Ausgabe 
5.10.1904 Zweites Blatt
 
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wünschen wäre, daß sich daS Sonntagsabonnement noch bessern möge. ES scheint die Ansicht verbreitet zu sein, daß daS Repertoire dieses Abonnements vernachlässigt wurde. Dies ist durchaus nicht der Fall. Für die erste Sonntagsausführung im Abonnement (9. Oktober) ilt eine Wiederholung de8 Talis­man angesetzt. ES sei übrigens darauf aufmerksam gemacht, daß die Direktion auö eigenem Antriebe den Preis für das II. Parquet herabgesetzt hat, sodaß sich der Besuch auch dieses Platzes heben dürfte.

**Etwas v o ri nn s er em Nebenbähnchen^ erzählt jemand in derButzb. Zbg.": Zu Ehren des am 1. Oktober zum erstenmal fahrenden 1 Uhr-Zuges lösten wir uns eine Fahrkarte, um unsere Nachbarstabl zu besuchen. In Butzbach scheint nun schon unsere Lokomotive nicht die beste X(auiic gehabt zu haben. Ob die 4 bis ö Güterwagen, die man ihr anhängte, ohne daß es vielleicht ihr Gesund­heitszustand vertrugen konnte, schuld daran waren, oder ob der Aerger es war,- daß sie von heute an ihre Lieb- lingsstrecke zweimal weuiger durchfahren durfte, kurz, sie ließ sich schon in Butzbach einige Minuten bitten, bis sie sich entschloß, uns nach Griedel zu bringen. -Uber hrer gellten sich die ersten Anzeichen eines herannahenden lln- wohlseins ein und es schien, daß der Aerger auf ihren Gesundheitszustand gewirrt hatte. Keuchend und pustend schleppte sie uiiS mit dem Aufgebot ihrer letzten strafte noch ein Stück nach Gamrbach zu, bis sie nickst mehr konnte. So viel Wllenstrast besaß sie noch, daß sie ims nach Griedel z u r ü ck b r a cki t e, zu in Aerger der Gam- bacher Passagiere, die gerne in der Nahe ihrer Station auogesnegen wären. Da standen wir nun wieder in Griedel, und hier wurde uns die freudige Mitteilung ge­macht, daß es 23 Stunden dauern würde, bis sich unser Liebling wieder erholt, oder von verwandtschaftlicher Seite beigesprungen würde: diese Eröffnung wirkte nicht sehr er­mutigend auf uns. Wer nahe zu Haus war, bequemte sich äst Fuß fori, wir anderen benutzten den schonen Herbsttag zu einem Spaziergang nach Butzoach und ließen uns das Fahrgeld wiedergri'en, was mir der größten Be- reitwiltigteit geschah. Uns wurde erzählt, in 14 Tagen käme so etwas nicht vor, denn es wären eben zwei funkel­nagelneue Maschinen uniccwegs, die eben benützten hätten zwar auch, als sie zu uns mmen, ein neues Ueberkleid erhalten,'aber jugenvfrisch seien sie nickst gewesen. Darum wollen nur den uns am Samstag gefpichen Streich nicht Übelnehmen.

1. Langd b. Hungen, 4. Okt. Die Einweihung des hiesigen neu errichteten Schulhauses findet nächsten Sonntag, den 9. Oktober, statt, an welchem Tage vor 40 Jahren auch unsere Kirche emgeweiht worden ist. Die Aepfelp reise sind hier und in der Umgegend ganz be­deutend zurückgegangen. Während vor etwa 14 Tagen für Kelterobst noch Mk. 6.507.00 per Doppelzentner bezahlt wurden, werden heute nur noch Mk. 5.00 geboten.

§ Burkhards, 3. Okt. Gestern hielt Landwirtschafts­lehrer Lmz aus Büdingen imGenieindewittshause" einen Vortrag über: ,Anwendung von künstlichem Dünger, Hebung des Futterbaues und über Draiuaigeanlagen". Bei dem Punktekünstliche Dünger" führte der Referent aus, daß es nicht gut sei, einfach Dünger (einerlei welcher Art) auf die Wiese zu streuen, sondern der Landwirt müsse erst prüfen, Versuche anstellen, welches Produkt dieser Art aus die betr. Wiesenfläche passe; erst dann könne man auf Erfolg rechnen. Ueber rSramageanlagen* sprach sich der Redner dahm aus, daß im Vogelsberg noch viele Wiesenflächen un* bewässert liegen blieben. Ueber die Anlagen von Be- wässeritngen, wie sie jedermann auSsühren könne, wurde näherer Aufschluß gegeben. Der Besuch des Vortrags war ziemlich gut.

