Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu Unwersttätsdruckerei. R. Lange, Dleßen.
Redaktion, Expedition ».Druckerei: Schulstr. A.
Del. Nr. 6L relegr.-Adr. j Anzeiger Greßen.
Mr. 86 Zweites Blatt. 154. Jahrgang Mittwoch 13. April 1904
«ichSnttSgNch mit Ausnahme des Sonntags. fiP ? X A/k
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* W tze Landwirt" erscheint monatlich einmal. ” 8» * ” “Hv ffl ▼ v
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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veulige Kummer umfaßt 10 Seiten,
5>1;k ?lfßnberung von Sens durch die Helfen im Ziiyre 1870 in französtscher Beleuchtung.
Sin in Sens in Garnison stehender Offizier, Leutnant ®l j Beitet vom 89. Inf.-Regt., der eS sich zur Atlfqabe ge- macLllM, die Wahrheit zu ergründen, veröffentlicht einen An'^h .in den Nr. 6 und 7 der in Paris erscheinenden k, '^" Zeitschrift „Revue du cercle miHtaire" von 1904. WiÄtl-!'fen in der nachfolgenden wortgetreuen Uebersetzung deran^r'lasser möglichst selbst reden:
„ßmu Lily Braun, Tochter deS Generals v. Kretfch- mann, ließ in Leipzig die Briefe veröffentlichen, die der r c Mal in 1870/71, damals Major im Generalsbab der Etntire, an ihre Mutter geschrieben hat. In diesen Br Mr sind die Deutschen zuchtloser Taten angeklagt, na -nraill:cf) die Hessen Sens geplündert zu haben, auch ’■"> tiibne Veröffentlichung eine große Erregung in Deutsch- larnni l^rvorgerufen und zu entrüsteten Entgegnungen ber.'^lägd-fordert.
!iis der Untersuchung durch Herrn Generalmajor Keim, "ileul licht in Nr. 144 deS Militär-Wochenblattes von 19< f' ergab sich, daß SenS vom 12. auf den 13. November 11 TO nur durch eine einzige Kompagnie deS 1. hessischen J Wibcr, aillonS und zwei ESkadronS deS 12. Ulanen-Regi- r w? beseht war, und d.iß dieses Detachement eine mustcr- l>af:ii! Tuifsthrung eingehalten habe. Irgend eine andere lies jMe: Truppe hätte Sens nicht berührt und die Briefe beeiiltkmola v. Kretschmann enthielten nur verleumderische Wnlfst'iildigungen.
Da I ich in dieser Stadt in Garnison bin, habe ich ge- 5ar@i! d:aß eS sich gezieme, diese Tatsachen aufzuklären. !1 bi Mm nun die Stadtarchive, diejenigen der Unter* bräii|iht, die Broschüren und Zeitungen jener Zeit zu Rate gcz sirin imd zahlreiche Augenzeugen gehört; kuiTz, wir haben niiÄmit allen möglichen SicherheitSmaßregeln umgeben, indhtn ivir alles das unberücksichtigt ließen, was nicht ton- *o Hin! irocrbert konnte.
illle unsere Aussagen sind auf authentische Schriftstücke gegMnd^t, unsere einzige Sorge war, die Wahrheit zu i; milelT,, und wir sind sicher, reinem Mderspruch zu be- egynn, i insbesondere unter den Offizieren der deutschen -1 M, liercn Namen wir in dieser Arbeit anführen.
Ar kiiverden nacheinander erörtern die Anschuldigungen S 1 ?cnr?rals v. Kretschmann, die Zusammensetzung der n *..!joen, die Sens vom 11. zum 16. November 1870 besetzt atlDim inib, nachdem wir die Handlungen, die den Hessen ornrieiroifllen werden, untersucht haben, werden wir zum bü.i d/e Abschrift einiger Aktenstücke beifüaen. Mr be- ee5 als eine Pflicht, unseren Dank dem Bürger- mei:kn i-er Stadt SenS, der Gemeindeverwaltung und lelm bmjenigen unserer Mitbürger auszusprechen, die u nsirn-^cichsorschungen durch die Einsicht in ihre Archive und ltcL> Meichtert haben."
Die Aofchllldiguvgen.
Hefen Abschnitt, eine wörtliche Uebersetzung der in d«*n? Mrn Brrefen v. Kretschmanns enthaltenen Beschul- > gi Jrgm. dürfen wir wohl als bekannt überschlagen.
