können, weil die in BctrMt kommenden Verhältnisse bekannt sind. Ein Beschluß Wr den Termin der NeichstagS- einberrifung liegt überhaupt noch nicht vor.
Oberbürgermeister als „kommende Männer".
Die Rede, mit welcher der Reichskanzler in Dresden eine Ansprache des Oberbürgermeisters Beutler beantwortet hat, klingt sehr stark an die Ideen an, die bis kurz vor dem letzter: tfrimrat und dem damals eingetretenen Witterungswechsel in maßgebenden Berliner .streifen, als das Programm der Zukunft kolportiert wurden. Es kann, wie man der „Murgdeb. Ztg." berichtet, kein Zufall sein, daß Graf Bülow jetzt in der von ihm'gewählten Form auf die damals zurückgestellten Gedanken zurücktommt und so ist es kein Wunder, daß auch von dem großen neuen Revirement in der Verwaltung, das vor dem Kronrat als in sicherer Aussicht stehend angesehen wurde, wieder viel die Rede ist. „Oberbürgermeister als Minister und Oberpräsidenten": Schon vor der Rückkehr des Kaisers von der Nordlandreife wurde erzählt, daß die Tage des Oberbürgermeistertums der Herren Adickes und Becke r gezählt seien, daß der eine Frankfurt, der andere Köln zum Uebertritt in den Staatsdienst verlassen würde, sobald die für sic geeignete Verwendung gesunden sei. Daß diese Verwendung, auch bei reichlicher Bemessung der bekannten Zulagen, nicht von einem Tuge zum andern möglich ist, liegt bei Berücksichtigung der gegenwärtigen Einkünfte beider Herren aus der Hand. 9coti) einen dritten Oberbürgermeister gibt cs, der als Anwärter auf staatliche Würden Aussicht haben soll: Dr. Giese aus Altona. Graf Waldersee hat wiederholt und schon seit Jahren aus die seiner Ueberzeugung nach besonders geeignete Persönlichkeit des Altonaer Stadtoberhauptes in Berlin nachdrücklich hingewiesen, und auch Gras Bülow, den «sein Sonnner- aufenthalt ja regelmäßig in die Nähe von Hamburg führt, hch für Dr. Giese viel übrig.
Schwurgericht.
P. Gießen, 30. September.
Verhandelt wurde gestern gegen den 21 Jahre alten Streckenarbeiter Heinrich Mandler von Mendorf a. Labn wegen vorsätzlicher Körperverletzung mit tödlichem Erfolg. Der Gerichtshof war zusammengesetzt aus Landgerichtsrat Schmeckenbecher als Vorsitzenden imd den Landgerichtsräten Wehner und Koch als Beisitzenden. Die Staatsbehörde war vertreten durch den Staatsanwalt Reuß. Die Verteidigung führte Rechtsanwalt Grünewald. Medizinalrat Dr. Habcrkorn wohnte als Sachverständiger der Verhandlung bei. Der Angeklagte erklärt, er sei nicht schuldig und habe in Notwehr gehandelt. Er schildert den die Anklage bildenden Vorfall folgendermaßen: Als er am 8. August d. I. abends kurz nach 9 Uhr in Allendorf in der Luhschen Wirtschaft gewesen und Johannes Ulm ebenfalls in diese dingetreten sei, habe ihm dieser vorgeworsen, er sei Ihm einige Zeit vorher in der Dunkelheit nachgegangen und habe ihn geschlagen. Der Angeklagte will dies, weil es tatsächlich nicht der Fäll war, in Abrede gestellt haben und bemerkte dabei, daß er den Ulm anzeigen wolle, worauf jener ihn mit Schimpsworten beleidigt habe. Die Wirtin, Frau Luh ,welche vom Hofe aus die zur Wirtschastsstube führende niedere Treppe betreten hatte, verwies dem Ulm das