Ausgabe 
10.3.1904 Drittes Blatt
 
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Nr. 59

Donnerstag, 10 März 1904

154. Jahrg.

Erscheint täglich mit Ausnahme de? Sonntags.

DieGießener FamUienblölter" werden den ,9Inaeini otennc wöchentlich beigelegt D, wQefftf \ Land> tr' * erschein monatlich einmal

Giehener Anzeiger

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General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Eichen.

Parlamentarische Perlianvlnngen.

Nachdruck ohne Vereinbarung nicht g : ft c. t i k L

Deutscher Reichstag.

5 3. Sitzung vom 9. März.

1 Uhr. Das Haus ist schwach besetzt.

Am Vvndcsratstische v. Einem u. A.

Man setzt die zwiete Beratung deS M i l i r a r e t a t 5 fort, und zwar immer noch beim Titel:Gehalt des Kriegsministers 36 000 Mark".

Abg. Dr. Braun (Soz.) spricht über die Sozialpolitik in der Heeresverwaltung. Er gibt zunächst eine Uebersicht über die Ar- beitsverhältnissc in den Militarwerkstätten. Seiner Meinung nach ist die deutsche Heeresverwaltung in sozialpolitischen Dingen außer­ordentlich rückständig. Wenn sie sich doch die französische zum Muster nehmen wollte, die in ihren Werkstätten bereits den acht­stündigen Arbeitstag durchgeführt hätte. Sehr bedauerlich sei, daß unsere Heeresverwaltung Arbeiten an Unternehmer vergebe, die diese dann in der Heim- und Schwitzindustrie herstellen ließen. Namentlich daS Beklcidungsamt des 6. Armeekorps tue sich darin besonders hervor. Da würden Arbeiterinnen beschäftigt zu Löhnen, die platterdings zum dürftigsten Lebensunterhalt nicht auSreichten. Was Wunder. wenn die Aermsten auf den dunklen Weg der Schande gedrängt würden! Redner bringt sodann angebliche Mißstände in Spandau zur Sprache, die sein Parteifreund Zubeil im vorigen Jahre bereits ausführlich erörtert habe. Er spricht aber so leise, daß er nur sehr schwer zu verstehen ist. Beklagenswert sei die geringe Stabilität der Arbeitsvcrhältnistc in Spandau. Perioden angestrengtester Tätigkeit wechselten mit Perioden großer Fläue. Ein letztes Wort. Der Widerstand der Regierungen gegen eine vernünftige Sozialpolitik hat sich bisher als unüberwindlich er­wiesen. Da darf der Reichstag nicht langer zögern, auf eigene Faust gesetzgeberisch vorzugehen, sonst macht er sich mitschuldig!

Mg. v. Kröcher ftons.ft Ich will nur einige Worte zum Militär­etat sprechen und zwar nicht, obgleich ich nicht Militär war, sondern weil ich nicht Militär war, denn ich habe nur so kurze Zeit gedient, daß, wenn ich Unteroffizier gewesen wäre, ich nicht einmal einen Zivilversorgungsschein bekommen hätte. (Heiterkeit.) Ich will den Rednern der Linken ohne weiteres zugeben: Gewiß, es gibt im Offizierkorps Modenarren, eS gibt dori Gigerl, aber ich habe gehört und weiß aus eigener Kenntnis, daß diese man nennt sie Fatzkes" (Große Heiterkeit), daß diese Fatzkes also mit Anstand für König und Vaterland zu sterben wißen (Beifall rechts), und das ist getoiß eine schätzenswerte Eigenschaft für einen Soldaten. Es gibt ferner ganz zweifellos auch Offiziere, die in sittlicher Hinsicht nicht allen Ansprüchen entsprechen. ES aibt im Offizierskorps Don 'Juans, Trinker und Spieler. (Lebh. Zusttmmung bei den Soz.) 'Aber wo gibt eS diese nicht? Und gerade aus den letzten .Kriegen, raus dem Kriege 1870/71 und aus den Freiheitskriegen wißen wir, «daß wir große Heerführer gehabt haben, von denen es feststeht, daß ßie sich verschieden diesen bedauernswerten Passionen hingegeben haben. (Heiterkeit und Beifall.) Daraus folgt, daß diese sittlichen Mängel, die ich im übrigen natürlich auch durchaus verurteile, aus Den Geist und die Tüchtigkeit der Armee keinen Einfluß haben, wie isurrt ihren das von mancher Sette zuschreibt. Tas hat auch Fried- ich der Große gewußt, der doch auch vom Heerwesen etwas verstand, "imb der einem Major, der sich über das viele Saufen der Offi- isiere beflagte, schrieb:Sause er auch." (Große Heiterkeit.)

