Ausgabe 
14.1.1904 Erstes Blatt
 
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Vvmme n werden sollen. Endlich ersucht sie die Mächte um Maßregeln in Bulgarien, damit das Reformwerk durch ine Bandenumtriebe nicht abermals verhindert werde.

Washington, 13. Jan. Präsident Roosevelt erklärte ,bet der Entgegennahme der Resolutionen, die gestern in der Versammlung von Vertretern aber Partien des Londes rur Förderung des Schiedsgerichtsgedankens in der ganzen Welt wr Annahme gelangten, er stimme von Herzen den Bestrebungen der Konferenz bei, ein inter­nationales Schiedsgericht zustande zu bringen. Er werde die Angelegenheit aufs genaueste envägen und alle mög- lichen Sch rette tun, um cüt solches Emvecnehmen zwischen den Ver. Staaten und den übrigen Nationen zu schaffen.

New York, 13. Nov. Ter dcui.cye Bot|chasier Frhr. Speck von Stern bürg tonsericrue gestern mit dem Präsidenten Roosevelt und dem Kriegssetretär Noot. Er vereinbarte sich mit dem Letzteren, demnächst mit ihm den in der Nähe der KriegsftMC für die Aufstellung der Statue Friedrichs des Großen au,gewählten Plaü zu be.ichrcgen und die Einzelheiten der Tenkmals- Enthüllung zu arrangieren.

ZLußlanü unD Züpün.

Reuter meloet u.us -iolio vour iu. Januar: Die Ant­wort Japans wurde heute nachun^ag Baron Rosen a u s g e h ä n d i g t. Tie Verhandlungen werden fortgesetzt, ohne daß eine Zeitgrenze fcstgcscpt wurde.

TerCentral NewS" in London wird zu der japani­schen Antwort aus die russische Note gemeldet, daß erstere in gemäßigter Sprache geyalren, ihr Ton aber durchlveg fest sei. Japan bestehe aus seine Ansprache in Korea. Nach Reuter riesen -ui Truw in europäischen Blättern entl/attene Angaben über angebliche Faroerungen Japans bezüglich der Mandschurei h.er gr^ße lUmrraiajung hervor. Japan verlangte niemals die Räumung der Aland- .jchurei, erkannte vielmehr die besonderen Interessen Ruß­lands und dessen Recht, seine Interessen zu schützen, offen an und forderte nur, daß Rügland seine freiwillig ge­gebenen Bürgschaften über die Achtung der territorialen Integrität Chinas in der Mandschurei auch einhalte. Außerdem verlangte Japan dir Freiheit der den Wohnsitz betreffenden Rechte und des internationalen Handels in ber .Mandschurei.

Nach einem Petersburger Telegramm meldet die Now. Wrem." aus Wladiwostok, daß dort augenblicklich Ruhe herrsche, nachdem die Rüstungen beendet sind. Ter günstige Moment für eine Kriegserklärung sei versäumt worden, da Rußlands Strritkräjte in Osr- aiien tbFiich zunehmen und.Japans Aussichten aus einen günstigen Ausgang des Krieges sich mfolgedesjeu ver­ringern. Wie die Mailänder ,^Lombardia" aus Genua erfahrt, bezahlte Japan an B.rd der beiden von Argentinien /gekauften Kreuzer für diese 42 Mill. Frcs. in Gold.

Nach einer Meldung aus Newyork sucht Japan Schiffe zu kaufen und machte dem Norddeutschen Lloyd An­gebote, speziell süv den DampferTrave".

Wie Brüsseler Blätter berichten, verlautet es, die Reise des Holländischen Ministerpräsidenten Tr. KnyPers nach Petersburg, welche er am Samstag antritt, bezwecke, dem Zaren feine Vermittlung zur Beilegung des russisch-japanischen Konfliktes anzub^eten.

Irovinzialallslchutz.

(Schluß statt Fortsetzung.)

Gießen, 12. Januar.

