Ausgabe 
24.9.1903 Drittes Blatt
 
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Erstes Matt.

ISS Jahrgang

Donnerstag 24. September 1903

tajbtt ®rührjcfym

«dressr für Deveschenr «n-etger Gießen.

Kernsprechanschluß Rr. 6L

Nr. 224

Trfchrint täglich außer Sonntag«.

Dem Gießener Anzeiger werden tm Wechsel mit dem keMchen Landwirt die Siebener Familien« blätter viermal tn der Woche beigeleg^.

Be^ugSpretSr

MW monaUtd)75$U viertel*

Giehener Anzeiger

General-Anzeiger w ässä.

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen MWZ

_________ ________________________ 1 V -eigenteil: Pan« Beck.

Ker Reichskanzler auf der Kresdev« Ktädte- Kasfteümig.

Dr«-Sde«, 23. Eept.

DinchZkcm^er Graf »ü$»W traf heute mittag hier ein und wurde vom KÄurg itt Pillnitz' m AudiLNL empfangen. Nach der Audienz jandim Schlösse eine Frühstuckstafel sticht, Ku. der die StaatsNU-nister v. Dtetzsch, Dr. v. Seydewitz, Dr. Rüger, Dr. Otto und General der Infanterie Frhu v. Hausen sowie der preußische Legattonsrat Graf v. Wedel eingeladen waren. Heute nachmittag besuchite Graf Bülow die Städte- ausftellung, in der eine offizielle Begrüßung durch den Bürgermeister unb den Stadwerordrnetenvorsteyer stattfand. In der Rede, mit welcher Oberbürgermeister Beutler den Grasen Bülow bei einem Imbiß im Ausstellungspalast be­grüßte, sprach, er daS Vertrauen auf Förderung städtischer Wohlfahrt und Unterstützung kommunaler Bestrebungen durch die Regierung au&

Der Reichskanzler antwortete mit folgenden Worten:Ich Hanke Ihnen für die so freundliche Be­grüßung, dallle für alles Schöne, was ich Hier gesehen habe, danke vor allem für die Ehre, die Sie mir durch Uebertrag- ung des Ehceuvorfitzes der Deutschen Städteausstellung erwiesen haben. Es ist mir eine besondere Freude gewesen, durch deu Besuch der Ausstellung Zeugnis abzulegen für den hohen Wert, den die Regierung auf die Entwicklung des I chdtischeu Gemeinwesens legt. Das glaubende Bild, das die Ausstellung tiieteh. muß nicht nur bei mir, sondern auch bei jedem Besucher die Hochachtung vor den hervorragenden Leistungen der deutsche« Städte verstärken. Die deutschen Städte sind seit den Lagen des Königs Heinrich, des Städtegründers, ein Hort des deutschen Handels und Wan­dels, der deutschen Bildung und deutscher geistiger Frei­heit gewesen. In seinem schönen Gedichte hat Max von Schenkendorf vor fast hundert Jahren die Bedeutung der deutschen Stadste für die Geschichte und das Leben der "Nation besungen. Zu jener Zeit singen die deutschen Städte erst am, sich von den schweren Wunden zu erholen, die innere und äußere Kämpfe ihnen geschlagen hatten bis zum 30jährigen Kriege zurück. Jetzt seit Neugründung des Deut­schen Reiches naHmeu des Reiches Städte einen Aufschwung, der auch die Blütezeit des 15. und 16. Jahrhunderts über­trifft. Die breutsche Städteausstellung mit ihrem reichen Material auf allen Gebieten städtischen Lebens, das schöne Dresden, welches der erlauchte Geist Herders das deutsche Florenz nannte, mit seinen großartigen, modernen Bau- werkerl und den unvergänglichen Schätzer der Kunst daneben sind ein Sinnbild der Verbindung alter Kultur mit rüstigem Vorwärtsschreiten. Eins möchte ich noch bei meinem Besuch der Ausstellung hervorheben: daß sie mir wieder klar vor Augen führte den Umfang der Aufgaben, die namenllich auf sozialpolitischem Gebiete den Städteverwalt­ungen obliegen. Wieviel zur Lösung dieser Ausgaben schon geschehen Hst, beweist die Dresdener Städteausstellung. Gerade auf diesem Gebiete wird uns und unseren Nach­kommen noch viel zu leisten geboten sein. Bon fast allen Ländern besitzt Deutschland eine besonders reiche Anzahl großer Städte. Dtänner, die an der Spitze dieser Städte stehen, dürfen wir mit Stolz zu den tieften Arbeitern im Dienste des Gemeinwohls zählen. Aus diesen Kreisen der Städte sind Männer hervorgegangen, die sich in anderen leitenden Stellungen als erstklaisige Diener des Staates be­währten. Ich denke, wir werden noch manchen Bür-

