graphenleitungS-rähte zcrriffen und in vielen Orten Bäume entwurzelt und auf die Straße geworfen. Ein Schiffer wurde durch den Sturm von einem Kahne in die Elbe geschleudert und ertrank. Bei Sten d a l wurden in den Dörfern Neuendorf, Karvitz und Schönebeck, dem „Altmärker" zufolge, vom Sturme Windmühlen niedergerissen. In Schönebeck wurde dabei der Besitzer der Mühle tötlich verletzt. — Aus Braunschweig meldet man: Auf der Grube „Fürst Bismarck" bei Völpke deckte der Sturm das Dach einer Arbeiterkaserne ab. Die Kaserne geriet in Brand. Die 70 dort schlafenden Arbeiter konnten sich nur mit größter Mühe, notdürftig bekleidet, retten. Viele erlitten schwere Brandwunden. Ein Arbeiter ist bereits gestorben. In Peine wurden infolge Einsturzes eines Schornsteines beim Walzwerk 5 Personen verletzt, davon eine tödtlich. — In vielen Teilen Schlesiens wurde gleichfalls großer Schaden angerichtet. In Laub an wurde ein Eisenbahnarbeiter durch einen herabstürzenden Dachstein erschlagen. Der Schnell- z u g G ö r l i tz -D r e s d e n ist durch umgestürzte Telegraphenstangen e n t g l e i st. Er wurde stark beschädigt. JmJser- g e b i r g e herrschen furchtbare Schneestürme. Große Waldbestände sind vernichtet. — Bei Zetel in Oldenburg wurde eine Mühle umgeweht und ein Müllerknecht erschlagen. Zwei Personen sind schwer verletzt. Im Kieler Hafen sank die Pinaffe des Hafenschiffes „Neptun" die Mannschaft ist gerettet. — Vor Scheveningen strandete ein östereichischcs Segelschiff. Die Mannschaft wurde gerettet. — Die norwegische Eisenbark „Eapella" aus Arendal ist auf der Fahrt von Arendal nach Tafelbay mit einer Holzladung bei Borberg an der Westküste Jütlands gescheitert. Die Besatzung von fünfzehn M a n n ist ertrunken.
Ans Stadt und Land.
Gießen, den 24. November 1903.
— Herr Provinzialdirektor Dr. B r e i d e r t ist heute zu den Sitzungen des Zentralvorstandes der Arbeiterkolonien und der Verpflegungsstationen nach Berlin gereist.
* • Pers onalien. Durch Entschließung des Großh. Ministeriums des Innern wurde dem Diplom-Ingenieur Otto Diesenbach zu Fürstenwalde a. d. Spree probeweise die Stelle eines Assistenten bei der Großh. Gewerbeinspektion Darmstadt übertragen. — Se.Kgl. Hoheit der Großherzog haben den Hilfsgerichtsschreiber bei dem Amtsgericht Worms Ludwig Geiger zum Gerichtsschreiber bei.dem Amtsgericht Nidda ernannt. — Der Gerichtsschreiber bei den: Amtsgericht Büdingen Heinrich Born wurde aus sein Nachsuchen unter Anerkennung seiner langjährigen treuen Dienste in den Ruhestand versetzt.
* • Das Kaiserliche Postamt I teilt uns mit, daß morgen, also am Geburtstage S. K. H. des Groß Herzogs, bte Schalter nur wie cm den Sonntagen geöffnet sein werden.