Aus Der Aöstbauausftelluug in Jrirdberg war neben prächtigem Obst auch ein Buch ausgestellt, das vielfach die Aufmerksamkeit der Besucher erregte. In diesem Buche hatte Bürgermeister Heller von L i ch das Erträgnis jedes einzelnen Obstbaumes eingetragen, der der Stadt gemeinde Lich gehört. Tie Bäume sind sämt- nich nummeriert, die laufenden Nummern sind in dem BQMMHaaaaHBBHmaBSBaaBuarMxaaianBBEBKaMHn

Buch eingetragen und feit dem! Jahre 1896 ist hinter jeder Nuntmer der Gelderlös eingetragen, der sich bei der all- jührlichen Versteigerung des Obstes ergab. Beim Durchs blättern des Buches fielen mir einzelne Nummern von Bäumen auf, die sich einige Jahre als fogenannte Faulenzer erlviesen hatten; die Bäume hatten die Pflege sckstech^ ge­lohnt, sie hatten sich undankbar gezeigt unb feine Früchte getragen. Man Hal nun diese Bäume kurzer Hand um- gepfropft, wenn sie dazu nicht zit alt waren. Und siehe da, nachdem die Pfropfreiser 3 Jahre gebraucht hatten, um Aeste und Zweige zu bilden, brachte der frühere Faulenzer auf einmal Obstertrage, die mit 152030 Mk. bei der «Versteigerung bezahlt mürben. Man sieht, wie sich die gute Buchführung des Bürgermeisters lohiite. Ohne diese würde man die Faulenzer zur Pfropfzett nicht heraus­gefunden haben; sie würden unnötigerweise weiter gepflegt lvorden sein, hatten Kosten verursacht und hatten dem Gemeindesäckel nur geschadet, statt ihm zu nützen. Weiter war in dem Buch für jedes Jahr niedergeschrieben, wie ba£ Obst in dem betreffenden Jahre geraten war, welchen Witterungseinflüssen man die bessere ober sckstechjtere Ödst­er rite ober gar die Mißernte zuzuschreiben hatte. Tas ist eine Statistik, die wie ein guter Wein, immer wertvoller wird, je nachhaltiger sie geführt, d. h. je älter sie dadurch wird. ES würde zu weit führen, auf alle Einzelheiten einzugehen. Von Interesse dürfte es sein, bei dem Obsh- (egen dieses Jahres die Obsternten der verflossenen sechS Jahre sich an Hand der Auszeichnungen des Bürgermeisters Heller ins Gedächtnis zurnckzurufen:

1896 gab es in Lich fast kein Obst, einige Achsel, feine Birnen und ZWetschen.

1897 wenig Aepfel, menig Birnen, keine Zwetfchxn.

1898 wenig Aepfel, fast keine Birnen, bagcgen Zwetschgen im llebermaß.

1899 Acpfelenhc gut, ZWetschen kosten pr. Ztr. 56 Mk., es gab also wenig.

1900 Aepfel em re gering, ziemlich viel Birnen, viel Zwetschssn. 1901 Aepfel wenig, nelterobft lostete pr. 1UU Kgr. 10 Mk.

bis 14 Mk., gebrochene Aepfel 18 bis 2b Mk. pr. 1U0 M?gr. Auch Bim eil und Zive tschen gab eS wenig.

1902 Aepfel zienckich kirnen wenig, Zwetschen gar keine. Am 14. uni> 15. SDiai ivaren 1j Ernt. Schnee gefallen.

1903 Aepfel gering. Birnen gering. Zwetschen, kosteten 3 bis 5 Mk. pr. Ztr., also war auch die Zwetscheucrnte in der Gemartung Lich nicht groß.

Andere Gemeinden luuwen gui tun, ähnliche Aufzeich^ mingeii zu machen. Schlecht tragende Bäume sollte man nach diesen Aufzeichnungen genau fenneu uni) ihnen durch geeignete Mittet zur Frucht vor fest verhelfen. Oder man I eilte sie befeittgen, damit fie jungen und dankbaren Bäu­men Platz machen. Werden daueoeu noch Aufzeichnungen über die Obsternten gemacht, über die Witter, ungsveryalt- nisse zur Blütezeit der Obstbaume besonders, ,o wurde manches letyrreü^e in der Zukunft diesen Auszerchnungen entnommen werden töiuien.

