Ausgabe 
14.5.1904 Viertes Blatt
 
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Nr. 113

Erscheint ISglich mit Ausnahme deS Sonntags.

DieGießener LamMenblätter" werden dem .Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der ^hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.

Biertes Blatt. 154. Jahrgang

Gießener Anzeiger

Samstag 14. Mai 1904

Rotationsdruck und Verlag der Brüh loschen Universitätsdruckerei. R. Lange, Dießen.

Redaktion, Expedition ».Druckerei: Schulstr.U» Tel. Nr. 51. Telegr.-Adr. r Anzeiger Dießen.

General-Anzeiger, Amt;- und Anzeigeblatt für den Kreis Eichen.

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Kraf Bülows Politik.

In den oberen Regionen unserer politischen Atmosphäre herrscht gegenwärtig eine Art von Gewitterstimmung. Zündstoff, der auf den dazu gehörigen Funken wartet, um sich zu entladen, ist vorlzanden. Die Schlappen, die die deutsche Kolonialpolitik gegenwärtig in S ü d w e st a f r i k a erlebt, die Uebergehung Deutschlands bei dem Abkommen Frankreichs und Eng- l a n d s bezüglich Marokkos, die glänzende Inszenierung der Reise Loubets nach Italien, und zuletzt die fortgesetzten Mißerfolge unserer russischen Freunde im ostasiati­schen Kriege sind nicht geeignet, die Verstimmung und Nervosität zu zerstreuen, von der die regierenden Kreise in Berlin er­griffen sind.

Es ist daher erklärlich, wenn in der Presse Krisengerüchte Luftauchten, die von einer neuen Aenderung des Kurses und sogar von einem Wechsel im Reichskanzleramt erzählten. Einer unserer Berliner Mitarbeiter hat schon gestern darauf hingewiesen, daß diese Nachrichten nicht wahrscheinlich sind. Trotzdem scheint es uns nicht ausgeschlossen, daß eine Richtungsänderung der bestehenden politischen Verhältnisse in absehbarer Zeit in Aussicht genom­men ist.

Auch das Reichsoberhaupt scheint von dieser augenblicklich herrschenden Gereiztheit nicht gänzlich frei zu sein. In den Reden von Karlsruhe und Mainz hat man wohl nicht mit Unrecht einen Niederschlag dieser Stimmung zu sehen geglaubt. Desgleichen ließ auch, Berliner Blättern zufolge, Gras Bülow, der sonst o zufriedene, bei der dritten Lesung des Etats in der Dienstags- sitzung des Reichstages die gewohnte Elastizität und Zuversicht vermissen, die ihn bekanntlich von jeher ausgezeichnet hat. Einige Parlamentsberichterstatter wiesen sogar in ihren Berichten. daraus hin, daß der Kanzler bei dieser Gelegenheit einen müden und un- lustigen Eindruck gemacht habe, der zu seiner gewohnten eleganten Beredtsamkeit sehr in Kontrast gestanden hätte. Den überaus scharfen Angriffen Bebels entgegnete Graf Bülow im wesentlichen eigentlich nur mit Gemeinplätzen, die schließlich in der Ver­sicherung gipfelten, wir hätten seit 33 Jahren eine eminent friedliche Politik gemacht. ,, ,

