Nr. Gl
Samstag, 12. März 1904
154. Jahrg.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die „Gießener ZamilienblStter- werden den »Anzeim otemw wöchentlich betgelegr. Dc ^hesstst . Land! tr»' erschetn^monatltch einmal
Gießener Anzeiger
Rotationsdruck und ©erlog der Brühtlchen Unwert uätSdruckeret. 9L Lange, Greben.
Redaktion. Expedition u. Druckerei Schulstr.?.
Tel. Nr. 5L 1elegr.-Ldr.: Anzeiger Dieben.
General-Anzeiger, Amt;- und Anzeigeblatt für den Urei; Sietzen.
Parlamentarifche rrerlwuvlinMN.
S!achdrrck ohne Gereinbarunß nicht gestattet.
Deutjcher Reil^stay.
65. Sitzung fern 11. März, 1 Uhr.
Das Haus ist schwach besetzt.
Am VundcSratstisch: von Einem u. a.
Vor Eintritt in die Tagesordnung erhält daS Wort
Bayerischer Militärbevollmächtigter Generalmajor Ritter von Endres: Nachdem ich das amtliche Stenogramm eingesehen habe, gebe ich folgende Erklärung ab: Tie Worte, die der Abgeordnete Tr. Müller gebraucht hat in der Sitzung, welche sich mit dem Bil- tungsgrade der bayerischen und preußischen Offiziere befaßte, konnten in der Tat so ausgclegt werden, daß mit denselben nur konstatiert werden sollte, daß die bayerischen Offiziere eine Klaffe dcS Gymnasiums mehr besuchen, als die preußischen Offiziere, daß also rin Vergleich der allgemeinen Bildungsstufe der beiden Kategorien nicht beabsichtigt sei. Hiermit fällt, wie ich gestern abend schon freiwillig zugestanden habe, auS meiner gestrigen Rede fort, was an persönlichen Angriffen gegen Herrn Abg. Tr. Müller darin tcrhanden ist, oder als persönlicher Angriff interpretiert werden Knute. Es bleibt von meiner Rede nur bestehen: 1. Die Behauptung, daß bei einem Vergleich des Bildungsgrades beider Kategorien richt die Schulbildung das Entscheidende sei, sondern Herzens- und Charakterbildung. 2. Bleibt bestehen mein Bedauern, daß hier im deutschen Reichstage und noch dazu von dem Mitgliede einer so vaterländischen und reichstreuen Partei der Vergleich zweier Kontingente des deutschen Heeres gemacht und der Versuch unternommen wurde, dieselben gegeneinander auszuspielen. Es bleibt ferner übrig meine dankbare Anerkennung des reichen geistigen Segens, der aus der preußischen Armee in die bayerische hineingefloffen ist, und das freudige Bekenntnis des unlösbaren inneren Zusammenhanges zwischen der bayerischen und der preußischen Armee. In formeller Neziehung muß ich noch bedauern, daß die ursprüngliche Rede des ?bg. Tr. Müller so gefaßt war, daß die vielen Stimmen, die mich über diese Aeutzerung informierten, Stimmen von Abgeordneten, ans dem Bundesrat und der Preffe, übereinstimmend Die Aeuße- rungen des Abg. Dr. Müller in jenem scharfen Tone auffaßten, wie mich ich sie auffasstn zu müssen glaubte.
Auf der Tagesordnung steht zunächst der schleunige Antrag Auer u. Gen. (Soz.) auf Einstellung eines gegen den Abg. Thiele schwebenden Strafverfahrens.
Ter Antrag wird ohne Debatte angenommen.
Ebenfalls angenommen wird oebattelos ein Antrag der Geschäftsordnungs-Kommission auf Einstellung einer Strafverfolgung gegen den Abg. Gerstenberger (Bentr.).
Sodann wird die zweite Beratung des Militär-Etats bk im Kapitel „Militär-Justizverwaltung" fortgesetzt, wo^u die drei Resolutionen der Kommission, der Freisinnigen und Sozialdemokraten vorliegen, die sich gegen die Soldatenmißhandlungen richten.
Abg. Dasbach (Ztr.) protestiert dagegen, daß Ohrfeigen, wie der Kriegsminister meine, nicht als Mißhandlungen anzusehen seien. Durch Ohrfeigen seien schon oft schwere Erkrankungen hervorge- ni fen worden. Er verlange von dem Minister Taten und nicht bloß V orte zur Beseitigung der Mißhandlungen. Redner wünscht sodann eime Reform des Beschwerderechts: es dürfe nicht Vorkommen, daß jifi' Leute wegen Mißhandlungen nicht beschweren, weil sie fürchten, daß ihnen bann das Leben sehr schwer gemacht wird. Die Mißhandln ngcn müßten viel schwerer bestraft werden.
