Ausgabe 
14.6.1904 Zweites Blatt
 
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alleiniger Ausnahme von Aerzten absolut verboten ist, hat man auch noch in den Dörfern, durch welche der Weg die pfauchenden Automobilungetüme führen wird, die in diese einmündenden Straßen mit insgesamt 10 000 Meter langen Drahtzäunen verbarrikadiert und zur Ermöglichung wenigstens eines Fußgängerverkehrs in diesen Ortschaften besondere Brückenbauten über die Rennstraße hinweg errichtet. Am Renntage selbst sollen dann auch noch die Hausausgänge, welche an der Rennstraße Legen, in ähnlicher Weise ab g esperrt werden. Rur die größten Ortschaften sindneutralisiert", d. h. sie müssen von den Fahrern in gemäßigtem Tempo passiert werden, da ein zeit­weiliger Verkehr über die Straße doch nicht ganz zu umgehen fein dürste. In derselben Weise wird der Eisenbahnverkehr, soweit er die Rennstrecke berührt, abgelenkt werden. Zum Schutze der besonders gefährdeten Teile der Rennstrecke sind über 2000 Soldaten zur Hilfeleistung kommandiert und ferner wird die Frankfurter Schutzmannschaft einige hundert Beamte abordnen; auch ist für die Gendarmerie des Wiesbadener Kreises völlige Dienstbereisschaft für die ganze Dauer der Veranstaltung angeordnct. Schließlich ist noch die Hauptstraße von Homburg nach der Saalburg vollständig abge- sperrt, dafür hat man aber einen neuen Weg, der durch den Wald zur Saalburg führt, angelegt, wie denn überhaupt der deussche Automobilklub, dessen Generalsekretär, Baron v. Bran­denstein, bereits seit Monaten seinen Sitz nach Homburg verlegt hat, mit ungeheuren Unkosten sowohl für die Bequem­lichkeit der Rennfahrer, wie auch für die des die Veranstaltung besuchenden Publikums gesorgt hat, um namentlich dem Auslande gegenüber, dessen Aütomobilindustrie der unserigen bisher weit überlegen war, zu zeigen, daß Deusschland auch auf dem auto- mobilistsschen Gebiete in der Welt voran zu gehen sucht.

Sonntag vormittag war Baron v. Brandenstein auf Schloß Wolfsgarten nach Darmstadt befohlen worden, um dem Großherzog von Hessen und dem Prinzen Heinrich von Preußen Vortrag über den Stand der Rennstrecke, den Bau der Tribünen usw. zu halten. Daraufhin trafen Prinz Heinrich und der Großherzog heute vormittag mit einem Benzwagen hier ein und fuhren zur Saalburg. Sie besichssgten eingehend die Saalburg-Tribüne und die sonstigen Vorbereitungen und sprachen sich ihrern Führern gegenüber über die getroffenen Maßnahmen in der anerkennenswertesten Weise aus. Vor der Saalburg hatte eine Anzahl deusscher, englsscher und französischer Rennwagen Aufstellung genommen, die von den kgl. Hoheiten ebenfalls mit großem Interesse eingehend besichtigt wurden.

Der Großherzog und Prinz Heinrich nahmen auf der Saal­burg mit den Komiteemitgliedern des Gordon-Bennett-Rennens, dem Fürsten v. Salm-Reifferscheidt und 'dem Freiherrn v. Bran­denstein das Frühstück ein. Die Herrschaften fuhren um 1 Uhr mittels Automobil nach Wolfsgarten zurück.

Um die unvermeidliche und für die Rennfahrer besonders gefährliche Staubentwicklung möglichst hintan zu halten, sind alle Straßen im Renngebiet mit Westrumit besprengt worden, einer öligen Flüssigkeit, die schon auf der Dresdener Städteausftellung mit nicht ganz unbestrittenem Erfolge als Staubdämpfer vorgeführt wurde.

