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Mitttvoch, 9. März 1904
Nr. 58
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Gießener Anzeiger
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General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
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Redaktton, Expedition u. Druckerei - Sebulstr.?. Tel. Nr. 61. Le1egr.-Adr. r 2lnzeiger (Siefeen.
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Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntag«.
Die „Gießener $amilienblättcr“ werden dem »Anzeiac ntermo wöchentlich beigelegt. De chesfisc. Landr ir» * erscheint monatlich einmal
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Liberalen.) Auf der anderen Seite waren Männer, welche lebe ungünstige Nachricht benutzten, und die Armee 'N der allgemeinen Achtung herabzusetzen sich bemühten. Jede Nachricht, die auftauchte, gleichviel, ob begründet oder nickt, wurde dazu verwendet. Ter Abg. Bebel hat sich früher immer durch seine Leichtgläubigkeit ausgezeichnet, indem er alles, was gedruckt war, für richtig hielt. (Heiterkeit.) Diesmal hat er sich einer gewissen Vorsicht befleißigt. Tas ist ein gewisser Fortschritt, aber doch nicht ein so großer, daß er den Satz wahr gemacht hätte, den er aussprach, daß er an die Armee nicht rühren wolle. Ich habe mich über den Abg. Bebel gewundert, daß er es fertig bekommen hat. zu sagen, im üalle eines geiechten Verteidigungskrieges würden alle Sozialdemokraten wie ein Mann mitwirken. Tas ist erfreulich, aber ich furchte, Herr Bebel wird sich die Entscheidung darüber Vorbehalten haben, ob dieser Krieg ein gerechter ist. (Sehr gut! bei den Nattonal- Libcralcn.) Tenn sonst verstehe ich nicht, tote er darauf Hinweisen konnte, daß der absolute Gehorsam in der Armee überhaupt nicht zu rechtfertigen sei, sondern daß man das Recht des Widerspruchs der einzelnen Soldaten in bestimmten Fällen auch anerkennen müsse. Auch mit den Ausführungen, die Herr Bebel in Dresden gemacht Hal, wonach er sein ganzes Leben hindurch gegen die herr- schenden Institutionen kämpfen will, stimmen seine jetzigen Aeuße- rungen nicht überein Herr Bebel hat ferner behauptet, daß die Sozialdemokraten den bürgerlichen Parteien gegenüberständen, wie die ersten Cbrisren den Zäsaren. Herr Bebel hat wohl nicht daran gedacht, daß eine Reihe von Zäsaren die wildesten Ehristenverfol» gungen veranstaltet haben, während hier die Sozialdemokraten wahrbaftig sich ganz wohlfühlen können. (Heiterkeit.)
Tie Herren Sozialdemokraten haben freilich eine andere Aus- drucksweise, als wir übrigen. Herr Bebel hat meinem Freunde Beumer gegenüber bestritten, daß auf dem Dresdener Parteitag Schimpfereien vorgekommen sind. Ja, man braucht doch bloß un offiziellen Parteitags-Protokoll zu blättern, um alle Augenblicke aus Ausdrücke wie „Lüge" zu stoßen (sehr richtig! bei den National - Libcralen), und wir sind der Meinung, daß ein Mann, der auf feine Ehre etwas hält, von dem Vorwurf der Lüge schwerer getroffen wird, als von einem sonstigen Schimpfwort. sSehr richtig! bei den National-Liberalen.) Herr Bebel hat es ferner so dargestellt, als ob mir, die wir für die Aufrechterhaltung des Königtums eintreten, bpzantinische Speichellecker wären. Mit Recht hat der Kriegsminister schon betont, daß Königtum und Byzantinismus etwas ganz ver- fckiedenes sind. Wir haben es in der Geschichte erlebt, daß die Einheit des Teutscken Reiches nur möglich geworden ist durch die Entwicklung des deutschen Kaisertums, und wir werden einer Pcrrtei, welche es als ihre Hauptaufgabe betrachtet, diese Grundlage unserer staatlichen Entwicklung zu bekämpfen, heftigen Widerstand leisten. ,Beifall bei den National-Liberalen.) Ebenso, wie wir unS bemühen, die Waffenmacht Deutschlands aufrecht zu erhalten. Wir sind uns auch vollständig klar, daß die besitzenden Klassen eine große Summe von Verpflichtungen zu erfüllen haben. Wir glauben aber, daß der richtige Weg eingeschlagen ist zur Aufrechterhaltung der letzmen sozialen und politischen Grundlage, unter gleichzeitiger Berücksichtigung der in den letzten Jahrzehnten neu herangebildeten Bevolk^ rungsklassen und ihrer Aufgaben, daß der Weg dazu gefunden ist durch eine konsequente und ruhige Fortführung der durch die kaiserliche Botschaft eingeleiteten Sozialpolitik. Aber um diese durchführen zu können, ist es notwendig, nicht rütteln zu lassen an den Grundlagen unserer nationalen Sicherheit und unserer nationalen Wehrkraft, und daß wir bei offenem Blick für etwaige Schäden in der Militärverwaltung und bei dem offenen Ausspruche der Erkenntnis, daß nicht alles richtig ist, uns nicht hindern lassen, der Partei den sckärfsten Widerstand entgegenzusetzen, welche diese Grundlage zu zerstören bestrebt ist. (Lebhafter Beifall.)
