Mtrrnvoky, L4. Dezember ZU04
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
134. Jahrg
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Es ist eine bekannte Erscheinung, daß es schädlich ist, sich auf aridere zu sehr zu verlassen; die Rente wird dann zu einer fixen Idee, zu dem höchsten Glück, das man mit gesetzlichen oder ungesetzlichen Mitteln zu erreichen sucht. (Sehr wahr! rechts.) Eingehende Ausführungen über das ungewöhnliche Anwachsen der Rente behalte ich mir für später vor. Wenn man die Einführung der sozialpolitischen Versicherung in Deutschland als eine große, unsterbliche Tat bezeichnet, so muß man sich doch davor hüten, einen Weg zu gehen, der sozusagen aus ganz Deutschland nur eine große Versicherungsanstalt machen will. (Sehr richtig! rechts.) Eine solche Organisation kann sich ein Staat wie Neu-Seeland erlauben, mit einer kleinen Bevölkerungszahl und einer beschränkten, unter Kontrolle stehenden Einwanderung. Dort kann man auf Grund bestimmter rechnerischer Unterlagen ein System der allgemeinen Versicherung einführen. Aber in einem so großen Staat wie Deutschland ist das nicht angängig. Wenn man den Antrag- steuern beistimmen wollte, so frage ich, was bleibt denn eigentlich noch übrig von Nichtversichertcn? (Sehr richtig! rechts.) Sie können cs gar nicht hindern, daß Sie einen Versicherungszwang auf alle die Kreise ausdehnen, die in gleicher Vermögenslage sich befinden, in gleicher Unsicherheit ihrer Zukunft, und dann bleibt von .versicherten nur noch der Rentier übrig, der sich von den Geschäften zurückgezogen hat. Ob nun das gerade der Teil der Bevölkerung ist, der die Kraft und Stärke der Nation darstellt, das ist nur ungewiß. (Heiterkeit.) Wer selbständig bleiben will, muß auch die Kraft haben, für seine Zukunft zu sorgen und muß auch das Risiko seines Geschäfts auf sich nehmen. Wenn wir durch Staatsfürsorgc dieses Risiko abschwächen, vollkommen aus der Welt schaffen, wenn wir das Risiko auf die Gesamtheit legen, so würden wir unserem Volke die besten Wurzeln seiner Kraft rauben. sSehr richtig! rechts.)
Beschlüße der Münchener Handwerkskammer bis heute noch zu Recht bestehen. Dazu kommt, daß die Organisation des Handwerks, besonders auf dem platten Lande, wo die kleinen Handwerker sind, denen wir in erster Linie Rechnung tragen müssen, noch nicht so vorgeschritten ist, daß man behaupten könnte, die Innungen seien über die Verhältnisse im Handwerk genau unterrichtet. Aber wir wollen es nicht unterlassen, von dieser Stelle aus auch unser lebhaftes Bedauern darüber auszudrücken, daß eine Einigkeit in Handwerkerkreisen so schwer zu erzielen ist. Wir müssen den Handwerkerkreisen unbedingt sagen, daß es den gesetzgebenden Faktoren ihre Arbeit ungeheuer erschwerte, wenn sie fort und fort sich widersprechende Beschlüsse fassen. Die Gegenströmung gegen die Ausdehnung der Versicherung ist nach meinen Erfahrungen in erster Linie darauf zurückzuführen, daß die Handwerker selbst sich noch nicht über die Vorzüge des Jnvalidcnversicherungsgesetzes klar geworden sind. Wenn der Meister sieht, wie alles für seine Gesellen geschieht und nichts ftir ihn, bann muß er erbittert werden. Diese Erbitterung muß zunehmen, wenn er sieht, daß mit den Beitragsleistungen, die er doch auch aufbringen muß, Luxusbauten allerorts entstehen, die in keinem Verhälnis mehr zu den Fürsorgezwcckcn stehen, denen sie eigentlich dienen sollten. Die Erbitterung muß auch darüber groß werden, wenn der Handwerke liest, daß man Leseräume und Kegelbahnen in Genesungsheimen errichtet. Das geht doch weit über den Rahmen des Gesetzes hinaus. Was wir mit unserem Anträge bezwecken, ist lediglich, die Regierung zu veran-' lassen, Erhebungen anzustellen. Die Handwerkerkammern, die offiziellen Vertreter des Handwerks, sind in der Lage, einwands- freies Material zu liefern, auf Grund dessen dann die gesetzgebenden Faktoren in eine eingehende Prüfung der Frage eintreten können, ob und inwieweit es möglich ist, die Segnungen des bestehenden Gesetzes auch den Handwerkcrkrcisen zuteil werden zu lassen. Von diesem Gencküspunkte aus haben wir uns bei der Einbringung unseres Resolution leiten lassen. Ich habe den Wunsch, daß Sie derselben zu'stiuliuen, natürlich mit der Aenderung. daß statt der Woiie „durch Nachiragsetat für das Rechnungsjahr 1904" gesagt werde: „durch den Etat 1005". (Beifall.)
