Ausgabe 
1.12.1904 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

ichem He Regienmg ermächtigt werden soll, 161/2 Mill. Kronen Rente zur Deckung der Unterstütz- un gen für die dnrcb den Notstand Betroffenen anSzugebcn.

und Hielte.

Dem Reichstage ist die übliche Ucbersicht über die Ergebnisse deS HeereS-ErgänzungSgeschäftS für das Jahr 1903 zugegangen. Danach waren von den Militärpflichtigen, die auf dem Lande geboren waren, rund 67 Prozent dienst­tauglich, während von den Gestellungspflichtigen, die in der Stadt geboren und nicht in der Landwirtschaft beschäftigt waren, nur etwa 51 Prozent zum Dienste mit der Waffe geeignet waren.

Kolonialpost«

Antwerpen, 30. Nov. Wie aus der hier eingetrossenen kongonesisckpn Post hervorgeht, sind gegen die aufstän­dischen Budias deS Mongala-GebictcS drei Expeditionen entsandt worden. In Boma spricht man ernstlich von der Entdeckung von Diamant- und Kob le nm inen west­lich von Lualaba. Auch bei Aruwimi sollen Goldfelder entdeckt worden sein. Die Arbeiten an der neuen Eisenbabn nach den großen Seen schreiten rüstig vorwärts. Die Erd­arbeiten sind bis zu 70 Kilometer, und die GeleiS-Anlager bis zu 35 Kilometer vorgeschritten. Zwei Lokomotiven sind bereits in Dienst gestellt, während die Indienststellung von 6 anderen demnächst erfolgen soll. AuS dem französischen Kongo wird berichtet, daß in N'Gou.o Sang ha ein Aufruhr ausgebrochen ist. Wie verlautet, sollen mehrere Wei)e ermordet worden sein. Einzelheiten fehlen in­des noch.

Irr Aufstand in Dcuffch-Südwestasrika.

Die Rkichspost und der Ausstand.

In dem Etat für die Schutzgebiete auf 1905 und zwar bei der Expedition für das südmestafrikanische Schutzgebiet besindet sich auch ein Ausgabeposten für die RcichSpost- und Telegraphen - Verwaltung von 510 000 Mk. Davon sind 330 000 Mk. in den Nachtragsetat eingestellt. Daraus isl ersichtlich, wie auch die Reichspost vom Aufstand in Anspruch genommen wird.

Au TqphuS gestorben.

Unteroffizier Ohligschläger, Unteroffizier d. Res. Eugen Hönninghaus, Gefreiter Mumm, die Reiter JustuS und Rornonath. An der Ruhr gestorben: Gefreiter Kohler. Verwundet: Reiter Schröder.________________________

'Ausland.

Wien, 30. Nov. Im Abgeordnetenhause hielt heute der deutsch-fortschrittliche Varon Osfcr- mann seine tschechensreundliche Rede, in der er für Errichtung tschechischer Schulen eintrat, da durch ein Ent­gegenkommen beider Parteien ein Ausgleich ermöglicht werden könne. Ter Minislerpräsident müsse auch kulturelle Forde­rungen anderer Parteien erfüllen. Tie Rede ruft bei den Deutschen große Bestürzung hervor. Wolf rüst: .Solche Rede ist nur in einem solchen degenerierten Hause mög­lich !* Der Obmann der Fortschrittspartei, Groß, erklärt, daß Ossermann in eigenem Namen gesprochen habe, daß sich die Partei mit diesen Ausführungen nicht identifiziere.

Eine Abordnung des Saazer HopsenbaueS und der Hopfeninteressenten sprach bei dem Ministerpräsidenten und dem Ackerbau Minister vor und hob die schweren Schäden hervor, welche der Hopfenproduktion und dem Hopfenhandel erwachsen,. wenn der Hopfenzoll derart erhöht würde, wie in dem deutschen Zolltarif geplant sei. Ter Ministerpräsident und der Ackerbcmministcr erklärten, die Regierung trug den geäußerten Wünschen schon bei den Vertragsverhandlungen Rechnung und kann bezüglich des Zollsatzes nichts mitteiten, sie hoffe indessen, daß eS, falls es zur Wiederaufnahme der Vertragsverhand­lungen mit Deutschland kommt, möglich sein wird, einen Hopfenzoll zu erreichen, welcher die Hopfenvroduktion und den Hopfenhandel nicht schädigt.