Ist Sachen des Gesuchs des Heinrich Philivp Nolte zu Kaichen um Erlaubnis zum Betrieb einerGa st wirt­schaft entschied man in derselben Weise, wie über die beiden vorhergehenden Gesuche. Nachdem ein Gesuch des H. PH. Noolte von Kaichen um die Erlaubnis zum Betrieb einer Schankwirtschaft rechtskräftig durch den Kreisaus schuß Friedberg mangels eines Bedürfnisses abgewiesen worden war, judj±e Nolte unterm 27. Februar 1903 um die Eilaubnis zum Betrieb einer Gastw irt.ckm st nach. Tas Bedürfnis zum Betrieb einer Gastwirtschaft in Kaichen wird vom Gesuchsteller durch Vorlage einer diesbezüglichen, mit etwa 90 Unterschriften versehenen Emgabe, sowie von drei Briesen nachzuwcisen versucht, in welchen reisende Kaufleute über den Mangel an Gasthäusern in Kaichen Beschwerde führen. Ter Kreisausschuß erkannte jedoch in seiner Sitzung vom 17. Juli 1903 zu Recht: dem Gesuche des H. PH. Nolte von Kaichen um die Erlaubnis zum Betriebe einer Gastwirtschaft wird unter Verurteilung des Gesuchstellers in die Stollen des Verfahrens und zur Zahl­ung eines Aversionalbetrages von 3 Mark an die Kreis- kaf|e keine Folge gegeben. Ter Kreisausschuß ging hier­bei von der Erwägung aus, daß der erwähnten Eingabe keine Bedeutung beizumcsjen sei, da es bekannt sei, wie leicht die unverbindlichen Unterschriften solcher Eingaben beschafft werden könnten. Bezüglich des vom Gesuchsteller behaupteten Mangels an einer Gastwirtschaft zu Kaichen, stellte der Kreisausschuß durch Einholung einer amtlichen Auskunft bei Großh. Bürgermeisterei Kaichen fest, daß in der genamiten Gemeinde vier Wirtschaften vorhanden sind. Von diesen wird in zwei Wirtschaften nur Schankwirt­schaft ausgeüot, während die weiteren zwei Wirtschaften nach den vorgelegten Gewerbescheinen die Berechtigung zum Beherbergen besitzen. Ter Kreisausschuß führt in seinem Urteil weiter aus, eine Konzessionsurkunde über die Erlaubnis zum Betrieb einer Gastwirtschaft wurde be­züglich der letzteren beiden Wirtschaften zwar nicht vor- gelegt, was anscheinend seinen Grund darin hat, daß beim Uebergang der betreffenden Wiri.chaften, welche be­reits längere Zeit bestehen, von den derzeitigen Inhabern versehentlich nur um Erlaubnis zum Betrieb einer Schank- wirtschast nachgesucht wurde. Tie fragt. Wirlfchaftsinhaber find indes nach ihrer Erklärung vor Großh. Bürger­meisterei Kaick)>en erforderlichen Falles jederzeit bereit, um die Erlaubnis zum Betrieb einer Gastwirtschaft einzukommen. Ta mit Itücksicht auf das langjährige Be­stehen der beiden Wirtschasten zu Kaichen an der Erteilung Diejer Erlaubnis durch den Kreisausschuß nicht zu zweifeln fei, und da nach Vorstehendem tatsächlich in zwei Wirt- sclMften Gastwirtschaft betrieben werde, erachtete der Ktois- ausschuß das Bedürfnis zur Eröffnung einer weiteren Gast, wirtschaft nicht als vorliegend und l)at daher wie ge- fchehen erkannt. Gegen bicic Entscheidung rekurrierte der Vertreter des Gesuchstellers an den Provinzialausschuß mit dem Anträge, dem Gesuch deS H. PH. Nolte in Kaichen stattzugeben, und dem Gejvchsteller die Erlaubnis zum Betrieb einer Gastwirtschaft zu erteilen, und mit der Bc- griütbung, daß man bei der Beurteilung der Frage, ob va Kaichen ein Bedürfnis zum Betrieb einer Gastwir t- schäft verbanden fei, mau davon ausHugehen habe, daß dort zur Zeit eine Gastwirt sclm.jt üo er Haupt nicht besteht. Gegenüber dieser von der Borinstanz selbst getrogenen Feststellung sei eS gänzlich ohne Bedeutung, daß zwei

