Ausgabe 
10.12.1904 Fünftes Blatt
 
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Nr. 291

Samstag, 10. Dezember 1904

Erschein- ftgilft enti Du«nahms bei Bdmrfogft.

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Gießener Ayeiger

154. Jahrg.

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Redaktion. <fc$pebttton a. Druckerei? Äfculfttf. t<L Nr. M. Letee^Adr.i Ln-elger Otetz«,

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Parlameularische Verlianviinisien.

Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet.

Aenticher UeichstKg.

108. Sitzung vom 9. Dezember, 1 Uhr.

Das Haus ist f ch w a ch besetzt.

Am B u n d e s r a t s t i s ch'e : Graf von Bülow, Graf Posadowsky, Frhr. v. Stengel, v. Einern, Krätte, Stuebel, Frhr. von Richthosen, von T i r p i tz u. a.

Vor Eintritt in die Tagesordnung ergreift das Wort:

Reichskanzler Graf v. Bülow: Die verbündeten Negierungen hatten die Absicht, diesem hohen Hause die mit Rußland, Rumänien, Belgien, Italien, der Schweiz und Serbien vereinbarten Handels­verträge nach dem Schluffe der ersten Lesung des Etats vorzulegcn. Die Handelsvertragsverhandlungen mit Oesterreich-Ungarn waren, wie den Herren bekannt ist, auf emen toten Punkt gelangt und mußten wegen erheblicher Meinungsverschiedenheiten abgebrochen werden. Infolge uns jetzt von österreichisch-ungarischer Seite ge­machten Mitteilungen ist Aussicht vorhanden, auch mit diesen unfern Nachbarn zu dem gewünschten Einvernehmen und Einverständnis zu kommen. Selbstverständlich halten wir daran fest, daß wir entsprechend jenen von mir in diesem hohen Hause abgegebenen Erklärungen nur einem Handelsverträge zu­stimmen und nur Ihre Genehmigung für einen solchen nachsuchen können, der uns ausreichende Garantie gewährt, daß der deutsche Viehbestand gegen Seuchengefahr geschützt bleibt. (Beifall rechts.) Auch haben wir hinsicht­lich der österreichischen Einzelfälle im Interesse unserer A u s - fuhrindustrie Wünsche, die zu erfüllen sind, wenn es zu einem Handelsverträge kommen soll. Da das Einbringen der fertig gestellten sechs Handelsverträge die Handelsvertragsunter­handlungen mit Oesterreich-Ungarn st ö r e n würden, während andererseits nach der Geschäftslage dieses hohen Hauses die volle Durchberatung der neuen Handelsverträge vor Weihnachten nicht ganz sicher erscheint, werden die verbündeten Regierungen Ihnen die neuen Handelsverträge alsbald nach den Weihnachtsferien vor­legen. Wir werden bestrebt sein, darauf hinzuwirken, daß das Inkrafttreten der neuen Handelsverträge und des neuen Zolltarifs keine Verzögerung erleidet. Unter diesen Umständen darf ich an dieses hohe Haus die Bitte richten, zur Zeit nicht in eine Be­sprechung der handelspolitischen Situation einzutreten.

Das Haus setzt hierauf die erste Beratung des Reichshaushalts und der beiden Militärvorlagen fort.

Reichsschatzsekre^är Frhr. v. Stengel erwidert auf die An­regungen und Wünsche, die von den Rednern des Hauses während der bisherigen Etatsberatungen laut geworden sind. _ Ter Abg. Frhr. v. Richthofen hat mich geftagt, wie es mit der Resolution des Reichstages vom 15. Mai stände, die drei verschiedene Gegenstände behandle (Zuckersteuer, Branntweinsteuer usw.). Ich kann dar­über noch nichts deftnitives sagen, da der Bundesrat sich noch nicht schlüsna geworden ist.

Was die Eutschädigungsfrage für die An­siedler in Südwestafrika betrifft, so wird den Ansied­lern volle Entschädigung zuteil werden. Die Einzelheiten werde ich in der Budaetkommisnon vortragen. Der Abg. Storz hat mir vorgeworfen, daß ich inbezug aus den aus den Mehrerträgen der Getreide- und Vieozölle in Aussicht genommenen Fonds zur Unter­stützung von Witwen und Waisen noch völlig ratlos sei. Davon kann natürlich gar keine Rede sein. Ich habe nur eine Mahnung an das Haus richten wollen, sich doch von den Einnahmen aus dem Zolltarif nicht allzuviel zu versprechen.