Fruilletsn.

Harrh Waldens Abenteuer.

Hany Walden, der jugendliche Liebhaber deS Berliner Theaters, von dem unlängst das offeirbar falsche Gerücht ging, daß Frau Agnes Sorma, der erste diesjährige Gast unseres The ater Vereins, ihn mit ihrer £anb be glück en wolle, war vor kurzem plötzlich ver­schwunden, bis er darm in Innsbruck auftauchte. Uetier die näheren Umstände dieses Abenteuers berichtet derBerl. Lok.-Anz." folgendes: Vier Tage, nachdem Harry Walden, der bei seinen Ellern wohnt, sich heimlich entfernt hatte, erhielten die Famllien an gehörigen von'ihm aus Inns­bruck folgendes Telegramm:Will jetzt, wenn Ihr glaubt, daß noch Hoffnung vorhanden, in ein Sanatorium am Bodensee. Habe lvieder meine Tepressions- und Herz? zustände. Sprechet mit Hausarzt, ich will sofort ver- juchen, gegen meinen schlimmen Zustand alles zu tun, was Ihr verlangt." Die Mutter und die Schwester des Künstlers fuhren sofort nach Innsbruck, hier fanden sic Walden in einem bedenklichen Zustarlle vor. Der Jnns- oruaer Universitätsprofessor Meyer attestterte, da Harry Walden nicht einmal transportfähig fei, daß er an seelischer Depression und schweren Herzbeklemmungsansällerl leide, die nur gehoben werden könnten, falls er sich einer ernsten dreimonatlichen Behandlung in einer Anstalt unterziehe. Die Art, wie Walden nach Innsbruck gekommen sein soll, hat ellvas Mysteriöses" an sich. Bon einemZwange" ge- trleben, setzte er sich, in euren Münchener Zug; er fuhr in einem an UnZnrechnungsfähigkeit grenzenden apathischen Zustande nach München, und nur so ist es zu erklären, oatz der Künstler nicht nur die Strecke von Garmfich nach ^nn^- bruck, sondern auch die von München naa)i Garmrjch, für die der Schnellzug drei Stunden braucht, rm D-agen zuruck- legte. Bor Garmifch lourde er von solchen Herzbellemm- ungeu befallen, daß der Kutscher ihn auch an Ort und Stelle nicht verlassen durfte; aus Garmrsch ttreo rhn senr lrarrtyafter Zustand weiter nach Innsbruck, ckvoselbst^ er physisch und seelisch ganz zusaminenbrach

Les Mnstlers hatte schon vorher den Drrektoren des, Ber­liner Theaters eilt Mteft geschM, in dem es herßtt tzarry

germeifter als Minister oder Otierpräsiden- teu erleben. Ich leere den Becher, den Sie mir kredenzt haben, auf das Äwhl unserer ausaezeichneten Städtever- waltungeu, auf das Wachserr. Blühen und Gedeihen des GemeinsrnnS der deutschen Städtte."

Der Reichskanzler ist heute abend nach Berlin zurück­gekehrt.

Volttische Tagesschau.