Sur ©rganifatiou des jtmtoflclina.iites

ist von der Zentrale s ü r p i r 11 u ß u e r u> e r t u n g der Ansang gemacht worden. Tie Müglieder des BerwettungS-Ber- bandes sind ausgefvrdert^ worben, ihren Karwffelbedarf bei der Zentrale anzmneidcn. Sie sammelt glcia^eitig Angebote von oabrikkattofieln aus den Streifen von Landrritten und Händ­lern und wird die geeigneten reauser und Bertaufer miteinander m Verbindung bringen. Die Benutzung dieser Einrichtung wird allen JnreresseMen aus das Tnngliasste empfohlen. Tie Zenttale besorgt die Vermittlung vollständig kostensrei für Lauser wie für Verkäufer.

Ter Fragebogen lautet:

1. Lartoffelbedarf.

a) Wieviel Kartoffeln müssen Sie belMfS Herstellung Ihres Kontingents ankausen?

b) Wieviel Lartofieln wollen Sie außerdem zur Herstellung von Superkontingent ankaufen?

c) Welche Lieserzcii schreiben Sie dafür vor?

b; Welche höchsten Preise würden Sie frei Ihrer Anlieferungs­station bewilligen pro Rentner Kartoffeln oder pro Prozent Stärke­gehalt?

2. Eigenes K artof f e lang ebot.

a) Wieviel Larioffeln haben Sie abzugeben?

b) Welche Zeit wäre Ihnen für die Mlieferung am genehmsten? c; Welchen billigsten Preis fordern Sie ab Ihrer Eisenbahn­station ?

bj Welche näheren Angaben könnten wir dem Käufer in bezug auf ^orte, Stärkegehalt uftv. Ihrer Startoft'eln marfjen?

3. Anderweitiges Kartoffelangebot.

Welche Landwirte sind Ihnen im dortigen Kreise als Ab­geber von Kartoffeln bekannt?

4. K a r t o f f e 1 h a n d e l.

Weläie kaufmännischen Firmen oder Ejesellschaften ober Ge­nossenschaften beschäftigen sich in Ihren Kreisen mit Kartoffel- Handel?

Bei keinem anderen landwirtschaftlichen Produkt ist die Verschiedenheit des Preises in den verschiedenen Gegenden so groß wie bei der Kartoffel. Tiefe Verschiedenlirit des Preises stellte aber im Jahre 1901 geradezu ein Rätsel dar. Wenn z. V. in Westfalen fnc einen Zentner Kartoffeln 1.20 Mk., bei uns in Hessen aber 3.50 b i s 4 Mark, geboten wurden, so liegt ein solcher Preisunterschied sicherlich weder im Interesse des Produzenten noch des üonfumenten. Tazu war in diesem Jahre noch ein großhändlerischer K a r t o f f e l w n ch e r in Sicht. Tas Treiben der Spekulanten ging so weit, daß zahlreiche .Kreis- verwaltnngen die Landwirte warnten, Kartosfeln an Großhändler und Agenten zu verkaufen; einmal würden sie durch die Kartell- Verläufe eines wichtigen Viehfutters beraubt, und andererseits werde durch weise Zurückhaltung allen Preistreibereien der Speku­lanten dcis Lebensmark genommen. Möge die jetzt begonnene Organisation des Kartoffelmarktes Erzeugern wie $8erbraud>ern zum Vorteil bienen.

^erichts^aal.

Thorn, 4. Okt. Tie Strafkammer des Landgerichts beschloß gestern auf Grund von § 130 des Strafgesetzbuches (öffentliche Anreizung verschiedener Bevölkerungsllassen zu Gewalttätigkeiten gegen einander- die Unbrauchbarmachung der Truck- Platten b.'s LiederbuchesPiesni Proletarjatu", dessen Inhalt polnisch-sozialdemokratische Tendenzen ver­folgt, sowie die Einziehung aller im Gebiete des deutsck-en Reichs befindlichen Exemplare dieses Buches.

Kottbus, 4. Oft. Heute oeriirtciltc das hiesige Schwur­gericht den 23 jährigen Tienstknecht Friedrich Schneider-Naun­dorf, der nach eigenem Geständnis in der Nacht zum 24. Juli bei Burg (Kolonie im Spreewald) die 27 jährige Tienstmagd Marie W c r ch osch, die an ihn eine Mimentationsforderung hatte, durch Niesserstiche ermordete, zum Tode und bauens dem Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte.

