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10/09/1904 Zweites Blatt
 
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Nr. 213

Zweites Blatt,

154. Jahrgang

Samstag 10. September 1904

MWer Anzeiger

Erscheint Kgllch mti Ausnahme des Sonntags.

Redaktion» Expedition u. Druckerei: Schukstr.-.

Tel Nr. 6L Tel eg r.-Adr.; Anzeiger Gießen.

Rotationsdruck und Verlag der BrÜhlfchen Untversitätsdruckerell R. Lange, Gießen.

Dis ^Gießener KcnnMenblStter" werden dem »Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der -hessische Landwirt- erscheint monatlich einmal.

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Sieben.

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Kolttische Tagesschau.

Arm in Arm mit der Regierung.

Es ist werfwürdig, wie viele Leute seit einiger Zeit in sich den Beruf entdecken,die U msturzbewegung zu bekämpfen!" Ein ungestümer Eifer regt sich in allen Ständen. Früher hielten die Berufspolitiker die Zauber- mittel bereit, der Sozialdemokratie den Garaus zu machen, und jegliche Unzufriedenheit und mißvergnügte Nörgelei aus deutschen Gauen zu bannen. Jetzt müssen die eigentlichen Männer von Fach, zurücktreten hinter der Schar politischer Dilettanten^ die in dep Muße, die ihnen ihr Beruf läßt, gewissermaßen im Nebenamt, kühn die Lösung der Zeid- fragen unternehmen. Es ist die alte Erfahrung: je weniger einer von einer Sache versteht, um so herzhafter, mit sou­veräner Mchtbeachtung oder vielmehr Nichtkenntnis der Schwierigkeiten, geht er an sie heran. Ein Aufruf ist bald verfaßt und gedruckt, ein Komitee in gleicher Richtung Strebender oftmals sind es Neugierige, die sehen wollen, ^worauf der Scherz hinausläuft", zusammengetrommelt, und es bleibt dem ehrgeizigen Anführer übrig, den Segen der Reichsregierung zu dem großen Merk zu erbittere. Das heißt, nicht etwa nur die Billigung der Reichsregierung; mit dem platonischen Wohlwollen begnügt sich kaum einer der Weltverbesserer. Die Regierung soll durch Taten das Ziel erreichen Helfer:. Mr solche Zwecke muß Geld vor­handen sein, muß der behördliche Apparat zur Verfügung stehen, denn es handelt sich doch um das allgemeine Wohl. Wenn die Regierung in diesem Fall jeder Fall ist von unvergleichlicher Bedeutung, noch nicht dagewesener Wichtig­keit ihre Mitwirkung versagt, dann hat sie es sich selbst zuzuschreiben, daß der llmsturz immer ftecher sein Haupt erhebt Mit solchen kategorischen Worten wird jeoer Zweifel zirrückgewiesen und die Eingabe abgesand-t Selbstverständ­lich unmittelbar au die Adresse der maßgebenden Instanz: an einen Minister, an das Gesamtministerium, an einen Staatssekretär des Reiches, oder, um ganz sicher zu gehen, direkt an den Reichskanzler. Wochen entschwinden, die Ant­wort bleibt aus, die Mitglieder des Komitees und Auf­ruf-Unterzeichner machen, je nach Temperament, enttäuschte oder ironische Gesichter. Der Führer der Bekämpfungs- Bewegung gerät in gelinde Verzweiflung. Wie, soll er als blamierter Europäer" vor seinen Mitstreitern dastehen? Soll er mit seinen Ideen zur Aufrüttelung und Rettung des deutschen Volkes eine fsillschweigende und doppelt un­rühmliche Ablehnung erfahren? Das darf nicht fein, das könnte auf sehr unangenehme Weise den Fluch der Lächer­lichkeit herausbeschwören. Du muß das Glück ein wenig korrigiert werden. Zunächst werden die Forderungen, die der Anführer an dietätige" Mitwirkung der Regierung stellte, im stillen herab gestimmt. Es genügt ja schließ­lich, daß der Feldzugsplan wider den Umsturz nicht aus­drücklich abgelehut ist Mithin: die Regierung billigt die Sache. Von dieser Folgerung bis zu der Behauptung, die Negierungstehe auf dem Boden des Werkes", ist kein allzu großer Schritt. Ech'h schüchtern, dann kühner, endlich mit kraftvoller Bestimmtheit wird instreng vertraulichen" Rundschreiben an Gönner und solche, die es werden sollen, dienachdrückliche Förderung" ins Feld geführt, die hoch- ersreulicherweise dem ernsten Unternehmen durch die Re­gierung verheißen ist. Bleibt auch jetzt eine offiziöse Richtig­stellung aus, dann geht man wohl noch einen Schritt weiter. Man macht Andeutungen über Konferenzen mit sehr maß­gebenden Persönlichkeiten, über Besprechungen, die voraus­sichtlich binnen kurzem zu einemgreifbaren Ergebnis" führen werden. Jetzt wird die Presse mobil, Anfragen er­folgen, welche Bewandtnis es mit dem neuesten Projekt

