Nr. 290
•titelet täglich Qufeet Sonntag».
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Gcholstrabe 7.
tibrefle für Develchen: Anzeiger Gtctze«.
FerntvrechaniaUufl Nr 51
Erstes Blatt.
154. Jahrgang
Freitag 9. Dezember 1904
Amts- Md Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
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Are Keutige Hlummcr umfaßt 12 Seiten.
Volitisckc Tagcsschan.
Die Friedensschalmei.
In einem Aufsatz „Politik und Flotte" schreibt Generalmajor Keim u. a. folgendes: Man könne der Ansicht sein, daß das fortwährende Betonen unserer Friedensliebe bei jeder Gelegenheit schließlich als ein Zeichen der Schwäche aufgefaßt werden könnte.. Mit dieser Bemerkung wird offen ausgesprochen, was in Deutschland sicherlich viele, und gerade Personen von patriotischer Gesinnung, längst empfunden haben. Es geht in der Tat kaum eine offizielle Veranstaltung vorüber, ohne daß in mehr oder minder markanter Weise auf die große Friedensliebe Deutschlands hingewiesen worden wäre. Früher hieß es, mit Bismarckschen Worten, stolz und selbstbewußt: Wir laufen niemand nach! Heute könnte der Spruch lauten: Wir fangen mit niemand an.
Ein hervorragender Kaufmann, der kürzlich von weiten Reisen im Auslande zurückkehrte, berichtete uns von dem Eindruck, den die deutsche Politik draußen Hervorrufe. „Respekt ist schon da, viel Respekt sogar", sagte unser Gewährsmann.
„Aber warum nur sucht man in Deutschland beständig sich gewissermaßen zu entschuldigen, das; man Leer und Flotte auf der Höhe hält? Dies Entschuldigen erregt b-ei den Deutschen im Ausland, die den Zusammenhang mit der Heimat nicht verloren haben, ost Befremden, wenn nicht Verdruß. Handelt doch Deutschland nicht anders als England, Frankreich und allen voran die Ver. Staaten handeln! Werden in diesen Ländern zusammengenommen soviel Friedensreden gehalten, soviel Friedenskundgebungen veranstaltet, als es in Deutschland der Fall ist? Mir scheint, die guten und ehrlichen Absichten Deutschlands liegen so klar für jeden, der sehen will, zutage, das; die oft wiederholten Versicherungen nur eine Abschwächung dieser Ueberzeugung bewirken können. In der ausländischen Presse wird nachgerade ein förmliches S p o t t s p i e l damit getrieben, die friedliche 'Tendenz Deutschlands anzuKweifeln. Ein Spottspiel insofern, als die Artikelverfasser es darauf anlegen, irgend eine neue Friedensbeteuerung zu veranlassen, um daran wieder eine Reihe boshafter oder- alberner Glossen zu knüpfen. Was hat eine Großmacht wie das Deutsche Reich nötig, immer wieder den Beweis sich zuschieben zu lassen, daß sie nickt auf Abenteuer ausgehen, -keine Eroberungen machen will! Wer erst anfängt, vor der Welt sich zu rechtfertigen, kann sicher sein, niemals mit der Verteidigung fertig zu werden. Tie Deutschen im Ausland — ich rede, wie gesagt, nur von den deutsch Gebliebenen — müssen nur zuviel darüber hören, lind es würde eine Wohltat sein, würde eine längere Friß dahingehen, ohne daß einfältigen Herausforderungen und Anzweiflungen in der ausländischen Presse gleich eine Antwort folgte. Welcher Privatmann läßt es sich bieten, über die Beweggründe und die Ziele seiner Handlungen examiniert zu werden? Roch weniger kann dem Ausland die Berechtigung zugestanden werden, in den Angelegenheiten des Deutschen Reiches b-wumzurühren und um Auskunft zu ersuchen, ob diese oder jene Maßregel nickt etwa einen „bedrohlichen" Zweck verfolge. Vor Schnüfflern und Lauschern pflegt man die Tür zuzuschlagen. Tas ist auch eine Antwort, die, mit aller Derbheit erteilt, unsere Gegner und Neider vermutlich viel eher und, was die Hauptsache ist, dauernder zum Schweigen bringen wird, als die Beteuerung, wieviel Wert man auf gute Nachbarschast legt. Die Späher und Tadler nicht beachten — daß dies das Beste, das Nichtige ist, lehrt ein Aufenthalt im Ausland. Tie Friedensschalmei wird in Deutschland allzuviel geblasen, ein frischer Trompetenton wäre eine erwünschte und — nützliche Abwechslung" . . .