. „ Abg. Dr. Pachmcke sfreis. Vgg): Wenn wir jetzt den Boden dc^ Jnvalidcnversicherungsgesetzes verlassen und die Zwangsver- sicherung auf Selbständige ausdehnen, so sehen wir zwar den An- sang, aber noch nicht das Ende. Wo soll die Sache denn schließlich aufhoren? Bei den Millionären? Auch diese wollen dann schließ- lrch gegen einen Krach versichert fein! (Heiterkeit.) Will man jetzt eine Erweiterung der Zwangsversicherung vornehmen, so sollte man am ehesten an die Privatangestellten denken, die der Fürsorge am meisten bedürftig sind und den Arbeitern am irächsten ftcheii. Herr Stadthagen will nun gar die Kosten der Versicherung anderen aufbürden. Er wünscht 1 Prozent Vermögenssteuer. Wohlgemerkt: 1 Proz., nicht l%o. Damit verlassen wir aber das Prinzip der Versicherung und betreten den Boden der Pensionierung. Bleiben wir aber bei der Versicherung, so können wir die Handwerker unniöglich zufrieden stellen, da sie dann zu hohe Beiträge zahlen mußten, um einer genügenden Rente teilhaftig zu werden, fallen doch bei ihnen die „Arbeitgeberbeiträge" gänzlich fort. Ucber- haupt: es liegt dem Handwerkerstand gar nichts daran, mit Zwangseinrichtungen beglückt zu werden. Jahrelang haben Sie uns vor- gcredet: das Handwerk wünscht die Zwangsinnungen. Dann kam das Gesetz, das dem Handwerk die Möglichkeit gab, sich zu Zwangsinnungen Zusammenzuschließen. Und was war der Effekt?
Nach der 1902er Statistik waren von 10 900 Innungen nur 2900 Zwangsinnungen. (Hört!) Alle übrigen waren freie Innungen. Das Handwerk ist für Zwang schwer zu haben. Dieselbe Erfahrung würden Sie mit dem Befähigungsnachweis machen. Der größte Teil der Handwerker sieht heute schon in einer eventuellen Einführuiig des Befähigungsnachweises nichts als eine Fessel. Herr Erzbergcr hat mit Recht gesagt, man solle dem Handwerk keine Illusionen machen. Dann tun Sie das auch nicht (nach rechts). Tie ganze Mittelstandsbeivegung ist nichts als Rückschlag gegen die moderne maschinelle und großkapitalistische Entwicklung. Redner verbreitet sich sodann über die Lage des Handwerks im allgemeinen, wird aber vom
Ich gebe zu, daß die Ringe nach mancher Richtung ungünstig gelmrkt und zum Teil ihre Macht in ganz ungehöriger Weise benutzt haben. Aber ivenn man Ole setze gegen die Kartelle fordert, so inuß, so sympathisch auch der Gedanke einer Kartell-Enquete fein latub
_ Parlamentarische Berijanvlnngen.
Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet.
Deutscher Reichstag.
.. , 111- Sitzung vom 13. Dezember.
or Haus ist schwach besetzt.
Am Bundesratstische: Graf Posadowsky u. a.
_ sordnung stehen zunächst Resolutio --
n e n, welche die Invalide nver sich erung betreffen.