Die Rennstrecke erfordert mit ihrert Gefällen, ihren zahl­reichen Neutralisationen usw. die ganze Aufmerksamkett und Ge- schicklichkett eines erftllassigen Automobilführers, und schon jetzt steht außer allem Zweifel, daß überhaupt nur die Wagen am Ziele erscheinen werden, deren Führer möglichst streckenkundig find und die denkbar größte Ruhe, Besonnenheit und Umsicht mit zum Start zu bringen. Daneben ist natürlich auch die Kon- ftruktion der Wagen und der Motoren von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Von deutscher Seite wird an erster Stelle der Sieger im vorjährigen Gordon-Bennett-Rennen, der Belgier Camttle Jen atz h als Führer des ersten Mercedes-Wagens der Daimler Motoren-Werke in Cannstatt in die Arena treten, während als Lenker des zweiten Wagens dieser Firma Baron de Caters in Vettacht kommt. Den dritten deutschen Wagen, den die Opel- Fahrrad-Werke in Rüsselsheim bei Frankfurt a. M. stellen, lenkt der Inhaber dieser Werke, der frühere Radrenn-Champion Fritz Opel.

Von anderer Seite wird uns geschrieben:

Auf der Gordon-Berrnett-Strecke wurden den Fahrern von jungen Burschen allerlei Hindernisse, wie Lattenstücke mit Nägeln usw. iu den Weg gelegt. Daß derarttge Freveltaten wenig geeignet sind, das Ansehen unserer gesamten Jugend im Auslände zu heben, versteht sich von selbst, abgesehen von den Folgen, die aus solchenScherzen" entstehen können. Alle 19 Konkurrenten sind jetzt in Homburg eingetroffen Die Strecke wird infolgedessen täglich belebter, und die Rennfahrer können aus Rücksicht für die zahlreichen Automobile, die die Bahn be­völkern, nicht in dem Tempo durcheilen, wie sie es gern wollten Es kommt ihnen zunächst auch nicht auf die Schnelligkeit an Erst wenn die Widerstandsfähigkeit der Rennwagen erprobt ist, und der einzelne genügend mit der Bahn vertraut ist, wird man das Tempo ändern Äis wird aber erst in den letzten Tagen vor dem eigentlichen Rennen geschehen, lieber die Beschaffenheit der Sttecke sind alle Fahrer des Lobes voll. Ebenso findet die Vorzüglichkeit der ganzen Organisation rückhaltloseste Anerkenn- ung. Jetzt stehen auch die Rastzeiten für die neutralisierten Orte fest. Sie müssen von den Fahrern genau innegehalten werden. Bei jeder Abfahrt wird die Zeit auf ein vorgedrucktes Formular geschrieben und von den Konttollcuren in den an jedem Wagen angebrachten Blechkasten geworfen. Nach Schluß des _ Rennens werden diese Zettel herausgen ommen und geprüft. Infolgedessen geben wir die Neuttalisassonszeiten in Minuten wieder; gleich­zeitig fügen wir die Anzahl der an den betteffenden Stellen plazierten Radfahrerposten bei:

Konttolle: Neutrale Zeit: Radfahrer:

Usingen 5 Miu. 12

Weilburg 7 14

Limburg 10 15

Idstein 8 12

Esch 5 10

Königstein 8 12

Oberursel 6 10

Homburg 8 15

Saalburg 9 ,,________________15____________

56 Min. 115 Radfahrer.

Die Post auf der Saalburg.

Für das Gordon-Beimett-Rennen hat die Postverwaltung große Vorbereitungen mrf der Saalburg getroffen. Und wenn nicht alles trügt, hofft man, dem Verkehr im weitesten Maße Rechnung getragen zu haben. Zur Bewältigung des zweifellos enormen Depeschen- und Telephon-Verkehrs werden 70 Beamte auf die Saalburg kommandiert, die schon die Nacht über oben find und in Massenquartieren im Postgebäude Unterkunst finden. Für den Tepeschenverkehr sind 12 Hughes - Apparate ausgestellt. Daran schließt sich eine entsprechende Anzahl von Fernsprechleitungen. Man kann von der Saalburg nach allen größeren Centren des In- und Auslandes sprechen. Hierfür sind 10 Kabinen eingerichtet worden. Für die Beguemlichkeit des Publikums hat man Einzel­schalter geschaffen, an denen Briefmarken zu haben sind und auch Postsachen, wie Eil-- und Einschreibe-Briefe, abgefertigt werden. Ein Extraschalter ist für Gesprächsanmeldungen bestimmt. Für Schreibgelegenheit ist in und außer dem Gebäude Vorsorge ge­troffen. In der Annahme, daß der riesige Fremdenverkehr es mit sich bringe, daß eine große Anzahl von postlagernden Sendungen nach der Saalburg geschickt wird, hat man die ständige Post in der porta decumana nach der Saalburg-Restauration verlegt, wo alle postlagernden Sachen verausgabt werden. Um schließlich für alle Fälle gewappnet zu fein, stehen alle Drähte in direkter Ver­bindung mit der Post in Homburg. Die Leitung des ganzen Pöst- und Telegraphenwesens ruht in den Händen eines höheren Post­beamten.

