Ausgabe 
26.9.1903 Drittes Blatt
 
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Nr. 226

Erscheint täglich außer Sonntags.

Dem Gtetzener Anzeiger werden tm Wechsel mit dem Kesfischen Landwirt die Siebener Familien« blätter viermal in der Woche betgeleßL

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Samstag Ä6. September 1903

Drittes Blatt.

153. Jahrgang

GiehenerAnzeiger

** General-Anzeiger w

Amts- Md Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

VeHagsprersr monallich7bPs., otertel- säbrlich Mk, 2.20; durch Aohole- u. Zweigstellen mouatltd) 65 Pf.; durch die Post Mk. 2. viertel- läßrL aasschl. Bestellg. Annahme von Anzeigen ür dre Tagesnummer .'iS Dormtttag» 10 Uhr. t etlenpret»; lokal 12 Pf^ auSwärtS 20 Psg.

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23. Kongreß des Deutschen Vereins für Armen­pflege und Wohltätigkeit.

(Eigener Bericht des Gieß. Arrz.) n.

Erne Besprechung schließt sich an diesen Vortrag nicht an, vielmehr tritt die Versammlung alsbald in bie Er­örterung seines Hauptthemas, die Frage des Verhält­nisses der Armenpflege zu dem Zwangs- (Fürsorge-)gesetz, ein. Diese Frage ist vor allem für Preußen brennend geworden. .Die Auslegung, die das preu­ßische Gesetz durch das Berliner KammergerichL gesunden hat, droht den günstigen Erfolg des Gesetzes sehr zu be­einträchtigen. Wahrend die Zahl der in Fürsorgeerziehung gegebenen Minderjährigen nach dem Erlaß des Gesetzes von 1901 im allgemeinen von 11000 auf 27 000 gestiegen ist, ist seit der Rechtsprechung des Kammergerichts die Zahl gerade derjenigen Kategorie, bei der am meisten Aus­sicht auf Erfolg zu erwarten ist, der Kinder unter 14 Jahren, die noch nicht verwahrlost sind, sondern nur in großer Gefahr stehen, stetig zurückgegangen. Der Grund liegt darin, daß das Kammergericht in der Mehrzahl dieser Fälle auf Grund von § 1666 des Bürgerlichen Gesetzbuches die Anordnung einer Vormundschaft und die Unterbringung der Kinder auf Kosten der Armenverbände für ausreichend hält. Tas Fürsorgeerziehungsgesetz habe nur eine sub­sidiäre Bedeutung, und trete erst ein, wenn die auf Grund des § 1666 getroffenen Maßregeln nicht ausreichen. Da die städtischen Armenbehörden ihre Verpflichtung auf Grund dieses Paragraphen bestreiten, so unterbleiben in zahlreichen Fällen die Anträge. Der erste Redner, Landesrat K ch m i d t- Düsseldorf, beklagte mit allen anderen diese Tatsache. Er lehnt aber zunächst die Unterstellung ab, als ob die Pro- vinzialverwaltungen das Kammergericht angerufen hätten, um sich ihren Verpflichtungen und der sich daraus er­gebenden Belastung zu entziehe. Im Gegentell hätten Annen verbände das Gesetz benutzt, um sich finanziell zu entlasten, auch in Fällen, in denen das Fürsorgeerziehungs­gesetz gar nicht Platz greife. Es Lonne aber kein Zweifel sein, daß die Auslegung des Kammergerichts den Sinn des Ge­setzes treffe. Umsomehr, als das Bundesamt für Heimajt- wesen die Verpflichtung der Armenverbände zur Fürsorge für ein Kind, das der Vormundschastsrichter seinen Eltern entzogen habe, um es vor Verwahrlosung zu schützen, das dadurch einerkünstlichen Hilfsbedürftigkeit' anheimgefallen sei, anerkannt habe. Aber auch auf dieser Grundlage könne das Nötige zum Schutz der mit Verwahrlosung bedrohten Kinder geschehen Allerdings müßte:: sich, die Armenver­waltungen entschließen, sich, den Entscheidungen des Kam- mergerichts und des Bundesamts für Heimatwesen, solange sie zu Recht bestehen, zu fügen. Vor allem müßten aber die Vormundschaftsrichster ihre Entscheidungen viel sorg­fältiger begründen, damit klar ersichtlich sei, ob wirklich die Bedingungen der Fürsorgeerziehung oder nur ein Fall der Armen für sorge gegeben sei. Ter zweite Referent, Magi­stratsassessor Schiller- Breslau, sucht demgegenüber nach- zuweiseu, daß das Gesetz nicht in dem behaupteten Sinne subsidiär sei, sondern daß der Gesetzgeber beabsichtigt habe, die Fürsorgeerziehung damit selbständig und vollständig zu regeln. Die von dem Bundesamt für Heimatwesen kon­struiertekünstliche Hllfsbedürftigkeit" sei unhaltbar. Er

