Ausgabe 
5.3.1904 Fünftes Blatt
 
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n gehöre mit zu jenen Persönlichkeiten, auf deren Tätigkeit (also auf das Schlafen) jede Armee stolz sein könne. Er wirke in Der Stille, aber gerade das stille Wirken trage die segensreichsten Früchte usw. In solchen Widersprächen bewegt sich die Kritik des Herrn Gaedke. Ein weiterer Fall: Ein neuer Offizier hatte sich eingehend beschäftigt mit unserer Feldhaubitze. Er fand, sie enr- spreche nicht den Anforderungen, die man von ihr erwarten könnte. Nun, das ist seine Sache. Es sind darauf in verschiedenen Blättern eingehende Kritiken dagegen gerichtet worden, wo Fachmänner der entgegengesetzten Meinung Ausdruck gaben. Diese Kritik über die Feldhaubihcn bekommt nun Herr Gaedke in die Hand und schreibt: Ich habe stets die Einführung der FelDhaubitzc für einen Mißgriff der Militärverwaltung gehalten. Das kommt aber von ihrer Vicl- geschäfttgkeit, von der Ucberstürzung, mit der dort alles geschieht, von ihrer Nachgiebigkeit gegenüber augenblicklichen Impulsen, die nur unnütze Geldausgaben verursachen, von dem ganzen Jrrgang und Zickzackkurs unserer Militärverwaltung." Das mag die An­schauung des Herrn Gaedke sein. Ich habe mich nichts dagegen, daß sie geäußert wird. Aber in einem anderen Artikel schreibt Herr Gaedke:Unsere Heeresverwaltung ist stets mif dem bequemen alten Standpunkt stehen geblieben." Tas deckt sich doch nicht ganz mit dem Früheren. (Heiterkeit.) Ick möchte also warnen vor derarttgen Krittken, die doch wirklich nicht ernst zu nehmen sind.

Herr Bebel hat ferner von einem Erlaß gesprochen, der an die Offiziere gerichtet sein soll und in dem jede Kritik verboten wird. Mir ist von einem solchen Erlöste nichts bekannt und daß, wenn er erlösten worden wäre, er keine Folge gehabt haben kann, das geht doch gerade mis der Broschüre des kommandierenden Generals von Meerscheidt-HüNessew hervor, die Herr Bebel zitiert hat. In dieser Broschüre wird mit einem Freimut ohnegleichen die gesamte Ausbildung unseres Heeres in eingehender, kenntnisreicher Weise besprochen. Viele Offiziere werden aus dieser Schrift eingehende Anregung schöpfen. Wenn Herr Bebel diese Broschüre erwähnt hat, so hätte er bei seinem umfangreichen Wisten auf militärischem Gebiete (Heiterkeit rechts) die ebenso fteimütige Kritik des Generals von Blume erwähnen sollen, der gesagt hat:Herr von Meerscheidt- Hüllestem hat mit etwas schwarzen Farben gemalt. Er ist sehr temperamentvoll. Außerdem ist vieles von chm getadelt, was längst zum alten Eisen geworfen ist." Ich brauche von dem, was ich in der ersten Beratung gesagt habe, nichts zurückzunehmen. Ick sage, jede Ausbildung ist falsch, die nicht die kriegsmäßige Ausbildung in den Vordergrund stellt, aber, wenn Sie, Herr Bebel, glauben, daß die Paradeausbildung bei uns die Hauvrsache ist, so sind Sie voll­ständig falsch unterrichtet. Herr von Meerscheidt-Hüllessem beweist selbst in einer zweiten Broschüre, daß wir den Parademarsch brauchen, daß er auch zur kriegsmäßigen Ausbildung geradezu er­forderlich sei. Von einer derartigen Zweiteilung, wie sie Herr Bebel sich vorstellt: von einer kriegsmäßigen Ausbildung und einer varademäßigen Ausbildung, ist eben gar keine Rede.