Konstantinopel, 30. Nov. (Wien. Korr.-Bureau.) Am Sonntag nacht drang eine angeblich 100 Mann starke griechische Bande in das bulgarische Torf Zelenic im Wilazct Monastir ein und tötete 13 Personen. Die Bande ent­kam, obgleich sich in dem 2 Kilometer entfernten Neveska eine Truppenabteilung besindet und die von der Bande ab­gegebenen Schüsse dort hörbar waren.

Zzenstochau, 30. Nov. Zu dem Anschlag auf den hiesigen Polizeimeister v. Nehrlich wird gemeldet, daß die behandelnden Aerzte namenlose Drohbriefe er­hielten, so daß sie die Behandlung aufgegeben haben. Ter schwer verletzte Polizeimeister mußte nach Warschau ins Militärkrankenhaus geschasst werden.

Washington, 30. Nov. (Rentei). Rußland teilte der amerikanischen Regierung mit, es billige von Herzen des Präsidenten Roosevelt Vorschlag einer zweiten Haager- Konferenz, halte aber den augenblicklichen Zeitpunkt für ungeeignet und schlage vor, die Konferenz bis nach Beend i- gung des Krieges zu verschieben.

Aus Stadt und Land.

Gießen, 1. Dezember 1904.

Die Reise Sr. Königl. Hoheit des Groß- herzogs. Man schreibt uns ou§ Lich vom 30. Nov.: Gestern und heute sand in den wildreichen Revieren des Fürsten Karl von Hohensolms-Lich Hofjagd statt, woran auch der Großherzog teilnahm. Er war, begleitet vom Obersiallmeister Frhrn. von Riedesel, per Extrazilg ein» getroffen und wurde von seiner Braut Prinzessin' Eleonore und der Fürstin Karl abgeholt und begab sich ins Schloß. Später fuhren der Großherzog und seine hohe Braut im Jagdkostüm nach dem fürstlichen Hofgute Kolnhausen, wo die Jagdgesellschaft um 12 Uhr eingetroffen war und das Früh­stück einnahm. Der Großherzog unterhielt sich sehr lebhaft mit der Jagdgesellschaft, die aus ca. 20 Herren bestand; darunter weilten u. a. Frh. Heyl-Worms, Prinz Reinhard von Lich, Friedrich von Braunfels, Wilhelm von Stolberg- Wermgerodc, Fürst von Isenburg-Birftein nebst Gemahlin und der Erbprinz von Erbach. Gestern wurde im Revier Hardtwald gejagt, welches sich bis Kloster Arnsburg er» streckt. Ii-ieS Heoier ist sehr reich an Goldfasanen, von welchen denn auch ca. 45 zur Strecke gebracht wurden.

Abends 6 Uhr hatte der Fürst Karl die hohen Jagdgäste zum Diner eingeladen, woran auch der Großherzog teitnahm. teilte vormittag wurde im Birklarer Wäldchen und nach Langsdorf zu Jagd abgehalten. Der Großherzog fuhr mit seiner Braut nach dem genannten Revier. Um 11 Uhr war die Jagd beendet; wiederum hatte man reiche Beute an Fasanen und Hasen gemacht. Die Abreise des Großherzogs erfolgte um 1 Uhr 45 Mm. über Gießen und Frankfurt nach Offenbach in Begleitung des Oberstallmeisters Frhr. von Ried- esel. Die Prinzessin-Braut und die Fürstin Emma begleiteten den Großherzog zur Bahn. Nachmittags traf der Großherzog in Offenbach ein. Er besuchte die Parfümerie-Fabrik der Firma Böhm und die Metallwarenfabrik von PH. A. Hinkel. Abends besuchte der Großherzog das Konzert des SängerchorS vom Turnverein.

