Die Abg. Weidner, Schmalbach und Köhler beantragen, die Kammer wolle beschließen, die Regierung zu ersuchen, demnächst dem gegenwärtigen Landtag eine Vorlage zu unterbreiten, welche eine Revision der allgemeinen Bauordnung bezwecke.
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* München, 11. Juni. Im Finanzausschuß der Abgeordnetenkammer regte der Zentrumsabg. Obcrlandesgcrichtsrat Lcrno beim Etat der „Walhalla" an, es sollten die Büsten Tillys und Rückerts in die Walhalla ausgenommen werden. Der liberale Korreferent Bürgermeister Dr. Cassel- manu erklärte sich mit der Aufnahme Rückerts, ebenso mit der vom Landwirtschaftsrat angeregten Aufnahme des Chemikers Liebig einverstanden, erklärte aber die Aufnahme Tillys nicht als dringlich. Darüber kam es zu einer polemischen Auseinandersetzung, in welcher der Zentrumsabg. Dr. Pichler den Ton des Abg. Dr. Casselmann kritisierte, was sich letzterer verbat. Der Kultusminister erklärte, er werde die Anregungen prüfen. — Der Wirtschaftsausschuß der Abgeordnetenkammer hat die Anträge der sozialdemokratischen Fraktion über den Arbeiterausschuß in den gewerblichen Staatsbetrieben abgelehnt und den klerikalen Antrag angenommen, die Staatsregierung möge die Dauer der Arbeitszeit und die Löhne prüfen und, wenn nötig, Besserungen herbeiführen.
Aer Ausstand in Aeutsch-SüdwestasriLa.
Mit bedächtiger Langsamkeit, aber unter Wahrung aller nur denkbaren Sicherheitsmaßnahmen läßt Oberst Leutwein seine Hauptabteilung nach Norden vorgehen. Wie bei der Stärke dieses Detachements nicht anders zu erwarten war, wird es nicht als einheitlicher Truppenkörper im ganzen vorgetrieben, sondern kompagnieweise nach und nach in Marsch gesetzt. Eine Vorbedingung für das Gelingen des jetzigen Vorstoßes, die Bereinigung der Nordabteilung mit der Besatzung in Grootfontein, ist schon jetzt erfüllt, was für den Fortgang der Operationen hoffenllich von guter Vorbedeutung ist.
Die vorgesandte Witboi-Abteilung klärt die Linie Osire— Okahitua auf, erkundet für die vorgehende Hauptabteilung die geeigneten Wasserstellen und nimmt die Verbindung mit oem Detachement Estorfs auf. Die Kompagnie Brentano wurde am 10. d. M. nach Okatumba vorgeschickt, von wo am Morgen die Kompagnie Puder nach Otjikuoko vorrückte, um die Weiterlegung des Feldtelegraphen zu decken und Wasserstellen für die Hauptabteilung herzurichten. Oberst Leut wein wollte am 11. d. M. bereits mti dieser nach Okatumba abmarschieren. Er meldet: Die Nordabteilung v. Zuelow erreichte am 29. Mai Otawi und klärt auf Otjenga auf. Coblenzist von Volkmann wegen Wassermangels und Krankheit aufgegcben. Omurambo und Am ata to werden durch Spione beobachtet. Häuptling Nechale soll den Posten Namutoui zerstört und den Herero viel Munition verkauft haben. Die 9. Kompagnie ist noch unberitten in Okahandja. Sie soll den Verpflegungsnachschub decken.
Die Nordabteilung unter Oberleutnant v. Zülow besteht aus der 8. Kompagnie (Fahr. v. Reibnitz), der Halbbatterie des Oberleutnants v. Madai und zwei Maschinengewehren unter Oberleutnant zur See Wossidlo. Sie war etwa Mitte Mai von Karibik aufgebrochen und am 23. in Outje eingetroffen.
Ein größerer Transport von im Kampfe gegen die Hereros verwundeter deutscher Soldaten ist am 4. Juni von Swakopmund nach Hamburg abgegangen.
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Kurz nach der Ernennung des Generalleutnants von Trotha zum Generalissimus gegen die Hereros stand im ,^Lokalanz." eine gar seltsame Kabelmeldung aus Südwestafrika. Danach habe Gouverneur Leutwein erklärt, daß er sein Amt niederlegen werde, wenn Trotha ein- tresse, und daß man dann einen Aufstand aller Schwarzen fürchte. Der vorwärts" warf die Frage auf: Wie kommt das Telegramm in den „Lokal-Anzeiger"? Er behauptete, das könne nur mit Wissen und Wunsch des Auswärtigen Anrts geschehen sein. Die „Nordd. Allg. Ztg." brachte sofort ein Dementi. In der Wilhelmstraße habe man von dem Telegramm erst aus dem „Lokal-Anzeiger" erfahren. Darauf schrieb nun Harden in seiner neuesten „Z u - ku n f t", daß jenes „Dementi" der „Nordd. Allg. Ztg." „mindestens objektiv unwahr gewesen sei.
