Ausgabe 
29.10.1903 Erstes Blatt
 
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Aus MM und Kund.

Gießen, den 29. Oktober 1903.

** Eine kostenlose Mahnung des Großh. Kreis­mutes gaben gestern unsere Schutzleute an zahlreiche Radler in der Stadt ab, welche die Radfcchrsteuer pro 1903 schuldig geblieben sind. Die Zahlung des Stempekbetrages von 5Mk. hat binnen einer Woche zu erfolgen bei Meldung der zwangs­weisen Beitreibung, die aber Geld kosten wird und event. noch eine Bestrasung im Gefolge haben wird.

**DieNolksvorstellungdesStadttheaters gestern abend wies eine überaus starke Besetzung des Zu- schauerraurns auf. Eine große ArrKahl von Besuchern mußte sich mit Stehplätzen begnügen. Die Aufführung der drei «Einakter fand großen Beifall; besonders die durch das un­tadlige Spiel des Frl. Hellberg als Marianne reizende Wiedergabe derGeschwister" von Goethe.

** Der Wurstm acher aus Amerika. Dieser Tage ,erhielt ein hiesiger Fabrikant einen seltsamen Besuch In 'sein Arbeitszimmer trat ein stämmiger Riese, in dem herku­lische Kräfte zu stecken schienen. Er stellte sich mit donnern­der Baßstimme als Schlächtermeister aus Chicago vor, der eine Wurstfabrik zu eröffnen wünsche. Zu diesem Zwecke bat er sich in sehr dringlichem Tone die Kleinigkeit won 25000 Mark als Vorschuß aus. Als Referenz gab er eine renommierte Mannheimer Firma an. Die sehr energ- sche Art, in der der Fremdling von jenseits des großen -Teiches sein Anliegen vortrug, seine häufigen, im Brust­töne tiefster Ueberzeugung vorgebrachten Beteuerungen, daß Kalbfleisch das beste" sei, wobei er regelmäßig mit seinen 'Simsonfänsten auf den Tisch schlug, daß das ganze Haus wackelte, wirkten auf den Gießener Herrn nichts weniger -als wohltuend, und er 'begann zu fürchten, daß sein un- 'heimliches Goliath-Visavis nur einen günstigen Augenblick ubwartete, um sein Begehr durch einen wvhlge^.elten Dolch- stoß zu bekräftigen. Der Herr gab schließlich, um den ge- sährlrchen Quälgeist loszuwerden, die Versicherung ab, daß er soeben gerade 500 000 Mark in ein neues Zellstossunter­nehmen gesteckt und daher keine größere Geldsumme flüssig habe. Und so mußte sich der fabelhafte Riese aus dem wilden Wesren schließlich unverrichteter Sache ungnädigst verabschieden.

** Das Gießener Universitätstaschenbuch, ,herausgegeben von der Hof- und Universitätsbuchhandlung August Frees, ist wieder prompt mit Beginn des neuen Semesters erschienen. Eine Hauptzier ist diesmal ein vor­

früheren Jahre. Richt zu vergessen sind dann noch die Sonderzüge für das hier einrückende Militär, im großen! und ganzen also eine große Arbeit, die geleistet werde« muß. Auch im tgl. Schloß dürfte die Zusammenkunft beider Monarchen mit den vielen Fürstlichreiten manches Kopf­zerbrechen verursachen, das Unterbringen aller Herrschaften mit dem großen Gefolge wird natürlich noch viel schwieriger ein, wenn wirklich auch die beiden Kaiserinnen hierher kommen werden. Man sieht, wie viel Köpfe, wie viel Hände die zu erwartenden Festtage in Bewegung setzen werden; beteiligt sich nun auch die Bevölkerung durch Ausschmückung der Häuser usw., dann dürfte der Verlauf glänzend sein.