Schimpfen, worauf jener ihr entgegnete, sie solle sich nicht einmischen. Der Streit der beiden Männer begann darauf aufs neue, und wieder stieß Ulm die vorher schon geäußerten Beleidigungen aus, woraus die Wirtin sich wieder begütigend sich einmischte. Ulm sprang auf, versetzte der Wirtin einen Shlag mit der Hand ins Gesicht und stieg das Treppchen hinunter, ihm nach der Angeklagte, der chn von hinten packte und zur Tür hinaus beförderte, sodaß der Hinausgeworfene nach vorn aus die Hände fiel und von seinem Gegner noch rechts und links ein paar
Ohrfeigen bekam. Der Angeklagte schildert tuiti den unter Anklage stehenden Schluß des Vorfalles in der Weise, daß Ulm sich wieder erhoben und sich angeschickt habe, das Haus wieder zu betreten: dabei halbe er zu ihm gesagt: „Ich steche Dich tot." Er will daun mit der Hand aus gefahren haben und dem Ulm in ab wehrender Weise einen Stoß vor die Must gegeben haben; dieser sei daun rücklings aus das Pflaster umgefallen und sei nicht wieder aufge- stcrnden. Er habe den Ziegungslosen, der ckber nicht tot gewesen sei, ins Haus zurückgetragen und sei nach Hause gegangen. Wenige Stunden später ist der Mann dann in seiner Wohnung, wohin man ihn getragen hatte, gestorben, ohne noch recht zur Besinnung gekommen zu sein.
Die einzige Zeugin des Vorfalles, die Wirtin Luh, schildert den Vorfall in U eb er einstimmun g mit dem Angeklagten. Der Schlag, den sic von Mm erhalten habe, so erklärt sie, sei nicht so schlimm gewesen. Daß Ulm den Angeklagten mit Totstechen bedroht habe, hat die Zeugin nicht gehört, wohl aber hat der letztere, als er zum Stoß ausholte, gerufen: „Was willst Du, Mißgeburt, Du willst mich hier zusammenstechen?" — Die Zeugen bekunden übereinstimmend, daß- der verstorbene Ulm ein Schnapstrinker gewesen fei, der öfter schon, wenn er betrunken gewesen sei, mit Messerstechen gedroht habe. Wie der Bürgermeister angibt, hat er seine Frau öfter geprügelt. Wie der Vorsitzende aus Den Men feststellt, ist Ulm wegen Meineids mit Zuchthaus bestraft gewesen, wegen Gewalttätigkeit aber nicht vorbestraft. Dem Angeklagten Aiandler wird das Zeugnis eines fleißigen und ruhigen dReuschen von seinen Arbeitgebern ausgestellt. Außer der Schuldsrage wird vom Gerichtshof den Geschworenen die Frage vorgelegt, ob mildernde Umstände vorlägen. Staatsanwalt Reuß begründet die Anklage. Er will zugeben, daß der Tote ein Trinker und streitsüchtig gewesen fei, auch den Streit in der Luhschen Wirtschaft veranlaßt hat. Aber es handele sich um ein Menschenleben, um das eines Familienvaters, der7—8 Kinder hat, rind der, wenn er auch mit Zuchthaus bestraft war, doch in den 50 Jahren seines Lebens nie wegen einer Gewalttätigkeit bestraft worden fei. Staatsanwalt Reuß warnt die Geschworenen davor, etwa die Strafbarkeit des Angeklagten danach abzuwägeu, daß es ein Trunkenbold gewesen ist, der sein Leben eingebüßt habe. Ganz und gar ohne Grund sei der zweite Angriff des Angeklagten gewesen, der dem Gegner den Tod gab. Es sei ganz unwahrscheinlich, daß Ulm gedroht habe, also könne von einer Notwehr gar nicht die Rede jein, deshalb bitte er die Geschworenen, hier ein Schuldig zu sprechen.
