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Nr. 57
Dienstag, 8. März 1904
154. Jahrg.
Giehener Anzeiger
General-Anzeiger. Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Lichen
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was den ist in der
Rotationsdruck und Verlag der Brüh lick« UntDerfitätßbrudereL R. Sange. Bietzen.
Redaktion. Expedition u. Druckerei : Sckulstr.1.
Tel. Nr. 5L Leiegr.-Adr. r Anzeiger Bietzen.
Erscheint ISglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die „Gießener ZamilienbiStter" werden dem »Anzeige vterma wöchentlich beigelegt. De .^esfisCk Landl ir» * erscheint monatlich einmal
WaS den Fall des kommandierenden Generals des 7. Armee« korpS von Bissing anlangt, so habe ich von diesem am Tage nach der Rede des Abg. Bebel folgendes Telegramm bekommen: „Soeben lese icli den von dem Abg. Bebel gegen mich gerichteten grundlosen Angriff. Ich habe die Akten über den betreffenden Vorfall eingefordert und werde dieselben Ew. Exzellenz umgehend zugehen lassen. Diese Akten liegen vor, ich habe sie heute bekommen. ES handelt sich um einen Burschen, der seinen Dienst vernachlässigte und von dem kommandierenden General mit 48 Stunden Mittelarrest bestrast wurde. Darauf hat ihn der General auf einer Dienstreise mit nach Düsseldorf genommen, und in seiner ersten Aussage sagte der Bursche auS, wegen dieser Bestrafung und weil er als Bursche ab gelöst werden sollte, habe er beschlossen, fahnenflüchtig zu werden. Aus dem Erkenntnis (ber Kriegsminister verliest esj geht hervor, daß er mcht daS mindeste einer Aussage gemacht hat, daß er mißhandelt worden. Der kommandierende General erklärt in einem Brief folgende-: Wenn mich ein solcher Angriff Bebels im allgemeinen auch nur ehren kann, da eS jedenfalls ehrenvoller ist, als wenn sich der Abg. Bebei mit meiner Person steundschaftlich befaßt hätte (sehr gut!), so hat mich der Angriff des Abg. Bebel doppelt verletzt, weil wohl^aum ein kommandierender General mit Wort und Schrift mtt solcher Energie den Mißhandlungen entgegentritt, wie ich." wor^ ^m) Meine Herren, wenn ich es nicht schön sinde, wenn auf GerU<me hin ein Vorgesetzter irgend einer Uebeltat beschuldigt wird, bte tim herabsetzen könnte ffehr wahr!), so nniß ich sagen, daß eS geradem verwerflich ist, einen so hohen Vorgesetzten tn der Armee^ der al- Gerichtsherr urteilen soll, in die Lage zu bringen, derartigen Gerüchten unterworfen zu werden. (Sehr richtig!) Und wenn ich von „ollen Kamellen" gesprochen habe, so kann ich nichts zurücknehmen. Ich habe gestern in einem französischen Journal gelesen: „Kauft hier die letzten falschen Nachrichten „ckeux sous 1 Ick bin wirklich an Sie erinnert. (Heiterkeit.) Der ^"3. bmt Arenberg ist bei seinem Truppenteil eingetteten, ohne daß sein Vorleben w irgend einer Weise bekannt war. Er hat seinen Dienst zunächst ohne Anstand getan. Der Minister verliest em schreiben, baß er von einem an dem dem Gericht unterbreiteten Gutachten Mitwirkenden
bach die Rede gewesen. Nun, ber Kommandeur von Forbach hat, wie ich persönlich weiß, baß Beste im Auge gehabt. Er hat Wandel schaffen wollen, eß ist ihm nicht gelungen. Er wollte auch seinen Abschied nehmen. Da kam daß Bilsesche Buch. So ist daß gewesen. Ich fühle mich verpflichtet, baß hier zu sagen, weil der Kommandeur von Forbach so scharf angegriffen istt Herr Grad- neuer hat bann auch noch von Pirna gesprochen Er hat auch daß Zitat aus dem „Faust" hier verlesen, baß der Kriegsminister nur angedeutet hctt, und gemeint, daß eß vom Kriegsminister nicht ritterlich gewesen sei. nur die Frau verantwortlich zu machen. Eß gibt verschiedene Arten von Verantwortung. Ter e,ne, von dem m den Versen die Rede ist, ist noch verantwortlich, die anderen bann nicht mehr in dem Maße. Das ist ja eine alltägliche Erscheinung. Ich wurde in der Lage sein, baß naher an dem Fall Schaettler dazulegen, will eß jedoch nicht ttin. (Heiterttit.) Redner befürwortet sodann die Annahme des Kommissionsbeschlusses bett, die Zulage für die Oberstleutnantß, sowie eine beflere Fürsorge für die Kriegsveteranen.