Von der Vorgeschichte des Empfanges der Arbeiter Deputation bei der Denkmalsenthüllung in Danzig erhält diePr. Corr." folgende Darstellung:Loyalitätstundgebungen an die Adresse des Kaisers haben in der Zeit feit Krupps Tode mehrfach stattgeftmden, und die Frage, welcher Wert ihnen tieizumessen ist, hat dann jedesmal die Presse sehr beschäftigt. Ich habe aus diesem Anlaß Erkundigungen eingezogen, wie die Kundgebung der Danziger wcililär- werkstättenartieiter zu stände gekommen ist. Das Resultat ist folgerrdes: Die Huldigung der Danziger Arbeiter ist ein Att, der auf sehr nüchterne, praktische Erwägungen hin von den Arbeitern in Aussicht genommen und ohne Anregung" von einer der bekannten höheren Stellen hin beschlossen worden ist. An der Abordnung beteiligt waren hauptsächlich die Arbeiter der königlichen Gewehrfabrik und der königlichen Artilleriewerkstatt. Beide Institute liegen im Süd ost en der Stadt; die an ihnen Beschäftigten können nicht leicht geeignete Wohnuilg finden; ihre Gegend leidet unter dem Forttestehen der Rayonbestimmungen, die für die Gegend der kaiserlichen Werst und der Schichauschen Werft im Norden der Stadt zu deren Vorteil wie zum Vortell der Artieiter längst aufgehoben sind. Auch ein Wohnstätteutiauverein, den die Arbeiter der Mllitärwerk- stätten gründeten, brachte keine rechte Abhilfe; sie sagten sich, daß nur Erleichterungen in der Rayonfrage von roirk- lichem Vllitzen für. sie sein wurden, konnten diese aber bisher nicht durchsetzen, und zwar namentlich infolge des Wider­standes gewisser lokaler Instanzen. Da tarn die Kunde von der bevorstehenden Anwesenheir des Kaisers. Die Arbeiter kamen aus den Gedanken, den Mormrchen nach dem ander­wärts gegebenen Beispiel durch eine Abordnung zu be­grüßen und ihm bei dieser Gelegenheit chren Wunsch vor­zutragen. Das Oberhofmarschallamt teilte mit, daß der Kaiser bereit wäre, die ^ti eiter Vertreter zu empfangen; gleichzeitig wurde der Text der von dem Sprecher, Ma­schinenführer Glashagen, zu haltenden Ansprache einge- sördert. Der Text wurde eingesandt; zur ulmngenehmen lleberraschung der Deputierten wurde die für sie besmrders wichtige Stelle, die sich auf die Rayonverhältnisse bezog, mit der Bemerkung g estrichen, daß das Vortir ing en detaillierter Wünsche bei derartiger Gelegenheit nicht statthaft sei. Die Enttäuschung war groß; glück­licherweise erfuhren die Danziger Ärbeller vorc Breslauer Kollegen, daß der Kaiser dort nach Beeridigung des offi­ziellen Empfanges sich erkundigt habe, ob die Artieiter- deputierten noch bejondere Wünsche hätten. Auf eine der­artige Frage hoffte man nunmehr auch für Danzig; man beschloß, wenn sie fallen sollte, die Rayonangelegenheit trotz alledem zur Sprache zu bringem Den Arbeitern ist die Ausführung ihres Planes gelungen. Der Kaiser er­widerte auf die nicht übermäßi.g markante Ansprache des Führers der Arbeiterdeputation in bedeutungsvoller Rede.

Hinterher kam die Frage nach besonderen Wüiischen. Die Arbeiter brachten ihr Anliegen vor und erhielteri wohl­wollend st e Gr w ä gun g zu gesagt.

lieber die Judenunruhen in Homel

erfährt man nach, russischen Zeitungslioclzen folgendes:

Schon für Freitag, den 11. September, war in Homel ein Iudenkrawall geplant und nur durch die jüdischeSelbst- Wehr" vereitelt worden. Solche Selbstwehren haben sich nach den Kischinelver Greueltaten in verschiedenen Städten Viuß- lands gebildet, um die Metzeleien zu hintertreiben. Tat­sächlich sind die im Frühjahr dieses Iayres an zahlreichen Orten geplant gewesenen Plünderungen unti Nudermetzel- uilgen Der Juden unterblieben. Jetzt hat die Selbstwehr in Homel das Ihre getan. Die Einzelhelleii des Homeler Krawalles mären, soweit bis jetzt uetunnt ist, stlgen.de: Als am Freitag nachmittag um 5 Uhr ein Dauer mit einer Jüdin über einen Heringshandel in Streit geriet, suchten mehrere Bauern Diesen Zwischenfall, Der sofort zur Bildung von zwei Parteien Anlaß gab, auszunutzen und begannen eine regelrechte Plunder ung des jüdi­schen Besitztums. Infolgedessen liefen viele Juden, namentlich Schl ächt er meist er, herbei, und es ent)taub eine erbitterte Schlägerei. Erst später kam die Polizei hinzu, trieb die Leute auseinander uuD verhaftete zwölf Personen. Während der Schlägerei waren verschie­dene Juden und Christen verwundet worden. Einer der verwundeten Ehristen starb am nächsten Tag. Die Nacht vom Freitag zum Samstag und den Samstag hin­durch gingen die Juden in den Straßen umher uno ver­hinderten weitere Unruhen. Auch am Sonntag, an dem die Branntweinverkaufsstelleri geschlossen mären, wurde die Ruhe nicht gestört. Unterdes arbeiteten Agitatoren daran, das Bolt gegen die Inden auszuwiegeln, daß sie an den Juden Rai he nehmen sollten. Bis Montag verhiell sich die Bevölkerung trotzdem still. Da kam am Montag Militär aus dem Lager, und damit war das Schicksal der Juden be­siegelt. An diesem Tage begannen um 12 Uhr mittags hundert s2trbeiter, die aus den EisenbaylUverkstätten tarnen, in der Technitscheskaja-Straße eine Plünderung im großen, üb er fielen die jüdischen Häuser, zer­brachen die Fenster, zertrümmerten die Mö­bel und mißhandelten wehrlose Juden. Als die Juden aus der Mitte der Stadt den Geplünderten zu Hllse etilen, versperrte ihnen das Militär den Weg, während die Plünderer, die inzwischen in zwei andere Straßen einge­drungen waren, ihre Arbeit ungehindert fortsetzen durften. Nun versuchten die zur Verteidigung herbeigeeillen Juden die Soldatenreihen zu durchbrechen, um ihren bedrängten Brüdern zu Hilfe zu rommen. Da das Militär ihnen gegen­über sehr energisch vorging, kam es tfiu einem heftigen Zusammenstöße. Es fielen Schüsse und Vers chi ebene Tote und Verwendete blieben auf dem Platz. So geschah es, daß 20 0 Judenhäuser zerstö rt wurden, daß eine Reihe von Toten christlicher - und jü­discher seit s (wie es heißt, acht Christen und sieben Juden) auf dem Homeler Schlacht selbe blieben.

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Kirche und schule.

Papst Pius X. scheint geneigt zu fein, Neuer», uugeu im Vatjtan einzusüyren, Die vielleicht noch die Welt in Staunen setzen. Wie römische Blättir mellen,

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Walden wird feit mehreren Jahren von einem Leiden heim- aesucht, das in Zeiträumen von einigen Monaten immer wieder auftritt. Durch eine unwiderstehliche Lust nach altohollschen Getränken getrieben, nimmt er davon so viel zu sich, daß er vollMroig die Herrschaft über sich selbst verliert Er verschwindet Dann für mehrere Tage aus der gewohnten Umgebung, kümmert sich weder um Die Pstich- ten seines Berufes, noch um Die Familie, gietit auch keine Nachricht über seinen Aufenthalt und erscheint dann plötzlich wieder in einem Zustand lörperllcher und Psychischer De­pression der erst nach Tagen wieder ausgeglichen ist. Die bäufiae'Wiederholung dieser Attacken ist natürlich nicht ohne Wirkuna auf die Gesundheit des Herrn Walden geblieben."