Ich mache ferner darauf aufmerksam, daß in letzter Zeit ans dem Generalstabe selbst unter Billigung des Generalstabschefs eine Krittk hervorgegangcn ist, die sich dagegen wendet, daß gewisse Be­stimmungen unseres Reglements so formalistisch angewandt werden, ohne daß der Geist derselben genügend berücksichtigt wird. Mehr kann man von einer Kritik doch nicht verlangen I Wenn Herr Bebel davon sprach, daß in der französischen Armee die Generäle größere Meinungsfreiheit haben, so ist ihm einmal zu erwidern: wir brauchen noch lange hier nicht einzusühren, was in Frankreich Mode ist. Im übrigen aber will ich Herrn Bebel nur sagen: der ^Chef der Armee, der Kriegsnnnister, versteht dort erheblich weniger Spaß als wie hier. Wenn dort eine Kritik nicht patzt, verschwindet der Betteffende sofort nach dem fernen Algier oder nach Pensionopolis. (Heiterkeit.)

Ich kann es Herrn Bebel als dem Führer einer großen Partei nicht verdenken, wenn er sagt: um Sozialdcmottat zu sein, dazu gehört eine bedeutende Intelligenz (Heiterkeit rechts), und es sei begreiflich, daß die Sozialdemokraten die besten Soldaten seien. Ich habe schon einmal gesagt, daß ein intelligenter Mann, der der Sozialdemokratie angehört, mit großer Leichtigkeit das lernt, .was im Dienst verlangt wird, die Griffe, das Schießen usw., daß er äußerlich also ein ganz guter Soldat ist. Aber das ist eben nur ein guter Soldat, so lange es ihm paßt. Wenn nun Zeiten kommen, wo nicht bloß die Intelligenz ausreicht, sondern wo es darcnif an­kommt, wie es im Herzen aussieht (Lebhafte Zustimmung rechts; Lachen bei den Soz.), und wie die Gesinnung ist, was mache ich dann mit einem soguten Soldaten", wenn er sagt:Nein! Nun nicht mehr!". Deshalb sage ich: die Gesinnung macht den Sol­daten! (Stürmischer Beifall rechts.) Und ich kann nur wiederholen: ein Soldat, der auf königstteuem und religiösem Boden steht, der abex weniger gut schießt, ist mir lieber, als ein Soldat, der gut schießt, aber sozialdemokratisch gesinnt ist! (Großer Lärm und Lachen links.) Wie es mit der militärischen Intelligenz der Sozial- demottaten aussieht, hat mich ein Inserat gelehrt in einem Blatt, das kurz vor den Wahlen erschien. Da stand drin:Wählt den Vizefeldwebel M. Der ist Vizefeldwebel der Reserve, also geeig­net, im Falle eines Krieges ein Bataillon zu führen." (Schallende Heiterkeit rechts.) Ja, wenn das Bataillon so leicht zu führen ist, wie Sie es sich denken (Abg. Stolle, der dem Redner gegenüber steht, fühlt sich getroffen und ruft: Ich habe ja garnichts gesagt! Große Heiterkeit), dann wäre ich allerdings der Meinung, wir schafften das stehende Heer lieber gleich ab und gingen zu Ihrer berühmten Miliz über. (Heiterkeit.)