Abg. Müller-Meiningen (freis. 93p.): Ich nehme von der soeben verlesenen Erklärung des Generals von Endres mit Genugtuung meinerseits Akt. Ich muß lediglich mein Bedauern darüber ffin§fprerf)en, daß der General auf Grund vollkommen ungenügender Informationen so schwere persönliche Angriffe gegen mich erhoben beit und sie wenigstens 24 Stunden lang in das Land hinausgehen lirß. Ich habe beizufügen: Ter einzige gegen meine Person noch aufrecht erhaltene Vorwurf geht dahin, daß ich den Versuch gemacht hätte, zwei Kontingente unseres Heeres gegen einander auszuspielen. Auch dieser letzte Vorwurf findet weder in meinen Worten (Widerspruch rechts) — ich verweise die Herren ohne weiteres auf den sttnographiswen Bericht — noch in meiner Gesinnung irgend welche Berechtigung. Die Einheit unserer Armee liegt mir nicht weniger tum Herzen, wie irgend jemandem in diesem Saale. Ich war niemals Virrtikularisi und hoffe es auch in meinem Leben nte zu werden. «Neifall links.)
Abg. v. Starborff (Rp.) bemerkt, auch auf der rechten Seite habe tie Empfindung geherrscht, daß der Abg. Müller-Meiningen das pveußische und daS bayerische Heereskontingent gegen einander have nnsspielen wollen. Das habe in dem ganzen Ton seiner Rede lind vielleicht auch an den Worten gelegen, wenn er |o mißverstanden Vörden sei. Herr Bebel hat neulich den Abg. Stöcker ganz falsch beurteilt. Herr Stöcker ist entschieden ein verdienstvoller Mann. (Laichen bei den Sozialdemokraten.! Er hat in Berlin eine so großartige Tätigkeit auf dem Gebiete Der inneren Mission entfaltet, daß tr weit mehr für die Arbeiter getan hat als Herr Bebel. Wir sind cs ja von den Sozialdemokraten gewohnt, daß sie gegen das Christentum wettern und ein ewiges Leben leugnen. Aber was neulich der Tttg. David sagte, das ginge doch über alle menschlichen Begriffe. Der stellte es so dar, als ob die Sozialdemokraten die Vertreter mb die Erben der Philosophie des großen Kant wären, und dabei hübe doch Kant den kategorischen Imperativ der Pflicht statuiert, kccn Pflichten habe ich bei den Sozialdemokraten noch niemals etwas gemerkt. Sie sprechen immer nur von ihren Rechten. Solange die Sozialdemokratie nicht nur von anderen Parteien, sondern auch von der Regierung als berechtigte Partei anerkannt wird, solange man sich nicht darüber einigt, wie man die Sozialdemokratie zu beseitigen dcvt, wird man das Eindringen der Sozialdemokratie auch in das beer nicht hindern. Gegen Cholera, Pest und Pocken und andere Rankheiten sucht man sich doch zu wehren, aber gegen die Verseuchung der deutschen Volksseele scheint man sich nicht schützen zu irodlen, als durch die schönen Reden des Grafen Bülow. (Heiterkeit.) Tie Soldatenmißhandlungen stehen auch :n einem gewißen Zusammenhänge mit dem unaufhaltsamen Eindringen der Sozialdcmo- traitie in das Heer. Wir müßen uns schließlich klar machen, daß wir an. Beginne eines Kampfes stehen zwischen'Monarchie und sozial- deniokratischer Republik. Heute ist es noch nicht zu spät, diesen 9a mpf zu entscheiden. Ich möchte den Kriegsminister bitten, sein Lcort dafür einzulegen, daß nicht mit dieser Entscheidung so lange gewartet wird, bis es zu spät ist. (Beifall rechts.)
Abg. Schrader (freif. 93g.): Ich glaube nicht, daß alle die fragen, die Herr v. Kardorfs berührt hat, zur Kompetenz der Nülitärjustiz gehören. Wir sind davon überzeugt, daß Soldatenmiß- bamdlungen in größerem Umfange stattgefunden haben, und daß geschahen muß, was geschehen kann, um diese Mißhandlungen zu be- i iiiigcn. Es muß nicht nur gegen die Leute scharf vorgegangen frenben, die Mißhandlungen verüben, sondern auch gegen die Offi- m re, die es an der nötigen Aufsicht fehlen laßen. Pflichtver- lktzmngen auf diesem Gebiete müssen mit Entlassung bestraft werden, firner muß das Beschwerderecht so gehandhabt werden, daß der Lcsschwerdeführer später nicht unter Drangsalierungen zu leiden har.
