Ausgabe 
10.5.1904 Drittes Blatt
 
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Nr. 109

Dienstag, 10. Mai 1904

154. Jahrg.

Erscheint ttgltch mtt BuSnahme be8 Sonntag».

Die(Btefiener SamUlenblätler* werden den Anzelc <. otemw wöchentlich deigelegt. Dc

R £anO tl» «sthetir' monatlich einmal

Eichener Anzeiger

«otattonSdrnet und Bering der VrLhl'sch« UnwerftiLtSdrnrterei. 8t Bangt, Bietzen.

Redaktion, Expedition u. Druckerei: Tchulftr.1. Tel. Nr. 6L relegr.-Adr. t Anzeiger Ließen

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Parlamentarische Verhandlungen.

Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet.

Deutscher Reichstag.

87. Sitzung vom 9. Mai.

1 Uhr. Das Haus ist schwach besetzt.

Am Bundesratstisch: Graf Posadowskh, Frhr. von Stengel u. a.

Auf der Tagesordnung steht zunächst die dritte Beratung des Finanzreform-Gesetzes (lex Stengel).

In der Generaldebatte nimmt zunächst das Wort

Staatssekretär des Reichsschatzamts Frhr. von Stengel: Meine Herren, die verbündeten Regierungen haben soeben Beschluß gefaßt über ihre Stellungnahme zu den'Beschlüssen des Reichstags in zweiter Lesung zu dem Entwürfe des Finanzreformgcsetzes. Ich haben namens derselben Ihnen folgendes zu erklären: Die ver­bündeten Regierungen sind über die von dem Reichstage in zweiter Lesung beschlossenen Aenderungen des Gesetzentwurfes nicht ohne ernste Bedenken. Sie erblicken in der Belassung der schwankenden Erträge der Stempelabgaben bei den Ueberweisungssteuern nichts weniger als eine Verbesserung der Vorlage und namentlich auch in der Ablehnung des § 3 des Gesetzentwurfes, welcher an sich den be­rechtigten Gedanken zum Ausdruck bringen sollte, daß die Belastung des Haushalts der Einzelstaaten durch ungedeckte Matrikularbeiträge nicht zur Regel werden, sondern nur ausnahmsweise zur Ueber- windung vorübergehender Schwierigkeiten Platzgreifen soll. Sie verkennen indessen nicht, daß der Gesetzentwurf auch in seiner jetzigen, vom Reichstage in zweiter Lesung beschlossenen Fassung noch immer ein dankenswerter Fortschritt und eine wertvolle Grundlage für weitere Verbesserungen im Haushalte des Reiches und in den Beziehungen des Reiches zu den Einzelstaaten ist, und die verbündeten Regierungen sind deshalb auch ihrerseits entschlossen, dem Gesetzentwurf in der von dem Reichstage in zweiter Lesung be­schlossenen Fassung vorausgesetzt, daß die Beschlüsse zweiter Lesung, abgesehen von vielleicht nur redaktionellen Aenderungen, in der dritten Lesung aufrecht erhalten werden ihre Zustimmung zu erteilen. Wenn also der Reichstag die in zweiter Lesung von ihm gefaßten Beschlüsse in dritter Lesung im wesentlichen aufrecht er­halten wird, so würde bei der demnächst beginnenden dritten Lesung des Reichshaushaltsetatsentwurfes mit Sicherheit von feiten des hohen Hauses darauf gerechnet werden können, daß der vorliegende Reformgesetzentwurf auch Gesetz wird.