* * Tagesordnung für die Sitzung der Stadtverordneten-Versammlung Donnerstag, den26.November 1903, nachmittags 4 Uhr. 1_ Errichtung eines Wohnhauses bei der Gailschen Dampfziegelei. 2. Baugesuch des C. A. Kaufmann dahier für die Marburgerstraße. 3. Gesuch der Firma Kauffmann u. Co. um Frist zur Erbauung eines Vordergebäudes am Schiffen- bergerweg. 4. Straße neben dem Neubau der veterinärmedizinischen Institute. 5. Ausbau des Schiffenbergerwegs zwischen Licherr und Bergstraße. 6. Uebernahme der Unterhaltung von Kreisstraßenstrecken durch die Stadt. 7. Kaufvertrag mit Kaspar Heinzerling. 8. Bahnanschluß der Gießener Braunsteinbergwerke an die Oberhessische Eisenbahn. 9. Gesuch der 6. Kompagnie des Infanterie-Regiments Nr. 116 um Benutzung eines städtischen Feldwegs zu Zielübungen. 10. Vermietung von Räumen im Hause Neuenweg 2; hier: Mietverhältnis mit Fitzler. 11. Auffüllung der Gerbergruben in der ehemals Plantschen Hofraite. 12. Reinigung und Heizung der Schulbaracken am Hamm. 13. Ueberlassung der städtischen Wiesen hinter den Eichen an den Eisverein. 14. Genehmigung von Rechnungen. 15. Der Verkehr der Radfahrer aus öffentlichen Wegen, Straßen und Plätzen. 16. Anlegung eines topographischen Pfandregisters. 17. Zuschuß an den Ziegenzuchtverein. 18. Hundesteuer von den Versuchshunden der Kliniken. 19. Abhaltung der Brennholzversteigerungen. 20. Besetzung der Stelle eines Feuervisitators. 21. Gesuch des A. Geisse um Rückerstattung von Kosten für Verlegung der elektrischen Leitung bis an sein Haus. 22. Die Rechnung der Löberschen Stiftung für 1902/03. 23. Der Voranschlag derselben für 1903/04. 24. Die Rechnung der Plockschen Stiftung für 1902/03. 25. Gesuch des A. Wallenfels dahier um Erlaubnis zum Kleinhandel mit Branntwein im Hause Marktplatz 15. 26. Gesuch des August Michel dahier zum Branntweinoerkauf über die Straße im Hause Walltorstraße 29. 27. Gesuch des W. Amend dahier um Erlaubnis zum Schankwirtschaftsbetrieb im Hause Bahnhof- üraße 66. 28. Gesuch des Karl Seipel dahier um Erlaubnis zum Wirtschastsbetrieb in der Kaserne Licherstraße 65. 29. Gesuch des Karl Heinrich Adolf Stückrath im Hause Marburgerstraße 27.
* * Kreisstraßenmeister Senßfelder und Frau feierten gestern im engsten Familienkreise ihre silberne Hochzeit.
* * Sturz vom Dach. Vom Neubau der katholischen Kirche stürzte heute früh gegen 8 Uhr der Dachdeckermeister S ch m a l l ab, als er beim Aufziehen von Dachpappe einen Fehltritt tat. Er war sofort tot.
* * Sturmschäden. Im Bergwerkswald an der Börnschesschneise in der Nähe von Klein-Linden hat der gestrige Sturm große Verheerung angerichtet und eine große Anzahl starker Fichten mit mächtigen Erdbällen ausgehoben und umgestürzt. Auch in den Waldungen bei Lich, Steinbach und Hattenrod wurden zahlreiche Bäume niedergerissen.