~Ie ^99- Becker (nat.l.) u. Gen. beantragen,
dre verbündeten Regierungen zu ersuchen, unter Mitwirkung oer Handwerkskammcrst und Gewerbeoereinsverbände Er- wr x U nJ^ e n die Grundlagen für eine obligatorische Alters- und Invalidenversicherung der
• r n $ r * * r a^bald in die Wege zu leiten und die hierfür notigen Mittel durch Nachtragsetat für das Rechnungsjahr 1904 elnzufordern. *
. Dr. Becker fnatl.): Unsere Resolution ist das Eraebnis der Verhandlungen vom Januar dieses Jahers. Die Redner der verschiedensten Parteien waren damals dem Grundgedanken der Resolution geneigt, ein großer Teil erklärte sich zur Mitarbeit an emem solchen Ge'ctze bereit, sobald ihnen ausreichendes Material vorgelegt wurde. Die Regierung aber verhielt sich unseren Forde- run9en gegenüber zunächst vollständig ablehnend. Der Staatssekretär im Reichsamt des Innern begründete diese ablehnende Haltung damit, daß er sagte, wir würden durch eine Ausdehnung der Alters- und Invalidenversicherung auf selbständige Kreise des Handwe^s eigentlich die Grundlage verlassen, die bisber für die soziale Gesetzgebung maßgebend gewesen seien, und er bezog sich zur Bekundung seiner Auffasiung auf die Verhandlungen vom Jahre 1883, er meinte, es müsse unter allen Umständen ein Unter; Web zwischen Selbständigen und Unselbständigen bei der sozialen Fürsorge gemacht werden. Ja, er deutete sogar an, daß wir bei einer wetteren Ausdehnung des Gesetzes vielleicht in den sozialdemokratischen Zukunftsstaat hineinkämen. Trotzdem ließen wir uns nicht abbaltcn, die Resolution einzubringen.
, . weshalb kann ich dem Antragsteller nur sagen: Die b er *
: bündcten Regierungen werden den Weg, den er v o r s ch l ä g t, nicht gehen.
Es ist getagt worden, ich hätte einmal erklärt, dem Hand» werk sei nicht mehr zu helfen. Wenn ich mich des unlauteren Wettbewerbs schuldig machen wollte', so würde ich eine Prämie auS- >etzen auf den. der nur in urkundlicher Form nachweist, daß ich jemals eine solch" oder ähnliche Aeußerung getan habe. (Zustimmung.) Es ist auf Grund der Verhandlungen ein sehr oberfläch- IicfteS und mißverständliches Referat in die Zeitungen gekommen, wie das ja so häufig vorkommt. Dies Referat ist durch alle Versammlungen geschleppt worden, und immer hat man sich gedankenlos damit abgefunden. Eine so kurzsichtige und törichte Aeußerung habe ick nie getan; ich habe nur erklärt, mann könne' dem Handwerk nicht durch eine mittelalterliche Gesetzgebung helfen, sondern man die Technik hebt, daß man den Handwerkern Mittel gibt, sich gewisse Maschinen anzuschaffen und daß die Kommunen zentrale Krafistellen für das Handwerk schäften. -
Es macht sich, wie aus den Debatten hervorgeht, auf der Rechten ebenso wie auf der äußersten Linken eine gewisse Feind- schaft gegen die A s s o z i a t i o n des Kapitals geltend. Diese Assoziation des Kapitals äußert sich in Großbetrieben, in Kartellen, m Gingen, in Warenhäusern. Diese Assoziation des Kapitals hat sehr duftere eetten, fi? ist für den Mittelstand eine große Gefahr. ^cP.r .rostig l) Darüber kann man sich nicht einen Augenblick im Zweifel sein, aber man darf nicht vergessen, daß die Assoziation des Kapitals doch sozusagen unser ganzer Kulturfortschritt ist. (Sehr rick- igl links.) Würden wir ein so hoch kultivierter Staat sein ohne iie Assoziation des Kapitals? Und wie kommt es denn, daß andere kapitalarme Staaten nicht so hoch entwickelt sind: Weil man dort die Assoziation des Kapitals nicht kennt; man hat dort ^rr r t-T -71 ,lir' 9rof)c nntcrnebmungcii zu schaffen, auf die wir jchlietzlich stolz sind. Man hat versucht, den Warenhäusern durch die Warenhausstcucr Einhalt zu tun, ich glaube, bisher nicht mit genügenden' und ausreichendem Erfolge. Aber womit hängen denn die. Warenhäuser^ zusammen? Ich bin der letzte, der ein Loblied auf oie Warenhäuser singt, sie hängen zusammen mit unserer ganzcii modernen Verkehrseinrichtung. An bem Tage, wo in die Untergrundbahn aufbörte, wo die billigen VcrkchrS- vcrhaltnisse verschwänden, wären die Warenhäuser tot. Man darf doch nicht vergessen, welchen Kulturfortschritt die großen Kapitalien schaffen können.