Ich will nur auf einige Aeußerungen des Abg. Bebel zurück- i kommen, nicht um gegen Herrn Bebel zu polemisieren, sondern um .einige seiner Sätze alS sehr richttg zu urtterschreiben. Herr Bebel Ihat gesagt, daß die Zahl der Soldaten, die soziawemokrcttische Ge­sinnung haben, immer größer werde. Nach meiner Kenntnis der Tinge kann ich das nicht bloß als richtig anerkennen, sondern ich aniß das auch recht dick unterstteichen. Außerdem kann sich doch ,eber selbst sagen: Wenn die Leute vor ihrem (Eintritt in die Armee 'Sozialdemokrctten sind und nach ihrem Austritt wieder Sozialdemo­kraten sind, weshalb sollten sie gerade die Zeit, wo sie den bunten Rock tragen, nicht Sozialdemokraten sein. Ich glaube aber, aus dieser Tatsache erwächst uns allen, uns bürgerlichen Parteien, oder wie mau es nennen will, kurz und gut, den Mehrheitsparteien, die Pflicht, den leitenden Persönlichkeiten in der Regierung klar zu machen, daß es nicht möglich ist, die Sozialdemokratie durch Ent­gegenkommen und durch schöne Reden gewinnen zu wollen. (Beifall rechts höhnische Zurufe bei den Soz.Der starke Mann".) Natür­lich, ich weiß ja, ich werde jetzt wieder als Scharfmacher gekennzeich­net. (Zustimmung bei den Soz.) Ich gebe es auch vollständig zu, ist auch gar nicht verwerflich, ein Schwert zu schärfen (Lebhafte Zusttmmung rechts), es lotmnt nur darauf an zu welchem Zweck. Zum guten Zweck kann man e§ wohl schärfen; verwerflich ist es bloß, wenn man das Messer schärst, um Leuten die Kehle abzu- schneiden, denen man es nicht tun sollte. (Große Heiterkeit.) Ich hoffe also, daß die Herren von der Regierung und von den Mehr­heitsparteien die Konsequenzen daraus ziehen werden. (Lebhafte Zusttmmung rechts.)

Abg. Böckler (AnttsZ polemisiert gegen dieMaccabäer-Rede" bc§ Mg. Eickhoff. Ich bezweifle, daß die Juden besonders tapfere Soldaten sind. Wenigstens muß ich Die Juden meines Wahlkreises gegen diese Behauptung in Schutz nehmen. Diese sind an dem Blut­vergießen in den Freiheitskriegen sicher nicht schuld. Auch die aus Koniß nicht. Ucberhaupt waren nur wenig Juden an den Freiheits­kriegen beteiligt. Die Stattsttk ist ganz falsch, ist sie doch ein Menschenalter später aufgestellt. Auch die Berufung auf Wellington beweist nichts, der hat später so manches gesagt, was nicht richttg war. In vielen Städten, z. B. in Dirschau, Putzig usw., bezahlten die Juden einige hundert Taler und statteten einige Soldaten aus, um zu Hause bleiben zu können. In Deuffch-Krone wollten sie das auch, ihnen dies nicht gestattet wurde, gingen sie an den König Friedrich Wilhelm III. und boten ihm 1000 Taler, wenn sie nicht mitzugchen brauchten. Die Antwort deL Königs ist sehr charatteristtsch und be­leuchtet eigenartig die Darlegungen des Abg. Eickhoff, sie lautete: Das Gesuch wird genehmigt, denn in diesen schweren Zeiten sind feige Memmen gar nichts, aber 1000 Taler immer etwas. (Große Heiter­keit.) Der Kriegsminister sagte, den Soldaten sei nur der Besuch polnischer Lokale verboten. Was heißt das. Viele dieser Lokale ge­hören Juden, und die sind deuffch, wenn Deutsche da sind, und wenn Polenta sind, fingen sie: Noch ist Polen nicht verloren. (Heiter- heit.) Daß die adligen Offiziere bevorzugt werden, ist verständlich, 'Talente vererben sich, die Juden haben das Schachertalent geerbt i Heiterkeit), und in vielen adligen Familien vererbt sich das Talent -für die .Kriegskunst. Redner Enttet sodann den Kriegsminister, mehr Tir kleine Garnisonen zu sorgen.