von den in Kaichen ansässigen Wirten vielleicht aus Ver­sehen nur um Konzession bezüglich einer Schankwirtschaft anstatt einer Gastwirtschaft nachgesucht hätten. Ebenso sei es irrelevant, daß diese Heiden Schankwirte auch gelegent­lich Personen beherbergen. Taß ein Bedürfnis zu einer riastigen Gastwirtschaft vorhanden sei, ergebe sich, ab­gesehen von den 90 Unterschriften, namentlich aus den überreichten drei Aeußerungen von Reisenden. Unhaltbar sei aber doch der Standpunkt der V<-rinstMiz, daß zweifel­los demnächst den erwähnten Schanboirien die Erlaubnis zum Betrieb von Gastwirtschaften erteilt werden würde, falls sie darum nachsuchten. Zur Zeit lägen solche Ge- |Uuje jeden,älls nicht vor. Angenommen aber, sie würden eingereicht, so verdiene unter allen Umständen der seines Klienten als das frühere in erster Linie Berücksichtigung. Sicherlich mußten auch bei den etwaigen Gesuchen der Schautwirte nach gesetzlicher Vorschrift die Bedurfnisfragc geprüft werden, k^-ain aber die Vorinstanz jetzt schon die Er­teilung der Konzefsion zur Gastwirt schäft jenen Gesuchen in Aussicht stelle, erkenne sie doch jetzt scyon ein Bedürfnis an. Weshalb bei dieser Sachlage feinem Klienten die nad^ gesuchte Erlaubnis versagt worden sei, könne er nicht ein­sehen. In der heutigen Verhandlung sagt der als Aus- tünftsper,on vernommene Büigermer,tor Roth aus: 'Ter Gcmettiderat habe die Bedürfnisfrage verneint, weil in Kaichen fchon geuügeno Wirtschaften rorhanoen seien, dar­unter zwei Schankwirtschaften, welche zum Beherbergen be­rechtigt seien. Tor Vertreter des GesuchjecEers war im heutigen Termin nicht erschienen.

Sodann kam das Gesuch de» PH. M. zu Mainzlar um Erlaubnis zu,n Betrieb e üicr Gastwirtschaft zur noch­maligen Verhandlung vor den Prooinzial-elusschuß. PH. Müller von MainKlar hat am 18. November 1901 um die Erlaubnis nachgejucht, in seinem in unmittelbarer Nähe des Stationsgebäudes Mainzlar etrichtelen Hieubau Eap- wirtschast beireiben zu büejen. Turch Beschluß oes Kreis­ausschusses dis Kreises Gießen vom 18. Januar 1902 wurde bas Gesuch wegen mangelnden Nachweises eines Bedürf­nisses abgelehnt. Da Müller rechtzeitig mündliche Ver­handlung des Gesuches vor dem Kreis.iiisschuß beantragte, wurde die Sache von neuem am 22. März 1902 vor dem Kreisausschuß in öffentlicher Sitzung verhandelt. Ter Kreisausfchuß beschicd jedoch wiederum das Gesuch ab­schlägig, da keine neuen Momente vorgebrachl waroen, die eine Abänderung des früh.rn Erkenntniftes rech.ferligten. Am 30. Juni 1902 reichte Müller ein neues Gesuch ein, in welchem er abermals um die Erteilung der Konzession zum Gastwirlschaftsbetfteb bW. Auch dieses Gesuch wurde durch Beschluß des Kreisaus'schu,ses des Krei.es Gießen vom 19. Juli 1902 abgeschlagen. Gegen diese Enischeidung hat Gesuchsteller rech.zeitig ourch feinen Vertretor Rekurs mit dem Antrag erheben lassen:Der Provinzialausschuß wolle die angeftchtene Cntfcheidung aufheben und dem Relurrenten die Erlaubnis zmn Betrieb einer Gastwirt­schaft in Mainzlar erteilen." Der Rekurs wurde durch. Relursschrift vom 27. September 1902 zu rechtfertigen ver­sucht.

