Donnerstag 3* März 1904
Zweites Blatt
154* Jahrgang
Nr. 53
Giehener Anzeiger
General-Anzeiger, Amt;- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
Die Sciitige Kummer umfaßt 10 Seite«.
Fl Landtage einzuleiten.
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Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu Universitätsdruckerei. R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition u.Druckerei: Schulftr.7.
Tel. Nr. 51. Telegr.-Adr.: Anzeiger Gießen.
Politische Tagesschau.
Die Zukunft auf dem Master.
Man schreibt uns aus Berlin, 2. März:
Rach den Erfahrungen früherer Jahre kann es nicht
verloren wurde vorge|ienii:: ' Prllle. Cs wird geben [jette l'andgraiensiraße 8, Ul iugehen.*
Erfcheint täglich mit Ausnahme deS Sonntags.
Die „Giehener Zamilienblätter" werden dem „Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der „hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.
Kirche und Schute.
Braunschweig, 2. März. Der Landtag hat eine Vorlage der Regierung angenommen, wonach oas Höchstgehalt der Mil itärgeistlichen der Landeskirche von 4800 auf 6000 Mart erhöht wird.
— Am 7. März feiert die britische und ausländische Bibelgesellschaft in London das Fest chres 100jährigen Bestehens. Seit ihrem Bestehen hat die Bibel-Gesellschaft rund 185 Millionen Exemplare mit einem Kostenaufwand von 270 Millionen Mark verbreitet. Ueber- setzungen der Bibel, besonders des neuen Testaments, liegen in mehr als 350 Sprachen und Mundarten vor, Bibeln für Blinde mit erhabenen Buchstaben in beinahe 30 verschiedenen Sprachen. In den Nlchtchristlichen Ländern sind es Missionare, die als lleberseßer und Verteiler zugleich tätig sind. Sämtliche Exemplare oer von der Bibelgesellschaft verbreiteten Bücher der heiligen Schrift gelangen kostenlos zur Verteilung und werden namentlich Missionaren zur Verfügung gestellt, die dcunit ihr Bekehrungswerl betätigen. Seit 1863 hat die Gesellschaft in der Queen Victoria-Street zu London ihr Zentralbureau errichtet. An der Spitze der Anstalt steht zurzeit der Marquis von Rorthamptvn.
Wäsche * n Waschen, Äugeln und Glanz- zeln wird angenommen, auq ßer -em'Hause. Steusiadi bi
Aus Stadl und Kaaü.
Gießen, den 3. März 1904.
LU. Promotionen. Im Monat Februar 1904 haben an der Landesuniversität promoviert: Zum Dr. med. vet. Anton Lenfers, approbierter Tierarzt aus Trier, Karl Gerhard, approbierter Tierarzt aus Lang-Göns, Arno Dennstedt, approbierter Tierarzt aus Leipzig. Zum Dr. phil. Adolf Lütke-Wentrup, Landwirtschaftslehrer aus Hiltrup, Hugo Schaumberger, Oberlehrer in Frank- furt a. M., Karl Thelen, Landwirtschaftslehrer auS Meckenheim, Max Müller, cand. ehern, aus Schenkendorf, Emil Rentrop, cand. phil. aus Lüdenscheid.
** Personalien. S. K. H. der Großherrog haben dem evangelischen Pfarrer Friedrich Sell zu Beienheim, Tekanat Friedberg, aus sein 9iachsuchen unter Anerkennung seiner langjährigen und treuen Dienste in den Ruhestand versetzt.
*• Gießener Pferdemarkt-Lotterie. Die Lose des am 16. März ds. Js. stattfindenden Pferdemarktes in Gießen finden guten Absatz. Als Haupttreffer sind vorgesehen: 1 viersitzige Equipage nebst Pferd und silberplattiertem Geschirr, 1 Lauterbacher Wagen mit Kutschierbock nebst Pferd und Kummetgeschirr, 1 Reitpferd nut Sattel und Zaumzeug, komplett, sowie 7 Pferde und Fohlen, Fahrräder, Nähmaschinen, landwirtschaftliche Geräte und HauShaltungS- gegenstände. Der Preis des Loses beträgt 1 Mk.
