Nr. 109
Zweites Blatt
154. Jahrgang
Gietzener Anzeiger
Erscheint tLgNch mit Ausnahme des Sonntags.
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Sichen
Die „Gietzener Zamilienblatter" werden dem ^Anzeiger vrermol wöchentlich beigelegt. Der ^hesflschH Landwirt' erscheint monatlich einmal.
Redaktion, Expedition «.Druckerei: Schulstr.^. Tel. Nr. 6L Telegr.-Adr. r Anzeiger Gießen,
Dienstag 10. Mai 1904
Rotationsdruck und Verlag der Drühlffcha» UntversttätSdruckerei. R. Lange, Gießen.
Verwaltung ausbleiben, so werden die Herren zufrieden sein. Es ist ja schon manches bayerische Reservoir eckst aufgegeben worden, und das Haus in der Prannerstraße in München steht immer noch!
Preußischer Landtag.
Herrenhaus.
Berlin, 9. Mai.
Zur Beratung steht die Interpellation des Oberbürgermeisters Beücr (Köln) bett. Ausführung des Schlachtvieh- und Fleischbeschaugesetzes. Becker: Nach den §§ 6 und 14 des Schlachtvieh- und Fleischbeschaugesetzes soll das in Scklacht- hausgememden eingeführte, vorher schon untersuchte Fleisch dort nochmals gebührenfrei untersucht werden. Dadurch werden den Gemeinden große Opfer auferlegt. Diese bitten deshalb die Nachprüfung einzuschränken. —. Minister v. Podbielski erklärt, die Regierung habe im Vorjahr nur versprochen, diese Materie eingehend zu prüfen. Diese Prüfung habe an der Hand durchaus einwandfreien Materials stattgefunden. In hygienischer Beziehung sei über die Verfehlungen seitens der Schlachthaus-- tierärzte geklagt worden, diese seien doch aus demselben Holze ivie die anderen. Sollten die nötigen Maßnahmen auf dem Verordnungswege nicht zweckmäßig sein, dann erst könnte eine Gesetzesänderung erwogen werden. — Herr v. Burgsdorff will es den Tierärzten überlassen, ob sie den Vorwurf auf sich sitzen lassen wollen, daß die ländlichen Tierärzte schlechter seien als ihre Kollegen in der Stadt. Jedenfalls stünden die deutschen Tierärzte hinter den amerikanischen nicht zurück. Das hygienische Bedürfnis sei seitens der Städte nur ein Vorwand. Dagegen müsse er entschiedenste Verwahrung einlegen. — Oberbürgermeister Schneider (Magdeburg) protestiert auf das Entschiedenste gegen die Behauptung des Vorredners, daß das hygienische Bedürfnis in dieser Angelegenheit von den Städten nur vorgeschützt werde. Es habe den Städten natürlich fern gelegen, die Tierärzte auf dem Lande für schlechter zu halten als die in der Stadt. Diese hätten nur mehr Gelegenheit, sich in der Fleischbeschau zu üben, wie die ländlichen Tierärzte. Die Sache hier sei durchaus nicht angetan, einen GegensatzzwischenStadtundLandzukonstruieren. — Oberbürgermeister Kirschner (Berlin) erklärt, die Einnahmen ans den Fleischuntersuchungen spielten in dem Berliner städtischen Etat eine so kleine Rolle, daß er sie gern missen möchte, würde dadurch das Fleisch billiger werden. Eine Verteuerung des Fleisches im Detailhandel könnten aber die Fleischbeschaugebühren für die Nachschau wirklich nicht herbeiführen. Herrn Schneiders Material könne er dahin ergänzen, daß in Berlin vom 1. Januar d. I. bis 1. Februar in 86 Fällen Beanstandungen vorgekommen seien. 55 dieser Fälle, in denen die Beanstandungen sicher berechtigt waren, betrafen hauptsächlich tuberkulöse Rinder. Er frage die Regierung bestimmt und ausdrücklich, ob nach ihrer Auffassung auch nach Inkrafttreten der §§ 5 und 14 den Städten die Berechtigung ihres Verlangens zustehe. Er bedauere den Verlauf, den die Dinge genommen haben. In städtischen Kreisen bestehe der lebhafte Wunsch, die mittlere Linie zu finden und er glaube, daß das bei gutem Willen der Regierung möglich gewesen wäre. Minister v. Podbielski erklärt, er sei stets dafür, daß keine Dissonanz zwischen Stadt und Land entstehe. Aber er müsse wünschen, daß die Fleischbeschau in allen Städten und Landgemeinden bis aufs letzte sauber und tüchtig ausgeführt werde. Auf die Anfrage der Vorredner über die Möglichkeit der Nachschau könne er namens des Staatsministeriums eine bestimmte Erklärung nicht abgeben. Nach weiterer Debatte teilt der Präsident mit, daß ein Antrag von Rheden eingelaufen ist, die Regierung zu ersuchen, alle Anträge auf Aenderung der §§ 5 und 14 abzulehnen und etwaigen Versuchen entaegenzuwirken, die darauf hinaus laufen, die Einführung des Fleisches in die Städte zu erschweren.