Der Backpfeifler Syveton •$•.
Der durch die dem soeben vergangenen französischen Krftgs- mknist'-r Andrb in der Kammer verabreichte niederschmetternde Backpfeife „berühmt" gewordene Deputierte Syveton ist am Donnerstag nachmittag, wie es heißt, an den Folg en einer G a s - aus st r ömung in seiner Wohnung verstorben Die Nachricht von diesem plötzlichen Tode rief tn den Wandelaängen, der Kammer große Bewegung hervor. Syveton hätte gestern wieder in der Kammer erscheinen sollen, da die 30 Atzungen, von welchen er infolge seines Angriffes auf den Kriegsmmister Andre ausgeschlossen war, zu Ende gingen. Seine Parteigenossen, welche vergeblich ihn erwarteten, telephonierten wiederholt nach seiner Wohnung, erhielten aber keine Antwort. Gegen 4V2 Uhr verbreitete sich in der Kammer das Gerücht, daß syveton rn seinem Arbeitszimmer bewußtlos aufgefunden worden sti ustd ist.höchster Lebensgefahr schwebe. Der Ministerpräsident, welchem diM', Nachricht von dem Polizeipräsekten televhoniert worden war, bestätigte dieselbe mehreren Deputierten gegenüber.
Ueber den Tod werden folgende Einzclh'tten imtgeteüt: Syveton hatte sick nach dem Frühstück in sein Arbeitszimmer zurückgezogen, welches mit einem Gasofen geheizt wird, um ö Uhr betrat seine Gattin das Zimmer, und fand syveton bewußtlos auf der Erde liegend. Ein rasch l-erbeigerufener Arzt ftetttc lieber5 belebungsversnche an, doch blieben diese erfolglos. Es hemt. daß das Gas aus einem undichten Zuleitimgsrohr ausgestromt fei. Nack einer anderen Version soll das Ventilationsrohr des Ofens mittels einer Nummer des „Intransigeant verstopft ge- weleu fein, sodaß das Gas in das Zimmer zurückströmte. An- gelickts der Zweifel über die Todesart ist aber die Leiche umb der Morgue verbracht worden zur gerichtlickM Sektion Wahrend di - Nationalisten an der Hvpothese des M o r d e s festhalten, glauben andere an einen Selbstmord, wenn auch cm zw fälliger Unglücksfall nicht unwahrlckeinlick^. Zola ist bekanntlich auf ähickicke Weise in Paris ums Leben gekommen.
Der Kriea.
Dir Vernichtung der Flotte von Port Arthur.
Tas Bombardement der russischen Flotte m Port Artkur durek die Japaner nimmt weiter fernen Fortgang, di" japanische ?lrtillerie schicht mit solcher Präzision aus bi' hilflos int Hasen liegenden feindlichen Kricgsschtfse, daß bald nur noch ein Trümmerhaufen von der ehemals so gcwaltiaen Armada übrig sein durste.
Tokio, Tcz. (Amtlich.) Ter Kommandant des Schisssartillerietorps berichtet, daß erne Beobachtung vom
203 Meterhügel nachmittags am 7. Dezember dar getan habe, daß der „Retwisan" augenscheinlich so weit gesunken sei, daß er auf Grund steht. Tie „Pobjed a" hat sich beträchtlich nach dem Backbord üb er gelegt, der Schiffsrumpf ist unterhalb der Wasserlinie nach Westen hin sichtbar.
London, 8. Dez. Dem Renterschen Bureau ging folgende Depesche seines Korrespondenten bei der javanischen Armee vor Port Arthur zu: Ich besuchte den 203 Meterhügel. Der Anblick des Kamvfschauplaües war fürchterlich. Die Japaner nahmen die vorgeschobenen Werke nach sechs- tätigen Kampfe. Der Kamm 'des Hügels ist durch die Beschießung weggerissen: die Abhänge sind mit Trümmern bedeckt, "die Gräben eingeworfen und mit Erde zugefüllt. In einem einzigen 100 Meter langen Stück Graben wurden 200 tote oder verwundete Russen gefunden. Tie Leichen sind durch das in d"n Handgranaten geschleuderte Dynamit entsetzlich verstümmelt.
