Samstag 8. Januar 1904
154. Jahrgang
Zweites Blatt
Nr. 7
Feuilleton.
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die sich ixnnt bis spät in den Herbst hineinziehen wird. Ta muß man dochmll dem bekannten Stubentenlied fragen: „Wo bleibt die Zeit zum Ochsen?" für die vielen anberen Arbeiten der Kammer. Wollen die Herren vielleicht wieder bis Mitten in die Julihitze hinein zu- ammenbleiben, wie in der Einhundertachtundzwanzigsten Sitzung vom 11. Juli 1902?
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„Neaen Saalbaues" Garten)
30. d. M, 81/, Uhr:
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Barmen, 8. Jan. In dem hiesigen konservativen Organ leistet sich ein Einsender folgenden Erguß: „Angesichts der schrecklichen Katasttofche des Brandunglücks in Chicago wäre es wohl zu erwägen, ob es notwendig ifc ein Stadttheater in Barmen zu bauen. Die Statistik hat nachgewiesen, daß in den letzten hundert Jahren durchschnittlich elf Tl)eater in jedem Jahre abgebrannt sind. Ta es in Barmen eine Menge Bürger gibt, die auch gute Steuerzahler sind, jedoch dem Theaterleben nicht huldigen tonnen, weil es keine Gott wohlgesällrae Einrichtung ist, so fühlt sich Einsender gedrungen, da auch das Barmer Theater im Lause der Jahre schon zweimal abgebrannt ist, den Herrn Stadtvätern die Frage vorzulegen, ob der Bau eines neuen Theaters ein unumgängliches Bedürfnis sei." Daß der Einsender mit seiner Anschauung nicht vereinzelt dasteht, erhellt aus der Tatsache, daß in den Kreisen von Orthodoxen in dem Brande des Barmer Theaters vor zwei Jahren vielfach der Finger Gottes erkannt worden ist.
— Ein ,Bayreuth des Schauspiels". In dem halben Jahrhundert, das in Weimar auf die klassische und nachllassische Zeit gefolgt ist, war das deutsche Athen an der Ilm, deren „leisere Welle manches unsterbliche Lied gehört", eine literarisch ziemlich stille Stadt. Das scheint jetzt anders werden zu sollen. Das alte Hoftheater, in dem noch Goethe das Jntendantenszepter geschwungen, ist dem Flüoelschlage einer neuen Zeit z u e n g geworden. „Ein zweites Theater für Weimar!' ist das Losungswort der Stürmer und Dränger, und zwar wollen sie neben dem ehrwürdigen Musenrempel, vor dessen jchlich- ten Portalen das DoppeldenLmal Schillers und Goethes Wache hält, ein Theater der Modernen haben, das lediglicki einem „zcirgemäßen Repertoir" bienen jolL Insgeheim rechnen sie wohl auf die Unterstützung des j u n g e n G r o ß h e r z o g s, der sich ja den Bestrebungen der
Periode bei Beratung der sclftietzlich doch recht klä glich ge- sck>eiterten Wahlrechtsfrage gemacht hat, sollten Veranlassung geben, ein etwas strafferes parlamen- tarisches Regiment oder mehr Selbstdisziplin anzustreben und alle überflüssigen Tinge aus der Debatte auszu schalten.
Einen Hauptanteil an der Verzögerung der Geschäfte des Landtags trägt auch die Art, wie von demselben die Vorstellungen und Beschwerden von Einzelpersonen behandelt werden. Wenn heute ein pensionierter Gendarm, Bahnwärter, Jorstwart oder sonstiger früherer Angestelller in seinen Pensionsbezügen zu kurz zu kommen glaubt, oder ein Dtühlenbesttzer sich zu Unrecht zur Hundsteuer berangezogen fühlt, so wendet er sich wie das ja auch sein gutes Recht als Staatsbürger ist, beschwerdeführend an die zweite Kammer. 9£un tritt sofort ein jehr umständlicher Apparat in Tätigkeit. Tie Vorstellung, sie mag so kurz oder so lang sein, wie sie wlll, wird zunächst gedruckt und allen Mitgliedern des Hauses und Zeitungen übersandt. Dann kommt sie aus die Tagesordnung und das Haus überweist sie dem zuständigen Ausschuß.
