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4.6.1904 Zweites Blatt
 
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154. Jahrgang

Zweites Blatt.

Nr. 129

Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntags.

DieGießener Zamilienblätter" werden dem ,9Inaeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der ^elstjche Lavdwttf erscheint monaUich einmal.

Gießener Anzeiger

Samstag 4. Juni 1904

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Unwersitätsdruckeret. R. Lange, Gießen.

Redaktion,Expedition u.Druckerei^ Schulstr.7.

Tel. Nr. 5L Telegr.-Adr. t Anzeiger Gießen.

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Die heutige Kummer umfaßt 14 Seiten.

Irauenbewegung.

Gießen, 4. Juni.

E i n internationaler Frauenkongreß wird in Berlin, in den Tagen vom 13. bis 18. Juni, ab­gehalten. Eine ganz außerordentlich stattliche Anzahl von Teilnehmerinnen aus dem Inland und dem Ausland haben sich gemeldet. In dem Verzeichnis der Rednerinnen, das un­gefähr 200 Namen bringt, finden sich die bekanntesten Führerinnen und Vertreterinnen der internationalen Frauen­bewegung. Alle Interessensphären kommen zur Geltung. Persönlichkeiten von ausgesprochenster Eigenart und charakteristischer, bahnbrechender Bedeutung erscheinen auf dem Plan. Neben den Pionierinnen und Pfadsucherinncn die jüngste Generation, die schon im Beginn der Erntezeit dessen steht, was jene gesäet haben.

Das umfangreiche, möglichst o.ic Ziele und Bestrebungen der Frauenfrage in ihrer Entwicklung und dem heutigen Stand umfassende Programm weist vier Hauptabteilungen auf, von denen jede wieder in mehrere Gruppen zerfällt. Die vier Sektionen sind nach folgenden Hauptpunkten gebildet: 1. Frauenbildung, 2. Frauenerwcrb und -Berufe, 3. Soziale Einrichtungen und Bestrebungen, 4. Die rechtliche Stellung der Frau. Den jeweiligen Einleitungsberichten, die mehr zur Einführung und allgemeinen Orientierung dienen, folgen mehrere Berichte über Spezialorganisationen, Entwicklung, augenblicklichen Stand und Konsequenzen. Deutsche und aus­ländische Rednerinnen wechseln hier ab, während die Leitung der Einzelgruppen ganz in den Händen der Deutschen liegt, ein Umstand, der zum wesentlichen Vorteil der Veranstaltung dienen wird.

Die politischen Frauen Deutschlands, wie man kurzweg den Verband fortschrittlicher Frauenvereine beziehungs­weise die Mitglieder des Deutschen Vereins für Frauen­stimmrecht nennt, deren System sich nicht mit den Voraus­setzungen und Forderungen des gemäßigteren Organisa­tionskomitees des Internationalen Fremdentaaes deckt, ob­gleich von allen Seiten auf das gleiche Endziel hingewiesen wird, haben beschlossen, noch vor dem Kongreß eine Jnter- nationale Frauen st immrechts konseren z abtzu- halten. Frau Cauer und Fräulein Dr. Anita Ausgpurg haben hierzu den 3. und 4. Juni ausersehen.

Diese zweite internationale Frauenstimmrechts-Konfe­renz zur Gründung eines Weltbundes für Frauenstimmrecht wurde gestern vormittag mit der ersten Arbeitssitzung er­öffnet. Präsidentin ist die 84jährige Amerikanerin Susan Anthony. Fräulein Dr. Anita Augspurg begrüßte die Frauendelegierten aus beinahe allen Kulturstaaten und die anderen Anwesenden. Weitere Ansprachen hielten Mrs. Anthony, Mrs. Catt und Fräulein Dr. Käthe Schirmacher. Darauf folgte die Vorlesung des Programms des Welt­bundes und eine Debatte über die einzelnen Paragraphen.