Redner tritt bann für eine Aufbesserung der Unteroffiziere eht und empfiehlt die Einführung einer Wehrsteuer. Ferner wünscht Redner die Einführung der Zahlung eineß Spars old eß von 10 Pf. pro Tag für den Soldaten, bet ihm allerbingß erst nacv der Dienstzeit unb nur in seinem Heimatßorte ausgezahlt werden sollte. 72 Mk. sind schon sehr viel für einen armen Mann und würden der Landflucht wirksam Abbruch tun. Zum Kluß noch ein paar Worte über die Makkabäer-Rede deß Abg. Eickhoff! Am liebsten würbe ich ihn mit bent Worte Eugen Richters abtun. Wozu bas ganze Geseire? (Gröhe Heiterkeit.) Maß hatte bteß mtt dem Militäretat zu tun? Nicht des Glaubens, sondern der ,udffchen Rasseneigenschaften wegen sind die Juden ungern tn der Armee gesehen. Kein Hauptmann läßt sich doch gern die Front verderben. Große Heiterkeit. Die Statistik, bte Herr Eickhoff vortrug, war ganz falsch, nach meiner Statistik ist nur der vierte Teil von Juden Soldat, der nach dem Prozentsatz vorhanden sein sollte. Eine Hobe Zahl von eisernen Kreuzen kam 1870/71 nur auf bte Juben, weil die Militärärzte mitgerechnet wurden. Und wie kommen die Juden zu den eisernen Kreuzen? Denken Sie an Moseß «Bier m Bonn, der Jahre lang das eiserne Kreuz trug, ohne eß je besessen zu haben. Und solche Moses BierS gibt eß viele tn Deutschland. (Heiterkeit.) Ich sage dies nur zur Orientierung für die Kon- und Pbabo- Semiten im Hause, Philosemiten gibt es nicht. lSturmische Heiterkeit.) Wie die Juden im übrigen handeln, zeigt die Wahl m Wege-Schmalkalden. Dort hat der Zenttalveretn jüdischer GlaubenS- genossen durch ein Zirkular aufgefordert, den Sozialdemokraten Hugo zu wählen. Wenn die Militärverwaltung bte Sozialdemokraten ander Armee entfernen will, bann sollte sie auch die Forberer der Sozialdemottatie, die internationalen, revolutionären Juden aus Der Armee herauSschmeißen. (Heiterkeit unb Beifall rechts)
KriegSminlster von Einem: Es ist gesagt worden, ich hatte de« Abg. Graf Mielczynski einen Tadel ausgesprochen deshalb, daß, er hier in aller Weite einen Fall vorgettagen hatte über einen Offizier, der bereits erledigt sei. Ich habe fein Recht, hier einen Tadel gegnt- iiber einem Abgeordneten auszusprechen. Ich tue baß auch nicht, ich habe das auch in diesem Falle nicht getan. Ich habe nur ae- meint, ich hatte geglaubt, daß der Abg. Graf Mielcmnski diesen Fall nickt vorbrächte, weil ich ihm vorher gesagt hatte, daß der Offizier beftraft worden wäre und daß der Fall damit seine Erledigung gefunden habe. Wenn er dennoch geglaubt hat, diesen Fall hier in der weiteren Oeffentlichkeit zu besprechen, namentlich die (strafe des Offiziers auch weiteren Teilen unseres Vaterlandes , bekannt werden zu lassen, so ist das ja seine Sache. WaS den Thorner Fall betrifft, den Herr Abg. Dasbach vorgettagen bat, wo eine Verhöhnung der katholischen Religionsgebräuche stattgefunden habe, so kann ich nur erklären, daß ich diesen Fall nicht kenne. Sollten aber wirklich katholische Religionsgebräuche verhöhnt worden sein, so wird selbstverständlich Remedur eintteten.