Bei solchen Proben von militärischer Intelligenz werden Sie es uns nicht verdenken, wenn wir bei der Beförderung von Unter­offizieren, die Herr Bebel so dringend empfahl, von der Sozial- demokratte, d. h. aus der Intelligenz ^Heiterkeit rechts) zu wählen, anders denken, sodaß wir aus diesen Rat nicht hineinfallen (Znruf bei den Soz.: Sie befördern lieber Dumme I Heiterkeit), sondern daß wir Charakterfestigkeit, Königs- tteue, Vaterlandsliebe in die erste Reihe stellen. Wenn wir das tun, dann folgen wir ja nur ganz berühmten Mustern auf der linken Seite dieses Hauses, wo ja auch alles, was nicht ganz wasch­echt ist, munter hinansfliegt. (Große Heiterkeit rechts.) Daß, wie Herr Bebel sagt, die Beförderung nur abhängig sein soll von der größeren oder geringeren Ferttgkeit im Paradeschritt, davon kann keine Rede sein. Wenn man, wie ich, in den verschiedenen Stellungen gestanden hat, hunderte von Besichtigungen mitgemacht und es erlebt hat, daß Brigaden, Regimenter, Bataillone ihre Besichtigung anfangen, ohne auch nur an den Parademarsch zu denken, gleich bei der feldmäßigen Aufstellung so mutz das doch lächerlich wirken, wenn Herr Bebel in dieser Beziehung nicht besser Bescheid weiß. Sie, Herr Bebel, sind manchmal, wie es in einer Zeitung heißt:Unschuldig wie ein Kind." Na, in dieser Beziehung sind Sie es auch wirklich. «"Große Heiterkeit rechts.) Herr Bebel hat es ferner gemißbilligt, daß die Beförderung eines Offiziers davon abhängig gemacht wird, daß er ein Durchschnitts­maß von Strafen nicht überschritten hat. Ich gebe Herrn Bebel darin Recht, es gab eine Zeit, da wurde darauf gehalten, daß jedermann eine gewisse Anzahl von ©trafen nicht' überschreiten durfte, wenn er befördert werden wollte. Das war der Ausfluß einer gewissen Pedanterie, aber das ist längst abgeschafft. Mtt so etwas sollte man doch wirklich nicht mehr kommen. Es ist ausdrücklich von Sr. Majestät angeordnet, daß der­artige Statistiken, wie sie früher über die ©trafen geführt wurden, absolut verboten fein sollen, ©e. Majestät will nicht die Offiziere beurteilt wissen nach der Zahl der ©trafen, sondern nach der Leistung der Truppen.

Herr Bebel hat, ohne selbst dazu Stellung zu nehmen, vor- gelesen, daß wieder verschiedene ©c6ri|tfteHer uns ein neues Jena prophezeien. Ich ehre die Herzenskümmernisse der Leute, die uns auf dem Weg nach Jena sehen. Es existiert ja wohl auch ein Buch Jena oder Sedan". (Rus links: Ein Roman!) Gewiß, ein Roman, ich halte die ganze Sache für romanhaft. Was ist denn Jena? Jena ist eine Schlacht, die die preußische Armee verloren hat, nicht schlimmer als manche andere. (Rufe b. d. Sozd.: Na, na!) Die Ehre unserer Armee ist auf diesem Schlachtfeld völlig intakt geblieben. Kein Truppenteil hat dort seine Ehre in irgend einer Weise eingebüßt. Der Zusammenbruch des Staates kam erst später. Es folgte die schmachvolle Kapitulation der Festungen. «Zuruf bei

den Soz.: Durch die Junker I) Es steht allerdings auch fest, daß diese selben Offiziere schon vorher an die damalige Militärver­waltung berichtet hatten, ihre Festungen seien einem Angriff nicht gewachsen. Der eigentliche Zusammenbruch des Staates erfolgte, weil eine kosmopolitisch angehauchte Bevölkerung den SlaatSinteressen so fern stand, daß sie, nicht wie in Spanien, die Parole befolgte: Alles gegen den Feind!", sondernRuhe ist die erste Bürger­pflicht!" iZuruf von den Sozialdemottaten: Das sagte ja der Kommandant von Berlin! Unrllhe rechts.) Heute ist so etwas unmöglich, heute, wo jeder mit allen Faserv an dem Staate hängt, ist ein Jena nicht möglich. Es sei denn, daß von einer ge­wissen Partei alle Vaterlandsliebe, alle Religion aus dem Herzen der Bevölkerung losgerissen wird. (Abg. Stadthagen ruft: Das tun ja die Konservativen I) Nicht die Kaiserfahne, nicht die Fahne der Armee, nur die rote Fahne der Sozialdemokratie kann uns nach Jena führen. (Zustimmung rechts, Gelächter bei den Soz.).