Rechtsanwalt Grünewald erklärt, daß es den Geschworenen leicht sein werde, hier ein Nttchtschuldig zu sprechen. Sein Klient habe gar nicht die Absicht gehabt, seinem Gegner eine Körperverletzung beizubringen, er habe dessen Angriff nur abwehren wollen; aber wenn der Angeklagte mir glaubte, einen bevorstehenden Angriff zurückweisen zu müssen, so sei auf Freisprechung zu erkennen. Wenn irgendwo, dann sei im vorliegenden Falle die Tat als Notwehr anzusehen. Sollte der Angeklagte etwa mit der Abwehr so lange warten, bis der zum Streit und zu Gewalttätigkeiten hinneigende ^Nensch seine Drohung zur Tat werden ließ? Rechtsanwalt Grünewald weist darauf hin, daß alle Tage händelsüchtige Menschen in ähnlicher Meise aus dem Wirtshause befördert würden; ein unglücklicher Zufall habe nun dabei mitgefpielt, daß Ulm fein Leben verloren hat.
Nach ganz krrrzer Beratung fällten die Geschworenen den Wahrsprrich, der auf Nichtschuldig lautete, worauf der Gerichtshof den Angeklagten fr ei sprach.
Aus Slttöl und KunS.
Gießen, den 30. September 1903.
** Tages ordrru ngfürdicSitzungderSta db- veror dn eten-Vers ammlung am Freitag, den 2. Oktober 1903, nachmittags 3 Uhr: Tie Eröffnung des Friedhofes am Rodtberg.
* * Silberne Hochzeit. Schneidermeister Jost Schneider feiert Mit seiner Gattin am nächsten Freitag silberne Hochzeit.
* * Tic Ueb erreichmng der Meisterbriefe findet am Sonntag, den 4. Oktober, vormittags %11 Uhr, im großen Saale des Cafs Leib in feierlicher Weise statt.
* * Ter Verein der Gastwirte für Gießen und Umgegend wird am Freitag eine Generalversamnrlung abhalten, um Stellung zu nehmen gegen die der Reichsverwaltung von der preuß. Regierung vorgelegte Novelle Sirr Gewerbeordnung. In hiesigen Gastwirtekreisen erklärt man sich gegen die vorgeschlagene Bestimmung, die den Borg eins chränk en will, welche besonders für unsere Verhältnisse tief einschneidend sein wird-, wenn sie Gesetzeskraft erlangen sollte. Dahingegen wünscht man, daß bei dieser Gelegenheit für den Flaschenbierhandel ebenfalls die Konzessionierung durch Gesetz zur Einführung kommt und will einen dahin zielenden Verbesserungsantrag stellen für den Fall, daß an der Gewerbeordnung re. etwas 'geändert würde.
"* Das Abturnen des Turnvereins Gießen fand am vergangenen Sonntag in den Räumen der Turnhalle statt. Schon früh 8 Uhr waren die Turner und ganz besonders zahlreich die Zöglinge angetreten, um im feierlichen Streite ihre Kräfte zu messen. Das Preisturnen, dessen Resultat endstehend bekannt gegeben wird, wurde nachmittags fortgesetzt und nach dessen Beendigung ein Schauturnen an den verschiedenen Geräten vorgesührt, bei welchem 'unsere Turner oft schwierige, aber immer elegant und exakt aus- gefühtte Hebungen zeigten. Abends wurde neben dem üblichen Theaterstück u. a. von der Damenriege ein Fahnenreigen getanzt, der nur dem Leiter, der Riege nicht besonders gefallen zu haben schien, denn er ließ ihn zweimal hintereinander ausführen, was auf das zahlreiche Publikum und namentlich auf die Turnerinnen selbst ermüdend wirkte. Das unvermeidliche Tänzchen schloß die Veranstallung und hielt All und Jung noch lange zusammen. Das Resultat des Prcisturnens war: Aktive Turner (Fünfkampf): Ehrenpreis: Ludwig Adam mit 41% Punkten, 1. Preis: H. Schüttler 39% P., 2. H. Hüttenberger 38 P., 3. L. Schmalz 36% P., 4. R. Schubecker 32% P., 5. E. Krüger SO1/* P., 6. L. Dechett 27% P. — Zöglinge (Oberstufe): Ehrenpreis: Ludwig Bepler mit 72% P., 1. Preis H. Hamel 66% P., 2. H. Baumann 58 P., 3. K. Richter 55 P., 4. F. Weller 52% P., 5. A. Rau 51 P., 6. G. Heilmann 48% P., 7. R. Sparr 45 P. — Zöglinge (Unterstufe): 1. Preis: Aug. Loos 71% P., 2. K. Kühl 70% P., 3. A. Klenk 68% P., 4. W. Heck und Th. Wagner 66 P., 5. W. Scheidt 63% P., 6. W. Rau 61 P., 7. W. Bender 59% P., 8. Th. Müssing 59 P., 9. H. Weiß 58% P., 10. K. Kumpf 58 P., 11. W. Rupp und K. Schneider 57 P., 12. G. Arnold 56 P., 13. G. Horeyseck 52 P., 14. F. Arndt 50% P., 15. F. Meister 50% P., 16. A. König 48% P.