a. Marburg', 28. Ort. Der nationalsoziale Verein hat in seiner gestrigen Sitzung, der Reichstags- abgeordneter von Gerlach beiwohnte, einstimmig beschlossen­den Parteigenossen in Stadt und Land zu empfehlen, nur olche Wahlmünner zu wählen, die bereit sind, dem natio­nalliberalen Kandidaten Pros. Lehmann chre Stimme zu geben. Wenn dieser sich auch nicht zu der von den Rationaljozialen dringend erhobenen Forderung des Reichstagswahlrechts für den Landtag bekennt, so verlange er doch eine Reform des bestehenden Dreiklasjenwahlrechts. Seine sonstigen Forderungen seien derart, daß die National­sozialen ihm ihre entschiedene Unterstützung leihen könnten. In einer öffentlichen, nur schwach besuchten Versamm­lung des Bundes der Landwirte sprach heute nach­mittag der Bundesdirektor Dr. Dietrich Hahn über die Ausgaben des kommenden Landtags. Es bestätigt sich, daß die Bürrdler im Verein mit den Antisemiten dem von ttmser- vativer «Seite wieder aufgestellten Landrat von Negelein einen eigenen Kmrdidaten entgegenstellen werden. Ein be­stimmter Viame wurde noch nicht genannt.

Vermischtes.

* Altona, 28. Oft. In der Gustavstraße erschoß heute nachmittag ein Steward eine Buffetiere, die er längere Zeit mit Liebesanträgen verfolgt hatte, von der er aber abgewiesen war. Ter Mörder tötete sich darauf durch einen Schuß in den Kopf.

* Dessau, 28. Ott. Der herzogliche Kapellmeister Mikorey wurde auf der Straße von dem Opern­sänger Kienlechner, der früher dort an der Hofoper tätig war, auf der Straße zur Rede gestellt und mit der Faust ins Gesicht geschlagen, zu Boden ge­worfen und mit Füßen getreten, well er an­geblich Kienlechners Tätigkeit in Bayreuch einer abfälligen Kritik unterzogen haben soll.

* Stuttgart, 28. Ott. Zu Ehren der Aufstellung des Denkmals für Franz Liszt in den königlichen Anlagen sand heute mittag bei der Herzogin Wera ein Essen statt, bei dem auch Liszts Enkel, «Siegftied Wagner, erschienen Ivar. Das Hoftheater feiert die Aufstellung des Denttnals durch eine 'Festvorstellung mit LisztsHeftiger Elisabeth".

* London, 28. Ott. Der deutsche Vizekonsul Otto Trond e wurde heute in der Hugh end cmsttaße in Glasgow mit einem Schuß in dem Kopfe tot auf­gefunden. Seine Frau erttärte, ihr Mann habe in letzter Zeit ein eigentümliches Benehmen gezeigt.

* Ueber Kaiser Friedrich und die aka­demische Jugend erzählt Herm. Müller-Bohn in der Tägl. Rundschau" folgende Geschichte: In einem be­sonders nähen Verhältnis hat Kaiser Friedrich stets zur akademischen Jugend gestanden. Gern und oft wellte er in chrer Mitte, Me studentischen Bräuche dabei stets aufs genaueste befolgend. Als die Universität Königsberg, die älteste Preußens, am 18. Oktober 1861 dem Kronprinzen die höchste akademische Würde, das Amt eines Rector magni- sicus überttagen hatte, beteiligte sich der Kronprinz auch an dem Kommers, der am Abend desselben Tages in dem Sommerlokal derBörsenhalle" zu Königsberg stattfand. Der offizielle Teil des Festes mit seinen Reden und Toasten war zu Ende und eine Pause eingetreten, während welcher die zahlreichen Teilnehmer in dem anstoßenden Garten die schon ein wenig heiß gewordenen Köpfe in der kühlen Abendluft badeten. Auch der Kronprinz, die Zigarre im' Munde, und die Hände nachlässig in den Taschen, trat in Begleitung des Oberpräsidenten v. Eichmann und des Po­lizeipräsidenten v. Maurach hinaus und ließ sich bei der Ge­legenheft die draußen sich ergehenden Studenten vorstellen, jeden einzelnen mit einer liebenswürdigen Anrede erfteuend. Ta nahte sich auch eine etwas schwankende Gestalt, welche zur Aufrechterhaltung des Gleichgewichts die Unterstützung zweier Kommilitonen bedurfte. Erschreckt winkt Maurach den Begleitern ein energischesZurück!" zu, allein der Kron­prinz hat die Gruppe bereits bemerkt und meint :Warum zurück? Wenn ihm das Gehen schwer wird, will ich rhm entgegengehen. Und in der Tat macht er ein paar Schritte auf den schwer Geladenen zu, der nun notgedrungen vor­gestellt werden mußte.Sagen Sie mal, lieber Kommili- roite", wendet sich der Kronprinz in heiterster Laune an den keineswegs verdutzten Bruder Studio,ich bemerke hier an den Mützen Ihrer Kommilitonen bald einen großen, bald einen kleinen Albertus (das von den Studenten Körngs- bergs silberne oder goldene Bild des Gründers der Uni­versität), woher kommt das wohl?" ,,Ja, sehen «Lie, Kö­nigliche Hoheit", entgegnet ungeniert der akadenn.che Bürger in überströmender Biergemütlichkeit dem Prinzen auf die Schulter,das kommt so: wer viel Geld hat, der kooft sich 'nen großen, und wer wenig hat, der kooft sich 'nen kleenen."Na", antwortete nun der hohe Herr mit Schmunzeln, indem er sich zum Weitergehen wendete:Sie haben sich aber 'nen großen gekooft."