Abg. Lcdebour (Soz.): Der Abg. Dr. Sattler hat ein abschreckendes Beispiel für die weiteren Redner gegeben. Er hat immer die Ausführungen des Kriegsministers wiederholt und gesagt: „Mit Recht sagte der Kriegsminister usw." Mutz denn das, was von Einem gesagt wird, immer von mehreren gesagt werdens Heiterkeit.) Wir glauben gern, daß das Vorhandensein der Soldatenmißhandlungen der Militärverwaltung, sehr unangenehm ist. Eine andere Frage ist es, ob sie in der Lage ist, Abhilfe zu schaffen. Der wahre Grund liegt in einer psychischen Verfassung, die erzeugt wird durch das System des Kadavergehorsams, die eine so große Machtfülle in die Hand von einzelnen legt. Wenn in Bayern unsere Parteigenossen anerkannt haben, daß die Soldatenmißhandlungen etwas nachgelassen haben, so haben sie doch auch andererseits den Antrag eingebracht, daß jeder Offizier und Unteroffizier entlassen werden soll, der einer Mißhandlung überführt sei. Es ist völlig unberechtigt, den Sozialdemokraten den Vorwurf zu machen, daß sie absichtlich die Armee herunterreißen wollen. Zu menschlichen Dokumenten, wie die Romane von Bilse und Baudissin, muß man aber Stellung nehmen. Tas ist geradezu die Pflicht einer Zeitungsredaktion. Die Mißstände stammen eben, wie schon erwähnt, au5 dem System selber. Auch in der französischen Armee zeigen sich dieselben Korruptionserscheinungen. Man denke nur an die Affäre TreyfuS! Was ist da nicht alles zu Tage gettetenl Man hat daher in Frankreich keinen Anlaß, auf uns besonders herabzublicken. Die Armee muß es sich gefallen lasten, daß sie fritifiert, scharf kritisiert wird. Sie freilich (nach rechts) können solche Kritik nicht vertragen. Sie geraten ja in Wut, wenn ein Witzblatt sich Über gewisse Einrichtungen oder Vorkommnisse in unserer Armee lustig macht. Die geistige Freiheit erwirbt man eben nicht in Kadettenanstalten oder Priesterseminaren I (Zuruf reckts: ^Wohl auf dem Dresdener Parteitage? Heiterkeit.) Kommen Sie uns nicht immer mit Dresden I (Heiterkeit rechts.) Ihr ganzes Denken oscilliert ja mir um den Dresdener Parteitag! Wenn Sie wirklich glauben, daß das eine wirksame Bekämpfung der Sozialdemokratie ist, so lasten Sie dach auf Staatskosten jedem Bürger em Exemplar des Dresdener Protokolls übergeben! Das geht ja schon nicht mehr, daß uns immer wieder und wieder, wovon auch die Rede sein mag, der Dresdener Parteitag vargehalten wird! (Heiterkeit rechts.)
Sehr unglücklich war die Verteidigung des Kriegsministers im Falle Arenbergl Er sagte, man hätte den Geisteszustand des Prinzen nichr ahnen können. Ja, aber es ist doch nun fejtgeftent, daß bereits, als Prinz Arenberg in Münster stand, man dort jeben Augenblick eine Katastrophe erwartete! Weiß der Kriegsminister davon nichts?