„Denn der Bericht war vorher in der Wilhelmstraße gelesen worden; Herr Dannhauer hat in Windhuk sogar gesagt, er habe dafür gesorgt, daß seine Depesche zuerst „im Am?" gelesen werde. Und sie wurde nicht etwa von einem Geheimrat gelesen, sondern vom Kanzler selbst, bevor sie gedruckt wurde. Von dem Kanzler, der 24 Stunden vorher im Reichstag Trothas Ernennung für nötig erklärt hatte und nun die Veröffentlichung eines Berichtes erlaubte, dessen Zweck nur sein konnte, Trothas Entsendung zu hindern; eines Berichtes, der die Ausführung des vom Kaiser gefaßten Entschlusses „eine eminente Gefahr für ganz Deütsch--Südwestafrika" nannte. Daß öfsiziöse Angaben manchmal falsch sind, falsch sein müssen, ist nur den Naivsten neu; kluge Leute sorgen aber dafür, daß die Unwahrheit ihrer Angaben nicht öffentlich festgestellt werden kann. Und aus die politischen Zustände, in denen wir leben, füllt ein unfreundliches grelles Licht, wenn wir, nach der schroffen Ableugnung, erfahren, daß der Reichskanzler sich einer Zeitung — der einzigen, die, wie uns erzählt ward, der Kaiser täglich, nicht nur in zugerichteter Form, sondern in ihrer urwüchsigen Schönheit sieht — bedient, um einen kaiserlichen Entschluß, den er im Kronrat nicht zu hindern vermochte, durch das Telegramm eines Berichterstatters zu bekämpfen, den er öffentlich noch am selben Tage barsch für falsch unterrichtet erklären läßt."
Die „Nordd. Allgem. Ztg." schreibt dazu: In der Presse taucht abermals die Behauptung auf, daß die Depesche des Zeitungsberichterstatters Dannhauer, in der aus Windhuk unterm 8. Mai der angebliche Entschluß Leutweins, nach Deutschland zu rück zu kehren , als Folge der Entsendung Trothas gemeldet wird, nicht ohne vorherige Kenntnis des Reichskanzlers veröffentlicht wurde. Sie sei vorher in der Wilhelmstraße gelesen worden, nicht etwa von einem Geheimrat, sondern vom Reichskanzler selbst, ehe sie gedruckt worden sei. Wir stellen nochmals fest, daß der Reichskanzler von jener Depesche und ihrem Inhalte vor ihrer Veröffentlichung keinerlei Kenntnis gehabt hat.
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Berlin, 11. Juni. Eine aus Deutsch-Südwestafrika eingetroffene Abordnung von fünf deutschen Farmern hatte zu heute abend eine Anzahl Parlamentarier und Vertreter der Presse eingeladen, um denselben Aufklärungen über die Lage zu geben. Sie erklären, daß
die Schuld an den Auf ständen nicht die Händler treffe, sondern die Regierung. Den Gesamtschaden durch den Aufstand beziffern die Ansiedler auf 6 bis 7Millionen. Etwa 10 0 An w e s e n seien t o t a l vernichtet. Der Charakter des ganzen Aufstandes sei nicht persönlichen, sondern nationalen Hasses. Man habe sehr beliebte Farmer ermordet, nur weil sie Deutsche gewesen, und sehr verhaßte geschont, die Buren und Engländer seien. Die Herero seien meist besser bewaffnet als die deutschen Ansiedler. Die Waffen seien ihnen von der Grenze der portugiesischen Kolonie her zugegangen.
Kolonialpost.
Berlin, 10. Juni. Rach zuverlässiger Mitteilung ist die Sendung des „Bussard" nach Deutsch-Ostafrika eine längst angcordnete Dislokation und nicht auf Unruhen zurückzuführen.
Honolulu, 10. Juni. Der deutsche Dampfer „Prinz Sigismund" meldet, daß 500 Eingeborene in Kanoes die Käffeepflanzung von Waklen auf der DufourJnsel überfielen, den Leiter der Plantage, namens Reimers, töteten, die Gebäude niederbrannten und dann weiterzogen, um andere Inseln zu plündern. Die Mehrzahl der Teilnehmer an dem Raubzug kam jedoch durch den Untergang der Kanoes in einem Sturm ums Leben.