Ich will, noch auf einzelne Punlte der Rede des Herrn Bebel eingeben. Er hat gesagt, der Erbprinz von Sachsen-Meiningen fei wegen seines Erlasses verabschiedet worden. Ich weiß, das ist durch die Presse gegangen. Ich muß aber hier erklären: Wen Seine Majestät als kommandierenden General anstellen oder ver­abschieden will, das ist lediglich eine Verttauenssache und eine Angelegenheit Seiner Majestät. (Zustimmung rechts.) Ich lehne es ab, darüber zu sprechen, schon deshalb, weil mir nichts davon be­kannt ist. (Abgeordneter Hoffmann-Berlin ruft: Und Sie sind Minister? Große Heiterkeit.) Tatsächlich ist übri­gens der Erbprinz von Sachsen-Meiningen nicht ver­abschiedet, sondern als Armee - Inspekteur angestellt. Herr Bebel hat weiter von einem Urteil gesagt: Solche Urteile versteht das Volk nicht! Das wundert mich nickt, wenn die be­treffenden Fälle von den sozialdemokratiscken Blättern immer ganz anders dargestellt werden, als sie in Wahrheit verlaufen sind. Da ist z. B. der Heidelberger Fall als ein ganz harmloser Scherz hingestellt, während cs sich dort um Meuterei handelte, um das schwerste Vergehen, das in einer Armee vorkommen kann, um Meuterei, verbunden mit Ausruhr ja wohl, mit Aufruhr! Das muß nach dem Strafgesetzbuch so bestraft werden. Sie (zu den Soz.) wenden sich immer an die falsche Adresse mit Ihren Klagen. . *sie macken immer den Militarismus verantwortlich. Allein jenes Strafgesetz ist 1872 vom Reichstag geschaffen worden. Glauben Sie, 'daß dieser Reichstag, 2 Jahre nach dem großen Kriege, weniger human, weniger kenntnisreich gewesen ist, als Sie es heute sind?

Tie Tisziplin muß der Armee auf alle Fälle erhalten blei­ben. (Sehr richtig!) Teshalb brauchen wir unsere Gesetze und müssen, wenn derartige Tinge vorkommen, ernst und stteng strafen. Cs handelt sich um" die Grundlagen der Armee, um die Tis ziplin, um ihrm Lebensnerv, und an die wollen wir uns nicht kommen lasten. (Beifall.)

Ter Abg. Bebel sagt: Was sagt der Minister zu Pirna? Wenn er Pirna mit Forbach vergleicht, so hat er Forbach über­haupt nicht verstanden. In Forback war leider so ziemlich alles faul, und wenn Herr Bebel in der Kommission nack Pirna ge­fragt hätte, was mich ja an und für sich als preußischen Ver­treter garnichts angmge, wenn er mich in der Kommission gefragt hätte, wo mir sozusagen unter uns jungen Mädchen waren (Große Heiterkeit), dann hätte ich ihm klar und deutlich darüber Auskunft geben können. Hier aber in der allgemeinen Oeffentlichkeit, wo jeder uns zuhört und Damen anwesend sind, ist mir das nicht angenehm. Wenn er aber wisten will, was ich gesagt hätte, so erinnere ich ihn an die Worte des sterbenden Valentin an Gretchen in Goethes Faust. Da kann er's nachlesen, da steht's ganz genau drin. (Heiterkeit.) Ich möchte, ohne weiter daraus einzugehen, bloß die Frage an die Herren Sozialdemokraten richten: Glauben Sie denn, daß solche Zustände, wie sie in dem Buch von Baudissin geschildert werden, in der Armee wirklich eristieren? (Rufe bei den Soz.: Ja!) Sie glauben das nicht, m. H.I (Lebhafte Rufe bei den Soz.: Doch! doch'.). Die Herren nicken mir zu. Wenn Sie glauben, daß es bei uns so zuginge, wie es in dem Buck geschildert wird, dann nehmen Sie es mir nicht Übel dann sind Sie Philister. (Große Heiterkeit.) Tann sind Sie keine re- Dolutionäre Partei. (Sehr richtig! rechts, Lachen bei den Soz.) Aber ich bitte Sie doch! Wenn solche Zustände wären. Sie brauch­ten ja doch bloß mit dem Finger zu winken und Sie hätten Ihren Zukunftsstaat. (Heiterkeit.) Mit einer so korrumpierten Gesellschaft ist man doch leicht fertig. Aber es ist nicht so, und Sie glauben es auch nicht, und Sie winken auch nicht. (Heiterkeit. Sehr gut! rechts.)

