Ausgabe 
14.11.1904 Viertes Blatt
 
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General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Sietzen

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Rotationsdruck und Verlag der Brüh!'schm Unwersttätsdruckeret. tft Lange, Gießen.

Redaktton, Expedition u.Druckerei: Schulstr.L.

Tel. Nr. 6L Telegr^Adr. i Anzeiger Gießen.

Syveton willen in die französischen Lüste fliegen, um ein paar herbstliche Mücken zu töten.

In den Vereinigten Staaten von Nordamerika ist bei dec Präsidentenwahl, ivic vorauszuseheu war, dem

feinde plötzlich zu enragiertesten iVorkämpfern dieses wich­tigen iVertehrsmittels geworden ist, während die Liberalen der neugeschafsenen Sachlage mit sehr gemischten Gefühlen gegenüberstehen. Heute, Aiontag, wird der Kanal mitsamt dem Schleppmonopol in der Kommission wohl zur An­nahme gelangen. Was das Plenum bringt, ist natürlich ungewiß. Tie letzte größere Tat des Abgeordnetenhauses vor seinem Auseinandergehen war die ohne große Forma­litäten erfolgte Einsarg ung des vielberufenen Scherl- jchen Sparlotterieentlvurjfes, der dadurch wohl für längere Zeit von der politischen Bildfläche verschwinden dürfte.

Der unglückselige Mtionalitätenhader, der fort und fort die Grundvesten des österreichischen Staates untergräbt, hat zum wer weiß wievielten Male wiederuni schwere Opfer gefordert. Auf Motive gestützt, die der Welt verborgen blieben, glaubte Ministerpräsident v. Körber berechtigt zu sein, der Hauptstadt des lern deutschen tiroler Landes, dem herrlich gelegenen Innsbruck, eine it alte jrri sch e Rechtsfatultät uufnötigeu zu können. Es kam aber anders, als die Regierung in ihrer Kurzsichtigkeit erwartet hatte. An dem Tage, an dem das geplante Institut eröffnet werden sollte, machte sich der allgemeine sBolkswille in einer elementaren Bewegung Luft. Es kam zu heftigen Straßentumultcn, wöbet ein Toter und zahlreiche iVer- wundete aus dem Platze blieben. Die aufangliche Un- zufrredenheit der Einwohnerschaft wich dadurch einer flam- menden Empörung, die ihren Niederschlag u. a. durch die großartige Beteiligung bei dem Begräbnis des getöteten Malers Pezzey sichtbaren Ausdruck fand. Die Folgen dieses unklugen Borgehens des Wiener Kabinetts sind nicht

abzusehen. Die Ruhe läßt sich vorläufig nicht Herstellen. In der Wiener Universität finden fast täglich immer npch Demonstrationen der deutschen Studenten gegen slawische und italienische Studenten sowie gegen den Senat statt. Dre slawischen und italienischen Studenten wurden durch­geprügelt und aus der Aula hinausgeworsen. Die Italiener beklagen sich darüber beim Unterrichtsminister, der aber tadelt sie wegen ihres Revolvertragens. Das Rektorat der Wiener technischen Hochschule versicherte den deutschen Stu­denten, daß es gegen die an den Innsbrucker.Vorgängen beteiligten italienischen Hörer mit den schärfsten Maß­nahmen vorgehen und die Ausnahme von anderen Hoch­schulen verwiesener italienischer Studenten verweigern würde. In Italien ist man empört und flucht über den Barbarcnkampf gegen Die italienische Kultur".

