen Platze abfährt, oder in einem Wagen unter schmutziger Wäsche versteckt toeggeführt wird, wie ein anderer Häuptling Der Reaktion während der Revolution — — das tolles interessiert unS wenig. Die Geschichte selbst wird daS Schicksal bestimmen, ob daS Schaffot Ludwigs XVI. oder der Frauenrock GuizotS dem Zaren zu teil wird, daS ist die Sache der Zukunft. Wir haben nicht darin hineinzusprechen." (Zuruf bei den Sozialdemokraten: Na also!) .— Wenn Ihnen daS nicht genügt, so könnte ich Ihnen noch wettere Artikel aus der „Leipziger Volkszeitung" vorlesen. (Große Heiterkeit.) Die „Leipziger Volkszeitung" schreibt über das glücklicherweise mißlungene Attentat gegen den Gouverneur von Wilna: „Der leider aus der strafenden Hand
ins Zeug legt.
Was nun die stattgehabten Ausweisungen anbetrtfft, die auf meine Veranlassung erfolgt sind, so haben sich die Ausge- toiefenen ihr Schicksal selbst zuzusckrecken. (Sehr richttgl) Ich habe es hier vor einigen Wochen ausgeführt, daß fremde Studenten, die sich bei uns ruhig und anständig benehmen, ungestört unsere Bildungsanstalten besuchen und ihren Studien bei uns nachgehen können. Wie richtig das ist, können Sie schon daraus entnehmen, daß an der Universität Berlin in der letzten Zeit die Zahl der ftemden und speziell der russischen Studenten nickt ab- sondern zugenommen hat. (Hört! hört!!) Es scheint also den Herren bei uns gar nicht schlecht zu gefallen. Ich habe aber Wetter gesagt, daß wenn die fremden Sttidenten fick mausig machen würden, sie ausgewicsen werden würden. (Zusttmmung rechts.) Sie haben sich mausig gemacht (Sehr richtig!), sie haben die Zurückhaltung überschritten, welche überall ftemde Gäste einzuhalten haben, und wir haben einfach von dem Rechte jedes Hausherrn Gebrauch gemacht. Fremden, die sich lästtg machen und unangemessen benehmen, die Tür zu weisen. (Sehr richtig!) Sich öffentlich Grobheiten sagen zu lasten, das braucht sich weder die preußische Verwaltung gefallen zu lassen noch die preußische Polizei. (Sehr tintig!) DaS brauche ich mir auch nicht gefallen zu lasten. (Sehr richttgl) Ich möchte aber bei diesem Anlaß au chdie Bemerkung deS Herrn Bebel über den verewigten Fürsten Bismarck zurückweifen. Herr Bebel hat gemeint, daß die Aktenstücke, die ich neulich verlesen habe aus der Feder des Fürsten Bismarck das Andenken beS verewigten Fürsten kompromittiert hätten. (Sehr richtig bei den Soz.) Ich glaube im Gegenteil, und die Mehrhett dieses Hauses und die Mehrhett im Lande wird das mit mir glauben, daß dieses Attenstück nur beweist, mit welchem Ernst und wie unermüdlich auch am Abend seines Lebens der Fürst Bismarck sorgte für den Frieden und für die Sicherheit des Reiches, dessen Enfftehung in erster Linie seinem Genie zu danken ist. "(Beifall.!
Ueber die o st asiatische Frage hat Herr Bebel mtt einer gewißen Feierlichkeit erklärt, eS dürfte in keiner Weise in dem jetzt stattfindenden Srieg in Ostafien Partei ergriffen werden für einen der beiden Kämpfenden. Mit Vergnügen fonftaüere ich, daß das ganz mit dem übereinstimmt, was ich vor einigen Tagen gesagt habe. Aber mit viel weniger Vergnügen konstattere ich, daß damit garnidjt stimmt die Sprache der sozialdemokrattschen Preffe, die in der gehässigsten, leidenschaftlichsten Weise gegen Rußland Partei nimmt (Sehr wahr!!, die unermüdlich bestrebt fft, unS mtt Rußland zu verfeinden. Das steht im Wrderfpruch mtt der Neu- ttalität, welche die Regierung beobachtet, weil sie den Jntereffe« deS Landes entspricht, und bei dieser Gelegenheit muß ich auch wieder darauf aufmerffam machen, wie häufig eS vorkommt, daß gerade die deuffche Sozialdemokratte in auswärtigen Fragen eine unkluge ober unpatriotische Haltung einnimmt, im Gegensatz zu ihren auslänbischen GesinnungSgenosten. Währenb bei unS die sozialdemokratische Presse in allen Tonarten gegen Rußland tobt, hält sich die ftanzösische Sozialdemokratie sehr viel reservierter und sehr viel vorsichttger, und als vor einigen Tagen der französische Ministerpreffrbent Herr Combes einem Bankett beiwohnte, ba8 'hm von französischen Radikalen und Sozialisten in Lyon gegeben wurde, da wurde seine Bemerkung, daß ganz Frankreich mit Rußland sympathisiere, von den anwesenden Radikalen und Sozialisten mit Beifall und Jubel aufgenommen.