WaS das Duell anbetrifft, so stehe ich auf dem Standpunkte der allerhöchsten Verordnung vom 1. Januar 1897. Die Militärverwaltung ist bemüht, nach Kräften Dafür zu sorgen, daß Duelle vermieden werden. Ich glaube, es muß anerkannt werden, daß, soweit dies irgend möglich ist, es auch geschieht.
Wenn ich mich nun zu dem Herrn Abg. Bebel wende, so bemerke ich, wenn ich in meiner ersten Rede Allenstein als GarnisonS- ort des Divisionskommandeurs, Der die traurigen Erfahrungen mtt der Kommandeuse gemacht haben soll, genannt habe, und der Abgeordnete den Namen nicht genannt hat, so habe ich mich eben geirrt. Ich habe diesen Fall aber in einer sozialdemokratischen Zeitung gelesen. (Abg. Bebel widerspricht.) Jawohl, Herr Bebel, ich habe das gelesen und da stand „Allenstein" darin. Nun gibt eS eine ganze Reihe von großen Garnisonen im Osten, aber in keiner dieser großen Garnisonen ist ein derartiger Fall vorgekommen — auch tn Posen nicht. (Hört! hört! rechts.) Nun ist ber Herr Abg. Bebel auf den Fall deS Prinzen von Sachsen-Meiningen eingcgangen. Derselbe hat weder seinen Abschied genommen, noch bekommen, sondern ist Generalinspekteur der Armee geworden.
üädjter rechts.)
Unsere Partei hat bei den letzten Wahlen 80 Prozent aller vtbgegebenen (stimmen auf sich vereinigt. Das können Sie nicht ungeschehen machen. Und ebensowenig können Sie das Eindringen ber Sozialdemokraten in die Armee hindern. Ich kenne ganze Bataillone, z. B. bei den Pionieren, die sich fast ausschließlich auS (Sozialdemottaten .lusammensetzen. Genau so war eS im alten Rom, wo ttotz aller Christenverfolgungen ganze Regimenter sich jschließlich aus Christen zusammensetzten, und die Soldaten es wagen konnten, das Kreuz an den Helm zu schlagen unb ihren christlichen Glauben zu bekennen. Sie (nach rechts) können fa Beinen Krieg mehr ohne uns führen. Wir sind die eigentlichen Ver- äeibiger des Vaterlandes. Wenn ein Krieg ausbrechen sollte, tn iem tüir unser Vaterland beschützen müssen, in dem es sich um bte «Eristenz des Landes handelt, dann werden wir Mann für Mann Sie Flinte auf die Schulter nehmen und den deutschen Boden verteidigen. (Zuruf rechts: Das ist ja sehr schön!) Ja, das werben wir tun, aber nicht Ihnen zuliebe, sondern uns zuliebe. Wir werden uns keinen Fuß breit deutschen BodenS entreißen lasten. Und wir sind auch diejenigen, die die Disziplin verteidigen. Wir wissen, wie notwendig sie ist! Nur muß die Disziplin tn Der fret= billigen Unterordnung wurzeln-, dann braucht man lerne barbari- schen Zwangsmittel. Herr Dr. Beumer hat vorgestern gegenbte Sozialdemottaten polemisiert. Ich nehme ihm das Wetter nicht übel, dagegen vermißte ich in seiner Krittk der Militärverwaltung sehr die opposittonelle Schärfe, durch die die Rheinländer sich sonst doch außzeichnen. Mit solchen Reden kann man den Sozialdemottaten nicht das Master abgroben. Draußen im Lande ahnt und suhlt man die