Abg. Bebel (Soz.) erwidert dem sächsischen Oberstleutnant Krug -zu Nidda: Ich habe den Bautzener Fall mtt möglichster Diskretion Ibehandelt und gar keine Namen genannt. Die Vorwürfe gegen meine Partei sind unbegründet. Meine Parteipreße hat von dem ganzen Fall überhaupt nur Notiz genommen, nachdem er durch die bürgerliche Preße gegangen. Es scheint, als ob gewiße, der Armee i nahestehende Kreise das Bedürfnis zu Klaffch und Trcttfch in der ?Lrmee haben. Herr Krug zu Nidda lann mir dafür dankbar fein,

daß ich ihm Gelegenheit gegeben habe, den Fall aufzuklären, lieber den Fall Bissing habe ich 8 Schreiben bekommen. Es scheinen Kreise vorhanden zu fein, die ein Interesse daran haben, diesen General zu diskreditteren. (Hört, hört!) Zum Fall Kronberg wird heute in der Presse mirgeteilt, daß der jetzige Kriegsminister von Einem zur Zett des Eintritts des Prinzen Kommandeur des betreffenben Regiments in Münster gewesen ist. Wie kommt es denn, daß er sich gar nicht nach seinem Vorleben erkundigt hat? Man pflegt sich doch sonst über die Kntecenbentien auf das genaueste zu informieren. Es scheint doch in der Tat, als ob cS im Offizierkorps eine sehr diffe­renzierte Behandlung gibt, je nachdem, ob es sich um Adlige ober Bürgerliche hanbelt. Es gibt Regimenter ersten, zweiten unb britten Grades, die je nach der Zusammensetzung des Offizierkorps ein sehr verschiedenes Ansehen genießen. So z. B. nimmt das Regiment Nr. 145 seit 1895 keine bürgerlichen Offiziere mehr auf. Eine ähn­liche Wandlunsu.zeigt sich im 86er Regiment. Für uns Sozialdemo- fraten ist es schließlich egal, ob die Mannschaften von adligen oder bürgerlichen Offizieren mißhandelt werden. iSehr gut!) Aber charakteristisch bleibt jene Tatsache für den Geist, der in unserer Armee herrscht!

Der Fall derKommandeuse" hat sich nach derPreußi­schen Korrespondenz" m der Tat ereignet, und zwar in Posen, und zwar unter dem Vorvorgänger des jetzigen Kommandierenden.

