Ausgabe 
25.11.1903 Zweites Blatt
 
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zahlen müßten : was sie bisher nicht brauchten!- wollen diese treuen Unterthanen nichtabgetreten" werden.

* Löhlein-Büste. Zur feierlichen Enthüllung einer Löhlein-Büste in der hiesigen Frauenklinik hatten sich, so erfahren wir, heute morgen um 10 Uhr außer der Familie des Verstorbenen Mitglieder des akademischen Lehrkörpers, Verehrer, Freunde und frühere Schüler versammelt. Der jetzige Leiter der Frauenklinik, Prof. Dr. Pfannenstiel, hielt eine Gedächtnisrede.

Das Einfrieren der Haus-Wasserleitungen. Wir machen auch an dieser Stelle auf die in heutiger Nummer veröffentlichte Bekanntmachung des städt. Gas- und Wasser­werks, betreffend Vorkehrungen gegen das Ein­frieren der Haus-Wasserleitungen, unsere betei­ligten Leser aufmerksam. Es kommen nach vorliegenden Er­fahrungen immer noch größere Beschädigungen und namhaftere Wafferverluste vor, welche den Hausbesitzern zum mindesten unerfreuliche Ausgaben verursachen, die vermieden werden könnten. Es empfiehlt sich daher, diesen Abdruck derVor­kehrungen u. s. tu/ aufzubewahren und genau zu befolgen. Hinsichtlich der Ausführung von Schutzvorrichtungen, Ein­winterungen, Auftauung und Reparaturen wird die rascheste Abhilfe dann ermöglicht werden, wenn insbesondere in solchen Fällen der Schlußabsatz der heutigen Bekanntmachung be­achtet wird.

"'Ein Kursus für Fleischbeschauer hat gestern hier begonnen. Es nehmen daran ca. 120 Fleijchbeschauer aus der gesamten Provini Obcrhcffcn teil. Der Kursus wird geleitet von Schlachthausdirektor Liebe und der theoretische Teil der Ausbildung findet in dem Saale der Haubach'schen Wirtschaft gegenüber dem städtischen Schlachthaus statt. Die praktische Anleitung wird in Abteilungen im städtischen Schlachthof ausgeführt.

** Der VereinKanaria* für Gießen und Um­gebung, wird am 22., 23. und 24. Januar 1904 seine erste allgemeine Ausstellung edler Kanarien, in- und ausländischer Sing- und Ziervögel sowie von Hilfsmitteln zur Zucht und Pflege 20. in den Räumen des RestaurantPostkeüer" ver­anstalten. Mit der Ausstellung ist eine Verlosung von Kanarienhähnen verbunden, wodurch den von Fortuna be­günstigten Liebhabern unseres gelben Stubengenossen Gelegen- heit geboten ist, für wenig Geld m Besitz eines guten Vogels zu kommen..

)( Grün berg, 23. Nov. Der hiesige Zweigverein des Evangelischen Bundes veranstaltete heute abend seinen ersten Familienabend, wobei Pfarrer Fritsch-Rup­pertsburg einen populären Vortrag über die evangelische Bewegung in Oesterreichs hielt. Der Kirchengesangoerein trug zur Verschönerung des Abends bei. Die noch mift- stehende Vorstandswahl wurde so erledigt, daß Pfarrer Schmidt als Vorsitzender und Oberamtsrichter M-ickel, H. Sehrt, Lehrer Iioth und K H. Jöckel zu Beisitzern gewählt wurden. Zlm Samstag abend wurde hier ein Eisen­bahnerverein gegründet, dem außer den hiesigen Be­amten und Arbeitern auch diejenigen der nächstliegenden Stationen beitraten, zusammen 38 Mitglieder; weitere An­meldungen stehen in Aussicht. Zum Vorsitzenden wurde Stationsvorsteher Eise von Mücke gewählt. Auch der vor etwa zwei Jahren ausgelöste Musikverein wird sich nach den bisherigen Besprechungen wieder konstituieren; als Dirigent würde ein Herr Leidicker von Gießen fungieren.