Mißstände, und derjenige, der sich da nicht getraut, zuzu- greifen, hat nicht das Ohr des Volkes. Glauben Sie denn,, daß es etwas nützt, wenn man die Sozialdemottatie bekämpft, tote es tnidb von feiten der Militärverwaltung geschieht? Im Gegenteil: man fördert sie nur dadurch. Da wird z. B. tn ber Wormser Garnison plötzlich ein Tagesbefehl erlösten: „Heute nachmittag und abend darf niemand die Mainzer Sttatze postieren." Großes Erstaunen Man erkundigt sich nach dem Grunde dieses sonderbaren Erlöstes, und waß erfährt man? In der Mainzer Straße wird eine große sozialdemokratische Versammlung abgehalten. Deshalb darf fern Soldat durch die Straße gehen. Ja, da fragt sich doch mancher brave Soldat: „Was sind denn das für Kerle, diese verfluchten Sozialdemottaten?" Und auf diese Weise wird sem^nter- este rege Er erkundigt sich und erfahrt manche- über Die -L-oztal- demottaten, von dem er sonst vielleicht nie im Leben etwas gehört hätte (Große Heiterkeit.) So wirkt die Militärverwaltung für die Sozialdemokratie, und genau ebenso ist eß mtt allen Ihren Verordnungen, mit dem Bovkott von Wirtschaften, in denen -soz,a - demottaten verkehren, oder in denen sozialdemokratische Blatter aufliegen. Mit allen diesen kleinen Schikanen, mit denen man bte Sozialdemottatte zi töten sucht, macht man in Wirklichkeit nur noch mehr Propaganda für sie. , . . « -
Herr Tr. Beumer hat am Sonnabend den Spieß umzudrehen
dichte, wie das folgende:
„Der Reichstag nun eröffnet wird. Wenn draußen dichte Nebel Und die Minister ängstlich schaun Nach unferm August Bebel!" (Heiterkeit.) Ich freue mich, daß unser Kriegsminister nicht nur ein Meister deß Worts ist, sondern auch im höheren Sinne ein Mann ber Tat sein wirb, wenn schlimme Tage kommen werben, wenn bie Zeit kommt, wo die scharfen Worte, die in Dresden gefallen sind, in Taten um» gesetzt werden. Die Männer brauchen wir, „die stark sind unb rücksichtslos", und dazu rechne ich unseren neuen Kriegsminister.
Abg. Liebermann von Sonnenberg (Antis.): Die Rede des Abg. Bebel heute war nur eine Diversion, um der vernichtenden Niederlage zu entgehen, die der Kriegsminister ihm neulich bereitet hat. Sie war ein Konglomerat von Geheimplätzen, schiefen Auffassungen, hie und da ein Körnchen Wahrheit. Material hat er nicht vorge- bracht, sondern wieder einmal ins Blaue etwas behauptet. Wie der Fall Arenberg hierher gehört, verstehe id) nicht. Wenn er sagen will, bas bas Irrenhaus mir bei hochgeborenen Verbrechern bte Zufluchtsstätte bildet, so sehen Sie sich doch einmal bie jüdischen Verbrecher an, bei denen ist das Irrenhaus eine solche Zufluchtsstätte! Und bann ber geschichtliche Exkurs über bie Junker bei Jena! In Wahrheit sind Heldentaten ohne gleichen von den Junkern verrichtet worben! (Gelächter links.) Unb Junker waren eß — die Scharnhorst, Gneisenau, Iorck, Blücher —, die nachher in dem Nuffchwung Preußens die Führung hatten!
