tote man weiß, die Annahme einer starken Sterger u n g der Nerven- und Geisteskrankheiten. Gewohn- lid) beruft man sich da puf das schnelle Wuchstnm der Anzahl von Irren, die in Anstalten Aufnahme gefunden haben. Drese iSrfdjrnrung beruht aber aus der zunehmenden Ueberzeugu.ng von der Notwendigkeit und Nützlichkeit der Anstaltspflege. So kam es, daß in der Zeit von 1871 bis 189o die Zal)t der in den Irrenanstalten Verwahrten um l>>0 Prozent st reg, während die Zahl aller Geisteskranken ui Preußen ui dem genannten Zeiträume nur um 16 Prozent zunahm. Die „Nervosität" als Zeitkrankheit betrachtet Abrufe nur als eine Kinderkrankheit" n u se r er u 11u r. Der Kulturmensch werde sich den veränderten Lebensbedingungen an- passen, der nervösen lleverreizung und Ueberbürdung fidji zu entziehen wissen, die nötigen Gegennrittel in Gestalt von Schulhygiene, Pflege des Spiels und des Sports, Vcr türmng der Arbeitszeit, Sonntagsruhe usw. ausfindig machen. Die „Dekadenz" in Literatur und 5lnii|t berührt, wie Kruse betont, nicht den Kern unseres VolksllimS: ihr Auftreten könne daher nicht als Vorzeichen eines Niederganges betrachtet werden: „In Wissenschaft und Technik, aus s o z i a l e m u n d w i r t s ch a f t l i ch e m Gebiete wird so viel gediegene Arbeit geliefert, die Bewegung, die durch unsere literarischen und künstleri s ch e n greise geht, ist s o k r ä s t i g, die K a m p f e s st i m m - ung, die unser öffentliches Leven beherrscht, ist jo gesund, daß man die genannten und andere geistigen und sittlichen Auswüchse immerhin in den Kauf nehmen kann."
Bom Vermögen der deutschen Staaten.
Die in den „Vierteljahrsheften zur Statistik des Deut- /chen Reichs" enthaltene Arbeit des Regierungsrats Professors Dr. Zahn uber die Finanzen der deutschen Bundesstaaten macht auch Angaben über die wichtigeren Bestandteile de-? Staatsvermögens. Gs handelt sich dabei einmal uni lieber schlisse früherer Jahre, soweit darüber noch nicht verfügt ist, sodann um das verfügbare und das bereits festgelegte Sraatcwermögen, ferner um Domänen, Forsten und Eisenbahnen, für welche Umfang und Anlagekapital, soweit möglich, angegeben ist.
Bei den Ueberschüssen ans früheren Jahren hat nach Den jüngst abgeschlossenen Rechnungen Preußen die erste Stille inne mit 196,5 Mill. Mk. Bayern folgt an zweiter Stelle mit 55,3 Millionen Mart Ueberfchuß, dann tommen Baden mit 22,5, Württemberg mit 11,3 und Lübeck mit 7,9 Millionen Mart. In feinem der anderen Staaten erreichte der Ueberschuß 4 Millionen Mark. Das Deutsche Reich schloß im Jahre 1900 mit einem Fehlbetrag von 1,9 Millionen Mark ab. Das Staats -und Kapitalvermögen des Reiches belief sich am 31. März 1901 auf 549,6 Mill. Mk., darunter 120,0 Mill. Mk. Reichstriegs- schätz, 367,4 Mill. Mk. Reichsinvalidenjonds und 55,0 Mill. Mark Betriebsfonds (eiserne Bestände) bei der Reichshaupt- tafje. Tas Staatsvermögen Preußens betrug 321,9 Mill. Mark, darunter Reservefonds der Rentenbanten 16,9, Betriebsfonds "her Hauptverwaltung der Staatsschulden 7,9, Staats-Aktiv-Kapitalienbestand 58,3, Kapitalkonto der See- Handlung 34,4, Grundkapital der Zentral-Genossenschasts- kasse 50,0, Ansiedlungskommission 120,5, Dahrlehnsforder- ungen 