habe? Die Regierung steht der Angelegenheit vollständig fern, lautet die trockene offiziöse Auskunft und die Seifen­blasen -«Platzen.

Eine ganze Reihe von Projekten hat die Oeffentlichkeit in dieser Weise kommen und verschwinden sehen. Fast in allen Fällen wollte die Regierung mit den Bestrebungen nicht das Mindeste zu tun haben. Daß trotz so vieler abschreckenden Spüren immer wieder, man kann sagen: in jeder Woche, ein neuer Versuch gemacht wird, Arm in Arm mit den leitenden Männern vor der erstaunten Mitwelt zu erscheinen, beweist einen wahrhaft rührenden Eifer um die Volkswohlfahrt. Nur spottsüchtige oder argwöhnische Menschen könnten auf die Vermutung kommen, daß etliche dieser emsigen politischen Dilettantenan Kreuz schmerzen laborieren", wie der alte Kaiser Wilhelm den bald zu be­hebenden Zustand nannte.

Friedeusverhandlungert" zwischen Berlin und Gmunden sollen nach Behauptung desHanrrov. Anz." vor einiger Zeit im Gange gewesen sein. Eine Verständigung zwischen Preußen und dem ehemaligen hannoverschen Königshause könnte so wird dem Blatte von einerin der hannoversch-braun­schweigischen Frage besonders versierten Seitea versichert immer nur auf der Grundlage einesFriedensschlusses" sich vollziehen, der seit dem 1866er Kriege zwischen beiden Par­teien noch ausstehe. In einem Friedensschluß würde es sich aber niemals um einen Totalverzicht, sondern lediglich um einen Partialverzicht handeln können, also um einen Verzicht des Unterlegenen auf begrenzte Gebietsteile, gleich- giltig, wie klein oder groß. Es heißt dann weiter in dem Artikel:

Mit dem ihm eigenen feinen Verständnis für diese Situation hat der K a i s e r den Kern des preußisch-welfischen Konflikts auch herausgefunden und dem Rechnung zu tragen versucht, als er bei den vor Monaten tatsächlich im Gange gewesenen Verhandlungen zwischen Berlin und Gmunden eine Verständigung pro» panierte auf der Basis eines allerdings den gegenwärtigen Ver­hältnissen im vollen Maße gerecht werdenden Partialverzichtes unter Rückgabe, dezw. Belassung hannoverscher Stammlande in Verbindung mit Braunschweig beim welfischen Fürstenhause. Diese Proposition scheiterte damals an gewissen hier nicht zu erörternden Gründen und Formalitäten.

Die Verlobung des Kronprinzen scheint darnach, so meint dieVoss. Ztg.", die Segel der welsijchen Hoffnungen mäch­tig geschwellt zu haben. Einen tatsächlichen Hintergrund haben dieFriedensverhandlungen" hoffentlich nicht.

Em Kommentar.

R. Berlin, 9. September.

Der Abg. v. Epnern läßt heute abend den Berliner Zeitungen einen Kommentar zu seinen kürzlich erfolgten Aus­führungen über dieHibernia"-Verstaatlichung zu­gehen. Herr v. Eynern hatte geschrieben:Es dürste der Staatsregierung nicht unwillkommen sein, wenn ehrliche Makler ihre Dienste anböten.1 Dies hatte nicht nur die Börse als ein Wort zur Verständigung vielleicht aus Grundlage einer höheren Offerte des Staates an die Hibernia"-Aktionäre aufgefaßt. Herr v. Eynern jedoch erklärt nunmehr, er habe im allgemeinen Staatsintereffe nur gewünscht, daß ehrliche Makler dem Handelsminister den Weg zeigten, sich aus den Fesseln zu lösen, mit denen er sich durch seine Abmachungen habe binden laffen. Herr Möller wird von diesem gütigen Wunsche seines ehemaligen Partei­

genossen kaum erbaut sein. Es ist ganz und gar nicht schmeichelhaft ausgedrückt, daß der Minister allein nicht im Stande sei, aus der schwierigen Situation herauszukommen, sondern erst derWegweiser" hierzu bedürfe. Das klingt fast wie »Spott zum Schaden".