Ich komme nunmehr zum Abg. Stöcker. Ich begreife^ja bie lebhafte Erreguna des Herrn Stöcker,, wenn er mit der Sozial­demokratie auf die Mensur geht: hat sie ihm doch übel genug mit- gespieltl Und er möchte so gern Revanche nehmen! Herr Stöcker hat diesmal selber Kritik geübt; aber er tut bas in überaus schonen­der Weise nach oben. Da sind wir anders. Wir glauben, daß der Sitz des Hebels gerade oben ist und daß wir deshalb gerade nach oben eine scharfe Sprache führen müßen. Tas liegt an unserer verschiedenen Weltanschauung, da gibt es keine Verständigung zwischen uns! (Sebr richtig!) In ausländischen Parlamenten wirb viel schärfere Kritik geübt. Man sehe auf England, auf Amerika! Unsere Kritik richtet sich nicht gegen das Vaterland selbst wie Sie es hinstellen wollen, sondern gegen die un­würdigen Zustände in unserem Vaterland, die wir beseitigen und durch beßere ersetzen wollen. (Gelächter rechts^ Daher gilt unser energischer, rücksichtsloser Kamps Ihnen (nach reckts)^ als den Führern alles Bölcn, al» den Erhaltern alles Hebels. (Lärm rechts.) Unsere .Kritik an den moralischen Zuständen in der Armee hat es Herrn Stöcker angetan. Herr Stöcker sieht nur den Stilitter in unserem Auge, den Balken im eigenen Auge sieht er nicht. Weiß er denn nicht, was sein Amtsbruder, der Hofprediger D. Frommel, gesagt hat?Für die meisten wird die Armee, die eine Schule der Zucht sein soll, zu einer Hochschule der Unzufriedenheit!" Herr Stöcker meinte, wir sollten eine Sittlichkeitskommission zur Prüfung der Behauptungen des Grafen Baudissin einsetzen; nun, das wäre wohl mehr Sache der Militärverwaltung. Und zum Vorsitzenden dieser Kommission für welchen Posten Herr Stöcker meinenFreund Singer vorschlug würde sich wohl bester sein Freund und Amts- bruber Krösell eignen! (Große Heiterkeit.) Die Wanblung der allgemeinen Gesinnung muß boch an etwas liegen! Ist es benn Hexerei, baß wir So,3talbernofraten 3 Millionen Stimmen be­kommen haben, baß wir Anhänger in Kreisen haben, wo wir es vor 10 Jahren uns nicht hätten träumen laßen? Der Vergleich bet Sozialdemokraten mtt den ersten Christen befiagt Ihnen nicht. Unb boch: genau bieselben Verfolgungen, benen jetzt bie Sozialbemokraten ausgesetzt sinb, haben die ersten Christen erdulden müßen. Und die Bewegung wurde hier wie dort größer unb größer! Herr Stöcker hat es boch am eigenen Lewe erfahren, was es mit dieser Eintagsflieae" auf sich hat! Sett 30 Jahren arbeiten Sie als moderner SisvvhuS gegen unS. Und nicht wir sindheute geboren, morgen verweht", sondern Ihr Name wird morgen verweht fein, wie Spreu im Winde!

Herr Stöcker stellt sich als ein ganz besonders begnadeter Ver- treter des Christentums hin. Und tritt doch alles mit Füßen, was daS Christentum lehrt. Der Christ predigt Menschenliebe, Herr Stöcker predigt Haß gegen ganze Teile der Bevölkerung, gegen die Sozialdemokraten und gegen das Judentum. (Sehr richtig.) Herr Stöcker will un? Moral predigen, das ist wirklich noch schöner, hat er denn vergessen, daß Fürst Bismarck so oft er den Namen Stöcker hörte ober nennen mußte, ihn mit einem Titel belegte, ben man niemanb gegenüber braucht, vor bem man auch nur bie geringste Spur von Ächtung hat. Als Herr Stöcker gestern so gegen die Juden wetterte, rief ihm ein Parteigenosse von mir entgegen: Christus war auch ein Jude. Darauf antwortete Herr Stöcker: Christus war nicht ein Jude, Christus war des Menschen Sohn. Nun, Christus ist von einer jüdischen Mutter geboren, und auch fein Vater war ein Jude, und die Prophezeiungen des alten Testa­ments, die vom Heilande sprechen, weisen auf Judäa hin und Israel. Die Juden waren das erste Volk, das an einen Gott glaubte. Es kann gar nicht bestritten werden und ist auch durch historische Forschungen belegt, daß das Christentum ohne das Juden­tum gamicht denkbar wäre. (Während dieses Exkurses des Wg. Bebel, der von der Rechten zuweilen mtt kräftigen Zwischenrufen ausgenommen wird, präsidiert nicht wie gestern Graf Ballestrem, sondern Vizepräsident Graf Stolberg, der den Redner in seinen Ausführungen nicht hindert.) Redner fahrt fort: Um so verwerf­licher und um so verächtlicher ist da§ Äuftrcten des Mg. Stöcker, der ein Jünger der christlichen Religion sein will. Wir Sozial­demokraten erklären die Religion für Privatsache, unb wir können es auch nicht dulden, daß Ausnahmerechte für einen Teil der Bürger gemacht werden. Die Juden sind für uns gleichberechtigte Bürger. Die Gesetze existteren für sie wie für uns alle. Wenn trotzdem die Juden anders behandelt werden, wenn sie z. B. in der Armee nicht befördert werden und im Offizierkorps nicht Einlaß finden, so ist das ein Verstoß gegen die Gesetze. (Gelächter rechts.)