In der Nachmittagssitzung wurde die Abstimmung über das Programm auf den nächsten Dag verschoben. Es wurde eine Kommission eingesetzt, aus je einem deutschen, eng­lischen und französischen Delegierten bestehend, die sich mit der Redaktion des Wortlauts des Programms beschäftigen soll. Darauf wurde der Entwurf der Satzungen beraten. Die Abstimmung darüber soll ebenfalls Samstags erfolgen.

KarlamentarisEes aus Kessen.

Die zweite Kammer wird bei ihrer demnächstigen Tagung reiche Arbeit haben. Es liegen folgende Drucksachen vor: Vorstellung des Lehrers Mühlhäuser betr. seine Dienst­verhältnisse ; folgende Berichte des 4. Ausschusses: Antrag Schönberger und Gen. betr. Entschädigung für an Maul- und Klauenseuche gefallenes Rindvieh; Antrag Dr. Dayid betr. die Vorschulen an den mittleren Lehranstalten; Antrag Noack, betr. Beseitigung der Typhusgefahr in Mombach bei Mainz; Vorstellung des Fußgendarmen i. P. Hoffmann in Großgerau betr. Pensionserhöhung; Vorstellung des Gen­darmerie-Wachtmeisters i. P. Krebs in Osthofen, betr. Dienst- entschädiguugszulage; Vorstellungen betr. die Beseitigung des Hochwasserschlauches zwischen Bürgel und Offenbach; Antrag Horn und Gen. betr. Einstellung eines Morgen- und Abend­zuges für Arbeiter auf der Strecke Eberbach-Frankfurt; An­trag Reinhart und Gen. betr. Einführung von Verkehrs­abgaben auf schiffbaren Flüssen; Vorstellung des Ferd. Frank zu Darmstadt betr. Einführung von Fäkalien aus der Irren­anstalt Hofheim in den Schwarzbach: Vorstellung des Gast­wirts Hart zu Nieder-Saulheim betr. Besteuerung der in öffent­lichen Wirtschaftslokalen aufgestellten Klaviere; und endlich Antrag des Abg. Schönberger und Gen. betr. gesetzliche Re­gelung des Milchverkaufs.

Keer und Illotte.

Das Denkmal des Prinzadmirals Adalbert von Preußen geht in der Werkstätte des Bildhauer? Fritz Kraus seiner Vollendung entgegen und soll während der Kieler Woche" in Gegenwart des Kaisers in der Marine­akademie zu Kiel enthüllt werden.

Gibt Alkokol Kraft?

Man schreibt uns von geschätzter Seite:

Wie oft sagt man nicht, Bier sei flüssiges Brot. Ist das auch wirklich wahr? Unter hundert Teilen Bier sind 86 bis 90 Teile Wasser, 2 bis 5 Teile Alkohol, etwa 5 bis 7 Teile sonstige Kohlehydrate, 0.3 bis 0.7 Teile Eiweiß und noch etwa 0.5 Teile Nährsalze. Ein mittelstark arbei­tender Mensch bedarf täglich 120 Gramm Eiweiß, 500 Gramm Kohlehydrate und 90 Gramm Fett. Wer sich also von Bier allein nähren wollte, müßte täglich trinken, zur Befriedig­ung seines Eiweißbedarfs 10 Liter, seines Kohlehyrate- bedarfes 24 Liter. Eine ordentliche Portion, die auch dem stärksten Trinker auf die Dauer zu viel werden dürfte. Dann

