Ausgabe 
25.11.1903 Erstes Blatt
 
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Mr. 277 Erstes Blatt. 153. Jahrgang Mittwoch' A5. movemverLvvs

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Zum GeburtrtaSe £r. Ttgl. Hoheit des Gvsfzhevzsgs.

In schwungvollen Worten preist schiller in derBraut von Messina" die Stellung Derer, die von Geburt an auf die fjofyen des Daseins gehoben werden. Unten im breiten Tale, auf das die Schatten der Nacht zuerst fallen, mühe und dränge sich die große Menge. Aber der Fürsten Einsame Häupter Glänzen erhellt Und Aurora berührt sie Mit dem ewigen Strahle Als die ragenden Wipfel der Welt."

3n Wahrheit sind aber auch sie Staubgeborene, die, gleich den in der Ebene ringenden und schaffenden Geschlechtern, einer höheren Gewalt sich zu beugen und ihr den Tribut der irdischen Vergänglichkeit zu entrichten haben. Auch sie müssen es erfahren:Zwischen Lipp' und Kelchesrand Schwebt der finstern Mächte Hand."

An diese Tatsache, an diese Gleichartigkeit des Geschickes der Höchst- und Niedrigst­gestellten erinnert uns in besonders nachdrücklicher und eindringlicher Weise der heutige Tag, der Geburtstag Sr. Kgl. Hoheit des Großherzogs. Seit \2l/7 Jahren wird nördlich und südlich des Mains, an den Hängen des Nogelsberges und Odenwaldes und an den rebengeschmückten Ufern des rauschenden Rheins der 25. November als ein vater­ländischer Fest- und Freudentag begangen, und gerade in diesem Jahre schien der Tag im Anschluß an die die Augen der Welt anlockenden Tage von Wiesbaden und Wolfs­garten für Hessens geliebten Monarchen besonders erinnerungsfroh sich gestalten zu sollen. Die Vorsehung hat es anders gefügt. Der unerbittliche, alle bezwingende Todesengel nahm ihm, fern von der hessischen Heimat, seines Lebens süßeste Hoffnung. Wo immer e$ fühlende Herzen giebt, ward das Geschick mit Erschütterung vernommen, daß ein tückisches, rapid verzehrendes Leiden die hold erblühende Lebenskraft unseres lieblichen Fürstenkindes in der Wurzel untergrub und vernichtete.

Nicht inmitten feiner nächsten Angehörigen, nicht umgeben von festlich gestimmten, freudig bewegten Gratulanten, sondern in einem Trauerhause, unter den denkbar ernstesten und schmerzlichsten Eindrücken begeht Se. Königl. Hoheit der Großherzog heute seinen Geburtstag, tritt er in ein neues Lebensjahr, das 35., ein. Schlicht und still, ohne Sang und Klang, geht mithin innerhalb der hessischen Grenzen der heutige Tag dahin.

Aber dieser durch die tiefe persönliche Trauer des großherzoglichen Herrn und seines

Volkes bedingte Charakter des heutigen Geburtstages erhöht dis Herzlichkeit der wünsch«, die dem Rconarchen heute entgegengebracht werden, und die Wärme der dankbaren 2ln* erfennung, die alle Wohlgesinnten seinem ehrlichen Wollen und milden Walten zuteil werden lassen. Die unglückselige Todcsbotschast von Lkiernewice festigte und vertieft- noch die rein menschlichen Beziehungen zwischen Hessens Fürst und Volk, und die Fürbitte des Volkes klingt auch heute in dem Gebet aus, daß der Herr aller Herren mit seiner Hilfe dem schwer geprüften Hessenherzog in diesen Tckgen und Stunden, wo alle menschliche Hilfe, aller menschliche Trost versagt, nahe sein möge.

Alle monarchisch gesinnten loyalen Staatsbürger haben aber heute auch das Recht auf Freude, das Recht, sich zu freuen, daß Gott der Regierung des Großherzogs Ernst Ludwig wiederum ein Jahr geschenkt hat, und nicht minder darüber, daß er uns den Monarcben in der strotzenden Vollkraft seiner Jahre erhielt, daß er uns fein gütiges Herz beließ und feine Begeisterungsstärke für alles Edle und Große und Gute und Schöne. Unter Ernst Ludwigs gesegneter Regierungszeit hat sich der Wohlstand des Großherzogtums zu schöner Blüte entfaltet. Insbesondere in der Landesresidenz weiß man, welche Achtung er jeder wackeren Arbeit entgegenbringt, welches Interesse er besitzt für jede besonders gute Arbeits­leistung, wie gern er bereit ist, Aufstrebende zu fördern, Taten zu lohnen. Darum die herzliche Liebe seines Volkes zu ihm, dem schlichten, leutseligen hohen Herrn, unseres Kaisers Vetter und Freund. .. f