"Der Kronbau ersehe Quartett-Verein feiert am 3. Dezember im Neuen Saalbau sein 26. Stiftungsfest in althergebrachter Weise durch ein Konzert und darauf folgendem Mahl. Freundschaftliche Beziehungen statten den musikalischen Teil diesmal ganz besonders opulent aus. Die vortreffliche Sängerin E. von Munsterkjelm aus Helsingfors hat ihre Mitwirkung freundlichst zugesagt. Im allgemeinen Interesse möchten wir noch darauf Hinweisen, daß daS Konzert pünktlich 7 Uhr abends beginnt.

* * Aus d e m Bureau des St a d 11 h e a t er S. Nochmals sei auf die Volksvorstellung am Freitag, die Halbes" hochinteressantes neues Werk derStrom" bringt, hincjewiesen. Das Stück ist im Repertoire sämtlicher Bühnen und hat überall wie auch hier einen großen durch­schlagenden Erfolg zu verzeichnen. In Vorbereitung stehen Jbsen'SStützen der Gesellschaft" und Hauptmanns Bib erp elz".

* * Fritz Reuter-Abcnd. Tie Tialektdichtung hat, Menn sie humoristische Gegenstände behandelt, ihre beson- dereu Vorzüge. Im Dialekt werden reiche Erinnerungen, die warme Liebe zu einer engeren Heimat und ihren Be­sonderheiten und Gebräuchen lebendig, und der Humor, der ja auch ein (bewußtes und gesuchtes') Wiedererkennen ist einer erlebten und erworbenen Anschauung auf einem besonderen Wege unseres inneren Lebens, im von der allgemeinen Brandung Geschehens und Erfahrens gesonderten Gemüte, er hat zum Dialekt eine innige Verwandtschaft. Dort, wo die plattdeutsche Mundart das geistige Verkehrmittel eines an der heimatlichen Scholle hängenden Stammes ist, hat Fritz Reuter gelauscht und gedichtet, jene Träume und Ge­schichten, die nur ein ftinb des Landes dort aus dem Leben schöpfen konnte, auch anderen im sonnigeren Süden des deut­schen Vaterlandes vermittelnd. Seine Poesie ist jedem Deutschen verständlicn. ^as bewiesen auch die Rezitationen, die uns gestern abend der bekannte tvürnembergische .Hof­schauspieler August Jun kenn ann inmitten einer viel- hundertköpfigen Zuhörerschaft im Neuen Saalbau geboten hat. Mit Recht hat er in seiner Vorlesung, die die schnelle Aufnahme des fremden Dialekts weniger leicht ermöglicht als die dedächtiae Lektüre, und die ihre künstlerische Auf­gabe nicht verfehlen wollte, die plattdeutsche Mundart dem Hochdeutschen etwas genähert. Der ganze Reiz der Reuter- schen Dichtungen wurde allgemein empfunden und hat vielen Zuhörern eine frohe Stunde bereitet. Da waren zunächst die kleinen Kapitel ausHanne Nüte", denen man zu lauschen hatte. Wie köstlich wußte Junker mann die Mahnungen des altenPasturs", der mitten drin von/ seinen Jenaer Erinnerungen befallen wird, vorzubvingen, wie war er bald dieserPastur", bald der auf die Wander­schaft gehende und dazu tapfer, wenn auch mit dünner Stimme, sich ermannende Hanne Mte, der wußte in diesem Augenblick noch nicht, wie schwer das .Heimweh ist, wie hörten wir bald die helle Stimme des altklugen Pastor­töchterleins und bald die Stimme der würdigenVasnirin" selbst. Und als dann der angehende Gesell §anne Wüte hinausgezogen war und, vom Heimweh ergriffen, weinend und sein Butterbrod verzehrend, unter dem frühlings­knospenden Baum beim Nachtigallenschlag in Schlaf versank, da kamen die Spatzensamilie, de Mus'vuck und de Pogg und betrachteten den Fremdling und die Brotkrumen und das blaue Papier, woraus Hanne Nute so ftüh^itig seine Stolle entnommen hatte. Tas häusliche Leben des Spatzen­ehepaares war unvergleichlich, und das Gebabren Jochems, des Svatzenherrn, hätte man prächtiger als Jnnkermann nicht zur Anschauung bringen können. Auch die Kapitel von Onkel Bräsigs Kaltwasserkur und der Szene in Kaufmann Kurz's Laden traten in Junkermanus Dar­stellung ganz neu und überaus charakteristisch vor uns hin. Als der Künstler mit einigen Gedichten aus L ä u s ch e n un RimmeLs schloß, war der Beifall so groß, daß er gern noch ein kurzes Gedicht seinen Darbietungen hinzn- fügte. Ein Erfolg des vlbends wird wohl auch sein, daß viele der Zuhörer, die Fritz Reuter noch nicht genügend kannten, nun mit nwhr Erwartung und Interesse art die Lektüre seiner Schriften Herangehen. Damit haben der Kaufmännische Verein und der örtsgewerbeverein, die den schönen Abettd veranstaltet haben, fVcty wiederum verdient gemacht. A. G.

