vor der Haltestelle „Silberner Kops" herbcikam, sprang D. sofort ab, ruschtte wohl infolge der nassen lehmigen Landstraße aus, wurde vom Zuge erwischt, ihm der Kops vollständig zermalmt, der Leib aufgerissen und beide Beine gebrochen, sodaß der T o d auf der Stelle eintreten mußte. Der Getötete, der selbst die Schiulid an dem schweren Unglück trägt, hinterläßt eine Witwe urrü vier unversorgte Kinder. (Pf. R.)
Der Arozcß wegen Kindesunlerkchcvung gegen die Gräfin Kwihckt.
XVIII.
Berlin, 23. Nov.
Dem Prozeß wohnte heute der I u st i z m i n i st e r bei. Vernommen wird das aus Warschau geladene Ehepaar Levell. Ter aus Krakau geladene Zeuge Hauvtmann Ziegler lehnte sein Erscheinen ab, da ihm die Zeugengebühren nicht hoch genug seien. Ter Ehemann E w e l l, Sohn der verstorbenen Hebamme Levelt, sagt aus, seine Mutter sei 1897 zu einer Entbindung nach Berlin gefahren und habe bei der Rückkehr erklärt, sie sei so erkältet gewesen, daß sie die Entbindung nicht habe vornehmen können; sie bedauerte, daß sie somit nicht mehr Geld verdienen konnte. Es sei möglich, daß seine Mutter eine Ausrede gebraucht habe, um so den Angehörigen zu verheimlichen, daß sie viel verdient habe. Es sei richtig- daß seine Mutter auf dem Sterbebette nach ihm geschickt habe, dabei habe sie aber nicht von einem wichtigen Ereignis gesprochen, denn er habe sie bei seinem Eintreffen schon tot vorgefunden. Ter Zeuge schildert, wie ein gewisser Rittet, der ihm von einer in Berlin liegenden Erbschaft erzählte, 1 Jahr später an ihn herangetreten sei, um ihn über jene Entbindung auszuforschen. Seine Verbindung mit dem Ehepaar Koezorowski beschränke sich darauf, daß er, als -er in den Zeitungen die Behauptung las, seine Mutter habe jene Entbindung vorgenommen, den Kosczorowskis mitteilte, daß dies mit den Mitteilungen seiner Mutter nicht übcreinstimmte. Dann sei im Frühjahr ein Mann gekommen, der 3000 Rubel auszählte und von ihm ein Geheimnis wissen wollte. Er lehnte os ab. Hierauf sei ein zweiter Mann gekommen, der sich als Vetter der Gräfin Kwilecki vorstellte und ihm ebenfalls Geld bot. Der Zeuge habe aber erklärt, daß er allenfalls nur vor Gericht aus sagen würde. Der Zeuge erkennt in dem letztgenannten Besucher Hechelski wieder und legt eine Photographie seiner Mutter vor, die von dem Arzt Dr. Kosinski und der Zeugin Lanczcwska wiedererkannt wird.
Tie Ehefrau Ewell bemerkt, sie glaubte sofort, die Krankheitsgeschichte chrer Schwiegermutter war nur eine Entschuldigung, weil sie keine Geschenke mit- bruchie.
Auf die Frage eine^» Geschworenen beziffert Graf Kwilecki die an die LeveU gezahte Summe auf 800 Mk., was Tr. Rosinski nach dem Brauche in polnischen Adels- jamUien als nicht zu viel erklärt.
Auf eme wertere Beweisaufnahme wird allseitig verzichtet und diese geschlossen.
Ter Vorsitzende formuliert die Schuld fragen. Hierauftritt eine einstündige Pause ein, woraus die Plaidoy er s beginnen.