Es besteht die falsche Annahme, die Saalburg sei für den ganzen Wagenverkehr von 7 Uhr morgens ab geschloffen. Tas ist nicht richtig. Tie Zufahrtstraßen sind vom frühen Morgen bis zum Abend vollständig frei, können also zu jeder beliebigen Zeit befahren werden. Ein rntereffanterShaw-* für jedermann wird die Vor­

führung der Rennwagen am 18. Juni, also am Tage nach dem Rennen, werden. Alle Rennwagen, die vorher nur im Fluge, auf Sekunden, zu beobachten waren, werden an diesem Tage, um ein­mal busschikos zu reden,in Dreck und Speck" im Kurgarten aus­gestellt. Man hat von morgens 9 bis mittags 4 Uhr Zeit genug, die Eigentümlichkeiten der einzelnen Renntypen zu studieren.

Bei dieser Gelegenheit bringen wir die F a r b e n der einzelnen Nationen, mit denen die Wagen gestrichen sind und die für den Laten das einzige Erkennungszeichen bilden. Die deutschen Wagen sind weiß, die Schweizer rot-gelb, die Belgier gelb, die Oesterreicher schwarz-weiß, die französischen blau, die Italiener schwarz, die Engländer grün gestrichen.

Ter Herzog von Ratibor, Präsident des Deutschen Automobilklubs, ist heute morgen hier eingetroffen und im Park- Hotel abgestiegen.

Aer Internationale Irauen-Kongreß.

(Nachdruck derboten.) n.

B erlin, 13. Juni.

Das Gesamtvrogramm für den Internationalen Frauenkon­greß 1904 vom 13. bis 18. Juni umfaßt Frauenbildung, Sektion 1, unter dem Gesamtvorsitz von Helene Lange-Berlin; Frauen­erwerb tmd Frauenberufe, Sektion 2, unter dem Gesamtvorsitz von Alice Salomon-Berlin; soziale Einrichtungen und Bestrebungen, Sektion 3, Gesamtvorstand Amta Edinger-Frankfurt a. M.; recht­liche Stellung der Frau, Sektion 4, Gesamtvorsitz Freiin Olga v. Beschwttz.

In der heutigen Montagssitzung wurde der Kongreß durch die Vorsitzende des Bundes Deutscher Frauenvereine, Frau Marie Streit -Dresden im großen Saale der Philharmonie eröffnet. Vor allem, so führte Frau Streit aus, würde der Kongreß eine nachdrückliche Berichtigung des alten Irrtums bringen, daß die Frauenbewegung, indem sie für dieFrau gleiche Pflichten und gleiche Rechte fordere, die weibliche Eigenart vernichte. Im Gegenteil, diese Bewegung werde nur dazu dienen, die weibliche Eigenart zu erhöhen tmd zu veredeln (Stürmischer Beifall), denn sie habe nicht das Ziel, die Frau dem Manne als solchen gleich zu machen, sondern vielmehr die Frau mehr und mehr zu einer wahren Frau zu gestalten, damit sie als Frau und nur als Frau der Welt draußen einen anderen höheren Wert gebe, den ihr der Mann in ferner Eigenart niemals zu geben vermöge (Anhaltender Beifall). Lasten Sie uns, schließt die Rednerin, an die Arbeit gehen und für die freie starke mütterliche Frau der Zukunft eintrelen, immer ein­gedenk des Wortes: Fortiter in re, snaviter in modo! (Großer an­dauernder Beifall.)

