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3.10.1904 Erstes Blatt
 
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Nr. 23S

Srsche»«t täglich außer bonniagL.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem Kesfifchen Landwirt die Gießener Samitten« Blätter viermal in der Woche beigelegt.

RotatwnKdruck n. Ver­lag der Brühl'schen Unweri°-Buch-n. Stein- fcrucTexti. 0L Lang«. Redaktion, Eweditton imb Druckerei:

Gchnkftratze L

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Fcrnsprechanschluß Nr. 51.

Erstes Blatt.

154. Jahrgang

Montag 3. Oktober 1904

Amis- und Anzeigeblatt sw den Kreis KeW

General-Anzeiger

Vezag-pretsr monatlich 75 Pf^ viertele jährlich Mt. 2.20; durch Aohole- u. Zweigstellen monallid) 6o Pf.; durch diePost Mk.2. Viertel­jahr!. ausschl. Bestellg. Annahme von Anzeige« jür die TageSnummer bis vormittag- 10 Uhr. ZeilenpreiS: lokal 1293t«, auSwärtS 20 Pfg.

Verantwortlich tüt den poltL und allgem« Teil U Wittko; für «Stadt und £antr und -GerichtLjaal": August Äoetz; für den An­zeigenteil: Hans Beck.

Ile Heutige Nummer umfaßt 10 Seiten-

Neichstag§-Aög. Ar. Walla« über die tctzie Zieichstagssession.

(Originalbericht desGieß. Anz.")

Schotten, 2. Ott.

Zu der gestern übend einberufenen Vcrsaminlung waren 60 Lis 70 Personen erschienen, auch solchje von auswärts.

Dr. Wallau erklärte, es scheine ihm Wicht, über das Äimt als ReichMagsabgeordneter Bericht zu erstatten. Der , Gegensatz von Lauterbach nach Berlin und neu in den Reichstag zu kommen, sei recht bedeutend; seine Frau sei wahrend der ganzen Session mit ihm in Berlin gewesen, aber nun freue er sichj, wieder zu Hause in dem lieben Bogelsberg zu feüt. Wallau beschreibt die Prachjt der Um- forrnen, Orden und Sterne bei der Eröffnung oes Reichs­tages und meint, die Abgeordneten in schwarzen Fräcken seien sich, vorgekommen wie Raben unter den Pfauen. Er habe sich vorgenommen, recht vorsichtig zu jein, sich leiten und führen zu lassen, um dadurch zu größerer Selbständig­keit zu gelangen. Der Redner vergleicht die Beratung des Reichsbudgets mit derjenigen über die Kreisverwaltung. Als dceuling habe er den Eindruck gehabt, es müsse im deutschen Parlament etwas ruhiger zugehen, er kam jedoch nach 'und nachs zu der Ueberzeu,gung, daß die Hitze des Ge­fechts zugrrterletzt doch nicht so schlünm sei, denn nach den heftigsten Reden tränken die Gegner später friedlich neben­einander am Buffet eine Tasse Kaffee und rauchten ehpe Zigarre.

ZA Bezug auf die Gewährung von Anwesenheitsgeldern sei mmt zu der Ansicht gekommen, daß sie bezüglich der Sozialdemokraten nicht schädlich sein könne, vielmehr werde diese Partei dann auch Abgeordnete entsenden, die nicht der Unterstützung der Parteikassen teilhaftig würden, wie dies bei den jetzigen Abgeordneten der Soziall) emo kralle der Fall sei. Graf Limburg-SLirum habe eine Art Sozialisten-! gesetz verlangt, doch habe Reichskanzler Graf Bülow dies zu vereiteln gewußt. ' Mit Ausnahmegesetzen sei keine Ve- wegung zu unterdrücken. Beim KapitelReichsamt des Innern" sei der Krimmitschauer Streik eingehender Besprechung unterzogen worden. Biele Abgeordnete seien ins Streikgebiet gereist um Erkundigungen emzuziehew, und es Labe fischt herausgeshellü daß auf beiden Seiten ver­schulden zu tage getreten seien.