IrckBr lber Zeit der berichteten Tatsachen und der Truppen wahrend der Besetzung von EenS.
. ?er Beratungsbeschluß des Gemeinderats von Sens . cmi '-i. sliovember 1870 ruft die „Hauptumstände deS feind* L )e,ii:EiWfallS der preußischen Armee in die (Stabt" zurück. 7 ief iet geeschluß vom Abend des 14. November, unter- schriÄün von 22 Gemeinderäten, ist unter dem Eindruck brr 2!.^7 blicklichen EreigTnsse geschrieben. Er hebt hervor: „3a den 12. November 1870, um 11 Uhr vormittags, sind ° : rr zu Fuß und Ulanen angekommen, um die Stadt zu Ir? cn." Nach den Akten im Archiv (Rechnung des £ otenH ft l'Ecu, Requisitionen von Wagen und anderem, C feiiicnl! ic.) bestanden diese Truppen im ganzen aus: Jf P-.rien, 1 Kompaanie des 1. hessischen JSaerbataillons d -iümn Detachement Ulanen. Es konnten daher an diesem I igMricht 2 EskadronS Manen hier sein.*)
Einwohner haben sie nur loben können, ihre Offi- > re ? :5lie höflich, wenig ansvruchSvoll und von dem Wun dicherrscht, die schweren Lasten zu vermindern, die : Z tragen solle", schreibt Herr Dauphins über diesen , cge-vilÄid unter dem Datum des 13. November und fügt liinzrnu Serben wir immer ebenso gut behandelt werden?" 1 AL einem int Archiv befindlichen Gutschein über g« erließ dieses Detachetnent Sens am 13. vormittags, um i:LL BiNe St. Jaque am 13. zu gehen" rc.
, „p Ivffiziere, die diesem Detachement angehörten, sind i:':.chmigen, welche dem General Keim geschrieben und mit gegen die verleumderischen Beschuldigungen, deren '^ge-«:itb sie waren, protestiert haben.
< L^i obiger Gemeinderatsbeschluß, sowie zahlreiche Älter berichten über die Ankunft eines neuen Detache- ment'Vmn Sonntag, den 13. November, zwischen 12 und 1 Nh den Empfangsscheinen der Requisitionen, den Äechrmwem des Hotels de l'Ecu und de Paris, dem Journal Le S:4tmmiS, dem Ratsbeschluß vom 14., den Zeugnissen her l Muroohner, waren die neuen Truppen 23 Offiziere, 1244 3:m stark und bestanden auS: der 4. und 5. Eskadron des 1 D:>2burgischen Dragoner-Regiments Nr. 6, 2 Kom- pagn-n.tr t>6!8 Lauenburgischen JägerbataillonS Nr. 9, 1 Batterie i Werte und 2 Eskadrons Ulanen. Diese Truppen biL eiiTtrei-it gemischtes Detachement, sehr wahrscheinlich be- auftr MÄlequisitionen für die General-Etappen-Ynspektion öcr 2i.\iraee zu machen, und wir glauben, daß Herr Keim sehr it li che Aufschlüsse über diesen Gegenstand in den Mars rip und Operations-Jourttalen dieser Armee finden wird.
(?S3 fol gen nun die Namen eines Teiles dieser 23 Offiziere, ' h i ans aber weiter nicht interessieren. „Dieses De- tacher.»:! hat sich tn Sens vom 13. November 1870 kurz
* iJF- lag in der Tat mir 1 Eskadron Ulanen hier, die ti Ä.rt .< war nach Cory detachiert. (Anm. des Ueber- [ejitr&U)
Volilische Tatresscharl.
Aus dem Reichstage.
Unser Berliner parlamentarischer Mitarbeiter schreibt unterm 12. April:
Präsident Graf Balle st rem scheint keine besonderen Erwartungen hinsichtlich des Arbeitseifers der Volksvertreter zu hegen. Er verzichtete wenigstens darauf, seinem Willkommensgruß an die sich wieder um ihn versammelnden Gesetzgeber eine entsprechende Bemerkung anzufügen. Graf Bülow, der pünktlich zur Stelle war, lächelte diskret. Seine Erwartringen sind offenbar nicht größer, als die des Präsidenten. Heute mochte es mit der Besetzung des Hauses noch angehen. Der Reiz der Neuheit und die Bedeutung der Tagesordnung — sie enthielt neben der weniger belangreichen Novelle zum Münzaesetz den Etat des Reichskanzlers — machten sich geltend. Das zeigte sich auch an dem Besuch der Logen und Tribünen, die der Journalisten eingeschlossen, auf der die ftorreftronbenten der großen Londoner Blätter wieder einmal sichtbar wurden, angelockt durch die in Aussicht stehende Debatte über auswärtige Politik.