* Einen bitterbösen Ehe träum hat eine Ber­liner Schauspielerin soeben durchkosten müssen. Frl. B, die Tochter eines Berliner Agenten, lernte einen Sports­man kennen uiiü ging mit ihm ein Verhältnis ein), das zu einer Ehe führen sollte. Der Herr nannte sich Harry Jacsons und verfügte über reiche Mittel. Bevor er mit der Schauspielerin Hochzeit machen konnte, müßte er, wie er seiner Geliebten erzählte, eine Reise nach Mailand unter­nehmen, an die sich die Heirat anschließen sollte. Von Mailand erhielt Fräulein B. einen Brief, in dem ihr Zu­künftiger mitteilte, daß er zu seinem Bedauern nicht nach Berlin reisen könnte. Dagegen wollte er sich mit Frl. B. in Straßburg treffen, von dort mit ihr nach Paris fahren, und hier sollte dann die Trauung stattfinden. Me Dame gab in vollem Verttauen ihre Theaterstellung auf, traf mit ihrem Verlobten in Straßburg zusammen und reiste mit ihm nach Paris, von wo beide die Rennen in Ach­tes Bains besuchten. Nun fand auch die freilich eigenartige Trauung statt. Jacsons mietete in Paris ein leeres Zimmer; als Trauzeugen waren zwei seiner Freunde, ein Deutscher und ein Franzose, zugegen; ein Geistlicher erschien und nahm die Trauung des Paares vor. Die Neuvermählten unternahmen nun ihre Hochzeitsreise, besuchten Ostende, Baden-Baden, Düsseldorf, Köln, Hoppegarten, Barmen,

treffliches, aus der MünchenerJugend" her allgemein bekanntes Lenbachsches PortE Bismarcks. Im übrigen ent- 1 hält es wieder ein vollständiges Vorlesungsverzeichnis und andere für die akadi Bürger wertvolle Angaben, wie die Pronrottonsordnung, die Preisaufgaben, eine Zusammen­stellung sämtlicher hiesiger akad. Vereinigungen, einen Führer durch« die Stadt rc. Das Büchelcl)en steht allen Interessenten umsonst zur Verfügung und kann in der Buchjhandftmg in Empfang genommen werden.

S. Lang-Göns, 28. Ott. Unser Bahnhof wftd gegenwärttg bedeutend erweitert. Die Arbeiten werden von Unternehmer Weimer-Gießen ausgeführt. Das Gelände ist Schalsteinfelsen, weshalb die Arbeiten nur lang- am vorwärts schreiten. Für den Umbau des Bahnhofs ind 200000 Mark vorgesehen. Der Provinzialdirektor und der Kreisbaurat aus Gießen wellten kürzlich hier, um das Gelände zu besichtigen, da die Verlegung einer Straße und eine Brücken er Weiterung erforderlich sind.

w. Krofdorf, 27. Ott. Die auf Anregung des Kreis­verbandes Wetzlar seit Herbst 1900 ins Leben getretenen Wanderbüchereien werden in diesen Tagen wieder zwischen den Gemeinden gewechselt. Die Wanderbüchereien ind vielfach verbessert worden.