Tie Sache kam infolgedessen vor dem Provinzialaus­schuß zur Verhandlung. In dem mündlick-en Verhand­lungstermin führte der Vertreter des Rekurrenten aus, er bitte, der Entscheidung des Gemeinderates bon Mainzlar über die Bedür.nisfeage kein allzu großes Gewicht bei^u- legen. Das Votum des Gemeindera.es sei nicht objekt.v, da mehrere Wirte diesem angehörten, für die natürlich ein Bedürfnis zur Errichtung einer weiteren Konkurrenz- Wirtschaft in Mainzlar nicht gegeben sei. Mau solle nur bedenken, daß der Bürgevmeisier selbst Wirtschaft betreibe. Dazu komme, daß in dem Gemeiuderat die Bedürsnissrage nur mit knapper Majorität, mit 5 gegen 4 Stimmen ver­neint worden sei. Das Entscheidende sei aber, daß Mainz­lar zwar drei Schankwirtschaften, aber noch keine einzige Gastwirtschaft besitze. Unhaltbar sei die Ansicht des Kreis- ausschus.es, daß Mainzlar eine Ga.üwirtschast um deswillen nicht nötig habe, weil jeder Freuroe infolge der günstigen Bahnverbindtlng in die Lage gesetzt sei, sich anderwärls ein Nachtquartier zu suchen. Denn es könnten Fülle Vor­kommen, in denen die Benutzung eines Zuges unmöglich wäre. Insbesondere müsse man hierbei an plötzlich ein­tretende Krankheiten ober Versäumung des letzten Zuges denken. Es sei unbedingt zu fordern, daß in jedem Ge­meinwesen wenigstens eine Gastwirtschaft bestehe. Turch das Ergebnis der Beweis.mfnalMe fei festgefleut, daß in Mainzlar des öfteren Nachfrage nach einer Logiergelegen­heit stattgefunden habe. Auch oer Bürgermeister Koch habe dies mit dem Anfugen bestätigt, daß solche Leute, die kein Nachtquartier hätten finden können, von der Witwe Vogel, obgleich diese keine Konzession zum Gasüvirtschaftsbetriebe besitze, beherbergt worden seien. Aus dieser Tatsache gehe aber unzweifelhaft hervor, daß in Ada in zt ar ein Bedürfnis zur Errichtung einer Gastwirtschaft vorhanden sei.

Ter Provinzialausschuß konnte fid), jedoch von dem Vorhandensein eines solchen Bedürfnisses nicht überzeugen. Was zunächst die Frage anlangt, ob ein Bedürfnis für die Errichtung einer weiteren Schaukwirtschaft gegeben ist, so war diese Frage entschieden zu verneinen. Mainzlar besitzt bei einer Einwohnerzahl von 4.3 Seelen drei Schankwirt­schaften, die dem vorhandenen Bedürfnis in ausreichender Weise Rechnung tragen. Auch sind dieselben nicht derartig entfernt, daß es dem reifenden Publikum unmöglich ge­macht wäre, eine Erfrisa)ung zu fich zu nehmen.

Aber auch die Frage, ob ein Beoürfnis zur Errichtung einer Gastwirtschaft vorhanden ist, mußte verneint werden. Es steht alleroings aus Grund der Beweisaufnahme fest, daß hin und wieder in Mainzlar nach einem Nackftquarlier Nachfrage stattsindct. Tiefe Nachfrage ist aber nach der tleberzeugung des ProvinziaIaussaM,|Es so ver.chwtndend, daß sie allein unmöglich den Grund für die Erteilung der Erlaubnis zum Gasrwirtschaftsbctrteb abgeben kann. Ter Versuch des Vertreters des Rekurrenten, ein solches Be­dürfnis als Folge dis neuen Bahnverkehrs nachzuweisen, ist mißlungen. Während der Zeuge Müller sich nur zweier Fälle erinnert, in denen in den s/i Jahren, die er sich in Mainzlar auf hält, nach einem Nachtquartier verlangt wurde, ist der als Auslunf.sperson vernommene Bürger- meifier Koch sogar der Ansicht, daß infolge der Bahnver­bindung der Fremdenverkehr in Mainzlar abgenommen habe. Tenn es logiere nun von durchreisenden Fremden überhaupt niemaud mehr in dem Orte, wie es früher bis­weilen twrgekmrmcn sei, sondern jedermann fucye mit den letzten Zügen Lollar oder Gießen zu erreichen.