Trübes, regnerisches Novemberwetter breitete sich in diesen Tagen über die hessische Landschaft. Heute dagegen beginnt es sich aufzuhellen, der Himmel beginnt sich von den ihn unidüsternden Nebeln und Wolken zu befreien. So wollen wir denn darauf wie auf ein Zeichen von oben bauen und können wieder auf bessere, heiterere Tage hoffen. In den Herzen des hessischen Volkes aber blüht allezeit in hellem Sonnenglanze die Blume unerschütterlicher Treue, und sie bringen dem Fürsten den aufrichtigen Wunsch dar, es möge Sein teueres Leben dem Lande noch lange erhalten bleiben, es möge dem Hessen­lande vergönnt sein, eine lange Reihe gesegneter Jahre den heutigen Tag stets als einen Tag der Freude festlich zu begehen.

Politische Tagesschau.

Vom netten Reichshaushaltsetat.

Der Auszug, der soeben von derNordd. Mg. Ztg." aus den Entwürfen zum neuen dieichshai syaltsetat ver­öffentlicht wird, enth-Llt im großen und ganzen wenig Be­merkenswertes. Tas am mei|ten interessierende Moment ist die Zuwendung der sogenanntenO st m a r k e n - Z u - läge", bekanntlich ein Mittel der Polenpolitik, an Reichs­beamte. Als neue Titel im Etat der Reichspost- und Telegraphenverwaltung erscheinen 539 100 Mk. zu widerruflichen, nicht pensionssähigen Gehaltszulagen an die in den Provinzen Posen und Westpreußen an gestellten mitt­leren Kanzlei- und Unterbeamten, um, wie es in der Be­gründung heißt, den erwähnten Beamten denselben Aus­gleich für die Erschwernisse des Lebens wie den preußischen Beamten zu bieten.

Ein Vergleich des Etatsansatzcs der Marine für 1904 mit der Gelobedarfsberechnung zum Gesetze betrefsend die deutsche Flotte ergiebt 225.3 Millionen Mark gegen 217 Mill. Mark, also für den Etatsansatz 8.3 Mill. Marr mehr. Ta- gegen beträgt die Summe der tatsächlichen Ausgaben bezw. Etatsansätze von 1900 bis 1904 838.5 Mill. Mark, gegen 847.8 Mill. Mart bezeichnete Geldbedarfsrechnung, mithin diesen gegenüber insgesamt bisher noch ein Weniger von 9.3 Mill. Mark. Der Marineetat weist an Einnahmen im ordentlichen Etat 587 327 Mt. aus. Die fortdauernden Ausgaben betragen 99 827 620 Mk., (mehr 6 558 366 Mk.), darunter für Indiensthaltungen 25 971797 Mt. (mehr 2020176 Mk.). Tie einmaligen Ausgaben des ordentlichen Etats sind mit 107 536 370 ML (mehr 1904 500 Mk.) an ge­setzt. Davon entfallen auf Schiffsbauten 71055 000 Mk., wo­von 32115 000 Mk. (weniger 4 430 000 Mk.) auf Anleihe genommen werden, während 6 Prozent des Schiffsbauwerts mit 38 940 000 Mk. zu Lasten oer ordentlichen Einnahmen verbleiben. Auf den außerordentlichen Etat werden ein­schließlich des Anleihebetrages von 32115000 Mk. für Schiffsbauten, 50 685 000 Mk. (mehr 3 510 000 Mk.) ge­nommen.