nach zwölf Uhr mittags bis den 14. November morgens aufgehalten. Der Prinz sfriedrich Karl ist mit 8000 Mann am 15. November um 2 uhr nachmittags eingezogen: Sens war also vom Morgen des 14. bis zum 15. um 2 Uhr nachmittags nicht besetzt; es ist also wohl baS Detachement Von j244 Mann, welches in den Briefen des Generals v. Kretschmarm in Frage kommt, unb nach Prüfung der Dokumente muß ihm die Plünderung der Kaufläden, von denen wir eine Liste folgen lassen, zugeschrieben werden."
Plüvderung von SenS
lautet der fotgenbe Abschnitt, von dem wir nur kurz mitteilen wollen, baß zunächst der Verfasser die Unterscheidungsmerkmale zwischen Requisition und Plünderung aufstellt und alles bas zur Plünderung zählt, worüber keine Requisitionsscheine ausgestellt wurden.
Sodann folgt:
„Der Gememderatsbeschluß von Sens vom 14. November 1870 ruft alle die Wechselfälle deS Tages vom 13. November, alle unordnungSmäßigen und unausführbaren Requisitionen, die gemacht wurden, in Erinnerung unb berichtet, daß ein Teil der Bevölkerung erbittert war über die Gewalttätigkeit, mit der ihnen in dieser Stadt von den letzten deutschen Truppen, die sie passiert haben, entgegengetreten worden war." Es folgt nun eine Liste von 13 Geschäften, aus welchen Waren im Werte von 8906 Fr. 10 Cent, ohne Requisitionsscheine entnommen worden waren. Der Verfasser sucht nun den Irrtum des Major v. Kretschmann über die Nationalität der Truppen in seinem 1. Brief von Theil, Nr. 97, zu erklären, indem er durch vom Markte in SenS zuimckkehrende Landleute irrig berichtet worden sei, da man auch in Sens die nachfolgenden 9. Jäger ebenfalls allgemein für Hessen gehalten habe, und dieser Irrtum zum Teil bis heutigen Tages noch bestehe.
Es folgt nun das Verzeichnis der der Stadt und b.'ten Bewohner am 13. November 1870 auferlegten Requisitionen in 14 Nummern im Betrage von 55 987.25 Fr., einschließlich der Kriegskontribution von 7600 Fr.
In dem folgenden Abschnitt: Diebstahl eines Pferdes stellt sich heraus, daß das Pferd eines Einwohners bei der Rückkehr ins Hotel de l'Ecu von Mannschaften ab- penommen, auf Beschwerde bei den Offizieren jedoch sogleich ihm zurückgegeben, Sattel und Zaum dagegen von einem Offizier requiriert wurden, und diese Gegenstände sind auch in der Liste der Requisition im Stadtarchiv eingetragen. Mso hie v. Kretschmannschen Angaben von zwei Offizieren, die sich in Pferd und Sattel geteilt, sind unwahr.
Ebenso verhält cS sich mit der Ermordung eines Wirtes. Der Verfasier schreibt darüber wörtlich: »Wir können bestätigen, baß am 12., 18. unb 14. November 1870 in Sens niemanb von den Deutschen getötet worden ist. Die standesamtlichen Register der Stadt beweisen eS aufs nachdrücklichste, da vom 10. bis 18. nur der Tod von zwei alten Frauen und eines Kindes unb das Ableben deS Stadtverordneten Vandoux, der auf dem Stadt hause in den Armen eines Kollegen verschieb, aufgeführt werben." re. Am Schlüsse seiner Ausführungen heißt eS: „Das sinb die Tatsachen in ihrer Wirklichkeit".
Schlvhbetrachtuug.