13,1 und für Kleinbahnen 20,8 Mill. Mk. Tas Kapitalvermögen von Sachsen belief sich auf 121,0 Mill. Mk., das von Baden auf 70,0, von Bayern auf 54,6, von Württemberg auf 48,8, von Braunschweig auf 44,8, von Mecklenburg- Schwerin auf 18,7 Mill. Mk. In keinem anderen Staate erreichte das Staatsvermögen die Höhe von 15 Mill. Mk. Bei den Domänen ist ein Wert nicht anzugeben, vielmehr können hier nur Zusammenstellungen über die Größe gemacht werden. In allen Bundesstaaten sind 662 211 Hektar Domänen vorhanden, wovon 335 518 Hektar, also mehr als die Halste, auf Preußens entfallen. Ten zweitgrößten Domänenbesch hat MLcklenburg-Strelitz mit 58 700; dann folgen Mecklenburg-Schwerin mit 56 001, Bayern mit 42 567, Oldenburg mit 37 967, Braunschweig mit 2d 185, Anhalt mit 18 701, Baden mit 18056, Hessen mit 16 541 und Württemberg mit 9800 Hektar Domänen. Sachsen hat nur 3849 Hektar. Gar keine Domänen besitzen S.-Altenburg, Schwarzburg-Sondershausen, die beiden Reust, Schaumburg- Lippe, Bremen und Elsaß-Lothringen. Die Eisenbahnen der Bundesstaaten und des Reichs Haden eine Länge von 48 344,4 Km. und repräsentieren ein Aktienkapital von 12 330 Millionen Mark. Preußen ist daran mit 31453,3 Km. und 7807 Mill. Mk. beteiligt; auf Bayern entfallen 5881,7 Km. und 1387 Mill. Mk., auf Sachsen 3005,5 Km. und 872 Mill. Mark, auf Württemberg 1904,0 Km. und 602 Mlll. Mk., auf Baden 1539,3 Km. und 560 Mill. Mk., auf Mecklenburg- Schwerin 1127,2 Km. und 119 Mill. Mk. und auf Hessen 1064,5 Km. und 289,6 Mill. Mk. Bon den kleineren Staaten hatten nur Oldenburg, Sachsen-Weimar und Sachsen-Mei- ningen, Hamburg und Bremen Eisenbahnbesitz. Das Reich verfügt über 1640,0 Km. Eisenbahnen, die ein Anlagekapital von 619 Mill. Mk. haben.
Deutsches Keich.
Berlin, 26. Juli. Man -meldet aus Mo: Die „Hohenzollem" trat gestern nachmittag von Tiger-, muten aus die Rückreise an. Um 5 Uhr wurde vor dem Eingänge des Holandsfjords Anker geworfen. Ter Kaiser unternahm darauf mit Gefolge aus dem „Sleipner" einen Ausflug in diesen Fjord hinein nach dem Svartisengletscher. Um 2 Uhr nachts wurde Mo erreicht, wv ein mehrtägiger Aufenthalt genommen wird.
— Die für den August geplante Seefahrt des Kaiserpaares mit dem Lloyddampfer „Kaiser Wilhelm II." ist verschoben worden.
— Wie aus London gemeldet wird, ist zwischen Kaiser Wilhelm und dem König Eduard für den Herbst eine Zusammenkunft vereinbart worden. Es sei aber noch nicht bestimmt, ob sie in England, Deutschland oder Dänemark stattfinde. Ter König erhielt in der vorigen Woche ein Handschreiben des Kaisers, das sich auf den Besuch bezog und das in den herzlichsten Tönen gehalten war.
— Der Kaiser hat an die Gattin seines verstör- zt-en en Religionslehrers Predigers Persius in< Potsdam von seiner Nordlandsreise folgendes Beileidstelegramm gerichtet:
„An Frau Prediger Persius, Potsdam. Die Nachricht von dem Heimgang Ihres hochverehrten Gatten und diesen für Sie, gnädige Frau, unersetzlichen Verlust erfüllt mich mit aufrichtiger Teilnahme, und ich füge gern hinzu, daß nicht nur seine vierzigjährige Tätigkeit an der Heiligengeistkirche, sondern auch sein Wirken als Seelsorger in meinem Elternhause unvergeßlich bleiben wird. Wilhelm."