Im wesentlichen unverändert sind bie Etats für den Reichskanzler, das Reichseisenbahnamt und den Rechnungs­hof. Der Etat für die Reichsjustizverwaltung weist eine Einnahme von 703 430 Mk. aus (gegen das Vorjahr mehr 58442 Mk.). Der Etat der Reichsdructerei veranschlagt einen Neber-schuß von 2 512 813 Mk. (gegen das Vorjahr mehr 506 640 Mk.). Die Einnahmen aus dem Betriebe sind auf 8 315 000 Mk. (mehr 409 000 Mk.) berechnet, die einmaligen Ausgaben des ordentlichen Etats aus 283 000 Mk. (weniger 30150 Mk.), darunter 188 000 Mk. als zweite und letzte Rate zum Erweiterungsbau der Reichsdruckerei. Der Etat sür die Verwaltung der Eisenbahnen sieht eine Einnahme von 96 305 700 Mk. (mehr 8426100 Mk.) vor, davon im Personenverkehr 21684 300 Mk. (mehr 1495 400 Mark), im Güterverkehr 68 027 200 Mk. (mehr 6 784 500 Mk.). Tie fortdauernden Ausgaben betragen 71450500 Mk. (mehr 4 642 200 Mk.), die einmaligen Ausgaben des ordentlichen Etats 6 851500 ALL (mehr 3 746 500), sodaß ein Reinüber- schnß von 17 993 700 Mk. (mehr 37 400 Mk.) verbleibt. Bei den fortdauernden Ausgaben erfordern die Besoldungen, insbesondere infolge von Personalv-ermohrung 16 968800 Marr (mehr 867 970 Mk.), Unterhaltung und Beschaffung von Betriebsmaterialien 9 569 500 Mk. (wehr 574100 Mk.), Un­terhaltung und Erneuerung baulicher Anlagen 11734 800 Mk. (mehr 1 187 100), desgl. der Betriebsmittel 10 421200 Mark (mehr 505 200 Mk.). Tie einmaligen' Ausgaben des außerordentlichen Etats betragen 14 431 600 Mk (mehr 2081600 Mk.). Die Einnahmen an Zöllen, Verbrauchs­

steuern und Aversen werden auf 811682 980 Mk. (mehr 1 430 100 Mk.) veranschlagt. Es sollen erbringen die Zölle 490 869 000 (mehr 18 306 000 Mk.), Tabaksteuer 11855 000 Mark (weniger 457 000 Mk.).

Kirche und Schute.

DieKöln. Voltsztg." meldet vom 24. d. M. aus Rom: Bischof Anzer, der gestern noch vom Papst in Audienz empfangen wurde, ist heute nachmittag 5 Uhr an einem Gehirnschlag plötzlich gestorben. Bischof Anzer, der Ehef der deutschen katholischen Missionen in China, ist in weiteren Kreisen erst durch die Pachtung des Gebietes von Kiautschau und durch die Wirren in China bekannt ge­worden. Ta der Bischos bestrebt war, den deutschen Einstuß in China zu steigern, war er in Berlin eine geschätzte Per­sönlichkeit, deren Rat sehr willkommen war. Der Bischof starb in Gegenwart des preußischen Gesandten Frhrn. von Rotenhan. Von Geburt war Anzer ein Bayer.

Der Prozeß wegen Kindesunlerjchievung gegen die Krafirr Kuuückl.

LIL.

Berlin, 24. Nov.

Die heutige Verhandlung begann wiederum unter großem Andrange des Publikums. Sofort nach Eröffnung begann der Erste Staatsanwalt Stern brecht sein Plai- doyer. Er beleuchtete die zerrütteten Vermögensverhält­nisse in Wreblowo, welche dem Grasenpaare den Plan aus eine Kiiidesunterschiebung ein gab en und schilderte dann das Austreten der alten Anduszewska in Krakau sowie das Verhalten der Gräsin in Berlin. Tas Haupt-Moment sei, daß die Gräsin bei der Geburt feinen Arzt hinzu- gezogeri habe. Nach sieben Jahren werde sich schwerlich jemand genau erinnern, ob die alte Andruszewska am 27. Januar 1897 verreist war oder nicht. Es sei unmöglich, daß die Hedwig Andruszewska sich das ganze Geheimnis ausgedacht habe. Im weiteren Verlauf tritt der Staats­anwalt für den Grafen Hektor ein, welchen er gegenüber der polnischen Presse, die ihn anfeinde, weil er Verwandte auf die Anklagebank gebracht habe, in Schutz nimmt. Ter Staatsanwalt beantragt, sämtliche Angeklag­ten schuldig zu erklären und stellt die Zubilligung mildernder Umstände anheim außer bei der Gräfin.

Nach der Pause begann das Plaidoyer des Verteidigers Justizrat Wronker. Derselbe wandte sich gegen die Aus- fassung, der Prozeß bedeute einen Kämpf um das Majorat. Tie Gräfin führe lediglich einen Kämpf um das Kind, um Cbre und Namen. Im weiteren Verlauf erhebt der Verteioiger Protest dagegen, daß der Staatsanwalt Tr. Müller gestern der Verteidigung Vorwürfe wegen ihres Verhaltens gegen Hechelski gemacht habe. Weiter bemerkt Justizrat Wronker, nicht nur ganz Polen, sondern auch das Berliner Piiblikum nehme an dem Prozeß Interesse und nur deswegen, weil man aus dem Gang der Verhand­lungen die Empsindung habe, daß die Gräfin unschuldig sei. Tie Anklage stütze sich lediglich darauf, daß die alte Andruszewska zur kritischen Zeit verreist war. Sebbst die Cäcilie Meyer habe den kleinen Grasen nicht als ihr Kind wieder zu erkennen vermocht. Zu den Aussagen des Troschkenkutschers Wilke bemerkt der Verteidiger, ein Ma­joratserbe sei doch zu kostbar, um ihn bei 18 Grad Kälte in eine of|ene Trojchke zu stacken. Bei den körperlichen Untersuchungen haben sich keinerlei Aehnlichkeiten zwischen dem jungen Grasen und der Cäcilie Meyer und deren Knaben ergeben, dagegen sei eine bedeutende Aehnlichkeit

zwischen der Gräfin und deren Tochter und dem Knaben vorhanden. Er meine, der Wahrspruch der Geschworenen könne nur aus Nicht schuldig lauten.