Sie reden immer von Vaterlandsliebe! Ja, was ist denn Vaterlandsliebe? Doch die Liebe zu den Menschen unseres Landes! Sind Sie die Vertreter dieser Liebe? Wir pnd es, denn wir freien für die Gesamtheit unserer Volksgenosten ein. Sie nur für die herrschenden Klassen! Sie können doch "'A,I^f8nen, daß unsere Ideale weit höhere sind, als die Ihrigen! (Gelachter rechts.) Sie wollen ja am liebsten m aller Herren Lander mit der gepanzerten Faust dreinschlagen, um irgend eine Rosine aus irgend einem fremden Kuchen herauszupolken. (Heiterkeit.)
Man hat sich bei Ihnen über gewisse Aeußerungen unserer Parteigenosten aufgeregt. So hat man es dem verstorbenen Ge- nosten Liebknecht vorgehalten, daß er von einer Fälschung der Emser Tepe chc gesprochen hat. Ja, hat denn Fürst Bismarck nicht selber gestanden, datz er aus der Chamade eine Fanfare gemacht
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Zur Notiz!
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Geld entscheiden zu lasten, sondern lediglich die persönliche Qualifikation, an der militärischen Ausbildung der Jugend mitzuarbeiten. Wir haben uns gefreut über die Ausführungen der Militärverwaltung insofern, als wir erkannt haben, datz auch dort die Erkenntnis zum Durchbruch gekommen ist an der Hand schlimmer Erfahrungen, daß man bei der Einstellung der jungen Leute möglichst vorsichtig sein soll. Und es war mir besonders interestant, von dem baverischen Bevollmächtigten gestern zu hören, daß man auch auf die geistigen, wie er meinte, sogar psychiatrischen Fähigkeiten mehr Gewicht legen müsse, als bisher, weil die Ausgaben, die dem Offizier gestellt werden, wie überhaupt denjenigen, die berufen sind, die junge Mannschaft zum Waffendienst auszubilden, in der Tai äußerst schwierige sind. (Sehr richtig!)
In den Vordergrund haben wir gestellt eine Besserung der Bezüge der Unteroffiziere und eine Vermehrung des Ausbildungs- personals, und wir können deshalb den Standpunkt der Budget- kommistion nicht für den richtigen halten. Wir haben ferner die Wünsche zum Ausdruck gebracht, daß man in den kleinen Städten im Interesse der wirtschaftlichen Entwickelung die Garnisonen möglichst belasten soll oder hinein verlegt, aber andererseits mit Rücksicht auf die Zustände, die in den Offizierkorps der kleinen Garnisonen sich herausbilden können, einen Wechsel in denjenigen Ortschaften stattfinden läßt, die sich durch ungünstige territoriale Lage vor anderen auszeichnen. Wir find aber der Meinung, daß man bei allen diesen Fragen auf eine gleichartige Behandlung aller Staatsangehöriger hinwirken wüste und nicht durch irgend welche anderen Rücksichten dazu veranlaßt würde, andere Gesichtspunkte gelten zu lasten.
Diese Gesichtspunkte der Krittk habe ich hier vorgetragen mit der Tonart desjenigen Mannes, der Liebe für die Armee hat und sich berufen fühlt, möglichst auch die Aufmerksamkeit der Verwaltung auf Punkte hinzulenken, die abgeändert werden müssen, nicht aber in der Tonart derjenigen Leute, die, keine Liebe für die Institution unserer Armee haben. Wenn wir diese Kritik sachlich üben und in voller Offenheit, so werden wir uns doch stets vor Augen halten, daß es notwendig ist, die nötigen Rücksichten auf da? Wohl und Gedeihen unserer Wehrkraft walten zu lassen. Und das muß auch der Gesichtspunkt sein, von dem man die Mitwirkung der inaktiven Offiziere in der Militärliteratur an der Kritik unserer militärischen Zustände beurteilt. Der Kriegsminister hat mit vollem Recht anerkannt, daß es nur begrüßt werden kann, wenn von diesen erfahrenen Herren Kritik im. rechten Sinne geübt wird zur besseren Kenntnis der Verhältniste der Armee, und um den Blick hinzulenken auf Stellen, wo die bessernde Hand angelegt werden kann; aber unbegreiflich ist auch mir diejenige Richtung in der Literatur der inaktiven Offiziere, die das eigene Nest, möchte ich sagen, nicht so achten, wie es sein müßte (sehr nefitig!), die vergessen, daß sie selbst zu dieser toiditigen Institution gehört haben und daß es ihnen ziemt, auch in ihren späteren Arbeiten Resvekt zu zeigen vor der Bedeutung unserer Heeresorganisation. (Sehr richtig» Ich halte deshalb das Urteil des Kriegsministers über einen Teil der Militärliteratur für durchaus richtig, denn wenn sie nicht von diesem Gesichtspunkt ausgeübt wird, so erreicht sie nicht die Absicht, zu bestem, sondern gibt denjenigen Richttingen, die das Heer überhaupt hasten, seine Grundlage zu untergraben suchen, daraus Material zu ihren Angriffen auf diese unsere nationale Institution. (Sehr gut!) Es kann doch auch nicht verkannt werden, daß die Schwierigkeiten in der Ausbildung unserer Truppen immer größer geworden sind, und wenn ich mir auch kein militärisches Urteil anmaße, so habe ich doch wenigstens 1870 auch einen Teil des Feldzuges mitgemacht und bin der Ueberzeugnng, daß die Aufgaben der Armee ganz außerordentlich gestiegen sind im Vergleich zu den damaligen Verhältnisten. Tie Aufgabe der Heeresverwaltung ist eine viel schwierigere geworden, vor allem auch infolge der Denderung unserer ganzen Bevölkerungszusammensetzung. Mehr und mehr sind die Zeiten vergangen, wo die jungen Leute in die Armee einfraten aus der Familie heraus. Sie haben sich großenteils bereits jahrelang selbst durchschlagen müssen, und sind nicht mehr gewöhnt, sich als ein geordnetes Glied einer Organisation zu befrachten, um ihre eigene Natur zur Geltung zu bringen.