Tragikomödie der Weltgeschichte: Zwei mit vehementer Kraft ausgeteilte Ohrfeigen haben in Frankreich dem schon bedenklich wackelnden Kabinett Combes abermals eine erhebliche Mehrheit in der Deputicrtenkammcr verschafft. Die französische Kammer hat schon einmal eine Ohrfeigenaffäre erlebt. Das war im Jahre 1892, als der Minister Constans dem bonlangistischen Abg. Laur auf eine persönliche An­zapfung hin ein paar redlich verdiente Ohrfeigen applizierte. Bei der diesmaligen Ohrfeigenaffäre war wiederum ein Minister beteiligt, nur mit dem Unterschiede, daß diesmal der Minister, General Andr6, die Prügel erhielt, während der Täter ein Abgeordneter der nationalistischen Partei, Syveton, war. Die von empörender Roheit zeigende Tat, die ihrem feigen Urheber eine längere Gefängnisstrafe cintragen wird, lvurde von der überwältigenden Mehrheit des Hauses ge­bührend verurteilt, während sie zugleich die mittelbare Ur­sache war, die unmöglich gewordene Stellung des an den Folgen der Züchtigung immer noch leidenden Generals Andrä wieder zu befestigen. Das kann aber nicht hindern, die Handlungsweise des Kriegsministers, der die persönliche Uebcrwachung der in ihrer politischen Gesinnung verdächtige Offiziere der Armee angeordnet hatte, zu mißbilligen. Der General mochte selbst nicht so recht an die Reinheit seiner Verfügung geglaubt haben, denn seine Verteidigung auf die klerikal-nationalistischen Angriffe war schwächlich, so daß ihm von Rechts wegen nichts anderes übrig geblieben wäre, als seinen Abschied zu nehmen, bet seinem Fall auch die übrigen Minister, mit Combes an der Spitze, mit sich reißend. Durch die Syvetonsche Brutalität ist die als unvermeidlich angesehene Minister- bezw. Kabinettskrise wieder auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben worden. Die Armee aber beeilt

lich, ihrem obersten Ches ihre Empörung über Syveton zu äußern. Der reaktionäre General Geslin de Bonr- gogne, ein heftiger politischer Gegner Andrös, erwähnte in einem Briefe an den Kriegsminister, daß sich die ganze Armee durch Syvetons Attentat entehrt fühle. Duellfordernngen ind in Paris nun mehr denn je auf der Tagesordnung. Der iiationalistische Abg. Gras de Rochthulon, Vertreter des Departements Vendee, sandte dem Leutnant Andre, dem Sohne des Kriegsininisters, einen Brief, worin er in belei­digenden Worten dessen Verhalten gegenüber Syveton kriti- ierten. Der junge Herr Andre hatte nämlich als gehorsamer Sohn dem Befehle seines Vaters, Syveton nicht der Ehre eines Duells mit ihm teilhaftig werden zu lassen, Folge geleistet. Diese Provokation des Grasen Rochthnlon aber konnte der junge Herr nicht auf sich sitzen lassen.' Er forderte also nun den Grafen statt des Buben Syveton und erhielt von dem Grafen am Samstag eine leichte Verwundung an der Hand. Edlere Teile wurden also nicht verletzt. Syveton choß sich inzwischen mit den: Hauptmann de Gail, beide Gegner blieben unverletzt. Die übrigen jüngeren Offiziere der Garnison des jungen Andrö, St. Vinzent, wollten alsdann einen Kanieraden auslosen zu einem weiteren Duell mit Syveton, ihre Vorgesetzten aber ließen diese Schießerei nicht

