Ausgabe 
14.5.1904 Drittes Blatt
 
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General-Anzeiger, Amts- unb Anzeigeblatt für t<n Kreis Sietzen

denklich und

TURIN 1901

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Rotationsdruck und Verlag der Brü h l'schen UniversitätsdruckereL R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition ».Druckerei: Schulstr. T.

Tel. Nr. 5L Telegr.-Adr.; Anzeiger Gieß«.

Zur Psychologie derSchnorrer und Verschwörer".

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieGietzener Zamilienblätter" werden dem ^Anzeiger viermal wöchentlich betgelegL Der ^jesfisch« Landwirt"' erscheint monatlich einrnaL

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Die russischen Revolutionäre sind von den Führern der sozialdemokratischen Partei und von der gesamten sozial­demokratischen Presse bekanntlich als ideale Lichtgestalten gepriesen worden, in denen das wahre Heldentum unserer Zeit verkörpert wäre und die in selbstloser Hingabe für ihr Ideal unbedenklich ihr Leben in die Schanze schlügen. Ihre Ausweisung wurde von der deutschen Sozialdemokratie als ein Verbrechen an der Menschheit und an der Kultur bezeichnet. Und jetzt erheben sich dieselben Anklagen wieder gegen das badische Ministerium, weil es ebenfalls jene Lichtgestalten" im Lande nicht dulden wolle.

Wie es in Wahrheit mit diesenLichtgestalten" be- fchassen ist, davon gibt das Zeugnis eines sehr sachverstän­digen Mannes Kunde. Mr beziehen uns aus den Roman Der schmale Weg zum Glück" von Paul Ernst. Dr. Phil. Paul Ernst, der anfangs Theologie studierte, hat jahrelang der sozialdemokratischen Partei angehört. Er ist Redakteur eines Berliner sozialdemokratischen Blattes und später als sozialdemokratischer Akademiker ständiger Leit­artikler hervorragendster sozialdemokratischer Zeitungen ge­wesen Inzwischen ist er aus der sozialdemokratischen Partei ausgeschieden Er volontierte beim Nordhäuser Stadt­magistrat und wollte Bürgermeister werden, seine Ver­gangenheit aber machte das unmöglich. Dann wurde er sozialwissenschastlicher Mitarbeiter an HardensZukunft" und vieler anderer bedeutender Blätter und gehört jetzt als Verfasser von Dramen, Gedichten, Novellen usw. zu den Schriftstellern von Rus. Sein kürzlich in der Deutschen Verlagsanstalt zu Stuttgart erschienener erster großer Ro­manDer schmale Weg zum Glück" ist ein Bekenntnis- Roman, eine Art Beichte, worin er eine Darstellung seiner eigenen inneren Entwickelung und der Menschen und Ver­hältnisse gibt, die für diese Entwicklung bestimmend gewesen sind. Wer ihn kennt, weiß, daß das, was er schreibt, seiner absoluten inneren Wahrhaftigkeit entsprungen ist.

Als junger sozialistischer Akademiker ist er bezugs­weise der Held seines Romans auch in jenen Kreis ge­raten, in dem neben den Literaten hypermodernster Deka­denz die russischen Revolutionäre eine erste Rolle spielten. Ta ist nun auch ein jünger russischer Sozialdemokrat, der mit einer Landsmännin und Gesinnungsgenossin in wilder Ehe lebt. Zu ihnen gesellt sich ein anderer russischer Revo­lutionär, der durch ein mißglücktes Attentat selber schwer verletzt wurde und durch die Flucht seiner Bestrafung ent­gangen war. Zu diesem Marm wurde die russische Revolu­tionärin von Liebe entflammt und es trat ein, was in dem Roman also geschildert ist (S. 308):

