Ausgabe 
10.12.1904 Fünftes Blatt
 
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lieft nicht sagen, ich fürchte, daß ich c5 mit gewissen Leuten darin doch nie werde aufnehmen können. (Heiterkeit.)

Mer, meine Herren, es entbehrt doch nicht einer gewissen Pikanterie, daß der Abg. v. Voll mar mir meine Tonart vorwarf in demselben Augenblick, lvo mir ein Artikel unterbreitet wurde, der in einem, ich will nicht sagen, ibm nadestebcnden Blatte (Heiterkeit), aber doch in einem Blatte seiner Partei (Leipziger Volksztg.") fleht, und in dem c? wörtlich heißt ich bitte um die Erlaubnis, diesen Artikel borlesen zu Tonnen:Die konservativen Wege­lagerer (Heiterkeit), die Zentrumsgauner (erneute Heiterkeit), die national-liberalen Jesuiten (schallende Heiterkeit) und als der oberste der Philister Eugen Richter" (erneute Heiterkeit), der Abg. Richter, von dem neulich Herr v. Mardorfs gesagt hat, daß wir alle bedauern, ihn wegen Krankheit nicht an seinem Platze zu sehen und von dem wir alle hoffen, das; er bald seinen gewohnten Platz wieder einnehmen möge (Beisalll, aber weiter:der parlameu tarischc Strolch" ich bitte um Verzeihung (Heiterkeit)Herr v. Kardorff (stürmische Heiterkeit), der ReichLgerichtSrat Spahn, der die deutsche Justiz in Permanenz durch einen niederträchtigen Staatsstreich illustrierte, der beschäftigungslose Advokat und Streber Bassermann (stürmische Heiterkeit), der zum ersten Mal in seinem Leben einen juristischen Kommentar gab (Heiterkeit), es ist heute überflüssig, an die schamlosen Bubenstücke und das infame Vorgehen dieses parlamentarischen Gesindels Zu erinnern, das damals wie eine Sauherde ischallende Heiterkeit) in Geschäftsordnung und Ver- fasiung einbrach und niedertrampelte, was im Wege stand." (An haltende Heiterkeit.) Die Herren, die sich einer so geschmackvollen Tonart befleißigen, die machen mir Vorhaltungen über meinen Ton! (Sehr gut!)

Nun bat Herr von Vollmar Iveitcr gemeint, ich hätte kein Ber ständnis für die Sozialdemokratie. Ich habe im Gegenteil die Vorgänge in der sozialdemokratischen Partei mir besonderer Auf rnerksamkeit verfolgt und mit ganz besonderer Aufmerksamkeit die Haltung eines so hervorragenden Politikers und Parlamentariers, wie es Herr von Vollmar ist und seine näheren Freunde. Vor zwei Jahren wurde in manchen Kreisen manche Erwartung geknüpft an den Revisionismus. Wie der edle Marquis Posa lHeiterkeit) vor den bösen König Philipp, so irat damals der Revisionismus vor den Führer der sozialdemokratischen Partei:Geben Sie Gedanken freibeit, Sire!" (Stürmische Heiterkeit.) Ter sagte aber: Sonderbarer Schwärmer!" (Erneute Heiterkeit.) Er gab keine Gedankenfreiheit, er ließ durch seinen Freund Kantsku verkünden In der sozialdemokratischen Partei sei sogar das Anzweifeln der gerade herrschenden Meinung gefährlich und nicht erlaubt! (Abg. Bebel: Wollen Sie nichr zitieren, Herr Neichskan-lerk Heiterkeit.)