hat er aber noch nichts zur Befriedigung des Fettbedarfs getan. Tas Bier begünstigt nur den aus anderen Nähr­mitteln bezogenen Fettansatz, selbst enthält es solchen Fett­gehalt nicht. Nun der Preis? 8 Semmeln (Wecke) ent­halten ebensoviel wirkliche Nährstoffe als 4 Liter gutes Münchener Bier, 8 Semmeln kosten ca. 20 Psg., 4 Liter Münchener Bier 1.20 Mk. bis 1.60 Mk. Das Bier ist als Nährmittel betrachtet sechs bis achtmal teurer als Semmeln und zehnmal teuerer als Schwarzbrot Wer täglich für Bier und Branntwein nur 10 Psg. ausgibt, kann für das­selbe Geld in Form von Mehl das zehnfache kaufen. Der übermäßige Biergenuß führt Fettleibigkeit herbei, Entart­ungen des Herzens, der Lunge, der Leber und Nieren sind seine Folgen. In München stirbt die Hälfte der Bierbrauer vor dem 40. Lebensjahre. Der Schnaps enthält außer Wasser und Alkohol in der Regel nichts. Der dllkoholgehalt schwankt zwischen 40 und 60 Prozent. Als Volksgetränk ist der Schnaps geradezu verderblich, und ein Jammer ist es, daß er den Armen leider nur zu oft die regelrechte Nahr­ung ersetzen soll. Der Betrug des gewohnheitsmäßigen Schnapsgenusses ist der vollendetste und heilloseste. Weder anhaltende Erwärmung verleiht er, noch wirtliche Kraft, wohl aber übt er auf den gesamten Organismus den schäd­lichsten Einfluß aus. Bezüglich seines Alkoholgehaltes ist der Wiein viel unschuldiger als der Branntwein. Unsere einheitlichen Weine enthalten durchschnittlich etwa 10 Proz. Weingeist, die südländischen bis 24 Proz. Säuren, Eiweiß­stoffe (0.1 Proz.), Traubenzucker und äterifche Oele (0.003 Prozent) tragen zusammen noch das ihre zur Güte des Weins bei. Der Nährwert all dieser Stoffe ist verschwin­dend. Ein Gläschen reinen Weins kann |ba5 Herz des mäßigen Trinkers erfreuen und für den geschwächten Orga­nismus des Kranken mag er durch seine bei geringen Gaben mild anregende Wirkung als Svrungbrett dienen, um über einen kritischen Schwächezustano hinüber zu helfen. Aber selbst in solchen Fällen ist der Wem nicht immer notwendig und heilsam. Es gibt Leute, die jähre- und jahrzehntelang Tag für Tag 2, 3 Schoppen Wein trinken und doch körperlich rüstig und geistig frisch zu bleiben scheinen. Daß sie im Vollbesitz ihrer geistigen und körperlichen Kraft sind, ist dennoch sehr zu bezweifeln. Sie haben keine Ahnung davon, daß sie ihre Lebensenergie nicht steigern, sondern langsam aber sicher untergraben. Der Alkohol im Wein ist freilich kein starkes, allein gerade deshalb ein besonders einschmei­chelndes, tückisches Gift und wegen dieses unheimlichen Charakters um so gefährlicher. Auch beim übermäßigen Meintrinken kann es zu allen möglichen Organveränder­ungen kommen. Gicht, Erkrankungen der Leber, der Nieren und des Herzens haben sehr oft darin ihre Ursache, wäh­rend der starke Weinsuff sogar zum Säuferwahnsinn führt. Und wenn die Weine nur alle echt und rein wären! Aber was für elendes, geschmiertes, verschnupftes Zeng wird oft feilgeboten und getrunken. Weiupantscherei ist zur profi­tablen Wissenschaft geworden, und traurige Wahrheit liegt in dem Scherzwort: Wein wird aus allen möglichen Dingen bereitet, sogar aus Trauben. Dem sogenannten Johannis­und Stachelbeerenwein muß wegen des bedeutenden Säuren­gehalts dieser Früchte ziemlich Zucker zugesetzt werden, der zu Alkohol vergärt und diesem Wein eine oft unheimliche Stärke verleiht. Ein solcher .Haustrunk muß schlankweg als schädlich bezeichnet werden. Wir sehen somit, daß alle bei uns gebräuchlichen alkoholischen Getränke sehr wenig Nährstoffe enthalten. Sie wirken durchweg mehr oder weniger anregend auf die bereits vorhandenen Körper- und Geisteskräfte. Eigentliche Kraft, nachhaltige Kraft verleihen sie nicht. Und der Vorteil der Anregung und Erregung wird nicht nur aufgehoben, sondern besonders bei zu häufigem und zu starkem Genüsse in gesundheitsschädigenden Nach­teil verkehrt, durch die lähmende, vergiftende, organzer­störende Wirkung. Wer sich also des Alkohols stanz enthalten kann, fährt am besten, wer diesen Genuß nicht ganz ent­behren zu können glaubt, der befolge die wohlgemeinte ernste Mahnung: Trinke nicht viel, trinke nicht alle Tage, trinke niemals zu starke geistige Getränke."