Karl Gustav Adolf von Preußen vollendet am 27. Juli fein 15. Lebensjahr. Ter Prinz hat seine Namen nach seinem
Taufpaten, dem llönig jOskar von Schweden. Wie alle Dreußi- chen Prinzen gehört Prinz- Oskar seit seinem zehnten Lebens- ahre als Leutnant dem 1. Garderegiment zu Fuß an, gleichzeitig steht er a la suite des 3. Garde^Grenadier- Landwehrregiments. Er ist Ritter des Schwarzen Adlerordens, des Hohenzollernschen Hausordens, des Rothen Adler- und des Kronenordens. Zurzeit weilt der Prinz bei feiner Mutter, der Kaiserin, in Kabinen zusammen mit dem jüngeren Prinzen Joachim und der Prinzessin Viktoria Luise.
— In der Hedwigskirche fand gestern eine offizielle Gedenkfeier für den verstorbenen Papst statt. Die Kirche prangte in Tranerschmuck. Bon den Wänden hingen schwarze Belarien, der Hochaltar war von einem dichten Lorbeer- und Sluincnarrengcment umgeben. Die Kirche erstrahlte in Kerzenlicht. In der Mitte war unter einem Trauer-Baldachin der mit schwarzem Tuch bedeckte Katafalk ausgestellt. Auf ihm befanden sich Mitra und Schlüssel des Papstes, sowie das Kruzifix. U. a. erschienen Kultusminister Studt und Staatssekretär Graf PosadowSky. Die Honneurs machte Gras Talleyrand, der einzige Vertreter des römischen Malteserordens. Er empfing auch den als Vertreter des Kaisers erschienenen Erbprinzen von Hohenlohe. Ferner erblickte man unter den Trauergästen bleie Vertreter des diplomatischen Korps, der Parlamente, der Ministerien und des katholischen Adels. Die katholischen Studenten waren mit schwarz umflorten Bannern erschienen. Tas Requiem cclebrierte der Probst Neuber. Gesänge des Kirchenchors schlossen die Feier.
— Der Rücktritt des Ministers des Innern Frhrn. v. H a m m c r ft c i n und des I u st i z m i n i st ers Schönstedt wird in den „Pos. Reuest. Nachr." angekündigt zugleich mit dem Bemerken, daß der frühere ion)erbattü)e Abg. Frhr. v. Manteuffel, der Landesdirektor der Provinz Brandenburg, Minister des Innern und ein „wohl- bekannter Präsident eines Oberlandesgerichts in den östich en Provinzen Justizminister werden soll. Der Rücktritt beider Minister ist bekanntlich schon vor Monaten angekündigt, damals aber Dementiert worden.
— Ter frühere Staatssekretär des Reichsschatzamtes Wirkt. Geh. Rat v. Jacobi ist in Zinnowitz gestorben.
— Gestern hat in der Schultheig-Brauerei die Trcmer- eier für den verstorbenen Generaldirektor der Brauerei, Reichstagsabg. Richard R o e f i ck e ftattgefunben. Außer den Angehörigen d er Familie waren erschienen Theodor Mommsen, der frühere Handelsminister Frhr. v. Berlepsch, Ministerialdirektor Thiel, Unterstaatssekretär Dr. Hopf, ferner die hier anwefenoen sJJiitglicber der freisinnigen Vereinigung, Mitglieder der frei)innigen Vottspartei und der sozialdemokr. Fraktion, sowie Vertreter der Berliner und der Potsdamer Handelskammer und des Verbandes deutscher Berufsgenoisenschaften. Pfarrer Geh hielt die Gedenkrede, in der er hervoryob, daß der Verstorbene zwar nicht auf dem Boden der Kirchenleyre gestanden, aber jederzeit die sittlichen Forderungen des Evangeliuins sich zur Richtschnur seines Handelns gemacht habe. Aus dem Petri- kirchhose, wo die Arbeiter der Schultheißbrauerei Spalier bildeten, erfolgte die Bestattung. Eine erdrückende Fülle von Kränzen und Blurnenspenden wurden auf dem frischen Hügel niedergelegt.