* * Uebcr die Alto hol frage hielt gestern Rittergutsbesitzer Smith aus Niendorf in der hiesigen Turnhalle einen Vortrag. Die Zahl der Zuhörer war nicht groß, aber der Vortragende sprach darum nicht minder begeistert. Er sei iid) bewußt, welche Schwierigkeiten zu überwinden seien, und wie wenig Interesse man noch diesem Gegenstände entgegenbringe, der eine Frage des Familienlebens, ja unseres deutschen Volles bedeute. An einer Menge von Beispielen juchte der
Vortragende die Wirkungen des Alkohols zu zeigen. Einmal werde der Mensch selbst durch diesen Genuß geschwächt und verliere mehr oder minder an seiner Fähigkeit geistigen Schaffens. Die Folgen des Alkohols zeigten sich am klarsten in der jährlichen enormen Zahl von Verbrechern, die nur der Alkohol zu ihrer Tat getrieben habe. Und wie der Einzelne, so leide auch die Familie darunter, in der der Vater dem Alkohol ergeben sei. Leider trügen, so meinte der Redner, auch die Äerzte, die den Alkohol als Heilmittel verordneten, große Schuld daran, daß es so schwer werde, dieses Laster zu bekämpfen. Der Redner verlas mehrere Urteile abstinenter deutscher Aerzte, die es den Aerzten für unverzeihlich anrechnen, wenn sie den Alkohol verschreiben. Freilich koste es eine große Ueberwindung, alkoholischen Getränken zuweilen zu entsagen, z. B. wenn es in Gesellschaft unangenehm, oder sogar als ein Verstoß gegen die Höflichkeit empfunden werde, mit einem sogenannten uncommentmäßigen Stoff aus das Wohl des Gastgebers, oder der Hausfrau zu trinken; ferner wenn Stammtischgenossen, oder sonstige Freunde mit ihren ftetigen Hänseleien unablässig bemüht seien, den guten Vorsatz wieder zu vernichten. Der Vortragende forderte schließlich unbedingte Abstinenz, kein Mittelweg, eine bloße Mäßigkeit, könne helfen, denn der Genuß des Bieres oder Weines bleibe eben für den Menschen stets ein Gift. An den Vortrag, der etwa 6/4 Stunden dauerte, schloß sich eine Diskussion über die Alkoholbewegung, die Bestrebungen des Guttemplerordens und ähnlicher Vereine am
** Hessisch e V ereinigung für Volkskunde. Zum ersten Mitgliederabend hatten sich gestern abend im unteren Saale des Cafe Ebel über ICO Personen eingefunden. Ter Vorsitzende, Prof. Dr. Strack, gab einen kurzen Ueb erb lick über das letzte Vereinsleben, wobei er hauptsächlich der Versammlung in Darmstadt gedachte, und berichtete, daß in Gießen der Verein nun das 1000. Mitglied erreicht habe und daß auch anderwärts im Reich Fortschritt zu verzeichnen sei; gestern habe er Mitteilung darüber bekommen, daß ein rheinisch-westfälischer Verein für Volkskunde mit dem Sitz in Dortmund gegründet worden sei. Er gab darauf das Wort Prof. Dr. Wünsch zu seinem Vortrag über einen Odenwälder Zauber- spiegel, der diesem von Prof. Olt überreicht worden war. Prof. Wünsch gab, indem er den merkwürdigen Gegen- zirkulieren ließ, eine Beschreibung davon: ein kreisrundes Stück Fensterglas liegt in einer Lederkapsel auf einem mit Zeichnungen und Inschriften versehenen Stück Papier und einer kleinen Schicht (£rbe. Römer und Griechen kannten schon den Gebrauch der Zauberspiegel; ursprünglich war es ein Wasserspiegel, in welchem man allerlei geheimnisvolle Weissagung sich vorspiegelte. Es war das niemals mit eigenen Augen gesehene Bild der eigenen Person, das dem primitiven Menschen den Glauben eingab, der Spiegel berge auch andere Tinge und könne auch das Geheimnis der Zukunft lüften. Besonders glaubte man in dem Spiegel das Mittel zu besitzen, verborgene Schätze zu entdecken. Noch heute, so versicherte der Vortragende, gibt es bei uns Leute, die einen solchen Zauberspiegel heimlich benutzen und sich nur darum hüten, etwas davon zu verraten, weil sie besorgen, verlacht zu werden. Im Jahre 1868 wurde bei