Jahresversammlung der Südwessdeutschcn Kon­ferenz für innere Wissson.

Dsr. Straßburg, 3. Juni.

Das 79. Jahresfest der ErziehungsanftaltNeu- hos, wozu die Konserenzmitglieder für gestern nachmittag ein­geladen waren, konnte leider des regnerischen Wetters wegen nicht, wie gewöhnlich, im Freien, unter den schönen alten Platanen des Hofes gehalten werden. Dock hatte sich in dem großen Saale des Hauses eine stattliche Schar von Freunden des Hauses versammelt, und man hatte das wohltuende Gefühl, eine sehr treue zusammengehörende Gemeinde vereinigt zu sehen. Pfarrer Tr. Schlosser durfte dieser Gemeinde die Festpredigt halten. Nach dem Gottesdienst bot die Anstaltsmutter, umgeben von einem Stab v n jungen Damen den Festgästen auch eine leibliche Er- guicknng. Am Abend sammelte ein Volksabend die Konfercuz- glieder mit den Elsässer Freunden in dem mächtigen Saal der Orangerie. Dort gob's neben dem freundschaftlichen Austausch allerlei Schönes zu hören, zu sehen. Der Chor des Lehrerseminars erfreute die Versammlung durch seine schönen Lieder, und frische Ansprachen von Pfarrer Ernst aus Straßburg, Pfarrer Probft aus Basel, Pfarrer Dr. Hackenschmidt aus Straßburg führten in Geist, Wesen, auch Mißbrauch der inneren Mission hinein. Mitten heraus rief die von der Stadt Straßburg freundlich ver­anstaltete Beleuchtung des Parkes die Versammelten hinaus in's Freie. Ter große Teich und seine Umgebung erstrahlten im Glanze bunter elektrischer Lichter, aus den Felsen ergoß sich der Wasserfall in weißen, roten und grünen Fluten, auf dem Wasser schwammen leuchtende Pyramiden. Es war wirklich ein zauberhafter Anblick. Pfarrer Tr. Hackenschmidt hatte aller­dings reckt, als er den Geist des jungen Goethe, wie er jetzt in Straßburg auf dem neuen Denkmal steht, beschwor, und meinte, er würde sich wohl wundem, wie anders Straßburg ge­worden sei, allerdings nicht bloß in der glanzvollen äußeren Entwicklung, auck nicht bloß darin, daß, wie es an diesem Abend ganz spontan geschah, dasDeutschland, Deutschland über alles" aus der Versammlung erklang, sondern auch in der Ausweitung der lebendigen und tätigen christlichen Kreise, deren Enge ihn damals abstieß, eine Ausweitung nicht bloß in betteff der Zahl, sondern vor allem auch des geistigen Horizonts, des Verständ­nisses für andere, und der ehrlichen Selbstkritik.

Die heutige zweite Hauptversammlung war der großen Frage derFürsorge für die konfirmierte männ­

