Nr. 237
Redaktion, Expedition ».Druckerei: Schulstr.T« Tel. Nr. 51. Telegr^Adr. r Anzeiger Gieß«»»
Zweites Mott. L 54. Jahrgang Samstag 8. Oktober 1904
«rjch-tnl »r,nq mtl Ausnahme d-s Sonntag,. ? £> A *A. R°t°tt°nSdruck und »erlag der Brühllch«
Die .Äletzrnrr ^ämMiübistter" werden dem filMP F II Unwersuä^drn^ R. Lange, «teßeu.
^An^eiqer viermal wöchentlich beigelegt. Der MN F R, W WM W M U. R J3 II 1 MM W RD M «hfifMr Landwirt- erjchetnl monaMch einmal. X-Z H D
General-Anzeiger. Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Eichen.
«arkanttntarisches aus Kessen.
IN den Parlamentarismen Kreisen Hessens scheint rNan sich noch immer nicht darüber einig zu sein, ob man es angesichts des sich täglich mehr anhäufenden Arbeitsstoffes mit einer Vorsession int November versuchen soll oder nicht. Es zeigt sich auch hier wieder der schon so viel beklagte G e g e n s a tz zwischen S t a d t u n d Land: Wenn die in den Städten ansässigen Abgeordneten zu- sammenkommen wollen, haben die ländlichen ^Vertreter gewöhnlich keine Zeit und wenn die letzteren wollen, dann können die ersteren wieder nicht, andere hingegen sollen oder wollen auch im Reichstag anwesend sein uff. Wie dringend notwendig es aber ist, im Parlament einmal energisch an bie Arbeit zu gehen und wenigstens die wichtigsten der älteren Vorlagen, von denen ein Teil schon seit Jahren als parlamentarische Ladenhüter hin- und Hergeschoben werden, zur Verabschiedung zu bringen, zeigt ein Blick auf das vorliegende Beratungsmaterial. Der zweite und vierte Ausschuß der Kammer haben daher auch ihre Arbeiten längst wieder ausgenommen und eine Anzahl Vorlagen für die Beratung im Plenum sertiggestellt. Allein die recht diffizile Frage der staatlichen Schlacht- Vie h v e r s i che r u n g und die Reorganisation der F o r st- verwaltung dürsten die Kammer schon reichlich eine Woche lang beschäftigen und auch die vom Petitionsausschuß fertig gemachten Vorlagen landwirtschaftlicher Art, sowie die Anträge Hauck und Reh auf Umwandlung zweier Realschulen in Oberrealschulen, bei welchen zweifellos auch das Dr. Davidsche Steckenpferd der Einheitsschule wieder im Parademarsch vorgeritten werden wird, werden zu umfangreichen Debatten Veranlassung geben.
Tie Hauptarbeitslast für die kommende Session ruht aber aus dem Finanzausschuß, dessen Aktenschränke noch einen ganzen Stoß. von rückständigen Vorlagen auf* Wersen, während in wenigen Wochen auch schon der neue Haushaltsetat für 1905 seine volle Kraft in Anspruch nehmen wird. Der Ausschuß hat sich denn auch jetzt entschlossen, in der zweiten Hälfte des Oktober tüchtig an die Arbeit zu gehen. Auf die Tagesordnung seiner ersten Sitzung am 18. Oktober sind nicht weniger als 33 Vorlagen gesetzt worden, deren wichtigste die Regierungsforderung für bie Erweiterungsbauten in Bad-Nauheim bildet; als Ausschußre'ftrent dafür ist Herr Ulrich bestellt. Nach den sehr entschiedenen Auslassungen des ihm imNrer noch sehr nahestehenden „Offenb. Abendbl." zu Gunsten der Vorlage darf man der lieber* zeugung sein, daß sich der sozialdemokratische Heißsporn dieser Aufgabe aufs beste entledigen wird.
Weiter will sich der Ausschuß dann noch mit der Forderung in Betreff des Isenburger Schlosses zu Offenbach und einigen kleineren Gesetzentwürfen, sowie mit dem bekannten Antrag Schönberger, betr. die lieber* nähme sämtlicher V o l k s s ch u lla st en auf den Staat, dem Antrag M ö l l i n g e r, betr. die anderweitige Organisation des Instituts der Kreisgeometer^ dem Antrag Schmitt, betr. die Aufhebung der Brücken- gelber, dem Antrag Hirsch el, betr. bie anderweitige Verpachtung der Hofjagiden, deren Erträgnisse hinter denen aus den Domanialpachtungen zurücksteyen, und endlich noch mit Anträgen über die Stempelsteuer, den Bau von Nebenbahnen rc. beschäftigen.