bisherigen Präsidenten Theod. Roosevelt von seinen Mit­bürgern die höchste Würde, die sie zu vergeben haben, übertragen worden. Richt vorauszusehen aber war, daß der Erwählte des Volkes eine so imponierende Stimmenzahl auf seine Person vereinigen würde. Ziim erstenmal seit dem Bestehen der Union hat eine so riesenhafte Wahlbeteiligung stattgefunden. Von den 14 Millionen abgegebenen Wahlstimmen fielen auf Roosevelt allein über 8 Millionen. In unzweideutiger Weise hat damit die Bevölkerung der Vereinigten Staaten ihren Willen kundgegeben, daß die bisher von Roosevelt befolgte Expansionspolitik, die eine Politik der Hochfinanz und der Großindustriellen ist, auch fernerhin in Geltung bleiben möge. Während seiner dreijährigen Regicrimgstätigkeit hatte der eheinalige Anführer derRauhen Reiter" au§ seinem imperia­listischen Herzen niemals einen Hehl gemacht: mit der systema­tischen Unterdrückung und Ausrottung der unglücklichen Fillppinos ging eine beträchtliche Vermehrung des Heeres und der Marine Hand in Hand. Durch die jetzt erfolgte Wahl Teddys" ivird die großamerikanische Annexionspolitik trotzdein sie der Union fast schon drei Milliarden gekostet hat, aiich in Zukunft sortgeführt werden, da die Demokraten, diirch ihre Hinneigung zum Radikalismus in Verruf ge­raten, vorläiifig als ernsthafte Gegner kaum in Betracht konnnen. Erst eine bereits in Aussicht genommene gründ­liche Reforni an Haupt und Gliedern dieser ehemals mit der republikanischen gleich starken Partei kann hier eine Besserung bringen. Der unterlegene Gegenkandidat hat den Demokraten die Mitteilung gemocht, daß er durch Vermittlung der Parte: fortfahren werde, die Trusts zu bekämpfen, daß er aber seine Kandidatur für die Präsidentschaft nicht mehr ausstellen werde. Roosevelt wird übrigens wahrscheinlich Cornelius Vanderbilt zum Sekretär der amerikamschen Botschaft in Berlin ernennen. Cornelius Vanderbilt ist von Kaiser Wilhelm persönlich wiederholt ausgezeichnet worden.

Von: ost asiatischen Kriegsschauplatz sind auch diesmal wieder wichtige Begebenheiten nicht zu melden. In der Mandschurei stehen sich beide Gegner nach wie vor un­tätig gegenüber, während Port Arthur, dank seiner heroischen Verteidigung noch immer den verzweifelten Stürmen der Japaner trotzt. Doch scheint das Ende zu nahen.

Furche uns schule.

Geschichte der katholischen Kirche in Hessen vom heil. Bonifatius bis zu deren Aufhebung durch Philipp den Großmütigen (7221526) von Jo­hann Bapt. R a d y, herausgegeben von Tr. Joh. Mich. Raich. Verlag der Mainzer Verlagsanstalt und Truckerei, A.-G., in Mainz. Althessen, so lesen wir im Vorwort zu diesem Buche, ist der klassische Boden, den der hl. Bonifattus zum Mittelpunkte seiner apostolischen Tätigkeit gemacht, wo er Fulda gegründet und luo nach seinem Wunsche auch seine Gebeine ihre Ruhestätte finden sollten. Zu Althessen gehört ferner Marburg, wo die volkstümlichste Fürstin Teutschlands, die hl. Elisabeth gelebt hat und begraben ist. Auf demselben Flecken Erde stifteten die Landgrafen von Hessen und hessische Edelleute eine Reihe von Klöstern. Bisher hat dieses interessante Stück deutscher Kirchen- gefchichte, welches von protestantischer Seite wiederholt behandelt worden ist, noch leinen katholischen Bearbeiter gefunden. Mit außerordentlichem Fleiße hat jetzt I. B. Rady in den drei ersten Büchern ein Bild forlschreit'ender Entwickelung des kirchlichen Lebens innerhalb Hessens vom katholischen Standpunkte aus entworfen. Zurückhaltend mit dem eigenen Urteüe liebt es der Verfasser, allenthalben die Tatsachen sprechen zu lassen und die ozialen Fortschritte in übersichtlicher Gruppierung vor Augen zu führen. Tas vierte Buch bietet eine kirchliche Topographie der hessischen Archidiakonate mit Aufzählung der Altertümer, die sich in den einzelnen Orten erhalten haben eine Arbeit, die den Freunden der Tenkmalpflege willkommen sein wird. Ten Schluß bildet dann im fünften Buche eine natürlich ganz einseitige und gehässige Schilderung, wie alle katholischen Institutionen in Hessen durch 'Philipp den Großmütigen aufge­hoben wurden. Tem Verfasser lvar cs nicht beschiedcn, sein um- angreick>cs Werk selbst zum Drucke zu befördern. Unverhofft ist er 1901 in Aschaffenburg gestorben. Sein Freund, Tom- dekan T. I. M. Raich, hat nun dieses Werk der Oeffentlichkeit übergeben just am Tage der großartigen Feier des 400. Ge­burtstages Philipps des Großmütigen.