8. Sitzung der Grotzh. Handelskammer Gießen, für die Kreife Gießen, Alsfeld und Lauterbach.

Protokoll-Auszug.

Gießen, 8. 6ept

Anwesend die Herren: Kommerzienrat Koch, Vorsitzender, Kom­merzienrat Heichelheim, Türbeck, Grünewald, Jhring, Nowach Rinn ,Röhr, Steinecke, sowie der Syndikus Tr. Knipper.

1. Aus dem Geschäftsbericht ist folgendes mitzuteilen: a. Tie von der Handelskammer gestellten Anträge zum Winterfahrplau der Staatsbahueu konnten vorerst nur zum Teil zur Ausführung gelangen. .Insbe­sondere wird im Wärter dem Wunsche der Handelskammer entsprechend der Schnellzug 81 Franffurt a. M.Gießen Köln bezw. Hagen (Gießen ab 8.22 vorm.) die in diesem Sommer eingeführte Fahrzeit beibehalten, sodaß in Gießen der Anschluß an den Zug 522 von Fulda (Gießen an 7.53 vorm.) bestchen bleibt, ferner wird den Interessen des Arbeiter- und Schülerverkehrs auf der Strecke Büdingen Gießen dadurch Rechnung getragen werden, daß Zug 501 (Gießen an 6.36 vorm.^ beibehalteu, dagegen Zug 501, der früher 5.40 vorm. in Gießen eintraf, zwei Stunden spater gelegt wird, sodaß er 7.40 in Gießen ankommt.

b. Ter im Entwurf der Handelskammer vorgelegte Winter» fahr plan der Biebertalbahn enthüll gegenüber dem vorigen Winterfahrplane keine wesentlichen Aender- ungen, sodaß die Kammer keine Einwände zu erheben hatte.

c. Aus Ersuchen der Eisenbahnverwallung hat die Handels­kammer die Interessenten in den Zelluugen aufgefordert, zur Vermeidung von Verkehrs st ockungen im kommenden Herbst mit der Deckung ihres Kohleu- bedarjs möglichst zeitig zu beginnen, das Ladegewicht der Wagen tunlichst auszunutzen und auf eine schleunige Be- und Entladung der Wagen Bedacht zu nehmen.

d. Ter königl Eisenbahndirektion zu Frankfurt a. M hat die Handelskammer ein Gutachten über die Beförderung, von Radiatoren erstattet und die Äufna^ne dieser Artikel in das Verzeichnis der bedeckt zu befördernden Güter befürworteten, da Radiatoren ohne Nachteile für die wellere Bearbeitung den Wrtterungseinftüssen nicht ausgesetzt werden können und bei den gesunkenen Preisen die Artikel den jetzigen Frachtzuschlag für Beförderung in gedeckt gebauten Wagen nicht ertragen können.

e. Der Seehafen-Ausnahmetarif vom 1. Juni dieses Jahres für den Verkehr zwischen den Nordsee- und Ostseehäfen einerseits und Stationen der Eisenbahn-Direk- tionsbezirke Frankfurt a. M., Mainz, Kassel usw. anderer- sells benachtelligt die Station Gießen dadurch, daß diese trotz der um ca. ein Zehntel geringeren kilometrischen Ent­fernungen von jenen Seehäfen höhere Frachten zu zahlen hat, als die Stationen Frankfurt a. M.-Oftbahnhof und -Sachsenhausen, zum Teil auch höhere Sätze als Hanau und Offenbach a. M. Die Handelskammer hat daher be­antragt, für die Station Gießen einen annehmbaren Aus­gleich herzustellen.

f. Bei der Kaiser!. Ober-Postdirektion in Darmstadt hat die Kammer beantragt, die mit dem Schnellzug 166 um 4,18 Uhr nachm. in Frankfurt a. M. erntreffeuden Brief­sendungen'nach Gießen zu mit dem Schnellzug 77 (Frankfurt a. M. ab 4,30 Uhr nachm.) weiter zu befördern. Tie Kaiser! Oberpostdirektion wird dieser Anregung vom 10. d. M. Folge geben.

g. Tem GroH. Ministerium des Innern, Abt. für Land» wirtschaft, Handel und Gewerbe, hat die Kammer ein Gut­achten über die Tätigkeit des Kohlenkontors und seinen Einstuß auf Handel und Industrie des Kam­merbezirks erstattet.

der Ausstellung der Zarmstädter Künstler-Kolonie.