Ich habe das nicht wörtlich im Gedächtnis, Herr Bebel. Iedcn- falls war damals die Handlung des Abg. Bebel eine solche, daß selbst ein angesehenes französisches sozialdemokratisches Blatt. L'Humanltc", von dem unduldsamen Dogmatismus der deutschen Sozialdemokratie sprach. (Hört! hört!) Da dn^te sich der Rcv.- sionismus (Heiterkeit), da überließ er die Führung den utopischen Politikern, da zog er sich zurück vor denjenigen, die das mit seltenem Scharfsinn und mit seltener Denkart, mir ungewöhnlichen Kennt­nissen und mit noch ungewöhnlicherer Dialektik fciftruicrtc, aber durch die geschichtliche Entwickelung der Dinge in seinen Funda­menten erschütterte Shstem von Marx für ein Dogma halten, so stark und unanfechtbar wie nur je irgend ein asiatisches Dogma. Als der Revisionismus sich so zurückzog, sich so duckte, da schaltete er sich eben aus auS der Zahl derjenigen Faktoren, die Realpolitik treiben. Gewiß, die Behandlung, die ihm damals zii teil wurde, die könnte Mitleid erregen, wenn, wie Herr non Vollmar eben tref­fend sagte, die Politik nicht bis zu einem gewissen Grade das Mit­gefühl Misschlösse. (Heiterkeit.) Aber and) die Art und Weise, wie damals der Revisionismus reagierte oder vielmehr, wie er nickst, reagierte, auch die könnte ein gewisses Mitgefühl Hervorrufen. Und deshalb hat eS keinen praktischen Wert, wenn die Herren von jener Richtung sich mit einer Mäßigung ich brauche wieder einen Ausdruck - Abg. von Vollmar mit einer relativen Mäßigung aussvrechen, solange sie iiicht im stände sind, sich zu emanzipieren von demjenigen Herrn, den ich nicht beim Namen nennen will, den aber vor zwei Jahren mit seinem Witz der Abg. von Vollmar mit dem Lord-Protektor Cromwell verglich. (Sehr gut!) Solange Sie sich nicht auf eigene Füße stellen, so lange haben Ihre relativ ge­mäßigten Anschauungen auch nur einen akademischen Wert. Und daß in der sozialdemokratischen Partei das mische nicht allzu hoch bewertet ist (Heiterkeit), daS wissen nnu seit dem Dresdner Parteitag.

Nun hat der Herr Abg. v. Vollmar sich eingehend beschäftigt mit unserem Verhältnis zu Rußland. Er hat gemeint, es sei ein Unterschied zwischen der Haltung einer Partei und zwischen den Handlungen einer Regierung. Das kann ich nicht zugeben. Die Annahme, es sei gleichgültig, Ivie die Parteien, wie die Presse, wie das Parlament sich stellt zu den großen Fragen der auswärtigen Politik, trifft nicht niehr zu. Wir gewinnen nicht an Ansehen, wenn schwierige Verwicklungen, heikle Fragen der inter­nationalen Politik lediglich vom Parteistandpunkt auS behandel: werden, gerade so wie man während des südafrikanischen Krieges Mif falschem Wege war, als man sich von Gefühlen leiten ließ, als man das vermeintliche moralische Recht ober Unrecht ver­wechselte mit dem internationalen Vorteil oder Nachteil. (Sehr richtig!) So ist man auch heute auf verkehrtem Dege, wenn man sich auf dem Gebiete der auswärtigen Politik nur von GefühlS- bewegungen oder gar nur von Fraktionsrücksichten bestimmen läßt, und darum möchte ich noch einmal wiederholen, wir halten gegen­über Rußland fest an demjenigen Maß von wohlwollender Neutralität, daS unseren traditionellem Verhältnissen zu Rußland entspricht, ohne daß wir damit anderen Ländern, die mit im? in Allianz oder freundschaftlichem Verhältnis stehen, irgend welchen Grund zu berechtigtem Mißtrauen und berechtigten Be­schwerden geben, und ich kann nur wünschen, daß alle PMteien und daß auch die Presse dieselbe Linie einhalten möge. Wir Deutsche haben einen unglücklichen Sang ich will daS ganz offen au& sprechen. in fremden Händeln Partei für den einen oder den anderen zu .ichmcn, uns mit unserem teil einzumischen in >remde Streitigkeiten. Dabei kommt vra:tisch nicht viel heraus. Tas.ist ein Mangel an politischer Erziehung, wenn bei uns weite .MTeije sich so verhalten und dann womöglich noch denken, das ichadet nichts, wenn die Regierung sich nur korrekt verhalte. Je ?r° wc .ker ^raane der öffentlichen Meinung, sowohl

der Abgeordneten wie der Presse, geworden ist auch für Fragen der auswärtigen Politik, um so mehr muß man sich auch bc-

Verantwortliche kit, die auf einem ruht, gegen­über Schwierigkeiten, die aus der Erregung von Volkslesdeuschaften erwachten für Den Gang unserer auswärtigen Politik.