führt dagegen die Geschichte der Entstehung des Gesetzes und starke innere Gründe ins Feld. Selbst in Fällen, in denen die Entziehung der Erziehungsrechte auf (Äund von § 1666 zur Verhütung von Verwahrlosung genügen könnte, sei das Verfahren meist so umständlich, daß die Fürsorgeerziehung weit vorzuziehen sei. Der dritte Referent, Amtsgerrchtsrat Dr. Köhn-Breslau, rühmt es dem Bürger!'. Gesetzbuch nach, daß es das Verhältnis der Eltern zu den Kindern und überhaupt jedes lltecht über Unmündige sehr energisch aus dem Gesichtspunkt einer Pflicht, und nicht der Macht, ausgestalte. Er erkennt an, daß aus den Motiven des Gesetzes hervorgehe, daß der Gesetzgeber üidirekt eine um­fassende Regelung der Zwangserziehung beabsichtigt habe. Dagegen hält er die Auslegung des Kammergerichts dem Wortlaut des Gesetzes entsprechend, aber auch auf dieser Grundlage ein durchaus genügendes.Eingreifen bei Gefahr der Verwahrlosung eines Kindes möglich sei. Es entspreche auch dem Sinne des Gesetzes nicht, wenn Armenverwalt- ungen versuchten, Kinder, die vorher auf ihre Kosten unter­gebracht worden seien, nach Erlaß des Fürsorgeerziehungs­gesetzes nun unter dieses Gesetz zu stellen. Es gebe auch sonst noch Fälle genug, in denen Fürsorge auf Grund von § 1666 angemessener fei. Jedenfalls habe die Entscheidung des Kammergerichts einen Anspruch darauf, respektiert zu werden. Trotz allem, was gesagt werde, handle es sich doch, nur um die Frage, wer die Kosten zu tragen habe. So lange die Rechtsprechung gütig sei, sei es Pflicht der Armen­verwaltungen, um der Kinder willen dce Kosten aus sich zu nehmen. In der Diskussion beleuchtet Oberbürger­meister Lentze-Barmen scharf die Umständlichkeit, Schwie­rigkeit und Unzulänglichkeit der Erziehruig auf Grund von § 1666, und bestätigt die ungünstigen Folgen, die die Ent­scheidung des Kammergerichts daher gezeitigt habe, daß zahllose Kinder der chnen zugedachten Fürsorge dadurch verloren gehen. Ter Landeshauptmann von Westfalen, von Holl, hält die Differenzen nicht für so groß, wenn Armen­verwaltungen und Provinzialverwaltungen gemeinsam das Interesse der Heranwachsenden Jugend in den Vordergrund stellen. Geh. Oberregierungsrat von M a s s 0 w hält eine gesetzliche Deklaration über den Sinn des Gesetzes oder allenfalls dessen Abänderung für unabweisbar. Er weist öafür vor allem auf die Unfähigkeit vieler kleinen Armen- verbände hin, die auf Grund vow § 1666 chnen angesonnenen Lasten zu tragen und die ihnen aufgelegten Aufgaben zu erfüllen. Die Interessen, die hier auf dem Spiel stehen, seien so wichtig, daß der Staat die Kosten nicht scheuen dürfe. Jedenfalls müßte, so lange der gegenwärtige Zustand nicht geändert sei, von der Möglichkeit der vorläufigen Unterbringung auch in den Fällen, in denen nachher § 1666 zur Anwerrdung komme, Gebrauch zu machen. Es sei aber ein Akt der Gerechtigkeit, daß die Kosten für diese vor­läufige Unterbringung auf die Staatskasse übernommen werden. Staatsrat Ja kste in-Potsdam oetont den un- günstigeu Einfluß, den die Auslegung des Kammergerichts auf die amtsgerichtlichen Entscheidungen übe. Der jetzige Zustand sei)altoar, und das müsse heute von der Ver­sammlung bestimmt ausgesprochen worden. Auf Borschilag des Vorsitzenden wird die Verhandlung um 2 Uhr ab­gebrochen und die Beschlußfassung über eine Resolution aus morgen ausgesetzt.