bester informiert sein. Das, was er einmal über die Einnahmen l.er Berliner Tischler gesagt hat, trifft in keiner Weise zu. Redner gibt Zahlen über die Einkommensverhältnisse der Tischler an. Be- cauerlich ist cs, daß auf dem Handwerkertag in Magdeburg, der sich zufällig gegen die Ausdehnung der Zwangsversicherung auf Handwerker erklärt hat, kein Vertreter des Reichsamts des Innern erschienen war; die Geschäftslage erlaubte es nicht. Die soziale Gesetzgebung miterscheidet nicht zwischen Selbständigen und Un- felbstandigen, sondern zwischen wirtschaftlich Schwachen und wirt- schaftlich Starken. Deshalb sind wir der Meinung, daß die Handwerker bis zu einem Einkommen bis zu 2000 Mk. versichert werden muffen, denn viele Handwerker stehen sich schlechter als die Arbeiter. Wir müssen das Handwerk schützen, damit das Wort vom goldenen Boden des Handwerks zur Wahrheit wird. Neben der Versicherung der Handwerker müssen Maßnahmen zur Förderung des Handwerks überhaupt ergriffen werden.
Staatssekretär Gras Posadowsky: Die Einführung der sozial- politifäien Gesetzgebung war gewiß eine große Tat. Es handelt 5ine Gesetzgebung ZU Gunsten derjenigen Teile unseres Volkes, die infolge unserer gesamten wirtschaftlichen Verhältniffe nicht selbständig sein können und keine Aussicht haben, selbständig zu werden. Aber wer die Tinge vorurteilsfrei betrachtet, der muß zugestehen, daß damit auch ein sehr gewagter Schritt in wirtschaft- hd’cr Beziehung gemacht worden ist. Da mit dieser Gesetzgebung dem deutschen Volk ein Arbeitsprogramm gestellt ist, das es kaum in einem Menschenalter vollkommen durchführen kann. Ich stehe auf dem Boden, daß die sozialpolitische Gesetzgebung für unser Volk einen ungeheueren Segen bedeutet, daß es den Lebensbestand unseres Volkes in einer ungeahnten Weise über den Lebensstand anderer Völker erhöht hat, daß wir nur infolge dieser Hebung des Lebensstandes in der Lage waren, mit unserer Industrie die Industrien anderer Länder zu überflügeln und ich freue mich, daß diese Auffassung auf der Ausstellung in St. Louis ganz allgemein war, daß man auch dort die Meiiiung hatte, solche Leistungen auf industriellem Gebiet könne nur ein Volk aufweisen, das den Mut und die Opferwilligkeit gehabt hat, in diesem Maße den Lebensstand seiner untersten Klassen, zu heben. Ich will hierauf nicht weiter eingeben, sondern mich in Uebercinf’timmung mit den Wün- schen des Präsidenten streng an das thema probandum halten unb nur ausführen, welche Schattenseiten, welche Gefahren in der Ueberspannung des Versicherungsprinzips für unser Volk liegen. (Sehr richtig! rechts.)