Ich will gern anerkennen, daß nnscre große politische Presse, von derKreuzzeitung" bis zurFrankfurter Zeitung", sich gegen­über dem ost asiatischen Krieg einer anerkennenswerten Ruhe und Besonnenheit befleißigt. Da mich aber Herr von Vollmar genötigt hat, daS Thema nochmals anzuschnciden, so füge ich hinzu, daß ich zu meinem Bedauern dasselbe nicht von unserer Witz- presse sagen kann. Gerade so wie unsere Witzpresse während deS südafrikanischen Krieges maßlos heftig und unverständig gegenüber England war, beobachtet sie auch jetzt wieder gegenüber Rußland die nämliche Haltung. Und das ist doppelt bedauerlich angesichts der von dem Gegner bewiesenen Tapferkeit. (Zustimmung.) Tie Tapferkeit, b*e ich der Witzpresse im übrigen gern gönne über mich mögen Sie schreiben, waS Sie wollen, da gebe ich Ihnen voll­kommene MaSkenfreibeit (Heiterkeit) muß ihre Grenze finden in einem gewissen Maß von politischer Einsicht. Sie dürfen nicht dem Ausland Material liefern zu Hetzereien gegen das deutsche Volk.

Solche bösartigen Illustrationen, solche rohen Witze können mehr Schaden anriänen, als ein leidenschaftlicher Zeitungsartikel oder als Reden wie wir sie zuweilen von dieser Leite (zu den Soz.) gehört haben. Iw vermag auch keine mildernden Umstände darin zu erblicken, das; ieiche Zeichnungen ment von Nichtpolitikern ent­worfen ober inspir>ert werden. Heute mutz die Nation die Fenster ersetzen, die ihre Presse cinschlägt. Dieses Gefühls der Mitver- antwortlichkeit für den Gang der auswärtigen Politik, dieses Ge­fühls müssen wir *1118 noch mehr bewußt sein. (Beifall.) Nun meinte Herr v Vollmar weiter, die Sozialdemokratie wolle feinen Krieg mit Rußland Ja, dann müßte Herr v. Vollmar aber damit anfangen, den Ädg. Bebel zu verhindern, so zu ivrcchcn, wie er es nun schon zu wiederholten Malen aetan hat. Wie weit sein Ein­fluß in biricr B. Ziehung reicht, weiß ich nicht (Heiterkeit), ich hoffe aber, nach der ritterlichen Art, wie er für ihn eingetreten ist, daß er Einfluß auf Herrn B-bel hat. Eins aber ist sicher: Jemehr Sie gegen Rußland koSziehen, umsomehr muß ich mich be­mühen, die Be->i.'hungeu zu Rußland in freundschaftlichen Bahnen zu halten und Angriffe, and denen nicht die nötigen Konsequenz- gezogen werddn, sind vom Nebel. Der andere wird dadnr flcrcrr, und man selbst blamiert sich, wenn man seinen Worten feine Daten folgen läßt (Sehr wahr!) Herr v. Vollmar ist auf den c önigSbcrctr Prozeß zurückgetommen. Ich habe idion gesagt, daß ich darübe' nidt als Jurist, sondern als Politiker gcsprockxn habe, und alles was Herr v. Vollmar gesagt hat, ändert nichts an der von nur konstatierten Tatsache daß die Sozialdemokratie mit volle in Bewußtsein und mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln gegen die rupndx- Regierung arbeitet. Damir aber schädigen Sie da? gute Verhältnis, in dem wir zu Rußland stehen, dies Verhält­nis, das in sriedlichen Bahnen zu halten Aufgabe unserer Politik fein mutz.