einer Auktion in Paris ein Zauberspiegel für 25 000 Frau es verhandelt . . . Pros. Wunsch knüpfte au seinen Vortrag die Bitte an die Anwesenden, ähnliche Gegenstände, die man hier und da in den Rumpelkammern finden könne und die für die Volkskunde sehr schätzbare Seltenheiten darstellten, dem Verein zu übergeben. — Nach Prof. Tr. Wünsch hielt der Archivar des Vereins, Dr. Koch, einen sehr interessanten Vortrag über das Feld seiner Tätigkeit, die Anlage des neu angelegten Archivs. Ein Schrank, ein Tisch und ein Stuhl, das ist alles, was man an Mobiliar dort braucht. In dem Schrank werden alle Einsendungen, die dem Verein zugehen, auf sorgsame, zweckdienliche Weise registriert und inventari- jiert, zunächst nach dem Kreis und dem Ort der betr. Mitteilung. Indem schließlich die Durchsicht all des Materials ein interessantes Studium wird, mancherlei Stichworte ergibt, unter die die Mitteilungen registriert werden, kann der Archivar interessante Beobachtungen machen über die Art, in der die Einsender ihre Aufgabe ausgefaßt haben und den Zweck, den sie damit im Auge haben. Der Zweck all der Arbeiten und 'des Archivs liegt nicht in der nüchternen wissenschaftlichen Forschung imd in einfacher Registrierung, sondern in der liebevollen, intuitiven Er- faj)ung des Volkstümlichen. Freilich sollen die Einsender -ich die Sache nicht so einfach vorstellen; es genügt nicht, etwa zu jagen: Das Wesen der Menschen in jener Landschaft ist sehr ernst. . . Solche bloße Reflexionen führen zu nichts. An mehreren Beispielen wußte der Vortragende die Anlage des Archivs interessant und unterhaltend vorzuführen. Heiterkeit erregte die Berichtigung, die Dr. Koch hinterher mit seinem Humor anbrachte: der erwähnte, nützliche Schrank existiert für unser Archiv noch nicht in Wirklichkeit, sondern nur in der Einbildung des Vorsitzenden und des Archivars; man behilft sich jetzt noch mit einer einfachen Llommode. Wenn auch die Schätze des Archivs noch nicht alle nutzbar gemacht und veröffentlicht worden find, so liegt doch in der sorgsamen Inventarisierung die Gewähr, daß nichts verloren geht und die Saat nur darauf wartet, daß man sie zum Treiben und Wachsen bringen werde. Darum ist es wünschenswert, daß, wenn in Kürze wieder neue, verbesserte Fragebogen ins Land hinaus gehen, recht viele Mitteilungen eingehen möchten, r— Der Vorsitzende sagte Dr. Koch mit herzlichen und sehr anerkennenden Worteii Dank für den hübschen Vortrag in dem er so fesselnd und unterhaltend den an sich spröden Stoff bewältigt habe. Die verdienstliche Fürsorge des Archivars verdiene das höchste Lob. — Zum Schluß erzählte Prof. Dr. Strack von einer neuen Sammlung oberhessischer Volksrätsel, die in den nächsten VereinÄlättem veröffentlicht werden sollen. Nach einer kurzen Einleitung über den Ursprung der Rätsel, die in den Anfängen der Poesie selbst gesunden werden und vielleicht insofern überhaupt die erste Poesie sind, als sie sich an eine Gesamtheit von Menschen richten, führte uns der Vortragende in eine wirkliche, belustigende Rätselsitzung „Wann ist der Müller ohne Kopf in der Mühle?" Niemand wußte es. „Wenn er zum Fenster hinausguckt." So ging es weiter und oft erheiterte man sich über die Derbheit dieser geistigen Hebungen unserer altvorderen Oberhejsen. Merkwürdig und interessant ist, daß die in den meisten Fällen sehr einfachen und anspruchslosen 9lätjet Jahrhunderte hindurch im Volke lebendig geblieben )inb. Ter Vortragende gab aucd verschiedene Variationen einzelner Rätsel wieder, vom Menschen, vom Reiter, der Kuh (worin vom Schwanz als dem „Zujchmeißer" gesprochen wird), der Schnecke u. a. m. Ter Vortragsabend
hat allen Teilnehmern Delehrung und anregenbe Unterhaltung geboten und allgemein befriedigt.