Vermischtes.

*OriginelleBerlinerBereinsnamen bringt ein soeben herausgegebenes Generalverzeichnis Berliner Vereine, das mehr als 3000 Adressen aufweist. Die wunder­barsten Vereinsnamen haben die Kegler entdeckt. Neben einerMobllen Acht" gibt es eineKalte Achte", dazu ge­sellen sich die KegelllubsNunue" undPmke". Recht energisch klingt der NameWilde Männer"; auch der Name Ratte" undRatze" kehrt oft wieder.Wüstenlatscher" ist jedenfalls ein richtiger Berliner Ausdruck, ebenso die Namen Gurke",Erpel" undFidele Frösche", die von den Kegel­brüdern zum Unterschiede von anderen Vereinen, die sich harmloser nennen, gewählt wurden. Eine zweite Kategorie, die recht sonderbare Namen aufweist, ist die Gruppe der Rauchklubs. Auf den Tabak, der dort konsumiert wird, beziehen sich die Namen nur in den seltensten Fällen. Kuba" undSumatra" ist allerdings einigemale ver­treten, aber hier hört es schon auf. Tann kommtSee­gras",Ohne Furcht",Feste Männer", alles Namen, die uns die Qualität des Krautes, das man raucht, ein be- denlliches Licht werfen. Charakteristischer find schon die NamenSieben roocht",Nasenwärmer" undSchmoock- brüder". Daß die Radsahrvereine Namen wieKlub der Harmlosen" imdWodan" wählen, dürfte auch wenig be­kannt sein. Skattkubs fehlen in einer Vereins-Stadt wie Berlin natürlich nicht, sie blühen aber recht im Ver­borgenen. Die Namen dieser Vereine beziehen sich in ber Regel auf das Kartenspiel, daneben gibt es Namen wie Deutscher Michel",Dalles",Sitzfleisch",Mt dem Haus­schlüssel" und andere, die auf die Dauerhaftigkeit der Vereinssitzungen Bezug haben. Unter den gemischten Ver­einen bieten manche Gelegenheit zum Spezialstuduun. Ta haben wir zunächst die seit vielen Jahren heimische Gesell­schaftBlaue Zwiebel", einen VereinUrfideler Kahl­köpfe",Verein der Achtmonatskinder" und viele andere, die aus einer übermütigen Laune entstanden sind. ,Bon den Billard-Klubs, die neuerdings zur Aufnahme kommen, haben nur einige originelle Bezeichnungen gewählt, so u. a. der Verein, der unter dem NamenNicht schielen" figuriert. Mit der jüngsten Gruppe der Vereine, mit den Ätterie- Vereinen, wollen wir unsere Zusammenstellung schließen. Ta sind zunächst die llassischen NamenGeduld",Froher Mut" undFüllhorn" zu finden. An den Burenkrieg er­innert der Verein ,ä8urenglück". Den Rekord in eiueur passenden Namen scheint jedoch der Verein erreicht ju haben, der den NamenSchweineglück" führt.

üchlffsnüchrichteil.

Norddeutscher Lloyd.

In Gießen vertreten durch Carl Loos, Kirchenplatz.

Bremen, 22. Sept. (Per transatlantischen Telegraph). Der Doppelschrauben -- SchnellpostdampserKaiser Wilhelm der Große", Kapt. O. Cüppers, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, ist heute 4 Uhr morgens wohlbehalten in Newyork angekommen.

Bremen, 23. Sept. (Per transaUantischen Tel^raph.) Der Doppelschrarlben-Postdampfer »Bremen", Kapctän R. Nierich, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, ist heute 3 Uhr morgens wohl­behalten i» Newyork angekommen.

llted Star Linie.