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Im preußischen Abgeordnetenhaus«
kam am Montag u. a. die zweite Beratung des Drei-Million e n-N a ch tr a g - K r e d i t es für die Kranken-Zu- schußkasse des Eisenbahnerverbandes zur Verhandlung. Abg. v. Savigny (Ztr.) spricht für die Vorlage. Abg. Goldschmidt (fr. Vp.) erklärt, seine Partei müsse auf ihrem ablehnenden Standpunkt der ersten Lesung auch nach den Kommissionsberatungen verharren. Seine Partei könne es, man möge sagen was man wolle, nicht billigen, daß hier' Staatsgelder einem politisch einseitigen Verbände zur Verfügung gesteltt wirb 2lbg. Brömel (fr. Vp.) hat ebenfalls Bedenken gegen die Unterstützung einseitig politischer Verbände durch öffentliche Gelder. Da es sich hier nur um eine einmalige Zuwendung handle, die es den älteren Beamten und Arbeitern ermöglichen soll, den Kassen ohne Nachzahlung von Beiträgen beizutreten, werden seine Freunde der Vorlage zustimmen. — Nachdem Minister v. Budde die Ausführungen des Vorredners bestätigt hat, wird die Vorlage ohne weitere Diskussion unverändert angenommen; ebenso der Gesetzentwurf zur Abänderung des Gesetzes bett, das Staatsschuldbuch vom 20. Juli 1883 in erster Lesung.
Es folgt die erste Beratung des Lotteriegese tzes. Finanzminister v. Rheinbaben erklärt, die Regierung habe die Vorlage eingebracht, well eine reichsgesetzliche Regelung der Lotterie zu wenig aussichtsvoll sei, weil die Regierung aber nicht länger zusehen durfte, daß jeden Tag das Recht Preußens mit Füßen getreten wurde. Als preußischer Finanz-Minister könne et es auch nicht verantworten, daß die Staatskasse irgendwie Schaden leide. Das geschehe aber durch die auswärtigen Lotterien, die in Preußen ihren Absatz finben. Vor ihm, dem Redner, liege ein offizielles Schreiben, in dem die staatliche Lotterie-Verwaltung den Kollekteur verpflichte, mindestens 80 Prozent außerhalb des Konzessionsgebiets abzusetzen. Die jetzigen Sttafbestimmungen seien wertlos. Ohne Erhöhung und Verschärfung der Sttafbestimmungen käme Preußen auch nie zu einer Verständigung mit den anderen Bundesstaaten. Schon die Ankündigung der preußischen Vorlage habe nach der Richtung einer Verständigung wohltätig gewirkt. Er habe auch eine Denkschrift ausarbeiten lassen, und diese den übrigen Bundesstaaten zugeschickt. Die kleinen Staaten würden die Anzahl der Lose herabsetzen müssen, bann werbe ein Kompromiß möglich sein.
Hierauf wird bie Besprechung abgebrochen unb bie Fortsetzung auf einen späteren Tag vertagt. —. Auch bie Sitzung wurde abgebrochen.
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Politische Tagesschau.
Der Sieg der Leipziger Kassenärzte.
Volle fünf Monate hat der schwere, wechselvolle Existenzkampf der Leipziger Aerzteschaft gegen die wuchtige Macht der Ortskrankenkasse, der größten in Deutschland, gedauert. Er hat gestern, wie gemeldet, mit dem vollen Siege der Aerzte geendet. Da es der Kasse nicht möglich geworden war, die erforderliche Anzahl von 98 Distriktsärzten zu beschaffen, und sie sich genötigt gesehen hatte, nochmals um
eine Frist von mindestens vier Wochen nachzuholen, lag für die oberste Aufsichtsbehörde die gesetzliche Notwendigkeit vor, einzusLreiten, das von ihr selbst zugelasiene DisttiktSarztsystein, unter dem eine genügende ärztliche Versorgung der Kaffenmitglieder ausgeschlossen erschien, völlig über Bord zu werfen und die freie Aerztewahl, den Hauptkampfpreis, um den die Aerzte gerungen, zu dekretieren.