Atts Atuöl und Land.
Gießen, den 13. Juni 1904.
** Personalien. S. K. H. der Großherzog haben der Gemeindehebamme Anna Marie Schütz, geb. Möller zu Götzen, im Kreise Schotten, die Silberne Medaille des Ludewigs-Ordens mit der Inschrift „Für fünfzigjährige treue Dienste" verliehen.
** Professor Robert Koch, der berühmte Bakteriologe, weilt z. Zt. in Bad Ems. Er verweilte auf der Rückreise von Südafrika, wo er über Jahr und Tag Studien zur Bekämpfung der Rindertuberkulose getrieben hat, einige Zeit in Rom, uin einen unvermittelten Uebergang nach dem heimatlichen Norden zu vermeiden. Der Forscher hat die Nachwirkungen einer Erkältung vollkommen überstanden und wird Ende dieser Woche — nach anderthalbjährigem Fernsein — an seine alte Wirkungsstätte Berlin zurückkehren. Sein Weg wird ihn über Höchst, Frankfurt a. M. und unser Gießen, wo er vielleicht einige Tage zum Besuche befreundeter Kollegen zubringen wird, nach der Reichshauptstadt führen. Ein besonderes Mißgeschick traf den Gelehrten übrigens dadurch, daß das Schiff, auf dem er Neapel verlassen hatte, bei der Weiterfahrt strandete und das Gepäck des Forschers durch das Seewasser litt. Hoffentlich sind die wertvollen wissenschaftlichen Sammlungen, die Geheimrat Koch als Ausbelite seiner großen Forschungsreise mitgebracht hat, vor dem Verderben gerettet worden.
** Bismarckfeier in Darmstadt. Die Darmstädter Studentenschaft wird am 21. Juni den Grundstein zu ihrer Bismarcksäule legen. Durch Sammlungen unter den Studierenden und Hospitanten der Technischen Hochschule zu Darmstadt, sowie durch die Reinerträgniffe mehrerer Bismarckfeste, ist der Fond so weit gewachsen, daß an den Bau der Säule gedacht werden kann. Diese wird sich auf dem Dommersberg, einem steil abfallenden Hügel südlich von Darmstadt erheben; der Platz ist von Haltestelle Böllenfalltor der elektrischen Bahn in etwa 8 Minuten bequem zu erreichen. Nach Errichtung der Säule wird sich dem Besucher ein prachtvoller Blick über den Odenwald und die Rheinebene bis zum Dommersberg und Feldberg im Taunus bieten. Es kamen nach dem Abbrennen des Probefeuers auf einem Holzturme von vielen Orten aus der Gegend von Frankfurt, dem Odenwald und von jenseits des Rheins Nachrichten, das Feuer sei deutlich gesehen worden. Die Studentenschaft wird die Grundsteinlegung mit einer Reihe von Festlichkeiten verbinden. Am Vorabend des Sonnenwendtages, am Montag, den 20. Juni, findet ein Fackelzug nebst einem sich anschließenden Kommers der gesamten Studentenschaft statt unter der Leitung des Vorsitzenden des Bismarckausschusses, cand. ing. Steinbrecher (Verein Deutscher Stlldenten). Am 21. Juni vormittags veranstalten die Chargierten sämtlicher Korporationen eine festliche Auffahrt durch die Straßen der Stadt, um sich dann zum Dommersberg zu begeben, wo um ll/*2 Uhr die feierliche Grundsteinlegung stattsindet. Infolge des beschränkten Platzes kann die Feier nur in einem engen Rahmen stattfinden. Mittags um 4 Uhr beginnt dann das große Waldfest am Oberwaldhaus. Dort wird der Besucher einen großen Jahrmarkt vorfinden, deffen Buden von den einzelnen Korporationen errichtet sind. Karussells, Schießbuden, Hippodrom, Gondelfahrten auf dem Steinbrücker Teich, Bier-, Wein- und Sektbuden, Schwarzwaldhaus und Sennhütte, Zigeunerlager, Tanzzelte, kurz alles ist da, was zu einem richtigen Jahrmarkt gehört. Da auf große Beteiligung gerechnet wird, sind die Eintrittspreise zu den Buden auf das geringste beschränkt. Das Fest wiederholt sich am Mittwoch, den 22. Juni; hoffentlich gestaltet es sich zu einem Fest der gesamten Bevölkerung.