Abg. Dr. Pachnicke (freis. Vgg.): Die verbündeten Re­gierungen haben der Finanzreform, wie sie in zweiter Lesung vom Reichstage beschlossen wurde, nur als einer Grundlage für zu­künftige Reformen zugesftmmt. Der Bundesrat sollte doch be­denken darin stimmen alle Fraktionen mit mir überein, daß , die dreimaligen Versuche, welche er gemacht hat, seinen Standpunkt ' durchzusetzen, gezeigt haben, daß der Reichstag nicht gewillt ist, sich auf den Boden der verbündeten Regierungen zu stellen. Der Reichs- , tag will an dem Prinzip der Matrikularbeiträge festhalten, weil er ' die Verantwortlichkeit der einzelnen Bundesstaaten nicht ausge­schlossen wissen will. Der Reichstag hat seine Gründe mit einer nicht zu verkennenden Deutlichkeit dargelegt. Er nimmt an, daß, wenn die Matrikularbeiträge aufgehoben werden, der Bundesrai mit neuen Steuervorlagen kommt. Gerade neue Steuern aber will der Reichstag vermeiden. Wenn jetzt Ruhe eintreten soll, dann muß der Bundesrat darauf verzichten, die Matrikularbeiträge beseitigen zu wollen.

Abg. v. Kardorff (Rp.): Mein Freund Otto Arendt hat aus­drücklich bei der zweften Lesung erklärt, daß meine Freunde auf dem Boden stehen, den Fürst Bismarck als den einzig richtigen be­zeichnet hat. Das Reich dürfe nicht zum lästigen Kostgänger bei den Einzelstaaten werden. Ich muß auch durchaus den Worten des Vor­redners widersprechen, daß der Reichstag keine neuen Steuern be­willigen will. Ich bin im Gegenteil der Meinung, daß neue Steuern notwendig werden, wenn Deutschland auf der Höhe bleiben will, auf die es die Weltgeschichte gestellt hat. Ich verwahre mich für meine Parteigenossen ausdrücklich gegen diejenigen Schlußfolgerungen, welche der Vorredner aus der Annahme des Gesetzes als Meinung der überwiegenden Majorität des Reichstages gezogen hat.

Abg. Dr. Sattler (nat.-lib.): Ich bin auch durchaus anderer Meinung, als der Abg. Dr. Pachnicke. Ebensowenig kann ich aber die Ansicht des Herrn von Kardorff, daß neue Steuern notwendig ftnd, acceptieren. lieber die Zukunft Prophezeiungen auszusprechen, halte ich mich nicht für verpflichtet. Ich lege also Verwahrung da­gegen ein, daß man die Ausführungen einzelner Abgeordneter als Auffassung des gesamten Reichstages bezeichnet. Das Richtigste wäre, wir nehmen ohne weitere Debatte die Vorlage in der gegen» wärttgen Form an. x w

Abg. Dr. Müller-Sagan (fretf. Vp.): Die Ausführungen des Mg. Dr. Pachnicke sind nach meiner Meinung zutreffend. Der Reichstag verlangt, daß die Matrikularbeittäge erhalten bleiben. Die Ausführungen des Schatzsekretärs aber zeigen, daß der Bundes­rat gänzliche Beseittgung der Matrikularbeittäge verlangt. Die Vorlage ist der erste Schritt zur Beseittgung, deshalb bitte ich, ; ziehen Sie den kleinen Finger, den Sie der Regierung gereicht haben, zurück- sie nimmt sonst die ganze Hand. ,

Schatzsekretär Frhr. v. Stengel: In der Erklärung, die ich namens der verbündeten Regierungen abgegeben habe, bezeichnete ich die in zweiter Lesung beschlossene Vorlage als einen noch immer dankenswerten Fortschritt und als eine wertvolle Grundlage für ' eine wettere Verbesserung im Haushalt des Reiches und in den finanziellen Beziehungen des Reiches zu den Einzelstaaten. Wenn man sich die Lage der Reichsfinanzen vergegenwärttgt, so sollte man einmütig sein und es nur begrüßen, tonn ie verbündeten Regie­rungen hier eine Verbesserung herbeiführen wollen. Glänzend sind unsere Finanzen zur Zett gerade nicht.