w. Bersrod, 28. Sept. Ein äußerst seltenes Jubiläum wurde am vorigen Sonntag in der Kirchengemeinde Winnerod-Bersrod gefeiert. Der Kirchendiener Heinrich Schmitt I. von Winnerod stand am Freitag 50 Jahre im Dienste der Kirche, und es wurde ihm an diesem Tage das silberne Kreuz des Verdienstordens Philipps des Großmütigen durch Provinzialdirektor Dr. Breidert überreicht. Am Sonntag nach Schjüß des Gottesdienstes hielt Dekan Wagner von Grünberg eine herzliche Ansprache an den 72 Jahre alten Greis, welche diesen tief ergriff und auch' auf die Gemeinde ihren Eindruck nicht verfehlte. Auch verlas der Dekan ein vom Grohh. Oberkonsiftorium an den Jubilar gerichtetes Schreiben, worin diesem Worte der Anerkennung und des Dankes, für seine Treue und Gewissenhaftigkeit gewidmet worden sind. Nach Uebcrreichung einer Uhr als Geschenk sang die Gemeinde: „Lobe den Herren", worauf mit
Prometheus, nach Aischylos der unsterbliche Gott und Freund der Menschen, der sie mit dem Feuer und den Künsten beschenkte! Wahrlich, die Wahl dieses herttichen Beethovenschen Satzes war klug und sinnig.
Und dann kam Goethe! Die Riesenkraft Goetheschen Geistes hat uns neben den gewaltigen Felskolossen „Götz" und „Faust", neben „Tasso" und „Iphigenie", neben „Eg- mont" und „Clavigo" auch das in 3 Tagen geschriebene innig liebliche Schauspiel „DieGeschwrster" geschenkt. Hier blüht eine gar holde Mädchenblume, in deren unschuldigem Herzen unbewußt die Liebe keimt. Die Marianne ist zur Talentprobe gewiß geeignet wie wenig andere Rollen, dennoch wird sie für Eröffnungsvorstellungen wohl zumeist vermieden. Die völlige Gemütsunbefangenheit, die sie erfordert, Pflegt durch das Bewußtsein, daß es gilt, alles Können zu entfalten, daß es eine Entscheidung gilt, leicht beeinträchtigt zu werden. Frl. Hellberg dagegen litt augenscheinlich nicht im mindesten unter diesem Geftchl, das oft mehr zu tun heißt, ols nötig ist. Ihr Spiel war gänz?- lich frei von allem Absichtlichen, Angelegentlichen, Ueber- eifrigen. Dagegen spürte man, namentlich in der Szene mit Fabrice, eigenes Naturell, Herz und Seele. Ja sie ergriff durch all die Einfachheit ihrer echten Kunst, die nichts von Künstelei weiß. Zart die Erscheinung, ängstlich und verschüchtert der Blick, da Fabrice ihr das Jawort abtrotzt, ein Zug von Verttanerthell in der Miene, dabei so einfach der Ton, und kindlich. Man sollte meinen, die so völlig untheatralische, oder sagen wir: nicht theater- hafte Dichtung böte zu lebhaften Beifallskundgebungen feinen Anlaß. Unser Publikum aber empfand, daß uns hier eine feine und eigenartige Begabung entgegengetreten ist, und brach zum Schluß in tosenden Beifall aus, sodaß sich der Vorhang mehrmals erheben mußte. Wir glauben in Frl. Hellberg eine junge Künstlerin von Seele zu besitzen, von zarten Nerven, eine Jinfühlige und empfindsame Natur, von der wir noch gar vieles Schöne erwarten. Herr Acht erber g faßte den schwärmerischen Wilhelm doch wohl allzu sentimental auf, und vor allem zu jünglinghaft. Wenn man seine Beziehungen zu Charlotte erwägt, so muß er ein angehender Vierziger sein! Herr Sandor ff aber fand für Fabrice durchaus den rechten Ton der Ruhe und Be- dachtsamkeit.