Das ist ein Arbeitspensum, das dem Finanzausschuß .nanche heiße Stunde und manche lange Sitzung kosten wird, das aber auch schon vollauf hinreicht, die schleunige Einbe- rusimg einer Vorsession zu rechtfertigen. Hegt man in d'n maßgebenden parlamentarischen Kreisen wirklich die Absicht, wenigstens die vorstehend erwähnten Anträge und Gesetzentwürfe noch vor dem Eintreffen des neuen Staatsvoranschlags zur Erledigung zu bringen, so wird sich die
Kleines Keuisseton.
— Ein Brief Philipps des Großmütigen. Eine liebenswürdige Darmstädter Leserin des „Gieß. Anz." hat die Güte, uns einen höchst charakteristischen Brief Philipps des Großmütigen mitzuteilen. Es ist ein Ermahnungsschireiben des Landgrafen Philipp an einen allzu eisiigen Prediger in Gießen, worin auch des Mißbrauchs der Feiertage gedacht wird. Der Brief lautet:
1563. Zapfenburg am 18 tat Nov.
Würdiger und wolgelarter, lieber getmicr, wir feint Ewers Supplicivens unterth-eniglich berichtet worden, und dieweil ihr sovil Ursachen anzihet, barumb euch beschwerlich fei), in disem Winter von Gießen obzuzihen, so sindt wir gnediglichen zufriden, das ihr noch diesen Winter zu Gießen bleibet, und euer Jar ausdienet, haben wir unferm Superintendenten zum Frankenberg bevolhen, das er mittlerz-eit uff ein andere Pfarr, dahin ihr trcmsferirt werden, und da ihr ein zimliche Unterhaltung haben muget, Verdacht fein soll. Tarum ist unser guediges.Begercn, ihr wollet euch mittlerweil in Eurem Predigamt zue Gießen, nemlich zue Krancken zue gehen; sie zu tröften und Sacrament zu reichen also halten, das deshalben kein billiche clstge an uns gelange. Und sonderlich die Leuth auf bem Predigstule n i t schm ehlen, auch sie zu den unnötigen Fehertagen irrt tringen, sondern do sie die fürnemften Fest, als nemlich Wey he nachten, Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten und die Sontage wol feyern ist genug; die andern hevligen Tage feint nit nvtw6ndig.ru feyern, wollen auch, das ihr sie darzu nit trrnget, dan ihr wißet, das zu Gießen ein arbeitsam Vvlck ist, als Wolnweber, Führten th, Ackerlenth und andere. Und wir wißen, das uff solche Feyertage, die dermaßen angestelt werden, gewißlich mehr Böß es geschicht, dann uff die Werktage. Wilches wir Euch, darnach wißen zu richten, gncdiglichen anzetgen, und seindt Euch mit gnaden geneigt.
datum uti snpra. ♦
— Garten st abt un b ästhetische Kultur. Unter diesem Titel ist im Kunstwort ein Aufsatz von Hans Kampffmeyer erschienen, den bie Deutsche Garten- stadt-Gesellschaft Schlachtensee bei Berlin gesondert heraus- geo/ben hat. Mit Recht, denn die Behauptung, daß von allen Wirtschasissragen, die auf die ästhrtischte Kultur ein- w.'i l ", die Wohnungsfrage bei weitem die wichtigste ist, ist zutreffend. „Man wandere doch einmal aufmerksam durch ein paar neue Großstadtstraßen. Wie. entsetzlich nüchtern ist da schon der Stadtplan. Man sieht es dem elenden
Kammer, wenn sie auch in der kommenden Session nur vier Sitzungstage in der Woche abhalten will, wohl oder übel dazu entschließen müssen, noch vor Beginn des eigentlichen Etatsmonats November ihre Arbeiten mit Ernst und Eifer aufzunehmen. Man darf bei der Erwägung des Arbeitsprogramms der zweiten Kammer nicht außer Acht lassen, daß sich im Herbst auch noch die erste Kammer mit der Wahlrechtsvorlage $u beschäftigen bat und eine Rückverweisung derselben für bic Kammer der Abgeordneten eine Reihe neuer, schwieriger und umfangreicher Debatten zur Folge haben dürfte.