Abg. Fritzen (Zentt.): Ich möchte die Haltung meiner politi­schen Freunde nicht mißverstanden wissen. Wir hätten diesem Gesetz nicht die Zusttmmung erteilt, wenn § 3 angenommen toäre.

Abg. Frhr. v. Richthofen (kons.): Der Abg. Pachnicke hat die Mottve des Hauses nicht richttg wiedergegeben. Wtt nehmen ledig­lich den Gesetzentwurf an, den Motiven erteilen wir unsere Zu­stimmung nicht. , .. _ . t ,

Die Vorlage wird darauf gegen die Stimmen der Sozial- ßemofraten und der freisinnigen Parteien in der Gesamtabstim­mung definitiv angenommen.

Am Tische des Bundesrats find inzwischen noch erschienen:,Graf Bülow, Frhr. v. Richthofen, v. Tirpitz, Nieberding, v. Einem, Dr. Stuebel.

Es folgt die dritte Lesung des Reichshaushalts- Etats.

In der GeneraldiSkusfion kommt

Abg. Bebel (Soz.) auf die Aeußerungen des Reichskanzlers über die Stellung Deutschlands im europäischen Konzert zurück. (Reichskanzler Gral Bülow betritt den Saal^ Kurze Zeit nach jenen Darlegungen des Grafen Bülow hat der Kaiser in Karlsruhe eine Rede gehalten, die einige Hinweise auf die Stellung Deutsch­

lands zu den anderen Mächten enthielt und innerhalb und außer­halb Deutschlands lebhafte Aufmerksamkeit erregte. Man glaubte aus ihr entnehmen zu dürfen, daß wir denn doch zu Frantteich ein wenig anders stehen Preßorgane aller Parteien haben darauf hingetoiesen, daß Deutschland in der Tat isoliert dasteht. Das ist durch den glänzenden Empfang Loubets in Italien bewiesen wor­den. Die Stimmung des italienischen Volkes steht mehr auf französischer als deutscher Sette. Ich persönlich habe den Ein­druck, daß die Verstimmung der großen ausländischen Nationen gegen Deutschland wächst. Das zeigt uns auch der Umstand, daß das Denkmal Friedrichs des Großen noch unausgepackt irgendwo in Amerika steht. Fragt man nach den Gründen, so bekommt man zur Antwort, daß Deutschland durch seine machtvolle Stellung auf dem Weltmarkt den Neid der andern Völker erregt. Ich verkenne die Bedeutung Deutschlands in dieser Hinsicht nicht. Der Neid, nein der Haß der anderen Völker ist aber rege geworden durch die militärischen Rüstungen Deutschlands zu Wasser und zu Lande, die ein Wettrennen aller Kulturnationen hervor gerufen haben. In weiten Kreisen aller Kulturnationen hat man allmählich dieses Wettrennen satt bekommen. (Sehr wahr! bei den Soz.) Die Lasten sind unerschwinglich, selbst England, das reichste Volk Europas, ist solchen Lasten auf die Dauer nicht gewachsen. Dazu kommt, daß Deutschland auf geistigem Gebiet als Hort der Frei­heit den anderen Ländern nicht mehr als Muster dienen kann. (Sehr richttg I links.) Im Gegenteil, wir stehen an der Spitze aller reaktionären Bestrebungen. (Sehr richttg I links.) Aus Italien ist die Meldung gekommen, daß bei dem Untergang des russischen PanzerschiffesPettopawlowsk" ein Telegramm aus einer sizili- schcn Stadt nach Petersburg gegangen fei des Inhalts:Rußlands Trauer ist auch Deuffchlands Trauer." Ich beftreite, daß die Stimmung in diesem kaiserlichen Telegramm der Stimmung des dcuffchen Volkes entspricht. (Lebhafte Zusttmmung links.) Meiner Auffassung nach weilen die Sympathien des deutschen Volkes mehr auf Seite der Japaner als der Russen. (Sehr richtig! links.) Gewiß, wir bedauern alle die schweren Menschcn- verluste, aber Sympathien für Rußland haben wtt nicht. (Zuruf des Mg. v. Riepenhausen (kons.): Sie haben sie nicht! Glocke des Präsidenten.)