Man fragt sich nun unwillkürlich, was bleibt von den schweren Beschulbigungen gegen bie hessischen Truppen in ben betben von Kretschmannschen Briefen übrig? Nichts, rein gar nichts. Alles stellt sich als unwahr heraus. Von der Ermorbung eines Quartierwirts burch einen hessischen Stabsoffizier, bis zum Diebstahl eines Pferbes und Sattels burch zwei Offiziere unb gar ber totalen Ausplünber- ung von Sens unb ber unglaublichen Weise, wie sich bie „hessischen BunbeSbrüder" in SenS benommen. Wenn man auch ben erregten Irrtum, durch die ihm von Landleuten nach Theil zugetragenen Nachrichten als Entschuldigung für den ersten Brief gelten lassen will, obwohl ein gewiegter Generalstabsmajor, der kein Jüngling mehr war, mit ber aufgeregten Phantasie unb Vergrößerunassucht ber Einwohner rechnen mußte, so konnte und mußte er bei seinem barauf folgenbett zweitägigen Aufenthalt in Sens über bie angeschulbigten Punkte sich verlässigen, ehe er solche Lügennachrichten nach Hause schrieb. Es beweist bas, wie gleich- giltig Herr v. Kretschmann in ber Abfassung seiner Briese verfuhr. Hätte er die nötigen Erkundigungen in Sens eingezogen, so würde er der Mühe enthoben gewesen fein, den Einwohnern den Unterschieb zwischen einem Preußen unb Hessen zu erklären, oder er würde es wohlweislich im eigenen Interesse unterlassen haben. Aber auch den Historikern, wie Herrn Mathieu Schwann in Weiden bei Coeln, der die Kretschmannschen Briefe als Quellen ber Wahrheit in dem Feuilleton-Artikel der „Frankfurter Ztg." empfiehlt, und anführt: „Was Kretschmann gesehen hat, hat er gesehen, und daran ist kein Zweifel, daß er uns Tatsachen mitteilt", diene dieser Fall zur Mahnung, daß solche Kriegsbriefe d ach sehr mit Vorn'-bt au benutzen sinb.
Doch ohne GebuldSprobe ging eS nicht ab. Schon bie Debatte über bie Münzgesetznovelle uferte aus unb eröffnete eine bedrohliche Perspektive auf die kommenden Tage. Aus ber Reihe ber Münzreden hob sich die bes Abg. Dr. Hieb er snatl.) durch ihre Eigenart heraus. Er forderte für die Neuprä gun g von Geldstücken die Berücksichttgung ästhetischer Gesichtspunkte, und gab der Ueberjeugung Ausdruck, daß die besten der deutschen Künstler an einem derartigen Wettbewerb sich beteiligen würden. Der Schahsekretär Frhr. v. Stengel nahm zu dieser beachtenswerten Anregung einstweilen keinö Stellung.
Die Diskussion über den Etat des Reichskanzlers leitete, Inie üblich, ein Zentrumsredner ein. Diesmal Aba. Dr. Spahn. Doch er behandelte Überraschenderweise nicht eine volitische, sondern eine staatsrechtliche Dottorfrage über die Stellung einzelstaatlicher VerwaltungSbeamter zu den Beschlüssen deS Reichstags ’ bezw. der WahlprüfungSkom- mission. In Vertretung des Reichskanzler- antwortete der Staatssekretär des Reichsjusttzamts Dr. Nieder ding. Mcht minder überraschte, daß alsdann der Mainzer Abg. Dr. David (Soz.) die Frage ber SchiffahrtSabgaben auf freien Strömen etneut aufrollte. Dr. David sieht in ben entsprechenden früheren Erklärungen des Reichskanzlers im Reichstage und des preußischen Ersenbahnministers im Landtage einen Widerspruch, den er mit ber Kanalvorlage in Zusammenhang bringt.
Im Auftrage des Grafen Bülow erteilte Graf Posa- d o w s k i eine beruhigende Antwort. Das Sttchwort zu einer Erklärung über bie auswärtige Politik unb die Jesuitenfrage gab dem Kanzler erst Abg. Dr. Sattler. In Bezug auf letztere enthielt sich der national- liberale Führer jeder verletzenden Schärfe, wenngleich er mit nachdrücklichem Ernst und im Tone des Bedauerns die „mangelnde Rücksichtnahme auf die Wünsche der Einzelstaaten unb die Gefühle der Evangelischen" kennzeichnete. Graf Bülow beftritt, Zugeständnisse an beit Ultramonta- nismus auf Kosten bes Reichs- ober bes evangelischen Interesse gemacht zu haben; er wies erregt den Vorwurf zurück, als gehe er nach Canossa oder betreibe er einen „Kuhhandel" mit dem Zentrum. In einen gewissen Widerspruch mit sich selbst brachte er sich aber durch die an Dr. Sattler gestellte Frage, wie er denn bie Regierung verfassungsmäßig und ersprießlich führen könne ohne Rücksichtnahme auf die Wünsche der ausschlaagebenden Partei? Das Beruhigendste an ber Erklärung des Kanzlers war bie Versicherung, baß die guten unb vertrauensvollen Beziehungen unter ben Bundesstaate n durch Die Jesuiten frage in keiner Weise verletzt ober erschüttert worden seien.