Jüngst hat sich unter dem Vorsitz des Geh. Kirchenrats D. Pank eine größere Zahl angesehener und führender Männer aus alle:: Teilen des Reichs in Leipzig vereinigt, um die kirch-

DoMische Wochenschau.

_ .? ,®ie&en, 14. Nov. 1904.

, » Der glanzenden Philipps fei er am Samstage die lms Gießenern den großen Gorzng und die hohe Ehre des Besuches unseres Großherzogs brachte folgt morgen das bedeutendste Lotalcreignis^ des Jahres. Die ab verordnete nw ahlschlacht wird morgen ge- schlagen Dre aufgeregte Bürgerschaft steht seit Wochen unter dem Banne der Wahlagitation. Hoffen wir, daß das große Ereignis sich §,um Wohle unserer Stadt vollzieht, ^. ^lßcr V1 T5rent Ehrenamte bereits bewährten Männern ^äften in das, Stadthaus einzieht^ ^tsatz rn der Ausübung ihres städtischen Mandaten, das ihnen das Vertrau en ihrer Mitbürger schenkte, unseres großen Goethe Wort sein möge:11 n- ergeunutztg zu fein in allem, ist meine höchste meine Maxime> meine Ausübung." Die kO^^rfchast hat aufs peinlichste zu prüfen, worunter den ihr rn Vorschlag gebrachten Kandidaten diesem Satze nicht zu genügen vermag, damit die geordneten städtischen Verhült- ntsfe aufrecht erhalten bleiben. Nur solche Männer ge­hören rn unser Stadtparlament, die über die Scheuklappen des engherzigen Egoismus hinwegzublicken vermögen. Jeder einzelne Wähler hat die Pflicht, dafür zu sorgen, damit namentlich unser Stadtparlament nicht der Boden parteipolitischer Kämpfe werde, daß kein Partei- haß in ihm auflodere, keine feindseligen Stimmungen ent- stehen, daß immer nur unpolitische Sachlichkeit ber den Beratungen walte.

Der h e s s i s ch e L a n d t a g wird am nächsten Mittwoch zusammen treten, um zunächst eine Reihe von privaten Vor­stellungen und minder wichtigen Anträgen einzelner Ab­geordneter zu erledigen, die sich nie genug tun können, m langatmigen und mehr oder minder überflüssigen Schrift- stücken unbedeutende lokale Dinge aufzubauschen und das Arbeitsmaterial unseres Parlaments unnötig zu belasten. Won Wichtigkeit ist vorläufig einzig die Regierungsvorlage betr. die Erweiterungsbauten in Bad-Nauheim von ber man wohl annehmen darf, daß sie auch die Billig­ung des Plenums, wie des Ausschusses, finden wird.

Das preußische Abgeordnetenhaus, das erst oor kurzem zusammengetreten war, hat sich schon nach einigen wenigen Sitzwigen wieder bis zum 21. November vertagt, nur zu dem Zweck, der Kan al ko mm i s f i o n genügend Zeit zu ihren Arbeiten zu lassen. Bon den in letzter Zeil gefaßten Beschlüssen war der interessanteste zweifellos der, daß sich die Kommission für das staat­liche Schleppmonopol erklärte. Dadurch ist die Situation geschaffen, daß jetzt ein Teil der wütenden Kanal-

Nr« Rsiwtes Birrtt. 154« Jerhrgcmq L4. November 1804

Erscheint Kgllch mit Ausnahme des Sonntags. ÄS

®te ..Gl-tzentk zamMenblätter" werden dem WM

»Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der » H iT UM ü i SL ü / H i i | K | S

Elfisch« Landwirt" erscheint monatlich einmal. || P I W' W» < SZ

,u. Immerhin wird wohl noch manche Kugel um des Herrn

Ker Aing.