Sehr wichtig ist es, Kenntnis zu nehmen von der Stellung des Kriegsministers als verantwortlichem Leiter der Heeresverwaltung zu den Bedenken über die gegenwärtigen Zustände in der Armee. Zu den historischen Ausführungen des Ministers von 1806 bemerke ich, datz zweifeNos das Heer in der Schlacht bei Jena tapfer gefochten habe, aber nach der Schlacht bei Jena kamen jene traurigen Kapitulationen und der Zusammenbruch der ganzen Organisation und Verwaltttng des Heeres. Das ist ein Zeichen, daß es so nicht weiter gehen konnte, und wenn der Kriegsminister anerkannt hat, daß 1812 und 1813 die Erfolge nur möglich waren durch eine Erneuerung des ganzen Volksgeistes, so ist das richtig. Aber woran lag denn die (schuld, datz der Volksgeist 1806 auf eine solche Stufe gesunken war? Das lag daran, weil das Volk überhaupt von der Teilnahme an öffentlichen Angelegenheiten absichtlich zurückgehalten wurde. (Lebhafte Zusttmmung links.) Derjenige, der den Ausspruch getan hat: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht, war kein Vertreter des Volkes, sondern es war em Vertreter des damals herrschenden Systems. (Sehr richtig links.) Und dies System mutzte erst zusammenbrechen. Es mutzte dem Grundsätze zum Siege verhalfen werden, daß auch die Bevölkerung nicht allein dazu dienen soll, regiert zu werden, (sehr gut! links) und ihr Seil nur von den Maßnahmen der Regierung zu erwarten, sondern datz das Volk^be- rufen ist, mitzuwirken an den öffentlichen Angelegenheiten, (sehr richtig! links.) So erst konnten die Scharnhorst und ©nebenan den nötigen Einfluß erhalten, so erst die Stein und Hardenberg den idealen Geist der Bevölkerung Wecken, ehe die große Bewegung von 1812 und 1813 zur Wiederherstellung des preußischen Staates erfolgen konnte. (Lebhafte Zustimmung links.) Wir konnten derartige Ausführungen des Kriegsministers nicht ohne unsere Kritik und Kontrolle hier vorübergehen lassen. (Lebhafter Beifall links.)
Daß der Minister sich in der Kommission klipp und klär für einen Gegner de? Luxus in d-r Armee erklärt hat, kann uns nur freuen. Ebenso freut es mich, daß ich beobachtet zu haben glaube, daß der Kriegsminister anzudeuten schien, datz man mit den zahlreichen und nach unserer Ueberzeugnng nicht immer berechtigten Uniformänderungen endlich ein Ende machen will. Noch mehr haben mir die Ausführungen des Kriegsministers und des Vertreters der bayerischen Heeresverwaltung über die Mißhandlungen gefallen. Aus all-m Ausführungen des Kriegsministers ging hervor der rechte und sittliche Wille, für die Beseitigung der Mißhandlungen seine eigene Kraft einzusetzen. (Sehr gut!) Dies gibt uns die beruhigende Versicherung, daß er dafür sorgen wird, daß Zustände aufhören, die solche Bedenken hervorgerufen 'haben.