Nieder-Moos, 24. Nov. Schon lange Jahre ging man mit dem Gedanken um, hier eine Molkerei zu er­richten. Unser früherer Pfarrer Herr ^criba hat sich damals alle Mühe gegeben, das Werk ins Leben zu rufen, aber c- wollte nie zunr Zweck und Ziel kommen. Als er fort war, war auch die Molkerei wieder in Vergessenheit geraten, bis endlich unser Herr Bürgermeister die Sache wieder in die Hand nahm urrd es nach vieler Mühe es auch glücklich zur Ausführung brachte. Dieser Tage ist sie, nach dem Lauterb. Anz., eröffnet worden durch den Moolkereiinspektor Henkel aus Darmstadt. Der Betrieb ist vorläufia Handbetrieb mit einem geringen Anfang von 200300 Liter täglich. Die Magermilch geht alsbald an die Lieferanten zurück und bloß der Rahm wird zu Butter verarbeitet. Das Gebäude ist aus Backstein ausgesührt und macht einen guten Eindruck. Die Teilnehmer haben sich zu einer Genossenschaft mit un­beschränkter Haftpflicht vereinigt und dem hessischen Landes­verband angeschlossen.

R. B. Darmstadt, 24. Nov. Der Finanz­ausschuß der zweiten Kammer hielt heute eine Sitzung ab und genehmigte die Schlußberichte über die Kürnbacher Angelegenheit und den Staatsvertrag mit der 9Lord- deutschen Hagelversicherungsgesellschaft. Beide Gesetzent­würfe sollen schon zum L Januar 1904 in Kraft treten, weshalb das Plenum der Kammer demnächst zu ihrer Genehmigung zusammenkommen muß. Da wider Er­warten der schon für vorige Woche angekündigte neue Haushaltsetat noch nicht vorlag, so vertagte sich der Aus­schuß bis Ende nächster Woche. Die Ueberreichung des neuen Etats an den Finanzausschuß soll bestimmt bis Ende der lausenden Woche erfolgen.

Mainz, 24. Nov. Wie das ,M. Tgbl/ erfährt, hat das Ministerium die Eingaben um Aufhebung des Nach­mittagsunterrichts an den höheren Schulen genehmigt. Die ausschließliche Einführung des Vormittagsunterrichts soll im Jahre 1904 erfolgen.

Aiainz, 24. Nov. Dieser Tage fand hier unter dem Vorsitze des Fürsten zu Löwenstein eme Konferenz der rhein- hessischen Mitglieder der Antiduellliga statt. Es wurde beschlossen, von der in Aussicht genommenen Grün­dung einer besonderen Mainzer Ortsgruppe abzusehen, und zwecks Vereinfachung der Geschäftsführung die Mitglieder aus Rheinhessen, ebenso wie die aus Oberhessen der bestehenden Ortsgruppe einzureihen und auf diese Weise eine gemeinsame Tandesgruppe für das Großherzogtum Hessen zu bilden.

^..Marburg, 24. Nov. Bei der heute vorge­nommenen Stadtverordnetenwahl übten in der 3. Klasse von 1876 eingeschriebenen Wählern 639, also 34% ihr Wahlrecht aus. Von den ausgestellten Kandidaten erhielt bei der Mannigfaltigkeit der Wahlzettel keiner die absolute Majorität. Spediteur Heppe, dessen Wahl der O b e r b ürger- meister zum Rücktritt veranlaßt haben würde, kam nicht in die Stichwahl. Die A rbeiterpartei, die zum ersten Mal mit eigenen Kandidaten auftrat, ver­einigte verhältnismäßig viel Stimmen für diese. Einer erhielt 97 Stimmen-; die Slichwahlberechtigung begann mit 166 Stimmen.

Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. In der Aktien-Zuckerfabrik in Groß- Gerau wurde der 21 Jahre alte Arbeiter Seebold au§

Erfelden, der in der Fabrik beschäftigt ist, von einer Trans­mission erfaßt und schwer verletzt. Ein Arm ist zerstückelt und ein Bein gebrochen; außerdem hat der Unglückliche schwere innere Verletzungen davongetragen. In Dienheim ge­rieten Scheune und Stallung des Landwirts Franz Duden- höfer in Brand. Mit knapper Not konnte das Großvieh u. s. w. gerettet werden, jedoch kamen 19 Hühner in den Flammen um. Große Vorräte Heu, Stroh, ein Wagen und verschiedene Ackergeräte sind verbrannt. Da Dudenhöfer nicht hoch versichert hatte, erleidet er einen bedeutenden Schaden.___________________________________________________

Vermischtes.

* Kiel, 24. Nov. Der Nordwest-O r k a n warf einen unbekannten Segler beim Passieren der Kieler Bucht an die Küste. DaS Schiff kenterte die Besatzung ist ertrunken.

* Barten st ein (Ostpreußen), 24. Nov. Während der Schlachthofsaufseher Pahlke an einem Gasmotor auf dem Schlachthof beschäftigt war, erfolgte plötzlich mit weit hör­barem Knall eine so furchtbare Explosion, daß das Dach des Gebäudes mit den Sparren und sämlliche Fenster- cheiben zertrümmert wurden. Leider sind auch Menschen dabei verunglückt. Ter Schl ach tchoss aufseh er P. ist lebensgefährlich verletzt. Ter im Schlachthofe anwesende Fleischermeister Pietratz hat so schwere Verletzungen er­litten, daß er in ärztliche Behandlung geschafft werden mußte. Als ein Glück ist es zu betrachten, daß die Explosion nicht während der Schlachtzeit erfolgte; da eine Menge Menschen zu dieser Zell dort anwesend sind, hätte das Un­glück entsetzlich werden können.

" Kattowitz, 24. Nov. In der Wohnung eines Grubenarbeiters wurde eine Falsch münze r-W e r k st ä tte entdeckt, in der 10 Markstücke angefertigt wurden. Der In­haber der Wohnung ist flüchtig.

London, 24. Nov. Im Gebäude der B a n k v o n E n g l a n d wurden heute auf den Sekretär der Bank, Herrn K. Graham, vier Revolverschüsse abgefeuert. Sie gingen aber alle fehl. Ein Schlauch mußte gegen den Attentäter in Tätigkeit gesetzt werden, ehe er verhaftet werden konnte. Der Mann heißt Robinson, ist dreißig Jahre alt und als irrsinnig erkannt worden. Er war vormittags zur Bank gekommen und hatte nach einem Beamten gefragt. Als man ihm sagte, er muffe warten, fing er laut zu schelten an und begann mit dem Revolver um sich zu schießen, ohne jemanden zu verletzen.

Innsbruck, 24. Nov. Als die italienischen Studenten gestern abend ihr Versammlungslokal auf- üchten, wurde das Bild des Kaisers mit den Landes­und Reichssarben herabgerissen und durch eine Dante- Büste und die Trikolore ersetzt.

* Zu der angeblichen Flucht der Prin­zessin Alicia von Schönburg-Waldenburg wird aus Dresden berichtet, die Prinzessin habe ihren Ge­mahl, den Prinzen Victor Friedrich Ernst, mit dem sie in Scheidung lebt, vor 3 Monaten verlassen und hält sich an­geblich in Italien auf. Ihr 1% Jahre altes Söhnchen hat die Prinzessin mitgenommen. Das Gerücht, daß sie sich bei einem Dresdener Kavalier befinde, zu dem sie Beziehung haben soll, bestätigt sich nicht. Tatsache ist dagegen aller­dings, daß ein früherer Kutscher, der mit der Angelegenheit ebenfalls in Verbindung gebracht wird, von Dresden ver­schwunden ist.