** Der evangelische Arbeiter-Verein hielt am vergangenen Sonntag seine jährliche Hauptversammlung ab, die gut besucht war. Aus dem Jahresbericht ist zu erwähnen, daß im abgelaufenen Geschäftsjahre 10 Vorträge gehalten wurden; außerdem war der Verein dreimal von anderen hiesigen Korporationen zu Vorträgen gebeten. Der Konzert- oerein veranstaltete für ihn bekanntlich die Wiederholung der
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E, Direktion: 1901
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Walpurgisnacht und der 9. Beethooenschen Symphonie. Pfarrer Euler wurde durch Zuruf zwecks Ausdruck des lebhaftesten Tankes für seine Mühewaltung wieder zum 1. Vorsitzenden gewählt. Auch die ausscheidenden Vorstandsmitglieder C. Graulich, Ehr. Haas, Hrch. Heß, Dr. E. Heuser, A. Schufst wurden zum Teil einstimmig, zum Teil mit großen Mehrheiten wiedergewählt; an die Stelle zweier Herren, die gebeten hatten, von einer Wiederwahl abzusehen, traten die Herren Phil. Mandler und Earl Weller. Kommerzienrat Heyligenstaedt wurde zum Ehrenmügliede des Vorstandes ernannt. Die Kassenverhält- nisse des Vereins sind günstig. Auch über die Baugenossenschaft wurde berichtet; sie ist jetzt 10 Jahre alt; über ihre seitherige Tätigkeit hat ihr Direktor, Rendant Döring, dieser Tage eine größere Broschüre veröffentlicht, die allen Migliedern dec Genossenschaft demnächst zugehen wird.
** Der Strafgefangene Otto Oppel, von desten Einlieferung wir berichteten, hielt sich voriges Jahr in Klein- Linden auf, wo er bei einem Schreinermeister fast 1/i Jahr arbeitete und für einen tüchtigen, nüchternen Schreiner galt. Erst um Fastnacht vorigen Jahres begann er wieder in die „Oeffentlichkeit" zu treten. Er „kaufte" das Hotel Seipp in Gießen, verlobte sich mit der Köchin des Hotels, pumpte Kellner und Hausburschen an und ließ sich auf Kredit den Hochzeitsanzug anfertigen. Die Braut mußte ihm dann eine größere Geldsumme überlassen, und der „Bräutigam" begab sich angeblich in seine Heimat, um sein Vermögen zu holen. Doch er — blieb auS, und erst jetzt sah man ein, daß man das Opfer eines Schwindlers geworden war. Auch in Lang- Göns suchte der Mann mit einer Witwe em „Liebesverhältnis" anzuknüpfen.
** Besitz wechsel. Schreinermeister C. Klingelmeyer verkaufte einen Teil seiner in der Ludwigstraße 57 gelegenen Besitzung an Metzgermelster Herm. Euler jun. Dieser beabsichtigt, eine Metzgerei dort zu errichten.
** Ein Verein ehemaliger Pioniere wurde nach einer vorausgegangenen Besprechung dieser Taae hier gegründet. In den Vorstand wurden die Kameraden K. Malkomesius, Metzgermestter, 1. Vorsitzender, und Kultur- techniker Culmann, 2. Vorsitzender, in den Vorstand gewählt. In die übrigen Aemter wurden gewählt: Bautechsniker Hill- marm, Geometer Müller, Zugführer Göbel, Restaurateur Bourgeois, Bautechsniker F. Noll. Der Verein beabsichtigt der Hassia und dem deutschen Kriegerbund beizutreten.
Hungen, 28. Febr. Gestern nachmittag weilten nach der „L.-P." mehrere Beamte der Eisenbahndirektion Frankfurt hier, um etwaige Beschwerden der Interessenten gegenüber der geplanten Bahnhofserweiterung entgegen* zunehmen. Von der Gemeinde wurden denn auch Der* ickstedene Wünsche vorgebracht, von denen einige berücksichtigt, andere erst auf ihre Ausführbarkeit geprüft werden jollen. Anstatt der gewünschten Uebersührung am Solmser Hof wird neben der Hauptbarriere noch eine Fußgünger- pforte angebracht werden, welche es ermöglicht, Fußgänger noch im letzten Augenblick passieren zu lassen. Tie Wünsche bezüglich der Zufahrt in die Langgasse sollen nochmals einer eingehenden Erwägung unterzogen werden; ferner soll der Uebergang am Lokomotivschuppen verbleiben, eo. wird er verlegt werden.