An dem Streite zwischen Kriegsminister und Sozialdemokraten hier im Hause habe ich ein rechtes Vergnügen gehabt. Ter Kriegsminister und der Generalmajor Endres traten mit berechtigtem Stolze auf. Sie sind der Ansicht: man muß die einzelnen Jnstt- tutionen zu bessern und auszugestalten suchen, aber auch die Ehre der Armee blank erhalten. (Sehr richtig! bei den National-
Parlamentarische PerhanSlimgen.
Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet.
Aeuycher Meichstag.
62. Sitzung vom 8. März.
1 Uhr. Das Haus ist ) ch w a ch besetzt.
Am Bundesratstisch: Nieberding, b. Einem U. a.
Auf der Tagesordnung steht die erste Beratung des Entwurfs betreffend die Rechtsstellung des herzoglich holsteinischen Fürstenhauses.
Der Gesetzentwurf will den Mitgliedern des schleswig-holsteim- schen Fürstenhauses dieselben Rechte gewähren, welche die Mitglieder des vormaligen hannoverschen, kurhessischen und nafiauischcn Herrscherhauses besitzen. Die Rechte bestehen u. a. darin, daß die betreffenden Personen nicht persönlich vor Gericht zu erscheinen brauchen, sondern kommissarisch vernommen werden können.
Abg. Stadthagen (Soz.) spricht sich energisch gegen den Gesetzentwurf aus, denn derselbe enthalte einen durch nichts gerechtfertigten Verstoß gegen Die Bestimmungen des Bürgerlichen Gesetzbuches. Es könne doch unmöglich geduldet werden, daß zu Gunsten eines einzigen Falles das ganze Bürgerliche Gesetzbuch außer Kraft gefetzt werde. Auch scheine man zu beabsichtigen, die Mitglieder des holsteinischen Fürstenhauses außerhalb des Strafrechts zu stellen. Der Hinweis auf die hannoverschen und nassauischen Fürstenhäuser treffe nicht zu. Der Herzog von Schleswig-Holstein hatte keinen Anspruch darauf, hier als Nassauer behandelt zu werden. (Heiterkeit.) Es handle sich hier um einen Ausnahmegesetzentwurf ohne jegliche innerliche Berechtigung. Redner beantragt, den Entwurf einer Kommission von vierzehn Mitgliedern zu überweisen.
Staatssekretär Nieberding: Ich habe das Bedürfnis, hier in einem Punkte die Ausführungen des Vorredners richttg zu stellen. Er hat es so dargestellt, als ob für das herzogliche Haus besondere Rechte auch auf dem Gebiete des Strafrechts geschaffen werden sollen. Ich konstatiere ausdrücklich, daß unsere Absicht nicht dahin geht. Es soll nicht irgendwelche Sonderstellung auf dem Gebiete des Strafrechts vorgenommen werden.
Auf einige Bemerkungen des Abg. Kirsch (Zenfr.) erwidert
Staatssekretär Dr. Nieberding: Ich kann nur konstatieren, datz Dieser Gesetzentwurf irgend einen Einfluß auf rechtshängige Sachen nicht ausüben und in keiner Weise in schwebende Streitigkeiten cm» --reifen kann. . . , ,
Abg. Stockmann (Rp.) meint, der Gesetzentwurf sei so emfach, Satz es nicht nötig sei, ihn an eine Kommission zu verweisen. Ganz falsch sei die Bemerkung des Abg. Stadthagen, daß das holsteinische Fürstenhaus nicht mit dem hannoverschen ober dem nassauischen ver- ,glichen werden könnte. Für die Schleswig-Holsteiner sei das 'Augustenburgische Fürstenhaus das angestammte Herrscherhaus ge- I wesen und fei von ihnen auch als solches anerkannt worden. Wenn ibie Sckleswig-Holsteiner auch ganz zufrieden mit den jetzigen Zu- l ständen wären, so würden sie es doch mtt Freuden begrüßen, wenn -ihrem Fürstenhause durch dieses Gesetz die Stellung gewährt wurde, .auf welche es Anspruch hätte. . 9
Abg. Jessen (Däne) protestiert gegen die letzte Bemerkung des IBorredners, die däniscyen Nordschleswiger hätten niemals das 'Augustenburger Herrscherhaus als ihr angestammtes Fürstenhaus anerkannt. Er habe nur das Wort genommen, um dies zu sagen, denn die Begründung des Gesetzentwurfs sei ganz maßvoll und trete ben Gefühlen der Dänen in keiner Weise zu nahe. Man könne ganz beutlid) sehen, daß der Reichskanzler sich noch erinnere, daß er der Sohn eines dänischen Ministers fei, der den Frieden von 1846 mit unterschrieben habe. .