* Das Unwetter hat auch in Nordböhmen großen Schaden angerichtet und auch mehrere Menschenleben zum Opfer gefordert. Wie derVoss. Ztg/ aus Wien gemeldet wird, ist in Tennwald während des Schneesturmes ein be­trunkener Arbeiter auf der Straße erfroren. Im Walde bei Werchowitz wurden zwei unbekannte Leute erfroren auf­gefunden. Auf dem Jeschken-Berge bei Reichenberg wurde ein Handwerksburfche von einem umstürzenden Baume er­schlagen.

*Die italienische Verbrechens-Chronik der oberen Zehntausend ist um ein sensationelles Kapitel reicher. Diesmal handelt es sich um einen Ehemann, der feine junge und schöne Frau vergiftet um eines häß­lichen, dicken Stubenmädchens willen." Luigi de Medici ist der einzige Sohn eines Mailänder Großindustriellen, des Besitzers der größten italienischen Zündholzfabrik. Sie liegt in Magenta und beschäftigt über 1000 Arbeiter. Luigi de'Medici hat, wie man das bei den Söhnen reicher ita­lienischer Familien häufig findet, nichts gelernt und keinen Beruf. Er lebt von dem Geld seines Vaters. Im Alter von 25 Jahren verliebte er sich in die Signorina Ernesta Lardera, die Tochter eines wohlhabenden Arztes. Obwohl das Fräulein erst 17 Jahre zählte, willigte ihre Fmnilre doch sogleich in die Heirat, da die Leidenschaft des jungen Liebespaares zu jo hohen Graden gestiegen war, daß man, besonders von feiten des Bräutigams, irgend einen dum­men Streich befürchten mußte, wenn man aus einer langen Brautzeit bestanden hätte. Das erste Jahrzehnt der Ebe verstrich in Glück und Freuden. Die Signora Ernesta 6e Medici blühte zu einer glänzenden Schönheit auf und jpielte in der Mailänder Gesellschaft eine tonangebende "Rolle. Freilich hatte sie keine Kinder. Vor zwei Jahren nahm sie als Stubenmädchen eine gewisse Clementina Tosetti aus Brescia ins Haus, ein unhübsches, dickes Mäd­chen im Alter von 28 Jahren,- die ihrer Herrin alsbald eine fast hündische Treue und Anhänglichkeit bewies, sodaß die Signora de Medici nicht müde wurde, .ihren Freun­dinnen gegenüber die Clementinaals eine Perle von Wienerin" zu loben. Es dauerte aber nicht lange, so ver­breitete sich das Gerücht, daß auch der Herr de Medici ein gutes, allzu gutes Auge auf die Clementina habe, doch scheint dieses Gerücht die Signora de Medici nie er­reicht zu haben. Am 7. Oktober wurde die junge, blühende Frau plötzlich von schwerer Krankheit befallen; Dysenterie und Erbrechen. Erst nach mehreren Stunden wurde der Hausarzt gerufen, oer sogleich die Schwere des Falles er­kannte und noch zwei andere Aerzte holen ließ. Es war aber alles vergeblch. Die junge Frau verschied noch am selben Tage. Die Aerzte verlangten von Herrn de Medici die Ermächtigung, die Leiche zu sezieren, um die Natur der rätselhaften Krankheit feststellen zu lassen, erhielten aber eine abschlägige Antwort. Sowohl Herr de Medici wie das Stubenmädchen Clementina hatten sich während der kurzen Krankheit der Signora ganz verzweifelt geberdet und zu keinem Verdachte Anlaß gegeben. Aber wenige Tage nach dem Begräbnis stellte sich heraus, daß das Stubenmädchen völlig an die Stelle ihrer verstorbenen §etrin getreten war. Herr de Medici räumte ihr eines der schönsten Zimmer seines Hauses ein und überließ ihr sogar das Bett seiner verstorbenen Frau. Seinen Freunden gegen­