— U eb e r den Empf an g des amerikanisch er: Eisenbahnkönigs Banderbilt durch die Spitzen der Behörden in Danzig wird in der „Rhein.-Westf. Ztg." und im „Hannov. Kur." geklagt. Die Blätter weisen daraus hin, daß dem Eisenbahnlonig auf kaiserlichen Befehl der Regierungsrat Korn zur Verfügung gestellt, der Regierungspräsident von Danzig und der wommanbeur der Leib- )usaren-Brigade General v. Mackensen Auftrag erhielten, ür die Begrüßung des amerikanischen Gastes Sorge zu ragen. In Danzig besichtigte Banderbilt, der nach der Rhein.-Westf. Ztg." 31 Jahre alt, nach dem „Hann. Kur." ein junger Mann von etwa 27 Jahren ist, die Sehenswürdigkeiten. Am Frühstück nahm der Regierungspräsident Jarotzky und Oberbürgermeister Ehlers teil. Dabei konzertierte die Kapelle des Danziger Fußartillerieregiments. Einer Einladung des Generals v. Mackensen Folge leistend, fuhr Banderbilt auch nach Langfuhr nach dem Leibhufaren- ofsizierskasino, wo er den Kaifersaal besichtigte. Zu dem Mahl, das Lakiderbilt an Bord feines Schiffes gab, waren u. a. General v. Mackensen, der Regierungsrat v. Jarotzky, der Oberbürgermeister Ehlers geladen. Bon Danzig begab sich Banderbilt zur Marienburg.
Kirche und Schule.
Zum Plan eines R e i ch s s ch u l a m t s hat sich der deutsche Gesandte in Bukarest in Der Antwort auf eine Eingabe des Verbandes deutscher Schulen in Rumänien dahin geäußert, daß die Anregung des Landesverbandes der deutschen Schulen Rumäniens wegen Einrichtung eines Atelde- amtes für deutsche Schulen im Auslande seitens des Reichskanzlers wohlwollend auf genommen morden sei.
Heer und Flotte.
Tie Hitzschläge bei den bosnischen M anö- vern. Bezüglich des Unglücks, welches das 12. Infanterie- Regiment während des Manövers in der Herzegowina betroffen hat, erfährt das offiziöse „Ungarische Korresp.- Bur." an maßgebender Stelle: Tie Mannschaften marschierten von Trebinje nach Bielek und stoaren mit allen Marfcherleichterungen versehen. Die Feldflaschen waren gep füllt. Wasser wurde auf einem Wagen nachgeführt. Die Hitze stieg auf 40 Grad Reaumur. Man beabsichtigte, das nahe gelegene Bielek sobald als möglich zu erreichen, um den Soldaten Rast zu gewähren. Einen Kilometer von Bielek jedoch wurden 11 Soldaten von Sonnenstich getroffen und starben. Die M ar o d en wurden auf Wagen nachgesührt; ihre Zahl ist noch nicht festge ft eilt, jedoch ist es unwahrscheinlich, daß die Ziffer so groß ist, wie sie in den Zeitungsberichten gemeldet wird. Strengste llntersuch.iing ist ein geleitet Die Verantwortung gegenüber den Schuldtragenden wird in größtem Maße an gewendet
Ausland.
Christiania, 26. Juli. Großes Aufsehen erregt hier, daß das Kriegsministerium einwllligte, die an Naturschön- heiten so reiche Insel „Ho v e d ö e n" am Einlauf von Ehristiania an eine französische Gesellschaft zum Preise von 750 000 Kronen zu verkaufen. Das Ministerium hatte der Stadt Ehristiania das Vorkaufsrecht gegeben: die Stadtoertretung lehnte das Anerbieten ab, sprach aber ihr tiefes Bedauern über den Verkauf der Insel zum Zwecke der Privatspekulation aus.