Kriminal-Roman von O. Elfter.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Nach einer Weile erholte fich Kaminski. Mer das heiße Getränk hatte das Fieber nur noch erhöht, seine Wangen glühten, seine trockenen Lippen brannten und in seinen Augen ilackerte es wild und heiß auf.

Wem: der Narr, der Justizrat, nicht bald kommt, dann gehe ich ihm noch durch die Lappen", höhnte der Kranke.

Was willst Du eigentlich mit diesem Juftizrat Berner?" fragte seine Zrau nußtrauffch.Er hat uns noch das bißchen Hausrat, welches wir besaßen, pfänden lassen. . ."

, Tas hat er getan ... ja! Ah, wäre ich ge-sund geblieben, es wäre nicht dazu gekommen! Wir hatten gerade einen neuen Gimpel im Garn, den wir ordentlich rupfen wollten, als man

$Tas' heißt, als man Eure Spielhölle aufhob! Adalbert, es dahin kommen ^ußte !" , ,

Flenne nicht! Tas Spuck ist ein Handwerk, lute ledes andere, sagte der olle ehrliche Seemann feligen Angedenkens. Bin selbst iricher oll aerupft lvorden, mache mir deshalb auch lein Ge­wissen daraus, andere zu rupfen. , Tas ist nur ausglmchende Gerechtigkeit!" lachte er mit entsetzlichem Hohn.Darüber wäre ich auch hinweggekommen aber über das eme nicht . . . bamit belastet will im sterben . . . nein . . . Nicht sterben . . ."

Seine Worte erl'tarben in einem undeutlichen Gemurmel. Er sank in die siü» tnid' fckne Äugen schloßen sich, eine fieber haß M A r lammte M ei,.g-s-ll°n-s Äeßcht, er röchelte sckMr.

Seine ?itau b , besorgt über ihn. D, dieses arme Weib, was Dane [ie lL um ihrer Lrebe ivtlli-n flclutcn AlS gt.mj.nd«r Äavali» ,oa°" r ihr cntnWW »tcn. v-merüch hob, u.chalttmr lvar cin Leben sch-n gewesen, aber sie

glaubte seinen Worten, daß er sich wieder emporarvciteu würde, wenn er nur festen Boden unter den Füßen fühlte. Vielleicht wäre es ihm auch gelungen, wenn er sich oem Willen ihres Paters gefügt und in dessen Geschäft, eine Weißioarenhandlnng, eingetreten wäre. Aber er wollte nicht hinter dem Ladentisch stehen, er wollte eine Stellung im Leben einnehmen, sein Schwiegervater sollte ihm ein Gut kaufen. Tas wollte nun der alte Leinwaren- häiidler nicht, und so schieden sie im Zorn voneinander.

Anna hielt fest an ihrer Liebe. Sie vertraute dem Geliebten, der sich in der ersten Zeit ihrer Ehe auch bemühte, eine anständige Existenz zu erhalten. Aber das Spiel, der Trunk, die Rennbahn winltei: zu verlockend. Aus einem flotten Lebemann wurde ein Gewohnheitstrinker, ein Berufsspieler, ein gewerbsmäßiger Buch­macher! Unaufhaltsam nahm das Verhängnis seinen Lauf, bis der frühere glänzende Gardeoffizier zum Verbrecher herabgesunken war, den nur seine Krankl-eit vor den: Gefungnis bewahrte.