Bei einer anderen Gelegenheit hat Herr Bebel einmal gesagt, das letzte Bollwerk, die Armee, wanke schon. Zweierlei ist daran falsch. Die Armee ist Gott sei Tank garnidit das letzte Boll­werk, sondern das letzte Bollisierk des Staates (Quruf bei den Soz.: Tas sind die Junker! Große Heiterkeit.) das sind nach meiner Meinung die köstlichen Schätze, die in Bürgerkreisen und in Ar- beitertteisen, im Adel und wohin Sie blicken, noch vorhanden sind an Gottesfurcht, Vaterlandsliebe und Königstreue. (Lebhafter Bei­fall.) Und wenn Herr Bebel meint, die Armee wankt, so ist er im Irrtum, denn sie ist gegründet auf ein Offizierkorps, das Sie mögen schreiben, was Sie wollen doch noch feststeht. (Bei­fall.) In dem Buch soll der Offizierstand heruntergeristen wer­den, obwohl man ganz deutlich erkennt, daß der Offizier der Führer der Nation Ist. Er ist ihr Erzieher. (Lebhafter Widerspruch bei den Soz.) Jawohl! (Erneuter lebhafter Widerspruch bei den Soz.) Von meinem Standpunkt aus muß ich sagen, daß der Offiziers­stand durch das, was er im Kriege geleistet hat, als Führer des Heeres sich den Tank der Nation für alle Zeiten gesichert haben sollte. (Beifall; Widerspruch und Lärm bei den Soz.) Aber die langen Friedensjahre macken derartige Verdienste vergessen. Was hat der Offiziersstand getan, um die Meinung gegen sich zu bringen? Weil er in unentwegter Treue, Hingebung und Arbeit seinen Dienst getan, seine Pflicht erfüllt hat und fest zu feinem allerhöchsten Kriegsherrn stand? (Sehr wahr!) Noch, nie ist ein Stand so mit Schmutz beworfen worden wie der Offiziersstand in letzter Zeit in dem Buck von Baudissin und imSimplieiffimus". Ich kann nur die Worte derNational-Zeitung" unterschreiben: DerSimplieiffimus" stellt den schädlichen Bazillus dar.^der jedes Ideal, eines nach dem andern, zu ertöten juckt." (Sehr richtig!) Wenn schwere Zeiten kommen, dann werden an die Offi­ziere die Anforderungen gestellt, wieder voranzugehen, die Führung zu übernehmen. Glauben Sie, daß ein Offizierskorps, das in ge­brückter Lage, in gesellschaftlich untergeordneter Nolle im Staate stände, bereit, ja überhaupt im Stande wäre, eine derartige Führerschaft zu übernehmen? Nickt, wenn der Offizier sich den bunten Nock anzieht, ist er schon dieser Mann, sondern jeder ein- zelne Offizier soll sich sagen:

Was Du ererbt von Deinen Vätern hast. Erwirb es, um es zu besitzen I"

Er soll sich in die Traditionen des Heres einleben, er soll sich durchdringen mit dem Geist der Armee, und dieser Geist ist heute noch ein guter. (Beifall.)