Herr Bebel hatte den Mut — Herr Bebel ist tn Behauptungen immer mutig (Heiterkeit) —, bte Sozialdemottaten mit den ersten Christen zu vergleichen. Da ist aber ein großer Unterschied: das Reich der ersten Christen war nicht von dieser Welt, und Ihr Reich ist nur von dieser Welt. „Kein Jenseits gibts, kein Wiedersehn, macht hier das Leben leicht und schön!" heißt eß am Eingang des Kirchshofs, wo Sie sich mtt Vorliebe begraben lasten! (Heiterkeit.) Herr Bebel sprach heute sehr pattiotisch. Ich freue mich sehr über jede neue Mauserung deß Herrn Bebel! Das ist nicht mehr derselbe Bebel, der 1870 bie Kriegsanleihe verweigert hat! Aber man soll nicht auf das hören, waS Herr Bebel hier im Reichstag, sondern was er draußen im Lande sagt, da kommt die wahre Meinung heraus. In Dresden hat Herr Bebel dieser Gesellschaftsordnung Todfemb- schaft gelobt! Die heimkehrenden Krieger 1871 wurden in Chemnitz von den Sozialdemokraten mit dem Aufruf empfangen: „Bürget, steckt schwarze Fahnen heraus! Eine Rotte von Räubern und Mordbuben hält heute seinen Einzug!" Das ist die wahre Gesinnung ber Sozialbemottctten l
Herr Bebel hat durch seine Reden den nächsten Mord tn ber Armee auf fein Gewißen geladen. Er sagte: „Wenn ich zum Selbstmord gezwungen sein würde, ich würde mir den mitnehmen, der Mick dazu getrieben hat." Machen Sie baß nur für Ihre Person, Herr Bebel, dann ist man wenigstens ote mit loS! (Rufe bet den Sozialdemokraten: Pfui Teufel! Heiterkeit rechts.) Sie wollen nur die Armee verächtlich machen! Die Armee ist aber die Erzieherin des Volkes! Der Offizier ist der Führer des Volkes Tas hat der Kriegsminister gesagt. Er sagte nicht: „dte Blute I Blüten gibt es mancherlei! Tie Sozialdemokratie ist z. B. die Gift- blüte des deutschen Volkes. (Hetterkett.) Es ist auch hier von yor=
Parlamentarische Perhanvlungen.
Nachdruck ohne «ereindsrnn« nicht -etznttet.
Deutscher Reichstag.
6 1. Sitzung vom 7. März.
1 Uhr. Das Haus ist schwach besetzt.
Am BundesratStisch: b. einem u. a.
Die ztoctre Beratung des M i l t i ä t e t a t ß wird Beim Titel „Kriegsmimster" fortgesetzt.
Abg. Dasbach (Ztr.) bringt die Thorner „Affäre" zur Sprache: In Thorn hätten Offiziere an einem Liebhabertheater tettge- nwmmen und ein Stück zur Darstellung gebracht, tn ber Die Beichte m humoristischem Lichte erschien. Eine solche Verhöhnung beß heiligen Sakraments ber Beichte ist geradezu em Skandal! Hierauf verbreitet sich Redner über das Duellwejen, baß für ihn einen Hnfug bar stellt und verabscheuenswert ist. Er läßt sich lobenb über i»ie neu gegründete Antiduellliga auß und erwähnt, daß im oelgi- j'chen Heere das Duell nicht existtere. In England sei das Duell t ine unbekannte Erscheinung. Weshalb zolle sich baß Nicht auch tn Deutschland ermöglichen lasten?