Ter weitere Gang der Handlung erhellt aus dem Beispiel über die jüngst beratene Vorstellung des Müllers Wolf in König in Oberhessen. Tieser hatte schon in der vorletzten Tagung eine Beschwerde eingereicht, weil er zur H u n d e st e u e r herangeiogen wurde, obgleich seine Mühle, zu deren Bewachung der Hand dient, 200 Meter entfernt vom Dorfe, also „einsam gelegen" ist. Ta der vorige Landtag die Sache nicht mehr erledigte, reichte der Müller im April v. I. neue Beschwerde em, Die auch zum zweitenmal gedruckt wurde. Tie Kammer wies dieselbe dem dritten Ausschuß zu, und dessen Präsident wandte sich mit einer Anfrage an das Finanzministerium. Von diesem kam ein langer, vom Frnanzminister unterzeichneter Bescheid, und der Ausschuß sandte nun einen Referenten zu Wolf, der an Ort und Stelle die eingehendste Untersuchung vornahm, den Ortsplan studierte, die Entfernung ausmaß, Rusversuche von der Mühle aus anstellte ujw. usw. Tann faßte er einen längeren Bericht ab, der das Anwesen als „einsam gelegen" bezeichnet und deshalb die Befteiung von der Hundesteuer als gerechtfertigt erklärt. Ter Ausschuß schloß sich dem an und ein neues, vierseitiges gedrucktes Aktenstück Ivar die Folge. Run kam die Sache wieder vor die Kammer, welche dem Ausschu ßantrag gemäß entschied.
Eanz ähnlich war der Gang der Verhandlung mit einer Hundesteuer-Beschwerde des Bürgermeisters Selzer in Schlierbach (nur daß der Ausschuß diese Beschwerde zurückwies) und ähnlich wird bei allen Vorstellungen verfahren, deren auf der Tagesordnung der Sitzung vom 10. Dezember nicht weniger als 38 verzeichnet waren und von denen mehrere noch ca. V» Stunde das Plenum beschäftigten. Stelll man nun der 10 Atork Hundesteuer die vielleicht schon dreimal so hohen Druckkosten, die Reisespesen des Referenten, den Arbeitsaufwand im Ministerium und den Zeitaufwand in der Kammer gegenüber, in der Doch jede Sitzung rund 400 Markau Diäten erfordert, so kann man sich einigermaßen eine Vorstellung vavon machen, wie ungemein kostspielig und zeitraubend die jetzige Art der Behandlung von Vorstellungen" ist.
Es wäre vor allen Tin gen notwendig, baut Ausschuß mehr diskretionäre Befugnisse eüizuräumeu und auf möglichste Vereinfachung des Verfahrens zu dringen. Geschieht das nicht und glaubt auch der Referent noch neben dem gedruckten Bericht der Kammer einen halbstündigen Vortrag hallerl zu müssen, wie das in einer der jüngsten Sitzungen geschah, so ist an ein Fertigwerden überhaupt nicht mehr zu denken. Tie Kammer hat bisher von den vielen Aufgaben, mit denen sie sich zu Beginn der neuen Legislaturperiode zum großen Tell selbst belastet, noch so gut wie nichts erledigt, ja Die wichtig st enFragen noch nicht einmal in den Ausschüssen fertig gestellt. Ter Januar vergeht, bevor sie überhaupt mit der Etatsberatung beginnen tonn,
Politische Tagesschau.
Die Redaktion der „Ehristlichen Welt" über Kriunnitschnu.
Tr. theol Rade in Marburg, der Herausgeber der „Christlichen Welt"', schreibt:
„Menn nun der brutale 'Machtkampf heute in Krim- mitschau ausgefochten toirb, so fragt sich für uns, ob es dazu kommen mußte, ob nicht der moderne Staat recht eigentlich dazu da war, diese Entwickelung der Krisis zu verhindern. Aber dem wollen wir jetzt nicht nachgehen. Dazu koar fteilich etwas anderes nötig als das Aufgebot verstärkter Polizeigewalt.
Dagegen liegt uns daran, noch etwas anderes geltend zu mackpen, was das Gefamturtell beeinflussen muß.