Zu den wasiervirtschaftliche« Borlage«.
Man schreibt uns aus Berlin, 12. April:
Die wasserwirtschaftlichen Vorlagen, bie nach Nöten groß und schwer dem preuß. Landtag zugegangen sind, durchzulesen, erfordert mindestens eine Woche Zeit; den Inhalt zu studieren und äu erfassen, mindestens einen Monat. Wenn auch 'von der Presse das Aeußerste von „Nkiglei^ verlangt wirb: ein Urteil schon heute abzugeben, nachdem erst wenige Stunden verflossen sind seit der Ausgabe der Drucksachen, gehört zu den unmögli^en Dinaen. Aber ein paar Punkte lassen sich doch heraus- greifen. Da fällt zunächst ins Auge die außerordentliche Genauigkeit in ber Begründung der einzelnen Bauprojekte. Die technischen Beschreibungen der neuen Kanallinien gehen auch auf daS scheinbar unttxsentlichste Detail ein, die beigegebenen, in Buntdruck ausgeführten Karten sind, ein Mu/scer von Klarheit und llebersichtlichkeit. ES ist ein kolossales Stück gründlicher Arbeit geleistet worden, und man begreift, daß die Vorbereitung Jahre in Anspruch genommen hat. Zweckmäßig erscheint die Anordnung im Text der Begründungen, seitlich daS Thema jeder beson> bereit Erörterung anzumerken. So wird beim Durchblättern das Stichwort rasch gefunden. DaS Hauptstück der Vorlagen bildet naturgemäß bie Herstellung bes Schiff- fahrtkanalS vom Rhein nach Hannover. Die Kosten dieser Wasserstraße sind auf rund 197 Millionen Mark veranschlagt, die Bauzeit ist auf 8 Jahre geschätzt. Aber ausdrückliche Bedingung für die Inangriffnahme der neuen Kanalbauten ist, daß vor dem 1. Juli 1906 die provinziellen Zufchußverpflichtuttgen übernommen werden. Sollten die Verhandlungen mit den Kanal-Interessenten wegen Uebernahme der Garantien bis dahin nicht zum Abschluß gebracht fein, so, kündigt bie Regierung an, würde am 1. Juli 1906 das Gesetz hinfäMg werden. Diese 3ntereffernten Vereinbarungen sind zum Teil sehr schwieriger Art. Es müssen ganz neue Verhandlungen geführt werden, denn die früher übernommenen Garantieverpflichtungen sind hinfällig geworden. Bei dem Rhein-Hannover-Kanal ist der Anteil ber Interessenten an den Kosten nur wenig kleiner als ber des Staates. Um diesen Kanal wird in der Hauptsache der parlamentarische Kampf geführt werden, denn hier kommt vor allem der Einnahme-Ausfall in Bettacht, den die Staatseisenbahnen durch die Konkurrenz der Wasser- sttaße mit ihren billigen Beförderungen erleiden. Die Denkschrift nimmt jedoch an, daß die zu erwartenden Ein- nahmeausfälle* nur in so beschränktem Maße einen ab- schwächenden Einfluß auf bie gesamte Eisenbahnfinanz- wirtschaft ausüben, baß, sie tn ber stetig aufsteigendew Linie ber Eisenbahneinnahmen kaum bemerkbar fein würben. Erheblich weniger umftritten, als ber Rhein-Han- n over-Kanal, sind bie weiteren vier Gesetzentwürfe, bie bie Abwehr von Hochwassergefahr, Verbesserung ber Vvr- flutverhältnisse usw. in ben Provinzen Schlesien, Brandenburg und Sachsen zum Gegenstand haben. Der preußische Landtag hat eine Riesen auf gäbe zu lösen.
Zur neuen Flotteuvorlaqe.
Vor einiger Zeit hatte ein Berliner Blatt gemeldet, daß im Reichstnarineamt eine neue Ergünzungsnovelle für das in Kraft befindliche Flottengesetz ausgearbeitet werde. Die Nachricht ist bisher unwidersprochen geblieben, und es ist jetzt, nach Mitteilungen von gutunterrichteter;