Nachdem hierauf noch die Präsidentin des International Council of Women, Lady Aderdee n-(Schottland) die Teilnehmerinnen begrüßt hatte, verteilten sich die Delegierten in d i e Sektion s» s i tz u n g e n.

Der ersten Sektion für Frauenbildung präsidierte Frl. Helene Lange-Berlin. In ihrer Eröffnungsansprache betonte sie die Wichssgkeit der Frauenbildung unter Hinweis auf die Rolle, welche die Frau daheim im Hause spiele. Nur diejenige Frau, die im ei$enen £)aufe Autorität besitze, werde sich diese Autorität auch im öffentlichen Leben verschaffen können, in das voll einzutreten sich die Frau jetzt bemühe. Somit sei in erster Linie nötig die Bi Idung der Frau für denMutter- beruf (lebhafter Beifall). Bei uns in Deusschland habe das Jahr- hundert des Kindes schon im vorigen Jahrhundert begonnen, als Frödel das Wort aussprach:Kommt, laßt uns unseren Rinbern leben!" Allein noch immer sei es nötig, das Familienleben mit Fröbelschem Geiste zu durchtränken, damit schon von der Kinderstube an der soziale Geist erweckt werde, aus den alle Kraft komme, auch oer Frauenbewegung weiter fortzu­helfen. (Stürmischer Beifall). Hierauf sprach Lady Aberdeen über die Frau als soziale Erzieherin und Frl. Adele Gerhardt -Berlin überFrauenbildung und Mutter- s ch a st". Frau Henriette Goldschmidt - Leipzig behandelte die Bildung der Frau für ihren Mutterberuf im Lichte der Fröbel- schen Erziehung und Frl. Lilly Dröscher -Berlin die sozialen Aufgaben des Volkskindergartens.

In der Sektion für Frauenerwerb und -Berufe führte Frl. Alice Salomon-München den Vorsitz. Zunächst sprach Counteß of Warwick (Präsidenttn der Londoner Frauenschule für Landwirsschaft) überDie Frau in der Landwirtschaft', und Frau Besobecsoff - Rußland über die Stellung der russischen Landarbeiterinnen. Hierauf schilderte Frl. v. Kortzfleisch-Hannover die Not­wendigkeit wirtschaftlicher Frauenschulen auf dem Lande. Unter großem Beifall führte sie aus, daß die Land­wirtschaft schwer unter dem Mangel-an Menschen­material leide und es daher insbesondere gelte, ihr neue Arbeitskräfte zuzuführen und der Industrie fernzuhalten. Auf ben noch unbebauten Landftrecken seien Kolonien zu schaffen, wo nicht nur die kalte Spekulation hohe Schornsteine baue, sondern wo man wieder den warmen Herzschlag der deusschen Bäuerin spüre. Unter lebhaftem Interesse der Versammlung betrat sodann die sozialdemokratische Frauenrecht­lerin Lilli Vraun-Gizyky die Rednertribüne. Sie führte aus: Nur von der gebildeten Frau sei bislang gesprochen worden, nie aber von dem schwer arbeitenden Dienst­personal. Es sei das Wort gefallen, daß die Landwirsschaft den Frauen verloren gegangen sei, während tassächlich in Deutsch­land doch noch über 2 Millionen Frauen Landarbeit verrichteten; Frauen, die keinerlei Rechte und keinerlei Schutz besaßen, die deren aber mehr bedürften, als die bürgerliche Frau, mit der sich jetzt alles beschüfttge. Gewiß seien heute weite Land- ftreefen verödet, weil alles in die Städte dränge. Aber nicht das Vergnügen locke die Menschen dorthin, sondern mit eiserner Faust würden sie dahin gestoßen, die Hungerlöhne der Landwirtschaft drängten sie unbarmherzig vom Lande ab. Wohl würden die jetzigen Verhandlungen vielfach gute Resultate zeitigen, das Wichtigste aber fei die Gewährung des Koalitions- rechts, die Ausdehnung des Arbetterschutzes auf die landwirtschaft­liche Bevölkerung. Würde der Kongreß dahin wirken, daß das volle Koalitionsrecht gewährt werde, so würde eines der besten Werke getan. (Lebhafter Beifall.) Unter stürmischem Beifall nahm hierauf eine Negerin Mrs. Mary ChurchTerrell, die in fließendem Deutsch spricht, das Wort. Sie ist eine an­mutige, jugendliche Erscheinung mit schmalem geistvollen Ge­sicht, das schwarzes glatt gescheiteltes Haar umrahmt. Sie weist darauf hin, daß der farbige Dienstbote von liebens­würdiger Natur sei, von schneller Auffassungsgabe und von großer Anhänglichkeit an seine Herrschaft. Gelöst würde die Dienstboten frage nicht eher werden, so lange sich nicht die Frauen selbst mehr ihrer Unvollkommenheit be­wußt würden, damit sie diejenige der Dienstboten weniger hart beurteile. (Lebhafter Beifall.)