über spracht Herr de Medici häufig den Verdacht aus, daß seine Frau vergiftet worden fei, und zwar durch die Aerzte mit ihren Arzneien und Injektionen! Man gewann bei den Reden des Herrn de Medici den Eindruck, daß er gegen eine von ihm befürchtete Anschuldigung Vorbeugen wolle. Schließlich trat der Staatsanwalt der Sache näher. Er ließ die Leiche ausgraben und untersuchen. Es stellte sich heraus, daß die arme Signora durch Arsenik vergiftet worden sei. Heute früh, beim Morgengrauen, wurde mm zur Verhaftung des Herrn de Medici und seiner Geliebten geschritten. Das Mädchen bewahrte seine Ruhe.Ich kann mir schon denken, um was es sich handelt" sagte sie dem Polizeikommissär aber ich bin unschuldig,". Herr de Medici hingegen war völlig gebrochen und fiel bei 5er Ankündigung der Verhaftung in Krämpfe. Die Auf­deckung des Verbrechens erweckt in Mailand großes Auf­sehen. Man hofft noch immer, daß Herr de Medici un- chuldig sei und die ganze Schuld dem heuchlerischen Stu- benmadcyen zur Last falle, die auf den schwachen de Medici einen ganz rätselhaften Einfluß ausgeübt haben muß.

* Heber folgende köstliche Geschichte aus dem Stcfansreich spottet dieZell". Im ungarischen Parla­ment gibt es wieder einmal eine Ehrenaffäre. Der Abg. Olay hat [einem politischen Freunde und Obstruktionsge­nossen Polonyi seine Zeugen geschickt, um die Schmach, die dieser ihm angetan, in Polonyis Blute ab­zuwaschen. Es ist kein politischer Konflikt, wo man sich beiderseits damit begnügen kann, von ber Kugel des Gegners nicht getroffen zu werden, es ist eine ernste Sache, dazu ein seltenes Aüotiv: es ist eine gastronomische Ehrenasfäre. Olay und Polonyi waren zu einem Souper geladen. Man speiste vorzügliche und nach dem Dessert wurden Schalen mit warmem Was;er zum Ausspülen des Mundes gereicht. Wie Polonyi nun einigen Freunden und damit ganz Ungarn erzählte, hat Olay das Mund­wasserausgetrunken. Wenn nun auch kein Zweifel darüber besteht, daß Olay sein Mundwasser genießen konnte, wie er wollte, die Geschichte wirkt doch so komisch- als wenn sich einer unserer Gäste verpflichtet fühlen würde, die ihm gereichten Zahnstocher auf zu essen. Es ist ja dem armen Olay zu verzeihen, wenn er, der seit Jahren das kümmerliche Brot der Opposition ißt, bei dem Kulturraffine­ment des Mundwassers noch nicht angelangt ist. Es gibt übrigensbeste Familien", die sich, ebenfalls mit der trockenen Behandlung des Geheges ihrer Zähne begnügen. Höchst unschön ist es nur von Polonyi, der doch sein Mund­wasser nicht getrunken hat, daß er, wo er es doch so leicht hatte, nicht reinen Mund hielt. Hoffentlich sälll die Austragung dieser Ehrenangelegenheit nicht allzu blutig aus. Man denke nur, wie hart es wäre, wenn Olay jetzt auch noch totigeschossen würde, nachdem er heroisch das Mundwasser getrunken hat. Er nützt dem Armen nichts; er kann höchstens noch ein guter Politiker, vielleicht auch Mi­nister werden. Seine gastronomische Ehre ist dahin. Ströme von Mundwasser, Wälder von Zahnstochern können sie ihm nicht wiederbringen.

Gerichtssaui.