** Ein Schinken wettbewerb. Ein Preiswettbewerb um die Herstellung bester deutscher Schinken wird von der „Allg. Fleischer-Ztg." in Berlin für die deutschen Schweine- mäster, Fleischerineister und Fleischwarenfabrikanten, veranstaltet. Landwirtschaftsminister v. Podbielski hat die Be- timmungen über die Ausführung des Schinkenwettbewerbs genehmigt und je vier silberne und bronzene Staats- Medaillen als Preise gestiftet. Nach der Entscheidung werden die Schinken in einer im „Hotel Kaiserhof" zu Berlin zu erichtenden Kosthalle für das Publikum ausgeschnitten, das dadurch Gelegenheit erhallen soll, selbst die Schinken zu prüfen und auf ihren Wert zu vergleichen.
Bad-Nauheim, 12. Juni. Folgende Unterhaltungen finden in dieser Woche statt: Dienstag den 14. Juni, nachmittags und abends auf der Terrasse Konzert der Kurkapelle. Abends gegen 10 Uhr Feuerwerk auf der Terraffe und Parkbeleuchtung. Mittwoch den 15. Juni, nachmittags und abends auf der Terrasse Konzert der Kurkapelle. Abends 8 Uhr Theatervorstellung: „Madame Bonivard." Donnerstag nachmittag auf der Terraffe Konzert der Kapelle des Dragoner-Regiments Nr. 21 aus Bruchsal. Abends Konzert der Kurkapelle oder der Kapelle
des Trag.-Regiments Nr. 21. Bei gutem Wetter von 7f/x bis 10 Ühr Konzert der Kapelle des Drag.-Regts. Nr. 21 auf der Teichinsel. Von 8 Uhr abends ab Lampionsbeleuchtung der Teichhausterraffe. Abends von 8—10 Uhr im Kurhaussaale Tanz. Freitag nachmittags und abends auf der Terrasse Konzert der Kurkapelle. Abends 8 Uhr Theatervorstellung unter Mitwirkung der Kurkapelle: „Der Zigeuncrbaron." Samstag nachmittags und abends auf der Terrasse Konzert der Kurkapelle. Abends 8 Uhr Theatervorstellung: „Komtesse Guckerl." Sonntag den 19. Juni: Konzert der italienischen „Banda Municipale di Pratola Preligna". Abends von 8—9*/, Uhr im Saale Symphonie konzert der Kurkapelle.
§ Betzenrod bei Schotten, 11. Juni. Der 12jährige Hütebube namens Göttert warf auf der Weide mit einem sogen. „Weidkn üpp el" nach dem Vieh und traf unglücklicherweise einen anderen Knaben am Kopfe derart, daß der Getroffene tot zu Boden stürzte. Als Leiche brachte man den hoffnungsvollen Sohn einer geachteten Familie nach Hause. Zu wünschen wäre, daß derartige Knüppel beim Viehhüten im Vogelsberge, durch die die Tiere sehr zu leiden haben, polizeilich verboten würden.
G-. Nieder-Mockstadt, 10. Juni. Vor einigen Tagen kam es in dec Wirtschaft von G. Culmann zu einer Schlägerei. Hierbei wurden der Bürgermeister Kaufmann sowie der Nachtwächter, die zur Schlichtung einschritten, mit dicken Prügeln erheblich verletzt. Die Täter, zwei Brüder Otto und Karl Meub, wurden verhaftet.
[ J Homberg a. Ohm, 12. Juni. Ein älterer Mann namens Greb aus Höingen geriet bei Nieder-Ofleiden in die Ohm und ertrank. Gestern wurde die Leiche des Mannes, der den Weg zum Bahnhof verfehlt und in die Ohmwiesen geraten war, gefunden.
Waschen und Baden
große Erfrischung, aber zu wahrem Genuß wird dies erst ) den gleichzeitigen Gebrauch der seit vielen Jahren beivah Milde und Feinheit unerreichten und für die ' Schönheitspflege unentbehrlichen Vl’i’hOlilboCnt** Myrrholin-Glyeerin Tube 50Pig., 1 ? 1 beiDlitirt
bester Hautcreme, nicht fettend: Myrrholm-Puder -l. 1
bei Schwetßbildung.
Hauptversammlung des Zrereinsvezirks Kietzen des Kveryesstschen Kbstöauvereins.
Gießen, 13. Juni.