Nach Kleist und Goethe Schiller! Um das vornehmste deutsche Tichtertriumvirat voll zu machen. Schillers gewaltiges Werk, mit dem sich sein dichterischer Genius auf die lichteste .Höhe erhob durch die Schilderung einer der wichtigsten, wenn auch dunkelsten Epochen der deutschen Geschichic, mit dem er zum Nationaldichter unseres deutschen Vaterlandes ward, klingt an mit einem Gedichte von unvergleichlichem Realismus. Wallensteins Lager ist, um abermals mit Hebbel zu reden, „unstteitig SchUlers
glänzendste Dichterfchöpfimg, wie schon der Umstand beweist, oaß Ls Goethe zugeschriebeu werden korntte". In der Tat erllärten die Gegner Schlllers vor hundert Jahren das „Lager" für eine mühselige dtachahmung der Goetheschen Dichtweise. Butthaupt gibt im ersten Bande seiner vor- ttefflichen „Dramaturgie des.Schauspiels" *) leider nur ein paar der zahmsten Pröbchen davon zum besten.^ Ein dänischer Krittler aber meinte ernsthaft, wie ich einst irgendwo las, ein preußischer Feldwebel hätte nach 25 StoÄjieben im Laufe eines Stubenarresttages sich den ganzen Wallenstein aus dem Aermel schüttem können! Unser Publittim ließ sich von Schillers os magna sonaturum packen und zünden und labte sich^ an dem kecken Humor und dem genialen Schwünge, der wett über eüi Genrebild, das es doch eigentlich nur ist, humusreicht. Tic Reden des ersten Kürassiers, die Herr Sandor ff imposant mit schöner Kraft, Männlichkett und Wärme, mit vollem, kräftigem, seltsam dunkeln Organ vortrug, sind gedankenvolle Ergüsse, und echtes Kriegsfeuer lodert in den Reden der beiden Höllischen Jäger, die von den Herren Achterberg und Pichler, trefflich als lebensftohc Glücksjäger aufgefaßt, mtt flammender Frische gesprochen wurden. Der Wachtmeister des Herrn Linz en indessen war eine wahre Prachtleistung. Seine politische Weisheit trug er so selbstgefällig-bärbeißig mit dem köstlichsten Brustton innerster Ueberzeugung vor, mtt so marttattsch gravttättscher Würde, mit so abgrundtief herzhaftem Lagerbierbaß, daß man immer aufs neue über diese Verständnisimrigkett der Charaktergestaltung von Herzen in sich hineinlächeln mußte. Tic Abstimmung dieser ^führenden Mllen verdient besondere Anerkennung, Hier war eine wirksame Steigerung erreich^, wodurch^ die für die ganze Dichtung wachsende Bedeutung der einzelnen (^pofittonstette mtt künstlerischem Tatt betont war. Herr Conradi hiett sich mit der Wiedergabe des Kapuziners an die jetzt fast allgenrein übliche Auffassmrg, die in dem Mönch keinen askettschcn FanattLr sieht, sondern einen lustigen Bruder, der die Menge und sich selber durch» derbe Späße und Wortspiele amüsiert und sich^ weidlich^ über seine Gemeinde lustig macht. In chrer Art gelungene Typen waren noch der Kroat des Herrn Tamke, uud> Herrn Haags Arkebusier, ein Kerl, von dem es wirklich heißen durfte: „Das denkt wie ein sSeifensieder". Was im Rahmen unserer alten Bühne geboten werden kann an Nttlsjenwirk- ung, das war geboten. Es machte den Eindruck ungezwungenen Lebens, in dem jeder einzelnr seinen Weg geht und doch zum Ganzen gehört. Man verspürte etwas von der Wahrheit der Worte:
„Und der Geist, der im ganzen Korps tut leben, Reißet gewaltig wie Windesweben Auch den kleinsten Reiter mit."