Es muffen in Zukunft sämtliche Leipziger Aerzte zur Kaffenpraxis zugelafsen werden, nur mit der Einschränkung, daß bie Zahl der Kassenärzte 875 nicht überfteigen darf, und jedes Kassenmitglied kann seinen Arzt selbst wählen. Das Pauschale ist in der kreis- hauptmannschaftlichen Verordnung auf 6 Ml. pro Mitglied und Jahr festgesetzt worben, so lange bie Familienbehandlung suspendiert ist; wirb sie, was unmittelbar bevorsteht, wieder eingeführt, so betragt da? Pauschale pro Kopf 8 Dlk.; bie Familie zu vier Perfonen gerechnet. Besonders honoriert werben geburtshilfliche Leistungen und Kilometergebühren.
Auch in dieser Beziehung sind also die ursprünglichen Forderungen der Aerzte, hinter denen das Angebot der Kaffe weit zurückblieb, glatt erfüllt worden, ohne daß, wie eS in dem behördlichen Dekret heißt, der Leistungsfähigkeit der Kaffe zu viel zugemutet wurde. Von wesentlichem Belang ist die Errungenschaft der Aerzte, daß die Kreishauptmannschaft den neuen Vertrag mit den ärztlichen Bezirksvereinen abgeschloffen' hat, und daß diese sämtliche Aerzte für die Ortskrankenkasse stellen. Jeder Arzt, der sich den Vertragsbedingungen unterwirft, muß zugelaffen werden. Auf diese Weise werden btej Aerzte von dem Kaffenvorstande völlig unabhängig. Dep einzelne Arzt hat vertragsmäßig thit dem Kaffenvorstcmdef nichts mehr zu tun. Mit den 83 von der Kaffe engagiertet Distriktsärzten verfährt die Aufsichtsbehörde ziemlich radikal.- Der § 3 des Vertrages besagt: „Die Verträge mit beit Distriktsärzten werden durch das Abkommen nicht berührt^ Die Kaffe hat jedoch mit allen ihr zu Gebote stehenden Mittelst« (Verhandlung, Kündigung) darauf hinzuwirken, daß diese Verträge baldmöglichst in Kassenarzt-Verträge umgewandelt werden."
In der Erläuterung heißt es dünn:
„Aerzte, welche die Umwandlung ablehnen ober den übernommenen Verpflichtungen nicht genügen, sind, wenn mit ihnen nicht im Verhandlungswege zu einem befriedigenden Abkommen zu gelangen ist, nach Wahl der Kreishanptmannschaft durch Verzicht auf ihren Dienst ober auf sonst gesetzlichem Wege (§ 626 deS B. G.-B.) aus der Kassenpra^is zu entfernen."
Ein auch von ber Kreishauptmannschaft anerkanntes be-> sonderes Entgegenkommen haben bie Aerzte noch baburch be* wiesen, daß sie das den Distriktsärzten gewährleistete Gehalt auf bas Pauschale übernommen haben, b. h. auf bie Gesamtsumme ber von ber Kaffe zu zahlenben Arzthonorare. Mit biesem Einnahmeausfall legen sie sich ein nicht unerhebliches Opfer auf.
Der Vertrag gilt bis 1910. Die Verfügung ber Kreis- hauptmannschaft ist enbgiltig; ein Rekurs kann gegen sie nicht erhoben werben.
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Aus Stadl und Land.
Gießen, ben 10. Mai 1904.
Der Nachdruck unserer durch Korrespondenzzeichen gekennzeichneten Originalartikel ist nur unter Zitat des „Gieß. Anz." gestattet.
•* Besitzivechsel. Der Rentner Curt v. Münchow verkaufte sein Anwesen Wolkengaffe 23 für 23 000 Mk. an' den Schuhmachermeister unb Schuhwarenhändler Heinrich' Müller.
!! Gebern, 9. Mai. Von einem schweren Unglücksfall würbe bie Familie beS hiesigen Zimmermanns K., Gerlach betroffen. Dieses besaß ein Zwillingspärchen von 6 Jahren. Das Mäbchen bieses lieben Pärchens machte sich am verflossenen SamStag am Feuerherbe zu schaffen. Plötzlich fingen bie Kleiber Feuer, so baß bas Kinb iw Flammen stanb. Die auf das jämmerliche Schreien beS! Kindes herbeieilende Mutter konnte zwar die Flammen er«: sticken, allein das Kind erhielt solche Brandwunden, baß sofort: ärztliche Hilfe in Anspruch genommen werben mußte. Heutes morgen ist jeboch das unglückliche Kinb seinen furchtbaren" Qualen erlegen.