* Der Verein der Detaillisten zu Gießen hielt am 29. November d. Js. im kaufmännischen Vereins- Hause seine diesjährige Generalversammlung ab. Au§ deut vom I. Vorsitzenden, Hrn. C. Röhr, erstatteten Ge­schäftsbericht entnehmen wir, daß der Verein auch in diesem Jahre eine lebhafte Tätigkeit entwickelt hat. Es fanden neun Vorstandssitzungen und eine außerordentliche Generalversamm­lung statt; in letzterer wurde einstimmig beschlossen, für die Wiederwahl der ausscheidenden Handelskammermitglieder ein­zutreten. Der Verein war auf einer Ausschußsitzung des Ver­bandes süd- und westdeutscher Detaillistenvereine zu Frank­furt a. M. vertreten, der Vorstand beteiligte sich an einer vom hiesigen Gastwirtsverein au8 Anlaß der bekannten Vieh­marktsperre einberufenen Versammlung und wohnte außer­dem einer Sitzung des kaufmännischen Vereins bei, in welcher zu dem am 1. Januar k. Js. in Kraft tretenden Gesetze betr. die Errichttmg der Katismannsgerichte Stellung genommen wurde. Wie in früheren Jahren richtete der Verein auch dies­mal sein 9lugenmerk auf den unlauteren Wettbewerb und zwar mit dem Erfolge, daß die zur Kenntnis gelangten Fälle durch Atlfsorderttng beseitigt wurden. Der von der Orts­krankenkasse Gießen wider ein Vereinsmitglied angestrengte und auf Veranlassung des Vorstandes durchgeführte Prozeß bezgl. der Versichertlngspflicht der weiblichen Dienstboten im kaufmännischen Gewerbe wurde zu Gunsten des betreffenden Mitglieds entschieden, sodaß nunmehr feststeht, daß weibliche Dienstboten, die in kaufmännischen Geschäften zu nicht ge­werblichen Arbeiten, wie z. B. zum Reinigen des Ladens u. dergl. herangezogen werden, der Versicherungspflicht bei

der Ortskrankenkasse nicht unterliegen. Die Einführung des gesetzlichen Ladenschlusses auf 8 Uhr abends ist dem Verein nickst gelungen, doch soll die Einführung des früheren Ladenschlusses für einzelne Branchen, zunächst für die Be- kleidungSbranche, versucht werden. AuSgenoutmen sollen sämt­liche SamStage, der ganze Monat Dezember und die gesetz­lichen AtlSnahmetage fein. Die vom Verein gegen das Rabatt- nbfonuuen mit dem hiesigen Eisenbahnkonsmnverein unter­nommenen Schritte waren insofern von Erfolg, als die be­treffenden Firmen bis auf einzelne von dem Abkommen zu­rückgetreten sind. Hinsichtlich der AtiSnahtnetage zum längeren Offenhalten der Läden für das kommende Jahr ist der Verein für die Beibehaltung der jetzt zugelassenen AuSnahme- tage eingetreten. Mit Freuden wurde begrüßt, daß die Stadt Gießen die Verhandlungen bezüglich des Bahn- projekts Rixseld^-Nlrich stein cke, zu dem der Verein schon wiederholt Stelltmg genoittmen, wiedcratifge- nonunen hat. Man war allseitig der ^lnsicht, daß Gießen darauf bedacht sein müsse, daß ihm der Verkehr durch Neben­bahnen nicht, wie schon seither, noch mehr entzogen werde, zmttal auch der größte Teil der in Betracht kommenden Orte feinen Anschluß nach Gießen suche. Die ausscheidenden Vor­standsmitglieder Röhr, Herbert, Nassauer und Frz. Schmidt wurden wiedergewählt.