ES bat mich gefreut, daß Herr von Vollmar seiner Partei einen nationalen Mantel umgehängt hat. Denn er mir Beharrlich­keit und Zähigkeit auf diesem Wege weiter fortschreitct, so kann er iick) vielleicht noch zu einem deutschen IauröS entwickeln. Ich würde das iviinfcficii. Vorläufig aber muß ich mit Bedauern konstatieren, daß die deutsche Sozialdemokratie gegenüber Rußland eine überaus feindliche und ungeschickte Propaganda betreibt. Nun hat Herr von Vollmar audi Andeutungen gemacht ober vielmehr er hak sich bezogen auf Andeutungen bc3 Herrn Bebel, die mir darauf hinaus zukommen schienen, als ob wir Rußland gegenüber irgendwie ge­bunden wären. In dem offiziellen Organ der sozialdemokratischen Partei habe ich dieselbe Behauptung gelesen. ES heißt da:Tas Verhalten deS Reichskanzlers int Reichstage gegenüber den kurzen Andeutungen, die Bebel über den Königsberger Prozeß gcmad)t J)at, beweist zur Genüge, daß bie gegenwärtige Regierung im Russen- dienst völlig und unrettbar verstrickt ist. Ter langjährige englische Botschafter in Berlin, White, hat nun in einer englischen Zeitschrift behauptet, das; er ganz fidber wisse, cS sei ein Gcheimvertrag zwischen Rußland und Teistschlanb abgeschlossen worden. Alle Anzeichen fprcdxii dafür, daß ein solcher Vertrag tatsächlich existiert und daß Deiirfchlaud sklavisch an Rußland gebunden ist. Man har säst den Eindruck, als ob die erstaunliche Nachgiebigkeit des Kanzlers Ruß­land gegenüber nur dadurch zu erklären ist, daß man sich vor un­angenehmen Enthüllungen fürchtet. Man hat mit diesem Vertrage Rußland eine Waffe in die Hand gegeben" meine Herren, ick; bin fein übermäßig gescheidter Mensch, aber halten Sie mich wirflich für einen so folossalen Echsen? (Stürmische Heiterkeit)und auch der Regierung die Möglichkeit genommen, sich von dem Jock) zu löse«. Vielleicht gen innen die Freisinnigen wenigstens die Energie, bei dieser Gelegenheit sich nach dem geheimen Vertrage, der zwischen Rußland und Deutschland abgesck',losten ist, zu erkundigen." Was die Herren von der freisinnigen Vereinigung tun werden, weiß ich iiirfrt, aber was- die Bemerkung artlangr, daß eine solche Behauptung aukgegangen märe von bem langjährigen englischen Botschafter in Berlin White, so hat eS allerdings einmal einen englischen Bot- schaftcr gegeben, der White hieß, der war aber nicht Botschafter in Berlin, sondern in Konstantinopel (Heiterkeit). Dann hat es audi mal einen Botschafter in Berlin gegeben, der White hieß, der war aber nicht englischer, sondern amerikanischer Botschafter. (Erneute Heiterkeit.) Auf dieser Höhe der Sachkenntnis, die an Pichels- wcrder erinnert (Heiterkeit), steht ber Inhalt dieses ganzen Ar­tikels ober ähnlicher ick; will nicht sagen Insinuationen, aber An­deutungen. Für die große Mehrheit dieses Hauses brauche ich wohl nicht zu sagen, daß ein solcher Vertrag nicht existiert.

Tann hat Herr von Vollmar gemeint, die auswärtige Lage sei eine so friedliche, daß er nicht einsehe, weshalb wir unsere Wehr- fraft noch zu verstärken brauchen. Wir haben keinen Grund, an der Aufrichtigkeit der FricdcnSversichcrungen zu zweifeln, die die Regierungen der Großmächte abgegeben haben. Die Negierungen, Fürsten und Staatsmänner sind all.' ben dem aufrichtigsten Wunsche erfüllt, den Frieden ausrecht zu erhalten.

Ich kann noch hinzufügen, daß die zwischen den Mächten be­stehenden Alliancen sich mehr und mehr als Instrumente des Frie­dens bewährt haben. Wie sehr dies vom Dreibund gilt, habe ich schon einmal dargelegt: aber auch die französisch-rus­sische Alliance hat sich als friedenserhaltend bewährt, indem sie auf gewisse weniger friedliebende Elemente in Frankreich Ein­fluß ausgeübt hat. Wir hoffen, daß auch die französifch- englische Annäherung von friedenserhaltender Wirkung sein wird. Für Deutschland dürfen iuir wohl daS Verdienst in An­spruch nehmen, daß es dank der Friedenspolitik unseres alten Kaisers und seines großen Kanzlers den Grund für eine lange FriedcnSepoche gelegt hat. Ich tvürde aber nicht meinen Pflichten als auswärtiger Minister genügen, wenn ich die Augen dagegen virfchlietzen wollte, daß es in Europa auch Ilnterströmiingen gibt, die zu kriegerischen Verwicklungen drängen. Denken Sie an die Revanche-Gelüste in Frankreich! Wir haben den innigen Wunsch, daß sie mehr und mehr siel; verflüchtigen mögen, aber als so friedlich, wie Herr von Vollmar, vermag ich doch die