In der dritten Abteilung für soziale Einrichtungen und Bestrebungen, der Frau Prof. Edinger-Berlin präsidierte, verhandelte man über die Teilnahme der Frauen an der Armen-, Kranken- und Rekonvaleszentenfürsorge. Frau Mon- telius-Schweden verbreitete sich über die Grundsätze moderner Armenpflege. Ueber die Armenpflege in Oesterreich und das District visiting-System" in Canada berichteten Frau von Sprung- Wien und Frau Luffa Thomson-Canada. Frau Dr. Harbon-Hoff- Dänemark gab Verhaltungsmaßregeln für die Bekämpfung der Tuberkulose im Kindesalter, während Frau F e l s ch - Frankfurt am Main die Hauspflege einer Besprechung unterzog^ Die Or­ganisation der Armenpflege in Berlin und im Großherzogtum Baden schilderten Frl. Roloff-Berlin und Frau Bensheimer- Mannheim.

Das größte Interesse fand die vierte Sektion, in der unter t)em Vorsitz von Frau Marie Stritt-Dresden über die recht­liche Stellung der Frau verhandelt wurde. Hier sah man die äußerste Linke her modernen Frauenbewegung versam­melt. In ihrer Eröffnungsansprache führte Frau Stritt aus, daß die auf der Tagesordnung stehenden Fragen und ihre Sßeljanblung durch einen internationalen Kongreß die Nach­welt ebenso anmuten werde, wie unsere Zett der berühmte Kongreß von Macon, auf dem man ernsthaft die Frage ver­

handelt habe, ob die Frauen eine Seele hätten. (Heiterkeit und Beifall.) Tassächlich lei ja die Frau des 201/o Jahrhunderts! längst als fteie Rechtsperson anerkannt. Sie würden formell anerkannt im Strafrecht wie auch im bürgerlichen Recht, aber in ihrem vollen Umfange doch nur, solange die un­verheiratete Frau in Betracht komme, während die Anerkennung der rechtlichen Gleichstellung der Fran im öffentlichen Recht, in Staat und Gemeinde, bisher nur in ganz wenigen Kultur­ländern erfolgt sei. Es werde deshalb die Aufgabe der Sektion bilden, darüber zu beraten, was die Frau zu ihrer allgemeinen Anerkennung aus logischen, ethischen, sozialen und wirtschaft- lichen Gesichtspunkten in Staat und Gemeinde zu fordern habe, angesichts der ihr auferlegten Beschränkungen im Zivilrecht, dem Eherecht und vor allem den güterrechtlichen Beschränk­ungen der Ehefrau. Hierauf sprach Frau Prof. Weber- Heidel­berg über die historische Entwicklung des Ehe­rechts. Sie zeigte, wie sich das heutige Eherecht aus benr ursprünglichen Gewaltrecht, dem Frauenraub und Frauenkauf her­aus entwickelt hat und wie es sich noch weiter und höher ent­wickeln müsse, um als ein Bündnis zweier gleichwertiger, freier Menschen zu gelten. Miß Sheriff-Neuseeland berichtete, wie fortschrittlich sich die rechtlichen Verhältnisse in dem der Frauen­bewegung als ideal geltenden Neuseeland gestaltet haben, wäh­rend Frl. Dr. P o p o l in-Lüttich die belgischen Verhältnisse als höchst traurig schilderte.Noch trauriger als bei uns in Deutschland! fügte Frau Stritt ihren Darlegungen hinzu, lieber das eheliche Güterrecht verbreitete sich ü. a. Frl. Dr. jur. Marie Raschke - Berlin. Sie beklagte es, daß mit dem Augenblick der Verheiratung die Frau in rechtlicher Be­ziehung auf das Niveau von Kindern und Geisteskranken herab- gebrüeft werde und daß das heutige Güterrecht die wirtschaftliche Zukunft der Ehefrau nicht sicherftelle.