Ter PrsvinziolauSsshuß hält nach vvrfiehenden Aus­führungen den 5tac»<v)eis oiueS BesürfnissrS zur Erricht­ung einer Gasirvirlschajt in Mainzlar jedenfalls zurzeit «utzt für erbracht und erkannte deinentspreroend auf Ver­wesung des erhobenen Rekurses, inoem er »s dem i---esuch- sieller überläßt, |ein Gesuch zu erneuern, wenn und sobald durch den Baqnverkebr in der Tat ein Bedürfnis hierzu sich ergeben sollt"

Nachdem nun der Vertreter des Gesuchstellers sein Ge­such unterm 13. Juli 1903 erneuert hatte, kam die Sache am 14. Oktober 1903 zur nochmaligen Verhandlung vor den Provinzialausschuß, woselbst der Vertreter des PH. M weitere Beweisaufnahme beantragte. Tiefem Anträge statt­gebend, wurde Termin auf heute anberaumt. Trotzdem sich die erschienenen Zeugen für Errichtung einer weiteren Wirtschaft aussprack>en, wies der Provinzialausschuß den Rekurs zurück und verurteilte den Nekurrenieu in die Kosten des Verfahrens und zur Zahlung einer Verhand­lungsgebühr von 5 Mk. an die Provinzialkasse.

Hierauf wurde die öffentliche Sitzung g.'sastissen.

Aus der A.garreninduttrle.

Mit dem neuen Jahre hat der Beschäftigungsgrad in den meisten Bezirken der Zigarrenindustrie etwas nach­gelassen. Das ist eine fast regelmäßige Erscheinung, die sich nach dem meist lebhaften Geschäftsgang vor Weihnachten einzusteUen pflegt. Es kommt ganz auf den Ausfall des Weihnachtsgeschäfts an, roie rasch der etwas mauere Geschäftsgang wieder überwunden wird. Ta im vergangenen Jahre das Weihnachtsgeschäft im allgemeinen gut ausgefallen ist und auch in Zigarren viel umgesetzt sein durfte, so ist an» zunehmen, daß die Besserung, die sich schon während der zweiten Hälfte des JabreS 1903 bemerkbar gemacht hat, auch 1904 anhailcn wird. Es ist zwar seinerzeit, als die ^Arbelts- markt-Korresp." eine Besserung im Beschäftigungsgrad des Zigarrengewerbes konstatierte, eine solche bestritten worden. Die Richtigkeit der Damaligen Eingaben wird aber nachträglich in den Jahresberichten der Handelskammern vollauf bestätigt. So spricht der Bericht der Handelskammer in Bremen so­gar von einem Aufschwung der Zigarrenindustrie^ der sich in der allmählichen Besserung des Geschäfts gezeigt habe. In den geschäftlich stets lebhafteren Herbstmonaten sei der Geschäftsgang sogar flott zu nennen gewesen.

Wenn, im Durchschnitt betrachtet, die Besserung der Geschäftslage im Jahre 1903 auch nur gering ivar, so fehlten doch die langandauernden Arbeiisstockitngeii, die sich m den Jahren 1901 und 1902 auf dem Arbeitsmarkt so ungemein nachteilig bemerkbar gemacht haben. Ain besten konnte man die allniähliche Besserung m den ländlichen Bezirken beob­achten, wo die Kal,straft ganzer Orte oft eng nut der Gunst oder Ungunst im Zigairengewerbe zusammenqängt. Als die Krise hcreinbrach, iviirben nicht nur zahlreiche Arbeitskräfte in einen anderen Beruf gedrängt, auch Die zurückbleibenden hatten oft wochenlang wenig zu tun. Fast bi» zum August oes Jahres 1903 war die ^irbeitsgelegenheit verringert; dann aber näherte sich der Geschäftsgang wieder einem normalen Tempo, ja er steigerte sich vor Weihnachten m manchen Be­zirken noch erheblich darüber hinaus. Und wenn tuidj gegen­wärtig der Geschäftsgang wieder ettva» nachgelassen Hai, so fehlt es doch durchaus nicht an Arbeiisgetegenljeit, da die Arbeitgeber in Erwartuiig steigenden Verbrauches auf Lager arbeiten lassen, die heute viel geringer sind, als vor Jahresfrist.

yhiiil uni) £üilö.

Gießen, 14. Januar 1904.