Wie daS zu machen ist, ist Sache der Militärverwaltung. Sodann muß unsere Sanitätsverwaltung dafür sorgen, daß nicht geistig minderwertige Rekruten eingestellt werden. Wenn man lvill, daß die Armee eine Schule des Lebens sein soll, muß man auch dafür sorgen, daß sie eine Schule des Anstandes ist, Rohheiten müßen entschieden ausgemerzt werden.
Abg. Meist (Soz.): Wenn es dem Abg. Lehmann wirklich ernst wäre mit der Bekämpfung der Soldatenmißhandlungen, hätte er erklären müßen, daß seine Fraktion für die sozialdemokratische Resolution stimmen wollte. Mit feinen Argumenten ist hier nichts zu machen. Ter Kriegsministcr sagte, wenn ich gesehen hätte, daß ein Sergeant Soldaten mißhandelte, dann hätte ich zu ihm gehen und ihn auffordern sollen, das zu unterlassen. Was wäre mir aber geschehen, wenn ich so etwas getan hätte, bann wäre ich so angeschnauzt worben, baß ich auf ben Rücken gefallen wäre. Dann hätte man mir gesagt: Scheren Sie sich zum Teufel I Das Empfinben für bie verletzte Ehre herrscht nicht nur bet Ihnen (nach rechts), die Sie sich in ihrer Jugend das Gesicht verbauen haben, sondern es herrscht auch bei einem großen Teile des Volkes, und mancher denkt noch nach 25 Jahren oft mit Schaudern an seine Militärzeit zurück, in der er so mißhandelt wurde.
Abg. Barbeck (freif. 93p.) fordert eine Reform des Beschwerderechts. Es sei ein ganz verfehlter Standpunkt, daß die Soldaten wegen „leichtfertiger" Beschwerden bestraft werden. Der Begriff Leichtfertigkeit ist denn doch zu unbestimmt.
Abg. Stadthagen (Soz., mit Murren begrüßt) erinnert an ben Fall, in welchem cm Soldat bestraft wurde, weil er vor Gericht auf die Frage de? Vorsitzenden, ob er Sozialdemokrat sei, geantwortet hatte: Beim Zivil: Jal Hatte der Mann etwa ein meineidiger Lump werden sollen? Em charakterloser Lump ist, wer einen Meineid leistet, aber auch der, der einen andern zum Meineid verleitet. Dec Erlaß betreffend das Verbot der Betätigung sozialdemokratischer Gesinnung fei geeignet, Lüge und Heuchelei unter den Mannschaften großzuziehen. Er bitte den Minister, diesen Erlaß: schleunigst außer Kraft zu fe^en. Zum Beweise der angeblichen; Vaterlandsfeindlichkeit der Sozialdemokraten habe der Kriegsminister 1 Worte des verstorbenen Abg. Grillenberaer zitiert, die dieser nie gesprochen habe. Kein Wort daran ist wahr, daß Herr Grillenberger gesagt habe, im Falle eines Krieges würden die Sozialdemokraten sich weigern, mitzumarschieren: et hat nur die Voraussetzungen genannt, unter denen sich die Arbeiter weigern würden, mitzutun. Unrichtig ist die Meldung des Kriegsministers, daß er (Redner) in der Berliner Stadtv-rordnetenversammlung jemanden Lümmel geschimpft habe. Ich habe dem Stadtverordneten Mommsen, der mir „Frechheit" zugerufen harte, was vom Vorsitzenden überhört und nicht gerügt war. gesagt: „Tann sind Sie der Lümmel" usw. (Lachen rechts und Ruf: Das ist ja großartig!) Ich befand mich also in der Notwehr, da kann man doch nicht von „schimpfen" reden. (Lacken rechts.) Das Reckt auf Notwehr besteht auch nach dem Militär- straftecht, unr es gilt auch gegenüber Mißhandlungen, denn die Notwehr wird ausdrücklich gesetzlich definiert als diejenige Verteidigung, welche erforderlich ist, um einen gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff von sich oder einem anderen abzuwenden: und die Heber* schreitung der Grenzen der Notwehr ist auch nach dem Militärstrafrecht nicht ftrafhar, wenn sie in der Bestürzung erfolgte. Freilich: Recht haben und Recht bekommen, das sind zwei verschiedene Dinge beim Militär.