Herr Stöcker ist bann noch auf mein BuchDie Frau" ge­kommen. Er hat aber das Zitat insofern entstellt, als er an einer Stelle aufgehört hat, wo gerade Weiterlesen Pflicht gewesen wäre, sollte der richtige Eindruck erzielt werden. Ich habe den historischen Nachweis geführt, daß die Formen der Ehe wechseln, je nach den sozialen Vcrhältnisten. Was heute Moral ist, ist morgen Unmoral. (Lachen rechts.) Wenn Herr Stöcker mir wegen einiger Stellen in meinem Bucke Unsittlichkeit vorwirft, fo mag er doch an Luther denken, der Sachen geschrieben hat, die ihn heute unfehlbar mit ge­wißen Paragraphen in Konflikt bringen würden (Unruhe rechts), und man weiß doch auch, wie Luther gegenüber der Tatsache stano, daß der Landgraf von Heßen mit einer Mattresse zusammenlebte. Redner läßt sich noch ausführlich über eine Reihe von geschichtlichen Taffachen aus, auch über dieMaitressenwirtschaft an deutschen Fürstenhöfen", die die Duldung evangelischer Geistlicher genoßen habe, bis ihn

Vizepräsident Graf Stolberg mit den Worten unterbricht: Ich habe Ihnen einen weiten Spielraum gelaßen, wenngleich diese Aus­führungen mtt demGehalt des Kriegsministers" in gar keinem Zusammenhang stehen. (Heiterkeit^ Gleichwohl habe ich Ihnen diesen Spielraum gelassen, weil Sic gestern angegriffen worden sind. Ich konstatiere aber, daß der Angriff immerhin mehr als Ihre jetzigen Ausführungen in einem gewissen Zusammenhang mit dem

Militäretat stand, und ich bitte Sie daher, diese Ausführungen nicht allzu weit miSzudehnen.

Mg. Bebel (f ortfabrenb): lieber mein von Herrn Stöcker so verlästertes Buck haben AmtSbrübcr von ihm ganz anbers geurteilt. Ein Geistlicher hat geschrieben, er könne es jedem Christen zur Lektüre empfehlen! (Höri, hört!) Herr Stöcker scheint bie Devise zu habenFür bas Volk bie Religion! Für bas Volk auch bie Moral!" Was oben geschieht, bas tastet er nicht gern an. Nicht bie Sozialbemokratie untergräbt die Moral, das tun die herrschenden Klaßen, die all die empörenden Zustände, das Hofgängerleben, bie Heimarbeit, bie Prostitution bulben unb verschulden. Machen Sie, was Sie wollen, uns werben Sie nicht los! (Beifall bei den Sozialdemokraten.)