Ter Postdampser »Kroonlcmd" der Red Star Linie in Ant­werpen ist laut Telegramm am 20. September wohlbehalten w Newyork angekommerr.

Im oöereu Korlosftale.

(Originalartikel desGieß. Anz.")

Endlich, nach langem Harren prächtige Herbsttage. Wer sich irgend losmachen kann, sollte, wenn auch nur für eine Stunde hinaus und den-rper in der milden Herbst- famte baden, Herz und Gemüt entlasten von dem, was es bedrückt, im Anschauen der nmh langem Urrwetter nun wieder so herrlichen Heröstlandschaft. Wird möglich machen kann, geht weiter hüraus, für einen halben Tag. Man nmß kleine Entdeckungsfahrten machen in Wald urrd Feld, in Gegenden, die einem noch fremd sind. Sieht man nicht immer Altgewohntes, so wird die Beobachtungsgabe reger, das Interesse an allem, was man sieht, größer. Drese Anschauung treibt mich tveit aus der allzu gekannten Um­gebung der Stadt hinaus. Ich gehe auf die Dörfer.

Der Mittagszug hat mich in Hungen abgesetzt. Noch weiß ich nicht, lvohin. Ich will ntich vom Herbstwind treiben lassen, und dieser bringt mir wie von ohngefähr einen Be­kannten entgegen, der mir rät, Horloff aufwärts zu wcmderm.

Der Weg führt durch die Stadt. Mit Grummet beladene Wagen begegnen mir; auf Handkarren und in Traglasten wird Obst herein giebrcuht, leuchtende Aepfel und präch­tige Zwetschen. Der §erbft ist da, die Ernte geht ihrem Gude entgegen, emsig werden die Vorräte für den langen Winter hereingeschafst. Ich komme an der Dampfmolkerei vorbei, die schori draußen vor der Stadt Liegt. Dicht vor der Steinbrücte, die über die Horloff führt, wende ich mich links und folge ca. 100 Schritte der Straße nach Villin- gen. Ta fährt ein Holzstea rechts über den Straßen­graben in einen Pfad, der sich durch zahlreiche Garten zur Horloff durchwindet und dem rechten Ufer oerselven treu folgt. Nun brauche ich nicht mehr auf den Weg zu achten und darf mich nach anderem umsehen.

Heber mir, hoch in den Wipfeln der Pappeln, hat sich ein ganzer Flug Stare niedergelassen. Sie singen gemein­sam, wie sich's anhört, bunt durcheinander und doch klingt daS Durcheinander von Tonen harmonisch. Was mögen sie sich erzählen? Geht es ihnen iuie uns Menschenkindern? Loben sie den milden, sonnenhellen Herbsttag und klingt wehmütig hindurch die Sorge um die tömmenöen finsteren Tage, die so leicht Sorge und Not, Krankheit und Tod

bringen? Weit durch die herbslliche Luft tönt das Geschrei der Gänseherde. Die WiderstrebenderL werden durch die Hirtin zusammengehallen, welche mit dem roten Tuch an langer Weidenrute die Zänkischen umkreist. Hier und dort wird Gmumnet gemacht, ja noch gemäht, einzelne Zünder weiden da und dort auf den Leckern. Hier werden die Zwetschen von den Bäumen geschüllelt unä jubelnd lassen \ity die Kinder die Früchte auf den Kopf regrren, ein bischen weh darf es schon tun!

Zu meiner Rechten fließt die Horloff. Manchmal ist chr Lauf träge, daun wird die Strönnmg wieder stärker und die Wasserpflanzen nicken in der Strömung ununter­brochen. Die zierlichen Libellen fehlen schon, da und dort schießt ein Fischchen vom Rande des Baches in die tiefere Flut, ein leichtes Wölkchen von aufgerührtem Schlamm in dem klaren Wasser zurücklasserrd, entstanden durch die jähe, Bewegung der Schwanzflosse. Schmetterlinge, der Kohlweißling, der Trauermantel, der kleine Fuchs, schau­keln sich noch im Sonnenschein von Blume zu Blume.