Am Nachmittage wurde der Kongreß vom Reichskanzler Grafen von Bülow und dem Staatssekretär von Posa- d o w s k y empfangen.

Heute abend fanden unter dem Vorsitz von Helene v. Forster Vorträge über den Stand der Frauenbewegung in den Kultur­ländern von Vertreterinnen Deusschlands, den Vereinigten Staaten, Canada, Finnland, Italien, Ungarn und Australien Staaten, Canada, Finnland, Italien, Ungarn und Australien statt

vermischte».

* Großfürft Cyrill, dessen Gesundheitszustand der größten Schonung bedarf, wird einige Wochen in einem fran­zösischen Seebade verbringen, um sich einer Kur zu unterziehen. Ter Großfürst hat aber auch die Absicht, den in Cannes weilenden Großfürsten Michael Nikolajewitsch, seinen Oheim, sowie auch den im Auslande lebenden Großfürsten Paul, fernen Onkel, der feit seiner Verheiratung mit der geschiedenen Frau Piftolkors Rußland verlassen hat, zu besuchen. Aller Wahrscheinlichkeit nach dürfte Großfürst Cyrill gegen Ende August nach Coburg zurück­kehren, um in der Nähe der Großherzogin Melitta Vik­toria der Ensscheidung seiner Angelegenheit entgegenzusehen. Die Reise der Großherzogin-Witwe von Sachsen-Koburg-Gotha nach London soll hauptsächlich das Ziel haben, König Eduard zu veranlassen, seinen großen Einffuß am Zarenhofe zu ver­wenden, um den Zaren zur Erteilung feiner Einwilligung zur Vermählung des Großfürsten Cyrill mit der Großherzogin Me­litta Viktoria zu veranlassen. Die russische Kirche setzt dieser Vermählung keine Hindernisse entgegen. Die Vorrechte feiner Geburt werden durch seine Ehe mit einer Geschiedenen gar nicht tangiert Auch Großfürst Paul ehelichte in Italien nach russischem Ritus die geschiedene Offiziersftau Pistvlkors, und dennoch hatte er auf die Vorrechte seiner Geburt feinen Verzicht leisten müssen. Er wurde nur seiner Würden als Chef der Kavallerie und als Kommandant eines Regiments entkleidet. Auf die Ehe des Groß­fürsten Cyrill mit der geschiedenen Großherzogin dürfte bloß das russische Haus- und Hofgesetz Anwendung finden, wonach ein Mitglied des Zarenhauses, das Anwartschaft auf den Zaren- thron haben könnte, bei seiner Ehe mit einer Geschiedenen auf diese Anwartschaft verzichten muß. Ein großes Hindernis dürste darin erblickt werden, daß die Zarin Alexandra Feodorowna schwerlich sich dazu entschließen dürste, die gewesene Großherzogin als Mitglied der Zarenfamilie in Petersburg zu begrüßen.

Daudet und Verkehr. Volkswirtschaft.