§ Butzbach, 23. Nov. Die gestern nachmittag im Gasthaus „zum goldenen Löwen" veranstaltete Versammlung der Ortsgruppe Butzbach und Umgebung vom Oberhefs. Ob st bau verein mar gut besucht. Dem interessanten Vortrag des Obstbailtechnikers John-Friedberg folgte eine Gratisverlosung von Obstbäumchen an die Mitglieder. — Heute begann der einst so bedeutungsvolle zweitägige Katharinen- Markt hier, welcher am Nachmittag reges Leben und Treiben in unser Städtchen brachte. Trotzdem herrschte aus dem Krämermarkte keine besonders große Kauflust und auf dem Juxplatze mehr mittelmäßiger Zuspruch, sodaß man einige Budenbesitzer klagen hörte: „Die Märkte werden immer schlechter!" Auch die einheimischen Ladenbesitzer hatten nur mittelmäßige Einnahmen. Dagegen waren die Gasthäuser und Wirtschaften gut frequentiert. Bei Eintritt der Dämmerung begannen in den Ballfälen des „Hessischen Hofes" und „goldenen Löwen" die Musikanten ihre verlockenden Weisen und bald bewegten sich fröhliche Paare im Tanze. Erst zu vorgerückter Stunde begaben sich die auswärtigen Besucher auf den Heimweg.
Groß-Steinheim, 23. Nov. Nachdem schon im September d. I. im Main bei Klein-Krotzenburg mehrere Pfeiler einer ehemaligen Römerbrücke nachgewiesen merben konnten, gelang neuerdings die Aufdeckung auch eines Landpfeilers dieser verschwundenen Verkehrsstraße am linken Stromufer. Die auf Veranlassung der hessischen Behörden vollzogenen Nachgrabungen ergaben das Vorhandensein von 8 Pfeilerpfühlen von genau derselben Beschaffenheit, wie die der früher freigelegten Pfähle. Die Länge der im September geborgenen Eichenpfähle schwankt zwischen 75 Zentimeter und 2 Meter. Die meisten derselben sind mit durchweg etwa 35 Zentimeter langen, zwei-, mitunter auch dreilappigen Eisen-Pfahlschuhen versehen. Im ganzen wurden bis jetzt etwa 45 vortrefflich erhaltene eichene Pfähle aus ihrem vielhundertjährigen Ruhebette an das Tageslicht gefördert. Die Römerbrücke, deren Ueberrefte nach längeren Nachforschungen nunmehr unzweifelhaft konstatiert werden konnten, dürfte auf 7 bis 9 Land- und Strompfeilern geruht haben. (D. Ztg.)
Mainz, 23. Nov. Wahrend bisher nur unkontrollierbare Gerüchte über eine dritte besoldete Beigeordnetenstelle die Stadt durchschwirrten, hat die Sache jetzt festere Gestalt dadurch gewonnen, daß gestern der Seniorenkonvent der Stadtverordneten sich mit der Angelegenheit beschäftigte. Bei der Natur der Sache konnten Beschlüsse nicht gefaßt werden, da hierzu zunächst die Parteien selbst und die Bürgernieisterei gehört werden muffen. Einig war man sich darin, daß eine weitere Arbeitskraft nötig sei, die am besten durch einen Beigeordneten gestellt werden könne. Also wir> es wohl auf dem Wege gehen. (M. Tgbl.)