Situation jenseits der Vogesen nicht anzusehen. Wenn Sie denken an die kürzlich von mir berührte Verhetzung englischer Journale und an analoge Erscheinungen, so werden Sie mir zugeben, daß es tveder in der Welt an Zündstoff fehlt, noch an Leuten, die Lust hätten, den Zündstoff zur Flamme zu entfachen. Eins ist sicher: wenn Deutschland bisher ein Bollwerk friedlicher Bestrebungen gewesen ist, so konnten wir das nur sein dank unserer Stärke. (Sehr wahr!) Ein schwaches Deutschland würde sofort kriegerische Neigungen groß werden lassen. Ein schtvachcs Deutsch­land und damit will ich schließen würde nicht nur für uns eine Gefahr bedeuten, sondern auck) für ben europäischen und für den Weltfrieden, ben wir aufrecht erhalten mochten. (Lebhafter Beifall.)

Abg. Dr. Spnhn (Ztr., sehr schwer verständlich): Die Vor­würfe. die man dem Zentrum gemacht hat, sind unberechtigt. Dem Schatzsekretär, der heute wieder so beweglich die Finanzlage ge­schildert hat, möchte ich erwidern, daß wir uns in nerster Linie zu- sammenfi.iden müssen, die Reichsansgaben zu beschränken. Daß eine Erhöhung der Matrikularveiträge die Lösung von Kulturauf­gaben unmöglich machen soll, glaube ich nicht. Es braucht ja nicht alles auf einmal gemacht 311 werden. Ten Königsberger Prozeß halte ich auch nicht für eine Ruhmestat der preußischen Justiz. Ll?an har uns eine Denkschrift über Südwestafrika vorgelegt, aber sie ist unvollständig, es fehlt cm sehr wichtiger Brief, den Lentwein an die rheinische Mission geschrieben hat, und in dem er die Reser- vatpolitik ablehnt. Wenn man aber eine solche Denkschrift vorlegt, so müßte sic doch auch vollständig sein. Inbezug auf die Diäten hat sich der Reichskanzler in früheren Jahren weit entgegen­kommender als jetzt geäußert. Heute legt der Reichskanzler so großes Gewicht au: die Verfassung, aber der Zustand, der jetzt be­steht, widerspricht bem Geiste Der Verfassung. Ter Reichskanzler macht es jetz! selbst den Revisionisten unmöglich, in den Reichstag zu kommen: öcbanfcnfrcihcit kann nur durch die Diäten kommen. Dräger deS deutschen Einheitsgedankens waren nicht die Fürsten, das war da? benriefte Volk, da sollte man cs doch erreichen, daß anS allen Gegenden Deutschlands die Abgeordneten möglichst zahl­reich zusammenkommen. Früher war Der Reichstag auch nicht stärker besetzt als jetzt. Zu einer Gefahr ist der Absentismus nur dadurch geworden, daß die Sozialdemokraten infolge ihrer Partei- diäten zahlreicher hier versammelt sind, als die anderen Parteien. Der Reichskanzler sollte daher nicht ablenken, sondern den Wunsch des RcichStaae>' nach Diäten erfüllen.