Verteidiger v. S i r o r s k i v c r z i ch t e t auf das Wort. Für die angeklagte Ossowstä ergreift Rechtsanwalt E g e r das Wort. Er bittet um F r e i s p r e ch u n g seiner Klientin, da es psychologisch unwahrscheinlich sei, daß ihr Geständ­nis der Wirklichkeit entspreche.

Morgen Fortsetzung.

Berechtigtes Aufsehen macht, wie man uns aus Berlin schreibt, die Art und Weise, wie einer der Staatsan­wälte im Prozeß Kwilecki an die Geschworenen appellierte. Er sagte:Wenn Sie noch mehr Beweise (für bie Schuld der Angeklagten) verlangen sottcen, dann würden Sie dem vielangeseindetenSchwurgerichtsverjahren das To d esur teil sprechen!" So lautete nach dem über­einstimmenden Bericht der Berliner Zeitungen die Acußer- ung. Wenn der Bericht als Randbemertung verzeichnet: Unruhe aus der Ge.chworenenbank", so ist eine solche Bewegung begreiflich. Rian legt ja im allgemeinen einen nicht allzu strengen Maßstab an die Plaidoyers, die im Gerichtsjaal gehalten werden. Entgleisungen smd hüben und drüben, auf Seiten der Ankläger wie der Verteidiger, nicht selten. Lange währende, an Sensation und Ausreg­ung reiche Strajprozcsse schlagen schließlich auf die Nerven. Auch das ist man nachgerade gewohnt, daß im Gerichts­jaal mit kräftigen Farben gemalt wird, wobei die rbetorische Leistung als solche vielleicht mehr in den Vordergrund tritt, als der Sache zuträglich ist. Es ist und bleibt doch stets eine furchtbar ernste Frage, ob einem Menschen auf Jahre hinaus Freiheit uno Ehre genommen werden sollen. Tie in diesem Falle vom Staatsanwalt geübte Kritik an dem Schwurgerichtsversähren nötigt zur Zurückweisung. Die Geschworenen Haden ebensogut wie die Berussrichter das Recht der freien Beweisivüroigung; sind sie nicht bis gum' Ausschluß jeden Zweifels von der Schuld überzeugt, dann handeln sie nur pflichtgemäß, wenn sie die Schuld- jrage verneinen. Wohin sollte es führen, wollten die Ge­schworenen auch nur entfernt dem Gedanken Raum geben, daß eine andere Auffassung, als sie bei der Anllage, oder am Richtertisch zu tage getreten ist, neues Material bieten könnte zur Anfeindung der Schwurgerichte? Und nun gar gleich ein Todesurteil über das Schwurgerichts- versahren! Das ist zuviel des Eifers, und wir glauben, wenn der prertßiiche Justizminister diese Aeußerung mit angehört hat er war am Montag im Gerichtsgebäude, bann wiro er wenig erbaut davon gewesen sein. Der Erste Staatsanwalt hätte übrigens Gelegenheit neh­men können, die Entgleisung seines Kollegen als solche zu kennzeichnen.

Gerade in diesem Prozeß haben die Geschworenen in hervorragender Weise sich betätigt. Häusig sind von der G-ejchworeuenbank Fragen gestellt und Anregungen gegeben worden, die den Nagel aus den Kopf trafen, die, aus einjachen und nicht durch juristische Spitzfindigkeit an­gekränkeltem Rechtsgefühl kommend, den Kern der Sache berührten.Die Geschworenen sind das Vol^, jagte mit Recht der Verteidiger Justizrat Wronker, der in seinem Plaidoyer die Mängel uNjereS Strafprozeßversahrens, ins­besondere die Mängel der Vorunierjuchung scharf be­leuchtete. Wir sind der Meinung, dieser Prozeß, in dem eine tätige und nützliche Anteilnahme der Geschworenen an den Verhandlungen zu bemerken war, wie selten, hat dem Schwurgerichtsverjähren eine große Anzahl neuer An­hänger verschafft.