Hiermit schließt die Diskussion.
Tas Kavitel wird nach den Vorschlägen der Kommission angenommen, ebenso die folgende R e s o l u t i o n der Kommission.
Zur Verhütung der Soldatenmißhandlungen, insbesondere der systematischen Mißhandlungen, daraus hinzuwirken, daß in den Fällen des Militärstrafgesetzbuches § 147, welcher die schuldhafte Verabsäumung der Beaufsichtigung von Untergebenen mit Freiheitsstrafe und Dienstentlaffung bedroht, gegen die für die Disziplin verantwortlichen Vorgesetzten die Strafverfolgung unnachsichtlich eingeleitet wird.
Die anderen beiden Resolutionen werden abgelehnt.
Eine Reihe Kapitel werden debattelos angenommen.
Die Kommission hat in einigen folgenden Kapiteln die von der Regierung geforderte Zulage von 1350 Mk. für 180 Oberstleutnants gestrichen und den sogen, patentierten Oberstleutnants eine Zulage von 1150 Mk. bewilligt, ihnen aber nicht, wie die Vorlage forderte, auch Servis- und Wohnungsgeldzuschuß eines Regimentskommandeurs bewilligt.
Der Kommissionsbeschluß wird debattelos angenommen.
Beim Kapitel „Geldverpflegung der Truppen" hat die Kommission etwa 1000 Unteroffizierstellen gestrichen. Diese Unteroffiziere sollten zu einem höheren Lohnsätze Schreiberdienste und ähnliche Dienste leisten.
Die Abgg. Graf von Lriola und Dr. Paasche snat.-lib.) beantragen, alle die gestrichenen Stellen wieder herzustellen.
Zu diesem Kapitel liegt außerdem eine Resolution der Kommission vor:
„Tie verbündeten Regierungen zu ersuchen, im Interesse der heimischen Landwirtschaft dahin zu wirken, daß die Einberufung zu Truppenübungen möglichst nicht während der Erntezeft statt- findet."
Abg. Dr. Becker (not.-lib.) bedauert, daß nicht eine Ausbeße- rung der höheren Sanitätsoffiziere erfolgt sei. Tie Militärärzte seien so schlecht gestellt, daß eine Gehaltserhöhung mibedingt bald erfolgen müße.
Abg. Troricher (kons.) tritt für eine Besserstellung der Kapellmeister und Zahlmeister ein. Bisher sei diese Aufbesserung an dem Mangel an Mitteln gescheitert, deshalb sei es nötig, daß wir möglichst schnell zu neuen Handelsverträgen kommen. (Lacken links.) Abg. Gothein (frei). Vgg.j verlangt eine Besserstellung der Büchsenmacher.
Abg. Tr. Böttger (nat.-Iib) bespricht die Konkurrenz der Militärmusiker und Militärökonomiker mit den Zivilmusikern und -Handwerkern. Der Kriegsminister soll nach Zeitungsberichten selbst erklärt haben, daß sich die Leiter von Militärkapellen oft schamloser Konkurrenzmanöver bedienen (der Kricgsminister nickte zustimmend mit dem Kopfe). Tie Lage der Zivilmusiker ist zum Teil eine trostlose. Die fröhliche Kunst nährt ihren Mann nickt mehr, da gerade die Militärkapellen, welche durch die staatlichen Einrichtungen begünstigt sind, den Stand der Zivilmusiker wirtschaftlich und sozial herabgedrückt haben. Sie spielen z. B. 20—50 Prozent billiger als Zivilmusiker. Tie Konkurrenz wird ihnen noch erleichtert dadurch, daß sie zu ihren Konzertreisen Militärfahrscheine und Krümperwagen benutzen. Tarin sehen die Zivilmusiker einen nicht einwandfreien Wettbewerb, gegen den sie Einspruch erheben müssen. Die Verordnungen, welche der Minister gegen Ausschreitungen des ErwerbS- bettiebes der Militärmusiker erlagen hat, haben ihr Ziel nicht erreicht. Sehr wenig würdig und hübsch sind auch die von Militärkapellen angewandten Anlockungsmittel. So z. B., wenn eine Berliner Militärkapelle mit dem schwarzen Pauker Arrarra hausieren geht, ober andere Kapellen in gelben Reiteritiefeln konzerneren und dies im Programm besonders betonen. Direkt ins Gebiet des unlauteren Wettbewerbs fällt es, wenn die Militärkapellen sich in zwei
ober drei Teile teilen unb bann jeber Teil unter Hinzuziehung von Zivilmusiker als vollzählige Militärkapelle auftritt. Die Regimentskommandeure müssen da bessere Kontrolle üben.