" Ein Zigeunerkonzert. Tas war ein Drängen und Schieben un Reuen Saalbau gestern abend, tvie wir es kaum einmal dort gesehen haben. Ilm 8 Uhr sollte die ,zweite Gießener Bunibasgesellfchait" ihr Wohltäiigleitstonzert be­ginnen, aber schon viel früher waren beide Säle dicht besetzt. Aber immer neue Menschenströme wälzten sich noch hinein, jedes Plätzchen auSfüllend und jeden Stuhl, der sich noch im ganzen Haiise auftreiben ließ, besetzend. Die studentischen Korporationen nahinen viel lange Tische in Anspruch, das Oftizierkorps war auch sehr zahlreich vertreten, r.nb bie Damen­welt hatte sehr erwartungsvoll sich emgefunben, um bas Zigeuncrspiel, bas man mit einem poetischen, abenteuerlichen Schimmer umwoben sich bentt, an-nhören, nicht zum wenigsten aber aiich, um ber guten Sache zu bienen, bie sich ber armen Schulkinber annimmt und rote Backen imb leuchienbe Kinberat.gen sehen will. Beengeub und brürfenb ist ber Menschentrubcl, ber uns umgiebt, aber wie wir auf bic Buhne sehen, empfmben wir bas gar nicht mehr. Wir haben uns mit ben phantastisch gct'lcibeteu Gestalten da vorn unter schattigen Bäumen niedergelassen, vom frischen Grün ber Sträucher umrauscht, unb Berg und Wald treten zu uns heran. Ta umtönen uns bic Klänge ber Zigeunertteder; mir möchten ben fremden, wilden Leuten folgen auf der Landstraße, durch Berg und Tal immerfort. Und bic junge Zigeunerin, die mit dem Teller sammelt unb bas verschlossene Geheimnis ber Wahrsagung zu verkaufen scheint, plötzlich steht sie vor mir. Ein von ber Sonne gebräuntes Gesicht, von dichtem, schwarzem Haanvuchs umrahmt, aber doch mädchenhaft schön. Ta ertönt ihre sonore Stimme; ich sehe ihr in die Augen unb bemerke an ihrer Stirn eine leirfjte Narbe, wie von einem Hieb . . . Die änderen Zigcnner- frauen, die ich noch unchergehen sehe, haben bic bei einem Weibe garstige Gewohnheit bes Rauchens unb einen festen, derben Schritt, sinb sonst aber anmutig unb noch ucrliebcn»* wert. Da, nun beginnt bie Musik mit einem schneidigen, sprühenden Marsch. Der birigicrenbe, schwarze Zigeuner mit bcin grünen, spitzen Hut schwingt ben Fibelbogcn als Takt­stock unb scheint bie Welt um sich zu vergessen. Dann breht er sich um, legt bic Geige an unb streicht mit ben anberen bic tnnjcnbm, feurigen Töne. Die zweite Melobie ist ein Lieb ohne Worte, Du mein Girl", sanft unb geschrneibig. Unb alles streicht, geigt, pfeift unb musiziert genau im Takt, jeher zielt unb trifft und tönt, kein Laut geht verloren ober fällt bnneben. Des Zigeuners Janos Geigensolo würbe von rauschenbem Beifall begleitet, unb der Kellermeister Wuchtig sang, einen Becher Weines schwingend, mit kräftiger, wohllautender Baritonsiimme prächtige Lieder. Der Zigeuner Börosuiarty spielte auf seiner Geige mit großem Gefühl richtige Zigcimcr- weisen, wofür er stürmischen Beifall erntete. Da gab es vorn auf der Bühne eine Bewegung, und e& stellte sich ein Quartett auf, bestehend au§ den Zigeunern Janos, Ezuczor, Kereny unb Bayza, bic in wirklich künstlerischer Weise bic Ouvertüre zu Orpheus in der Unterwelt zu Gehör brachten. Eine luftige Abwechselung brachte berAettclbuc", ber sehr beioegt von guten unb schlechten Speisezetteln erzählte. Ein madiger Bumbaßmarjch von der ganzen Kapelle schloß ben zweiten Teil bes Programms, bas damit aber noch nicht beendet war. Em bqonbereS Interesse beanspruchte bei diesem