Wiederholte Debatten seien über die F l e i sch b e s chf a u üit Gange gewesen, woran sich Dr. Wallau beteiligt habe. Soziateerno kratie und Freisinnige .Vereinigung seien für Niederlegung aller Schwanken gegenüber dem Ausland, da das Inland den Konsum wicht decken könne. Der Redner vertritt die Ansichtt, daß wir uns nicht gefallen lassen dürfen, daß ausländisches ununtersuchjtes und oft recht zweifelhaftes Fleisch gefroren oder konserviert, bei uns ein- gesührl werde. Wie verhielten sich demgegenüber unsere scharfen Kontrollvorschjriften, die Untersuchung der leben­den und geschlachteten Tiere vorschreiben? In Hessen seien die Maßregeln bereits sehr streng, doch seien noch die Haus- schjlachtungen vor der amtlichen Untersuchung bewahrt. Dr. W allau kourmt hier aus einen Artikel in dersÄolkswach" zu sprechen, von Bürgermeister Metten heimer-Eichl- sachsen verfaßt. Der Artikel schoß:Fort mit Mallau." Niemals, so führte Redner aus, könne er sich als Kreisrat eine Privat-Fleischbeschau ohne Schlachtviehversicherung denken. In den. dichtbevölkerten Bergwerksdistzrikten trete die Wurmkrankheit epidemisch auf und die"Regierung sei bernüht, dem Uebel aus den Grund zu gehen, um zu sehen, ob diese Krankheit etlva der Einfuhr von schädlichem aus- ländischn Fleisch zuzuschreiben sei. Zwar sei diese Krank­heit dem Leben nicht direkt gefährlich doch sei ein starker Verlust von Arbeitskraft damit verbunden. Die Möglichkeit der Einschleppung sei nicht von der Hanjd zu weisen, trotz der gegenteiligen Behauptungen der Sozialdemokratie. Redner bedauert, wiederholt die Sozialdemokratie erwähnen zu

müssen; sie hat aber so viele gute Redner, welch es ver­stehen, dem Volke alles Möglich und Unmöglich glaubhaft zu machn, daß nicht genug gewarnt werden könne, wie z. B. ihre Behauptung, vom Auslande komme allein nur gutes Vieh,kein Engel sch jo rxriu, wie das argentinisch Schorin."

Bei den meisten Sitzungen seien 80, 70, ja ost nur 60 oder 50 Llbgeordnete anwesend, diese machten die ganze Arbeit. Deshalb seien >aiuch Zentrum und Sozialdemokratie ausschlaggebend. (Hört, hört!)

Bestimmungen zur Verhütung von Automobi l- unsüllen sollen demnächst ausgearbeitet werden. Ter Vorschlag, daß das Reich dies erledigt, wurde einstimmig angenormnen.

Sehr ausführlich referierte Abg. Wallau über das Kapitel Soldat en miß Hand tun gen. Vorgesetzte, hauptsächlich Unteroffiziere, die oft die gemeinsten Ver­gehen an Soldaten verüben, seien scharf aufs Korn zu nehmen und streng zu bestrafen. 90 Proz. der Mißhand­lungen träfen" den Unterofsizierstand. Doch kämen auch Drohungen vor, die in Nervosität ihre Ursach hätten, und dies sei besonders seit Einführung der zweijährigen Dienstzeit der Fall. Das Heer sei um ein Drittel ver­mehrt worden, nicht aber dementsprechjend die Zahl der Unteroffiziere. Dadurch j"ch mehr Arbeit entstanden, die Unteroffiziere feien nervöser durch Ueberanstrengung und die .Anforderungen der Vorgesetzten. Auf diese Weise ent­stehe zum Teil die quälendeNachhilfe" beim Militär. Die Reichregiernng wolle die Unteroffiziere vermehren, doch das Zentrum sagenein", die Sozialdemokratie selbsp verständlich auch Die Sozialdenrokratie hätte hier gerade durch ihre ZuMrynung den Schutz, der Soldaten fördern können.

Bezüglich der Aushebung des § 2 des Jesutten- gesetze s sei die Aufregung des Reiches ungerecht­fertigt. Nicht der Reichstag, sondern der Bundesrat be­werkstelligte die Aufhebung. Es sei fraglich ob der Bundes­rat befuat ifty einen Beschuß des vorhergehenden Reichtages auszusühren. Die Sache gelte sich als einen Kuhhanoel mit dem Zentrum dar: heute Aufhebung des § 2, morgen Zu­stimmung über die Vermehrung des Unterofsizierstandes um 650 Mann. Der Qauze Vorfall trifft lediglich den Bundesrat.

Der Abg. Sattler habe gebeten, die Uniform-Aen- derungen zu vermeiden. Es falle schwer, die hierfür oft beträchlichen Ausgabnr zu erschwmgen. Abg. Wallau ist der Ansicht, daß der Kriegsminister in dieser Hinsich sein Möglichstes an allerhöchster Stelle zur Vermeidung tue. Unser Mgeordneter hja,Ü in Liefer Hinsicht später noch persönlich mit dem Kriegs Minister unterhandelt, wobei ihm das -ruhige und entgegenkommende Wesen des Ministers sehr gefiel.