Petersburg, 26. Juli. In Baku haben die Arbeiterunruhen einen immer größeren Umfang angenommen. Unter den Naphta-Jndustriellen herrsasi die
Befürchtung, daß die Arbeiter die Petroleumvorräte und die Bohrlöcher in Brand stecken. Gestern war die Nachricht verbreitet, daß der Gouverneur von streikenden Arbeitern in seinem Hause geradezu belagert wird.
Konstantinopel, 26. Juli. Der deutsche Geschäftsträger Frhr. v. Wangenheim und Gemahlin und der deutsche Gesandte in Athen Prinz Ratib or, die Prinzessin von Natibor und Gras v. Saurma mit Gemahlin geb. von Nadowitz waren gestern zum Diner nach dem Iildiz eingeladen. Sie wohnten hierauf in der Loge des Sultans einer Aufführung von „Boccaccio" bei. Der Sultan, der von bemerkenswerter Frische und in bester Stimmung war, verlieh den deutschen Gästen Ordensauszeichniingen.
Washington, 26. Juli. Der Vertrag zwischen den Vereinigten Staaten und Dänemark über die Erwerbung der dänisch-westindischen Inseln durch die Union ist am 24. Juli durch Ablauf seiner Gültigkeitsdauer erloschen. Die Vereinigten Staaten werden wahrscheinlich keinen Vers n ch machen, einen neuen Vertrag abzuschließen, aber apch nicht dulden, daß Dänemark die Inseln an eine andere Macht abtritt.
Aus Stadt und Land.
Gießen, den 27. Juli 1903.
* * Personalien. S. K. H. der Großherzog haben der Gemeindehebamme Ai a r ia Büch ler zu Lengfeld die ilberne Dledaille des Ludewigs-Ordens und dem Bürger-^ meister und Ortsgerichtsvorsteher Georg Bauer IV. zu Schlierbach im Kreise Bensheim das Allgemeine Ehrenzeichen mit der Inschrift „Für langjährige treue Dienste" am Bande des Verdienstordens Philipps des Großmütigen verliehen.
* * 3uni Besten des Jnvalidendanks findet morgen am Dienstag, abends im Neuen Saalbau das bereits angekündigte große Extrakonzert unserer Militärkapelle statt. Bei ungünstiger Witterung ist das Konzert im Saale. Hoffentlich nimmt bei dem bevorstehenden Semester-Abschluß die Studentenschaft Anlaß, noch einmal recht zahlreich zu er-- cheinen.
* * Das 30jährige Stiftungsfest feierte Samstag und Sonntag der Verein „Union". Am Samstag fand im Neuen Saalbau ein überaus zahlreich besuchter Festkommers tatt, dem sich am Sonntag nachmittag ein fiohes Treiben im Garten bei Trescher u. Schwede!, der zu einem Jahrmarkt geschmückt und hergerichtet worden war, anschloß. Am Abend fand eine Ueberbrettl-Vorstellung statt, die Stimmung und Appetit vorbereiteten für das darauf folgende ausgezeichnete Festessen. In den folgenden Stunden flügelten die Fest- und Tischgenossen auf den beweglichen Schwingen des Tanzes von der reich besetzten Tafel weg zu den Ge- ühlen der Erholung und der Zurückführung in den Zu- tand normalen Wohlseins nach einer reichlichen, gesegneten Mahlzeit.