Wenn der Reichstag eine wirklich grundlegende Sanierung des Reichsnnanzwe'ens haben will, dann werden wir uns auch über den Weg verständigen können. (Hört! hört!) Auf keinen Fall geht es aber, die Sanierung der Reichsfiuanzen auf calendas graecas zu vertagen. Man hätte schon längst die bessernde Hand anlegen sollen. Ich kann es auch nur bedauern, daß das Finanz­reformgesetz vom Mri dieses Jahres nicht schon 20 Jahre früher gekommen ist. Wir würden dann allein jedes Jahr an Zinsen für die Reichsschuld 20 Millionen Mark gespart haben (Hört! hört!), und dann könnten wir jetzt für den neuen Bedarf des Reiches mit Bargeldern statt mit neuen Schuldentiteln sorgen. Diese Ausfüh­rungen richte ich besonders an die Adresse des Herrn Abg. Müller- Sagan, der unsere Schuldenwirtschaft so sehr getadelt hat. Es ist auch vom Hause eine anderweitige Verteilung der Matrikularbei- träge voraeschlagcn worden. Es ist auf das Beispiel Oesterreich- Unaarns lnngewiese'n worden. Ich weiß nicht, ob man dieses Bei- sviel auf Deutschland mit seinen 26 Einzelstaaten übertragen kann. Eber würde schon das schweizerische Verfahren für uns in Betracht kommen Jedenfalls könnten wir das aber nicht tun ohne eine Ver- fassimasänderuna. Die Matrikularbeiträge, abgestuft je nach der Wohlhabenheit der Einzelstaaten zu erheben, ist sehr bedenklich. Das würde die schwächeren Einzelstaaten in eine gewisse Abhängig­keit von den stärkeren bringen. Wir werden uns also wohl oder übel damit bescheiden müssen, die Matrikularbeiträge in ihrer jetzigen Form bi? auf weiteres fort>nerheben. Was aber tun zur Sanierung der Reicksftnanzen? Wir sollen die Steuerschraube weiter anziehen! Reichseinkommensteuern! ruft man uns zu! Ja, das siebt in der Therorie ganz einfach aus, im praktischen Leben spielen sich aber die Dinge doch wesentlich anders ab. Dieselben Abgeordneten die hier im Reichstage den Ruf nach einer Reicho- einkominensteiler erheben, dürften weniger geneigt sein, m ihren Einzelstaaten für die Erhöhung der direkten Steuern zui stimmen. Die direkten Steuern sind schon jetzt in den einzelnen Landtagen bis auf das höchste angespannt. Vielfach, müssen Kulturaufgaben deshalb zurückbleiöen, z. B. muß an den öffentlichen Gebäuden.ge­spart werden, worunter dann tausende von Arbeitern , leiden. Tausende von kleinen Beamten warten vergebens auf eine Er­höhung ihrer Besoldung. Handwerker, kleine Landwirte haben den Hauptnachteil davon. Das ist der Schaden der Matrikiilarbeitrage, und ich muß. wenn ich gerade diese Not der kleinen --eute änsehe, sagen, wer sich hier um eine gründliche Sanierung der Finanzen herumdrückeu will, der rede mir von allem in^der Welt, nur nicht von d-'r Nückuchtnabme auf die wirtschaftlich Schwachen.

Abg. Graf Stolberg (kons.): Ich kann namens meiner Freunde nur erklären, daß sie dem Abg. Dr. Stockmann vollständig in dem beistimmen, was er über den Frhr. von Mirbach gesagt hat. Ter Abg. Bebel hat gesagt: Rußland sei zusammengebrochen. Ich glaube, bei ihm ist der Wunsch der Vater des Gedankens. Ruß­land ist heute in einer schwierigen Lage. Aber 1812 war es in einer noch schwierigeren Lage, trotzdem hat 1814 der Kaiser AIer;an- ber von Paris aus der Welt die Politik vorgeschrieben. Wir wollen eine Politik des guten Einvernehmens mit unserm östlichen Nach­bar. Tie neue Militärvorlage wird die Zustimmung Freunde finden. Die Kavallerievermehrurig scheint uns gerecht­fertigt. Es ist strategisch unrichtig, daß die Kavallerie in einem Zulunftskriege entbehrt werden kann. 1871 hat Kai,er Napoleon