Sofern es sich nämlich von Anfang an nicht nur um Macht, sondern auch um eine Sache handelte, können wir nicht umhin, auf feiten der Arbeiter zu stehen. Es ist die Forderung des Zehnstundentages erhoben worden. Tas heißt also: eine Arbeitszeit etwa von früh 7 bis abends 7 mit irgendwie zu verteilender zweistündiger Pause. Diese Forderung gill einem Fortschritt, den jeder Freund seiner Mitmenschen als solchen anerkennen muß. Auch in der Textilindustrie ist der Zehnstunden tag bereits eingeführt, mir sind zwei große Fabriken mit dieser Praxis bekannt, und auch Die Denkschrift verhüllt diesen Tatbestand nicht ganz (s. S. 4, Z. 18). Ter llebergcmg von elf zu zehn Stunden Arbeit war in Krimmitschau um so mehr an der Zeit, als nach guten Zeugen die Maschinentechnik neuerdings erheblich verbessert worden ist und die Ansprüche an die Leistungsfähigkeit der Arbeiter sich damit beträchtlich gesteigert haben. M-enn die Fabrikanten nicht von selbst eine Herabminderung der Arbeitsstunden aus diesem Grunde bewilligen wolllen ober tonnten, so scheint uns die sillliche Berechtigung für die Arbeiterschaft, ihrer- fells diese Forderung aufzustellen, unanfechtbar. Unter den totalen Verhältnissen mag man die Art, wie sie gefordert und aus ihrer Forderung bestanden haben, noch so hart empfinden, das große zuschauende Publikum darf und wird nicht vergessen: für den Kultur f v r t s ch r i 11 sind unter allen Umständen die Arb eiter eingetreten. Daß dabei ihr eigenes Interesse sie leitete, ist kein Unrecht, und wenn der Anstoß dazu etwa von außen kam, von der großen Organisation, der sie angehörten, nicht aus der Mitte der Crimmitschauer Arbeiter selbst, so liegt auch darin kein Unrecht. Ueber das moralische Recht der Arbeller nach dieser Selle hin toixb auch Sieg oder Niederlage am Ende nicht entscheiden. Wie denkt man sich denn, daß Fortschritte in dieser Richtung zu stände kommen sollen? Tnich Kampf der Interessierten gegen die Privilegierten. So ist es unzähligemal geschehen in der Weltgeschichte, und so wird es immer wieder gehen. Auch eine augenblickliche Niederlage macht da vielleicht gar nicht so viel aus. Dbet meint denn wirklich jemand, dieser Zehnstundentag werde den Arbellern plötzlich einmal vom Zentrab- verband deutscher Industrieller geschenkt werden? Oder das Reich werde ihn demnächst durch seine Gesetzgebung chnen schenken? Ta ich daran nicht glaube, verdenke ich- den Arbellern ihren Versuch nicht, beklage herzlich, daß der Staat chnen nicht in der richtigen Weise vermittelnd zu Hllse gekommen ist, und werde sie bedauern, wenn sie unterliegen. Tas hindert mich nicht, auch der Arbellgeber mit Teilnahme zu gedenken, sofern sie sich nicht in der Gefchäftslage befanden, den Arbellern entgegenzukommen; aber das höhere Kulturideal könnenjedenfalls die Arbeiter für sich in Anspruch nehmen. In diesem Sinne wird auch vermutlich einmal die künftige Geschichte dieses Streiks geschrieben werden."