L. L. Darmstadt, 24. Nov Zu exemplarischen Strafen wurden heute von der hiesigen Strafkammer drei junge Burschen verurteilt, die trotz ihrer Jugend schon häufige BekamU- jchaft mit dein Gefängnis gemacht haben. Des Bandendiebstahls angeklagt waren der Metzgergeselle Friedrich Hoffmann aus Eitelbrunn (Pfalz), Jakob Eiche aus König i. O. und Johann S p a r r von yier, die ein förmliches Konsortium zur Ausübung des Diebeshandwerks gebildet hatten. Sie brachen gemein­sam auf einem Neubau des Bauunternehmers Mohr hier ein und entwendeten allerlei Bureaugegenstände, stahlen aus dem Bureau eines anderen Neubaus goldene Ringe, Geld und Wertsachen und vollführten auch gemeinsam Raddrebstähle; so stahlen sie dem Rechtsanwalt Dr. Osann II. vom Justizgebäude ein Fahrrad weg, einem andern Herrn eins vom Käßee Residenz u. f. w. Bei allen diesen Straftaten bildete der Angeklagte Sparr dieSeele" des sauberen Geschäftes. Er ist zwar schon vielfach vorbestraft, aber noch nicht wegen Diebstahls. Es wurde ihm eme Gesamtstrafe von 3 Jahren 1 Monat Zuchthaus zudiktiert. Hoffmann erhielt als rückfällig eine Gesamtstrafe von 6 Jahren Zuchthaus und Eichel als der am wenigsten ^Beteiligte eine solche von 3 Jahren Zuchp haus. Außerdem wurden alle drei Angeklagte zu je 10 Jahren Ehrverlust und Stellung unter Polizeiaufsicht verurteill.

b. Gießen, 24. Nov. Bor der Strafkammer wurde heute der Agent A. I. wegen Betrugs der Ehe­leute Kübler, wobei das Gericht eine Summe von 825 Mk., nicht wie der Staatsanwalt beantragte, 4100 Mk., an» nahm, zu 4 Monaten Gefängnis verurteilt. Handel und Verkehr. Kolkswirtschafl.

Berliner Börse vom 24. November 1903.

(Mitaeteill von der Bank für Handel und Industrie, Gießen.) Prinat-Diskont 31/, Prozent.

Anfangs- u. Schlußkurse.

Oest. Kredit.... 212.30 213.

Deutsche Bank . . . 220.75 221.12

Darinstädter Bank . . 147.60 148.25

Bochumer Guß . . 189,20 189.25

Harpener Bergbau . . 204.25 204.

Tendenz: Fest.

Bom Geldmarkt wird gemeldet, daß angesichts der Nähe des Ultimo eine sehr erfreuliche Flüssigkeit herrscht. Ter Privat­diskont hält sich auf 3l/,%, wozu Wechsel gesucht bleiben.' An der Berliner Börse ist täglich fälliges Geld zu 3 /0 erhältlich. Geld für Regulierungszwecke ist zu 41/1% reichlich zu haben.

Märkte.

§ Butzbach, 24. Nov. Ter heutige zweite Tage des Katharinen Marktes brachte wegen des regnerischen Wetters nicht so viel Verkehr als sonst Auf dem S ch w e i n e m a r k t e waren weniger Tiere angetrieben wie ^urn letzten Markte; die Preise behaupteten sich auf der früheren Höhe, obwohl die Nach­frage germg war. Ter K r ä m e r m a r k t und Jnxplatz zogen heute noch weniger an als geitern. Allenthalben wurde über- schlechte Geschälte geklagt. Eigentlich ist es ja zu bewundern, daß die Einwohner noch auf den Äiärkten kaufen, denn die Gebrauchs­artikel des täglichen Levens erhält man meist besser oder preiö- rvürdiger in reellen Geschüft^^am^Platze.

Keuche pirwiuM".

Originaldrahtmeldungc» des Gietzener Anzeigers.

Neues Palais, 25. Nov. Das über das Befinden des Kaisers heute ausgegebene Bulletin lautet: Die Operationswunde der linken Stimmlippe ist seit dem 19. d. Mts. vernarbt. Es werden noch einige Tage bis zur Verhärtung der Narbe vergehen, so lange wird der Kaiser seine Stimme noch schonen müssen. Der Kaiser braucht z. Zt. eine Massagekur des Kehlkopfes, verbunden mit Stimmübungen. Innerhalb einiger Wochen wird die Stimme wohl wieder völlig gebrauchsfähig sein.

Berlin, 25. Nov. Zu der Frage der kaufmänni­schen Sondergerichte, die demnächst den Bundesrat wieder beschäftigen werden, kann derLok.-Anz.^ mitteilen.