In den Gärten zu meiner Linken sieht es schon gar herbstlich aus. Sie dienen in erster Linie dem Gemüse­bau, aber es fehll nicht an schönen Herbstblumen, denen überall ein Plätzchen eingeräumt ist. Noch heben die Dahlien stolz ihre Häupter, derennierende Pflox steht immer noch in Blüte, dazu gesellen sich die Astern und die, ver­schiedenen Strohblumen.

Die Lmhufer sind mit Weiden und Erlengebüsch be­standen. Hier und da erhebt sich aus dem Gebüsch auch einmal ein Daum. Da leuchtet mir auf einmal ein präch­tiger, ftischgrüner Strauch entgegen, der mit unzähligen purpurroten Mütenknospen bedeckt ist. In den nächsten iageii müssen sie aufbrechen, das muß ein wundervoller Anblick werden. Es ist das Pfaffenhütchen, die schönste, zierlichste Herbstblüte, die ich kenne und der ich eine treue Erinnerung bewahrt habe aus längst gescl>wuudenen Jugend­tagen. Der Strauch ist sonst ziemlich selten. Aber hier ent­decke ich nach und nady eine ganze Anzahl dergleichen Srräucher auf beiden Ujern der Hwrlofs.

Das Tal verengt sich. Auf dem Unten User beginnt der Wald, aus dem rechten User schwinden die Gürten, und Wiesen und Aeaer nehmen ihre Stelle ein. Dann folgt ein Waldstück und der steile Talraird nähert sich meinem Pfade. Da wird mir der Weg abgeschuitten, eine hohe

Einzäunung zieht sich durch den Grund, Heitert die Höhe hinauf. Ich besinne mich nicht lauge. Bin ich doch auf einer Entdeckungsreise, da dürfen Hindernisse nicht cwschrecken. Die Umzäuimng ist tveit genug, um mich, den wenig Um­fangreichen, durchzulassen. Ick) bin rasch auf der anderen Seite, imd Leute belehren mich, daß ich in der Fohlenweide, im sogen. Tiergarten bin.

Jetzt weiß ich Bescheid, das ist die F 0 h l e n w e i d e im Tiergarten bei Hungen, die der landwirtschaftliche Verein für die Provinz Oberhessen vor einigen Jahren, eröffnet hat und in die die Landwirte Oberhessens ihre ein- unb zwei- und dreijährigen Fohlen in Pension schicken, damit sie hier in Licst und Sonne sich tummeln, Muskeln und Sehnen im raschen Lauf stärken und sich so für ihren Beruf vorbereiten.

Da stzhe ich auch oben hoch über dem linken Horloffufer die zur Stadt gehörenden Gebäude, die Familienwohnung des Aufsehers der Weide, die Stallgebäude, die Schuppen für Heu und Stroh, den Brmmen mit dem langen Wassertrog siir eine ganze Reihe von Tieren, die hier nach Belieben ihren Durst stillen Eömien.

Ich sehe mich auf einmal in der Mllte von weit aus­gedehnten, eingezäunten Weideschlägen, das reine Tischlein deck dich für Fohlen und Rinder, die in zwangloser Be­wegung sich tummeln, aber auch ihre Nahrung hier finden sollen. Ist der eine Weidenschlag kahl geweidet, so öffnet sich den Tieren der andere. Und wieder andere Schläge liefern das Heu, das an regnerischen, stürmischen Tagen den Tieren neben der regelmäßigen Haferration verabreicht wird. Einsichtige Züchter von Pferden beabsichtigen ihre Tiere sogar im Winter hier zu lassen. Die Fohlen erhalten dann reichlicheres Futter, sie können nach Belieben im Stall bleiben oder sich aus den Weiden tummeln, die Stall- tür und ein ausreichender Weidefchlag steht ihnen tags­über immer offen. Die Erfahrung hat längst gelehrt, daß diese Lebensweise der jungen Pferde sie gesund und wider­standsfähig macht gegen Witterungseinflüsse, im Gegensatz zu den Fohlen, die den Winter über angebunden an der Krippe, in meist zu warmen Ställeic stehen. Im Vorsommer sind diese danic so empfänglich für die Kirwerkrankheiten, denen auch das Pserdegefchlecht unterworfen ist. An Wind und Wetter, an Sonne und Luft, an freie Bewegung ge­wöhnte Tiere überstehen diese Krankheiten in der Regel