Präsident Graf Ballcsttem: Ich bitte, den Redner nicht zu unterbrechen, das hält nur die Verhandlungen auf.

Abg. Bebel (fortfahrend): Wir kommen zu unserer Stellung­nahme auch durch die Rücksicht auf das russische Volk. Wir haben jetzt wieder ein Beispiel erlebt, auf welcher Kulturstufe Rußland steht. Ein Arzt namens Sabusow wird von dem Generalmajor Kawalow zu einem Glas Wein geladen. Dort überfallen ihn Kosaken und prügeln ihn durch. Ich dächte, wir alle hätten das lebhafteste Interesse daran, zu wünschen, daß endlich einmal die Sonne moderner Kultur in die russischen Gefilde bringt. Wer weiß, was Preußen Jena und Auerstädt genützt hat denn diese Niederlagen haben Preußen groß gemacht, wer sich vergegen­wärtigt, was für Oesterreich 1866 und für Frankreich 1870 be­deutet hat, der wird hoffen, daß auch Rußland durch seine Niederlagen endlich zu einem Kulturstaat wird. Der Reichskanzler meinte bei der ersten Etatslesung: Wir hätten in der Mandschurei keine Interessen. Was sagt derEhrbare Kaufmann" in unserer größten Handelsstadt Hamburg?Deutschlands Handel ist ver­nichtet, wenn Rußland die Mandschurei behält." Ich glaube, man kann zu der Einsicht der Kaufleute Hamburgs größere Zu­versicht in dieser Beziehung haben als zu dem Reichskanzler. Ich hoffe, daß Deutschland nicht wieder die Gelegenheit wie 1895 wahrnimmt, um mit den anderen Mächten Annexionspolittk zu treiben. Wenn Deutschland, wie Herr Graf Bülow meinte, im Osten nichts zu suchen hat, so hgt es die Pflicht, größte Neuttalttät zu üben. Ich glaube, wenn Rußland unterliegt, können wiotuns und auch den Westmächten nur gratulieren. Dann wird endlich die Furcht vor dem tönernen Koloß schwinden und damit das Ver- langen nach immer neuen Rüstungen. So wird inbireft unser Finanzwesen eine Besserung erfahren. Mit Mühe unb Not haben wir biesmal die Zuschußanleihe beseitigt.