in seiner Unterredung mit Kaiser Wilhelm anerkannt, daß die durchschlagenden deutschen Siege in erster Linie der Kavallerie zu danken seien. Auch im russisch-japanischen Kriege zeigt sich die Notwendigkeit der Kavallerie. Tie Japaner können mangels der Kavallerie ihre Siege nicht ausnutzen. In einem Kriege, vor dem uns Gott möglichst lange bewahren möge, wird die Kavallerie noch einmal eine hervorragende Rolle spielen. Ich glaube, daß der Kriegsminister alles tun wird, um seine Forderung durchzu­setzen. Was die zweijährige Dienstzeit betrifft, so hat die Militär­verwaltung früher erklärt, sie könne ohne dreijährige Dienstzeit nicht auskommen. Es ist nun die Probe nut der zweijährigen Dienstzeit gemacht und die Folge war Ueberanstrengung und Ueberarbeitung des Ausbildungspersonals. Hierauf sind die meisten Soldatenmißhandlungen zurückzuführen. Deshalb mutz man für eine Vermehrung und bessere Besoldung des Unteroffizierkorps be­müht sein. Namens meiner Freuiide habe ich zu erklären, daß w'.r noch zweifeln, ob die von der Negierung geforderten Kom­pensationen ausreichen. Auf alle Fälle aber stellen sie das Mini­mum dessen dar, was nötig ist. Hoffentlich wird das Gesetz mit einer großen Mehrheit angenommen. (Beifall rechts.)

Abg. v. Vollmar (Soz.): Ich beschränke mich auf wenige Punkte, indem ich mir und meinen Freunden Vorbehalte, auf alles, was uns wichtig erscheint, bei der Spezialberatung zurückzukommen. Der Reichsschatzsekretär hat uns klaren Wein über die Finanzlage eingeschenkt, er hat im Gegensatz zu seinen Vorgängern eine große Offenheit an den Tag gelegt. Man hält uns Sozialdemokraten für Träumer, weil wir die Politik nicht durch das enge Guckloch der Tagesereignisse betrachten. Aber wer sehen konnte und wer sehen wollte, der konnte seit Jahren sehen, wohin wir mit Not­wendigkeit geraten müssen. Ein Unbefangener könnte zu der An­nahme kommen, die Rede des Schatzsekretärs stamme von einem Redner der äußersten Linken. Man könnte den Schatzsekretär eigent­lich bedauern, er ist aus einem leidlich reichen Hause hervorge­gangen, wo man nicht wußte, wohin mit den Ueberschüssen, und jetzt kommt er aus dem Schuldenmachen nicht mehr heraus. Ver­antwortlich^ für diese Zustände sind die Parteien, die in ihrer Be­willigungswut alle Forderungen der Regierung erfüllt haben. Von Sparen kann keine Rede fein, denn wo gespart werden kann,, da wollen ja die Herren nicht sparen. Neue Steuern stehen in Aussicht. Der Schatzsekretär sagt, die wirtschaftlich Schwachen werden ge­schont. Nun, nicht nur die Sozialdemokraten, sondern weite Kreise des Volkes, die nicht zu uns gehören, glauben nicht an die Einlösung dieses Vresprechens. Tas Wort ist schon zu oft ge­braucht. Wir werden das Volk daran erinnern, wenn es die Fol­gen des Zolltarifs an seinem eigenen Leibe zu spüren bekommt. Ter Abg. Spahn hat sich dagegen verwahrt, daß das Schönheits­pftaster des Zolltarifs, die Wirwen- und Waisenversorgung fallen gelassen werden könnte. Wir werden ja sehen. Ter Weg zur Hölle ist bekanntlich mit guten Vorsätzen gepflastert. (Heiterkeit.) An uns Sozialdemokraten soll es nickst fehlen, wir werden Ihr , Gedächtnis schärfen, wenn es gewohnheitsmäßig schwach werden sollte. Ein anderes Schöiibeitspftafter des Zolltarifs, das Ver­bot der Erhebung kommunaler Steuern auf Lebens­mittel ist ja schon im Abbröckeln beariffen, man petitioniert schon um Beseitiaung dieses Verbots. Will man eine Belastung der Minderbemittelten vermeiden, so wird nichts anderes übrig bleiben, als die Einführung einer progressiven Einkommen­steuer. Damit verlasse ich das Gebiet der Einnahmen, soweit wir überhaupt von Einnahmen reden können (Heiterkeit) und wende mich zu den Ausgaben. Gegenüber dem Kolonialwesen nehmen wir Sozialdemokraten konseguent eine ablehnende Haltung ein.. Die Begründung neuer Militärvorlagen ist noch keinem Kriegsminister so schwer gemachst wie dem jetzigen. Man erklärt, daß man eine Friedenspolitik treiben will und erhöht trotzdem die Präsenzstärke der Armee, und die Regierung bezeichnet das, was sie fordert, noch dazu als das Minimum des Notwendigen. Tie von manchem Redner so bewunderte Zurückhaltung der Militärvorlage ist nicht so hoch anzuschlagen, sie ist nur eine momentane. Warten wir ab, bis die neue Flottenvorlage kommt, die ja ihre Schatten schon vorauswirft. iSe^r wahr! links.)