Noch umfangreicher als die Beschwerden der Zivilmusiker sind die der Handwerker gegen die Militärbehörden. Ter deutsche Staat fällt hier aus seiner protektionistischen Rolle heraus unb besorgt in vielen Fällen bie Arbeit ber Zersetzung und Zerstörung, indem er als Konkurrent unb als Auftraggeber bas Handwerk nicht nur nicht berücksichtigt, fonbern ihm erhebliche Konkurrenz macht. Man muß ja zugeben, daß der Staat die Militärhandwerker in eigene Regie für manche Tinge haben muß, aber ich habe nicht immer ben Ein- druck bekommen, daß der Staat, indem er mehr und mehr die Handwerker ausschaltet und eigenen Betrieb bevorzugt, dabei das Bedürfnis der prompten, billigen unb guten Bedienung ins Auge faßte. Mir kommt es so vor, aiS wenn habet gewisse bureaulratifdic Launen unb Bequemlichkeitswünsche mitsprechen. Man hat bie Leute gleich zur Hand, kann kommandieren und rektifizieren, ohne einen Einspruch zu erfahren.
Es kommt beim Mckitär noch die Furcht vor sozialdemokratischer Ansteckung hinzu. Handwerker unb Militär sollten nicht mit Den Sozialdcmotraten in Berührung kommen, damit sie rem unb tadellos bleiben Ties ist eine nicht zu billigende, rein mechanische Auffassung. Sogar rum Kasernentünchen und zum Barbieren werden jetzt Soldaten benutzt. In Metz macht die Garnisonschläckterei ben Schlächtern große Konkurrenz Dabei ist fesigestellt, baß bie Garnijonschlächterei loityfjefct vertragswidrig Vieh annimmt, die Soldaten also mind'rivertiges Fleisch erhalten haben. Die billige Versorgung der Nachbarschaft einer Kaserne mit Kommißbrot rst eine alte Beschwerde Ferner wirb von verschiedenen Handwerkervereinen darüber geklagt, daß hie Regimentsschneider auch für Zivil arbeiten, bie Büchsenmacher macken Fahrradreparaturen, unb die Waffenschmiede sollen sogar Fahrräder verkaufen. DaS sind doch alles Uebcrgriffe in fremde Sphären. Eigenartige Geschäfte machen auch manche Lffi-ierskasinos, indem sie mit großem Rabatt ein- gelaufte Zigarren, Wein und Spirituosen an Verwandte unb Bekannte ber Offizier, abgeben, womit sie dem Kleinhandel Konkurrenz machen. Mm. sollte doch zu einer Zeit, wo man offiziell ben Mittelstand, das Handwerk mit Zärtlichkeiten überströmt, nicht in ber Praxis eine Politik hreiben die dem Mittelstände unb dem Handwerk bas Blui abzapft. (Beifall.)
Abg. Graf von Oriola (nat.-lib.) ploidiert auch für eine Beffer- stelluna der Zahlmeister.
Abg. Schlegel (Soz.) beschwert sich darüber, daß in Eßlingen eine Wirtschaft von der Militärverwaltung boykottiert sei, weil dort Sammellisten für die streikenden Weber in Crimmitschau auSlagen. Und dabei seien die Ansichten über den Crimmitschauer Streik Doch geteilt. Selbst konservative Männer hätten ihm Geld für bie Weber gegeben. Auch baS württembergische Staatsoberhaupt--—
Präsident Graf Ballestrem ersucht den Redner, nicht den König von Württemberg in die Debatte zu ziehen.
Abg. Schlegel (fortfahrend): Auf eine Beschwerde hätte sogar der BezirkSkommanbeur gesagt, die Sozialdemokraten, die in den Lokal verkehrten, seien Lumpen, Zuhälter und Dirnen. Eine größere Unverschämtheit sei ihm noch nicht vorgekommen. Er gebe diese Worte dem BezirkSkommanbeur zurück, denn in der Sozialdemokratie befinden sich solche Elemente nicht. Dirnen und Zuhälter gebe es in Eßlingen überhaupt nicht, dazu sei eS eine viel zu solide Stadt.