Der Vertreter für Sachsen-Weimar klagte neulich in weh­mütigen Tönen über die Finanznot seines Staates. Er hätte zu den Beispielen, die er anführte, noch eins von viel größerer Bedeu­tung hinzufügen können. Es ist ein Zeichen der Zeit, daß unsere Kulturaufgaben in geradezu erschreckendem Maße leiden durch unsere Kriegs- und Kolonialpolittk. Ich will dem Vertreter für Sachsen-Weimar sagen, wie dort die Kulturaufgaben leiden. Jena, eine unserer ältesten Universitäten und eine der hervorragendsten Städte deutschen Geisteslebens, konnte feit Jahren nicht mehr als Universität bestehen, wenn es nicht in hochherzigster Weise von dem optischen Institut des Herrn Zeiß unterstützt worden wäre. 80 000 Mark bezahlt dieses Institut, das 1000 Arbeiter beschäftigt hat, jährlich zu dem Etat der Universität; davon allein 30 000 Mark zu Besoldungen der Professoren. Ohne diese Gaben des Privatinstt- tuts bestände die Universität nicht mehr. Es sollte uns doch zu denken geben, daß die ersten Städte deutscher Geisteskultur nicht mehr ihre notwendigsten Ausgaben erfüllen können. Sehr viele kleine deuffche Universitäten befinden sich in einer ähnlichen finan­ziellen Lage. Sagte doch vor kurzem der Finanzminister Rueger in der Ersten sächsischen Kammer:Angesichts der Beschlüsse des Reichstages würden die Einzelstaaten gezwungen sein, in noch höherem Maße als bisher die Erfüllung von Kulturaufgaben ein­zuschränken." (Hort! hört! bei den Soz.) Wer außerhalb des Reiches von solchen Zuständen hort, was mag der vom deutschen Volke denken, das so stolz ist auf seine geistige Höhe! Aber aus anderen Gebieten können wir Geld hinaustverfen, so für unsere Kolonien. Als ich neulich sagte, der südwestafrikanische Auf­stand wird uns 50 Millionen Mark kosten, erhoben sich hier etliche Oho! Heute zweifelt keiner mehr daran, im Gegenteil, viele be­fürchten, das er uns mehr kosten wird. Die Ausdehnung des Auf­standes, die Widerstandsfähigkeit der Hereros habe ich, haben an­dere, hat auch die Reichsverwaliung wohl unterschätzt, sonst wären wohl andere Maßnahmen getroffen worden. Jetzt müssen weit größere Aufwendungen gemacht werden, um erfolgreich zu bleiben. Generalleutnant von Trotha ist plötzlich nach Südaftika beordert worden; urplötzlich! In dieser Plötzlichkeit zeigt sich, daß man glaubt, nur mit großen Mitteln zum Ziele kommen zu können. Wie man in der Wahl des Oberkommandierenden vom Obersten {jum Generalleutnant aufstieg, wird man wohl auch eine ent­sprechende Truppeneeböhuny vornehmen. Der Nachtragsetat kann recht schon werden. Ich will mein Urteil zurückhatten, aber eines muß ich schon jetzt sagen: Ich glaube, ein Mann, der Land und Leute kennt, toäre mehr als Höchstkommandierender am Platze ge­wesen, als ein Mann, dem das Land fremb ist. Das Schicksal der Kolonne Glasenapp zeigt eS uns ja, wohin das sonst führt.

An die Schuhtrupve werden außerordentliche Anforderungen gestellt, Wochen hindurch müssen die Truppen biwakieren, schließlich ist auch noch der Typhus in erschreckendem Umfange auSgebrochcn. Man hat auch in Kolonialkreisen jetzt erkannt, daß der Aufstand kein Kinderspiel ist. Der gefallene Leutnant Reiß hat an seine Eltern geschrieben: Der Krieg ist der schwerste, den wir feit 1870 geführt

haben. Um so mehr ist zu verurteilen, daß der Aufstand hervor­gerufen ist durch das Verhalten unserer Landsleute gegenüber den Hereros. Der Missionar Meyer hat Ende März in einem Vortrage im Missionshause in Berlin ausgeführt, in Südwestafrika konnte jeder Weiße sein Haupt in den Schoß eines Hereros legen; der Herero lebte sparsam und zufrieden. (Zurufe rechts.) Ich muß mich doch auf Leute stützen, die Land und Leute kennen. Die Herero pflegten ihren einzigen Reichtum, ihre Herden. Aus diesen Berichten läßt sich schließen, was alles passiert sein muß, um solchen Haß hervorzurufen: Eine zügellose Gewinnsucht einzelner und ganzer Erwerbsgenosicnschaften, rigorose Schuldeintteibung, Rechtlosigkeit gegenüber den Weißen, Selbsthilfe durch die Weißen, dazu körper­liche Mißhandlungen. Hatte ein Weißer einen Streit mit einem Herero, so schoß er ihn einfach nieder. Es war ja nur einrebelli­scher" Herero. Weiter: sittliche Verfehlungen Weißer gegen Herero-Frauen. Andere Volker haben andere Sitten, aber die Ver­gewaltigung der Frauen gehört nicht in den Sittenkodex der Hereros. Daher die scheußlichen Mißhandlungen und Verstümmelungen Weißer, die in die Hände der Hereros gefallen waren. Der Häisttt- Img Samuel hat in einem Briefe er ist durch die ganze deuffche Presse gegangen die Hereros angewiesen, die Missionare und Eng­länder zu schonen, aber die Deutschen, denen sollte kein Pardon ge­geben werden! Das besagt alles! Ich richte heute noch einmal die Frage an die Kolonialverwaltung, die ich bereits neulich gestellt habe: Sind Frauen und Kinder Weißer getötet worden, und wieviel? Sind Frauen und Kinder Weißer geschont worden, und wieviel? Sind Herero-Frauen und -Kinder gefangen ober in Schutzhaft ge­nommen, und wieviel? Diese Frage stelle ich deshalb, weil mehr­fach behauptet worben ist, alles, was von Hereros in unsere Hände fällt, einerlei, ob Männer, Frauen oder Kinder, werde niedergemacht. Weiter: Sind Missionare getötet oder körperlich mißhandelt worden, und wieviel? Und endlich: Sind Herero-Männer gefangen genommen worden, und wieviel?