Wiesbaden, 23. Nov. Der Landwirt Johann Georg B e ch t in Delkenheim feierte gestern feinen hundertjährigen Geburtstag. Am Vorabend brachte ihm die Kapelle des 87. Infanterie-Regiments aus Mainz, welchem der Jubilar zu nassauischen Zeiten angehört hatte, ein Ständchen dar. Landrat von Hertzberg überbrachte im Auftrage des Kaisers eine Denkmünze. Gestern mittag erschien Flügel-Adjutant Oberst von Jacobi aus Wiesbaden, um im Auftrage des Kaisers das Verdienstkxeuz sowie als persönliches Geburtc» tagsgefchenk des Kaisers eine kostbare Kaffeetasse mit dem Reliefbild des Kaisers sowie 300 Mk. in Bar zu überreichen. Ter Großherzog von Luxemburg spendete als früherer Landesherr eine Kiste Kabinetswein. Sämtliche Kriegervereine hatten Deputationen geschickt zur Begrüßung des alten Veteranen.
Ems, 23. Nov. Den Meldungen verschiedener Blätter über die Möglichkeit eines Kuraufenthalts des Kaisers in Ems liegt bis jetzt offenbar nur die Tatsache zu Grund, daß man in Ems einen solchen Besuch sehr gern sähe und dementsprechend vermittels persönlicher Beziehungen für alle Fälle die Aufmerksamkeft auf Ems zu lenken sucht.
Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. In Darmstadt sind die Streckenarbeiter der Dampsstraßenbahn in den Ausstand getreten. Sie forderten, daß die Verwaltung sich verpflichte, sie den ganzen Winter über zu beschäftigen, was abgelehnt wurde. — In Badenheim ereignete sich ein bedauerlicher Unglücks- fall. Der 81jährige Landwirt Franz -Kehr war im Begriff, Schweine zu füttern, rutschte dabei aus und fiel in die Dung- grube. Von Nachbarn wurde er zwar noch lebend herauL- gezogen, starb jedoch einige Stunden später. — Der Rennfahrer Drescher ist unter Hinterlassung bedeutender Schulden aus Mainz verschwunden.
Bom Oldenburger Minister-Beleidigungsprozetz.
In der Begründung des Urteils, dus wie wir mitteilten, gegen Dr. Ries auf 6 Monate, gegen Bier-- mann auf 1 Jahr Gefängnis lautet, heißt es:
Ter Gerichjtshof hat in dem,Zeu"-Artikel, tn dem gesagt ist: die Spielleidenschaft trage nur zur Beförderung bei, und Gymnasialdirektor Frühstück habe seine Beförderung nur dem Umstand zu verdanken, daß er dem Minister beim Spiel Geld geliehen, eine arge Beleidigung des Ministers gefunden; die Beweisaufnahme hat auch ergeben, daß die Behauptung vollständig unwahr ist. Es ist allerdings der Nachjweis geführt worden, daß vor langen Jahren im hiesigen Zivilkasino hin und wieder Hazard gespielt worden ist, an dem auch der Minister R u h st r a t sich beteiligt hat. Daß der Minister sich dabei besonders hervorgetan hat, ist nicht nachgewiesen. In dem Artikel, in dem dem LarcdrickMr Haake vorgeworsen wird, er heuchle Frömmigkeit, um Karriere zu machen, hat der Gerichtshof eine sehr schwere Beleidigung gefunden. Wegen der Beleidigung des Landrichters Haake ist auf drei Monate, wegen der Beleidigung des Ministers Ruhstrat auf fünf Monate Gefängnis erkannt und diese Strafe auf sechs Monate Gefängnis zusammengezogen worden. Bei der Strafzumessung ist einmal die Schwere der Beleidigungen, der Umstand, daß diese aus dem Hinkerhäll kamen, und einen Mann von solche exponierter Stellung wie den Minister trafen, andererseits aber betreffs des Dr. Ries, dessen bisherige gute Führung, der Umstand, daß ihm der MinisteL verziehen hat und auch, daß er sich offenbar in bent Glauben bestück)en hat, er sei mit Unrecht strafversetzt, in Betracht gezogen worden. Die Wahrnehmung berechtigter Interessen konnte den Angellagten nicht zuge-