Abg. Stöcker (b. k. Fr.): Tie Reden der Sozialdemokraten machen auf mich gar keinen Eiiidruck. Sic können sich nicht rühmen, die Ausgaben abgelehnt zu haben, denn sie lehnen ja daS ganze Budget ab. Ihre Abstimmung ist daher feinen Pfifferling wert. Zu einer Erhöhung der indirekten Steuern lärmen wir nicht kommen, ehe wir nicht die großen Vermögen stärker herangezogen haben. Gegen eine Reichscinkommcnsteuer bin ich iiichr, halte aber eine Rcichserbschaftssteuer für weit besser. Der japanische Krieg gibt uns gute Lehren. Was die Japaner aus- itekirnet, isr vor allem unbedingte Vaterlandsliebe und unbedingte Pietät. Daher stammen die Erfolge der Japaner. Es ist gar nicht unmöglich, das; sich da im Osten eine Aendcrung der Weltgeschichte anlahnt. Die 500 Millionen Chinesen und Japaner bilden für Europa eine nicht zu unterschätzende Gefahr. Es ist meine Hoff­nung, daß Die schweren Schickialsschläge Rußland? für Rußland das werden, waS Jena für Preußen wurde. In Südwestafrika wäre es Wohl nickst so nxit gekommen, wenn man rechtzeitig die Vorschläge der rheinisdicn Mission befolgt hätte. Ter unglückselige Braunt- weingenuß scheint leider da auch eine Rolle gespielt zu haben. Wie die Sozialdemokraten nach dem Dresdner Parteitag noch Vorlesungen über den guten Ton halten können, verstehe ich nicht. Ebenfalls verstehe ich es nicht, wie sic sich über den Zolltarif er­eifern können. Sic selbst sind durch ihre Obstruktion ja Schuld daran, daß der Zolltarif eine solche Gestalt bekommen hat. (Lachen bei den Soz.) Die Art. wie die Sozialdemokraten auftreten, wie sie selbst so schöne Lieder wie dasStille Nacht, heilige Nacht!" pcrfif!icicn, zeigt nur, daß sic das ganze Volk bis ins innerste Herz vergiften wollen. Unsere erste Aufgabe mutz es daher fein, Die Sozialdemokraten zu bekämpfen. Wenn die Sozialdemokraten nur Sozialisten wären, wenn sie nur das Los der ärmsten Klassen ver­bessern wollten, dann könnte man mit ihnen paktieren. Ta sie aber den Kamps gegen alles wollen, müssen wir sie bekämpfen. Tie Hauptaufgabe der Negierung mutz es sein, die berechtigten For­derungen der Arbeiter zu erfüllen, dadiirch gräbt man den Sozial­demokraten das Wasser ab. Leider aber tut die Regierung sehr viel, was im Volke Unwillen erregt. So bat man mich überall qcfi-agt. weshalb hat die Ncchernng die Kosten der Fleischbeschau so ungeheuer erhöht. Wir müssen die christliche Grundlage unseres Volke? wieder gewinnen, sonst gehen wir den grötzten Gefahren entgegen. Für Tiätcn bin ich auch, bann würden wir auch Arbeiter in den Reichstag bekommen. .

Abg. v. Gerlach (frei)- Vgg.): Auch ich trete ftir eine Rcichs- vermögenssteuer ein, doch mutzte sie für alle Vermögen über ICO 000 Mark eingeführt werben, auch für die agrarischen. Die agararischen Zeitungen reden jetzt schon davon, bah nur bas mobile Verrnöaen, nicht der Grunbbcsitz besteuert locrben mutzte. Davon kann natürlich keine Rede sein. Es wäre ein großer sozialpoli­tischer Fortschritt, wenn eine solche Steuer aus dieser Debatte her- vorainge. Herr Stöcker hat in seinen Bemerkungen über den Zoll-i tarif die Tinge auf den Kopf gestellt. Es läßt sich doch nicht leugnen, daß die 2)?ajorität damals keine Debatte tvollte. sondern einfach jede Diskussion abschuitt und jede Beratung uiimogiia) machte. Sic ließ Gewalt für Recht ergehen.

DaS bekannte Urteil dc? Kriegsgerichts in Dessau hat nese Erregung hervorgerufen; selbst Kriegervereinsmitglieder, die kurz vorher beim Einzug des Kaisers Spalier gebildet hatten, verur­teilten einmütig das Urteil. Wegen einer Bagatelle, wegen einer einfachen Tanzbodciigeschichte fünf Jahre Zuchthaus! . Der Prozeß beweist Die Notwendigkeit einer Aendcrung deS Militarstrasgeietze^. An solcher Aendcrung haben namentlich diejenigen ein Interejje, die die Aufrechterhaltung des Bestehenden wünschen. Wir toollen keinen Kadavergehorsam, sondern einen Gehorsam aiu> Ueocr*

Nicht verstehen wird man cs im Volke, daß der Reichskanzler den AuSgang des Königsberger Prozesses als Produktpiristiichee Meinungsoerlchicdenheiten" dargestellt hat. Die Schmach, ne ixt deutschen Justiz angetan ist, besteht nicht darin, daß er kläglich uns elend ausgelaufen ist, sondern, daß er,aus Gesalligfeit gegen Ruß­land Überhaupt cingeleitet wurde. Wie der Reichskanzler über die Witze unserer Witzblätter so nervös sem kann, ver;whe ich nicht Nach Rußland kommen diese ja doch nicht hinein. Da kommt ja überhaupt kein Hauch modernen Geistes Hinern.

Hierauf vertagt das HauS die weitere Beratung au) Sonnabend, 1 Uhr.

Schluß gegen 6 Uhr.

FrlctNcs Keuitleton.