** Humoristische Darbietungen einer Wiener £)r- pb.'umgeiellscbast finden von gestern ab auf mehrere Tage tm Hotel Einhorn statt.

Frankfurt, 30. Nov. Die Frankfurter Fleischer- innung hat in ihrer gestrigen Versammlung unter dem Vorsitz des Stadtverordneten Karl Marx die Gründung einer Vieh marktsbank beschlossen. Die Bank soll den Metzgern die sozialen Lasten und die damit verbundenen Unzuträglich- feiten abnehmen. Sie verzichtet von vornherein aus die Er- zicltmg großer Gewinne. Den Aktionären werden aus dem Betriebsüberschuß fünf Prozent Zinsen vergütet; weitere Ueberschüsse kommen dem ^Bankfonds ztlgute. lieber die Ziele der Bank herrscht in der Versammlung Einstimmigkeit. Von htmdert der Anwesenden wurde em Aktienkapital von rund 2 50000 Mk. gezeichnet. Weiter wurde durch Angabe der JahreSschlachttmg ein Umsatz von 8y2 Millionen garan­tiert, so daß daS neu ins Leben tretende Unternehnten ge­sichert erscheint. Es rourbc eine Kommission aus elf Mit­gliedern gewählt, die mit der Ausarbeitung deS Gesellschafts­vertrages betraut wurde.

Kleine Mitteilungen a u d Hessen und den Nachbarstaaten. Unter den einmaligen Ausgaben des ReichSpostctatS besindet sich auch die Forderung von 400 000 Mark für Herstellung eines neuen Oberpostdirektions- gebäudeS für Frankfurt a. M. Der Betrieb der Papierfabrik in Eberstadt wird eingestellt. Dem gesamten Personal wurde bereits gekündigt.___________________________

Zum Hcldcnbcrgcr Morde

erfährt derFrks. G.-Anz." von angeblich authentischer Stell? noch folgende bemerkenswerte EinzeWiten: Am Nachmittage des 11. November, dem Tage vor der Mordnacht, bemerkten einige Besucher einer Wirtschaft in Windecken in einer dunllen Ecke des Wirtschaftszimmers eine Persönlichkeit, die eifrig bemüht war, hinter einem Zeitungsblatt, ihr Gesicht zu verbergen. Nach und nach ging die Verwunderung der Anwesenden über das Gebaren des sonderbaren fttrmben in gutmütigen Spott über, bis es dem Gefoppten schließlich zu viel wurde. Er stand auf, das volle Licht siel aus ihn und als den Zeugen jener Szene das Bild deS steckbrieflich verfolgten MeNgerS Hudde gezeigt wurde, wollten sie aufs bestimmteste in ihm jenen Fremden vom 11. No­vember iviedererkennen. Am Spätnachmittag trat dann Hudde, Ivie gleichfalls feststeht, an einen Heldenberger Arbeiter heran und redete ihn, indem er auf die Kirche deutete, nut den Worten an: ,,Eure Kirche ist ja ganz hübsch, aber das Pfarrhaus dort sieht sehr dreckig aus." Verwundert antwortete ihm der Heldenberger: ,,Mer das ist ia gar nicht das Pfarrhaus, das liegt ja dort drüben", worauf der Fragende mit kurzem Dank verschwand. Und welch' merkwürdiges Spiel des Zufalls: Derselbe Mepger Hudde hat in Herd 0 rf im dortigen Pfarr­haus einen Einbruch verübt, dessen Vorgeschichte fast ganz genau mit der des Heldenberger Mordes übereinstimmt. Auch in Herdorf fand sich, wie gerichtlich festgestellt wurde, im Gasthaus ein Fremder ein, der konstant eine Zeitung vors Gesicht hielt, während sein Kumpan Walter einen gleichfalls im Wirtshaus sitzenden Gymnasiasten geschickt aushorchte. Der Fremde ver­schwand dann plötzlich in der Richtung aufs Pfarrhaus. In der Nacht darauf erfolgte der Einbruch, bei dem die Einbrecher über­rascht wurden. Walter wurde ertappt, der Fremde Metzger­geselle Hudde sprang, bis an den Bahnhof verfolgt, in den schon fahrenden Zug. Man telegraphierte nach der näckfften Station, und der dienfttuerlde Beamte daselbst antwortete:.Der Reisende hat seine Strafe bezahlt und sieht sehr anständig aus. Er ist weitergefahren." Weg war er. Seitdem ist Hudde flüchtig.