R. B Darmstadt, 28. Ott. S. K. H. der Groß­herzog kam heute vormittag nut derKaiserin von Ruß­land mft Automobil nach Darmstadt Während sich die Kaiserin ins Alte Palais begab, fuhr der Großherzog nach dem Residenzsclftoß, wo er eine Anzahl Audienzen erteilte. Mit dem 12 Uhr-Zug begaben sich beide Furstlichkeften wieder nach «Schloß Wolfsgarten zurück. Dem Konzert des russischen Kir chensän g er cho r s, das heute nachmittag in der Hofkftche stattsand, wohnten die russi­schen Majestäten, der Großherzog, Prinz und Prinzessin Heinriche und Prinz Andreas mft Gemahlin bei. Das von der Kaiserin ausgestellte Progrcunm trug die Ueberschirift: Einige kirchliche Gesänge, vorgetragen von den Sängern der kaiserlich russischen Hofkapelle rc." Der Sängerchor mft den überwiegend jugendlichen Knabensttmnren sang im ganzen 12 kleinere russische Lieder und Gesänge, deren un­gemein feierlicher Ernst und Weihestimmung ergreifend auf die Zuhörer ellftvfttten. Die Gesänge, die beim Gottesdienst nur Telle einer langen, zeremoniellen Handlung sind, tragen naturgemäß auch meist einen starken monotonen Charatter, doch rufen andere wieder, wie dasOttsche nasch", das russischeVater unser" in der Musil von Schere- metjcw, oder das^eiliger Gott, erbarme Dich unser" von Tschajkowsky, eine tief dramattsche Wirkung hervor. Von herrlicher Schönheit war auch derCherubim Lobgesang" von Tschajkowsky und mehrere kleinere Gesänge von Lwow und Bortnjausch. Die Sänger zeigten eine außerordentlich hoch entwickelle Gesangstechnik und Harmonie, und eine bewundernswerte Zungengeläuftgkeft entwicketten sie in dem Hosspody pomlluj" (Herr, erbarme Dich.), das am Fest der Kreuzerhöhung 40mcU wiederholt wird. Der seriöse Baß, der l>ier stimm führ end eintritt, rief allgemeine Bewunder­ung hervor. Eure große Ehre wurde der Dar mstäd ter Möbelfabrik und Kunftsalon durch den wiederholten Besuch des Kaisers und der Kaiserin von Rußland, sowie I. K. Hoheften des Großherzogs und Prinzessin Heinrich von Preußen nebst Großfürsten uird Prinzessinnen zu teil. Me hohen Herrschaften, welche fast eine volle Stunde in dem Etablissemenr verweilten, zeigten großes Interesse für die reichhaftige Ausstellrurg. eie sprachen sich wiederholt über die bedeutende Leistungsfähigkeft der rührigen Fftma in anerkennenster Weise aus und machten, wie schon ftüher auch diesmal bedeutende Ellrkäufe insbesondere für Ruß­land.

Darmstadt, 27. Ott. lieber römische Baureste im Ried wftd derDarmst. Ztg." geschrieberr: Im Lause der vergangenen Woche wurden in der Gemarkung von Klein-Rohrheim auf einem dem Gastwirt Herrn Gampel gehörigen Acker größere Mauersteine, Schieferstücke, Estrich­brocken, 5)0hl- und Flachziegel ausgepflügt, die einem größeren römischen Gebäude angehört haben müssen, das etwa 500 Meter von der im Jahre 1883 von Hofrat Kofler aufgefundenen römischen Straße (sog. Tra- jcmsstraße) entfernt ist, welche Aiainz über Kostheim und Ladenburg mit Basel verbunden hat. Da der Acker gerade zur Aufnahme von Wintersaat vorbereitet wurde, so wird erst nach geschehener Ernte eine Untersuchung der Stelle stattfinden.