Ein bekannter hessischer Architekt schreibt uns:

Die gegenwärtiFe Ausstellung auf der TarmsLädLer Künstlerkolonie hat bei den zahlreichen Besuchiern eine sehr verschiedenartige Beurteilung gesundem. Währerrd sie von der einen Seite als ein entschiedener Fortschritt im Ver­gleich zu der viel bedeutenderem Ausfüllung vom Jahre 1901 gefeiert wird, ist die Kritik aus speziellen Kunst- kreisen wohl in per Mehrheit darin einverstandep, daß der rein künstlerische Mert per neuen Ausstellung nur ver- hältnisnwßig minimal ist, denn Formenschönheit und Cha­rakteristik, jene beiderl 5^auptbedingungen wahrer Kunst, sind dort doch nur in bescheidenem Maße zu entdecken. Es wird nun die Leser Ihres geschätzten Blattes vielleicht interessieren, auch vom Standpunkt eines unbeteiligten Architekten ein Urteil darüber zu vernehmen, denn die Bau^ tunst der Dreihäusergruppe bildet ja das Hauptobjekt der 'Ausstellung. Und eine objektive Kritik in dieser Richtung ruuß umsomehr am Plätze erscheüren, als wir es hier nicht mit einer Ausstellung im gewöhrclichen Sinne des Wortes zu tun haben, jondern mit Atuster-Wohnhäusern, die auch im weiterest Kteise vorbildlich wirklen urrd Der modernen Wohnhausentwilllung neue Anregungen und Ideen geben, ja vielleicht durch machtvolle Künstler in Dividualitäteu eine neue Richtung in der Wohnungsarchitektur begründen soll. Unsere Erwartungeu, die wir in «dieser Hinsicht hegter^ haben sich aber leider nicht bestätigt.

Als wir zum erstjen Male unsere Schritte uach> der Malhildknhöhe richteten, ließen wir im Geiste alle jene herrlichen Kulturepochen schnell an uns vorüberziehen, die wir die klassischen zu bezeichnen pflegen. Tann tauchten vor uns die wunoerbaren Werke der italienischert Re­naissance auf, das Frankreich des 17. Jahrhunderts, und die nlalerischen Schöpfungezr unserer nnttelalberlichen Wohnungsarchitektur, jene prächtigen Bauten, deren ost ge- heiunlisvoll anziehezrde Außenseite uns so manches trau­liche Erkerplätzchell oder Turmstübchien und herrliche, stinun- ungsvv'.l beleuchtete Jnnenräunw erwarten- läßt. Wie süul- wl't, beziehungsreich kuö teilweise mit lebendigem Humor lewürzt ist doch du ganze Architektur vergangener Jahr-

sssa

i Hunderte! Sie spricht zu uns vom harten Kumpf ums Dasein, erzählt uns anmutige Märchen oder Geschichitchen aus der Lokalchronik, ertveckt sympathische Stimmungen und malt uns oft in prächtigen Mgen das traute Bild behag­lichen Familienlebens oder eines selbstvertrauenden Bürger­tums, kurz- die Bauftont steht in unmittelbarer Beziehung zu dem Ramue, den sie hinter sich birgt und zu dem ganzen Zweck und der Denkart jener Zeit, in der sie geschaffen wurde.

In diesem Sinne betrachtet, nmß die Außenarchitektur der Dreihäusergruppe enttäuschen. Sie erscheint mir als das Sinnbild von Nüchiennyeit. Wohl finden wir hier Anklänge cm eine Reihe alter Baustile, Motive aus den ver­schiedensten Perioden. Aber wie sürd sie zusammengestellt? Ein Harrs zeigt int Erdgeschoß blauglasierte Ziegel flächen, hapt darauf gesetzt eine weißgeputzte glatte Wand- fläche mit einem weißgestricheilen, weit ausladenden Holz­giebel, dessen Linienführung schwach barock ist. Daran stößt ein Haus mit braunem Holzwerk im Dach, die Putzflüche mit rohen Ziegelstreifen etwas aufgemuntert, der Giebel wieder schwach barock, aber diesmal ungestrichen. Das. dritte Haus zeigt Sandsteinarchstektur in Barockanklängen mit grauen Putzflächen. Wir glauben, kaum ein Architekt hätte sich hier die Gelegenheit ewig eben lassen, die drei Häuser M einer Gruppe zu vereinigeir und ein importierendes Gesamt­bild zu erzielen, ohne die Individualität der einzelnen Häuser zu zerstören. Aber lvelches ist der zusarnnienhaltenbe Gedanke der drei Häuser? Vielleicht ist es das Leitmotiv unseres moderuert Äberrs, wie Baurat Unger sagt, dasdes Schreiens!"