Nach derBert Ztg." sieht die Sache etwas anders aus. Danach hnl öor der Untersuchung des Psychiaters in Innsbruck auf Veranlassung der Direktion des Berliner Theater» ein Innsbrucker Theaterarzt Herrn Walden auf feinen Gesundheitszustand untersucht. Dieser Arzt traf den Eünstier in seinem Hotelzimmer gemütlich auf dem Sofa liegend und teilte ihm Den Grund seines Besuches mit. Herr Walden erklärte, daß er sich in der Wahl seines Arztes von den Berliner Direktoren nicht beeinflussen und sich paher auch nicht untersuchen lasse. Auf das Beftagen des Arztes, wie er sich befänbe, teilte der Künstler ihm ftei- mütig mit, daß er Alkoholiker und infolgedessen seellsch stark affektiert und auch herzleidend sei. Der Arzt ent­gegnete, daß es auf ihn den Eindruck mache, als ob Herr Walden sich vollstärllig wohl befände, er sei fieberfrei und sein Aussehen ein sehr gutes, sodaß er wohl seinen kontrakt­lichen Verpflichtungen nachkommen könne.

R. B. Darmstadt, 22. Sept. Im Ho ft Heater kam heute abend Felix P h i 1 i P P i s neues SchauspielD e r Dornenweg" zur ersten Ausführung. Die Aufnahme des Stückes war beifällig, aber keineswegs begeistert. Man sieht schon in Der ersten Viertelstunde den Ausgang voraus und wird auch durch Den Gang der Handlung, Die ziemlich matt uno wenig originell ist, keineswegs zu besonderer Auf- merksamkeit veranlaßt. Die Aufführung war glatt und abgcruiiDet; mit Freude ist zu tonstatieren, dag sich Die neu engagierten Schauspielkräfte auch heute vortrefflich be­währten. Herr Lehrmann war als Ernst Bülau in jeder

Weise ausgezeichnet und Frl. Koch als Bülaus Tochter übertraf sogar alle Erwartungen. Auch Frl. Ziegler und Frau Scheroarth schlossen sich dem bewahrten Schau- spielensemtile in bester Weise an.

Im Berliner Lessing-Theater soll am 3. Oktober Der Sturmgeselle Sokrates", Komödie in vier Allen von Hermann Sudermann zur Erstaufführung gelangen. Auch unsere Direktion Steingötter kündigt für die kommende Spielzeit diese 91obität an. Es wird über das neue Stück folgendes geschrieben:Sudermanns dra­matische Kunst hat diesmal jenen Idealismus zum Vor­wurf genommen, Der, aus gesundem Boden stammend, durch allzu treue Pflege seiner selbst im Laufe der Zeiten jede Fühlung mit der Wirklichkeit und damit seine Daseins­berechtigung verliert. In einer kleinen Stadt innerhalb eines Kreises alter Achtundvierziger spielt sich in dem Gegensatz von Vätern und Söhnen jenes Weltschicksal des Wandels ab, der Heldentum schließlich in Donquixoterie ver­wandelt: eine Tragikomödie des Idealismus und in dem zeitlichen Gewände zugleich ein typisches Bild für Die Tragik des Zerfalls des freisinnigen deurschen Bürgertums.

Eine eigene Auffassung. An einem kleinen Stadtheater in Tirol wurde unlängst SchillersWilhelm Teil" gegeben. Die Künstler hatten sämtlich ihre Rollen trefflich gelernt, bis auf die Darstellerin Der Armgard; die Dame war aber nicht allein in Bezug auf Die Worte sondern namentlich auf Die Auffassung des Charakters nicht recht im klaren, und dieseimklarheit" sollte zu einem schrecklichen Mißverständnisse führen. Die unglück­liche Frau, derenWürmer" betailutlich nach Brot schreien, fleht den Tyrannen Geßler um Freigabe ihres gefangen gehaltenen Mannes an. Harras fragt:Wer ist Euer Mann?" Da tritt die Schauspielerin Frau N. vorn an die Rampe:

Ein armer Wild Heuer vom Rigiberge, Der überm Abgrund weg das freie Gras Ab mäht an den schroffen Felsenwänden, (und mit donnernder Stimme uno auf den Darsteller des Geßler zeigend)

Wohin oas Vieh sich nicht geiraur zu steigen."

Unter dem unal?,höflichen Gelächter des Publikums ist Geßler an jenem Abend erschossen worden.