Tu bist katholisch, Adalbert, bat die Frau und erfaßte seine Hand, sie sanft küssend und mit ihren Tränen benetzend. Tann kniete sie neben fernem Bette nieder, lehnte die Stirn auf den Bettrand und brach in heftiges Schluchzen aus.

Sein Blick ruhte lange auf der zuiammengesunkenen Frau, die obgleich kaum über dreißig Jahre hiiiaus den verkümmerten Eindruck einer Fünfzigjährigen machte. Sein Auge wurde feucht, in seinem Gesicht zuckte und arbeitete es. Er legte die Hand auf ihren Scheitel, saust und liebreich, wie er es lange nicht getan hatte.

Anna, Frau", flüsterte er mit heiserer Stimme,ich danke Tir. . . Du haft llreu bei mir ausgehalten. . . warte nur noch kurze Zeit, dann bist Tu frei. . . und dann wird D'in Vater nicht mehr unbarmherzig sein. . .

Ach, Adalbert. .

Last mich sprechen, An::a.^ Ick habe, unrecht gegen Dich ge handelt, ich weist es. Ich durste Sich nicht aus den gesicherten Balmen Deines Lebens reißen oder ich mußte mich dem Milieu T-eines Vaters beugen .... haha, es wäre vielleicht aus mir noch ein ganz tüchtiger Leinwandhandler gelvordeic! Weshalb

auch nicht? Geschäft ist GefL-äft und cin Kaufmann sagte mir einmal: der ist der beste Handelsmann, der am besten betrügen kann. Und betrogen habe ich ja genug in der Welt. . . ."

Tu/ lvarst leichtsinnig, Adalbert, über nicht schlecht."

Nein, Anna, wir wollen uns nicht mehr täuschen, ich war schlecht! Schlechter, !c.lls Tu Tir denken kannst ich war ein Verbrecher, Anna . . ."

(Fortsetzung folgt.)

Luigi Rasi: Tie T u s e. T«euLsch von M. Gagliardi. Mit 43 Abbildungen. (S. Fischer, Verlag, Berlin.) Geh. 3 Mk. Ein liebenswürdiges Buch! Ter Verfasser hat nicht nur die Lauf­bahn der berühmten Künstlerin in liebevollen Studien verfolgt: er kennt sie auch aus eigener Anschauung; er ist ein Kollege der Düse und hat ost mit ihr zusammen gespielt. Ta er eine nicht gewöhnliche schriftstellerische Begabung hat, fand er für sein Buch eine reizvolle Form: von eiiier bestimmten Theatervorstellung ausgehend, plaudert er, wie sich die Anknüpfungen ergeben, die Zeit hinauf und hinunter. Wir sehen die Tufe in ihrer armen Jugend, ein Thertterkind, das lrüh auf die Bühne kommt und manchmal hungert; die Anfänge ihrer Künstlerschast sind wie von einem dumpfen, trägen Truck befangen, aus dem sie nur manchmal blitzartig ausbricht, bis schließlich ihr Genie, über­raschend und neu, entschieden ist und alle Augen auf fich zunngt, zu immer tieferer Meisterschaft durchdringend. Wir sehen die große Künstlerin auf den Proben und bei Premieren, als Kollegin und als große Tarne, in ihrem Stolz und in ihrer hinreißenden Liebenswürdigkeit. Nasis Tarftelluug ist zugleich intim und diskret. 43 Bilder aus allen Lebensaltern der Künstlerin und in den verschiedensten Rollen illustrieren den Text.

F u l d a s v i e r a k t i g e s ^L> w a u s p i^e lM a s k e r abcK wurde am Samstag iw F r a n kfurte i Schauspiel l^iuse nub int Wien er Burgtbeaur ;am erlern Male gegeben. Fuldas Beliebtheit und Die - Heilung erwirkten einen Erfolg. Ta- Stück streitet nut allen Mitteln gegen die bekannten Vorurteüe der Gesellschaft. Tas Heil kommt wieder vom freien Amerika.