Abg. Bebel (Soz., vom Platz aus, daher wenig verständlich): Ach weih nicht, was der Kriegsminister sich gedacht hat, als er von „ollen Kamellen" sprach. Ich sprach von der Kommandeuse, habe nber mit keinem Worte von Allenstein gesprochen. Es gibt ja noch mehr Garnisonen im Osten, z. B. Posen. Vielleicht tritt der Minister der Sache noch näher. An meiner Darstellung des Falles Bissing muß ich festhalten, wenngleich der ganze Fall dem Kriegsminister „unbekannt" ist — er sagte wohlweislich nicht -unwahr . Was mich wundert, ist, daß der Kriegsmtnister gar nicht auf die Ausführungen meines Parteigenosten Gradnauer reagiert hat, z. B. über den Fall Arenberg. Der Prinz Arenberg ist, tote sich jetzt jjeraußfteQi, ein disqualifiziertes Subjekt gewesen, wie eß tn keiner Armee der Welt überhaupt geduldet worden wäre. Und diesem soll non seinen Vorgesetzten ein überaus günstiges Zeugnis ausgestellt worden sein! Das Volk darf verlangen, daß diejenigen, bte tm Kriege bie Führerrolle übernehmen, in jeder Hinsicht moralisch intakt iünd; sonst kann sich das ganze Reich begraben lasten. (Unruhe rechts; beifälliges Murmeln bei den Soz.) Ich habe keineswegs behauptet, unser ganzes Offizierttrps fei von Grund aus vererben. Wenn ick> einzelne Fälle anführte, so tat ich das gerade im Interesse der Armee. Denn wir haben das allergrößte Interesse sm der Armee. Sind doch auch unsere Söhne und Brüder in der Armee. Wir wollen keine Einengung der allgemeinen Wehrpflicht. 3m Gegenteil: wir wollen deren Erweiterung; wtt wollen, daß jtebermann zur Waffe gerufen totrb Aber toir wollen auch mcht ! ine überflüssige Ausdehnung der Dienstzeit. Wir wollen icder- marm ttiegstüchtig machen, nicht mehr unb nicht toemger Wenn ich Joie Armee und das Offizierkorps IriHiiert habe, so habe ich ubn- mns fernen einzigen Parteigenosten zittert, sondern nur Stimmen y>on Leuten, bte uns auf Tod und Leben bekämpfen. Auf der Rechten sieht man jede Kritik der Armee als Majestätsbeleidigung mt. Genau fo war es vor 1806. Derselbe Geist des Hochmuts «nd des Uebermutß! Der Junker Herr in der Armee, der Junker Herr im Staat! Die Junkerherrschaft hat aber bei Jena den i chrnählichsten Zusammenbruch erlitten, die Junker waren eß, bie Die iichmählichsten Kapitulationen zu stände brachten. Nicht Junker waren es, bie bie moberne Kriegsführung geschaffen haben. Napoleon ber Große war es, der einfache Artillerieleutnant, dem lerne Vorgesetzten das Zeugnis außstellten, baß er selbst für den Exerzierplatz nicht tauglich sei. Napoleons Schüler waren die Scharnhorst tmb Gneisenau, die Reorganisatoren der preußischen Armee. Und heute haben wir denselben Junkergeist bei unseren Herrschenden! freilich: wo hätte es jemals eine herrschende Klasse gegeben, bie Vernunft angenommen hätte! (Schallenoes Gelächter rechts.) Mit ttemfelben Hohne, den Sie jetzt gegen unsere Zulunstspläne aus- roenben, hat man einstmals die Vorkämpfer beß bürgerlichen Libe- wialismuß überschüttet. Sie (nach rechts) sind ja doch nur die Rudt- mente einer absterbenden Gesellschaftsklasse. (Stürmisches Ge-
demokraten.)