Der Herr Reichskanzler hat sich neulich wiederholt mit dem Ton des Abg. Bebel beschäftigt, aber er selbst hat wieder wie im vorigen Jahre in einer so verärgerten persönlichen Art gesprochen, wie es in einem halbwegs konstitutionell regierten Staate un­möglich ist. Seine Rede ist in englischen Blättern als mutwillige Herausforderung eines großen machtvollen Teils der deutschen Nation angesehen worden. (Hört, hört! bei den Soz.) Es könnte so scheinen, als ob ter höchste verantwortliche Beamte des Deutschen Reich? nicht di" Aukaabe hätte, parlamentarisch Rede und Antwort zu stehen und die Politik zu verantworten, die seinen Namen trägt, sondern als ob es gar keine höhere Aukaabe gebe, als diejenige, die größte Partei in Deutschland nach Möglichkeit zu brüskieren. Aber ganz abgesehen davon, möchte ich fragen, was soll denn mit solcher Art von Polemik eigentlich erreicht werden? Zweifeftos gibt es hier im Hause und auch außerhalb manche Leute, die solchen Ausführungen Beifall zollen. Aber in Bezug auf die bleibende Wirkung seiner Rede gibt sich der Kanzler Täuschungen hin. Die Scharfmacher, die Freunde neuer Ausnahmegesetze, die Männer des Staatsstreichs, denen ist doch nicht bloß mit Worten gedient, die wollen Taten sehen. (Sehr wahr! bei den Soz.) Sie wollen, daß Der Sozialdemokratie an die Gurgel gefaßt werde. (.Heiterkeit links.) Indessen weiß der Kanzler doch zweifellos, daß diese Art des Vorgehens gegen die Sozialdemokratie eine sehr gefährliche ist. (Lachen rechts.) Warten wir es ab! Ich sage, daß das ein sehr ge­fährlicher Weg ist und daß dieser Weg auf die Dauer auch außer­ordentlich wenig Erfolg verspricht. Der Kanzler weiß weiter, daß, wenn dieser Weg beschritten würde, ihm die Zügel außerordentlich schnell entrissen würden, denn was die Leute, die diesen Weg wünschen, haben wollen, das ist der starke Mann mit wenig Hirn (stürmische Heiterkeit) und eisernen Nerven. Das ist der Reichs­kanzler nicht. Ter Reichskanzler sollte sich weniger an Aeußerlich- feiten und Kleinigkeiten halten und mehr in den Kern einzudringen suchen. (Abg. Bebel: Sehr gut!) Wer in einer Zeit wie der unsrigen, wo Uingestaltungen im Innern des sozialen Körpers sich vollziehen und wo gewaltige Erscheinungen sich vorbereiten, nicht versucht, das Wesen des Sozialismus zu erkennen und ihm gerecht zu werden, der mag ein pflichtgetreuer Beamter, der mag ein form­gewandter Diplomat fein, ein Staatsmann ist er nickst. (Sehr gut! bei den Soz.) Und nun zur Sache! Der größte Teil der Rede des Kanzlers bezog sich auf das Verhältnis der Sozialdemokratie zum russischen Reick: er hat versucht, uns ins Unreckt und sich um jeden Preis ins Reckst zu setzen. Ich kenne keinen Sozialdemo­kraten, der Sehnsucht nach der gepanzerten Faust hätte,(Sehr wahr! bei den Soz.), am allerwenigsten aber kenne ich einen Sozial­demokraten, aer wünschte, daß in einem .Kriege unser Vaterland unterliegt. (Sehr Ivnlir! bei den Soz.) Ter Kanzler sollte uns doch nickst mit jenen Leuten aus der herrschenden Klaste verwechseln, die jeden Augenblick bereit sind, ihren egoistischen Interessen zu