g. Lißberg, 8. Mai. Einen etwas fonberbaren Nistplatz hat sich ein Rotschwänzchenpaar an ber hiesigen' Haltestelle ausgesucht, indem e§ im Innern beS Briefkastens sein Nest gebaut hat. Es obliegt, unbekümmert- um das tägliche Oeffnen des Briefkastens, eifrig feinem Brut- geschäft.
h. Alsfeld, 9. Mai. Der hiesige Stadtvorstanb, welchem das Präfentationsrecht für die zweite Pfarr- stelle zusteht, hat einstimmig beschlossen, für diese Stelle ihren seitherigen Verwalter, Dr. phil. Eduard Becker, ber' Regierung zur befinitiven Anstellung vorzuschlagen.
sd. Darmstabt, 9. Mai. In einer ganzen Reihe von Städten sind meist ganz in ber Stille sogenannte Wal d- erholungsstätten gegründet worden, in denen kranke oder der Erholung bedürftige Arbetter für längere ober kürzere Zsit auf Kosten ber OttSkrankenkaffe verpflegt werben. Nach^ dem in ben hiesigen Blättern schon seit Wochen für eine ähnliche Grünbung Propaganda gemacht worben war, würbe heute nachmittag in einer von einigen 40 Damen unb Herren besuchten Versammlung gleichfalls bie Gründung eines ^Vereins Erholungsstätte für kranke Arbetter" beschlossen. Der neuen Vereinsgrünbung ging ein Vortrag von Dr. Friß aus Frankfurt über bie Bebeuttmg ber WalberholrmgSstätten voraus. Einem barauf von Fabrikant Langenbach erstatteten Referat über bie vielen, von ihm veranstalteten Vorarbeiten ist zu entnehmen, daß bie hiesige Ortskrankenkaffe ca. 17 000 Mtt- glieber und ein Vermögen von nahezu 300 000 Mk. besitzt. Man rechnet, daß sich die Verpflegungskosten pro Kopf auf 1,30 Mk. unb bie Gesamttosten für bie Erholungsstätte auf
Aie heutige Kummer umfaßt 12 Seiten.
Aur Ilrage einer preußisch - bayerisch - pfälzisch- hessischen tzisenvaßngemeinschäft
schreibt man ums:
Als vor einigen Wochen die „Franks. Zta." die Nachricht brachte, es sei gelegentlich der Verstaatlichungsfrage der Pfälzischen Eisenbahnen auch die Frage einer preußisch- bayerischen Betriebsgemeinschaft, die sich eventuell der preußisch-hessischen anschlösse, in den Kreis der Erörterung gezogen worden, wurde auf der ganzen rechtsrheinisch-bayerischen Preßlinie, der sich in der Pfatt die Zentrumspresse anreihte, der offiziöse, wohlweislich nicht der offizielle Demcntierungs- apparat in Bewegung gefetzt, dessen sich nach „authentischer" Information auch der Rcünchener Mitarbeiter der,Franks. Ztg." bebiente. Insbesondere wurde das Aequivalent der Main-Kanalisation Hanau-Aschaffenburg gegen die pveußifch-b aye risch-pfälzische Eisenbahnbetricbsge- meinscyaft in Abrede gestellt. Inzwischen ist aber manches bekannt geworden, das jene Nachricht des Frankfurter Blattes doch nicht so ganz in das Reich der Phantasie verweisen dürste.