8100 Mark, Preußen einen solchen von 17 046 Mark. Für bie bayerischen Staatsbahnen berechnet sich bie Verzinsung des Bauaufwandes im Jahre 1903 auf 2,69 Proz., für die preußisch-hessischen Bahnen auf 7,3 Proz.! Dazu kommt noch, daß in Preußen bauliche Ergänzungen bis zu 100 000 Mk. aus dem Betriebe bestritten werden, während man in Bayern für derartige Ausgaben besondere Kredite zu beanspruchen gewohnt ist. Seit der Verstaatlichung der Bahnen in Preußen konnten über 2 Milliarden Mk. Eisenbahnschuld getilgt werden, während in Bayern die Eisenbahnschuld von
Ertrag zirka ein Drittel der Mete für Haus uub Garten beträgt. Bei den Entwürfen für die Häuser hat der Architekt der Gemeinde, Mr. Harvey, cm den ortsüblichen Land- hausstil frei an geknüpft. Die ganze Ansage verschmiszt infolgedessen mit der Land schuft zu einem harmonischen Ganzen. Man hat den Eiirdruch, -daß der Ort von jeher dort gelegen habe." Mas in England erreichbar war, ist auch hier Möglich Tausende seiden gesundheitlich und geistig unter der Großstadt. Im Interesse der Volksgesundheit und Aesthetik wünschen wir der Bewegung Erfolg.
Stuttgart,?. Okt. Der ReiWkaMer Gr a f B ülow hat in einem schreiben an den Schatzmeister des Schwäbischen SÄillerv ereins unter Anweisung eines größeren Stifterbeitrages mitgeteilt, daß er für den deutschen 'Reichskanzler als solchen die Mitgliedschaft des Vereins erwerbe, dessen Tätigkeit er schon lange mit regem Interesse Derfolgt habe.
— Hs ^Hautet, der diesjährige medizinische Nobelpreis solle Robert Koch zufallen.
Paris, 6. Okt. In den nächsten Tagen werden hier Versuch« mit enter neuen Erfindung Edisons gema<A werden. Es handelt sich um eine neue elektrische Batterie und um ein neues Ac cumulatoren-Sy st em.
— DaS geheimnisbolle Tibet ist beute in aller Munde, nachdent die Engländer den uralten Priesterstaat mit Wafpengewalt ihren Interessen dienstbar gemacht haben. Der letzte Europäer, deut es vergönnt war, Tibet noch im Vollbesitz seiner Uüiprungltchtat kennen zu lernen, ist Sven v. He bin gewesen. T-er berühmte Forscher hat sich entschlossen, die Ment euer seiner erfolgreichen großen Afienreise im Verlag von F. A. Brockyairs, Leipzig, in ganz neuer Fassung, unter Wegfall alles entbehrlichen wipenschaftlichen Beiwerk«- zu veröffentlichen. Dieses neue Werk, „Ab ent euer inTibe t", ist ein BEsbuch im besten >sinne beS Wortes. In ihm erhebt sich Hedin m einer Höhe brr TnrstMungSkraft, die. geradezu hinreißend wirkt. Schlag auf schlag folgen die Abenteuer des Forschers, so daß daS Buch, dits sich durch eine reiche Ausstattung mit BÄdern, bnrunter 8 bunte Tafeln, geschmackvollen Einband und den überaus billigen Preis' von 6 Mk. auszeichnet, Jung und Alt eine willkommene, Festgabe sein tvirb. Wie wir hören, erscheinen die „Mentencr in Tibet" Mitte Oktober.
— „D i e Woche", beEamtt durch ihre all Een AnfsLtz^ mrd Illustrationen, spiegelt auch die Gesche.h'uisse per gegenwärtigen bewegten Seiten mit großer Treue und in einer Anordnung wieder, wie sie von keiner an bereu Zeitschrift erreicht wird. — lieber den Erfolg dessen sich die „Wock>e" von Anftmg an bis auf den heutigen Tag erfreut, unterrichtet bei der heutigen Nummer uniseres MatteS beiliegende Prospekt
Volitlsche Tagesschau.
Das Vesinden des Kaisers.
Tie „Norddeutsche" scl-reibt:
, Durch die Blätter gehen Notizen über angebliche Pläne bes Kaisers, die Wintermonate im Süden zu verbringen. Wie wir erfahren, bestehen solche Absichten nicht, und es ist erst recht bie Behauptung unwahr, daß das Befinden des Kaisers einen Winteraufenthalt im Silben wünschenswert mache. Sollte sich der Kaiser überhaupt zu einer neuen Fahrt im Mittelmeere entschließen, so könnte daftir erst das Frühjahr in Betracht kommen.