I>9- S^dthagen (Soz.) bestreitet, daß das Jnvaliditätsaesetz emc Wohltat für die Arbeiter sei, es sei höchstens eine klcinc^Ab- schmg-'Zahlung. Sehr überrascht habe ihn die Bemerkung des Abg. Erzbergcr, daß wir uns mit dem vorliegenden Anträge dem Zu- kunftsstaate näherteii. Ich selbst habe ivirklich nicht gedacht, daß wir ihm so nahe sind. Herr Erzbergcr ist ja hoffnungsfreudiger, cns wir Lozialdemokraten. Für die Frage, auf wen man die Ver- fimerungspflicht ausdehnen wolle, dürfe nicht maßgebend sein die Frage, ob selbständig ober nicht, sondern lediglich die soziale Lage des betreffenden Berufs., Was auf dem Gebiete der Sozialpolitik gescheheii ist, ist von sozialdemokratischer Seite schon früher, meist in besser ausgestalteter Form vorgeschlagcn worden; auch dieser Antrag der Nationalliberalen ist nur ein kleines abgeschwächtcs .Shnb ^Heiterkeit) von uns längst vertretener Gedanken Was ist denn bisher überhaupt von Ihrer Seite für das Handwerk ge- fchehen? Herr Spahn meint, ihm durch sein Syndikatsgesetz helfen zu können, dessen Entwurf er schon fertig in der Kommode habe. -Och dm überzeugt, wenn man dieses Gesetz näher besieht, so wird es sich als nichts anderes erweisen, als eine neue Pandorabüclste für das Handwerk. (Heiterkeit.) Wollte man Erhebungen veranstalten, so würde sich's Herausstellen, daß Die Lage des Handwerks in Wahrheit noch viel trauriger ist, als Sie (zur Rcgierungj jemals zugebeu wollen. Sie sagen: Die Versicherung ist unDurch- suhrbar wegen Der Kosten. AllerDings, wenn Sie Diese wieDer Dem HanDwerker selbst aufßürDen, so nützen Sie ihm wenig, so belasten Sie ihn bloß. Warum wollen Sie aber nicht Die Kosten Der Groß- inbuürie auferlegen. Die Doch Der gefährlichste Konkurrent des Handwerks ist? 1 Proz. Vermögenssteuer würde 1 Milliarde er- geben, mehr als der ganze Militäretat, hinreichend zur Turch- fuhrung der Versicherung. Ein einziges Prozent! Weshalb wollen <1C 'mlPi entschließen? Soll man an Ihren Ernst glauben, dem Mittelstand zu helfen? Niemand geht es so schlecht, so er- barmlich wie den Binnenschiffern. Und diese schließen Sic aus der Berstcheruna aus. Warum? Weil sic „selbständig" sind! Eine schone Selbständigkeit!
Vizepräsidenten Dr. Paasche zweimal ersucht, nicht auf die Handwerkcrfrage im allgcmeinell einzugehen, sondern sich an den vorliegenden Gegenstand zu halten.
Abg. Dr. Pachnicke erklärt, er werde sich diesem Wunsche fugen, erwarte aber, daß der Präsident auch bei anderen Rednern dieselbe Praxis üben werde.
Vizepräsident Dr. Pansche erwidert ihm, er brauche nicht an seine Präsideiitenpflicht erinnert zu werden. Dazu habe Redner nicht das Recht. Es sei selbstverständlich, daß er tun werde, was feines fei. (Beifall.)
Ms Redner Dann in Weiteren Ausführungen feine Rede beendete, konstatiert
Vizepräsident Dr. Pansche, daß Redner auch im Rest seiner Rede sich nicht an den vorliegenden Antrag gehalten habe. Dieser Umstand rechtfertige feine (des Vizepräsidenten Paasche) Ermahnung.
Abg. Bruhn (Antis.): Wir bewundern oft Die große Kenntnis des Grafen PosaDowsky auf allen Gebieten Der Sozialpolitik. Der Staatssekretär müßte abir. über Die Verhältnisse Der HanDwerker
der kaiserlichen Botschaft ist gar keine Rede von wirtschaft- uch ^Lelbständigen und Unselbständigen, sondern nur von wirtschaftlich schwachen, und daß auch die wirtschaftliche Lage der Handwerker heute eine sehr traurige und schlimme ist, daß ein großer Teil der Handwerker zu den wirftchaftlich Schwachen gerechnet verden muß, das ist hinreichend nachaewiesen; zwei Drittel aller unserer Handwerker haben ein Einkommen von nur 2000 Mark, leaa) außen macht allerdings der Handwerker den Eindruck eines selbständigen Geschättsmannes. In Wirklichkeit aber ist er abhängig von den Großbetrieben, und er steht jeden Augenblick in Gefahr, zu einem unselbständigen Lohnarbeiter herabzusinken. Meine politischen Freunde stehen deshalb heute noch auf dem