WtROÄTSÄ

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Um deutliche Angabe des Namens und Adresse wird höiL gebeten.

ABTEILUNG: E. T.

THE AMERICAN CEREAL COMPANY,

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Mit diesem sinnigen Üllärchenspiel eröffneten du Herren Gebr. Steingötter die neue Spielzeit des Gießener Stadt­theaters. Voraus gingen der Fulda'schen Dichtung wie im Vorjahre ein musikalisches Vorspiel, das wohl den großen Namen Bach als Aushängeschild trug, aber unwert wäre, zu den Fußen des unsterblichen Johann Sebastian zu plätschern, und ein vom Direktor Herrn. Steingötter verfaßter Prolog. Dieser erwies sich als eine in fließenden Reimen sehr geschickt gestaltete szenische Luvctture der draina- tischen Wmtercampagne. Wir sahen beim Aufgehen des Vor­hanges die Bühne verdunkelt. (rin Wanderer erscheint vor einem verschlossenen Tor. Nach des Tages Last und Arbeit sehnt er sich am Abend nach Erquickung und Erholung, nach Stärkung und Labung. Da öffnet sich das Tor und er er­blickt hell umleuchtet den Genius der dramatischen Dichtkunst, der ihn leiten will zur Wahrheit und Schönheit, der ihn er­freuen und neu beleben, der ihn erbauen und erheben will. Der Genügsame ist entzückt von dem, was ihm der Genius verheißt, er hofft in einen Tempel von herrlichster Pracht zu treten. Der Genius aber dämpft diese hohen Erwartungen alsbald herab. ^Er hat seine Erfahrungen und ist nicht um­sonst durch die schule der Realisten gegangen. Von einem .Tempel" hier in Gießen zu sprechen, wenn man den Leib- schen Theaterjaal meint, das, so weist er den Wanderer zu­recht, sei doch arge Schönrederei. Sei man doch, mit guten Gründen, draus und dran gewesen, diesen .Tempel" fürs Theater ein- für allemal zu versagen, aber kluge Männer bei diesem Worte ging em allgemeines verständnisinniges Schmunzeln durch den Zaal hätten es verstanden, zu vermeiden, daß über Gießen die theaterlose, die schreckliche Zeit hereinbräche.

Dies sprachen die beiden Darsteller Irl. Gartner und Herr Lütt) 0Hann, in denen wir ein so schmuckes wie talentvolles jugendliches Heldenpaar erhalten zu haben hoffen, nicht so trockenen Tones, wie das hier wiedererzählt ist, sondern in klangvollen Rennen und hochtönenden, prunk­vollen Motten, sie mit einem volltönenden, bedeutenden, vielleicht gestern em wenig belegten Organ und großen, nicht ionderUch ebenmäßigen Beivegungen, er mit fein obgeftinunter Verhaltenheit. Des Verfassers Sehnsuchtsruf naeh einem wäroigen Theatergebänöe schmiegte sich ungczivungen m die gebundene Rede em, nicht als ein Wink mit dem Zauns- piahl, sondern mit den .morschen Tempelsäulen". Rian

merkte die Absicht des Prologs und ivar aufs beste ge- timmt.

Die Fuldasche Dichtung hat in den 12 Jahren, die seit ihrer Erstaufführung verflossen sind, von ihrem alten Glanze und ihrem innerlichen Zauber kaum etwas eingebüßt. Sie ist Ohrenschmaus und Herzensfreude und, wie es in alten Tagen hieß,Vergnügen des Verstandes und Witzes" für die aufmerkenden Hörer geblieben. Unsere Zeit brachte uns kein zweites Stück, in dem der Versiich, den überkommenen Reiz des Märchens mit einem klar und sein herausgestalteten modernen Gedankengehalt zu vermählen, so gut geglückt wäre, wie in dieseniTalisman" für .die Klugen und die Guten".

Die Teilnahme des Publikunis war m jedem Betracht außerordentlich; das Haus besetzt bis auf den letzten Platz und voll Empfänglichkeit für die Buntheit der Szenen, für den natürlichen Fluß der humorvollen und geistreichen Verse, für jede hübsche Reimpointe und jede feine Wendung, in der Sinn und Handlung zusammeiigreifen.