Abg. Stöcker (Antis.): Meine Hiebe scheinen doch geseßen zu haben, sonst wäre Herr Bebel wohl nicht so erregt geworden. Ich habe sein Buch ganz richtig zitiert. Er will eben das ganze Insti­tut der Ehe zu Grunde richten und aus der ganzen Menschheit eine Tierwüste oder einen zoologischen Garten machen. (Große Heiter­keit.) Herr Vebcl hat auf dem Dresdener Parteitag gefaat: Hütet euch vor den Leuten, die zu euch kommen, vor allem vor den Aka­demikern. (Zuruf bei den Soz.: Fälschung!) Redner verliest darauf aus dem Bericht die Worte Bebels, in denen e5 heißt: Seht euch vor den Leuten vor usw. Tas ist doch genau dasselbe. Wer sich aber so vor den Akademikern fürchtet, kann keine Kultur schaffen. Was Herr Bebel tic:i meinem verstorbenen Amtsbruder Frommel gesagt hat, muß noch erst beglaubigt werden. Tas ist vielleicht nur über Frommel erzählt worden Mir Ihrem Heruntcrrcißen jeder Autorität treibt man nur BvzantinismuS vor dem Pöbel. Daß die Sozialdemokraten so viel Anhänger gefunden haben, ist nur die Schuld Der Judenvresse oder einer verwandten gleichschlechten Presse, die unser Volk dumm gemacht hat. Bebel spricht jeden Augenblick von Rom und dem Kaiser Nero, bei seinem Haß gegen das Christentum kann er aber doch nur selbst Nero oder Caligula fein. Herr Bebel sagte auch, ich sollte christliche Liebe predigen, aber Christus selbst hat gesagt, daß er nicht den Frieden, sondern da? Sckwert bringe. Im übrigen lehne ich es ab, mich mit ®ebel über Christus zu unterhalten, bei seinem Haß gegen die Akademiker versteht er die ganze Frage auch nicht.

Kriegsminister von Einem: Sie werden mir zugeben, daß nach den gehörten Reden es dem preußischen Kriegsminister außerordent­lich sthwer gemacht wird, sein bißchen Gehalt zu bekommen. (Heiter­keit.) Heute hätte ich gar nicht hier zu sein brauchen. Ich hätte ruhig im Äriegsministerium meinen Geschäften nachgehen können. Ick hoffe aber, daß diese meine Bemühungen, mir mein Gehalt streitig zu machen, allmählich aufliören werden.

In einem Punkte gebe ich Herrn Bebel Recht. Es geht in bet Tat eine gewiße Klatschsucht durch weite Kreise und eine medisance, die sich offenbar fo weit verzweigt und fo weit geht, fo ungeniert über Sachliches und Persönliches ausspricht, daß jeder in feinem Kreise dahin wirken sollte, vorsichtiger zu fein. Aber wo werden denn derartige Klatschereien ungenierter vorgebracht als in sozial­demokratischen Blättern, und wo werden sie hartnäckiger festgehallen? Ich will nur zwei Beispiele aus der letzten Zeit anführen. Der Vorwärts" brachte vor einiger Zeit einen Artikel unter der lieber» schrift:Eine Verbesserung der Offiziersgehälter auf Umwegen". Darin wurde ausgeführt, daß ri.ie Verbesserung der Offiziers­gehälter erzielt werden sollte durch die neuen Servistarife. Nun steht cs fest, daß auch nicht die geringste Aenderung der Gehälter hcrbeigeführi werden soll. Ich habe daher, nachdem derVor­wärts" in den schnödesten Ausfällen gegen die Regierung auSge- führi hatte, daß man nur darauf auSgehe, Leuten etwas zuzu­wenden, die cs nickt brauchen, sofort in derBerliner Korrespondenz" eine Berichtigung erscheinen laßen. Alle Blätter haben sie ge­bracht, nur derVorwärts" nicht. (Hört, Höri! rechts. Mg. Bebel ruft:Zwingen Sic ihn doch!") Redner wendet sich zum Mg. Bebel: Ich meine cs Ware anständiger, diese Berichtigung ohne Zwang zu bringen (Lebhafte Zustimmung.) WaS den Ball Bissing betrifft, so muß ich zugeben, daß Her Bebel nur eine Anfrage an mich gerichtet hat. Dazu war er zweifellos berechtigt. Aber wäre es nicht einfacher, daß »r an mich einen gewöhnlichen Brief ge­schrieben und mich gefragt hätte? Ich hätte alles getan, um den Fall aufzuklären. Ich glaube nicht, daß es zur Beruhigung bei- trägt, wenn so etwas hier erörtert wird! Denn eS gibt Kreise, die dann immer noch sagen:Es ist doch etwas an der Sache", während nichts daran ist, absolut nichts.