Aehnlich wie in Südwestaftika liegt es auch in anderen Ko­lonien. So hat ein Berliner Blatt kürzlich einen Artikel gebracht, der die Zustände in unserer Kolonie Kamerun in furchtbaren Farben schildert. Der Arttkel ist von einem durchaus sachkundigen Herrn geschrieben und zeigt, in welcher Art mit unserem Gelbe bort ge- toirtfdiaftet wird. Ich habe mich gefreut, kürzlich von einem Herrn der Rechten zu hören, daß sie die Kolonialpolittk nicht mitgemacht hätten, wenn sie solche Folgen geahnt hätten. Ich sage Ihnen gang offen: Wenn sich ein Käufer für unsere Kolonien finden würde (Zu­rufe: Ob sich einer findet! Heiterkeit) ich meine, es findet sich keiner, der uns unser Anlagekapital und unsere Aufwendungen verzinst zurückzahlt (Heiterkeit) umsonst wollen wir das Geld doch nicht hingegeben haben, wir sollten unsere ganzen Kolonien ruhig verkaufen. Wir machten ein prächtiges Geschäft und formten uns gratulieren. (Sehr richttg I bei den Sozialdemokraten.) Ich bezweifle allerdings, daß sich jemand findet, der sie uns ab» kaufen will.

Ich komme zu einem merkwürdigen Vorgang, der sich im preu­ßischen Landtag kürzlich abgespielt hat. Dort ijt ein Gesetz vor­gelegt, ba§ den Kontraktbruch der ländlichen Arbeiter in erhöhtem Maße bestrafen soll. In einer Zett, wo unsere Grundbesitzer unsere ländlichen Arbeiter immer mehr zu Hörigen machen, ist solch ein Gesetz etwas Unerhörtes. Ein solches Gesetz kann überhaupt nur der Reichstag machen. Dieser Vorgang zeigt uns auch, wohin der Kurs des Grafen Bülow zielt. Jetzt sieht man, es wird ein Unter­schied zwischen den Arbeitern gemacht. Es gibt Arbeiter erster Klasse und zweiter Klasse. Im schneidendsten Widerspruch steht die Vorlage zu den heiligen Versprechungen der Regierung und des Reichskanzlers, der im Namen des Kaisers erklärte:Wir wollen unsere Sozialpolittk fortsetzen; wir wollen für die Arbeiter sorgen." Ich kann nur sagen: Rußland, Mecklenburg und Preußen sind drei auf gleicher Stufe stehende Kulturstaaten. Graf Bülow sagte: Preußen in Deutschland voran!" Das ist eine Floskel, ein schönes Wort, weiter nichts! Wir marschieren nicht voran, wir marschieren hinter drein! (Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.)