Mit allseitiger Befriedigung wird diese Nachricht ausgenommen werden. Wir waren vor klirzem in der Lage, sestzustellen, daß die Sprache des Kaisers bei seiner Ai^wesen- heit in Hamburg durchaus gesund geklungen habe. Immerhin gibt die „Nordd. Allg. Ztg." die Möglichkeit einer neuen Mittelmeerfahrt im Frühjahr zu. Diese Neise würde dann eben, so nehmen wir an, lediglich den Zweck der Erholung nach der vermutlich sehr anstrengenden politischen Winter- kampagne verfolgen. Im übrigen scheinen Ausstreuungen ber ausländischen Presse in bekannter Tendenz den unmittelbaren Anlaß zu der össiziösen Notiz gegeben zu haben.
Zum Schwurgerichtsfalle Kehrein.
In Gießener Inristenkreisen wird, wie wir hören, die in einem Llrtikel in Nr. 233 ausgesprochene Ansicht über den Antrag des Verteidigers auf Verneinung der Schuldfragen nicht geteilt. Vielmehr besteht die Auffassung, daß dieser Antrag nach Lage der Sache nicht nur berechtigt war, sondern daß die Psticht für den Verteidiger vorlag, für Freisprechung zu plädieren. Wir halten uns für verpflichtet zu erklären, daß wir und nach genauer Orientierung dieser Aufastung angeschloffen haben, und fügen hinzu, daß der Artikel einen persönlichen Angriff gegen den Verteidiger keineswegs enthalten sollte.
♦
Die preußisch-hessischen und die bayerischen Staatsbahnen.
In einem Artikel über das in Heidelberg in Angriff genommene Projekt der Vereinheitlichung des Betriebes ber deutschen Eisenbahnen legen die ^Münch. Neuest. Nachr." an der Hand eines umfangreichen statistischen Materials das natürliche wirtschaftlich eUeberge wicht derpreuß.- hessischen über die bayerischen Staatsbahnen dar, um damit zu zeigen, daß die sinanzielleLage der bayerischen Bahnen sehr ernst ist und Bayern dieser Konkurrenz nur mit einer relativ schwachen Waffe entgegentreten kann. Den dort mitgeteilten Daten ist zu entnehmen, daß Preußen- Hessen über eine Bahnlänge von 31 764 Kilometer verfügt, Bayern über eine solche von 5777 Kilometer. In Bayern absorbierten die Betriebsausgaben im Durchschnitt der letzten drei Jahre 72,21 Proz. der Einnahmen, in Preußen aber nur 60,27 Proz.; Bayern erzielte auf 1 Kilometer Bahnlänge im letzten Jahr (1902) einen Überschuß von Geschöpf an, daß es von Zirkel und Reißmaschine aus Pflichtgefühl und nicht aus Liebe eräugt wurde. Und die Häuser? Oede ZuckMausfassaden reihen sich, in den Arbeitervierteln endlos uebeneinander, und in fedem dieser häßlichen Kästen ist einte Unzahl- von Fa- milien untergebracht, die Sittlichkeit und Gesundheit ernstlich gefährden und zu alledem einen großen Teil des kärglichen Verdienstes verschlingen. Wenden wir uns dann zu den wohlhabenderen Klassen, so wandelt sich unser Mitleid in Zorn. Wie unehrlich und aufdringlich erscheinen» diese ornamentüberladenen .Hüuser!" Dieselbe technisch^ Entwickelung, die solche Zustänoe geschlaffen hat, bringt nun aber auch die Mögllch»keit, sie zu bessern. Die Vervollkommnung der Beförderungsmittel ermöglicht auch Leuten, die in der Stadt arbeiten, das W!ohnen auf dem' ^ande, wenigstens in einiger Entfernung von der Großstadt. Diese heute schon vorhandene Los-von-der-Großstadt- bewegung zu organisieren, hat sich die Gartenstadt-Geselle schäft zur Ausgabe gemacht. „Sie will ihr Ziel durch die Gründung von gemeinnützigen Terraingesellschaften erreichen. Eine solche Gesellschaft sucht ein für die Gartenstadt geeignetes Terrain zu Ackerbaupreisen zu erwerben und gibt die einzelnen Parzellen nach sorgfältiger Ausarbeitung eines entsprechenden Stadtplanes an die Interessenten in Pacht oder Erbpacht ab. Der Gemeinbesitz des Bodens soll als erster Grundsatz gelten, sodaß der Wtert- z.uwach^s, den der Do»den, wie wir oben sahen, durch» das Zusam'menströmen vieler Menschen erhält, denen