§§ Ober-Seibertenrod, 2. März. Im Vereinslokal des hiesigen Kriegervereins hielt vorgestern abend Lehrer Rudolph aus Alsfeld einen Vortrag über „Moltkes Leben und Wirken" vor recht zahlreicher Zuhörer- schast. Nicht nur alle Mitglieder des hiesigen Vereins waren anwesend, auch Kameraden der Nachbarvereine Ulrichstein, Unter-Seibertenrod, Babenhausen und Höckersdorf hatten sich eingesunden. Anschaulich und begeisternd ließ oer Vortragende die Kriege 1864, 1866 und 1870/71 vorüberziehen und entwarf ein anziehendes, packendes Bild des größten Meisters der Strategie.
sd. T a r m st a d t, 1. März. Die Ziehungstage der Sch-lußklasse der 3. Hess. Thüring. Staatslotterie beginnen am Montag, den 7. März, und werden fortgesetzt am 8., 9., 10., 11., 14., 15., 16., 17., 18., 21., 22., 23., 24., 25. 28. und 30. März. Am zuletzt genannten Tage werden die Prämien gezogen. — Heute hat sich hier ein Kreisverein gegen den Mißbrauch geistiger Getränke gebildet, dem schon 204 Mitglieder beigetreten sind.
Frankfurt a. M., 2. März. Zum Raubmord L i ch t e n st e i n wird berichtet, daß der Klaviertransporteur Bruno Groß noch in Hast ist. Neu ist die Tatsache, daß Groß sich verschiedene fälsche Namen beilegte. So wohnte er beispielsweise auch unter dem Namen Kops in verschiedenen Häusern. Auch hat er zeitweise stark über seine Verhältnisse gelebt und bei verschiedenen Leuten, vermutlich auch bei Wirten, Schulden gemacht. Die Gläubiger wurden von der Polizei um nähere Mitteilungen ersucht. Ferner werden Personen, die vor oder nach dem Morde oder zur Stunde der Mordtat Groß gesehen, getroffen oder gesprochen haben, um ihr Zeugnis ersucht. Ebenso sollen sich alle Leute melden, bei denen Groß in den letzten drei Jahren gewohnt hat. Groß ist ein schlanker, bartloser Mensch, der einen intelligenten Eindruck macht. Da man keineswegs sicher ist, in ihm den Täter zu haben, da ferner unter allen Umständen mit der Möglichkeit gerechnet werden muß, daß zwei oder drei Täter beteiligt waren, dauern die Nachforsch' ungen der Polizei fort. Außer der Schnur haben die Täter noch ein weiteres corpus delicti zurückgelasien. Es ist ein unscheinbarer Manschettenknopf, der osienvar bei dem blutigen Werk einem der Täter abhanden gekommen ist. Der Polizei sind in der Mordsache bereits 218 mehr ober minder wichtige Mitteilungen zugegangen. Sie vermehren sich noch stündlrch Außerdem wurden vom Tage der Mordtat an 40 Verhaftungen vorgenommen. — Der Fall Lichtenstein hat nach der „Kl. Pr." noch ein weiteres Opfer gefordert. Der Bureaugehilse Hermann Neander, der mit zwei anderen Herren zuerst die blutige Tat entdeckte, soll nämlich plötzlich irrsinnig geworden fein.
auf die Zukunft eröffnet eine andere Kombination, der- zusolge mit einem späteren Zusammengehen Rußlands und Deutschlands inOstasienzu rechnen sei im Sinne etwa eines Schutzverbandes der Weißen gegenüber der Gelben. Tie Aufsicht zu Lande werde Rußland, zur S e e T e u t s ch l a n d zufallen. Auch diese Tarsiellung läuft auf die voraussichtliche Konzentrierung bedeutender beutfdjer Seestreitkräste in Ostasien hinaus, und an diesem Maßstab gemessen müßten Flottenpläne alle „uferlos" werden. Doch gegenüber der Aufrollung all' solcher Möglichkeiten ist die Frage zu stellen: warum sollen die Gelben gerade den deutschen Besitz in Ostasien als einen Pfahl in ihrem Fleische empfinden? Teutsch- laud rerridjitet dort nichts anderes als friedliche Kultui- arbeit, die ja audji den Gelben zugute kommt: es hat mit dem Pachtverträge nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten übernommen, denen es gewissenhaft nachgeht. Hat der Pachtvertrag über Kiautschvu keinen größeren Wert als den beschriebenen Papieres, dann müßte dasselbe gelten von einem Bündnisverträge, den Deutschland mit Ehina ober Japan abschließen würde. Wenn man die Hinausbrüngung Deutschlands aus China an die Wand malt, um weitgehende Flottenpläne zu begründen, dann erweist man der Regierung in ihrem Bestreben, der Marine wesentliche Verstärkungen zuzusühren, keinen Dienst.