Kist«11., Hist»*
— Das menschliche Gehirngewicht ist von £rof. Marchand im pathologischen Institut in Mar- bürg im Laufe der letzten sieben Jahre in 1234 Fällen untersucht worden Er fand zunächst, daß beim Manne zwischen 15 und 50 Jahren das durchschnittliche Gewicht des Gehtons 1400 Gramm beträgt, beim Weibe nur 1275 Gramm. Nur 30 Prozent Männer haben ein Hirn von mehr als 1450 Gramm Gewicht und 20 Prozent Don weniger als 1300 Gramm, sodaß also bei der Hälfte aller Manner das Gewicht des Hirns zwischen diesen Grenzen schwankt Beim weiblichen Geschlecht ftndet sich, daß 25 Prozent aller Personen ein Hirngewicht von weniger als 1200 Gramm besitzen, dagegen 55 Prozent ein solches von 1200 bis 1350 Gramm. Das anfängliche Hirngewllyt verdoppelt sich nach Professor Vlarchaud im Verlaufe der ersten drei Viertel- iahrc Und verdreifacht sich vor Ablauf des dritten -ebens- jayres; von da ab erfolgt die Zunahme immer langsamer und ist beim weiblichen Geschlecht geringer als beim mäun- lichen. Beim letzteren erreicht das Gehirn seine eub giftige Größe im 19. und 20. Lebensjahre, beim weiblichen Geschlecht schon im 16. unb 18. Jal-re. In ber Mndhell findet die Zunahme des durchschnittlichen Hirngewichts nut dem Körperwachstum bis zu einer Körperlänm von 70 Ltm., unabhängig von Lebensalter unb Geschleift, statt. Von ba an ist sie unregelmäßiger unb geringer denn weiblichen Geschleck)t als beim männlichen. Ern bejllmmres Verhältnis zwischen Hirngewicht und Ztorperlange ist beim Erwachsenen nicht nachweisbar. Die geringere Große des weiblichen Gehirns ist nicht etwa bedingt durch Die geringere Stor per länge, denn bei Mnnern und Weibern von ulellljer Größe haben letztere ohne Ausnahme ein geringeres ^lln gewicht.
Modernen in der bildenden Kunst sympathisch gegenüber* gestellt hat. Ob sie sich — Bauplatz und Architekt sollen schon gefunden sein — hierin nicht irren? Wenigstens tritt dll „Weim Zig.", das Amtsblatt, der Regierung, den „extremen" Neuerern mll der Konstatierung entgegen: „Rein ideal fehlt in maßgebenden Kreisen jedes Interesse." Und dies schon deshalb, well das tzoftheater auch ber mobemen Richtung genügend Rechnung trage. Rein geschäftlich aber müsse man dem Projekte das Prognosttkon stellen: „unmöglich lebensfähig", da Weimar nicht die Stadt ist, die zwei Theater vertragen könne. Was die geistige Ellle der kleinen Stadt mit der großen Vergangen- hell anstrebe, sei ein deutsches Nationaltheater, ein zweites Bayreuth, ein Bayreuth des Schauspiels. In dieser Richtung lägen die großen national-künstlerischen Aufgaben Weimars. Diese Frage werde nach gründlichen Erwägungen und entsprechend der großen Tradllion Weimars in absehbarer Zell gelöst werden. Diese Andeutungen Ringen noch etwas geheimnisvoll. Aber offenbar ist in „maßgebenden Kreisen", zu denen doch wohl in allererster Lime Der Großherzogliche Hof gehört, etwas im Werke, worauf man gespannt sein kann. „Bon überallher", schreibt das Hofblatt", „richten sich dll Blicke nach, der Großherzoglichen Re idenz. Was man erwartet, ist eine Tat von nationaler Bedeutung, unb Weimar wirb diese, ist dll Zell gekommen, nicht schuldig bleiben."
— Irene Triesch setzte, wie wir in ber „Köln. Ztg." lesen, am Donnerstag ihr Gastspiel im Allen Stadt- tHeater zu Köln als Cypnenne in dem bekannten Lustspiel von Sordou und Najae fort. Ihre Persönlichkeit eignet sich vorzüglich für den Typus einer solchen zierlich temperamentvollen Französin und sie verband mit prickelndem Humor das Taktgefühl der Weltdame. Ganz besonders reizend wirkll chre Spielweise im zweiten Akt.
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General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Liehen.
Die heutige Murmer umfaßt 16 Seiten.
Wehr Iateu, weniger Worte!
Unser T a r m st ä d t e r parlamentarischer Mitarbeller schreibt uns: c . .