Mg. von Riepenhausen (kons.): Auch bie zweite Rebe Bebels wirb nicht ben Sieg des Kriegsministers beeinträchtigen. (Lacken bei den Sozialdemokraten.) Wie toir über die militärischen Schmähschriften denken, hat schon Herr von Normann gesagt. Die Soldatenmißhandlungen haben toir stets gemißbilligt und auch stets Abhilfe verlangt. Die Zunahme der Selbstmorde in ber Armee beweist noch nichts, in dem 95er Regiment sind einzelne Selbstmorde vorgekommen, aber Herr Bebel kann da keine Mißhandlungen Nachweisen. Ich bin ein alter 96er und bekomme heute noch Briefe: „Ist das unser Riepenhausen, der im Reichstag sitzt?" (Große Heiterkeit. Zuruf bei den Sozialdemokraten.) Sie haben jetzt iu schweigen. Sie können nachher reden. (Lachen bei den Sozialdemottaten.) Heute kommen viele junge Leute zur Armee, die kein Gefühl der Unterordnung haben. Wem haben wir daß zu verdanken ? Doch nur (Redner wendet sich in soldatischer Haltung zu den Sozialdemottaten unb ruft ihnen mit strenger (Stimme zu) Ihnen, bie Sie bie Gottesfurcht unb Köniastteue untergraben! (Abg. Lcbe - bour ruft: Das müssen (sie Ihren Rekruten erzählen! Heiterkeit.) Die Sozialdemottaten versuchen seit 80 Jahren schleckten Lesestoff in bie Kasernen hineinzubringen, so z. B. Den Pommerschen Volkskalenber! Da steht baß „Attentat Nobilingß auf Wilhelm I. brtn — nicht „Kaiser Wilhelm I.", „Kaiser" gibts nicht mehr, ber ist längst bei Ihnen cckgeschafft — ferner bie Erstürmung ber Bastille, ber Tob Friedrich Engels, die Ablehnung ber Zuchthausvorlage unb ber sozialistische Sieg bei den Stettiner Siadtverordneten- toahlen! Solche Sachen sollen die Soldaten lesen. Und bann Ge-
versucht unb gesagt, wir sollten uns über die Schimpfereien m der Armee nicht so sehr aufregen, wir sollten lieber auf unsere eigenen Schimpfereien achten, und hat zum Beweise Stellen auß dem Dresdener Parteitagsprotokoll verlesen. Nun, ich habe beim besten Willen in denselben Schimpfaußdrücke nicht entdecken können. (Schallendes Gelächter rechts.) Es ist bei unserer Partei Sitte, einander sehr offenherzig die Wahrheit zu sagen. (Erneutes Gelächter.) Die Sozialdemottaten machen eben aus ihrem Herzen keine Moroer- grube. Sie haben als Devise „Wahrheit und Offenhelf" den Gegnern gegenüber und auch untereinander. Der große Unterschied zwischen der Sozialdemokratie und der Armee besteht aber barm: Wenn ein Soldat von einem Vorgesetzten beschimpft wird, darf er nicht wieder schimpfen. Wenn aber em Sozialdemokrat von einem andern Sozialdemokraten beschimpft wird, dann nimmt er kein Blatt vor den Mund (schallendes Gelächter und Zuruf: „Göhrel"), und das gehört sich auch so. Sie (nach rechts) dürften ja so etwaß nicht wagen. Sie dürften sich nicht öffentlich außeinandersetzen, daher tagen Sie hinter verschlossenen Türen. (Lachen rechtß.) Der Freiherr von Hehl hat neulich gesagt, wenn wir freie Kritik in der Armee verlangen, so sollten wir auch zunächst dafür sorgen, daß freie Kritik in der Sozialoemottatie geäußert werden darf. Er berief sich auf ben Fall Schippel, aber sehr mit Unrecht. Wir haben Schippel keineswegs bie Kritik verboten.
Der Beschluß ging nur bahin, daß wir wünschen, er möge offen sagen, tote er zu bestimmten Fragen steht (Zuruf: U«, tbn dann hinauszutoerfen." Großes Gelächter rechts); unb von Herrn v. Heyl angeführten Fall Göhre anbelangt, so ganzen Sache Göhre mein Name überhaupt nicht genannt toorben. Freiherr v. Heyl irrt mit seiner Annahme, baß Göhre deshalb nickt kandidieren durfte, weil er mich beschimpft hätte. Sollte einmal einer in ber Fraktion auftreten unb sagen: Göhre darf nicht kandidieren, toeil er Bebel angegriffen hat, bann toürbe ich selbst gegen meine besten Freunde energisch auf fahren und so ettoaß gurüdtoeuen. (Gelächter rechts.) Was gegen Göhre vorgebracht wurde, waren Dinge ganz anderer Art und ich freue mich, daß Göhre das ern- gesehen hat und von der Kandidatur zurückgetreten ist. Die Hauptschuld an allem tragt der Kapitalismus, er frißt auch am Mark ber Armee. (Zuruf rechtß: Blech! Heitcrttit. Beifall bet ben Sozial-