Tokio, 8. Dez-. Meldung des Kommandierenden der gelandeten S ch i f f s g e s ch ü tz e von heute nachmittag 2i/2 Uhr: Heute um 12V2 Uhr wurde es gewiß, daß der „Pereswjet" gesunken ist: er besindet sich in der gleichen Lage wie die „Poltawa". Die „Pallada" beginnt sich nach Backbord zu neigen Wir richten ein heftiges Feuer auf sie. Von der „Pobjeda" ist der mittlere Schornstein schwer beschädigt. Das Schiff hat Schlagseite nach Achter und ist bis zum Haupideck unter Wasser. Ter „Retwisan" neigt nach Steuerbord über: das Oberdeck ist nahezu ganz unter der Wassetr- ob er fläche. Die „Palla da", die zwischen dem „Ret- wisan" und dem Minenschiffe „Amur" liegt, ist nicht beut* lick) zu sehen, doch ist ein leichtes Sinken des Hinter- teils wahrz-unehmen. Der genaue Umfang der Beschädigungen ist nicht festZustellen. Vom „Bajan" brennt jetzt das Vorderdeck. Tie „S e w a st 0 p 0 l" liegt anscheinend im Ostteile des Hafens längs des großen Krahnes, nur der Mast und der Oberbau sind sichtbar; der Rumps ist ganz Liorn Hügel verdeckt. Tas Feuer der Armeegeschütze richtet sich heute hauptsächlich auf die Schiffe „Pallada", „Bajan" und „Sewastopol".
Tschifu, 8. Tcz. (Reuter.) Heute trafen die Leuchtschiffe aus Niutschwang hier ein, welche die Station in Erwartung des unmittelbar bevorstehenden Schlusses der Schiffahrt auf dem Liaohe verließen. Sie berichten, sie hätten außerhalb Port Arthurs vier japanische Schlachtschiffe, drei Kreuzer und zehn Torpedoboote gesehen. Der Kapitän glaubt, daß sich jetzt die ganze japanische Flotte dort befinde.
London, 8. Tcz. Von der Belagerungsarmee vor Port Arthur wird gemeldet: Nach zehntägigen ununterbrochenen Kämpfen gaben die Russen den Versuch, den 203 Meter- Hügel wieder zu erobern, auf. Einen Tag nach dem andern siel der Kampfplatz bald in den Besitz der einen, bald der anderen Partei, und das Blutbad war entsetzlich, bis die Japaner am 27. November den Hügel endgiltig eroberten. Ter allgemeine Sturm auf Port Arthur am 26. November wurde von japanischer Seite mit allen Hilfsmitteln ausgeführt, endete jedoch nur als eine gräßliche Tragödie. D e r Hauptgürtel der Verteidigungswerke blieb unversehrt. Die Russen kämpften mit wunderbarer Energie und verteidigten die ganze Linie aufs geschickteste, obwohl die Japaner häufig Scheinangriffe machten und Massenumgehungen versuchten.
Paris, 8. Dez. Tie vom „Echo de Paris" veranstaltete Sammlung für die Verteidiger von Port Arthur ergab bis heute 50 000 Franken.
Alexejews Nachfolger.
Petersburg, 8. Dez. Als wahrscheinlicher Nachfolger Admirals Al>xeiew wirb T ü r st G a l i tz i, der Generalgouverneur des Kaukasusgebietes, genannt.
Kohlen für Rußland.
Zu der den deutschen Dampfer „Kapitän" Mengoll" betreffenden Angelegenheit bemerkt die „Nordd. Mlg. Ztg.", daß der Dampfer naturgemäß ohne Ballast nicht in See gehen kann und vermutlich aus dem Grunde Wasser als Ballast aufnahm, weil er von seiner Reederei nach Cuxhaven zurückberufen ist. Der Dampfer hatte eine Ladung Kohlen für die russische Flotte nach Lakew gebracht und wollte nun eine zweite Ladung holen. Diese ist ihm verweigert worden, wahrscheinlich weil auf englischer Seite angenommen wurde, daß die Ladung ebenfalls für die auf der Fahrt nach Ostasien befindliche russisch Flotte bestimmt sei. Nack englischem Gesetz aber ist es verboten, Kohle einem Schiffe zu überlassen, das KriegsscM'en, die einer Krieg führenden Partei gehören, als Proviantschiff folgen soll. Uebrigens hat in der Angelegenheit zwischen der deutschen und der englischen Negierung keinerlei Meinunas-Nustausch ftattgefunben.