Weinheim a. d. B., 27. Ott. Vorgestern wurde, wie dieWorms. Ztg." schreibt, die 22jährige Dienstmagd Bar­bara Lang in Heddesheim ermordet. Der als mut­maßlicher Täter verhaftere, 19 Jahre alte Taglöhner Joh. Knapp von da leugnet die Tat. Die Leiche der Ermordeten wurde am Sonntag morgen auf einem Acker bei Heddes­heim gefunden. Tie Hände des armen Opfers waren in den Boden eingewuhlt. Einige Schritte von der Leiche ent­fernt lag ein blutiges Rübenmefter. Bei der gestrigen Sektion |ani) man am Halse (leben Schnittwunden, darunter eine ca. zwei Finger breite, von einem zum anderen Ohre führende Wunde. Selbstmord ist ausgeschlossen. Knapp wurde am Samstag abend von etlichen Personen bei der Lang gesehen, mit welcher er schon längere Zeit ein Ver­hältnis unterhielt, das nicht ohne Folgen blieb. Es dürfte deshalb wohl anzunehmen sein, daß die in Aussicht stehende Alimentation den 19jährigen Menschen zu der verwerflichen Tat veranlaßt hat. viach der Sektion wurde Knapp in das Landesgefängnis nach Mannheim abgeführt.

Bin gen, 28. Ott. Der 19 Jahre alte Techniker Friedr. Hohweiler aus Neustadt a. d. H. hatte nach einer Bier­reise gewettet, innerhalb weniger Minuten vier S ch o p p e n n e u e n W e i n zu trinfen. Er löste seine Wette ein, verfiel aber kurze Zeit darauf in Bewußtlosigkeit und Krämpfe, von denen er erst nach 20stündiger Tätig­keit befreit werden konnte. Heute früh ist Hohwefter jedoch gestorben. Hohweiler war der einzige Sohn seiner Eltern und erst vor 14 Tagen nach Bingen gekommen.

Wiesbaden, 29. Okt. Der Zusammenkunft der befreundeten Monarchen werden auch, wie jetzt verlautet, die Zarin und unsere Kais er in beiwohnen. Von Fürst­lichkeiten sind der Groß her zog von Hessen, Prinz und Prinzessin Heinrich von Preußen, Prinz und Prinzessin Friedrich Karl von Hessen, Prinz und ' Prinzeo'in Andreas von Griechen land bestimmt hier zu ebwarten. So viel Militär, wie in der nächsten Woche > hier zusammengezogen wird, hat,^ so lesen wir imRhein. , Kur.", Wiesbaden wohl seit 1870 nicht mehr in seinen . Mauern gesehen. Es ist natürlich, daß das hier zu er* ; wartende Schauspiel eine ganze Anzahl Schaulustiger in unsere Stadt ziehen wird, es wird daher unserer Bahn- : Verwaltung eine große Aufgabe harren, die bei den schwie­rigen Bahnhofsverhaltnissen nicht unterschätzt werden darf. , Zu dem Andrang des Publikums, welches erwartet, richtig [ oefördert zu werden, tömnft für die Verwaltung die Unter* . bringung zweier Hofzüge von gewaltigem Umfange, dazu - der Güterverkehr, der jetzt so stark ist, wie noch in keinem