Weiter verbreitet sich Dr. W. ausführlich über die Be­ratung der Entschädigung von Militärflurschä­den, wobei er in die Debatte eingegriffen habe. Die Land­wirte seien öfter nicht in der Lage, chre Forderungen geltend zu machen, einesteils weil sie sich überhaupt noch nicht klar gemacht hätten, welchen Schaden sie erlitten, indem sie z. B. bei Kartoffeläckern nur die sichtbaren Lrch^iden taxierten, was aber die Räder der Geschütze in der jLrde zernralmt, daran werde oft nicht gedacht; andernteils sei die Art der militärischen Kommissionsnlttglieder nicht die rechte. Wenn da z. B. eine etwas hohe Forderung geltend gemacht werde, seien Ausdrücke, wie:Meinen Sie, der Staat wolle Ihnen Paläste bauen?" re. nicht selten. Deshalb sei es bringend nötig, daß bei solchen Konv- missionen Leute seien, die ein Interesse für die richtige Vergütung der Schäden an die Betroffenen haben und die ihren Einfluß in dieser Weise genügend geltend machen könnten. Oft seien Schäden, wie das Anfressen der Bäume durch Pferde, gar nicht gelterrd zu machjen, weil nicht kon­statiert werden könne, von welchem Truppenteil der Schaden verursacht sei, da ja Pferde verschiedener Militürabteilungen an der bete. Stelle gehalten hätten. Diese Schäden müsse

nach Angabe der militärischen -Vertreter der betr. Truppen-^ teil bezahlen. So sei z. B. einem Bauer ein Tor umgesahrest worden; wer die Schuld trug, hätte nicht sestgestellt werden können, deshalb wäre der Schaden nicht reguliert worden,, wenn nicht auf seine (W.'s) Jntervercierung statt des Tors' Dickwurz und Zuckerrüben" reklamiert worden wäreu

Bezüglich der Anschaffung der R e m o n t e p s e r d e sei die Ansicht zutage getreten, die Kommission solle in Süddeutschland keine Pferde mehr erwerben. Abg. Wallau habe betont, daß z. B. bei uns in Hessen Hunderttausende für die Pferdezucht ver­ausgabt würden und daß sich hier z, T. vorzüglichess Pferdematerial befände. Der Redner verliest ein Schreiben, des Vorsitzenden des preuß. Landespferdezuchtvereins, von Millich, in' welchem dieser das Pserdematerial Norddeutsch^- lands z. T. scharf bemängelt; es mürben oft ganz un­geeignete Remontepferde gekauft. Abg. Wallau verspricht, von dem betr. Schreiben bei geeigneter Gelegenheit dem Kriegsminister gegenüber Gebrauch zu machen.

Ein Antrag, den Abg. Wallau mit unterschrieb, ging dahin,^die Militärbehörde möge bei Einberufungen zu Re­serveübungen nach Möglichkeit Rücksicht auf den jeweiligen Stand der Erntearbeiten nehmen, sowie, baß unbemittelten Eltern, die ihren beim Militär befind­lichen kranken Sohn besuchen wollten, Reiseentschädig- un g en gewährt würden.

Dies sei das wesentlichste aus der letzten ReichDtags- session.

Wenn man sich ein Bild von, der nächsten Session«^ machen wolle, so könne jetzt schon gesagt werden, daß ter, Reichskanzler bezüglich Industrie und Land-^ Wirtschaft sehr zuversichtlich sei. Der Zolltarife lnerde wohl oald seine wohltuende Wirkung äußern, durch ihn kämen der Landwirtschaft 35 Mill. Mark zu gute. Bei uns ün Bo g elsberg seien diese Wohltaten zwar weniger zu verspüren, hier müßte das Augenmerk mehr v ieh zücht er rschen Interessen zn- gewendet werden. Redner kennzeichnet die Schäden der Einfuhr aus Rußland und Oesterreich. In un­serem Abkommen stehe in anderen Worten: Man müsse erst abwarten, bis man selbst einen Seuchensall habe, dann erst könne man die.Wirkung der Einfuhr erst konstatieren. In den Jahren 18901891 seien nach der Statistik Hundert- tausende Stück Vieh zu Sch>aLen gekommen, das sei dem Seuchenabkommen mit Oesterreichs-Ungarn zu verdanken. Die Ostmarken, die ja im Getreidebau über uns stehen, würden uns bei dem Viehseuchengesetz nich,t im Stiche lassem In einem Dorfe des Kreises Lauterbach, Angersbache habe der damalige Schiaden 56 000 Mk. betragen, ohne .Verkalben, Milchfalten usw. in Betracht zu ziehen. Die Kühe hätten drei- bis viermal verkalbt, das seien die Folgen der Seuchen. Wer da die Hand biete, zur Erhaltung der Seuch^ngefahr, dem solle die Hand lieber abgehackt werden. Der Jrrdustrie sollen weitgehende Schiutzntaßregeln zuteil werden, aber nach Ansicht Dr. Wallaus bedürfe in erster Linie die Landwirt­schaft des weitgehendsten Schutzes. (Bravo!)