Standpunkte, daß man die Frage der Ausdehnung der Versiche- mngspflicht auf die Kreise des Handwerks nicht aus den Augen rerlteren darf, sondern daß es unsere Ausgabe sein muß, Mittel rnd Wege zu finden, um wenigstens Dem schwächeren Teil des Handwerks Diejenigen Vorteile zu gewährleisten, die heute schon eit Jahren die arbeitende Klasse hat. Selbstverständlich werden rlle Bedenken, die im Januar dieses Jahres im Hause gegen die vettere^ Ausdehnung der obligatorischen Versicherung geltend ge- nacbt sind, auch beute noch zu Recht besteben. Aber auf der oberen Seite schließen diese Bedenken doch nicht solche Schwierig- eiten in sich, daß sie nichr, wenn ein guter Wille vorhanden ist, iuch beseitigt werden können. Tie Kosten werden nicht so ungeheuer sein, daß man deshalb von der Einführung der Ver'iche- .unasvflicht für Handwerke Abstand nehmen dürfte. Der Reichs- luschuß, der heute rund 50 Millionen beträgt, würde sich dann im etwa 5 Millionen erhöhen. Von nicht zu unterschätzender Be- »eutung ist die Tatsache, daß in Handwerkerkreisen die Bestrebungen nach Einführung der obligatorischen Versicherung in dem Moment Bedeutung gewonnen haben, als ein Beamter der heimischen 2andesvcrsicherungsanstalt in der gesamten Presse wegen seines Dzialpolitischen Verständnisses ungeheuer gelobt wurde, weil er in Mainz in einem Vortrag auf dem Verbandstag der deutschen Ge- oerbevereine die Ausdehnimg der Versicherungsvflicht nicht nur mf den Handwerkerstand, sondern auf die gesamten Gewerl'?stände gefordert hatte. Wir Dürfen mit Fug und Recht annehmcii, daß, denn ein Beamter einer Versicherungsanstalt, Der doch mit den Verhältnissen vertraut ist, einen solchen Vortrag auf Der Tagung ttnes Verbandes von mehr als 100 000 Mitgliedern hält, er sich vorher über die finanzielle Durchführbarkeit klar geworden ist. Wir tvissen sehr wohl, daß in Den Handwerkerkreisen selbst keine Einigung erzielt ist. Aber andererseits dürfen wir nicht vergessen, daß die Beschlüsse der deutschen Gewerbevereine in Mainz über die ,
. Abg. Erzbergcr (Ztr.) hat Bedenken gegen Di» Resolution. Es ser "och durchaus nicht klar, welchen Weg sie beschritten wissen wolle, außerdem sei sie geeignet, falsche Illusionen im Handwerker zu wecken. Endlich gab bi? Resolution staatssozialistftchen Gedanken Ausdruck, mit Denen wir schließlich in Den Zukunftsstaat des Herrn Bebel hineinsteuern würden. Wenn man die Bahnen Der Resolution weiter verfolgte, Dann müßte man auch Die kleinen LanD- wirte versichc.ungspflichtig machen. Tic Handwerker selber, ins- bejonDere Die suDDeutschen, seien nahezu einstimmig Durchaus Gegner Der JDeen De» oorhegenDpi Antrags. Wenn man etwas tun wolle, Dann möge man Das System Der freiwilligen Versicherung weiter verseh"^' obligatorische HanDwerkerversicherung sei jeDensalls
Abg. Mugban (freis. Vp.) macht Darauf aufmerksam, daß ja auch jetzt Den Handwerkern Der freiwillige Eintritt in Die Berncherung gestattet sei. Wenn von Dieser Einrichtung bisher nur so wenig Gebiauch gemacht ist, so liegt Das zum großen Teil Daran, Dan das Gesetz bis vor kurzem noch sehr unpopulär war. Dem ist jetzt in hohem Maße schon dadurch abgcholfen, daß überall Vorträge über die, Wirkungen des Gesetzes gehalten und Das Publitüm über ba§ Wesen des Gesetzes aufgeklärt wurde. Außerdem enthält die Novelle zum Gesetz, Die vor einigen Jahren in Kraft getreten ist beDeutenDe Vc^besserungeii. Wir sinD aber gegen eine Zwangs- verncherung. Zur Sparsamkeit soll man Die Leute nicht zwingen, sonDern erziehen, am meisten wirD immer auf dem Wege Der Selbsthilfe erreicht
Abg. Ni hier (Ztr.) bemerkt, die Handwerksmeister in seinem .Strciie seien durchaus Gegner der obligatorischen Zwangsversiche- rung. dadurch werde man dem Handwerk nicht helfen, mau solle ihm lieber die unlautere, Konkurrenz vom Halse halten. Die Leute, die auf Dein Geldsackc sitzen, das seien die gefährlichsten Gegner des Handwerks.