So verging nun eine Zeck, während welcher bte Frau nach­schweigsam war; dann aber sagte sie zu ihrem Manne, daß sie ja doch beide sich von den Vorurteilen der värgerlichen Gesellschaft befreit hätten und sich als Pfadsucher der neuen Menschheit wüßten, die, wie sie das ost besprochen, auch eine andere Form der Ehe bringen werde; m dieser solle die Freiheit der Persönlichkeit gewahrt bleiben; und da bte Persönlich­keiten sich heute immer verschiedenartiger entwickeln, so werde die neue Ehe viele von einander abweichende Typen aufwerfen. Nun wisse er wohl, daß sie ihn liebe, aber es sei zu dieser Liebe eine neue Zuneigung in ihr Herz, gekommen, nämlich für ihren gemeinsamen Freund, und anfänglich habe diese Erscheinung lie \ recht beunruhigt, denn da die Gefühle zu ihm als ihrem Mann noch immer die alten seien, so habe sie ihn doch Nicht verlassen mögen um den neuen Geliebten; am Ende aber habe sie sich gedacht, daß auch solches in der künftigen Gesellschaft möglich sei, daß eine Frau mit zwei Ehegatten lebe wie umgekehrt ein Mann mit zwei Ehefrauen,. was wir m beides auch heute schon bei barbarischen Völkern m der Wirklichkeit sehen; und da sie doch die künftige Gesellschaft m ihrer Lebensführung v o r b i l d e n wollten, so schlage sie ihm vor, daß der Freund in ihren Ehebund als Gleich­berechtigter ausgenommen werde. , .

In hohem Maße charakteristisch, i)t es, wie der bisherige Geliebte der Frau die AnHelegenheit zur Entscheidung

en große Gefalle, wenn Sie noch des Eigesand veröffentliche täte. Mer Eidrick vom lebte Promenadekonzert will ich Ihne in nach- schtehende Versch unnerbreite:

Schee ist's am Sonntag vormittag Beim Konzert in der Südaalag', Wo im grien umgrenzt' Rondell Schbiett uff die Militär kapell. Quadrillje, Märsche, Operette, Ouvertüre, Quodlibette, Potpourri un aach Romanze Un Walzer na, mer mecht gleich tanze Gavotte aach, un Sinfoniee Un nationale Melodiee, Sei aagericht zum Ohreschmause Und fein serviert von Meister Krauße.

Dieweck die Kapell musiziert. Das Publikum herumschbaziert, Schtudcnte, Offizier', Soldate, Kaafleut, Rentner, Advekate, Handwerksmaaster un Geselle Sein beim Frühkonzcrt zur Schtelle. Un nu erscht der Mädcher Zahl Mecht besonnersch schwer die Wahl: Mit welcher zuerscht anzebandle. Die da uff un ab tun wandle. Wie sie nicke, wie se knixe, Wenn Schtudente mit de Fichse, Uff die Blicke, die se schieße, Ueberkommentmäßig grieße.

Un was die, die aagebisse. Alles zu verzehle wisse: Von Winterbälle, Landpartte Babbelt unaufhaltsamSie", WährendEr" flott renommiert, Wie er Tag und Nacht schtudiert. Was für die Wisseschaft er tat, Un von ihr alles intus hat.

Un wenn e Schmiß sei Backe ziert = Hat er schon zwanzig abgeführt.

Un was sieht mer für wunnernette Farbeprächt'ge Toilette, Ufsgebutzt mit Blumebliete Fantasievoll' Damehiete

Un Sonnescherm die vor der Hitze Die rosige Gesichtcher schitze. Die Mädcher laafe ohne Ruh Uff ihre Schick- und gelbe Schuh Un kenne gar vergnieglich lache. WennEr" verfällt uffs Witzemache, Sie falle mitenanner ein: Ach wie reizend" =Wer nein!" Drum, wer will hawe alle beide: Ohreschmaus un Aageweide, Muß Sonntags nich so schpät uffschteh. Zum Konzert in de Aalag geh.