Es ist belannt, daß der vierte Kanzler des Deutschen Reiches es versteht, klingende Ausdrücke zu prägen, die zuweilen berech­tigtes Aufsehen erregt haben, man denke nur an das Wort vom Granitbeißen. In dem hier vorliegenden Falle aber hat sich Graf Bülow offenbar vergriffen. Worin hat denn unsere aus­wärtige Politik in der nachbismarckschen Periode im großen ganzen bestanden? Man hat sich in Zuvorkommenheiten dem Auslande gegenüber erschöpft, aber nichts dafür geerntet, als einige höfliche Danksagungen. Die den auswärtigen Mächten bisher erwiesenen Liebenswürdigkeiten hier vollständig aufzuzählen, würde schon wegen Raummangels unmöglich sein. Was ist in dieser Beziehung, um ein Beispiel anzuführen, den Vereinigten Staaten von Nord­amerika gegenüber geschehen! Erst die Sendung des Prinzen Heinrich, der eine Tour durch einen großen Teil des Landes machte, daun die Einladung der Tochter des Präsidenten Roosevelt zur Tauffeierlichkeit der kaiserlichen JachtMeteor", endlich bie Beschenkung der Militärakademie von Westpoint mit der Statue Friedrich des Großen. Und was haben wir mit diesen Aufmerksam­keiten erreicht? Die Yankees haben sich schmunzelnd diese Zuvor­kommenheiten gefallen lassen, haben aber nicht daran gedacht, ein Äquivalent dafür zu bieten. Ja, noch mehr. Die Bildsäule des großen Friedrich harrt noch verpackt seit langem vergeblich ihrer Aufstellung. In dieser Tatsache zeigt sich dock ein Mangel an Kenntnis der innerpolitischen Verhältnisse fremder Staaten. Und wie sollen zu unserer eminent friedlichen Politik die fortgesetzten Rüstungen zu Lande und zu Wasser stimmen, mit denen wir doch den Neid und den Argwohn der angrenzenden Nationen. erregen, die nun genötigt sind, ihrerseits ebenfalls ihre militärischen und maritimen Streitkräfte zu vermehren. Bebel hatte leider so un­recht nicht, als er darauf hinwies, daß wir augenblicklich tn der Welt keinen einzigen aufrichtigen Freund besaßen. Die glanzende Vereinsamung Englands, in der sich dieses so lange notgedrungen befand, scheint jetzt aus uns übergegangen zu sein. Und das hat unsere eminent friedliche Politik getan! Aber Graf Bulow be­

streitet, daß wir allein stehen und daß man uns überall mit Ab­neigung begegnet. Beweise für seine Behauptung unterlieh er allerdings anzuführen, sondern fügte im Gegenteil gleich hinzu, daß, wenn dies doch der Fall sein würde, wir nichts Besseres tun könnten, als unser Schwert p schleifen und unser Pulver trocken zu halten. Damit wären wir denn wieder bei der ultima ratio angelangt. Wir rüsten, weil unS unsere Nachbarn bedrohen, und unsere Nachbarn rüsten, weil sie sich von uns bedroht fühlen. AuS dieser Zwickmühle kommen wir nicht heraus. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als nach dem geschmackvollen Taafeschen Ausdruck ruhig fortzuwursteln. Die eminent friedliche Weltpolitik des Grafen Bülow aber nimmt dem ungeachtet doch ungestört ihren Fortgang.

Eine bitterböse Kritik an der Rede des Grafen Bülow im preuß. H e r r e n h a u s e übt dieT a g e s z t g." Das Organ desBundes der Landwirte" schreibt, die Rede dürfe vielleicht als die mindest glückliche bezeichnet werden von allen, die Graf Bülow während seiner Amtstätigkeit gehalten hat. Früher habe man wenigstens gewußt, woran man war. Der Hauptgrund der jetzigen peinlichen Unzufriedenheit bestehe darin, daß man beim besten Willen eine Harmonie zwischen den Worten und den Taten des vierten Kanzlers nicht zu entdecken vermöge. Gemäßigter drückt sich die konservativeKreutztg." aus. Aber in der Sache kommt sie zu demselben Schluß wie die Tagesztg.": . . .Bis jetzt hat man vergeblich auf die Taten gewartet, die den freundlichen Worten folgen sollen. Graf Bülow darf sich nicht wundern, daß hierüber in der land- wirtschaftlicheu Bevölkerung eine stetig wachsende Verstimmung herrscht". WelcheTaten" die Rechte vom Grafen Bülow erwartet, das setzten in der gestrigen Sitzung des preuß. Herrenhauses die Vertreter des Großgrundbesitzes noch­mals mit aller Offenheit auseinander: Offene Reichstags­wahl, ein neues Sozialistengesetz und schleunige Kündigung der Handelsverträge (siehe den Bericht Preuß. Herrenhaus" in der heutigen Nummer). Wir möchten denstarken Mann" scheu, der sich getraut, dies Programm durch- zuführen! . . . __________ __________

Politische Tagesschau.