Anfang vom Ende.
Man schreibt uns aus London: Die öffrntlichte Aufmerksamkeit in England wendet sich in dem Maße der inneren Politik zu, je mehr es offenbar wird, daß der rufsisch- ja panische Krieg sich in die Länge zieht. Das ist dem Ministerpräsidenten Lord Balfour nichts weniger als angenehm, denn derart komnit immer weiteren Kreisen der Bevölkerung die Erkenntnis von der Verworrenheit, um nicht zu sagen von der Unhaltbarkeit der innerpolitischen Lage. 2JZan rechnet Herrn Balfour hier und da bereits zu den gewesenen Größen, wozu die häufigen Erkrankungen des leitenden Staatsmannes ein UebrigeS tun. Jedenfalls ist die Regierung dec Mehrheit im Unterhaus nicht mehr absolut sicher; erst unlängst wurde die zur Unterstützung Lord Balfours erforderliche Anzahl Konservatwer nur mit äußerster Mühe „zusammengetrommelt". Die Liberalen wittern Morgenluft und machen klar zum Wahlgefecht. Mandatsgewinne werden sie zweifellos erzielen, ob ihnen die Regier- ungSgewalt zufallen wird, ist allerdings zweifelhaft. Die politische Rechnung darf nun einmal nicht ohne Chamberlain gemacht werden, der zwar fern vom Schauplatz der Dinge, in Aegypten weilt, aber der Politik keineswegs Valet gesagt hat.
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Tie Folge dieses ungünstigen Ergebnisses der auf eine Wahlrechtsreformen abzielenden Alttonen wirb freilich tn vecsckstedenen Bundesstaaten die fein, daß die wachsende GiBitterung hierüber der Sozialdemokratie nur immer neue Scharen von Anhängern in die Arme treiben wird. Vor einigen Jahren ist durch den Staatssekretär des Innern, Grafen Posadowsky, eine in ihren Ergebnissen leider nickst publizierte Enquete veranstaltet worben über die Ursackstn ües Anwachsens der Sozialdemokratie. Zweifellos gehört zu. diesem in erster Linie auch bas Festhalten einzelner Bundesstaaten an reaktionären Wahlsystemen. Zu welchen Konsequenzen das führt, zeigt an einem geradezu klassischen Beispiel die politische Entwicklung in Sacksten, das, mit einer einzigen Ausnahme, ausschließlich, durch Sozialdemokraten in Reichstage vertreten ist.
'en gute Pension mit Heber- h.d. 3#iittrl>. Sieiiijlr. lö,E IHintf 511111 ^mden werben Mflt angenommen bei iu Hatteuhauer, Kirdjjtr. 2. iQtycwtt »auixaauu üt tttyn. W 5
an einem ftabnlfc ,gii)5‘toeia)äjt in Oießeu iigcgenb mit gr. Kapital V. j. mit 01023 an die Exp.d.1
Das Landtagswaökrccht in den AuvdcsstaatkN.
Seit Jahren wirb bekanntlich in einer Reihe von größeren Bundesstaaten auf eine Reform des Landtags- Wahlrechts hingearbeitet, ohne daß es bisher gelungen wäre, ein positives Resultat herbeizuführen. Nachdem im vorigen Jahre die hessische Wahlreform zu keinem Ende Öietommeu war und uns neue Verhandlungen für eine vorerst noch nickst abzusehende Zeit bevorstehen, ist, wie wir schon mUleilten, auch die bayrische Wahlreckstsreformvorlage gefallen und auf absehbare Zeit jede Hoffnung geschuunden, daß ein erneuter Versuch ein günstigeres Ergebnis haben werde. Dieser Ausgang einer in dem letzten Stadium auf beiden Seiten mit wachsender Erbitterung geführten Aktion üt um so bedauerlicher, als der Mißerfolg zweifellos auch aiuf die Resormbewegung in anderen Staaten ungünstig -runwicken wird.