Kiel, 8 Dez. Wie die „Kieler N. N." melden, hat der russische Eisbrecher Jermak heute nach fünfwöchent- l i ch c m Aufenthalt Kiel verlassen. Er ist angeblich nach Li - bau in See gegangen. Das Fahrzeug hat im hiesigen Hafen Reparaturen vorgenommen, sowie Kohlen und Proviant an Bord genommen.
Ein drittes russische« Geschwader.
Petersburg, 8. Dez. Wie verlautet ist gestern die ?lb- sendung eines dritten Geschwaders beschlossen worden, die, am 8. oder 9. Januar abgehen soll. Tie Weiterfahrt des Baltticyen Geschwaders wird dadurch nicht aufgehalten.
Die Haager Konferenz.
Washington, 8. Dez. IReuter.) Japan hat die Einladung der Vereinigten Staaten zur Teilnahme an der zweiten Haager Friedenskonferenz unter der Bedingung angen 0 m m e n, daß die Verhandlungen der Konferenz den gegen w artig en Konflikt nicht berühren. Diese Mitteilung ist dem Staatöfckretär Hay heute von dem japanischen Geschäftsträger Hioki üb. rreickt worden. ~~ ___
Aus Sinin u::ö Lund.
Gießen, 9. Dezember 1904.
** Personalien. S. K. H. der Großherzog haben dem Kontrolle führenden Kasernen - Inspektor Oft bei der Garnisonverwaltung in Saargemünd, seither Kaserneninspektor in Darmstadt das Nitteikreuz 2. Klasse des Verdienstordens
Philipps des Großmütigen verleihen. — Der Kreisschulinspektor bei der Kreisschulkomnussion Groß-Gerau Baiider, wurde zum Kreisschnlinspektor bei der Kreisschulkommission Bensheim, der Kreisschulinspektor in Schotten, Backes, zum Kreisschulinspektor in Groß - Gerau und der Lehrer an dem Schullehrerseminar zu Friedberg, Feuerbach, zum Kreisschnlinspektor in Schotten ernannt. — Der Kreisamtmann M ueller in Darmstadt wurde zum Ministerialsekretär beim Ministerium des Innern und zum Vorstand der Registratur dieses Ministeriums, der Negierungsassessor Dr. Michel aus Neudamberg zum Kreisamtmann ernannt.
** Handelskammerwahl. Unsere gestrige Notiz er* gänzend, teilen wir mit, daß mit der erwähnten Entscheidung der von der Firma Ata i er Wolf, Julius Berdux und Ge)hwister Aron, vertreten durch den Rechtsanwalt Klarenaar, gegen die Wiederwahl des Handelskammermitgliedes Ernst Balser erhobene Ei nsp ru ch vom Großh. Ministerium als unbegründet abgewiesen und dessen Wahl zur Handelskammer bestätigt worden ist.
** Für das Theater- und Saalbauprojekt sind, wie wir hören, bisher 230 000 Mk. fest gezeichnet worden. Hoffentlich steigt die Summe in den nächsten Wochen so an, daß das heftige Hinuudher über die Ausführung des Projektes sich von selbst erledigt. Im Interesse des Unternehmens liegt es zweifellos, daß die öffentliche Debatte ein Ende nimmt, der wir deshalb auch keinen Raum mehr gewahren wollen. Desto eifriger aber mögen die Zeichnungen von Beiträgen stattfinden, sodaß wir bald von einem wesentlich höheren Gesamtbetrag als dem obigen unseren Lesern Mitteilung machen können.
** Kindermund. Als kürzlich in einer Schule nahe bei Darmstadt eine Lehrerin ihre 7—8jährigen Schülerinnen nach dem Namen der künftigen Großherzogin fragte, brachte eine Kleine ganz vergnügt nach und nach heraus: „Lorchen Solms aus L i d) '•.