Am Samstag nachmittag 3 Uhr fand die Versammlung im hiesigen Lenz'schen Felsenkeller statt. Das Kceisamt war vertreten durch Kreisamtmann Hechler. Professor Reiche l t - Friedberg begrüßte die Versammelten und widmete dem früheren Bezirksvorsitzenden, Regierungsrat Dr. Heinrichs, der nach Mainz versetzt wurde, einen warmen Nachruf. Er hob dessen Verdienste um die Hebung des Obstbaues im Kreise Gießen und seine Mitwirkung an den Vestrebungen des Oberhessischen Obstbauvereins hervor. Gleichzeitig forderte, er Ine Versammlung auf, nunmehr den Kreisamtmann Hechler zum Bezirksvorsitzennden zu wählen. Dies geschah denn auch durch Akklamation. Der Gewählte dankte für das Vertrauen und versprach, nach besten Kräften für Gedeihen und die Weiterentwicklung des Obstbaues im Kreise Gießen einzutreten. Die Bürgermeister der Gemeinden forderte er zu tatkräftiger Unterstützung auf und weist besonders auf die Stadt Lich hin, die nach fachkundigem Urteil im Obstbau mustergiltiges geleistet habe. Wünsche um Vorträge über Obstbau sollen jederzeit berücksichtigt werden.
Professor Reich elt ergriff hierauf das Wort zu dem Vortrage: „Die Bekämpfung der Obstbaumschädlinge". Die Feinde des Obstbaues sind in erster Linie die schädlichen Insekten, Frosmachtspanner, gebuchteter Prachtkäfer, der Apfelblütstecher, Apfelwickler, die Blutläuse, Blattläuse, Schildläufe, ferner die Misteln und die Wühl- oder Schärrmäuse. Ern großer Schädling der jungen Birnbäume ist der gebuchtete Prachtkäfer, dessen Larve — ähnlich der des Weidenbohrers — unter der Rinde ihre gewundenen Gänge gräbt. Das Vertilgen der Blutläuse mulß energischer betrieben werden, ebenso das der Mistel. Gegen die Wühlmäuse, die besonders in der Gegend von Langsdorf austreten, schützt am besten eine fleißige Bodenbearbeitung. Auch empfiehlt es sich, auf das Fangen der Wühlmäuse eine Geldprämie zu setzen, dagegen den Maulwurf mehr zu fchonen, da er ein großer Feind der Wühlmaus ist. Am besten schützt man sich gegen die schädlichen Insekten durch das Anlegen von Kleb- und Fanggürteln, durch das Abkratzen und Kalken der Stämme und in erster Linie durch den Schutz unserer Vögel. Sperlinge, Stare, Amseln, leben den größten Teil des Jahres von Insekten, und zwar besonders im Frühling. Sehr nützliche Insektenfresser sind ferner die Meisen, Rotschwänzchen, Fliegenschnäpper, Schwalben u. a. Den Vögeln sollte der größte Schutz gewährt und ihnen — besonders den zuletzt genannten — günstige Nistgelegenheiten geboten werden durch Aushängen von Nistkästen. Die besten find die Berlepp- schen Nistkästen. Vom Oberhessischen Obstbauverein sollen in Zukunft auch solche Mstkästen bei Versammlungen zur Verlosung kommen.
Der Vorsitzende dankte dem Referenten für seinen überaus lehrreichen Vortrag. Bei der nun folgenden Besprechung wurde allerseits das massenhafte Vorkommen der Blatt- und Schildläuse in diesem Frühjahr konstatiert. Man bringt dies mit dem gelinden Frühlingswetter und den warmen Nachtregen in Verbindung, die der Entwicklung dieses Ungeziefers sehr förderlich waren.
Professor Reichelt referierte dann über „Die Obst- ausstellungen des Oberhessischen Obstbau- vereins im Jahre 1904." Er spricht zuerst über den Zweck der Ausstellungen, die einerseits einen erzieherischen, vorbildlichen Wert haben sollen, dann aber auch das oberhessische Obst auf dem Markt empfehlen sollen. Die seitherigen Ausstellungen hatten die besten Erfolge, Lberhesien hat bei allen Ausstellungen gut abgeschnitten, und sein Obst wird im In- und Auslände gern gekauft. Tie Obst- verwertungsstelle in Friedberg ist alljährlich kaum zur Hälfte im stände, allen Nachfragen zu genügen. Ter Vortragende forderte deshalb zu allgemeiner Beschickung de^ diesjährigen Ausstellungen auf. Etwa am 27. September ist eine Ausstellung in Friedberg, welche gleichsam euu Vormusterung zu der großen internationalen Obstausste - ung in Düsseldorf ist, die vom 8. bis 16. Oktober sta findet. Nachdem der Vorsitzende ebenfalls zur Betelttgu g an den Ausstellungen ausgeforderr halte, schloß er die ammlung.