Abg. Dr. Paasche (nat.-lib.) erklärt, daß ferne Freunde gegen eine Kommissionsberatung seien und den Gesetzentwurf sofort in zweiter Lesung annehmen wollten.
Abg. Stockmann (Rp.) bemertt, wenn er dem Abg. Jessen gebührend antworten wollte, dann müßte er die ganze schleswig- holsteinische Erbfolgefrage hier auftollen. Es stände sich hier die deutsche und die dänische Geschichtsauffassung gegenüber. Er habe der deutschen Geschichtsauffassung Ausdruck gegeben und das würde im deutschen Reichstage doch wohl noch erlaubt sein.
Abg. v. Normann (kons.) erklärt, daß seine Freunde gegen eme Kommissionsberatung seien, sie glauben, daß durch den Gesetzentwurf nur ein früheres Versehen wieder gutgemacht werde.
Der Antrag Stadthagen auf Kommissionsberatung wird abgelehnt, ebenso ein Antrag Singer (Soz.), die zweite Beratung noch auszusetzen. Es findet also sofort die z w e i te Beratung statt, in welcher der Gesetzentwurf mit großer Majorität angenommen wird. . , „
tierauf wird die zweite Lesung des Milrtaretats itel „Minister" fortgesetzt.
Abg. Dr. Sattler (nat.-lib.): Die ältesten und erprobtesten Wahrbeitssätze werden ad absurdum geführt. Auch der Satz: repetitio est mater studiorum ist nicht immer richttg. Die stete Wiederholung allgemeiner Sätze und unbewiesener Behauptungen, wie wir sie seit einigen Tagen im Reichstag haben, klärt nicht, sondern sie hindert nur den Reichstag an der Erfüllung seiner Pflichten und drückt die Verhandlungen in diesem hohen Hause noch mehr herab. (Sehr richttg.) Aber die gestrige Rede Bebels veranlaßt mich, auch noch einmal das Wort zu nehmen. Seinem Tone fteilich werde ich nicht folgen, das ist schon gar nicht möglich infolge unseres ver- chiedenarttgen Standpunttes, denn der Ton desjenigen wird immer ein anderer sein, der sich bemüht, Schäden zu bemerken, damit sie qebeffert werden, wie der Ton desjenigen, der das Pathos der Leidenschaft und des Hasses benutzt, um die Institutionen, die zur Krittk stehen, nicht zu bessern, sondern in der Achtung und in dem Respekt herunterzusetzen. (Sehr richtig^ Man muß doch feststellen, wie außerordentlich wenig sich die Verhandlungen des Reichstages mit dem Etat selbst beschäftigt haben. Das einzige, was wir -rfahren haben, besteht eigentlich in der Ankündigung, daß die zwei- jährtae Dienstzeit jetzt gesetzlich festgesetzt werden soll, und daß wir bei den neuen Plänen keine Verbefierung der Avancementsverhaltnisse der Infanterie zu erwarten haben. Wir gingen an die Krittk heran in der Absicht, zu wahren und zu fördern das, was zur Aufrechterhaltung der Wehrkraft unserer Militärmacht erforderlich sei. Wir waren deshalb durch die Erscheinungen der letzten Zeit von ^orae erfüllt, ob es möglich sei, den nötigen Ersatz namentlich bet der Infanterie für das Offizierkorps zu beschaffen. Wir haben uns deshalb für ein besseres Avancement interessiert und für bessere Be- lüae für die Jnfanterieofftziere, und können nur bedauern, daß es uns nicht gelungen ist, diese zu erreichen. Wir fühlten uns ver- oflichtet, aufmerksam zu machen auf die Frage, ob Nicht m dem steigenden Luxus in den Offizierskreisen, namentlich einigen !Regimentern, ein Hindernis hege, die geeigneten Persönlichkeiten ,ur Erziehung der Armee an bte richtige stelle zu bringen. Wir haben die Frage aufgeworfen, ob nicht bte zahlreichen Umformanbe- mnaen auch in ihrer finanziellen Beziehung dahin führen könnten, den notwendigen passenden Ersatz für die Offiziersstellen gu et. idnueren Wir waren der Ueberzeugung, daß man dahin streben -müsse, bei der Aufnahme in den Offiziersstand weder Gebutt noch
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