Liebe einen Weltbrand zu entzünden, wenn sie Vorteil davon haben (Sehr gut! bei den Soz.), ober mit jenen Leuten, die mit Gewalt den inneren Feind niederwerfen wollen, und deren Haß gegen uns so groß ist, daß man vor einiger Zeit hat lesen können, eine russische Invasion in Deutschland könnte wenigstens den Vorteil haben, Deutschland von der Pest der Sozialdemokratie zu befreien. (Hört, hört! bei den Soz.) Wenn wir nickt auf eine Intervention zur Beendigung des ostasiatischen Krieges bringen, so aus dem Grunde, weil wir der Ansicht sind, daß die Tinge dazu noch nickst reif sind, sowohl auf dem Kriegsschauplatz, wie im Innern Rußlands, wo sich bedeutungsvolle Umwandlungen vorzubereiten scheinen. Aber wir verlangen eine tatsächliche Neutralität, nicht bloß eine formelle mit Gefälligkeitsbezeugungen gegen den lieben Nackbar. Die offizielle Stellung Deutschlands kann aber schließlich doch nicht bewirken, daß alle Sym- oathien und Interessen innerhalb unseres Volkes schweigen, sie darf nickst dazu führen, daß man den Kampf gegen den russischen Absolutismus hier in Deutschland zu einem Verbrechen stempelt. Wenn der Reichskanzler das verlangt, so erklärt sich das nur aus der traditionellen spezifisch borussischen Vorliebe und Tienstwillig- kcit gegenüber Rußland, die Deutschland zu einer Satrapie Ruß­lands macht und schweifwedelnd jeden Befehl des Zaren entgegen# nimmt. Wir wünschen allerdings einen Umsturz der innern Ver­hältnisse Rußlands, ja wohl, Herr Reichskanzler, das wünschen wir (Lebh. Beifall), und wir haben dabei das ganze gebildete Europa, das ganze gebildete Rußland hinter uns. (Lebh. Beifall bei den Soz.). Wie ist'dieses russische System in dem Königs­berger Prozeß gebrandmarkt worden, in jenem Prozeß, der der preußischen Justiz einen nicht wieder gutzumachenden Schlag zu­gefügt hat. Rein juristischer Natur sollen die Erörterungen sein, die sich daran knüpfen, meinte der Reichskanzler. Nur aus rein juristischen Gründen seien die Schuldigen nicht bestraft worden! Ich denke: schuldig ist nur der, der sich gegen die Gesetze des Landes vergeht. Also hier nur gegen die Gesetze unseres Landes! Was soll da für ein neuer Begriff desSchuldigen" konstruiert wer­den! Was ist Denn geschehen? Es ist eine literarische Propa­ganda zur Aenderung der Verhältnisse in Rußland betrieben wor­den. Tie Sympathiecn aller Gebildeten standen auf der Seite dieser Propaganda! Denken Sie daran, wie Ihre (zum Zentrum). Parteigänger, die Reichensperger, die Windthorst über eine der­artige Propaganda dachten! (Redner zitiert einige Aeußerungen der Betreffenden). Man kann gesetzlich und staatsrechtlich solche Sbrnvathieen nicht verbieten,auch solche, die konkreten Charakter tragen", wie sich ein berühmter Staatsrechtslehrer ausdrückt. Wir sollten in Deutschland nicht russifcher sein, als die Rusten selbst! Ter Reichskanzler willan zuständiger Stelle" Rede über jenen Prozeß stehen. Unter derzuständigen Stelle" verstehen wir allein Den Reichstag. Und wir werden Sorge dafür tragen, daß alle diese Tinge hier in vollster - Oeffentlickkeit behandelt werden, damit wir das Gefühl Der brennenden Schande über unser Verhältnis zu Rußland loswerden.

So viel über Rußland!

Daß wir mit England, obschon es unser Konkurrent ist, im besten Einvernehmen leben wollen, versteht sich von selbst; wir werden mit England durch zu mächtige kulturelle Bande ver­bunden.