Ganz so gut wie dieses Publikum war bie1 Ausführung nicht; aber sie machte den Eindruck eines höchst ernsten und weit überwiegend erfolgreichen Bemühens, an dem weniger die Inszenierung wenn irgend etwas, so haben gerade dieses Märchendrama und der Prolog bewiesen, daß wir eine an­dere, noch einmal so große Bühne nötig haben, um szenisches Geschick zur Geltung bruigen zu können als ein außer­ordentlich gutes Herausarbeiten des Sinnes zu loben ist, daS nur sehr selten durch Fehlbetonungen ober kleine Stockungen unb lautes Eingreifen des eifrigen Kastengeistes gestört wurde.

Am glücklichsten war der Vertreter der drastischen Komik, Herr Lippert, in dem wir einen hervorragend guten Eharakterkomiker zu besitzen scheinen. Zu besonderer Charak­teristik gibt ja die Rolle des Habakuk keine Gelegenheit, aber Herr L. konnte doch hier schon beweisen, daß er ohne bur­leske Mätzchen vorzüglich zu wirken versteht. Er sprach die reizenden Verse Fuldas mit viel natürlicher Drolerie, einfach und schlicht im Ausdruck und doch so eindrucksvoll, daß Humor unb Komik zu vollster Geltung kamen. Wie weit seine Ge- sialtungskraft reicht, kann man nach dieser einen Probe nicht ermessen; sicher indessen scheint schon jetzt, daß unser Theater m ihm eine wirtlich komische Kra't gewonnen hat. Sein Habakuk war jedenfalls eine Leistung, die zu den besten Hoffnungen berechtigt. Recht nett stand ihm im zweiten

Akte Herr Ellen als Haushofmeister mit der glatten Miene und dem schwanken Selbstvertrauen zur Seite. Zu loben war vor allem seine korrekte Mäßigung. In der Szene beim Anblick des leeren Kleiderständers hätte er sogar eine etwas drastischere Kopflosigkeit zeigen können.

Herr Sanborff, unser alter Bekannter, gab dem König viel Tyrannenpose. In der erregten Szene bei dem Parade­marsch vor dem Volke brachte er den Wechsel der verschiedenen Seelenstimmungen in seinen Abstufungen vom Tyrannenstolz bis zur Vereinsamung des Betrogenen und Verlassenen mit voller Kraft heraus. Sein Spiel zeigte höchste Leidenschaft­lichkeit, Wärme, echtes Gefühl, ja sogar Größe. Der Zorn, auch die erschütterte Unfehlbarkeit, Scham, Reue, der Auf- jchwimg zum echten Königtum im letzten Akte, all das gab Herr S. sehr eindrucksvoll wieder. Es steckt etwas urwüchsig Unbezähmbares in ihm, das sich mitunter von der Zattheit der Rlärchendichtung nicht ganz ohne Schroffheit abhob. Im ganzen bot er eine Gestalt von künstlerischer Eigenart.

Herr Andreas gefiel als Omar durch die frische Ehr­lichkeit des Tones, ohne ihr freilich die notwendige geistige Uederlegenheit zuzugesellen. Den redlich stolzen Diomed stellte Herr Linz en, unser vottrefflicher alter Freund vom vorigen Jahre, mit Würde und Gemessenheit bar, seine Gegenspieler fielen aber doch ein bißchen ins Operettenhafte, namentlich Herr Knabe. Als Maddalena zeigte Frl. Dülfer anfangs Be­fangenheit und konventionelle Mimik, auch nicht genügende Hoheit, spater aber Gewandtheit und Sicherheit, während Frl. Rita Neri als die Rita des Stückes ein hübsches, munteres Talent zu offenbaren schien; eine zierliche, graziöse Erscheinung, eine zarte, biegsame Stimme von sympathischer Klangfarbe, eine reizende, vielleicht um ein kleines einzu- schränkende Beweglichkeit scheinen recht verheißungsvoll.

Der erste Theaterabend der neuen Spielzeit lehrte unS, baß bie Direktion es an Umsicht in der Erwerbung neuer tüchtiger Kräfte nicht hat fehlen lassen. Die gute Aufnahme beim Publikuiu wird denn wohl auch nicht ausbleiben. Gegen schwach besetzte Theaterhäuser ist freilich ein Talisman noch nicht gefunden worben. P. Wittk0.

Ein Fräulein Dh 0 rne in London teilt mit, daß sie ein neues Verfahren entdeckt habe zur Heilung der Schwindsucht und zwar durch bie Einatmung heißer Lust.