Warnung I

Die meisten Nachahmungen von Dr. Hommels Haematogen werden, um das D. K. P. No. «1,091 zu umgehen, mit Zuhilfenahme von Aether bereitet, ein Zusatz, der insbesondere für Kinder und Nervöse direkt schädlich ist. Um sicher zu sein, das aetherfreie Original-Präparat zu erhalten, verlange man stets ausdrücklich Dr. Hommels Haematogen und achte auf die Schutzmarke aSäu-

diese Rede konnte der Mann nichts erwidern, da sie aber eine Angelegenheit von großer B edeutung ur dre künftige Ordnung der Menschheit betraf, so entschloß er sich, daß er alles seinen Freunden unterbreitete, damck vorher eine gründliche Besprechung überdie so z io lo 9lJ$en und sittlichen Fragen stattlinde, die diesen Fall betrafen. Dies geschah nun alles, und nach einer^ sehr genauen Prüfung kamen die Freunde zu dem Urteil, daß die Frau recht babe und nach ihrer Rede geschehen müsse. Dem Spruch fügte sich der Mann und so begannen die drei ihre neue Ehe.

Dieser völlige Umsturz der Moral aber findet jucht nur auf dem Gebiet der Liebe und, der Ehe statt. Der russische Revolutionär entwickelt dem Helden des Romans auch den Plan zu einem Verbrechen. Ein Bekannter des Helden Dans Werther, Namens Kurt, ist in einem reichen Geschaftv- hause angestellt. Diesen Umstand will der Revolutionär zu folgendem verbrecherischen Plan ausnutzen:

Wenn er nun dem auf seiner Schreibstube einmal sage, er wolle telephonieren bei ihm, so werde er und der andere den vtaum

verlassen, und er, nämlich Dans, bleibe allein. Dann könne Hans auf einer Wachstafel Abdrücke der Schlüssel machen, nach denen er selbst, der solche Künste gelernt habe, Nachschlüssel un­fertigen werde; und wenn dann einmal gelegene Zeit sei, so würde er mit einem Freunde des Nachts das ganz unbewachte Geschäft öffnen, und aus dem Geldschrank eine Summe nehmen, die seine Freunde in Rußland brauchten, um eine Druckerei anjulegen; und da keinerlei Spuren eines Einbruchs zu be­merken wären und man nicht erfahren könne, auf welche Weise das Geld verschwunden sei, so müsse dieser Plan ganz sicher aus­zuführen sein. Bedenken sittlicher Art werde er, Dans, doch wohl nicht haben, da man doch nur einem Ausbeuter nehme, was er zu Unrecht besitze, und das verwende für die Befreiung der Menschheit."

Es ist völlig ausgeschlossen, daß Paul Gruft, der Ver­fasser des Romans, sich aus irgend welchen niedrigen Mo­tiven in wüsten Verleumdungen gefällt, die nur seiner Phantasie entstammen. Niedrige Motive sind einem Manne von so edlen Anlagen wie Ernst nie und nimmer zuzu­trauen. Wer den Roman liest, muß sofort den Eindruck gewinnen: Wüs da erzählt wird, ist volle Wahrheit, ist die Wahrheit eines Bekenntnisses und einer Beichte. Es handelt sich bei diesen russischen Revolutionären in der Tat um eine vollständige Perversion allen morali­schen Empfindens, es handelt sich um einen psychi­schen Gntartungszustand, was auch in diesem Roman mit der tiesdringenden Spürkraft des modernen Psychologen, die Paul Ernst zu eigen ist, in einer der Wahrheit entsprechenden Weise treffend zum Ausdruck gebracht wird.

Gingesandt.

(Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber

keinerlei Verantwortung.)

Geehrter Derr Redakteer!