Doch die eigentlichen Wunder fntb erst inwendig, so sagte nttur uns. Ja, wundern kamt man sich in der Tat! Aber nur über die hier ebenfalls herrschende Nüchterrcheit! Die Wirkung der ganzen Jmumdetoration ist gesucht, nicht durch den Reich turn nnb das Anheimelnde des künstlerischen Ge­dankens, soltdepn durch die Farbe der vorwiegend glatt polierten Hölzer. Mail glaubt auf den crfixni Eindruck es mit einem Schreiner zu tun zu haben, der luenigcr in den Motiven und Kmtstformen, als in den verschiedenen Holz­arten Abwechsltmg sucht. Das viereckige, oben stumpf ab- geschnittene Prisma ist das Lcitnrotiv aller hier ausgestellt teil sogenannten Kastenmöbel, der Schränke, Mchtsischchien usw. Ueber die Sitzmöbel ist nicht viel zu sagen, die Betten

I sind mehr oder weniger einfache Verbretterungen, bei denen man teilweise durch, verschiedenartige Holzfarben Effekte zu erzielen sucht. Am wenigsten Geschmack üötmen wir den >>lachelösen abgewinnen, die in zivei Häuserin genau dieselbe Form zeigen, eine plumpe, viereckige Form, die auch an­spruchslosen Laien nicht behagen wird. Da muß man un­willkürlich an den trauten Karmin des Mittelalters denken! Die mangelnde Ausnutzurig dieses Jndustriezäveiges resp. die Schaffung von schönen Vorbildern für Wohnzimmerein­richtungen ist umsomehr zu beklagen, als wir gerade in Hessen mehrere höchst leistungsfähige keramische Fabriken besitzen, deren eine (Gail in Gießen) in der Herstellung mehrerer Reliefs nach Modellen Prof. Olbrichs geradezu Muster gilti g es filr die Ausstellung ge­liefert hat.

Kann nach dem Vorher gesagten der Gesamteindruck, den' die Außen- und Innenarchitektur der Ausstellung gewährt, keine volle Befriedigung gewähren, so treten dafür viele" Einzellei stungen doppelt erfreulich hervor. Zrt diesen gehören vor allem die nach Zeichnurrgen von Prof. Olbrich, Eis sarz mid Haustein angefertigten Gegen­stände der Dijouteriebranche und der graphischen Knust Diese, sowie die äußerst saubere Ausführrmg der einzelnen Möbelstücke, der kunstvollen Vietallbeschlüge rc. liefert den Beweis, daß unser hessisches Kunsthandwerk in' s ch ö n e r B l ü t e st e h t und sich den leistungsfähigsten Ver- tvetern desselben ebenbürtig zur Seite stellen kann. Liber auf dem Gebiet des Villenbaues und der modernen Wohn^ Hausarchitektur bleibt noch viel $u tun übrig. Es wird' gewiß noch mancher Tropfen Wasser durch den M>ein fließen, ehe man von einem durchgehenden Erfolg und einem festen, einheitlich ausgeprägten/ dem Prinzip des Prab tischen und Behaglicheni zugleich entsprecku'nden Darui städter Wohnhaus-Baustil wird sprechen rönnen.

Wir halten es für angebracht, zu betonen, daß hier die fiibjcttiue Ansicht eines nauthasien l>essischen Architekten zu Worte gekommen ist, der der Darmstädter Künstler wwnre fern fielt. Jeder Besucher der Ausstellung Iwi ja Gelegenheit, ein eigenes Urteil sich zu bilden und die Bemängelungen bcS Verfassers dieses Lllükels nach Belieben cinzuschränken. 9uiil) dem, was loir sonst bisher von Kunstkennern und Kunstfteund^'n über tue heurige Tarmitädb > Ausstellung gehört hüben, scheint der Ver­fasser nicht viele Gleichiesinnie zu loschen.

D. Rod. deSGieß. .Luz."