Neue Zproz. Hessische Staatsanleihe. Die an ein Konsortium Deussche Bank, Oberrheinffche Bank, Deussche Vereinsbank, Württembergische Vereinsbank, Hannoversche Bank, L. Speyer-Ellissen u. Jac. S. H. Stern, wie bereits gemeldet, zu 87,43 Proz., haupssächlich zwecks Investierung bei der Hessi­schen Landeshypothekenbank, begebene Anleihe von 91/2 Mill. Mk. wird zu Beginn der nächsten Woche bei den übernehmenden Banken und deren Zweiganftalten, sowie an den hessischen Hauptplätzen, zur Zeichnung aufgelegt Die ältere 3proz. hessische Anleihe notierte zuletzt 87,95 Proz., hält sich somit nicht unwesentlich unter dem Niveau der übrigen Zprozentigen deutschen Anleihen. So stehen Zproz. Reichanlseihe 90,20, Konsuls 90,10, Bayern 90,, Baden 89,35, Sachsen 88,50- Elsaß-Lothringische Rente gar 92. Während das Reich mit einer 3prozentigen Anleihe erstmals im Jahre 1890 und zwar um 87 Prozent herauskam, wählte Hessen erst im Jahre 189t> den 3prozentigen Typus, zu einem hierfür sehr geeigneten Zeitpunkt, sodaß die Emission zu 98,45 Prozent erfolgen fonnte. Hinsichtlich der Qualität können die hessischen Anleihen den anderen deutschen Werten vollständig an die Sette gestellt werden. Nachstehende Ziffern lassen deren Sicherheit als ganz unbezweifelt erfdeinen. Die gesamte Staatsschuld Hessens betrug am 1. April 1903 347,8 Mill. Mark, wovon nicht weniger als 297 Mill, auf die Eisen­bahnen entfallen, also produttive Schulden darstellen. Für Zins und Tilgung waren in 1902/03 10,26 Mill. Mark erforderlich, während schon die Eisenbahnen einen Ueberschuß von 10,7 Mill. Mark lieferten, wozu noch 2,3 Mill. Mark aus sonstigem werden­dem Staatsvermögen (Forsten, Domänen) kamen.

Newyork, 12. Juni. Infolge Herabsetzung bet Zwischendeckfahrpreise über den Atlantischen Ozean nahm die Einwanderung derartig zu, daß sich dic Arbeit der Einwanderungsbehörden nahezu verdoppelte. Durch die niedrigen Fahrpreise wurden Einwandererelemente berbeigezogen, welche den Behörden als unerwünschte gelten. Infolgedessen ist nahezu die Hälfte der in den letzten Tagen aus Europa eingetroffenen Zwischen deckreisenden angebalten worden, bis nähere Erhebungen über ihre Verhältnisse an- gestellt sind. Wahrscheinlich Dürften viele derselben nach den Einschiffungshäfen zurückgeschickt werden.

Eiubrnchdiebstahl. Eine böse Ueberraschung, wenn man eines Morgens oder bei der Rückkehr von einem Spaziergang, einem kurzen Ausflug, einer längeren Reise die Wohnung von Einbrechern geplündert vorfindet. Erfahrungsgemäß gelangt der Bestohlene fast nie wieder in den Besitz seines Eigentums, selbst dann nicht, wenn die Verbrecher ermittelt werden. Es ist daher durchaus erklärlich, daß die Einbruchdiebstahl-Versichemng^m ganz kurzer Zeit eine große Verbreitung gefunden hat. garantiert dem Versicherten Schadloshaltung für das Gestohlene und für die Beschädigungen und läßt ihn darum mit Ruhe das Haus verlassen, mit Ruhe schlafen. Er wird sich hüten, unter Lebensgefahr Einbrechern entgegenzutreten, über deren Arveu er erwacht. Banken usw., die sich sonst schon durch alle mög­lichen Vorrichtungen gegen Einbrüche schützen, nehmen fast durm- toeg diese Versicherung, aber auch Privatwohnungen werden immer mehr versichert, ist doch die Gewißheit, vor Schaden durch Ein­bruch sicher zu fein, die geringe Prämie allein schon wert. Eine bedeutende Ausdehnung der Einbruchdiebstahl-Versicherung steht bevor, well jetzt auch die Victoria die Branche ausgenom­men hat. Die Bedingungen der Victoria sind in verschiedenen Punkten für die Versicherten günstiger als die anderer Geseu- schaften, weil das bevorstehende Gesetz über den Versicherungs­vertrag schon auf die Bedingungen der Victoria cingcroirft ijat. Bei einer Versicherungsdauer von mindestens 5 Jahren ist bet der Victoria die Zahlung der Prämie in Wochenraten zulässig.