gesichert bleibt, die ihn geschaffen, d. h. der Gesamteinwohuerschaft. Die steigende Bodenrente würde eine allmähliche Wzahlung der ®auffmniine und gemeinnützige Einrichtungen aller Art ermöglichen. Durch diese gesunde tvirtschastliche Basis können den Einwohnern so gilnftige Lebensbedtngungeu geboten werden, daß sie sicher gern dahin übersiedeln." Wie so häufig, sind wir auch» hier in der Lage, bei unseren praktischen Vettern, den Engländern, in die Schule gehen zr: können. So erzählt der Verfasser von einer englischen Gartenstadt: ,L)vurnville ist heute ein blühender uno gesunder Ort von 2500 Einwohnern. Breite, baumbepflanzte Straßen sichren hindurch Vor jedem der schmucken Hauser liegt ein BlumengM:tch>en. "An die Rüekseite schließt sich ein großer Gemüsegarten, dessen Bestellmitz sich die Leute in ihren Musestnnden mit großem Eifer widmen und dessen
1880 bis 1903 um 416,8 Millionen anwuchs und jetzt runb 1,35 Milliarden beträgt. Aus den Ueberschüsten der bayerischen Bahnen sind in dem Zeitraum von 1880 bis 1903 allerdings rund 43 Millionen der Staatskasse für allgemeine Zwecke zur Verfügung gestellt wordpn; allein in der gleichen Periode mußte der Staat rund 100 Millionen für Eisenbahnbauten und Beschaffung von Fahrmaterial aus allgemeinen Mitteln den Bahnen zuwenden. Letztere sind also weit davon entfernt, den bayerischen Steuerzahler zu entlasten und — obwohl von einer Tilgung der Eisenbahnschuld gar keine Rede ist — den Staatsfinanzen eine solche Stütze zu sein wie in Preußen-Hessen.
*■!?-'.<.....HL-!____' »J. .■!■■■■■—
Pad-YauyeiM.
(Schluß.)
Gießen, 8. Oktober 1904.
Der ganze jetzige Betrieb des Bndes scheint zerrissen. Das elektrische Werk, die Heizanlagen und die Salinen liegen kilometerweit von einander entfernt. Daß diese Errt- fernungen recht erhebliche Unkosten verursachen, die durch Zentralisation des ganzen Betriebes wesentlich zusammen schrumpfen würden, unterliegt keinem Zweifel. Außerdem könnte das sehr wertvolle, nach Friedberg zu gelegene Gelände, auf dem sich die Salinen von alters her befinden, für Bauzwecke verwendet, große Summen Geldes einbringen.
Die genannten Zustände wesentlich verbessernde Aender- ungen sind also allenthalben unumgänglich, will Nauheim, angesichts des überall wachsenden Erlangens nach größter Bequemlichkeit, für die Zukunft nicht gerade auf diejenigen fremden Besucher verzichten, die besonderen Wert auf die Erfüllung ihrer mehr oder minder berechtigten Ansprüche legen. Diese mit Gütern mannigfachster Art reich Gesegneten würden selbstverständlich für die Zukunft jedem anderen Kurorte vor Nauheim den Vorzug geben, der ihren, Wünschen mehr Genüge tut. Es darf nicht außer acht gelassen werden, daß Nauheim namenllich die Konkurrenzbestrebungen der ungemein rührigen und geschickt aroß- sprechcrischen Badeverwaltung von Franzensbad zu fürchten hat.
Alle diese aus den an gedeuteten Gründen unvermeidlichen Verbesserungen stehen mit einander int engsten Zusammenhänge, müßten also möglichst gleichzeitig in Atr- grifs genommen werden. Die Verwertung des Salinen- geländes bedingt die Verlegung der Saline und die Veränderung bezw. Erweiterung der Trink- brunnenattlage. Hierdurch wird die Verlegung der jetzt hinter der Trinkhalle liegenden Gärtnerei notwendig. Bei Neuanlage der Saline wird man diese möglichst vereinfachen und den Betrieb möglichst billig gestalten. Die Nähe des Bahnhofs ist da wegen des bequemeren und wohlfeileren Kohlentransports von Wichtigkeit. Der bellagenswerte jämmerliche bauliche und hygienische Zustand der drei älteren Vadehäuser bedingt Ersatz, die ungemein gesteigerte Frequenz Erweiterung. Die neue Anlage muß hygienisch einwandfrei, technisch durchaus solid und für den Betrieb und das Publikum übersichtlich uitb