Dieselbe Erfahrung machen viele andere Geistliche und Lehrer. Schon oft hötte ich Lehrer klagen: Am Montag ist mit meiner Klaffe gar nichts anzufangen. Was ist die Ursache? Die Eltern kümmern sich nach meinen Erfahrungen zum größten Teile gar nicht oder recht mangelhaft um ihre Kinder und darum, ob sie in der Schule etwas lernen. Ich kenne einen Lehrer, der sich bei einem Arbeiter über die Faulheit seines Sohnes (er ist 11 Jahre alt und kann noch nicht lesen) beschwerte. Er bekam eine Antwort, die ihm das Beschweren verleidet. Solcher Analphabeten kenne ich mehrere, zum teil im höheren Alter! Am Kirchweihfest oder bei anderen Festlichkeiten werden die Kinder von zahlreichen Eltern auf den Tanzboden mitgenommen, ja es wurde schon bemerkt, daß ein dreizehnjähriger Junge im Beisein der Eltern flott eine Tour mittanzte. Wenn die Reitschule (der Herr meint wohl das EKaruffell". D. Red.) fährt, sind die Kinder bis in die späte Nacht (10 Uhr und länger) an der Reitschule, sie haben Geld in der Hand, obwohl sonst arm. Wenn man aber am Montag morgen die bleichen Gesichter sieht und die müden Augen, dann möchte man lieber davonlaufen, als den ganzen Morgen unterrichten. Die Regierung sollte nicht die Erlaubnis geben, daß alle vier Wochen ein Witt Tanzvergnügen ab­halten kann; zum mindesten müßte verboten fein, daß Schul­kinder an solche Orte mitgenommen werden. Auch Vereine Könnten in dieser Hinsicht vieles wirken. Ich kenne Vereine, die mit Erfolg darauf gedrungen haben, daß an ihren Fest­lichkeiten kein Schulkind teilnehmen darf.

Ier Frozeß wegen Kindesunker^chievung gegen die Krafin Kwilecki.

EL

Berlin, 28. Ott.

Graf Hektor Kwilecki, Majoratserbe, falls der !Angettagte ohne mänrftiche Leibeserben sttrbt, sagt ans, ier habe nach dem Posener Zivftprozeß gegen seinen Vater auf Anerkennung des Kindes von einem Alaune aus Russischs- Polen die Nachricht erhalten, die Ossowska habe selbst den ^Meineid im Posener Prozeß eingestanden. Später teilte ihm ein Kaufmann Hechelsti mit, er wisse, woher der Knabe stamme. Mft seiner pekuniären Hllife ermittelte Hechelski iin Krakau namentlich, daß der Knabe das uneheliche Kind der Weichenstellerin Cäcilie Meyer war. Hierauf fuhr der Zeuge nach Krakau und machte dem Po- llizeich^s Mftteftung von der Kin d es unters chiebun g. Dieser legte der Meyer Photographien von Kindern vor imt dem Ersruhen, ihren Sohn herauszusuchen. Die Meyer be­zeichnete den angeblicherr kleinen Grafen wegen der Ae hn- lichkeit mitihrem älteren, vom selben V ater stammenden Sohne. Auch in Paris habe er belastende Feststellungen gemacht. Auf die Fwage, welches pekuniäre Interesse er an dem Prozesse habe, erklärt der Zeuge, in glänzender Vermögenslage zu sellr. Das Majorat sei ver­lottert und werde für eine Generation keinen Ertrag geben. Er handle mft Rücksicht auf die Reinheft seiner .Famllie.

Der Vater des Grafen Hektor sagt das Gleiche aus und erklärt außerdem, daß eines Tages an chn nach, dem ,^<otel de France" in Posen ein Telegramm mit den Wortenfenune trouvee,- mais dernande trop chöre" ge­kommen sei. Das Telegramnr war für den Angeklagten 'fttmrnt und wurde irrtümlicherweise ihm ausgehäubigt- schloß daraus, daß die Gräfin in Paris weile und Oer* qerweise nach einer Frau suchte. Er sei wohlhabend be fein pekuniäres Interesse an dem Ausgange des

attin des Dorzeugen glaubt aus den vor- g za. Photographien eine Aehnüchtert zwischen dem Knaben und der Famllie der Gräfin Kwileckr zu erkennen.

Fräulein Fabkinski stellt einer der Belastungszeugen, 0er Hedwig Andruszewska, ein sehr schlechtes Zeugnis airs und bestteftet entschieden, ftgenvwie beeinflußt zu fein.

Distriktskommis s ar Leit los aus Wrouke erklärt, die große Mehrzahl der Zeugerr aus Wroblewo und Umgegend 'seien nicht ernwandsrei, ihnen fei leicht zu suggerieren. Andererseits leisteten sie, um Feinden zu schaden, wohl auch -kinen Meineid.

Die Verhandlung wurde sodann auf morgen vertagt.