Herr Bebel hat gesagt, es wäre viel bester und viel klüger gehandelt, wenn ich den DementterungSapparat häufiger in Be­wegung setzte. Wollte ich das, so müßte ich Ihnen jetzt schon mtt einem Nachtragsetat kommen (Heiterkeit), um das Heer von Be­amten anzustellen, das erforderlich wäre, alles Falsche, WaS in den Zeitungen steht, zu dementtcren. Wenn ich nur daran denke, WaS für hirnverbrannte Gerüchte über Den Abgang meines Vorgängers kolportiert wurden ja, da faßt man sich wirklich an den Kopf und begreift es nicht, wie verständige Menschen einen solchen Blöd­sinn glauben und schreiben können. (Lebh. Zusttmmung rechts.)

Ick nehme jetzt gern die Gelegenheit wahr, mich über den Fall Krenberg zu äußern. Herr Bebel hat ganz recht: Ich war damals Kommandeur jenes Kürassierregiments in Münster. In unseren Reiben diente damals der Bruder des Prinzen, der Herzog von Krenberg, ein durchaus nüchterner, solider Mann, ein tüchtiger Offizier, trotz seines großen Reichtums abhold jedem Luxus, jedem Aufwand. Der tritt eines Tages an mich heran mit der Bitte, seinen jungen Bruder inS Regiment zu nehmen, weil er für ihn die Erziehung in einem preußischen Regiment für er­sprießlich hielt. Ich habe mich nach der Persönlichkeit des Prinzen genau erkundigt. Ick batte damals einen Adjutanten, der genau bekannt war mit ben Verhältnissen des herzoglichen HauseS er kam später in die Kolonialarmec und ist mittlerweile gestorben. Von dem Charakter des Herzogs und dem Charakter meines Adjutanten muß ick mit aller Sicherheit annehmen, daß sie mir Mitteilung gemack» hätten, wenn sie von den anormalen Fällen Kenntnis gehabt hätten, die nachher ans Licht kamen. Ich habe von denselben keine Ahnung gehabt. Bei dem Charatter der beiden Herren bin ich überzeugt, daß sie mir den Antrag auf Aufnahme des Prinzen Krenberg gamicht gemacht hätten, wenn ihnen etwas davon bekannt gewesen wäre.

Ich kann versichern, daß, als der Prinz kam, ein starker, hoch­gewachsener Mann, von irgend welcher Abnormität nichts zu be­merken war. Er hat dann ein Manöver mitgemacht, und ich habe während des Manövers und nachher von seinem Eskadronchef die besten Zcugniste über ihn erhalten und rühmen hören, wie schnell er sich den Anforderungen des Dienstes gewachsen gezeigt hätte. Ich bin dann vom Regiment forigekommen, der Prinz gmg nach Berlin, um hier m der Anstalt seine Examina zu bestehen. Wenn hinterher im Regiment Fälle voroekommen sein sollen, wie sie in der Verhandlung hinter verschlossenen Türen ausgesagt sein sollen, so sind zweifellos große Fehler gemacht worden, falls die betreffenden Offiziere diese Fälle nicht zur Kenntnis ihres Regi­mentskommandeurs gebracht haben. Man kann sich allerdings auch denken, daß die Betreffenden sich gesagt haben: Der Mann