Reichskanzler Graf Bülow: Der Herr Abg. Bebel hat sein» Rede eröffnet mit einem Ueberblick über die gegenwärtige inter­nattonale Weltlage. Ich werde ihm auf dieses Terrain nicht sehr weit folgen, muß aber doch einige Bemerkungen richttg stellen, die mir der Korrektur besonders bedürftig erscheinen.

Der Herr Abg. Bebel hat ein T e I e g r a m m berührt, welches Se. Majestät der Kaiser aus Syrakus an Se. Majestät den Kaiser von Rußland gerichtet hat. Der Herr Wg. Bebel hat den Wortlaut dieses Telegramms nicht richttg wiedergegeben. Aoer allerdings hat Se. Majestät der Kaiser in feinem Telegramm an Se. Majestät den Kaiser von Rußland der warmen Teilnahme Ausdruck gegeben an dem schweren Unglücksfalle, bei welchem so viele brave Leute in der Erfüllung ihrer Pflichten in den Tod gegangen sind. Ich bin überzeugt, daß diese? Gefühl menschlicher Teilnahme nicht nur von der Mehrheit dieses hohen Hauses, son­dern auch von der Mehrheit des ganzen Landes geteilt wird (Sehr richttg! rechts.) und ich kann bei dieser Gelegenheit nur meinem Beoauern Ausdruck geben über die Art und Weife, wie in einem Teil unserer Presse und namentlich in unseren Witzblättern neuer­dings die Unglücksfälle eines uns benachbarten und befreunbeten Landes zum Gegenstände gehässiger, hämischer, spötttscher Arttkel und Zerrbilder gemacht werden. (Zusttmmung rechts.) Wenn aber, meine Herren, der Herr Abg. Bebel schon in jener Anteil­nahme Sr. Majestät des Kaisers an dem Unglück desPettopaw- lowsk" eine Abweichung von der uns gegenüber dem ostasiattschen Krieg auferlegten Neutralität erblickt, wie kann er es denn ver­antworten, daß er wieder derartige Angriffe gegen unseren russi­schen Nachbarn gerichtet hat, daß er in so unverhüllter Weise gegen ihn zu Felde gezogen ist unter Zuhilfenahme historischer Analogien, daß er in unverblümtem Tone gesagt hat, er wünsche eine Niä>er- lage Rußlands. (Sehr wahr! rechts. Widerspruch bei den Soz.) Das ist eine Abweichung von jeder ehrlichen, ftriften und loyalen Neuttalttät, die wtt gegenüber dem gegenwärtigen ostasiattschen Kriege nach beiden Seiten hin einnehmen, eine Abweichung und eine Verletzung der Neuttalttät, die ich als verantwortlicher Mi­nister nicht mitmachen fann. (Beifall.)

Der Herr Abg. Bebel hat sich dann auch über die Lage der Dinge in Südwestafrifa verbreitet. Er hat zunächst die militärischen Operationen kritisiert. Ich glaube, m. H., daß bei der gegenwärtigen Lage der Dinge in Südwestafrika eine solche Kritik ich will mich sehr schonend ausdrücken mindestens nicht sehr zeitgemäß ist. Was soll denn jetzt mit solchen Erörterungen erreicht werden, wie sollen wir beim jetzt, wo wtt garnicht in der Lage sinb, bie Beteiligten zu hören, zu einem richtigen Urteil ge­langen? Wenn überhaupt auf Grund eines gesicherteren Mate­rials, als e§ uns heute zur Verfügung steht, unseren Offizieren draußen ein Vorwurf gemacht werden kann, so würde es doch höch­stens der Vorwurf sein, daß sie ihre Person und ihr Leben zu rück­sichtslos in die Schanze geschlagen haben. (Lebhafter Beifall.) Das ist ein schöner Vorwurf. Und ich muß sagen: die Art und Weise, wie unsere Leute und Offiziere dort vorgegangen, der hohe Prozent­satz der gefallenen Offiziere ist die beste Widerlegung der generali-