Nur noch ein paar Worte über unser Verhältnis zu Nord­amerika. Der Depeschenwecksel zwischen dem deutschen Kaiser unb' dem nordamerikanischen Präsidenten ist in mehrfacher Hinsicht sehr lehrreich für uns Deutsche. Wir können aus der Vermeidung boit' Ueberschwänglickkeiten und der Ueberreserve in dem amerikanischen Telegramm viel lernen. Aber wir können noch weit mehr uns zu Herzen nehmen. Wir Sozialdemokraten sehen in den Zuständen Nordamerikas wahrlich durchaus nicht das Ideal, weil der republi­kanische Kapitalismus schließlich um nickts bester ist, als der mon­archische. Aber nach einer anderen Richtung können wir lernen: daß da? Volk dort politische Freiheit und Selbstbestimmung hat, daß der Wille des Volkes ausschlaggebend ist, daß e§, keine erbliche und angeblich von Gottes Gnaderi stammende Negierungsgewalt kennt, sonden. daß es sich seine Regierung selbst wählt. (Sehr gut! bei den Soz.) Ans dem ganzen Depeschenwecksel kann auch der loyalste Deutsche lernen, daß es in geordneten Staaten nichts Ab­solutes. ewig Bestellendes gibt, daß alles Gesellschaftliche der Ent­wicklung unterworfen ist und geändert werden kann. (Sehr gut! bei den Soz.) Und auch dieser loyalste Deutsche kann dann er­kennen, daß auck das deutsche Volk, das doch nicht weniger kultiviert ist, als das amerikanische, sich auch einmal ermannen und freiheit-. liche Verhältnisse herbeiführen kann. (Lebhafter Beifall bei den Soz.)

Reichskanzler Graf v. Bülow: M. H. Ich möchte zunächst in aller Kürze eine Bemerkung richtig stellen, die der Vorredner, der Herr Aba. v. Vollmar,' soeben über mich gesagt Hatz Der Herr Abg. v. Vollmar hat gemeint, wenn ich ihn richtig verstanden habe, ich hätte am bori'rn Montag in verärgertem Tone gesprochen. M. H. so leicht ärgere ich mich nicht. (Heiterkeit.) Ich halte mich an den Rat des seligen Generalfeldmarschalls Wrangel, den er einst seinem Adjutanten gab, als dieser ihn fragte, ob er sich bet einer Besichtigung, die nickt besonders gut ausgefallen fei, ge­ärgert hätte. Darauf erwiderte der alte Feldmarfchall:Mein Sohn", sagte er zu ihm,ich ärgere mich . . . (Zuruf bei den Soz.: Mir, mir! Heiterkeit.) nur äußerst selten, ich ärgere lieber andere." (Große Heiterkeit.)

Nun hat der Abg. v. Vollmar weiter gemeint, ich hätte die fozialdeinokratische Partei herausgefordert. M. H., mich wundert, daß selbst ein so hervorragender Dialektiker, wie es der Herr Abg. v. Vollmar ist, daß er glaubt, in Vergessenheit bringen zu können, daß die Herausforderung auf der ganzen Linie doch bisher die Sacke der Sozialdemokratie ist. (Sehr richtig! reckt?.) Die Sozial­demokratie richtet beständig die heftigsten Angriff gegen die Negie­rung, gegen die Minister, gegen den Staat, gegen Gott und alle Welt. Tas sollen wir ruhig herunterschlucken. Wenn aber jemand etwas sagt, was der Sozialdemokratie nicht gefällt, dann wird sie empfindlich. (Lärm bei den Soz.) Das gibt un§ einen schönen Vorgeschmack von der Meinungsfreiheit, die in der sozialdemokrati­schen Zukunftsordnung herrschen wird. Vorläufig sind wir aber doch nicht so weit, daß wir den Türkenkopf abgegeben hätten, auf dem man herumtrommelt. Die Sozialdemokratie soll aber da§ PflänzchenRührmichnichtan" sein, das niemand antaften darf. Ich habe ebenso gut das Reckt, meine Meinung zu äußern wie jeder andere lRufe bei den Soz.: Gewiß I) und werde mich nicht daran verhindern lasten, wenn aber, in. H., der Abg. v. Vollmar mir Vorhaltungen gemacht hat über meinen Ton, über die Tonart, die ich pflege, so habe ick wohl hier unb da in der mir wohl­wollenden Presse gelesen, ick sei zu höflick, idi sei zu liebenswürdig, ich befleißige mich zu urbaner Formen, ick möchte einmal doch recht grob werden, denn daö gefalle dem Deutschen sehr gut. (Stürmische Heiterkeit.) Ob ich diesen Rat befolgen werde, da§ kann ich frei«