*) 6. Ausl. 189.7, Oldenburg, Schützesche Hofbuchhdlg.
Zuwetten griff während der Aufführung die Regie auf- munternd und ordnenp ein, was sie möglichst unbemerkt und immer mit Erfolg tat. Die Gruppen im Vordergründe, um den Tisch oder um das Faß, auf dem der Kapuziner stand, und dann auch beim Schluß waren bei jeder neuen Episode immer neu belebt und malerisch bewegt — noch mehr z. B als bei der Aufführung des Lagers in Frankfurt bei Gelegenheit der Eröffnung des neuen Schauspielhauses. Und wie Frl. Hellberg eine weit bessere Marianne ist als Frl. Jrmen in Frankfurt, so überragte der Wachtmeister des Herrn Linzen den des Herrn Szika. Ein Winterlager bot man ja hier ebensowenig wie in Frankfurt (ebensowenig auch Winter ko stüme im „Zerbrochenen Krug", dessen Handlung sich am 1. Februar abspiett; vgl. Marthe Rulls Bemerkung von chrcm Geburtstag!) Aber weit besser verteilt waren hier die Massen. Zu Wallensteins seligen Zeiten brauchte man viele Soldaten — heute auch, und nimmer scheint man genug zu bekommen! Eine Darstellung des SckMerschien Gedichts kann ebenso mehr Personen vertragen, als hier aufgeboten wurden — nicht aber, soll's nicht gedrängt und gedrückt erscheinen, unsere Bühne! Und so war denn mit den vorhandenen Kräften das reisige Kriegsheer des Friedländers ganz genügend markiert.
Es mag für Herrn Direktor Steingoetter, der an diesem ersten Abend seiner hiesigen Wirksamkeit eine eminent schwierige Aufgabe zu lösen hatte, eine rechte Freude gewesen sein wahrzunehmen, welcher begeisterte Beifall nach« jedem der drei Akte gespendet worden ist. Er entsprach dem echten künstlerischen Genuß, dessen wir teilhaftig geworden sind. Und> so betrachten wir denn die gestrige Vorstellung als eine reichliche Wschlagszahlung, als eine wertvolle Anweisung auf dcls Kommende. P. Witt ko.
— Heute, am 30. September wird Rudolfv. Gottschall, einer der Veteranen der deutschen Schriftstellerwelt, 80 Jahre alt. Der einst gefeierte Dramatiker, revo- luttonäre Lyriker und Freiheitskämpfer, der als Student und junger Dr. jur. zu Anfang der 40 er Jahre des vorigen Jahrhunderts mit dem um 4V2 Jahre älteren Dr. Phil. Wilhelm Jordan von Königsberg aus seine Sturmlieder in die Welt sandte, hat von feinem einstigen Feuer noch manchen Funken bewahrt; rüsttg schafft er trotz seines Greisentums immer frisch und munter weiter und steht ungebrochen im aufreibenden Dienste der Leipziger Tages- journalisttk. Von seinen zahlreichen Theaterstücken hat sich das Lustspiel „Pitt und Fox" am besten auf dem Repertoire der d eutschen Bühnen gehalten. Von seinen vielen sonstigen Schriften sind seine elegant geschriebenen, aber uufei'm modernen Geschmack nicht mehr recht zusagenden dramaturgischen und ltteraturhlstorisch>en Werke am meisten gelesen-