Herr Bebel hat auch gemeint, wir machten unS einer Verletzung der Neutralität schuldig, und zwar in zweierlei Weffe, einmal durch unser Eintreten für die Neutralisierung von China. Wenn er bei dieser Gelegenheit von einer Vergewalttgung Chinas gesprochen hat, so habe ich das niemals gehört, daß jemand vergewalttgt wird, der um etwas bittet, der etwas wünscht und eS dann erhält. Die Neutralisierung Chinas enffprach durchaus dem Wunsche deS chinesischen HofeS und der chine ischen Regierung, und noch weniger lag barm irgenb eine Verletzung von Japan, beim bie japanische Regierung hat sich beeilt, dem Beschluß der Mächte über die Neutralisierung von China beizutreten. Ich möchte also auch nach dieser Richtung Herrn Bebel bitten, nur nicht japanischer zu sein, als die Japaner selbst. (Hetterkett.)
Herr Bebel hat auch von dem Verkaufe deutscher Schiffe an ausländische Firmen gesprochen. Nach der bisherigen Völkerrechtspraxis sind berartige Verkäufe inländischer Schiffe an ausländische Firmen zulässig. Jedenfalls ist die Frage sehr zweifelhaft, und ich bin in der Lage, mich auf eine Stimme aus Ihren Reihen (zu den Soz.) berufen zu können. Der „Vorwärts", der doch wohl noch immer bis zu einem gewissen Grade sozialistisch-offiziös, Bebel-offiziöS fft, schreibt: „Die Beurteilung der Verkäufe unter dem Gesichtspunkte der Neuttalttät ist nicht ganz zweifellos" — das ist für mich sehr beruhigend —. »Der moderne Grundsatz der Neuttalttät verbietet neutralen Staaten schlechter- bmgS jede direkte ober indirekte Unterstützung einer kriegführenden Macht." Hierher gehören insbesondere Lieferungen von KriegS- fdnffen und Schiffen zum TruppenttanSport. Es ist klar, baß eS NN oer den Kaufen der russischen Firmen um TruppenttanSport- bampfer handelt. Nur ist es eben nicht der Staat, sondern eine private Firma, von der die Schiffe verkauft wurden. Dementsprechend sind auch während des spanisch-amerikanischen Krieges die Schnelldampfer „Normannia" und „Columbia" von der Hamburg- Amerika-Lime an eine englische Schiffsmaklerfirma in London verbaust worden, von der sie in den Besitz der Compana Transatlantica in Barcelona übergingen. Von einer Parteinahme gegen Japan kann nach dieser (Richtung schon deshalb nicht die Rede sein, weil eS ja den Japanern fteisteht, auch bei uns Schiffe zu laufen. WaS die Kruppschen Waffenverkäufe während deZ südaftikanischen Krieges angeht, so haben wtt eben die strengere Auffassung, die ich damals zur Geltung brachte, nicht auftecht erhalten können, weil von allen andern Staaten auch Waffenverkäufe vorgenommen wurden.
Herr Bebel hat auch von einer Isolierung Deutschlands gesprochen. Er scheint zu befürchten, daß wir einer voll- ftänbigung Isolierung entgegengehen. Darauf erwidere ich ihm, daß wir mtt zwei großen Mächten in einem sicheren Bundesverhältnis stehen, mit 6 anderen Mächten stehen wir in fteundschaft- lichen Beziehungen, während unser Verhältnis zu Frantteich ein ruhiges und friedliches ist und, soweit eS von unS abhängt, auch bleiben wird. Im übrigen, meine Herren, glaube ich, daß wir unS vor der Isolierung garnicht so sehr zu fürchten brauchen. (Lebhafte Zustimmung.) Deuffchland fft zu stark, um nicht bündniS- fäbig zu fein. (Beifall!) Für uns sind mancherlei Kombinationen möalich, und wenn wtt nur unser Schwert icfcsrf batten, so brauchen
kennen gelernt und zwar von einer Seite, die wir niemals für eines möglich gehalten hätten. Wir haben ihn für einen modernen Mann gehalten und haben geglaubt, daß er während seines langen Aufenthalts im Auslände etwas gelernt habe. Dieses scheint der Herr Gras Bülow aber alles vergessen zu haben. Er hat sich wieder zuruckakklimatisieri tn den Geist des preußischen Junkertums.
(®rofee Heiterkeit.) Wie steht es eigentlich nut Dem Prozeß in Königsberg? Ich glaube, die Herren Dort sind in großer Verlegenheit und wissen überhaupt nicht, was sie mit diesem Prozeß anfangen sollen. Wenn ich mein Urteil zusammenfasse, so kann ich nur sagen, daß die Angelegenheit der russischen Sttidenten Vorgänge gezeitigt hat, wie )ie nie und nimmermehr in einem Kultur-