Noch weitere Wahrmehmungen werden mitgeteilt. Am Abend, ehe der Mord geschah, als gegen 9 Uhr abends ein Zug Helden­bergen verließ, bemerkte der Stationsbeamte im Wartesaal einen Mann, der seinen Kops über den verschränkten Armen auf die ' Tischplatte gelegt hatte. Er trat an diesen heran und machte ihn aufmerksam, daß der Zug mit dem er wohl reisen wollte, soeben abgefahren sei. Hudde das war der Mann erwiderte, er wolle nicht sortfalwen, sondern erwarte einen Freund, der aber wahrscheinlich erst mit dem nächsten Zuge kommen werde. Darauf aufmerksam gemacht, daß dieser Zug erst nach anderthalb Stunden cinlaufe, bemerkte Hudde, dann wolle er noch fo lange warten, und legte wieder seinen Kopf nieder. Ms der nächste Zug einlief und demselben niemand entstieg, wandte sich der Be­amte wieder an Hudde und fragte ihn, ob sein Freund gekommen sti Daraushiri erhob sich Hudde und verließ den Warteraum. Man nimmt nun an, daß Hudde, um nicht ausfällig zu werden, nicht mehr ins Wirtshaus und überhaupt ins Städtchen znrück- febren wollte, sondern sich, nachdenl er die Raumverhältnisse im Pfarrhanse ausgek'mdschaftet, direkt zu dem abseits gelegenen Bahnhof begeben habe, wo er gegen 9 Uhr angeiangt ist. Dort hab: Hudde abgewartet, bis in Heldenbergen alles ruhig war, und sei nach 10 Uhr wieder zurückgekehrt.

Die Frankfurter Kriminalpolizei ist weiterhin fieberhaft tätig, zumal sich jetzt, nach Wiedergabe des Bildes in den Zeitungen, täglich eine Anzahl von Personen melden, die Hudde gesehen haben wollen.

Mittlerweile ist in Mannheim ein Mann in Hast ge­nommen worden, in dem man den verfolgten Hudde zu erkennen! glaubte. Ob er mit dem Gesuchten wirklich identisch ist, muß sich natürlich erst noch Herausstellen.

Es hat sich herauSgestellt, daß her verdächtige Mekger Otto Hudde vom November 1903 bis Ende 1904 auch bei einem Metzgermeister in Biebrich in Stellung mar. Hudde hatte damals mit der Tochter eines dortigen Einwohners ein Verhält­nis angeknüpft und verkehrte in der Wohnung des Mädchens. Auch nach seinem Verzüge nach Weisel bei Canb hat er noch Briefe von dort aus geschrieben.

vermischte».

* Einer genialen Schwindlerin, Miß T a d w i ck, gelang e§, wie aus Newyork gemeldet wird, von verschiedenen Banken und Privatpersonen Million->n von Dollars zu