Ein Gesetz betr. die Errichtmrg von Kaufmanns- gerichten stehe bevor. Dasselbe soll unter anderem den KaufmannsgehUfen rasch zu ihrem Rechste verhelfen, ebenso den Prinzipalen. Man verspricht sich von diesem Gesetz großen Segelt. Besonders die entlasjenen Gehilfen seien oft sehr bedrängt, die KaufmannsgericMe werden hier rasch helfend eingreifen. Abg. Wallarc ist für dieses Gesetz utrd auch dafür, daß F r a u e n als Beisitzerinnen gewählt werden, in Anbetracht der vielen weiblichen Angestellten.

Die Sympathie des Staatssekretärs Graferr Posadowsky sei allerdülgs hierfür nicht zu gewinnen.

Abg. Dr. Wallau erwähnt hierauf noch kurz, was eine dritte ücfuua noch nicht erfahren habe;: z. B. die A b änd er- utlg der Matrikularbeiträge. Mir im Vogelsberg müßten gerade so viel zahlen, wie jeder Hamburger und Bremer, das sei ungerecht.

Der Redner ist ferner für Beibehaltung der Taler, eingedenk des Satzes: immer noch for'n Taler!

Ker King.

Kriminal-Roman von O. Elster.

(Nachdruck verboten)

(Fortsetzung.)

Sie verstehen mich nicht? Nun wohl, dann will ich es Ihnen erklärens Dieser Mann, der zu unsern Füßen da im Grabe lügt, liebte Sie. . ."

Fräulein Wullbrandt?!"

Ja, er liebte Sie! Er hatte sich in Ihr hübsches Lärvchen verguckt. und Sie Sie wissen es wohl Sie kokettierten mit ihm und mit dem Bruder einer von Beiden sollte in Ihr Netz gehen." ...

Die Zornesflamme schlug glühend in die Stirn Käthes. Sie streckte gebieterisch die Hand aus.

Ich verbiete Ihnen, solche Worte gu sprechen!" rief sie zornig.Die schmähen das Andenkeil des Toten und beleidigen seinen Bruder und mich. . . Sie haben kein Recht, an diesem i^vaDe zu wellen! Gehen Sie!"

Da lachte die andere laut und gellend auf.

Kein Recht, sagen Sie, habe ich an diesem Grabe an diesem Zoten?! Ah, das ist seltsam das ist lustig! Oh, mein kleines Fräulein, wenn Sie wüßten wenn ich Ihnen eine l^cschichi'- erzählen wollte, Sie lvürden sich voll Schauder von tiq ui ('/'.übe e.lno-euden. Aber was ich weiß, behalte ich für miJ) weiß niemand als er und ich, und meine Lippen sind 1L) iw mm "ic die seinigen. Ich habe kein Recht an diesem Grübe ? Ja, ja, Sie haben vielleicht ein größeres Recht, denn nm K'hrelichllen mußte er sterben."

SottesnXllen, Fräulein Wullbrandt Sie sind wahn­sinnig !" c, r . , ,

KI eicht werde ich's noch", entgegnete diese mit unhernu lichec .nahe.Abei lönnen Sie sich denken, da^ dieser Mann da um Jj^twillen eine Andere, die ältere Recl-te auf seine Liebe de saß, verriet und deshalb sterben mußte?"

Käthe schlug-, die Hände vor das Gesicht.

Sck-weigen Sie!" stöhnte, sie.Es ist nicht wahr."

Es ist wahr so wahr wie der Tod! Und nun schmücken Sie das Grab des Mannes, der um Jl>retwillen den Tod erlitt, nur weiter und gedenken Sie dabei derer, die er um Ihretwillen verriet, deren Fluch Ihnen folgen wird so wahr ein Gott der Rache lebt."