Eingegangen ist inzwischen ein Antrag Dr. Svahn (Ztr.), ber 719 neue Schreiberstellen auf % Jahr bewilligen will.
Aba. Graf von Oriola (nl.) befürwortet seinen Antrag, bie gestrichenen Unteroffizierstellen wiederherzustellen. Was die zu erwartende Militärvorlage bringt, wissen wir nicht. Selbst wenn sie eine kleine Erhöhung der Präsenzstärke bringt, würde eS keine große Mehrbelastung sein, wenn einige hundert Unteroffiziere mehr Da wären. Die Unteroffiziere sind jetzt bei ber zweijährigen Dienstzeit so überlastet, daß sie entschieden entlastet werden müssen.. Hängt doch von ihnen nicht zum wenigsten die Schlagfertigkeit des Heeres ab. Den Antrag Spahn verstehe ich so, er will die von der Kommission gestrichenen Stellen wiederherstellen für alle Truppenteile mit Ausnahme der Kavallerie und der Feld« artillerie, und zwar vom 1. Oktober 1904 ab bis zum 1. April. An diesem Tage beginnt daS neue Quinquennat. Ich bitte ben Kriegsminister, unS zu sagen, wie er über ben Antrag Spahn denkt, da wir davon unsere Abstimmung abhängig machen. Für unteren Antrag müßten eigentlich auch die Sozialdemokraten stimmen. Aber sie tun es natürlich nicht, denn sie halten nur große Reden, wollen aber keinen Groschen bewilligen, selbst wenn dadurch die Mißhandlungen eingeschränkt werden. Denn dadurch macht man keine Stimmung und treibt keine Agitation. Mit all den Reden über Jena, alle möglichen Romane, Junker unb den Kommandanten
von Eßlingen (Heiterlett) hilft man den Unteroffizieren
nicht. Ober sind die Unteroffiziere etwa Junker, oder
Kapitalisten? Daß Sie (zu den Soz.) den Offizieren nicht eine Aufbesserung gönnen, glaube ich, aber für die Unteroffiziere sollten Sie doch etwas tun. Wenn Sie es nicht tun, zeigen Sie unS, daß Ihr Klassenhaß bereit? alle Grenzen überschritten hat. (Beifall.)
Preußischer Kriegsminister von Einem: Ich bin dem Vorredner für seinen Antrag sehr dankbar. Ich halte die Wiederherstellung der Regierungsvorlage zur Abstellung von Mängeln im Heere für ein Bedürfnis. Ich tonnte das nicht besser begründen, als Graf Orioia es eben getan hat; ich konnte höchstens noch auf den Fall ber Mobilmachung Hinweisen, für den unsere Forderung mich von großer Wichtigkeit wäre. Die vom Grafen Oriola von mir verlangte Erklärung erübrigt sich möglicher Weise, denn nach den Ausführungen des Vorredners zieht Herr Spahn vielleicht seinen Anttag zurück. (Große Heiterkeit.) Wenn er ihn aber nicht zurückzieht, nun bann ist mir der Sperling in der Hand lieber, als die Taube auf dem Dache (Heiterkeit), und ich muß mich begnügen mit dem, was mir geboten wird. Ich bitte Sie aber, bewilligen Sie meine Forderung, wie sie die Regierung in den Etat eingestellt hat.
Abg. Gröber (Ztr.) führt au5, daß seine Freunde die Frage der Vermehrung der Unteroffiziere erst bann genau prüfen könnten, wenn die neue Militärvorlage vorliege. Sie hätten aber den Antrag Spahn cingebrackt, damit man ihnen nicht den Vorwurf machen könnte, sie hätten etwas versäumt, waS Die Soldatenmißhandlungen verhüten konnte. Sodann befürwortet Redner noch eine Resolutton deS Zentrums, die in ihrem zweiten Teil sich mit der Kommissionsresolution deckt, in ihrem ersten aber verlangt, daß bei außergewöhnlich großer Einquartierungslast den Gemeinden Zuschläge zu den Entschädigungssätzen auS der Reichskasse gezahlt werden.
Abg. Dr. Hermes (freif. 23 fp.) meint, die Vermehrung der Unteroffiziere könne ruhig bis zum nächsten Jahre warten, bei ber finanziellen Lage müßte man äußerste Sparsamkeit üben.
Hierauf vertagt das HauS die weitere Beratung auf Sonnabend 1 Uhr.
Schluß 6^ Uhr.