liche Jugend" gewidmet. Ein dafür so berufener Redner, wie unser neuer Direktor des Predigerseminars in Friedberg, Dr. Wurster, erstattete das Referat, und besprach darin in sach­kundigster und lichtvoller Weise den Stand, die Bedeutung, die Mängel des Jünglingsvereinswesens und die Ver­suche, die in neuerer Zeit auf dem Gebiet der Jugendfürlorge von verschiedenen Seiten gemacht werden. Er stellte dabei fest, daß die ca. 71 500 Mitglieder der Jünglingsvereine in Deutsch­land zwar nur 2 Prozent der gesamten männlichen Jugend dar­stellen, daß sie aber doch im Grund einen viel größeren dar­stellen, wenn man nur die Zahl der jungen Leute ins Auge faßt, die überhaupt dafür in Bettacht kommt, also nicht die, die im eigenen Familienleben bewahrt sind, nicht die in geschlossen bäuerlichen Gegenden. Im Ostdeutschen Jünglingsbund z. B. sind in Orten unter 1000 Einwohnern ca. 49 Prozent der Jüng­linge vereinigt, und das also in Gegenden, in denen kein Pietis­mus herrscht. Also sind die Jünglingsvereine nicht bloß eine Sache der großen Städte, auch sammeln sie nicht bloß, wie gesagt wurde, nur diereligiös angeregten und intellektuell rück­ständigen" Elemente, sondern vielfach sehr strebsame und geistig lebendige Leute. Redner besprach dann die Bestrebungen des aus Amerika einaeführten Jug.ndbunds für entschiedenes Christentum einerseits, sodann die von breiterem Boden unternommenen Ver­suche der Feierabende, Lehrlingshcimc und besonders den Jugend­klub des Pastors Schulz in Hamburg. Von jenen könne man u. a. die Erziehung zur wirklichen Mitarbeit in der Kirche, von den Jugendklubs die Erziehung zur Selbständigkeit und Selbst- regiernng lernen. Eine Organisation der einzelnen Jahrgänge der Jugend, wie sie in Siebenbürgen altherkömmlich sei, habe für unsere ländlichen Gemeinden zwar zunächst etwas Bestechendes, garantiere aber, selbst wenn sie erreicht werden könne, bei uns nicht den rechten Geist. Der Gedanke zwangsweiser Organisation sei nur aus der Verzweiflung geboren und in Wahrheit undurch­führbar. Zu erwägen seien die Vorschläge der Einrichtung von Jugendpflegämtern in den Gemeinden, aber dabei komme es auch auf die Personen an, und die innere Mission könne auf solche Zukunftsgedanken nicht warten. Sie sei dankbar für alles, was andere auf diesem Gebiet tun, müßte sich aber für sich auf die eigentlich geistlich christliche Erziehung konzentrieren, und wird sich dabei mit einer Minderheit religiös Empfänglicher begnügen müssen, aus denen dann bewußte Mitarbeit gewonnen werde. Aus dem allen ergeben sich noch einige Forderungen an die Jünglingsvereine. Sie müssen 1) noch viel volkstümlicher, männ­licher werden: 21 im Mittelpunkt muß die Erziehung durch die Wahrheit des Evangeliums stehen, aber von da aus allerlei Bildung und Erholung weitherzig gepflegt werden: 3) mehr Selbstverwaltung in den Vereinen; 4) nicht zu junge Leute, nicht die Neukonsirmierten; 5) eine bessere Literatur, nicht nur direkt religiöse: 6) nicht zu vergessen, daß junge Leute nicht alte Männer sind; 7) mehr Werben für die Vereine, das nie ver­geblich ist.