Drohend erhob sie die Hand zum Himmel und Käthe sank erschreckt, schaudernd aus die Knie nieder, il-r Gesicht mit den Händen verhüllend.

D-cr Kranz war ihren Händen entsunken. Lautlose Stille umsing sie. Selbst das Rauschen der Bäume schien verstummt.

Da blickte sie aufatmend empor. Sie war allein, die dunkle Gestalt war verschwunden, heller, freundlicher Sonnen­schein glänzte über den Grübern.

Sie stand auf. Sie schauderte leicht zusammen, es war ihr, als habe sie ein Gespenst gesehen.

Welch entsetzlicher Gedanke" flüsterten ihre bleichen Lippen. Nein, nein, cs kann nicht wahr sein! Wie war es doch? Um meinetwillen sollte er eine andere verraten haben? Und diese Andere Bertha Wüllbrandt?! Nein, nein cs kann nicht sein! Es darf nicht sein!"

Sie faltete die Hände und blickte in stummem Gebet zum Himmel. Allmählich gewann sie ihre Ruhe wieder. Sie nahm den Kranz und legte ihn auf das Grab.^

Armer Mann", slüsierte sie.sollte meine schwesterliche Freundlichkeit solche Früchte gclragen^haben? Nein nein, ewig würde der Vorwurf auf meiner Scece brennen."

Sie setzte sich auf eine Bank unter der alten Nüster und blickte ernst und t raurig vor sich nieder.

Ah, wie glücklich war sic gewesen, als sie hörte, daß Ferdi­nand Groller von dem furchtbaren Verbrechen fteigesprochen war. Sie sie hatte ja keinen Augenblick an ihm geztoeiject. _ Er war so gut, so ehrlich, so treu - und er sollte die Hand gegen d it eigenen Bruder er ho bei: haben?

Nein - niemals!

Sie wollte ihm zeigen, daß sie niemals an ihm gezweifelt. Noch war kein Wort der Liebe zwischen ihnen gewechselt, aber seine Augen sprachen deutlich genug, und glüÄich war sie in dem Beloußtseiii seiner Liebe. Und jetzt wollte sie ihm zeigen, daß auch sie ihm gut war! Wenn er vor sie hinträte, mit freudigem Mute wollte sic ihre Hand in die scmige legen, mit fteudigem Stolz ihre Liebe bekennen und ihm beweisen, daß Liebe, Treue und Glauben noch nicht ausgestorben war in der Welt.

Mit welch frohen glücklichen Gefühlen erwartete sie ihn am gestriger: Abend und wie traurig enttäuscht war sie gewesen, als ihr Later ohne ihn zurückgekommen war. Gewiß, der Vater hatte reckst, )u:nn er sagte, daß man Ferdinand noch eine Welle sich selbst überlassen müsse, damit er das gestörte Gleichgervickst der Seele zurückgelvänne, und auch, wie der Pfarrer mit einem Lächeln hinzu setzte, «eilte gewisse Gleichgiltigkeit gegen die Meinungen der Menschen bei dem Bewußtsein recht uni) gut gehandelt zu haben.

Gewiß, der Vater hatte recht! Aber eher uttd leichter würde Ferdinand die Harmonie der Seele znrückgewormen haben, wenn er sich von sanfter Liebe umgeben fühlte, von einer Liebe, die nicht forderte, nicht quälte, nicht bat, sondern Die ihn umgab, wie der Sonnenschein, wie die laue Frühlingsluft, wie der Schimmer des purpurnen Abendrots, wie der silberne Monden- scheiii in stiller Sommernacht unfühlbar, mtkörperlich, um* doch sich beruhigend, besänftigend auf die kranke Seele le^etw, wie die weiche, kühle Mutterhand auf die fieberheiße etirn des Kindes.

Und nun war er nicht gekommen! Er fürchtete in ihren Mienen d.m Ausdruck des furchtbaren Verdachts zu lesen, wie der Vater kopfschüttelnd sagte. Er vertraute ihr nicht, ivas sie ihm vertraute; er glaubte nicht an sie, wie sie an ihn glaubte, er liebte sie nicht, wie sie ihn liebte, sonst wäre er zu ihr gekommen, hätte sich vor ihr niedergeworfen, das Haupt in ih-rem Schoß geborgen und gebeten: Hilf mir in meiner Her- zcnsnvt! .

Sollte er dennoch schuldig sein? :