Die Wahlrechtsreform in Baden ist vor einigen Zähren schon einmal gescheitert. Es gewann den Anschein, alls ob der zweite Versuch ein günstiges Resultat erhoffen l»sse. Nun sind aber neuerdings scharfe Gegensätze zwi- fdjen der Regierung und der Majorität des Landtags in der Frage der Verstärkung des Budgetrechts der ersten Kam- nter hervorgetreten. Die Kommission hat diese Forderung aligeleynt. Die Regierung aber, die allen sonstigen Ab- ni.iberungen der Vorlagen seitens der Kommission keinen Widerstand entgegengesetzt hat, ist, wie offiziell erklärt wird, fist entschlossen, um jo entschiedener an dieser Forderung fistzuhalten. Die Aussichten auf ein Zustandekommen der giesocm sind infolgedessen wieder sehr erheblich gesunken.
Noch ungünstiger sind die Chancen einer Reform dcs Wahlrechts in Sachsen. Eine Vorlage etwa in der Richtung der famosen Druckschrift der Regierung ist von allen Seiten entschieden abgelehnt worden, sodaß ein konservatives Organ schon bei der ersten Ankündigung einen derartigen Versuch einer Wahlrechtsreform nicht mit Unreckst als „totgeborenes Kind" bezeichnete.
Am kläglichsten liegen allerdings die Dinge in 6iefer Beziehung in Preußen. Während der Wahlbewegung und noch unmittelbar neun Beendigung der Landtags- nahlen kündigte zwar die nationalliberale Partei offiziell an, daß sie die Führung des Liberalismus im Mgeordnetenhause übernehme und auch in der Frage der Abänderung des Wahlrechts die Initiative ergreifen trierbe. Bisher ist jeboch in allen Wipfeln Ruh; die beiden si.eisinnigen Parteien, die noch in der vorjährigen Periode in jeder Session die Reform des Wahlrechts ourm Stellung »^bezüglicher Anträge wenigstens in Fluß erhalten haben, irib allein nicht in der Lage, eine nachdrückliche Mion
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gerade überraschen, daß die soeben angeordnete Bildung eines Großen Admiral st abs der Marine den Gedanken an Flotten Pläne wieder aufltudten läßt. Umsoweniger, als man in Kreisen der Flottenenthusiasten bereits für eine umfangreiche Verstärkung der Marine agitiert, im Hinblick aus den Krieg in Oft- afien. Staatssekretär v. Tirpitz hat ja jetzt in der Fudgetkommission ober später im Plenum Gelegenheit zu . einer Aeußerung über diese Frage. Svezielles mitzuteilen, ist er wohl schon um deswillen nicht in der Lage, als I ias Programm fürdenAusbauderAuslandsflotte
höchstwahrscheinlich auf Grund der durch den russisch-japa- niscken Krieg gegebenen Erfahrungen und Bedingungen u m - gearbeitet werden wird. Doch wie diese Einwirkung auch sich äußern mag, eine Möglichkeit, von der schon hier and da gesprochen wird, darf wohl als ausgeschlossen gelten. Tie nämlich die ostasiatische Flottenstation so stark zu machen, daß sie allen kriegerischen Eventualitäten gewachsen ist. Ein derartiges Programm könnte selbst England mit seinen gewaltigen maritimen Machtmitteln nicht durchführen, und es steht doch fest, daß Deutschland schon aus sinanziellen Gründen stets darauf verzichten wird, be- !-üglich der Seewehr England auch nur annähernd gleich- mtommen. Was aber, so fragt man sich, sollte Deutsche land wohl veranlassen, eine so bedeutende Ver- lürkung der Seestreitkräfte in Ostasien ins luge zu fassen? Ta wird denn die Möglichkeit ins Few ae fuhrt, daß in K i a u t s ch o u eines Tages den D e u t s ch e n >er Stuhl vor die Tür gesetzt werden könne. Nickst ucck China allein, aber durch ein verbündetes Javan- (ifl)i«a, durch ersteres zur See, durch letzteres zu Lande. (Mabe der llmstanb, daß Deutschland im fernen Osten iböllifle Neutralität beobachte und zu keiner anderen Macht im Bunbesverhältnis stehe, könne ihm dereinst verhängnis- doll werben. Es befinbe sich in glänzender Vereinsamung, niemand werde ihm gegen die Gelben Beistand cHten. Daher müsse es sich auf die eigene Straft verlassen ujuö Fürsorge treffen, baß es dem burch seine Ueberlegenheit üb-et Rußland zur See siegessicher gewordenen Japan die Mhne zeigen könne. Einen kaum weniger trüben Ausblick