Unter kolossalem Audrange des Publikums beginnt der Staatsanwalt Tr. Müller sein Plaidoyer. Er betont zunächst das schlechte Verhältnis der Gatten, ihre wachsenden Geldverlegenheiten und hebt die schwierige Lage der Gräfin und der Komtessen im Falle des Dodes des Grafen hervor, ferner die damaligen verfänglichen Aeußerungen der Gräfin, sie müsse ein K i s s e n vor den Leib bi n- den, und die aus alledem resultierende Sonderbarkeit des intimen Verkehrs in Montreux. Ter Staatsanwalt beleuchtet sodann das eigenartige Verhalten der Gräfin bei der Geburt trotz des ihr bekannten Verdachts des Agnaten, wodurch die Zweifel neue Nahrung fanden. Tiefe Zweifel wurden durch die Zeugenaussagen nicht erschüttert. Tie von den Zeugen bekundeten Schwanger- jchaftsmerkniale sind nach dem Urteil der medizinischen Sachverständigen nicht entscheidend. Tie Zweifel würden besonders daourch verstärkt, daß die Gräfin sich weder nach dem Wagenunfall, noch bei .der Entbindung ärztlich untersuchen ließ. Tie Pariser Sache sei faul, die Gräfin breite geflissentlich einen Schleier darüber. Sie müsse sich bork unter falschem Namen ausgehalten haben. Es komme ferner in Betracht, daß die Gräfin die ihr ganz unbekannte Levell zur Entbindung nahm. Zur Verurteilung genügten Zweizel nicht, dazu gehörten Beweife. Nach der Beweisaufnahme luime es atnr k e i n e m Z w e i f e l unter- liegen, daß der kleine Graf, der am 22. Dezember in Krakau geborene Sohn der Cäcilie Meyer sei. Wer die Aus.agen der Hedwig Anourszewsm anzweifle, solle bedcnten, daß sich diese unmöglich alle Einzelheiten aus den Jrngern -aug^n konnte, ^uocm lief; sie altes dies aujzeicymn, ehe bte Nachsor,elMNgen durch Hechelski m Fluß kamen. Alle ihre Behauptungen habe die Beweisausnahme bestätigt. Es sei ferner festgeftellt, daß die alte An- durszewska wieoerholt 1896 abwe.end war. Wie könne ein Zeuge wissen, dag sw am Tage der Entbindung nicht abwe.end war. Gegenteilige Behauptungrn eruärten fiel) aus dem Bildungsgrade der Zeugen, die nicht die Fähigkeit be.üßen, zu unterscheiden, was sie wißen und was sie zu wissen glauben. Auf die Aehulichkeits.rage sei nichts zu geben, da ein in der Umgebung schöner Sa)Western aujwaa/.ender Knabe naturgemäß stch diesen assimiliere. — Ein weiterer Beweis für die Wahrheit der Aussagen der Hedwig liege in der einwands,reten Mitteilung ihrer Schwägerin übci den von ihr geufincien, an ihre Schwiegermutter gerichteten Brief, ferner in der Angabe des Namens Bonczkowsia, unter oem die alte Anbruszewska in Krakau weilte, und in der Identität der Handjchrift in Briesen der alten A. mit der Handschrift des Anmeldezettels. Die Beweise seien so zwingend und überzeugend, daß die Geschkvorenen, wenn sie twch mehr Beweise forderten, dem Diei angefeindeten Schwurgerichtsoersahren direkt das Todesurteil sprechen touroen. (Unruhe auf der Ges chworenen bank.) Der Staatsanwalt schloß mit dem Anträge auf Verurteilung.
Hierauf toird die Verhandlung auf morgen vertagt.
Vermischtes.
• Hagen (Wests.), 23. Nov. (Amtlich.) Heute morgen kurz nach 3 Uhr überfuhr der Uebergabezug (Rangierzug) 8221 m Gleis 64 des Güterbahnhofes Hagen den
Prellbock, wodurch die dahinter stehenden Wagen mit Bremshäuschen beschädigt und der im Bremserhäuschen sitzende Bremser erdrückt wurde. Die Beschädigung des Geleises imd des Materials ist sehr gering, jedoch war das Ver- bmdungsgeleise für Güterzüge von Hagen-Eckesei nach Hengstei mehrere Stunden gesperrt. Der Betrieb ist inzwischen in vollem Umfange wieder aufgenommen.
* Ein sonderbarer Schwärmer besuchte neulich die Aufführung der „Braut von Messina" im Breslauer Stadttheater. Nach der ersten ^zene erhob sich, so erzählt die dortige „Morgenztg.", ein von einer sehr hübschen Dame begleiteter schlanker Herr im Parkett und protestierte laut gegen die unerhörte Rücksichtslosigkeit der Leute auf der Bühne, die immerfort sprächen, anstatt zu fingen. Vom Beschließer auf den Korridor genötigt, erklärte der fanatische Gesangesfreund in immer erregterem Tone, er wolle sein Geld zurück haben, wenn nicht sofort gesungen würde. Er wolle eine Oper hören, nicht das langweilige Gerede. Da gerade Schillers Geburtstagsfeier war, konnte dem Ansinnen leider nicht Folge geleistet werden, sonst hätte vielleicht die Direktion rasch „Die verkailfte Braut" von Smetang an Stelle der verratenen und verkauften Braut von Messina eingeschooen. So entfernte sich der Herr mit seiner Dame unter erneutem Protest. Wahrscheinlich hatte der Kassierer noch einen kleinen Ansturm zu bestehen, den er hoffentlich siegreich abgeschlagen hat.f
^nrikfllirn öer Wdaklian.
(Anonyme Anfragen bleiben unberücksichtigt.)
Herrn Pfarrer H. Ihre Korrespondenzen sind leider absolut unleserlich.
B. 114. Derartige Stellenvermittelungsbureaus giebt es in Gießen unseres Wissens nicht. Wenden Sie sich an den Vorstand des Kau'mänmschen Vereins in Gießen. Eine „Dienerzeitung" haben wir in keinem Zettungskatalog finden können.
F. B. Die Frage läßt sich schwer beantworten, weil da sehr verschiedene Faktoren mitjprechen. Bei der Infanterie pflegt das Emjährigenjahr einen Aunvand von ca. 1000 Alk. zu verursachen, wenn der Einjährige nicht am Wohnorte ferner Ellern seiner Militärpflicht genügt Alle übrigen Waffengattungen beanspruchen erheblich höhere Kosten, dos Doppelte und Dreifache, wenn nicht, je nach den ^ebcnsgewohnheiten, noch mehr.
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