Noch ein kurzes Wort über die Manöver, die Herr Bebel in den .Kreis feiner Bettachtungen gezogen hat. Ich habe gestern abend ein Buch vom Generalstab geschickt bekommen, das jetzt neu erschienen ist und den südaftikanifchen Krieg behandelt. Ich habe noch keine Zett gehabt, durchzulesen, aber beim Ausschlagen fiel mir ganz zufällig ein Ausspruck von Lord Kitchener in die Augen, die Ausbildung der englischen Führer würde mangelhaft bleiben, solange man sich nicht zu größeren Manövern entsckläffe; er be­wundere die großartig angelegten deutschen Manöver. Das fei die feinste Art, in der sich ein Führer in der Führung großer Massen üben könne. Sobald er freie Hand gehabt habe, sei es eine seiner ersten Maßnahmen gewesen. Die Anlage von Manövern anzuordnen, wie man sie bis dahin in England nicht kannte.

Es ist ungemein leicht, Manoveranlagen und Manöverdurch­führungen zu kritisieren. Heute noch streiten sich Gelehrte darüber, ob der Aufmarsch des preußischen Heeres im Jahre 1866 durch Moltke ein Meisterwerk oder ein Vergehen gegen die Kriegskunst

gewesen fei, trotzdem er den Sieg davongetragen hat. In de schlesischen Armee, die unter Führung eines Gneisenau ganz wesent­lich zu den großen Erfolgen beigetragen bat, bestanden zwischen den Generalen die heftigsten (Streitigkeiten über Den Aufmarsch. Im Jahre 1866 und auch noch 1870 richtete Steinmetz Briefe an Moltke, worin er ihm schrieb:Ich verstehe Ihre (Strategie nicht." Vielleicht hat er sie auch nach dem Siege nicht verstanden. Sie ehen daraus, wie äußerst vorsichtig man in seiner Kritik sein muß. Ich weiß nicht, wer Guhl ist, aber ich halte seine Krittk für durch­aus nicht richtig. Wenn Sie glauben, daß ick mit Jeder Manöver­anlage, mit jeder Durchführung einverstanden bin, so irren Sie sich. Ich habe mich manchmal gefragt, warum ein Kollege das oder das tut, aber ich habe nie geglaubt, daß etwas, was nickt meiner An­sicht entspricht, deshalb unrickstig wäre, und daß das Deutsche Reich dadurch ins Wanken käme. Man muß mit einer Derartigen Kritik bescheiden sein, und namentlich der ältere Offizier. Steht nun in Dem Artikel:Ich bin gezwungen, mich so auszudrücken ans, Liebe zum Heere und weil ich die Schäden sehe, die dadurch entstehen. Videant consules!" und Tautet die Unterschrift nun gar Oberst a. D." so konnte der Minister ein Gruseln bekommen. Heiterkeit.) Ein Manöver kann man nicht an der Hand der Land- ärte kritisieren, mau muß Rücksicht nehmen auf die Bevölkerung, die Bebauung, auf das Manöver des Vorjahres und auf tausenderlei Dinge, die Der betrcffcnDc Kritiker garnidit beurteilen kann, von denen er keinen blaffen Schimmer hat. Alles, war Herr Bebel vor­gebracht hat, kann ich als zutreffend und als richtig in keiner Weise anerkennen. Unsere Manöver entbehren niemals eines großen Zuges in ihren Anlagen, und ihre Durchführung wird, soweit das überhaupt im Frieden möglich ist, kriegsmäßig gestaltet. Daß ein Manöver mal falsch sein kann, ist nicht zu leugnen; wir sind ab­hängig von Wind. Wetter, Wegeii, Gegend und allerhand Kompli- kattonen, die auch im Kriege eintreten können, sie treten audi im Frieden ein. Nun aber einfach den Stab zu brechen und zu sagen, unsere Manöver taugen nichts das geht dock zu weit und ent­behrt der objektiven fachgemäßen Kritik. Ick möchte also auch in dieser Beziehung bitten, vorsichtig zu sein. Die preußische Armee ist vor 1866 kritisiert, läckerlidi gemacht, heruntergeriffen nach allen Richtungen, und sie ist doch marschiert über Köuiggrätz nach Wien. Und wenn wir Gelegenheit haben, wieder für das Vaterland einzu- treten, Dann bin ick Der festen Uoberzeugung, Daß sich Dieser gute Geist wieder in uns finden wird. (Beifall.) Das große Gefüge des Heeres im kleinen und großen wird zusammengehalten durch die üttfidie Pflicht. Wirke jeder an feinem Teil Dahin, Daß diese sitt- üdie Pflicht Dahin geht, fick zu unterwerfen, nickt gegen den (Stächet zu locken, sondern in seinem Innern aus Treue zum Vaterlande Dienst zu tun und sick das zu bewahren, was unser großer Dichter ausgesprochen hat:

Aus Vaterland, aus teure schließ dich an, Das halte fest mit Deinem ganzen Herzen, Da sind die starken Wurzeln Deiner Kraft!" lLekckatter Beifall.)

Abg. Frhr. Hept zu Herrnsheim (nat.-lib., schwer verständlich, da er Der Tribüne Den Rücken zudreht): Wer hat den eigentlich die besondere Intelligenz in der Sozialdemokratie? Herr Bebel ober fierr Sckipvel? Wenn im Zukunftsstaat jemand auf Grund von Romanen da§ Milizheer angreifen würde. Der würde dock sicher fofort verbannt werden. Redner wendet sich dann der Begründung feiner Refolutton zu. Leugnen läßt es sich nickt, daß imfer Unter» offizierkorps überbürdet ist. Meine Freunde haben das vollste 93er» trauen zu dem Kriegsminister und hoffen, daß die gestrichenen l'uteroffizierstellen wieder hergestellt werden. Da auch das Zen­trum Dem Kriegsminister fein Vertrauen ausgesprochen hat, hoffe ick. daß es auch für diese Stellen stimmen wird. Die Unteroffiziere sind jetzt so überbürdet, daß sie sick fortgesetzt in einem Zustande Vr Ueberreiztbeit befinden. Auch muffen diese Leute bester besoldet ncrben. Gegenwärtig hat selbst ein Fabrikarbeiter einen lieber- 'ckuß, von dem er sich einige ArinA"nlickkeiten leisten kann. Das 'run aber ein Unteroffizier und ein Feldwebel nicht. Ick' bitte Sie deshalb, bei Den sväteren Titeln nn'er"' Anttag auf Wiederher» stellung der geftrichenen Positionen anzunehmen. Es handelt sich ''ei Der Aufbesserung der Unteroffiziere auch um ein Stück sottaler Frage. Herr Bebel allerdinas hat für die nichts übrig. (Beifall.)

Abg v Normann lkons.): Ertteul'ck in der Rede Bebels war, daß er heute feine Miliz weniger warm als sonst verteidigt fiat. Die SoldatenmißhanDlungen verurteilen auch wir und haben auch stets alle Maßnahmen befürwortet, die Abhilfe schaffen^ könnten. Wir haben nur uns bewegen verwahrt, daß solche Vorgänge vom eimeitigen Standpunkt aus behandelt würden. Mißhandlungen werben fieber streng bestraft. Der Unteroffizier ruiniert sich in einem unbedachten Moment feine ganze Zukunft. Wenn man aber den Unteroffizier immer als Verbrecher hinstellt, setzt man ihn in der Oeffentlichkeit herab und raubt ihm seine Arbeitsfreude. Ich halte es deshalb für -ipine Pflicht, dem Unteroffizierstand unser volles Vertrauen auszufprecken. Ich begrüße es mit Freuden, baß ber Minister die Unteroffiziere aufbessern will. Wir sehen Darin das beste Mittel, um die Mißhandlungen zu beseitigen. Tie schlim­men Vorkommniffe in Dem Offizierkorps bedauern auch wir, aber in jedem Stande gibt es Unwürdige, auch unter den ©ojaldemo» traten. Ich hoffe jedoch, daß diese Vorkommnisse den Offizier ber» entlassen werden, noch mehr Selbstzucht zu üben. Daß Der Lurus zugenommen hat, gebe ick zu, aber es gibt doch noch im Offizierkorps eine schone, alte, traditionelle Einfachheit. Unser Offizierkorps ist das beste der Welt und wird es bleiben. Literarische Zerrbilder unserer Offiziere können bei uns nur Entrüstung und Abscheu Her­vorrufen. (Beifall rechts.)