** Die Zahl derStudierenven an derLandes- Universität beträgt im lausenden Semester 1069; dazu kommen noch 64 Hörer und 34 Hörerinnen. Es studieren: Theologie 76 (65 Hessen), Rechtswissenschaft 163 (146 H.), Medizin 169 (67 H.), Tierheilkunde 149 (20 H.), Zahnheilkunde 10 (8 H.), Philosophie 32 (8 H.), Pädagogik 6 (5 H.), Mathematik 102 (86 H.), Naturwissenschaften 56 (46 H-), Chemie 57 (24 $.), Pharmazie 22 (5 H.), Forstwissenschaft 50 (45 H.), Landwirtschaft 14 (12 H.), Geschichte 11 (7 H.), klaff. Phil. 61 (49 H.), neuere Phil. 91 (79 H.). Also beträgt die Gesamtzahl der studierenden Hessen 67 2. Von anderen deutschen Staaten studieren Preußen 253, davon widmen sich die meisten, nämlich 160, dem Studium der Medizin, ferner 44 Bayern, 5 Sachsen, 9 Württemberger, 14 Badener, 6 aus Elsaß-Lothringen, und die übrigen deutschen Staaten stellen im einzelnen weniger als 6 Studenten. Bon anderen europäischen Staaten studieren 11 aus Oesterreich- Ungarn, 22 aus Rußland, 2 aus Frankreich, 5 aus Großbritannien, 2 aus den Niederlanden, 2 aus der Schweiz, 3 aus Rumänien. Von außereuropäischen Staaten ist nur 1 Student aus Japan vertreten.
e- V0rtrag im Kaufmännischen Verein. Gestern abend hielt Prof. Dr. Krüger aus Gießen im Festsaale des Caf^ Leib einen Vortrag über „Das Leben Jesu und die Geschichtsforschung". Wer wird reden können über Mozart, Beethoven und die anderen großen Meister der Musik, ohne ihre Werke studiert und mit ihnen die Tiefe der Gedanken und Empsindungen verspürt zu haben? In derselben Weise kann keiner das Leben Jesu erforschen und ergründen, wenn er sich nicht mit Eifer nnd Begeisterung in jene Schriften vertieft, die uns von seinem Leben berichten, sondern kalt und streng abwägt, was an jenen Werken wohl giltig, was ungiltig ist. Als sicherste Quellen haben wir nun die drei ersten Evangelien, die wahrscheinlich noch vor dem Jahre 70 abgefaßt sind, während hingegen im Evangelium Johannes uns ein ganz anderes Bild Christi entgegentritt. Sind auch die drei ersten Werke unter sich verschieden, so können wir sie doch als die zuverlässigsten Quellen unserer Nachforschungen annehmen, in die freilich auch wiederum legendarische Bestandteile eingedrungen sind. Weitere litterarische Quellen besitzen wir leider nicht, und alte Inschriften oder ManuSskripte aus uralten Klöstern sind stets mit Vorsicht zu prüfen. Noch viel mehr verwahrt sich der Redner gegen Quellen auS jüdischen Schriften, die doch zum größten Teil erst nach der Verfolgung der Juden durch die Christen entstanden und daher voll von Haß gegen das Christentum erfüllt seien. Ferner ist auch während der Blütezeit des jüdischen Reiches für jene Zeitgenossen ein Messias, als eine leidende Gestalt, undenkbar und nicht mit der Erscheinung unseres leidenden, von diesem Messiasberuf durchdrungenen Christus in Einklang zu bringen. Wie verschieden auch die Wege zur Ergründung dieses Wesens deS Heilands sind, so führt nnS doch des Gebot der Nächstenliebe alle derselben Richtung zu. Der Redner schloß seinen Vortrag mit Goethe'schen Worten und erntete den Dank alle* sehr zahlreich erschienenen Zuhörer.
** Gefl ügel - AnSstellun g. Der hiesige Geftügel- zuchtverein hält auch in diesem Jahre seine allgemeine Ausstellung im Neuen Saalbau ab und zwar ist es diesmal die größte, die je in Gießen stattgefundcn hat. Es werden nämlich über 1200 Nummern mit allen bei der Geflügelzucht gebräuchlichen Appargten und Futterartikeln zur Ausstellung