M endesohn-Bartholdys Paulus. Mit Unrecht Vt in der gemeinen Meinung Mendelsohn in unserer Zeit etwas in den Hintergrund gedrängt worden. Richt nur haben wir ihm die Wiedererweckung Johann S e b a st i a n B a ch's in alleren:er Linie zu danken sein Eintreten für Diesen uner­gründlichen Großmeister kann nicht hoch genug gesck-ätzt werden er hat ev auch verstanden, den alten und neuen (Seift mit- tmant i auszujöhnen, durch eigene vollendete Werke uns die

M näher zu bringen. Hans v. Bülow nennt M^del* lohn einmaldas höchste Formgente nach Mozart" und Ro b. Schumann macht denselben Vergleich, indem er Mendelsohn denMozart des 19. Jahrhunderts nennt, den hellsten Musiker, ter £>1 2: is< riorüchc der jcit am klarsten durchschaut uno zuerst versöhnt." Zu den Höhepunkten (eines Schaffens gehört sein Paulus. Dies Oratorium, 1833 begonnen ivurcc zum ersten- male am ri. Mai 1836 auf dem rbemrieften Musikfest in Düsse! dorj aujgeführt, oarnach von l^enocisohn bedeutenD gekürzt und ,t oiejer Gestalt dann ab 11 '/> Jiul in dem knappen Zeitraum . on kaum Jahren airigcffrijrt. Eben der Pauius sicherte dem

Komponisten cj:e critc Stelle unser seinen Zeügcnossen. Rach Haydns S ch ö p s u n g hat bis zum Paulus rein Oratorium ben annähernd gleichen Erfolg gehabt.Er hat", sagt Kretzschmar, bis auf die Gegenwart in immer wechselnder Umgebung und mitten unter der neuerwachten Pflege Handels seine Stellung behauptet. Die Zeit, wo über dieses Werk einsach zur Tages- oronung i'ibergcganAen werden könnte, ist noch sehr fern. Es gehört eine barbariiche Einseitigkeit dazu, sich der reichen mensch­lichen und musikalischen Individualität zu verschließen, welche aus diesem Oratorium spricht. Ehöre, wieSiehe, wir preisen selig" undO welch eine Tiefe des Netchtums" oderWie lieblich sind die Boten", Sologesänge wieJerusalem",Gott sei mir gnädig" undSei getreu bis in den Tod" find unter das Schönste und Eigentünilichstt zu zählen, Ivas die 9Rnsik des 19. Jahrhunderts hervorgebracht hat. Sie vertreten den EmpsindungSgehatt des Oratoriums. Aber auch die dramatische Charakteristtt ist in dem fanatischen Chore der Juden lai.eSei uns gnädig' mit Leistungen bedacht, bie in bei* I)ra-- toneniitcTatur einen ersten Platz verdienen." Den Text hat siel; ur Komponist ous der Bibel zujaminengejlellt unb zwar unter iirengiicr Bejchrunkung. TerMessias" und bieMatth.ius-

passiou" warm feine Vorbild.'r. Tie Bekehrungsszme des PiruluS bildet das Hauptstück, vorbereitet durch die Szene dc§ Stephanus. ^Rach der Bekehrung sehen wir Paulus unb Barnabas ausziehen zur Verkündigung des Evangelinms, den Widerstand der Juden man beachte besonders den ausgezeichnet charakteristischeir Chor:Ist das nicht der zu Jerusalem" und dann nach dem wiederholtenSteiniget, steiniget ihn" die Aftschiedsszene deS Paulus, die. ihren ergreifendsten Ausdruck in dem einfack-en Satze:schone doch deiner felbst^ gefunden hat. Und nicht in Wehmut, sondern apologetisch schließt das Gmize mit dem Lvb- gesang:Richt aber ihm allein Lobe den Herrn, meine Seele" einen erbauenden Abschluß verbürgend. Möge denn der Paulus auch hei uns heute die Würdigung finden, die er verdient.

Vaca t. In einer Kirche in Sachsen sind die vermieteten Plätze mit den Rainen bet Mieter bezeichnet, die nicht vcvnueteten haben die schöne Umschrift: Vacat ( frei). Das Kind einer zu- gezogenen Familie kommt nach bem ersten Besuche ber Kirche nach Hause unb sagt zur Mutter:Die Vaeats müssen aber reiche Leute jem; bie haben so viele Plätze in der Kirck)e."