Heute nun 'können wir, selbst auf die Gefahr eines offiziösen Dementis hin, konstatieren, daß tatsächlich die Frage einer preußisch - bayerisch - pfälzisch - hessischen Eisenbahngemeinschaft erörtert wurde. Und ist denn auch eine solche Akademische" Behandlung so ungeheuerlich? Mir glauben nicht. Im Gegenteil, es wäre zu verwundern, wenn es nicht geschehen wäre. Wer die voltswirtschaftlichen und verkehrstechnischen Verhältnisse Südwestdeutschlands und speziett der bayerischen Rheinpfalz kennt, wem dre Eisenbahntarif-Konstellationen Preußen-Südwestdeutschlands bekannt sind, dem erscheint die horribile diktu-Gemeinschaft nicht als ein „roter Lappen". Sie ist hie unfehlbar logische Konsequenz der wirtschaftlichen Entwicklung Südwestdeutschlands; Grenz- psähle können sie nicht aufhalten, auch wenn sie blau-weiß sind. Eine berufene Stelle in dieser Beziehung, die Pfälzische Handels- und Gewerbekammer, erfaßt auch die Situation vollkommen richtig, wenn sie in ihrem diesjährigen Geschäftsbericht erklärt, es erscheine vom wirtschaftlichen Standpunkt aus besser, wenn dahin gestrebt weroe, die Pfälzischen Eisenbahnen — unter Wahrung ihres Charakters als bayerische Bahnen — mit den benachbarten Staatsbahnen zu einer Betriebsgemeinschaft zusammenzu- schließen. Das ist der allein richtige Standpunkt. Die Verkehrsmittel der heutigen Zett sind nicht lediglich politische Fattoren, sondern in erster Linie wichtige wirtschaft liche, sozialpolitische Instrumente. Diese Bedeutung hat sich bei allen einsichtigen Staatsregierungen Bahn gebrochen, allen voran bei den preußischen und hessischen. Bekanntlich ist auch die württembergische Regierung einer Etsenbahngemeinschaft nicht abgeneigt, und neuer» dings c st ferner die badische Regierung einer solchen nähergetreten, wenn auch vorerst nur in rein theoretischer Hinsicht, aber doch im wohlverstandenen wirtschaftlichen Interesse ihrer Eisenbahnen. Die badischen Bahnen befürchten mit Recht durxh die Verstaatlichung der pfälzischen Eisenbahnen eine wettere finanzielle Schädigung infolge unausbleiblicher Verkehrsumlettungen, ttotz aller diplomatisch-konventionellen Gegenbeteuerungen; sie befürchten es umsomehr, wenn Württemberg einer Gemeinschaft beü- träte. Diese berechtigten Befürchtungen der badischen Regierung bezüglich ihrer Bahnen, würden durch die Bildung einer entsprechenden Verkehrsgemeinschaft sofort schwinden, bie, wenn sie zustande käme, auch die bayerische Regierung zwänge, die pfälzischen Eisenbahnen dieser Gemeinschaft anzugliedern. Alles natürlich — Kur Beruhigung portiku- üttistisch-patriottscher Gemüter sei es gesagt — unter Wahrung der bisherigen Eigentumsverhälttttsse; die badischen, pfälzischen, württembergischen Bahnen bleiben Eigentum ilrer Staaten, nur werden sie zur besseren wirtschaftliche, smanziellen Verwaltung zu einer Betriebsgemeinschast vereinigt, bereit Netto^ErgebNis proporttonal verteilt wird. Die Verkehrs- und Tarifpolittk dieser Gemeinschaft wird in den einzelnen Landtagen mit gegenfei tiger Ueberein- sttmmung im Prinzip festgelegt, wodurch auch die landeshoheitlichen Rechte gewahrt bleiben. >Ein Blick auf die Landkarte muß doch die bayerische Regierung überzeugen, daß die Verkehrsinteressensphäre der Pfalz nicht nach dem rechtsrheinischen Bayern gravitieren kann, sondern naturgemäß sich an die Nachbar gebiete anlehnen muß, totU sie nicht geschädigt werden. Deshalb kann die Pfalz doch gut bayerisch bleiben.
Welche ungeheueren Vorteile eine südwestdeutsche Eisen- öchnbettiebsgemeinfcbaft in wirtschaftlicher Hinsicht haben Wirde, läßt sich in dem relatiö engen Rahmen, der uns zm Versügung steht, nicht ausführen; es sei nur erwähnt, daz die Ausnützung des rollenden Materials eine ganz imensive sein könnte, weil durch die Betriebsgemeinschaft die vielen Hindernisse, die das Wagen-Regulattv der Be- lat-ung leerer Wagen bereitet, schwänden und der für Handel unb Verkehr so lästige und schädigende Wagenmangel wesentlich vermindert würde. Sollte die große Idee Bis- marcks — Schaffung von Reichseisenbahnen — sich verwirklichen, und sie wird sich mit der Zeit bei unserer riesigen uni) raschen Wirtschaftsentwicklung verwirklichen müssen, |o würde ein neuer mächtiger Quader in das Reichsgebände gefügt werden, der es wiederum erstarken läßt.
Wie bekannt wird, sollen die inneren Verhältnisse der Psalzb ahn Organisation, also Verwaltung ujto., auch nach der Verstaatlichung intakt bleiben. Das würde auf spätere Ldnlinisttative Maßnahmen der bat)erischen Regierung schießen lassen, die vielleicht doch mit einer Organisation bei einer Betriebsgemeinschaft zusammenhängen dürften. Vor einer 'Entrüstung im bayerischen Landtag wegen einer preußisch-bayerischen Betriebsgemeinschaft braucht man keine alhagroße Furcht zu haben. Wenn den bayerischen Landes- boUn vor gerechnet wird, daß, ohne ^Entschädigung des An- schms des Königreichs, aus der Gemeinschaft verschiedene Mionen für. Bayern „herausspringxn", die bei eigener
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