Würde Sie nett die Giete hawe un mir mitteile, ob der, der Eigesandts mächt über des vor der Tiere schtehe der Gießer Kau sleit, nich mei Munn is. Ich bin nämlich die Frau Dannewuckel un mei Munn is der Schuster Kunrud Dunne- wackel. Er stehlt ullzemol des Bedürfnis, dorch die Schtadt zu gehe un zu gucke, ob ni$ zu beanschtunde is; er mecht gern Schtadtverordneter wäm un fir des Wohl der Bergerschust eitrete. Wenn er mit seiner Arbeit fertig is, schteckt er sich e (Bigott u, nimmt sei Schtekke und feggt, er hätt' en wichtige Gang in de Schtadt. Wenn er dann Haarn fimmt, hockt er sich hin un schreibt, wos, waas ich nett. Liewesbrief kenne es nett sei, do is mei Kunrad doch schon zu alt für solche Dummheite oder halte Sie es doch für meglich, daß solche Männer sich aach in Gieße uffhalle? Aber es muß doch ebbes sei, was er geschriewe un was ihm Schbaß mächt. Ich sein nett neugierig, aber mer kann es ner Fraa nett ibel nemme, wenn se stch iber des Thu un Dreiwe ihres Mannes ab un zu en Versch mächt, mit onnem Worte, cmol in sei Rocksack neiguckt un die Brieftasch revidiert. Liewesbrief haw' ich nett gefunne, abber newe em Fahrplänche und em Schtadtplan aus'm Gießer Kreis-Adreßbuch und annre Papiercher de Anfang von eme Gedicht. Ob ersch selbst verbräche oder nor abgeschriewe hat, waas ich aach-nett. Er schreibt:

Es es wahrhasttg net mehr schee. Daß hier in uns'rem Gieße Die Kaafleut' vor ihrm Lade schteh Un aam noch nett mal grieße. Wenn mer am Daus vorbeischbaziert, Un gelaase Hot sich miede. Das mißt, weils alle Leut schenniert, Die Bolezei verbiete. =

Was braucht e Kaafmann noch dazu Die Hände in de Tasche,

Werttags er hat ja Sonntagsruh Noch frische Luft zu nasche.

Mächt ihm die Arbeit werklich Schbaß, Wozu sich vor sei'm Lade recke. Er mag sei Nos ins Deringsfaß, Ins Handkäsdippe schtekke.

Die Rentter und die Pensionär, Die früh und spät sich... .

Dier is das Papier, wo die Versch druff geschriewe schteh, ab- gerisse, wahrscheinlich hat des Dichterschenie nett weiter gereicht. Tun Se mir den Gefalle, und nehme Se von mein Mann so gefähr­liches Geschriebs net uff. Wenns er aus fimmt, krieht er eines scheene Tags fei Däg, und wenn er verschmisse un verfchunne is, wer hat de Schade, doch nur seine Sie hochachtungsvoll griefcenbe

Fraa Lisettche Hannewackel.

Nachschrift. Da ich gerade am Schreiwe bin, mecht ich Sie bitte, beifolgende Zeile abzndrucke. Sie sehe daraus, daß ich in hehere Regione zu schwebe verschteh, wie mei Kunrod. Obwohl ich Sonntags frieh sonst fei Zeit hawe, von Wege dem Mittagessen- koche _ ich mich doch cmol losgerisse, hab die vom Samstag übrig gebliebene Linsesupp mit Werschtcher gewärmt, rasch mit Maggis Suppetafele e Kerbelsupp uffgebneht un bin zum Prome­nadekonzert gegange. Daß die Konzert immer uff be Siedaalag ftattstnde, is mir nett recht klar, obwohl ich aus dem Schtadtplan un Gießer Adreßbuch ersehe, daß in den (inneren Aalage aach noch Leut wohne. Vielleicht läßt sichs eirichte, daß die Musik aach emol am Deherdenkmal in der Nordaalag schpielt. Do kennt ich von meiner Kich' aus zuhöre, un nach dem Takt von em Marsch mei Kottelett kwppe. Sie täte mir und meine ganze Nachbarschaft

Drittes Blatt. 154. Jahrgang

Gietzener Anzeiger