Ein bayerisches Museum für Arbeiterwohlfahrt ist, wie wir in bayerischen Blättern lesen, von dem Zentral­inspektor für Fabriken und Gewerbe, Regierungsrat Pöllath, auf Grund eines neuen und eigenartigen Arbeitsplanes ins Leben gerufen worden. Die dem Museum zur Verfügung stehenden Räume befinden sich in einer zur Verfügung gestellten Fabrik. Dieser Umstand gestaltet die Veranstalt­ung ganz besonders interessant, da sich so Verhältnisse er­geben, welche der Wirklichkeit entsprechen. Der erste aur Ausstellung gekommene Turnus umfaßt das Gebiet der Schutzvorrichtungen an Holzbearbeitungsmaschinen unter möglichst ungünstigen äußeren Umständen, wie oben liegende Transmissionen u. dergl. Gerade solche Verhältnisse liegen in Wirklichkeit aber außerordentlich häufig vor und da sollte gezeigt werden, was geschehen kann, um den An­forderungen der Unfallverhütung zu entsprechen. Ferner zwangen die beschränkten Raumverhältnisse zur Anwend­ung kombinierter Maschinen, wodurch wiederum dargelegt werden konnte, welche großen konstruktiven Schwierigkeiten diese Maschinen der notwendigen Anbringung von Schutz­vorrichtungen und hygienischen Maßnahmen, wie Staub­und Spähneabsaugung entgegensetzten. Die Vorführungen werden von Vorträgen begleitet. In diesen Vorträgen wer­den alle in Betracht kommenden Fragen erörtert; es möge nur kurz daraus angeführt werden, daß an Hand der Vor­führungen gezeigt werden konnte, welche Nachteile die noch so sinnreich ausgeführte Kombination der Maschinen durch die nötig weidenden Aenderungen und den dadurch be­dingten Zeitverlust sowohl in wirtschaftlicher Beziehung als

auch durch den Umstand bietet, daß der Arbeiter, um diese Zeitverluste einzubringen, nur allzu leicht die zu seinem Schutze dienenden Vorkehrungen unbeachtet läßt. Anderer­seits ist es lehrreich, zu beobachten, wie gerade ein tüch­tiger, denkender Arbeiter sich selbst Vorrichtungen schafft, durch welche die chm aus dem Betriebe drohenden Gefahren vermindert werden. Eine weitere Neuerung des Münchener Unternehmens sind die Wanderausstellungen. So befindet sich zurzeit eine Sonderausstellung von SLutzvorrichtungen im Baugewerbe auf der Wanderung durch Bayern und wird gegenwärtig in Kaiserslautern werteren Kreisen zugänglich gemacht.

Aus Stadt und Kund.

Gießen, den 14. Mai 1904.

Das Großh. Regierungsblatt (Beil. Nr. 12) enthält: 1. Oeffentliche Anerkennung einer edlen Tat. 2. Be­kanntmachung, den Gehalt deS Rabbinen zu Alzey betreffend. 3. Uebersicht der von Großh. Ministerium des Innern für das Etatsjahr 1904 genehmigten Umlagen zur Bestreitung der Kommunalbedürfnisse in den Gemeinden des KreiseS Alzey, im Steuerkommisiariatsbezirk Bingen. 4. Uebersicht der von Großh. Ministerium des Innern für das Rechnungsjahr 1904 genehmigten Umlagen zur Bestreitung der Kommunalbedürf­nisse in den Landgemeinden des Kreises Bingen. 6. Ueber­sicht der für das Jahr 1904 zur Bestreitung der Kommunal­bedürfnisse der Gemeinden des Kreises Lauterbach genehmigten Umlagen. 6. Konkurrenzeröffnungen. Das Regierungs­blatt Nr. 13 enthält eine Bekanntmachung, die deutsche Wehr­ordnung betreffend.

** Evang. Bund. Mr machen nochmals auf die nächsten Montag, den 16. l. M., abends 8V2 Uhr, im Neuen Saalbau stattsindende evangelische Volksversammlung auf­merksam und können unseren evangelischen Lesern und Leserinnen den Besuch derselben nur aufs wärmste em­pfehlen.

v. Bad-Nauheim, 13. Mai. Bis zum 12. Mai sind 2648 Kurgäste angekommen, wovon an genanntem Tage noch 2189 anwesend waren. 21315 Bäder wurden bis zum 12. Mai abgegeben. Unter den angekommenen Fremden befinden sich: Se. ExzeUenz Wirkt. Geh. Rat Dr. Schmidt aus Frankfurt a. M., Se. Exzellenz Mrkl. Geh. Rat Prof. Dr. v. Behr in8 aus Marburg.

Frankfurt, 13. Mai. Die Feier der 25jährigen Wtrk- samkeit des Intendanten Emil Claar in Frankfurt a. M. soll am 20. Juni stattsinden. Geplant ist am Vormittag ein Empfang im Foyer des Schauspielhauses, abends eine Festvorstellung und nachher ein Baratt.

ZLniversttäts-Nachrichteu.

Jena, 13. Mai. Der ordentliche Professor der Geschichte an der hiesigen Universität, Geh. Hofrat Dr. Ottokar Loren-, ist gestorben.

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