In den polittfchen Betrachtungen der Blatter über bie bisherige kurze Tätigkeit des neuen Reichstages wird mit Recht Kritik daran geübt, daß er sich viel zu viel mit der Erörterung nutzloser und unfruchtbarer Dinge befasse, anstatt direkt auf sein Ziel toszugehen und nach der Fertigstellung des Reichshaushaltsetats für die chm bevorstehenden wirtschaftlichen und sozialpolitischen Aufgaben Zeit zu gewinnen. Es sind jetzt schon rund hundert Initiativanträge von Mitgliedern des Hanfes em> gelaufen, deren Beratung im Plenum allein eine Session jur sich in Anspruch nehmeil würde. Im Reichstag fehlt es eben an einer geordneten Konzentration ber Arbeit, er zersplittert seine Kräfte zu viel durch unnütze, überflüssige Debatten. „ .
Genau dieselben Vorwürfe musten auch gegen unsere hessische Kammer erhoben werden. Auch sie leidet an einem Uebermaß von Arbeit, bie aber weniger durch bie umfangreichen unb steigeuben parlamentarischen Aufgaben, als vielmehr burch bie immer weiter um sich dieijeiibe Unsitte hervorgerufen wirb, auch bie llellisten, unbebeutenbsten Tinge mit einer oft bis ins Aschgraue gehenben Grünblichkeit zu behanbeln.
Lcan hat sich ja fteilich schon längst daran gewöhnt, daß ein großer Teil ber Sitzungen dazu verwendet wird, alstlose Jnterpell-attonen und Anträge aus dem Hause ^'behandeln, bie zwar viel schönklingenbe parteipolitische Reben und wohl ausgellügelte Gesichtspunkte, aber in der Regel nur herzlich wenig positive Gedanken zu tage fördeni. Ter Zug ber Zeit geht eben bahm, möglichst laut zum Fenster h i n a us zu r e b en und sich dem verehrlichen Publitum als Retter des Staates vorzustellen, uniiatt in den Ausschüssen sich im stillen emsiger Arbeit den legislativen Aufgaben zu widmen. An die Stelle des streng sachlichen Kriteriums und der allgemeinen gründ- sützlichen Beurteilung ber Tinge ist eine Art persönlicher Politik uub Taktik getreten, die meist nur auf die speziellen Verhältnisse des eigenen Wahlkreises ober gar uur auf einzelne Jnteressenlengruppen desselben gerichtet ist während doch der von jedem Abgeordneten zu leistende Treueid ausdrücklich bestimmt, daß in der Standeversamm- lung „nur das allgemeine Wohl' nach bester, eigener, durch leinen Auftrag be.ttmmter lleberzeugung" beraten werden soll. — 6
Kann man sich unter diesen Umständen noch darüber wundern, daß in unserer Ständekammer so gut wie vichts m e l) r g e l i n g t, daß die Abwickelung ber ganzen rarlamcutari|ä)en Geschäfte wie mit einem schweren nteder- ziehenben Stein belastet erscheint? In den mehr als 30 Arbeitsstunden, welche die Kammer in ber siebentägigen T^zemberberatung zur Verfügung hatte, finb ein paar fpruchceije, selbswerstäubllcbe Gesetzentw-ürfe zur Annahme gelangt, für beren gründliche Beratung eine oder höchstens zwei Sitzungen vollständig ausreicheiid gewesen waren, alles übrige war ein Kampf um Nichts, eine Zeitvergeudung. Wir sind getviß dll letzten, die irgend einer Bcschränttmg der parlameuiarischen Meitrungsaumr- ung das Wort reden würden, aber ein so dürftiges Resultat, wie das ber sieben Sitzungen, fordert doch, energisch zu einer Kritik heraus. Was soll es denn heißen, daß bei iigenb einem für das Land gleichgllttgen Gegenstand fast nach einander zwei ober Drei 2kitglieber ber* selben Partei das Wort ergreifen unb im Grunbe gekommen nur dasselbe wiederholen? Unb wozu haben wir denn überhaupt Parteien in ber Kammer, wenn nach der Tarlegmig ihrer Anschauungen doch noch bald jeder Einzelne das Bedürfnis fühlt, seine Extomneinung zum Besten zu »eben, wie das z. B. beim Kondominat Kürnbach, ber Zinsgarantll für bie Laub es Hypothekenbank, bem Mainzer Rtaurerstreik ujw. geschah. Schon die bchen Er- fahruiigen, welche bie Kammer in ber vorigen Legislatur-