* * Ausflug des Bergmännischen Vereins. Um sich über die im Lahntal stark vertretene Mineralwasserindustrie und d-ie neuerdings hinzugekommene Koh- ensäuregewinnung aus eigener Anschauung ein genaues Bild zu machen, unternahmen die Mitglieder des hiesigen bergmännischen Vereins am Samstag eine Exkursion nach Selters-Löhnberg. Zuerst wurde der in der Nähe des Bahnhofs Löhnberg neu erbohrte Sprudel der Bohrgesell- chast „Hessen-Nassau" besichtigt. Dieser, in einer Teufe von 154 Meter erbohrte Sprudel bot den Besuchern einen ehr schösnen Anblick dar, und bald entfaltete sich eine Tätigkeit, die einer Trinkkur sehr ähnlich sah. Der stark kohlensäurehaltige Sprudel bringt pro Minute 400 Liter wohlschmeckendes Mineralwasser, welches er iy2 Meter hoch, auswirft, zutage. Die genannte Bohrgesellschaft, welche noch mehrere Konzessionen in der fraglichen Gegend besitzt, betreibt gegenwärtig noch zwei weitere Bohrungen, welch« nach Ansicht Sachverständiger ebenfalls ein gutes Resultat ergeben werden. Nunmehr ging man zum Hauptzweck der Exkursion, die Besichtigung des Mineralwasser- und Kohlensäure-Werks „Selters Sprudel Augusta-Viktoria" über, wo Direktor Neidhart die Führung der Gäste durch die einzelnen Anlagen übernahm. Zunächst wurde das Mineralwasserwerk, welches mit dem Selters-Sprudel auf der linken Seite der Lahn liegt, besichtigt. Mittels guter maschineller Fülleinrichtungen werden hier durch fleißige Mädchenhände täglich ca. 10000 Gefäße mit Wasser gefüllt und versandsähig verpackt. Die gefüllten Kisten werden mit Kähnen auf der Lahn nach Station Löhnberg gebracht, von wo aus der Bahnversand vor sich geht. Nach Besichtigung der sämtlichen maschinellen Einrichtungen zur Gewinnung und Füllung des Wassers begab man sich nach dem Kohlensäurewerk, wo neben Direktor Neid hart der Erbauer deÄ Werks, Ingenieur Eigel, es übernahm, den Zweck der einzelnen Maschinen und Apparate zu erklären. Das zur Verarbeitung kommende kohlensäureyaltige Wasser gelangt von dem Selters-Sprudel mittels einer durch die Lahn gehenden Rohrleitung nach dem Kohlensäurewerk, ferner wird dem dicht bei letzterem gelegenen Wilhelmsbrunnen Wasser zur Verflüssigung von Kohlensäure entnommen. In dem Kohlensäurewerk wird in großen Gefäßen dem Wasser die Kohlensäure entzogen und letztere durch eine Reihe maschineller Anlagen auf immer höheren Druck gebracht, bis bei einer Kompression von 60 Atmosphären die gasförmige Kohlensäure, gleichzeitig unter dem Einfluß stetiger Abkühlung, in die flüssige Form übergeht. — Nachdem die Besichtigung, an der die Anwesenden, namentlich auch die Damen, mit lebhaftestem Interesse teilnahmen, beendet war, forderte Direktor Neidhart die Besucher in liebenswürdiger Weise auf, an den gedeckten Tischen Platz zu nehmen, und bald erholte man sich bei einem Imbiß und einem Glas Bier von den vorausgegangenen Anstrengungen. Alsdann nahm Direktor Marx als Vorsitzender des bergmännischen Vereins das Wort, um dem Aufsichtsrat der Selters Sprudel-Gesellschaft und Herrn Neidhart den Dank der Teilnehmer für die Erlaubnis zur Besichtigung der Anlagen, die liebenswürdige Führung und bte freundliche Bewirtung auszusprechen. Im weiteren Verlauf des Beisammseins wurden auch die Verdienste der Herren Wildenhayn und Schütz, welche gerade am selben Tage vor sieben Jahren den Selters-Spruoel erbohrten und alsdann das Werk gründeten, herorgehoben, und daß auch der Erbauer, Ingenieur Eigel, gebüyrende Worte der Anerkennung sand, versteht sich ganz von selbst. Mittlerweile rüstete man sich zu dem programmmäßig vorgesehenen Spaziergang von Löhnberg nach dem herrlich gelegenen Weilburg, während dessen Direktor Wildenhayn die in geologischer Beziehung interessanten Gebirgsschichten er- llärte. In Weilburg verweilten die Teilnehmer Der Exkursion noch einige Stunden in feuchtfröhlichem, durch Gesänge und launige Toaste gewürztem, Beisammensein, bis sie mit dem letzten Zug zu den heimischen Penaten zurück-