Die Diskussion wurde von Pfarrer Schereraus Mühl­hausen i. E eröffnet, der eine Trenmmg der eigentlichen reli­giösen Arbeit an der Jugend und der weiteren, die sozial und zu edler Erholung erzieht. Jene Arbeit habe die Kirche, der Pfarrer an seinen Konfirmanden, diese die innere Mission zu tun, die dazu das rechte Herz und den seelsorgerlichen Geist mit­bringe und es nicht für zu gering erachten dürfe, diese Außen­arbeit zu tun. Solche Arbeit an die konfirmierte Jugend müsse den Pfarrern zur amtlichen Pflicht gemacht werden. Diese Aus­führungen weckten viel Widerspruch, fanden aber auch viele Anerkennung ihrer anregenden Kraft. Konsistorialrat Kayser erkennt den hohen erzieherischen Wert von Spiel und Sport an, ebenso die Notwendigkeit kräftiger Unterstützung seitens der Kirchenregierungen und der Synoden, auch mit Geldmitteln, und kann sehr Erfreuliches aus Frankfurt berichten. Stadtpfarxer Mühlhäußer aus Karlsruhe weift darauf hin, daß die Kritik an der Arbeit der Jünglingsvereine, und die neuen Vor­schläge ein erfreuliches Zeichen davon seien, daß das Gefühl der Verantwortung für die Jugend in weiteren Kreisen lebendig werde. Besonders richtig daran sei, daß die Jünglingsvereinssachlk mehr dem Ganzen des Volks, der Gemeinde, der Kirche und der Fa­milie dienen müsse, darum sich auch nicht zu sehr als be­sondere Fachsache abschließen solle. Tas können sie aber nur, wenn sie grundsätzlich lebendigen religiösen Geist bewußt pflegen. Recht wertvolle Ergänzungen boten noch verschiedene Leiter von Jünglingsvereinen, unser hessischer Vereinsgeistlicher, Pfarrer Bräß aus Darmstadt, Pfarrer Degen aus Karlsruhe, der die Pfarrer sehr energisch zur Arbeit aufrief, der Leiter des Vereins christlicher junger Männer, Mayer aus Straßburg, der für die bleibende Vereinigung der religiösen und der sozialen Arbeit trotz aller Schwierigkeiten einttitt. Professor Dr. Smend aus Straßburg betont, daß die Fürsorge für die konfirmierte Ju- yend eine Grundbedingung für den Fortbestand der Konfirmation lei. Dabei sei die persönliche Bemühung um den Einzelnen, die auch die Ueberweisung der in andere Gemeinden Ueber- ziehenden nötig mache, die Hauptsache, die Pflege edler Gesellig­keit, auch unter den Geschlechtern, sehr wichtig. Pfarrer Köpfer- mann aus Breckenheim bespricht die Schwierigkeiten, die der Gründung von Jünglingsvereinen auf dem Lande entgegenftehen: der unlösliche Zusammenhang der Jahrgänge, der Mangel an Helfern, an Lokalen. Im Schlußwort erkennt der Referent an, daß Jünglingsvereine, wie alle Anstalten der inneren Mission in gewissem Sinne Notbehelfe seien, die aber durck unsere gegen­wärtige Lage unentbehrlich gemacht seien. Ebenso steht es um die Notwendigkeit, in diesen Vereinen außer der religiösen auch soziale Arbeit zu treiben. Es sei eben nickt die Zeit dazu, viel neue Experimente zu machen, sondern grade im Interesse der Volkskirche die Arbeit in den bewährten Bahnen zu treiben. Die Versammlung erklärt auf Anfrage des Vorsitzendem daß sie den Ausführungen des Referenten im allgemeinen zustimmt. Professor Dr. Spitta spricht zum Schluß den Dank der theo­logischen Fakultät, ihrer Dozenten und Studenten, für das in dieser Tagung geboten? aus.

AlU> Zinbi und Klind.

Gießen, den 4. Juni 1904.

" Personalien. Ernannt wurden am 28.^ai d. I. die Gefangenmärter am Landeszuchthause Marienschloß, Adam Kunz und August Edelmann, zu Gefangenaufseheru an dieser Anstalt mit Wirkung vom 8. Juni 1904 und der Finanzakzeffist Emil Zimmer zu Darmstadt zum Regierungs- asscssor.

** Medizinische Gesellschaft in Gießen. Tie nächste Sitzung findet statt: Dienstag, den 7. Juni, abends 7*/2 Uhr pünktlich im Hörsaal der chirurgischen Klinik. Klinischer Abend. Tagesordnung: 1. Herr Best: An­geborener Mikrophthalmus. 2. Herr Bötticher: Ueber an­geborenen Tibiadefekt. 3. Herr von Tabora: Ueber Ascites c.hylosus. 4. Herr Vagedes: Ein Fall oon Struma ovarii. 5. Herr Vossius: Vorstellung zweier Patienten.

** Das Boettge-Konzert, das am Freitag, den 10. d. M. stattfindet, wird ein höchst interessantes Programm,