Abg. Dr. Müller-Meiningen (fr. Vp.): Der Kriegsminister hcn die Vorgänge von 1806 ganz einseitig dargestellt. Der preußische Staat brach zusammen, weil er auf den Lorbern Friedrich des Großen einschlief, der Gamaschenzopf trug die Schuld. Dem Bürgertum konnte man keinen Vorwurf machen, von ungesundem Kosmopolitismus war nicht die Rede. Ohne das Bürgertum wäre der Staat ganz zu Grunde gegangen. Das Volk mußte ja gegen den Willen des Königs den Staat heraushauen. Selbst konservattve Geschichtsschreiber geben zu, dah der Geist der Verknöcherung die Niederlagen von 1806 verschuldete. Mit allen schonen Reden kann der Kriegsminister uns nickt darüber hinwegtäusckeu, daß ieht audi sckon wieder ein Geist der Verknöcherung herrscht. Ueberall wird darüberraisonniert", selbst in den Kreisen der akttven Offiziere, so groß war die Unzuftiedenheit noch nie. VomVor­wärts" b's zurKreuzzeitung" finden Sie Belege dafür. Denken Sie dock, an die Artikel derSchlesischen Zeitung" über die fortwährenden Uniform-Aenderungen! Ueberall wird über den zunehmenden LuxuS und den Mangel der kriegsmäßigen Ausrüstung geklagt. Im vorigen Jahre hat der Kriegsminister auf meine Anfragen über diesen Punkt nickt geantwortet, obwohl die Bekleidungsfrage um zweifelhaft zur Zuständigkeit des ReickstagS gehört, ©eit 1868 haben wir 33 Abänderungen in der Uniform, die mit mindestens 1000 Mark das Budget des einzelnen belasten. Dar­unter muß auch die Kriegstüchtigkeit leiden. Wenn man so manche Gigerl-Leutnants in der Friedrichstraße sieht, mit dem Monoele und dem dreißig Zenttmeter hohen Kragen, da muß man sich wirklich fragen, ob das noch Mitglieder unserer glorreichen Armee sind. Der Kriegsminister sagt zwar, diese Aenderungen sind dock nicht zum Vergnügen da. Aber einer muß doch ein Ver­gnügen daran haben, nur nicht die Offiziere. Viele Aenderungen sind Verschlechterungen, denken Sie nur an die grauen Mäntel! Die KasinoS sind die Brutstätten der versimpelten Engherzigkeit und Einseitigkeit, der Geist der Verschwendung und des Luxus wird dort geradezu großgezogen.

Ob Bayern staatsrechtlich verpflichtet ist, alle Aenderungen mit­zumachen, weiß ich nicht. Sogar Der konservative General von Bo­guslawski spricht sich für eine Vereinfachung Der Uniform aus. Alle anderen Länder sind in der Vereinfachung borangegangen, da hätten wir doch alle Veranlaffung, dies auch zu tun. Amerikanische Blätter haben geschrieben, daß bei uns eine zweite Garnitur aus grauem Zeug in Vorbereitung sei. Ich bitte den Minister um Auskunft darüber, ob dies wahr ist. Bei den Vorbereitungen und Proben | der neuen Stoffe und Aenderungen soll Das hiesige Warenhaus für